Die Bedeutung von Felix Mendelssohn Bartholdy...

  • Hallo JR


    Zitat von Johannes Roehl

    Ich habe das natürlich extra vorher nachgeschaut. Bruckner wäre genaugenommen nichtmal eine Fußnote geworden, Verdi maximal ein "one-hit-wonder" a la Bizet oder Leoncavallo wg. Rigoletto. Es wird nämlich umgekehrt ein Schuh draus, dass Nabucco und Luisa Miller, erst recht Attila und Stiffelio hauptsächlich deswegen jemanden interessieren, weil sie von dem Verdi stammen, der (später) Traviata, Trovatore, Aida usw. komponiert hat (sonst ging es ihnen wie den dutzenden von Donizetti, nach denen schon lange kein Hahn mehr kräht).


    Der Punkt ist aber ein ganz anderer. Weitgehend unbestritten haben Verdi und Bruckner, obwohl sie schon seit ihren 20ern komponierten, ihre bedeutendsten oder überhaupt erst vollwertigen Werke in relativ hohem Alter geschrieben. ...


    Ich kann deinen Gedankengängen in dem langen Posting weitgehend zustimmen. Interessant finde ich aber deine These zur Rezeption der Werke Verdis. Es gehört ja nicht hierher, aber ganz kurz gesagt bin ich gegenteiliger Meinung. Die Fülle zweifellos noch größerer späterer Meisterwerke drückt auf den Bekanntheitsgrad der früheren Werke, die einfach seltener zum Zug kommen. Wäre mit dem Rigoletto Schluss gewesen, gäbe es keine Spur von einem One-Hit-Wonder. Alle von mir genannten Werke liefen in den Opern-Charts (z.B. wesentlich häufiger als die Bellini-Opern) und der Stiffelio hätte wohl einen ähnlichen Rang wie sein bekannterer Zwilling. Verdi wäre der vierte bedeutende italienische Opernkomponist des 19. Jahrhunderts, natürlich ohne seine heute überragende Stellung. Aber auch einige seiner anderen "Jugendwerke" würden viel häufiger gespielt werden als es jetzt wegen der vielen berühmteren Alternativen der Fall ist (wobei ich Ernani und Attila die besten Karten geben würde).


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Die Verhandlung läuft auf kuriose Weise falsch herum:
    Loge hat ein harsches Urteil über FMB gesprochen. Nach dem Revisionsbegehren führte er nach einiger Zeit Zeugen der Anklage vor.
    Man kann sich aber sicher sein, dass – genügend Zeit und nötiger Wille vorausgesetzt – ebensoviele Zeugen der Verteidigung ausfindig gemacht werden könnten. Ob es das wert ist?


    Was kommt am Schluss heraus?
    Die Frage, die hier implizit gestellt worden ist, harrt auch noch der Antwort: Wozu brauche ich eine solche Feineinteilung in Schubladen und Unterschubladen? Oder in Fußballligen? Oder in sonstwas?

  • Lieber Hildebrand,


    Zitat von Hildebrandt

    Die Verhandlung läuft auf kuriose Weise falsch herum:

    Kann ich nicht sehen. Gerald hat den "Fall Mendelssohn" zur Verhandlung gestellt. Und ich habe dafür plädiert (und zwar mit Überzeugung, wie man es von einem Vertreter der Verteidigung oder Anklage erwarten darf :D), ihn als einen erstklassigen großen Musiker zu würdigen. Für die oberste Klasse der schöpferischen Genies reicht es eben nicht ganz. Wenn Du, lieber Hildebrand, mal eine entsprechende Gegenrede in Deinem Sinne halten könntest, in der es Dir gelingt, Mendelssohn nachvollziehbar auf eine Stufe mit Bach, Mozart, Beethoven & Co. zu stellen (ich bin sehr gespannt :D), so könntest Du ja vielleicht noch in Deinem Sinne Einfluss auf das sich langsam herausschälende Urteil nehmen.



    Zitat von Hildebrandt

    Loge hat ein harsches Urteil über FMB gesprochen.

    Wer diesen Thread aufmerksam liest, wird das nicht bestätigt finden.



    Zitat von Hildebrandt

    Nach dem Revisionsbegehren führte er nach einiger Zeit Zeugen der Anklage vor.

    Wir befinden uns immer noch in der 1. Instanz (siehe oben).



    Zitat von Hildebrandt

    Man kann sich aber sicher sein, dass – genügend Zeit und nötiger Wille vorausgesetzt – ebensoviele Zeugen der Verteidigung ausfindig gemacht werden könnten.

    Nochmal: Fang doch mal an.


    Loge

  • Zitat von Loge

    Kann ich nicht sehen. Gerald hat den "Fall Mendelssohn" zur Verhandlung gestellt. Und ich habe dafür plädiert (und zwar mit Überzeugung, wie man es von einem Vertreter der Verteidigung oder Anklage erwarten darf :D), ihn als einen erstklassigen großen Musiker zu würdigen.

    Auch gut. Dann hat Dein Urteil ja nur Antragscharakter. :D



    Zitat

    Für die oberste Klasse der schöpferischen Genies reicht es eben nicht ganz.

    Leihst Du mir mal Dein Genie-O-Meter? Ich hab da noch Schwierigkeiten mit der Einordnung von Locatelli. :D



    Zitat

    Wenn Du, lieber Hildebrand, mal eine entsprechende Gegenrede in Deinem Sinne halten könntest, in der es Dir gelingt, Mendelssohn nachvollziehbar auf eine Stufe mit Bach, Mozart, Beethoven & Co. zu stellen (ich bin sehr gespannt :D),

    Da kannst Du aber lange warten. :D



    Zitat

    so könntest Du ja vielleicht noch in Deinem Sinne Einfluss auf das sich langsam herausschälende Urteil nehmen.

    Da schält sich nix. Und wieso in meinem Sinne? Mir ist es im Prinzip wurscht, wer wen wofür hält. Nur hat mich langjährige Erfahrung gelehrt, dass ich für bestimmte Beurteilungen/Einordnungen genau so viele Befürworter wie Gegenredner finden, auch wenn manchmal Jahre oder Jahrzehnte darüber ins Land gehen.



    Zitat

    Wer diesen Thread aufmerksam liest, wird das nicht bestätigt finden.

    Du weißt schon genau, wie es gemeint ist. Aber von mir aus können wir auch die Goldwaage auspacken oder Erbsen zählen oder sonstwas: Loge hat seine strikte Einordnung kundgetan, was offensichtlich erhebliches Unbehagen bei einigen Mitdiskutanten auslöste.
    Gefällt Dir das jetzt besser?
    [SIZE=7]also wirklich...[/SIZE]



    Zitat

    Nochmal: Fang doch mal an.

    Nochmal: Da kannst Du aber lange warten.
    Solange ich meine Beiträge hier nicht bei der VG-Wort abrechnen kann, mache ich sowieso schon Minus. Und jetzt soll ich mich noch in die Mendelssohn-Forschung eingraben? Danke, nein. :no:


    Und zum Schluss, Gretchen, die Frage: Wozu brauchst Du Deine Einteilungen? Oder Fußballigen?

  • Zitat

    Original von Hildebrandt
    Und zum Schluss, Gretchen, die Frage: Wozu brauchst Du Deine Einteilungen? Oder Fußballigen?


    Wir alle brauchen sie, jeden Tag, damit wir in diesem und anderen Bereichen wissen, wo oben und wo unten ist. - Locatelli? Welche Frage! Also: Wenn Bach in der All Time Champions League spielt, Mendelssohn in der 1. Bundesliga, Dvorak in der 2. Bundesliga und Gade in der Oberliga, dann spielt Locatelli als Künstler natürlich in der Regionalliga. :D - Ach ja, -Süd!


    :hahahaha:


    Loge

  • Zitat von Loge

    Wir alle brauchen sie, jeden Tag, damit wir in diesem und anderen Bereichen wissen, wo oben und wo unten ist.

    Dazu genügt mir mein Gleichgewichtssinn. :D
    Das "oben", das Du wohl meinst, braucht aber keine Ligen. Lass sie doch schweben, die Künstler, den einen mal hoch und wieder runter, den anderen beständig über der Kirchturmspitze oder sonstwo. Und jeder darf mal pusten. :D


    Wenn schon die Biologie mit der Unzulänglichkeit der Systematik kämpft, wie soll denn dann die Musikwissenschaft in der Lage sein, Grundlagen für ein abstufendes System zu liefern? Frag mal einen Musikwissenschaftler nach dem derzeitigen Ranking – mein Gott, wird der Dich dumm anschauen. :rolleyes:



    Zitat

    Locatelli? ... Ach ja, -Süd!

    Falsch. Der wurde doch von Ajax Amsterdam verpflichtet. :D

  • Marcel Reich Ranitzky sagte mal nebenbei in seinem literarischen Quartett, man könne Mendelssohn sicher nicht zu den „ganz Großen“ zählen, wobei ich allerdings an den Musikkenntnissen von Rantzky meine starken Zweifel habe, da er ja Literaturpapst ist und kein Musikpapst.


