Die Liedinterpretationen des Dietrich Fischer-Dieskau - Zeitlos gültig oder modisch vergänglich ?

  • Hallo Schall und Wahn,


    wenn ich mir Deine 98 Beiträge seit 05.06.2012 durchlese (z. T.) und dazu Deinen Beitrag im Vorstellungsthread (auszugsweises Zitat s. o.) - dann bring' ich das nicht "unter einen Hut". Aber wahrscheinlich geht das nur mir so.


    zweiterbass


    ZitatAber wahrscheinlich geht das nur mir so.Keineswegs.^^ Wolfgang


    zweiterbass und wolfgang
    Hmm...ich weiß nicht recht in welche Richtung ich dieses Kommentar jetzt deuten soll. Stimmt, "Live-Erfahrung" habe ich kaum, habe im Forum aber dementgegen auch noch nichts gesagt bzw. immer darauf hingewiesen, dass ich hauptsächlich nur von CDs, TV und DVD zehre.
    Das mit dem einen Jahr...mir ist zu meinem Umut aufgefallen, dass es sich doch schon um 2 Jahre handelt (na, wahnsinn), konnte das in der Vorstellung aber nicht mehr ändern. (ich hab's nicht so mit Zeitangaben, manchmal "vergesse" ich gar wie alt ich bin :D )

    "Die Glücklichen sind neugierig."
    (Friedrich Nietzsche)

  • Zitat

    Hmm...ich weiß nicht recht in welche Richtung ich dieses Kommentar jetzt deuten soll.


    Das war als Kompliment gedacht - wobei mir schon klar ist, dass sich Deine erstaunliche Kompetenz vor allem auf die Bereiche Oper und Lied bezieht.


    (Es könnte natürlich auch sein, dass Du die Wiederauferstehung eines erfahrenen Ex-Taminos darstellst ... :stumm: :D )


    Besten Gruß, Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Die Feststellung von wok (Beitrag 60): "...sondern er verkörpert jedes gesungene Wort gewissermaßen als selbst Betroffener, und dies in stimmlichen Schattierungen und Feinstabstufungen, die einfach faszinieren, die man als höchste musikalische Ästhetik bezeichnen könnte, die aber auch jede empfindsame Seele erreichen dürften."


    ... genau den Punkt. "Zeitlos gültig" kann wohl keine Interpretation sein, weil sie aus der Zeit heraus geschaffen wird und Zeit somit wesenhaft in sie eingeht. Aber mastabgebend und -setzend kann eine Interpretation sehr wohl sein. Und dieses trifft auf die Liedinterpretation Fischer-Dieskaus ganz sicher zu.


    Das "Sich-in-das-Lied-Hineinversetzen, das Sich-Identifzieren mit seiner lyrisch-muskialische Aussage ist ja nur die Grundlage seiner Interpretation. Das, was als Folge daraus hervorgeht, ist das im Augenblick der Rezeption Singuläre: Der Ton, der auf einem lyrischen Wort liegt, wird dessen sprachlicher Aussage gemäß klanglich eingefärbt; die Semantik fließt in die Färbung und Akzentuierung der Musik ein.

  • Mehr als fünf Jahre ist es her, dass in diesen Thread geschrieben wurde.


    Masstabsetzend sind die Interpretationen Dietrich Fischer-Dieskaus. Kein Sänger kommt an ihm vorbei. Das gilt ebenso für den Hörer.

    Jedes Mal, wenn ich die Aufnahmen der Sängerkollegen, lebenden wie verstorbenen, mit Einspielungen dieses Ausnahmesängers vergleiche, überzeugt mich sein Vortrag. Sei es in Bezug auf Beherrschung der stimmtechnischen Mittel, sprachliche Verständlichkeit, Interpretation. Da ist aber noch ein Quäntchen unwägbares Mehr zu hören, das das Herz erreicht.


    Diese Überlegenheit wirkt auf mich erdrückend. Zuweilen muss ich mir Abstand verschaffen, um die Leistung eines anderen Sängers würdigen zu können. Dann lasse ich die Dietrich-Fischer-CDs im Regal ruhen, im Wissen, dass ich einen Schatz hüte.


    Ich habe mir in letzter Zeit einige Aufnahmen der schubertschen "Schönen Müllerin" angehört. Bei der Anerkennung der Leistung anderer Sänger, bleibt am Ende die Meisterschaft Fischer-Dieskaus, der ich den Vorzug gebe. Glockenton bemerkt richtig "Wahre Kunst ist eben viel mehr, als nur Noten und Melodien stimm-schön zum Klingen zu bringen..."


    Eines meiner Lieblingslieder, mit denen uns Dietrich Fischer-Dieskau beschenkt hat, ist "Die Sterne" D. 939 von Franz Schubert. 1978 hat er es mit Sviatoslav Richter aufgenommen.



    Danke.
    .


  • Eines meiner Lieblingslieder ist "das Wirtshaus" aus der Winterreise, hier in einer frühen Aufnahme des damals 23Jährigen, begleitet von Klaus Billing:



    Gerade dieses Lied ist m. E. unerreicht.
    In dieser Aufnahme:


    71XAmbhKzyL._SL300_.jpg


    mit seinem "Stammbegleiter" Gerald Moore aus dem Jahre 1971 klingt seine Stimme zwar nicht mehr so voluminös wie 1948, aber m. E. singt er in dieser Aufnahme noch expressiver und anrührender: Keiner "sinkt" so ergreifend "matt" nieder und ist so berührend "tödlich schwer verletzt" wie er.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Keiner "sinkt" so ergreifend "matt" nieder und ist so berührend "tödlich schwer verletzt" wie er.


    Lieber William B.A.,
    wer sich im Liedgesang ein bisschen auskennt, wird über die große Lebensleistung von Dietrich Fischer-Dieskau nicht diskutieren, der Sänger war einmalig! Oft konnte ich ihn noch im Konzertsaal erleben, also nicht nur auf Schallplatte oder CD.
    Was mich in Deiner Formulierung ein klein wenig nachdenklich macht, ist das so absolut dastehende Wörtchen »keiner«.
    Weil »Das Wirtshaus« auch zu meinen bevorzugten Liedern gehört, schätze ich die Interpretation, die Matthias Goerne bietet ganz hoch ein und beim letzten Hören dieses Stückes dachte ich: das kann keiner besser singen ...
    Aber wir sollten nun um Gottes Willen in keine Diskussion einsteigen, wer es besser singt, denn Liedgesang ist kein sportlicher Wettbewerb ...

  • Lieber hart, du hast mich, ohne es zu wollen, auf einen Fehler aufmerksam gemacht, der mir unterlaufen ist, und das passiert mir eigentlich selten. In Verbindung mit dem Wörtchen "keiner" hätte ich wie weiter oben in Verbindung mit dem Wörtchen "unerreicht" unbedingt die Abkürzung "m. E." hinzufügen müssen, weil ich Wert darauf lege kenntlich zu machen, dass es sich bei den qualitativen Einordnungen von Sängerleistungen, die ich vornehme, um meine persönlichen Meinung handelt ("meines Erachtens"), deshalb nochmals "nichts für ungut".
    Da ich auch ein großer Bewunderer Matthais Goernes bin, will ich mir nachher nochmal das Wirtshaus in den drei Winterreisen, die ich von ihm habe, zu Gemüte führen. Ich weiß nur nicht, ob ich heute noch dazu komme, darüber zu schreiben:


    61prY-Tx6IL._SL300_.jpg 71CdeTpID7L._SL300_.jpg 71utLfvs6TL._SL300_.jpg



    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • In Verbindung mit dem Wörtchen "keiner" hätte ich wie weiter oben in Verbindung mit dem Wörtchen "unerreicht" unbedingt die Abkürzung "m. E." hinzufügen müssen, weil ich Wert darauf lege kenntlich zu machen, dass es sich bei den qualitativen Einordnungen von Sängerleistungen, die ich vornehme, um meine persönlichen Meinung handelt ("meines Erachtens"), deshalb nochmals "nichts für ungut".


    Lieber Willi, ist denn eine Wortmeldung hier im Forum nicht von vornherein eine eigene Meinung? Du sprichst doch für Dich und nicht für andere. Ich erinnere mich an eine TV-Debatte, in der die inzwischen gestorbene Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, die des Wortes sehr mächtig war, dazu aufgefordert wurde, doch bitte schön deutlich zu machen, dass ihre Äußerungen nur für sie selbst gelten würden. Sie antwortete in dem Sinne, wie ich es einleitend versucht habe. Vor einiger Zeit bin ich im Forum auch schon dahingehend belehrt worden und habe mir angewöhnt - ganz gegen meine innersten Überzeugungen - wann immer es nötig ist, die leeren Floskeln des Hinweises auf die eigenen Überzeugungen, die eigenen Erfahrungen, die eigenen Sichten etc. hinzuzusetzen. Wenn es denn der Wahrheitsfindung dient. ;) Ich frage mich, woher das alles rührt? Offenkundig sind wir so auf Correctness gedrillt, dass niemand ein Missverständnis wagen will - und soll. Ich sehe darin ein Zeichen der Verarmung und der Verkümmerung unserer Debattenkultur. Also nach meiner Meinung hättest Du auf Deinen jüngsten Beitrag getrost verzichten können. Ich habe ihn auch so sehr gut verstanden, auch wenn ich die Einschätzung über Fischer-Dieskau nur im Grundsatz teile.