    Ich denke Mendelssohn kann man getrost mit seinen Hauptwerken (seinen großen Symphonien und anderem mehr) zu den „ganz Großen“ zählen, auch wenn er wie sie seine Schwester, so ganz seiner Zeit entsprechend viel Musik geschrieben hat, die keinen Ewigkeitswert für ich in Anspruch nimmt, wie es zu seiner Zeit nun mal üblich war.

  • Zitat von Loge

    Wenn Du, lieber Hildebrand, mal eine entsprechende Gegenrede in Deinem Sinne halten könntest, in der es Dir gelingt, Mendelssohn nachvollziehbar auf eine Stufe mit Bach, Mozart, Beethoven & Co. zu stellen (ich bin sehr gespannt :D), so könntest Du ja vielleicht noch in Deinem Sinne Einfluss auf das sich langsam herausschälende Urteil nehmen.
    Loge

    Nein, lieber Loge, das Spiel läuft anders herum. Wenn Du Mendelssohn herunterstufst, mußt erst einmal DU Argumente (und keine Esoterik) dafür bringen, warum Mendelssohn es nicht ganz unter die ganz ganz Großen schafft. ;)


    (Mein Gott, in der Zeit, in der ich hier poste, hätte ich sicher schon zwei Symphonien von Mendelssohn hören können - und die sind mit absoluter Sicherheit wertvoller als alle Beiträge, die Du und ich zu diesem Thema verzapft haben :D )


    :hello:
    Wulf

  • Zitat von Hildebrandt

    Falsch. Der wurde doch von Ajax Amsterdam verpflichtet. :D

    Ich dachte, der sitzt bei Hessen Kassel auf der Ersatzbank. Dem Vernehmen nach werden ihm mittelmäßige französische Balldrescher vorgezogen... :D



    Zum Thema: Wenn man ausnahmsweise mal von den notorischen Fragen der Wertung absieht :rolleyes:, könnte man die Entwicklung des Komponisten Mendelssohn auch in größeren Kontexten beschreiben. Mendelssohn ist ja nicht der einzige seiner Generation, bei dem das Spätwerk wesentlich traditionsverhafteter, stärker auf größere Formen zielend daherkommt als das Frühwerk. Wichtigstes Vergleichsbeispiel ist sicher Schumann, bei dem eine experimentelle, "frühromantische" Phase (die zudem weitgehend auf das Klavier beschränkt ist) von späteren Werken abgelöst wird, die wesentlich stärker auf überlieferte Formen und auch Bedeutungen (christliche Thematik, Goethes Faust, Gattung der Symphonie etc.) Bezug nehmen. Bei Liszt ist ebenso - wenn auch in anderer Form - Ähnliches zu konstatieren: Einer experimentellen, ebenfalls weitgehend auf das Klavier beschränkten frühen Phase folgen Werke, die sich um die Reform der aus der Wiener Klassik überlieferten Gattungen bemühen (Symphonische Dichtungen, Klaviersonate); daran schließen sich auch hier u.a. Oratorien mit christlicher Thematik an (stark vereinfachte Darstellung, ich weiß. Das vorausgesetzt: Auch bei Berlioz reicht die Entwicklung von einer revolutionären Früh- bis zu einer "klassizistischen" Spätphase).


    Es liegt nahe, dass es sich hier eher um "Epochenprobleme" als um Fragen der individuellen musikalischen Genialität handelt. Zunächst entwickeln die Komponisten (grob gesagt zwischen 1825 und 1835/40) eigene Formen oder hybride Gattungen (Schumanns Symphonische Variationen/Etuden) , aber irgendwann muss man sich der Überlieferung stellen, insbesondere dem "Erbe" Beethovens. Mir ist bewusst, dass dieser Punkt auf Mendelssohn noch am wenigsten zutrifft, der sich ja bereits in seinen großartigen frühen Streichquartetten mit Beethovens Spätwerk auseinandersetzt - trotzdem geht auch Mendelssohn ansonsten zunächst dieser Überlieferung aus dem Weg.


    Neben dem "Erbe der Klassik" ist ein zweiter wichtiger Punkt die Wiederbelebung der barocken Sakralmusik bzw. der barocken Vokalmusik mit christlicher Thematik. Hier hat Mendelssohn ja mit der Wiederaufführung von Bachs Matthäuspassion einen Markstein gesetzt, der für das gesamte Musikleben (zumindest in Deutschland) erhebliche Konsequenzen hatte. Berlioz berichtet in seinen Memoiren ja etwas befremdet von dem ungeheuren Bachkult, der sich schlagartig ausbreitete. Die Komponisten wandten sich ihrerseits entsprechenden Gattungen zu, insbesondere dem religiösen Oratorium. Diese ganze Entwicklung lässt sich m.E. auch sozialgeschichtlich verorten (Gründung bürgerlicher Singvereine; generell die "Verbürgerlichung" des Christentums in dieser Zeit). Bei Mendelssohn kommt hinzu, dass er in seiner Musik mit christlicher Thematik auch in einzigartiger Weise über seine jüdische Herkunft reflektiert.


    Ein Werk wie der "Lobgesang" illustriert diese Hypothesen ganz gut: zum einen ist es (etwa zeitgleich mit "Roméo" von Berlioz) der erste Versuch, sich gattungsgeschichtlich auf Beethovens Neunte einzulassen, zum anderen wird dieser Versuch in explizit protestantische Bahnen gelenkt.


    Aus der Rückschau des 20. Jahrhunderts (z.T. schon des 19.) haben sich unter Vernachlässigung der historischen Faktoren Wertungen etabliert, die die Werke der besagten Komponisten nach ihrer Bedeutung für den Fortgang der Musikgeschichte einordneten: bei Schumann besonders deutlich, aber auch in der Reduzierung Mendelssohns auf präimpressionistische Elfenmusik (Sommernachtstraum-Ouvertüre) oder "touristische" Reise-Programmusik (Italienische und Schottische Symphonie).


    Bei Mendelssohn gibt es zusätzlich noch dieses vertrackte "Klassizismus-Problem" (das in der Apostrophierung als "Mozart des 19. Jh." aufscheint und wofür z.B. Werke wie die Streichersymphonien oder auch die Streichquartette op. 44 stehen). Das kriege ich jetzt aber nicht mehr sinnvoll unter. :D Im übrigen verstehen sich alle gemachten Aussagen höchstens als Arbeitshypothesen, die in vielen Punkten sicherlich der Überarbeitung oder Korrektur bedürfen.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Hildebrandt
    Lass sie doch schweben, die Künstler, den einen mal hoch und wieder runter, den anderen beständig über der Kirchturmspitze oder sonstwo. Und jeder darf mal pusten.


    Lieber Hildebrandt,


    ein wirklich schönes Bild.


    Loge


    :jubel:

  • Banner Strizzi
  • Ich habe mir soeben diesen Thread unter die Lupe genommen - aus der Distanz heraus - und finde ihn - trotz einiger Entgleisungen - bemerkenswert.


    Allein, daß das Thema so verbissen geführt wurde adelt (aus heutiger Sicht) den Komponisten.


    Das Ausspielen von Komponisten gegeneinander - was von einigen Forianern beanstandet wurde - wäre in der Tat in meiner Jugend undenkbar gewesen. Indes- die Zeiten haben sich gewandelt. Aus meiner Sicht ist es besser über einen Komponisten herzuziehen, als ihn dem Vergessensein preiszugeben.


    Unter diesem Aspekt hat der Thread geradezu hervorragendes geleistet.
    Ich kann mir gut vorstellen, wie etliche Mendelssohn-Aufnahmen asu den Regalen in den CD-Player wandern um gewisse Behauptungen zu bestätigen oder zu widerlegen.
    Zu einem gültigen Urteil wird es indes nie kommen. Geschmackliche Urteile - und um solch handelt es sich - entstehen immer aus einem gewissen Zeitgeist heraus - und haben nur temporär Gültigkeit.


    Wir können also nur beantworten ob Mendelssohn HEUTE einen Einfluß auf das derzeitige Musikleben hat. Die "Geniefrage" ist damit natürlich nicht geklärt - und sie war auch nie Thema dieses Threads.


    "Genialität" ist sicher nicht das worauf es in der Musik ankommt. Wir sehen heute beispielsweise Bach als Genie an - seine Zeitgenossen taten es indes nicht. Und zeitweise war er relativ "vergessen"


    Diese Beurteilungen, wie wir sie heute vornehmen sind eher ein Spiegel unserer Zeit, denn etwas zeitlos Gültiges.


    Was macht denn den "Wert" eines Komponisten aus ?
    Früher hätte man wahrscheinlich gesagt: Die Popularität seiner Werke (in Klassikkreisen-versteht sich)
    Heutzutage ist das nicht mehr so einfach, man kann Popularität auch so auslegen, daß dieses Privileg nur seichten Werken zuteil wird.


    Erste und zweite Liga, ich teile Komponisten nicht danach ein, allenfalls in mehr oder weniger gespielte - was aber kein Qualitätskriterium an sich ist.


    Wenn wir den "Fall Mendelssohn" betrachten, dann muß uns klar sein, daß (ausser Schubert, und auch hier nur mit Einschränkungen) kaum ein Komponist dieser Zeit in der Gunst von Publikum und Kritik ganz vorne rangiert. Mit anderene Worten: Frühromantische Komponisten sind mit unserer skrupellos-technokratischen Zeit nicht kompatibel. Da ich in Geschmacksfragen nicht an eine ständiges Fortschreiten glaube, sondern an ein Pendel, welches erbarmungslos umkehrt wenn seine Zeit gekommen ist, bin ich zuversichtlich, daß künftige Zeitalter einst diese Epoche -und somit Mendelssohn mehr schätzen werden, als dies heute der Fall ist.......


    mfg aus Wien


    Alfred







    Zitat

    Mein Gott, in der Zeit, in der ich hier poste, hätte ich sicher schon zwei Symphonien von Mendelssohn hören können - und die sind mit absoluter Sicherheit wertvoller als alle Beiträge, die Du und ich zu diesem Thema verzapft haben

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • heute vor 165 Jahren ist Felix Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig gestorben.



    (Jacob Ludwig) Felix Mendelssohn Bartholdy, deutscher Komponist, * 3.2.1809 Hamburg, † 4.11.1847 Leipzig.
    Enkel des Philosophen Moses Mendelssohn (1729–86).
    Der Vater, der Bankier Abraham Mendelssohn, war zum Protestantismus übergetreten und hatte den Familiennamen in Mendelssohn Bartholdy geändert.
    Felix Mendelssohn gilt als einer der bedeutendsten Musiker der Romantik, weltweit erster Dirigent in heutiger Funktion und Gestalt, Gründer der ersten Musikhochschule in Deutschland.
    Er trat 1818 erstmals als Pianist auf, ab 1820 datieren seine ersten Kompositionen, 1829 leitete er die historische Aufführung von Bachs Matthäuspassion in Berlin, 1833 dirigierte er die Aufführungen beim Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf mit so großem Erfolg, dass ihm sogleich die Ernennung zum Generalmusikdirektor der Stadt angeboten wurde. Das Amt umfasste die Leitung der Musik in den Hauptkirchen, am Theater und in den Räumen zweier musikalischer Vereinigungen.
    In Düsseldorf entwarf er das berühmte Oratorium Paulus nach dem Leben des heiligen Paulus. Seinen Aufenthalt hier empfand er als „ungemein angenehm“.
    1835 wurde er Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses, eine der höchsten Stellungen, die man damals in der deutschen Musikwelt erreichen konnte.
    Er gründete 1843 das dortige Konservatorium.
    1825 (nur eine Aufführung) wurde seine einzige Oper, Die Hochzeit des Camacho nach Cervantes, in Berlin uraufgeführt.
    Spätere Pläne, Shakespeares Sturm zu vertonen, blieben unausgeführt;
    die Loreley (1847) blieb unvollendet.
    Bereits 1820/21 entstand Die beiden Pädagogen, 1829 folgte das Liederspiel Die Heimkehr aus der Fremde.


    Er verstarb am 4. November 1847, heute vor 165 Jhren. Sein Wohn- und Sterbehaus in der Königsstraße (heute Goldschmidtstraße 12) in Leipzig ist als Mendelssohn-Haus heute ein Museum.



    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Ich kenne diesen Thread schon seit geraumer Zeit, wollte ihn aber nicht mehr aus der Mottenkiste holen. Da er jetzt aber ohnehin wieder einmal aufgetaucht ist möchte ich vor allem zu der weitverbreiteten Auffassung, das Wirken Mendelssohns hätte keine "musikhistorische" Bedeutung ein paar Sätze schreiben:


    1. Mendelssohn war der erste, der symphonische Dichtungen komponierte, wenn auch nicht explizit unter dieser Bezeichnung. Diese Werke waren für Wagner und Liszt von sehr großer Bedeutung. Die Wirkung Mendelssohns auf Wagner war sogar vielfältig. Denn Wagner sich im Bereich der Instrumentalmusik für unfähig gehalten mit Mendelssohn mitzuhalten, weshalb er beschloss völlig auf die Bühne auszuweichen. Diese Entscheidung Wagners ist in Briefen klar dargelegt.


    2. Mendelssohn hat die geistliche Musik in Deutschland reformiert und ihr eine neue Chance gegeben. Seine Motetten und seine Werke für Chor und Orchester waren stilbildend und u.a. für Brahms entscheidende Vorbilder.


    3. Mendelssohn hat mit seinen Orgelsonaten der Orgelmusik rettende Impulse gegeben. Die Orgel drohte völlig an Bedeutung zu verlieren und historisch zu werden.


    4. Mendelssohn schuf mit seinen Liedern ohne Worten, seinen Chorliedern und Klavierliedern eine Genre bürgerlicher Musik, das weiteste Verbreitung fand. Diese Amateurmusik hervorragender Qualität war natürlich ein wichtiger Impuls für andere Komponisten, etwa Edvard Grieg mit seinen Lyrischen Stücken.


    5. Mendelssohns Musik übte generell großen Einfluss auf Schumann, Brahms, Saint-Saens, Reger und Borodin aus. Auch der junge Strauss wäre hier zu nennen.


    6. Als Musiker war Mendelssohn derjenige, der die Epoche des "Historismus" eingeläutet hat. Als wichtigste Einzelleistung wäre hier natürlich seine Wiederentdeckung der Matthäuspassion zu nennen. Aber auch sein jahrelanges Wirken in Leipzig, seine "historischen Konzerte", sind der Keim der heutigen Repertoirekonzerte.




    Summa summarum war Mendelssohn also einer der einflussreichsten Musiker des 19. Jahrhunderts, und zwar auch bis über seinen Tod hinaus. Vielleicht nicht so einflussreich wie Wagner oder Beethoven, aber sicherlich einflussreicher als Schubert oder Brahms.

  • Ich meine, schon weiter oben im Thread dargelegt zu haben, daß ich mit "Bedeutung" eines Komponisten nicht allzuviel anfangen kann, Eher neige ich dazu, der Frage ob ein Komponist heute auf den Spielplänen steht oder nicht, Bedeutung beizumessen - aber auch das ist nur eine Momentaufnahme - eine relative Betrachtung.
    Ich freue mich, dass "Felix Meritis" den Mendelssohn Themen wieder neues Leben einhaucht - weil er nämlich diesen Komponisten selbst schätzt - mehr als dies heute allgemein der Fall ist. Warum Mendelssohn heute ein wenig unterschätzt wird, das wäre schon des Nachdenkens wert.
    Daß er aber bedeutender sein soll als SCHUBERT (!!??) das will ich nicht unwidersprochen im Raum stehen lassen. Allein die Lieder Schuberts sind in der Musikgeschichte einzigartig - und seine Klaviersonaten sind vermutlich die einzigen die sich mit jenen von Beethoven messen können. Und es gibt - meiner persönlichen Einschätzung nach - keine einzige Sinfonie von Mendelssohn, welche der großen C-Dur Sinfonie oder der "Unvollendeten" das Wasser reichen kann. (?)


    mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Daß er aber bedeutender sein soll als SCHUBERT (!!??) das will ich nicht unwidersprochen im Raum stehen lassen.


    Richtig lesen!


    Von "bedeutender" ist keine Rede, es wurde "einflussreicher" geschrieben. FM meint, Mendelssohn hat mehr Nachwirkungen auf die nachfolgenden Komponistengenerationen, bzw. auf das Musikleben des 19. Jahrhunderts. Das kann man schon akzeptieren, denn vom Riesen Schubert wurden wichtige Werke erst Jahrzehnte nach seinem Tod einigermaßen bekannt, er hatte kaum echte Nachfolger und seine volle Würdigung bekam er ohnehin erst im 20. Jahrhundert.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Wie Theophilus schon richtig anmerkt, behaupte ich nicht, dass Mendelssohn "bedeutender", also "besser", wäre als Schubert - weder ist das meine Meinung noch ging es mir hier darum. Mir ging es um die (Nach)wirkung auf andere Komponisten, und die ist bei Mendelssohn - ganz entgegen der üblichen Meinung - ziemlich groß. Eigentlich war Mendelssohn, fairerweise muss man hier auch Spohr erwähnen, quasi ein "Schulengründer". Im 19.ten Jahrhundert sah das auch jeder so. Es ist völlig klar, dass Mendelssohns ästhetische Vorstellungen, nämlich in tradierten Formen neues zu schaffen, von Brahms restlos geteilt wurden. Dass Brahms in seinen Jugendjahren sehr eng mit Schumann und Joachim, einem Mendelssohnschüler und -verehrer, verkehrte, hatte mit Sicherheit gewaltigen Einfluss auf sein weiteres Leben als Komponist. Schubert hingegen ist das krasseste Beispiel von denkmöglicher Diskrepanz zwischen Größe und Nachwirkung überhaupt, noch mehr als Bach.