    Dir, lieber Willi, eine geruhsames Wochenende. Hoffentlich stürmt es nicht zu sehr.


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    .

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Lieber Willi, ist denn eine Wortmeldung hier im Forum nicht von vornherein eine eigene Meinung? Du sprichst doch für Dich und nicht für andere. Ich erinnere mich an eine TV-Debatte, in der die inzwischen gestorbene Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, die des Wortes sehr mächtig war, dazu aufgefordert wurde, doch bitte schön deutlich zu machen, dass ihre Äußerungen nur für sie selbst gelten würden. Sie antwortete in dem Sinne, wie ich es einleitend versucht habe. Vor einiger Zeit bin ich im Forum auch schon dahingehend belehrt worden und habe mir angewöhnt - ganz gegen meine innersten Überzeugungen - wann immer es nötig ist, die leeren Floskeln des Hinweises auf die eigenen Überzeugungen, die eigenen Erfahrungen, die eigenen Sichten etc. hinzuzusetzen.

    Lieber Rüdiger,


    da hast Du völlig Recht! Da denke ich genauso wie Frau Hamm-Brücher! Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann bin ich davon überzeugt. Ich muss das nicht relativieren und quasi als Hypothese setzen. Das halte ich für überflüssig - meine Überzeugung ist nicht hypothetisch sondern eben meine Überzeugung. Wenn jemand eine andere Überzeugung hat, dann soll er seine dagegen setzen. Es gibt natürlich den Fall, wenn verschiedene Leute ihre Meinung zur selben Sache äußern, weil sie danach gefragt werden. Dann passt man sich dem selbstverständlich an, indem man in der direkten Entgegnung den Satz beginnt mit "Ich finde, dass..." "Ich meine aber, dass....". Denn wenn dem vorausgegangen ist, dass Andere eine andere Meinung als man selbst schon geäußert haben, worauf ich gezielt reagiere, dann wäre es unhöflich, das mit einer apodiktischen Formulierung zu übergehen, weil man das so missverstehen könnte, als ob man selbst keine andere Meinung zulassen würde. Im Falle von Willi hat er ausschließlich über seine Erlebnisse berichtet und es gab schlicht keine andere geäußerte Meinung, auf die er hätte reagieren müssen - und da ist eine solche Relativierung also überflüssig. Denn dann wiederum sähe eine Relativierung so aus, als müsse man Angst haben, seine Überzeugung zu äußern, was wiederum falsch ist. :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

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  • Danke, lieber Holger, Deine schöne Antwort bestärkt mich sehr und macht meinen Tag. :)

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Am 28. Mai 2025 hätte Dietrich Fischer Dieskau seinen 100. Geburtstag feiern können. Ich erlaube mir daher einen Hinweis auf zwei Brocken.


    Der geneigte Lied-Musik-Kenner kann mit diesen umfassenden Zusammenstellungen sich ein eigenes Bild machen, ob die Interpretationen "zeitlos gültig oder modisch vergänglich" sind.


    Aus diesem Anlass ist eine Box mit 79 CDs mit den umfassenden Lied-Sammlungen bald erhältlich, die der Sänger für die Labels HMV, EMI Electrola, Teldec und Erato aufgenommen hatte.



    Seit 2022 ist eine andere 107-CD-Box mit sämtlichen Liedern auf dem Markt, die Dietrich Fischer-Dieskau bei den Labels Deutsche Grammophon, Philips und Decca veröffentlicht hatte. Auf drei CDs sind Interviews mit dem Sänger. Der Werbepartner bietet sie in einer Aktion preiswert an.