  • Dass Mendelssohn als Musterbeispiel eines romantischen Klassizismus für jüngere Komponisten, noch mehr sicher für solche der "zweiten Reihe" wie etwa Gade ein wichtiges Vorbild gewesen ist, ist wohl unbestritten. Auch dass einige seiner Werke außerordentlich populär waren, gerade auch die Oratorien in England. Allerdings scheint diese Popularität schon Ende des 19. Jhds. deutlich gesunken zu sein, wenngleich Mendelssohn natürlich (im Gegensatz zu Hummel oder Spohr) immer mit einer oder zwei Handvoll der bekanntesten Werke präsent geblieben ist. Da wäre zu sehen, woran das liegen könnte.


    Jedenfalls ist (wie bei Liszt und teilweise auch Schumann, von dessen Klavierwerk etwa die Hälfte kaum je gespielt wird) von seinem sehr umfangreichen Werk ziemlich viel in den Hintergrund getreten. Bei Orgel- und Chormusik liegt das vermutlich schlicht daran, dass das Gebiete sind, die viele Klassikhörer nicht besonders interessieren; die Oratorien werden relativ häufig aufgeführt, meine ich. Dass die Klavierwerke gegenüber Beethoven, Chopin, Schumann, Liszt vernachlässigt werden, kann ich (soweit ich sie gehört habe) nachvollziehen. Bei den Klavierkonzerten finde ich es etwas schade, aber meiner Erinnerung nach hat sich der Komponist selbst über mindestens eines davon, etwas abfällig geäußert. Von der Kammermusik waren das erste Trio und das Oktett schon das ganze 20. Jhd. sehr populär; in den letzten 10-15 Jahren scheinen die Streichquartette wenigstens auf Tonträger auch Standardwerke zu werden, zu Recht und im Falle von op.12,13,80 eigentlich kaum nachvollziehbar, warum das nicht schon lange so ist.


    Ich kann allerdings nicht verhehlen, dass ich den Eindruck habe, dass Mendelssohn sein Potential nur selten ausschöpfen konnte. Das mag an allen möglichen Faktoren, Überarbeitung, zu vielen Projekten, was auch immer, gelegen haben.



    Schuberts Instrumentalmusik wurde, ungeachtet des Einsatzes von Mendelssohn (und Schumann) für die Große C-Dur, jahrzehntelang weitgehend ignoriert; eines der wenigen einflussreichen Stücke war die Wandererfantasie (die Liszt ja als eine Art Klavierkonzert bearbeitet und wohl häufig gespielt hat. Die "Unvollendete" wurde erst in den 1860ern zum ersten Mal aufgeführt und auch die späte Kammermusik scheint erst in dieser Zeit wenigstens teilweise bekannt geworden zu sein. Bei Brahms (zB in den Sextetten) und vielleicht auch bei Bruckner kann man ein wenig Schubert-Einfluss hören. Aber insgesamt wohl sehr vereinzelt. Was auch daran liegen dürfte, dass Schubert nicht gut als Vorbild taugt, von dem man etwas lernen kann.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Johannes Roehl schrieb (Hervorhebungen von mir)


    Zitat

    Ich kann allerdings nicht verhehlen, dass ich den Eindruck habe, dass Mendelssohn sein Potential nur selten ausschöpfen konnte. Das mag an allen möglichen Faktoren, Überarbeitung, zu vielen Projekten, was auch immer, gelegen haben.


    Diesen Eindruck kann ich nicht teilen - und soweit es überliefert ist - seine Zeitgenossen auch nicht.
    Heute ist Mendelssohn - es ist nicht zu leugnen - allerdings in der Tat unterschätzt.
    Persönlich glaube ich nicht, daß dies mit dem Komponisten an sich zusammenhängt, vielmehr mit der Zeit in der er gelebt hat.
    Nur wenige Komponisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden heute beachtet, von Beethoven - und seit einiger Zeit auch Schubert - mal abgesehen. Das gilt für Louis Spohr ebenso, wie für Carl Maria von Weber, Franz Lachner, Wenzel Kalliwoda, die Liste ist voll von "vergessenen Komponisten dieser Zeit. Und ob Robert Schumanns Sinfonien heute wesentlich beliebter sind als jene von Mendelssohn - das wäre eine interessante Frage......


    mfg aus Wien


    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Die 3. und besonders die 4. Sinfonie Mendelssohns gehören zu den beliebtesten Werken der Klassik, ebenso das Violinkonzert, Hebriden, Sommernachtstraum und das Oktett. Dass ein halbes Dutzend (oder vielleicht ein ganzes) Mendelssohnscher Werke nach wie vor außerordentlich populär sind, halte ich für völlig unbestritten.
    Dennoch sind zB seine äußerlich größten Werke Paulus, Elias, Lobgesang meinem Eindruck nach eher ein Nischengeschmack. (Sie sind nicht annähernd so populär/berühmt/angesehen wie zB Beethovens Missa solemnis oder Brahms' und Verdis Requiem, nicht zu reden von Schöpfung, Messiah oder Mozart Requiem)
    Die Klaviermusik spielt, verglichen mit Zeitgenossen wie Schumann oder Chopin eine marginale Rolle usw. Der "Abstieg" Mendelssohns ist weniger anhand der zweifelsohne nach wie vor hoch angesehenen Stücke festzumachen, sondern im Vergleich zu seinem Ansehen zu Lebzeiten, angesichts der dutzenden oder hunderten kaum bekannten Stücke aus seiner Feder und der heutigen Stellung verglichen mit einigen Zeitgenossen oder anderen Komponisten des 19. Jhds.


    Die Frage ist, woran man das Potential festmachen sollte. Wenn man davon ausgeht, dass man den vielleicht begabtesten und bestausgebildsten Teenager der Musikgeschichte vorliegen hatte, der mit 16-20 Jahren erheblich souveräner und reifer komponierte als Mozart oder Schubert in diesem Alter, kann man wohl nur enttäuscht sein. Das ist aber vielleicht keine angemessene Art der Beurteilung.
    Die Sache ist freilich die, dass viele Hörer auch, wenn sie Mendelssohn "intern" betrachten, leicht enttäuscht sind. Etwas überspitzt: Er hat sich, seit er 20 war, nicht nur nicht "verbessert"/weiterentwickelt, sondern das Niveau von Oktett, Sommernachstraum-Ouverture und den ersten beiden Quartetten nur vereinzelt wieder erreicht. Natürlich hängt das auch mit der außerordentlichen Qualität der frühen Werke zusammen und wie Zwielicht oben skizziert gibt es gewisse Parallelen ("Stagnation" bzw. weniger spektakuläre spätere Werke) bei Schumann oder Berlioz, aber das ändert ja nichts an der Enttäuschung. Jedenfalls scheint dieser Eindruck durchaus verbreitet zu sein und führt dann dazu, dass von einem umfangreichen Oeuvre sehr vieles gegenüber eine Handvoll Highlights Routinearbeit zu sein scheint, wovon vieles nachvollziehbarerweise verblasst ist.
    Weber ist für mich übrigens auch so ein Fall, der ingesamt unter seinen Möglichkeiten geblieben ist. Bei dem leuchten mir aber eher einige widrige Umstände ein, die dafür verantwortlich sein könnten (seiner Zeit voraus, miese Librettisten), als bei Mendelssohn. Bei letzterem meine ich, obwohl ich keine Biographie gelesen habe, auch aus einigen despektierlichen Äußerungen über eigene Werke (etwa die Nichtveröffentlichung der 5. "Reformations"Sinf.) herauszuhören, dass er vielleicht selbst meinte, sein Potential nicht recht entfalten zu können.

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    (Bob Dylan)

  • Dass Mendelssohn als Musterbeispiel eines romantischen Klassizismus für jüngere Komponisten, noch mehr sicher für solche der "zweiten Reihe" wie etwa Gade ein wichtiges Vorbild gewesen ist, ist wohl unbestritten. Auch dass einige seiner Werke außerordentlich populär waren, gerade auch die Oratorien in England. Allerdings scheint diese Popularität schon Ende des 19. Jhds. deutlich gesunken zu sein, wenngleich Mendelssohn natürlich (im Gegensatz zu Hummel oder Spohr) immer mit einer oder zwei Handvoll der bekanntesten Werke präsent geblieben ist. Da wäre zu sehen, woran das liegen könnte.

    Mendelssohn war definitiv nicht nur ein Vorbild für Gade und Max Bruch sondern auch für Kaliber wie Schumann und Brahms. Der Einfluss Mendelssohns auf Schumann ist enorm, von letzterem auch wortreich dokumentiert, sicherlich noch größer als der Einfluss Haydns auf Mozart. Für Brahms, natürlich indirekt, gilt ähnliches. Seine Vorliebe für Kammermusik kommt ja nicht von irgendwo her, sondern baut auf die mendelssohnsche/schumannsche Linie auf. Weiters ist eben die gesamte klassizistische Ästhetik Brahms "leipzigerisch". Man sollte nicht vergessen, dass Brahmsens Mentoren die beiden Schumanns und Joachim waren, alle drei Mendelssohnianer. Nach Mendelssohns Tod sah sich Schumann durchaus als Nachlassverwalter Mendelssohns, was mit Liszt des öfteren zu Konflikten geführt hat, welche dann später von Joachim und Brahms weitergeführt wurden. In Leipzig studiert haben übrigens auch Hans von Bülow (in späteren Jahren ein Verfechter des Klassizismus) und Edvard Grieg. Dass Mendelssohns Popularität später gesunken ist, hängt, wie von Alfred angedeutet, ganz einfach mit der mendelssohnschen Tonsprache zusammen: sie ist nicht heldisch sondern eher heiter (was Nietzsche zu seinem, übrigens vollkommen positiv gemeinten, Ausspruch des "glücklichen Zwischenfalls der deutschen Musik" verleitete).



    Die 3. und besonders die 4. Sinfonie Mendelssohns gehören zu den beliebtesten Werken der Klassik, ebenso das Violinkonzert, Hebriden, Sommernachtstraum und das Oktett. Dass ein halbes Dutzend (oder vielleicht ein ganzes) Mendelssohnscher Werke nach wie vor außerordentlich populär sind, halte ich für völlig unbestritten.
    Dennoch sind zB seine äußerlich größten Werke Paulus, Elias, Lobgesang meinem Eindruck nach eher ein Nischengeschmack. (Sie sind nicht annähernd so populär/berühmt/angesehen wie zB Beethovens Missa solemnis oder Brahms' und Verdis Requiem, nicht zu reden von Schöpfung, Messiah oder Mozart Requiem)
    Die Klaviermusik spielt, verglichen mit Zeitgenossen wie Schumann oder Chopin eine marginale Rolle usw. Der "Abstieg" Mendelssohns ist weniger anhand der zweifelsohne nach wie vor hoch angesehenen Stücke festzumachen, sondern im Vergleich zu seinem Ansehen zu Lebzeiten, angesichts der dutzenden oder hunderten kaum bekannten Stücke aus seiner Feder und der heutigen Stellung verglichen mit einigen Zeitgenossen oder anderen Komponisten des 19. Jhds.

    Ist der Elias nicht ähnlich angesehen wie die Schöpfung oder Verdis Requiem? Ich denke das hängt stark vom Land ab (z.B Großbritannien vs. Deutschland). Der Elias is jedenfalls viel populärer als Paulus und wird ziemlich häufig gespielt und ist im Repertoire jedes Chors. Die Missa solemnis ist übrigens, jedenfalls hier in Wien, um mindestens eine Größenordnung weniger populär als Mozarts Messen. Ob man daraus ein Qualitätsurteil destillieren kann, ist freilich fraglich.
    Der Abstieg Mendelssohns hängt nicht zuletzt auch mit dem Abstieg der bürgerlichen Musizierkultur zusammen. Mendelssohn hat ungemein viel für Amateure geschrieben, natürlich für fähige Amateure: Lieder ohne Worte, Chorlieder, Klavierlieder. Auch stark abgenommen hat die Bedeutung geistlicher Musik, ebenfalls ein Hauptschaffensgebiet Mendelssohns. Für das Klavier hat Mendelssohn nach eigener Aussage ungerne geschrieben, eine Eigenheit, die ihn z.B mit Saint-Saens, ebenfalls begnadeter Pianist, verbindet.



    Die Frage ist, woran man das Potential festmachen sollte. Wenn man davon ausgeht, dass man den vielleicht begabtesten und bestausgebildsten Teenager der Musikgeschichte vorliegen hatte, der mit 16-20 Jahren erheblich souveräner und reifer komponierte als Mozart oder Schubert in diesem Alter, kann man wohl nur enttäuscht sein. Das ist aber vielleicht keine angemessene Art der Beurteilung.
    Die Sache ist freilich die, dass viele Hörer auch, wenn sie Mendelssohn "intern" betrachten, leicht enttäuscht sind. Etwas überspitzt: Er hat sich, seit er 20 war, nicht nur nicht "verbessert"/weiterentwickelt, sondern das Niveau von Oktett, Sommernachstraum-Ouverture und den ersten beiden Quartetten nur vereinzelt wieder erreicht. Natürlich hängt das auch mit der außerordentlichen Qualität der frühen Werke zusammen und wie Zwielicht oben skizziert gibt es gewisse Parallelen ("Stagnation" bzw. weniger spektakuläre spätere Werke) bei Schumann oder Berlioz, aber das ändert ja nichts an der Enttäuschung. Jedenfalls scheint dieser Eindruck durchaus verbreitet zu sein und führt dann dazu, dass von einem umfangreichen Oeuvre sehr vieles gegenüber eine Handvoll Highlights Routinearbeit zu sein scheint, wovon vieles nachvollziehbarerweise verblasst ist.
    Weber ist für mich übrigens auch so ein Fall, der ingesamt unter seinen Möglichkeiten geblieben ist. Bei dem leuchten mir aber eher einige widrige Umstände ein, die dafür verantwortlich sein könnten (seiner Zeit voraus, miese Librettisten), als bei Mendelssohn. Bei letzterem meine ich, obwohl ich keine Biographie gelesen habe, auch aus einigen despektierlichen Äußerungen über eigene Werke (etwa die Nichtveröffentlichung der 5. "Reformations"Sinf.) herauszuhören, dass er vielleicht selbst meinte, sein Potential nicht recht entfalten zu können.

    Mendelssohn hat auch in jungen Jahren das Niveau von Oktett und Sommernachtstraumouvertüre nur gelegentlich erreicht, was nicht überrascht, denn kein Komponist erreicht dauernd dieses Niveau. Die Meisterwerke späterer Jahre, also beispielsweise die Klaviertrios, die Variations serieuses, das Violinkonzert, Elias oder das f-moll Quartett sind aber um nichts schlechter. Ganz klar sind jedenfalls Mendelssohns Werke aus den 1840ern, nämlich Schottische Symphonie und Violinkonzert deutlich belibter als die frühen Genieblitze. Auch das d-moll Trio scheint mir weitaus beliebter zu sein als das Oktett. Dass sich Mendelssohn gegenüber seiner Frühphase nicht verbessert hat, ist für mich eine akzeptable Aussage, einen Abstieg kann ich aber nicht erkennen, geschweige denn nachempfinden. Mir persönlich liegt der späte Mendelssohn noch mehr als der frühe. Ich möchte auch hinzufügen, dass ich bei Mozart, Beethoven und Brahms auch nicht so klare Steigerungen in der kompositorischen Qualität mit steigendem Alter feststellen kann.


    Bei "unter seinen Möglichkeiten bleiben" ist das Problem, zwischen objektivierbaren Kriterien und persönlichen Erwartungshaltungen unterscheiden zu können. Ich schätze Mendelssohn liegt dir im Ausdruck einfach weniger als Brahms oder Beethoven. Trotz gelegentlicher "Ausreißer", z.B f-moll Quartett, lag es aber gar nicht in Mendelssohns Interesse solche Werke zu schreiben.

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  • Mendelssohn war definitiv nicht nur ein Vorbild für Gade und Max Bruch sondern auch für Kaliber wie Schumann und Brahms. Der Einfluss Mendelssohns auf Schumann ist enorm, von letzterem auch wortreich dokumentiert, sicherlich noch größer als der Einfluss Haydns auf Mozart. Für Brahms, natürlich indirekt, gilt ähnliches. Seine Vorliebe für Kammermusik kommt ja nicht von irgendwo her, sondern baut auf die mendelssohnsche/schumannsche Linie auf.

    Woran würdest Du den konkreten Einfluss Mendelssohns auf Schumann und Brahms festmachen?
    Natürlich haben beide Mendelssohn sehr geschätzt, aber ich höre weder bei den zentralen Klavierwerken und Liedern Schumanns einen wesentlichen Einfluss Mendelssohns noch in einem Werk wie der 4. Sinfonie. Mendelssohn hat den Klassizismus ja nicht erfunden. Meiner Ansicht nach beziehen sich die klassizistischen Elemente bei Schumann und besonders Brahms weit mehr direkt auf Beethoven (u. ggf. Haydn, Mozart) als auf Mendelssohn. Der Riese für Brahms war Beethoven (und vielleicht auch noch Schütz, Bach usw.), nicht Mendelssohn oder Schumann.



    Zitat

    Dass Mendelssohns Popularität später gesunken ist, hängt, wie von Alfred angedeutet, ganz einfach mit der mendelssohnschen Tonsprache zusammen: sie ist nicht heldisch sondern eher heiter (was Nietzsche zu seinem, übrigens vollkommen positiv gemeinten, Ausspruch des "glücklichen Zwischenfalls der deutschen Musik" verleitete).