  • Die im Threadtitel formulierte Alternative stellt sich m.E. gar nicht. Also weder-noch. Man könnte, Alfreds Frage aufgreifend, überspitzt sagen: Gerade im Bemühen, den Textgehalt eines Liedes so objektiv und allgemeingültig wie möglich auszudrücken, erreicht man keine zeitlose Wirkung.


    Was heißt das aber? Wenn man zum Erlebnis einer Liedschöpfung auch das Subjektive und Situative des Ausdrucks als notwendig erachtet, dann ist einem vermutlich der junge Fischer-Dieskau der 50er und 60er Jahre näher als die Stimme, die er etwa dem Schubertlied-Kompendium der DGG ab 1969 leiht. Aber selbst Beethovens "Zärtliche Liebe" singt er 1966 mit Jörg Demus nicht so innig und verhalten wie über eine Dekade zuvor mit Gerald Moore.


    Daß sich Fischer-Dieskau kein Wort, keine Silbe, kein Satzzeichen entgehen läßt, wird niemand bezweifeln. Aber mitunter zeigt er den Text eher, als daß er ihn durchlebt - da fällt mir etwa v. Schacks "Ständchen" ein. Besonders gut hören kann man das von mir hier Gemeinte, wenn man das erste Lied der Dichterliebe - Fischer-Dieskau/ Demus DGG 1954 - mit jener Aufnahme vergleicht, die Fritz Wunderlich und Hubert Giesen 1965 beim gleichen Label veröffentlicht haben. "Da ist in meinem Herzen/ die Liebe aufgegangen". Schumann komponiert hier keineswegs eine melodische Linie, um die Worte auszuleuchten. Seine Phrase malt das knospenhafte Aufblühen der Liebe, sie bildet es ab. Und so singt es nur Fritz Wunderlich. Dieser unsagbar schöne melodische Bogen, in seiner inständig sich steigernden, nie abreißenden Spannung gehalten, verlangt eine Durchdringung mit vokalen Mitteln, die den Text erst sinnfällig macht (nicht bloß verständlich).


    Man könnte das auf Seiten Fischer-Dieskaus als Zurückhaltung bezeichnen. Das kann auch eine Tugend sein. Aber die "Frühlingsnacht" aus Schumanns op. 39 vermittelt mir eher in der Aufnahme von Anneliese Rothenberger und Günther Weißenborn etwas von der elektrisierenden, jubelnden Atmosphäre, während Fischer-Dieskau irgendwie im Letzten etwas unbeteiligt scheint.


    Ich thematisiere hier bloß einen einzigen, stark ausgemalten Aspekt meiner Hörgewohnheiten.


    :hello: Thorsten

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Welche Interpretationen des ersten Liedes Im wunderschönen Monat Mai der schumannschen Dichterliebe Op. 48 erwähnt farinelli?


    Dietrich Fischer-Dieskau und Jürg Demus, ich hoffe, ich habe die Aufnahme aus dem Jahr 1954 gefunden, die farinelli erwähnt. Es gibt mit den gleichen Interpreten eine aus dem Jahr 1957.


    siehe @farinellis Berichtigung Die Liedinterpretationen des Dietrich Fischer-Dieskau - Zeitlos gültig oder modisch vergänglich ?




    Fritz Wunderlich und Hubert Giesen, 1966



  • Ludwig van Beethoven Zärtliche Liebe WoO 123


    Eine Einspielung aus den 50er Jahren mit Gerald Moore konnte ich nicht finden.


    Dietrich Fischer-Dieskau und Jürg Demus, aus den 50er Jahren




    Dietrich Fischer-Dieskau und Jörg Demus, 1966



  • Lieber Moderato,


    du hast völlig recht, 1957 ist korrekt, ein Versehen meinerseits. Und die frühe 50er-Einspielung von "Ich liebe dich" begleitet Hertha Klust. Sorry.

    Zerging in Dunst das heilge römsche Reich


    - uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

  • Dietrich Fisch-Dieskau und Jörg Demus, 1957




    Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore, Salzburg 1965. Ihr "Markenzeichen", der Huster bei 08 sec.



  • Ludwig van Beethoven, Zärtliche Liebe, Ich liebe dich WoO 123 mit Dietrich Fischer-Dieskau und Hertha Klust, 1951/52



  • Die im Threadtitel formulierte Alternative stellt sich m.E. gar nicht. Also weder-noch.


    Das sehe ich ähnlich.


    Jede musikalische Aufführung (und auch jede Musikproduktion für Tonträger) ist nicht nur eine Darbietung der entsprechenden Komposition(en), sondern stets auch ein Ausdruck der Zeit, in welcher sie stattfindet.