    Das halte ich höchstens für einen Teilaspekt. Kinderszenen und Chopins Walzer sind auch eher heiter, dennoch sind sie nicht wie die meisten "Lieder ohne Worte" in der Versenkung verschwunden. Auch Brahms ist kaum je so "heldisch" wie Beethoven (und der ist auch lange nicht immer heldisch). Und Mendelssohn ist lange nicht immer heiter.



    Der Abstieg Mendelssohns hängt nicht zuletzt auch mit dem Abstieg der bürgerlichen Musizierkultur zusammen. Mendelssohn hat ungemein viel für Amateure geschrieben, natürlich für fähige Amateure: Lieder ohne Worte, Chorlieder, Klavierlieder. Auch stark abgenommen hat die Bedeutung geistlicher Musik, ebenfalls ein Hauptschaffensgebiet Mendelssohns.

    In der Chornische scheinen seine Werke ja durchaus noch präsent zu sein. Der Rückgang privaten Musizierens mag ein Faktor sein, aber er betrifft wiederum Kinderszenen, Chopin-Walzer und Schubert-Impromptus anscheinend nicht in der Weise wie viele Werke Mendelssohns.



    Zitat

    Mendelssohn hat auch in jungen Jahren das Niveau von Oktett und Sommernachtstraumouvertüre nur gelegentlich erreicht, was nicht überrascht, denn kein Komponist erreicht dauernd dieses Niveau.

    Klar, ragen die weit unter den anderen Jugendwerken heraus.



    Zitat

    Die Meisterwerke späterer Jahre, also beispielsweise die Klaviertrios, die Variations serieuses, das Violinkonzert, Elias oder das f-moll Quartett sind aber um nichts schlechter. Ganz klar sind jedenfalls Mendelssohns Werke aus den 1840ern, nämlich Schottische Symphonie und Violinkonzert deutlich beliebter als die frühen Genieblitze.

    Ganz klar ist das nicht. Das Oktett und die Sommernachtstraumouverture gehören zweifellos zu den beliebtesten Werken Mendelssohns. Ich bezweifle stark, dass man irgendwie messen können sollte, dass die Schottische Sinfonie populärer sei. Das ist aber alles gar nicht der Punkt. Die Qualität dieser einzelnen Werke (außer vielleicht Elias) ist m.E. weitgehend unbestritten. Dem stehen aber eine ganze Reihe von Werken gegenüber, bei denen man eher den Eindruck solider Routinearbeit hat: Klavierkonzerte, Cellosonaten, Streichquintette, Quartette op.44, Ouverturen zu Ruy Blas oder Athalia und was noch für Stücke, die kaum jemand kennt. So ein paar Ouverturen am Rande sind ja nicht relevant (da findet sich auch bei Beethoven Routine). Aber ein Stück wie die "Lobgesang"-Sinfonie ist doch offenbar als "Hauptwerk" gedacht und wir haben heute ziemlich Probleme damit.



    Zitat

    Ich möchte auch hinzufügen, dass ich bei Mozart, Beethoven und Brahms auch nicht so klare Steigerungen in der kompositorischen Qualität mit steigendem Alter feststellen kann.

    Ich schon: Beethoven mit 15: Klavierquartette, Beethoven mit Anfang 20: Streichtrio op.3, Beethoven mit Ende 20 op.18; 1. Sinfonie, Beethoven mit Mitte/Ende 30: Quartette op.59, 5./6. Sinfonie usw. Das muss man m.E. nicht weiter diskutieren. Es geht ja nicht darum, dass die 7. Sinfonie absolut gesehen "besser" wäre als die 5. (das finde ich auch nicht), sondern um eine Weiterentwicklung, um eine Verbreiterung der Möglichkeiten und des Ausdrucks.
    Bei Mendelssohn ist es von "0 auf 100" und dann einzelne Highlights, die aus einer Menge von inzwischen teils vergessenen Stücken herausragen. Den Eindruck habe ich, wenn man mal offensichtliche Nebenwerke weglässt, so nicht bei Mozart, Beethoven, Brahms u.a., selbst wenn sich die Steigerung mit zunehmendem Alter nicht so deutlich zeigt wie bei Beethoven. Freilich ist es bei Schumann ähnlich wie bei Mendelssohn und bei Liszt ist die "Ausschussquote" anscheinend sehr viel höher. Vermutlich ist das eher der Normalfall.



    Zitat

    Bei "unter seinen Möglichkeiten bleiben" ist das Problem, zwischen objektivierbaren Kriterien und persönlichen Erwartungshaltungen unterscheiden zu können. Ich schätze Mendelssohn liegt dir im Ausdruck einfach weniger als Brahms oder Beethoven. Trotz gelegentlicher "Ausreißer", z.B f-moll Quartett, lag es aber gar nicht in Mendelssohns Interesse solche Werke zu schreiben.

    Ich habe bislang nicht in erster Linie meine persönlichen Eindrücke geschildert, sondern bilde mir ein, eine weit verbreitete Ansicht wiederzugeben.
    Ich kann das momentan nicht nachsehen, aber Tovey entwickelt (Anfang des 20. Jhds.) scherzhafterweise mal die Idee, dass Jahrhunderte später Musikhistoriker den Komponisten zB der Hebriden-Ouverture von dem "Pseudo-Mendelssohn", der den viktorianischen Kram komponiert habe, unterscheiden würden. Das ist überspitzt und man mag es für eine Fehleinschätzung halten, aber es spiegelt sich m.E. auch in dem Ansehen der entsprechenden Werke und damit dem des Komponisten. Ich kenne mich biographisch hier nicht aus, aber Selbsteinschätzungen von Komponisten sind mit Vorsicht zu genießen.
    Wenn Mendelssohn lieber flüssig-glatte Klassizismen und kitschgefährdete Oratorien schreiben wollte, obwohl er mehr Werke wie das f-moll-Quartett hätte komponieren können, dann ist er selber dran schuld, dass er falsche Schwerpunkte gesetzt hat. Ich meine aber, dass aus einigen selbstdistanzierenden Aussagen wie meiner Erinnerung nach über eines der Klavierkonzerte, spricht, dass er selbst wusste, dass er "mehr" konnte (und er hat es glücklicherweise ja auch in etlichen Werken getan).


    Es geht mir gewiss nicht darum, Mendelssohn abzuwerten (ich würde sofort zustimmen, dass eine Reihe seiner Werke unterschätzt wird), sondern um Differenzierung und darum, aus welchen Gründen ein damals sehr berühmter Komponist für uns heute weniger wichtig zu sein scheint.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Natürlich haben beide Mendelssohn sehr geschätzt, aber ich höre weder bei den zentralen Klavierwerken und Liedern Schumanns einen wesentlichen Einfluss Mendelssohns noch in einem Werk wie der 4. Sinfonie. Mendelssohn hat den Klassizismus ja nicht erfunden. Meiner Ansicht nach beziehen sich die klassizistischen Elemente bei Schumann und besonders Brahms weit mehr direkt auf Beethoven (u. ggf. Haydn, Mozart) als auf Mendelssohn. Der Riese für Brahms war Beethoven (und vielleicht auch noch Schütz, Bach usw.), nicht Mendelssohn oder Schumann.

    Entschuldige, aber das ist ja ein eher wackeliges Argument. Genauso könnte ich fragen: "inwiefern haben Bach und Beethoven Mendelssohn beeinflusst, in seinen Liedern oder dem Sommernachtstraum höre ich nichts davon?" Die massive Beeinflussung Schumanns durch Mendelssohn ist schon durch die Tatsache gegeben, dass er Mendelssohns Vorbild wegen zum Klassizisten wurde. Sowohl seine Kammermusikwerke (z.B. Streichquartette Op. 41 sind Mendelssohn gewidmet und beinhalten Mendelssohnzitate) als auch einige seiner späteren Klavierwerke (z.B Fugen für Pedalflügel) waren direkt durch Mendelssohn inspiriert. Die zweite und dritte Symphonie Schumanns, also die beiden späteren, sind voll mit Mendelssohnzitaten, etc...Schumann sah Mendelssohn praktisch als sein Vorbild, fast als Lehrer, und kommunizierte eng mit ihm bei der Komposition vieler seiner Werke, wie etwa dem Klavierquintett oder dem "Paradies und die Peri" (welches wiederum seinern Ursprung in Schumanns Begeisterung für den "Paulus" hat). Bei Brahms ist der Einfluss weitgehend indirekter, da er seinen "Auftrag" für den Klassizismus durch die Hände Schumanns erhielt. Klar hat Mendelssohn den Klassizismus nicht erfunden, aber er war der berühmteste Komponist seiner Zeit und galt bei anderen, inklusive Schumann, Wagner und Berlioz, auch als der kompetenteste. Wenn man direkten Einfluss Mendelssohns auf Brahms Kompositionen finden will, suche man bei den Werken für Chor und Orchester oder den Motetten. Auch der Satz aus dem Requiem "Wie lieblich sind deine Wohnungen" ist im mendelssohnschen Idiom gehalten. Das c-moll Klaviertrio von Mendelssohn zitiert Brahms übrigens zwei mal: im c-moll Klavierquartett und in der f-moll Klaviersonate.



    Das halte ich höchstens für einen Teilaspekt. Kinderszenen und Chopins Walzer sind auch eher heiter, dennoch sind sie nicht wie die meisten "Lieder ohne Worte" in der Versenkung verschwunden. Auch Brahms ist kaum je so "heldisch" wie Beethoven (und der ist auch lange nicht immer heldisch). Und Mendelssohn ist lange nicht immer heiter.

    Aber die Lieder ohne Worte sind ja gar nicht in der Versenkung verschwunden! Sie sind halt keine Konzertsaalmusik, obwohl sie auch dort immer wieder zu finden sind. In einem anderen Thread habe ich das schon geschrieben: diese Stücke wurden früher von jedem, der Klavier spielte, gelernt.
    Mendelssohn ist nicht immer heiter, aber sehr oft. Bei Brahms ist das eben genau umgekehrt. Es ist doch schon ziemlich offensichtlich, dass das mendelssohnsche Idiom weniger traurig/tragisch/heldisch, just name it, ist als das Beethovens und Brahms'.



    In der Chornische scheinen seine Werke ja durchaus noch präsent zu sein. Der Rückgang privaten Musizierens mag ein Faktor sein, aber er betrifft wiederum Kinderszenen, Chopin-Walzer und Schubert-Impromptus anscheinend nicht in der Weise wie viele Werke Mendelssohns.

    Ganz ehrlich, spielst du Klavier? Die Schubertimpromptus sind eine gute Klasse schwieriger als das meiste aus den Kinderszenen oder gut die Hälfte der Lieder ohne Worte. In Klavieranthologien für Klavierschüler findet man standardmäßig Lieder ohne Worte, wie die Gondellieder in g-moll und fis-moll, und diverse Stücke aus Schumanns Album für die Jugend.



    Ganz klar ist das nicht. Das Oktett und die Sommernachtstraumouverture gehören zweifellos zu den beliebtesten Werken Mendelssohns. Ich bezweifle stark, dass man irgendwie messen können sollte, dass die Schottische Sinfonie populärer sei. Das ist aber alles gar nicht der Punkt. Die Qualität dieser einzelnen Werke (außer vielleicht Elias) ist m.E. weitgehend unbestritten. Dem stehen aber eine ganze Reihe von Werken gegenüber, bei denen man eher den Eindruck solider Routinearbeit hat: Klavierkonzerte, Cellosonaten, Streichquintette, Quartette op.44, Ouverturen zu Ruy Blas oder Athalia und was noch für Stücke, die kaum jemand kennt. So ein paar Ouverturen am Rande sind ja nicht relevant (da findet sich auch bei Beethoven Routine). Aber ein Stück wie die "Lobgesang"-Sinfonie ist doch offenbar als "Hauptwerk" gedacht und wir haben heute ziemlich Probleme damit.

    Gehört das Oktett zu den beliebtesten Werken Mendelssohns? Vielleicht bei den Musikwissenschaftlern, im Konzert hört man die Streichquartette (und zwar alle!) und die Klaviertrios weitaus öfter. Ich habe keineswegs den Eindruck, dass es sich bei den Cellosonaten, Streichquintetten, und Op. 44 Quartetten um Routinearbeit handelt, wie begründest du das? Die zweite Cellosonate, bspw., ist formal sogar sehr eigenwillig: der Kopfsatz ist wie ein Finalsatz gestaltet und folgt nicht der Sonatenhauptsatzform und die Mittelsätze sind ebenfalls sehr ungewöhnlich. Wieder habe ich das Gefühl, dass bei dir eben das mendelssohnsche Idiom das Problem darstellt und nicht die intrinsische Qualität der Werke. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass die Op.44 Quartette und die Cellosonaten keineswegs Randrepertoire darstellen. Das war vielleicht vor 30 Jahren so.



    Ich schon: Beethoven mit 15: Klavierquartette, Beethoven mit Anfang 20: Streichtrio op.3, Beethoven mit Ende 20 op.18; 1. Sinfonie, Beethoven mit Mitte/Ende 30: Quartette op.59, 5./6. Sinfonie usw. Das muss man m.E. nicht weiter diskutieren. Es geht ja nicht darum, dass die 7. Sinfonie absolut gesehen "besser" wäre als die 5. (das finde ich auch nicht), sondern um eine Weiterentwicklung, um eine Verbreiterung der Möglichkeiten und des Ausdrucks.
    Bei Mendelssohn ist es von "0 auf 100" und dann einzelne Highlights, die aus einer Menge von inzwischen teils vergessenen Stücken herausragen. Den Eindruck habe ich, wenn man mal offensichtliche Nebenwerke weglässt, so nicht bei Mozart, Beethoven, Brahms u.a., selbst wenn sich die Steigerung mit zunehmendem Alter nicht so deutlich zeigt wie bei Beethoven. Freilich ist es bei Schumann ähnlich wie bei Mendelssohn und bei Liszt ist die "Ausschussquote" anscheinend sehr viel höher. Vermutlich ist das eher der Normalfall.

    Bitte, Mendelssohn hat nicht mit 16 begonnen zu komponieren und das Oktett war nicht sein erstes Werk. Seine ersten Werke schrieb er mit 10, und diese sind für ein Kind beachtlich aber noch lange keine Meisterwerke. Man kann als erstes Meisterwerk (wenn man großzügig ist) das mit 15 geschriebene Klavierquartett in h-moll werten. Ich behaupte, dass Beethoven nichts "besseres" geschrieben hat als Opera 1, 2, 9, 10, 13 und 18. Hat Mozart nach dem Jeunehommekonzert oder der Sinfonia concertante (KV 271) "bessere" Konzerte geschrieben? Hat Brahms später was "besseres" geschrieben als seine erstes Klavierkonzert, sein Klavierquintett, seine frühe Klaviermusik oder sein H-Dur Trio? Ich, jedenfalls, finde das nicht.



    Ich habe bislang nicht in erster Linie meine persönlichen Eindrücke geschildert, sondern bilde mir ein, eine weit verbreitete Ansicht wiederzugeben.
    Ich kann das momentan nicht nachsehen, aber Tovey entwickelt (Anfang des 20. Jhds.) scherzhafterweise mal die Idee, dass Jahrhunderte später Musikhistoriker den Komponisten zB der Hebriden-Ouverture von dem "Pseudo-Mendelssohn", der den viktorianischen Kram komponiert habe, unterscheiden würden. Das ist überspitzt und man mag es für eine Fehleinschätzung halten, aber es spiegelt sich m.E. auch in dem Ansehen der entsprechenden Werke und damit dem des Komponisten. Ich kenne mich biographisch hier nicht aus, aber Selbsteinschätzungen von Komponisten sind mit Vorsicht zu genießen.
    Wenn Mendelssohn lieber flüssig-glatte Klassizismen und kitschgefährdete Oratorien schreiben wollte, obwohl er mehr Werke wie das f-moll-Quartett hätte komponieren können, dann ist er selber dran schuld, dass er falsche Schwerpunkte gesetzt hat. Ich meine aber, dass aus einigen selbstdistanzierenden Aussagen wie meiner Erinnerung nach über eines der Klavierkonzerte, spricht, dass er selbst wusste, dass er "mehr" konnte (und er hat es glücklicherweise ja auch in etlichen Werken getan).

    Du hast die vor 30 Jahren weitverbreitete Ansicht widergegeben. Ich denke, das hat sich inzwischen deutlich relativiert. Wenn du "kitschgefährdete" Oratorien und "flüssig-glatt" schreibst, dann wirst du akzeptieren müssen, dass ich das eben als deinem persönlichen Geschmack entsprungen werte. Das sei dir unbenommen, aber als objektiv kann ich das nun einmal nicht gelten lassen. Es wird dir kaum gelingen "Kitsch" oder "glatt" so zu definieren, dass ich übereinstimme. Ich finde ganz andere Dinge kitschig als Elias. Und dass Mendelssohn "falsche Schwerpunkte" gesetzt hat, ist halt auch nur subjektiv. Das Problem ist, dass du und viele andere nicht akzeptieren, dass Mendelssohn halt eine andere Komponistenpersönlichkeit als Beethoven oder Brahms war. Mendelssohn komponierte nicht aus "Spaß" andauernd Stücke wie das f-moll Quartett. Das stört mich auch nicht, das Violinkonzert oder Elias sind genauso gut aber anders. Selbstdistanzierungen von Komponisten kann man wohl kaum als Argument heranziehen, oder soll ich dementsprechende Urteile Brahms' oder Beethovens über einige ihrer Werke hier anführen?



    Es geht mir gewiss nicht darum, Mendelssohn abzuwerten (ich würde sofort zustimmen, dass eine Reihe seiner Werke unterschätzt wird), sondern um Differenzierung und darum, aus welchen Gründen ein damals sehr berühmter Komponist für uns heute weniger wichtig zu sein scheint.

    Das verstehe ich schon. Was mich stört, ist, dass du glaubst, dass diese Gründe "objektiv richtige" Einschätzungen der Musik Mendelssohns sind.

  • Vielleicht ein paar Zahlen, die unterstreichen, welche Wertschätzung Mendelssohns Musik heutzutage genießt. Angeführt werden Neueinspielungen (!) der folgenden Werke seit 2010 (nach Amazon.de):


    Elias: 5. Missa solemnis: 3, Verdi Requiem: 4, Brahms Requiem: 8


    Cellosonaten Op. 45 und 58: 8. Brahms Op. 39 u/o. 99: 5


    Mendelssohn Streichquartette: 9. Schumann: 5, Brahms: 4.


    Mendelssohn Klaviertrios: 7. Brahms: 11, Schumann: 10. Nähme man das Jubiläumsjahr 2009 dazu (wie bei Schumann, 2010), käme man auf insgesamt 17 Neueinspielungen der Klaviertrios.


    Mendelssohn Oktett: 1.



    Zusammengefasst heißt das, dass der Elias definitiv kein Nischenwerk ist, und dass die Kammermusik Mendelssohns zur Zeit mindestens so oft, wenn nicht öfter, eingespielt wird als die der anderen beiden großen deutschen Instrumentalkomponisten nach Beethoven/Schubert.
    Die Beliebtheit des Oktetts scheint, wie von mir behauptet, in Wahrheit vergleichsweise gering zu sein. Von den "in der Versenkung verschwundenen Lieder ohne Worte" sind übrigens dieses Jahr eine Gesamteinspielung von Michael Korstick und eine Anthologie von Ronald Brautigam erschienen.

  • Zitat

    Ganz ehrlich, spielst du Klavier? Die Schubertimpromptus sind eine gute Klasse schwieriger als das meiste aus den Kinderszenen oder gut die Hälfte der Lieder ohne Worte. In Klavieranthologien für Klavierschüler findet man standardmäßig Lieder ohne Worte, wie die Gondellieder in g-moll und fis-moll, und diverse Stücke aus Schumanns Album für die Jugend.


    Ich möchte mich nicht in Eure Diskussion einmischen, die ich höchst interessant finde. Um aber eher zu Felix oder eher zu Johannes zu tendieren, dazu reicht mein Hintergrundswissen nicht ganz aus.


    Da ich schon lange Klavier spiele (früher aus Übungsgründen freilich besser als jetzt ... vieles eingerostet ...), möchte ich aber der obigen Feststellung widersprechen. So schwer sind meines Erachtens die Schubert-Impromptus nicht; der Klaviersatz liegt in der Hand. Es gibt aber etliche Mendelssohn-Nummern und sogar Sätze aus dem "Album für die Jugend", die reichlich vertrackt gesetzt sind. Bei Mendelssohn kommen Tempo-Erwartungen hinzu - auch das kaum je ein Problem bei dem bedächtigen Schubert. Schumanns Klaviersatz ist bekanntlich ohnehin schwierig, und das Meiste von ihm ist Klavierschülern unzugänglich - ganz anders Schubert, der technisch weitaus seltener Anforderungen stellt.


    :hello: Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Da ich schon lange Klavier spiele (früher aus Übungsgründen freilich besser als jetzt ... vieles eingerostet ...), möchte ich aber der obigen Feststellung widersprechen. So schwer sind meines Erachtens die Schubert-Impromptus nicht; der Klaviersatz liegt in der Hand. Es gibt aber etliche Mendelssohn-Nummern und sogar Sätze aus dem "Album für die Jugend", die reichlich vertrackt gesetzt sind. Bei Mendelssohn kommen Tempo-Erwartungen hinzu - auch das kaum je ein Problem bei dem bedächtigen Schubert. Schumanns Klaviersatz ist bekanntlich ohnehin schwierig, und das Meiste von ihm ist Klavierschülern unzugänglich - ganz anders Schubert, der technisch weitaus seltener Anforderungen stellt.

    Ich bin am Klavier leider nie sehr weit gekommen (bin Geiger/Bratscher), aber das meiste aus dem Album für die Jugend (sagen wir 2/3) konnte ich spielen, ebenso die Gondellieder Mendelssohns, aber schon bei Schuberts f-moll Moment musical ist mir die Luft ausgegangen. Natürlich hat Schubert auch sehr simple Klaviermusik geschrieben, diverse Deutsche Tänze, etc.., aber ich denke die Impromptus sind doch, mindestens, eine Stufe schwieriger. Natürlich gibt es aber auch Lieder ohne Worte, die technisch immens schwierig sind (z.B das Spinnerlied oder das Jägerlied). Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, diese zu spielen zu wollen.

  • Auf dieser durchwachsenen Basis können wir uns gerne einigen, Felix. :)


    Heute kann ich eh nicht mehr viel Anspruchsvolleres ordentlich spielen. Bei kaum einer Form der Kunstfertigkeit ist das stete Üben wichtiger als beim Spielen eines Instruments.


    Um noch etwas Gezielteres zum Thema beizutragen. Die Lieder ohne Worte habe ich in ihrer Vielfalt und Originalität schätzen gelernt über diese Gesamteinspielung durch Ilse von Alpenheim:



    :hello: Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Auf dieser durchwachsenen Basis können wir uns gerne einigen, Felix. :)


    Heute kann ich eh nicht mehr viel Anspruchsvolleres ordentlich spielen. Bei kaum einer Form der Kunstfertigkeit ist das stete Üben wichtiger als beim Spielen eines Instruments.


    Um noch etwas Gezielteres zum Thema beizutragen. Die Lieder ohne Worte habe ich in ihrer Vielfalt und Originalität schätzen gelernt über diese Gesamteinspielung durch Ilse von Alpenheim:



    :hello: Wolfgang


    Ja, diese Aufnahme wollte ich immer schon kaufen, habe es dann aber immer wieder verabsäumt. Jetzt scheint die Aufnahme nur noch gebraucht, und das zu einem hohen Preis, erhältlich zu sein. Gott sei Danke habe ich aber noch ein paar andere Gesamteinspielungen :D

  • Auf Bayern Alpha wird heute, 3. März 2013, 21 Uhr, wieder für eine Stunde die "Fernsehtruhe" eingeschaltet. Diesmal geht es um Felix Mendelssohn Bartholdy. Für Überraschungen ist diese Sendung auch nach gut fünfzig Jahren immer noch gut. Am vergangenen Sonntag stand Richard Strauss im Mittelpunkt - konkret dessen Liedschaffen. Mit dabei waren als Solisten Anneliese Rothenberger, Fritz Wunderlich und Benno Kusche, die von Ludwig Kusche, dem legendären Musikschriftsteller, Komponisten und Fernsehplauderer am Flügel begleitet wurden. Alles im feinsten Schwarzweiß. Der TV-Sender hat sich die Digitalisierung dieser einst beliebten Senderreihe aus den sechziger Jahren wirklich etwas kosten lassen. Es erklangen Aufnahmen, die durchaus als Sensationsfund bezeichnet werden dürfen - nämlich diese:


    Die Fernsehtruhe


    Der Liederkomponist Richard Strauss


    1. Einkehr (Benno Kusche)


    2. Begegnung (Anneliese Rothenberger)


    3. Die Nacht (Benno Kusche)


    4. Barcarole (Fritz Wunderlich)


    5. Schlagende Herzen (Anneliese Rothenberger)


    6. Himmelsboten zu Liebchens Himmelbett (Fritz Wunderlich)


    7. Freundliche Vision (Fritz Wunderlich)


    8. Das Lied des Steinklopfers (Benno Kusche)


    9. Die Händler und die Macher (Fritz Wunderlich)


    10. Ich wollt‘ ein Sträußlein binden (Anneliese Rothenberger)


    11. September (Anneliese Rothenberger - das Orchester und der Dirigent wurden leider nicht genannt)


    Was heute zu Mendelssohn geboten wird, weiß ich nicht. Reinschauen aber lohnt sich bestimmt.


    Gruß Rheingold

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Lieber Rheingold, danke für die Info! Leider werde ich die Sendung nicht ansehen können. Wäre toll, wenn Du oder irgend jemand anderer, der die Sendung gesehen hat, in ganz kurzen Worten berichten könnte, was gegeben wurde - natürlich nur, wenn es nicht zuviele Umstände macht.

  • Lieber Felix, das mache ich doch sehr gern. Selbst kann ich die Sendung auch nicht live sehen. Ich vertraue aber auf meine Mitschnitttechnik.


    Grüße von Rheingold

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

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