    Hochwertige musikalische Leistungen (wie die von Fischer-Dieskau, den ich zu meinen sängerischen Hausgöttern zähle) werden stets eine gewisse überzeitliche Qualität mitbringen, wenn sie denn auf Tonträgern festgehalten sind (woran bei DiFiDi zum Glück kein Mangel besteht). Andererseits werden sie auch immer vom Duft des Vergänglichen umweht sein (ich konnte dieser geschmacklos-blumigen Stilblüte nicht widerstehen, sorry ^^), weil sie eben halt auch Kinder ihrer jeweiligen Zeit sind.


    Ich halte es für einen grundständigen Fehler unserer Zeit, über Musizierweisen der Vergangenheit die Nase zu rümpfen, weil sie nicht so klingen wie die Musizierweisen, die heutzutage angesagt sind.


    Zurück zu DiFiDi: Man kann sicherlich Einiges mit Fug und Recht anders singen, als er es getan hat - es (innerhalb seines musikalischen Idioms) besser zu singen, wird hingegen extrem schwer bis nahezu unmöglich sein.


    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

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  • Der Bariton Benjamin Appl, einst Meisterschüler von Dietrich Fischer-Dieskau, hat beim Label Alpha eine CD mit Buch als Hommage für seinen Mentor veröffentlicht.


    Es lohnt den kurzen Film in der Produktinformation anzusehen.

    DFD als Lehrer, Flügel mit Unterschriften, Wohnhaus in Berlin, Selbstportrait, Büste in der Deutschen Oper



  • Dank an moderato für den Hinweis auf diese Neuerscheinung, mit der sich der Bariton Benjamin Appl seines Lehreres Dietrich Fischer-Dieskau erinnert, dessen 100. Geburstag am 25. Mai 2025 zu gedenken ist. Was Fischer-Dieskau in seinen Schüler hinterlassen hat, dürfte die Lektüre und das Hören weiter zu Tage fördern. Ich habe da so meine Zweifel, denn beider Zusammenarbeit erstreckte sich wohl nur auf eine überschaubare Anzahl von Stunden.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Anlässlich seines hundertsten Geburtstages



    Die Kritik eines Fischer-Dieskau-Liederabends mit der „Schönen Müllerin“ im August 1960 leitete Joachim Kaiser mit den Worten ein:
    „Muß zum seinem Lobe noch etwas gesagt werden? Er ist gewiß das größte Talent, das seit dem Zweiten Weltkrieg auf den Konzertpodien Europas erschien; seine Wiedergabe der >Schönen Müllerin< ergriff und war vollendet.“

    Er war, wenn auch vielleicht nicht das „größte“, so doch ganz sicher ein großes, ein herausragendes Talent. Aber seine eigentliche Bedeutung liegt, so ist heute anlässlich seines hundertsten Geburtstages festzustellen, nicht nur in der tief beeindruckenden Eigenart seines Liedgesanges, sondern darin, dass er damit Geschichte geschrieben hat.
    Zum ersten Mal in dessen Verlaufsgeschichte wurde bewusst, dass ein Kunstlied mehr ist als klangschöne textgetragene Melodik, man erlebte und erkannte, dass es in Musik gesetzte Lyrik ist, musikalische also.
    Dass sich im Lied neben und in Einheit mit der Musik Lyrik in ihrer genuinen Aussage artikuliert, das wurde als neue Erfahrung den Hörern im Konzert und zu Hause in der Schallplattenaufnahme erstmals bewusst, und sie fühlten sich tief angesprochen und berührt. Ich vergesse nie das staunend fassungslose Gesicht des Schriftstellers Peter Härtling, dem ich nach dem gemeinsamen Erlebnis einer „Winterreise“-Interpretation durch Fischer-Dieskau am Ausgang des Konzertsaales zufällig begegnete.

    In dem vorangestellten Lied „Auf dem Wasser zu singen“ (D 774) ist das sehr deutlich zu vernehmen und zu erkennen. Die mit einem Sextsprung einsetzenden und die Melodik in ihrer Aussage maßgeblich prägenden, weil die spielerisch-tänzelnde Bewegtheit der lyrischen Bilder reflektierenden Sechzehntel- Fallfiguren werden je nach Bild in unterschiedlicher Weise gesanglich ausgeführt, die die lyrische Aussage konstituierenden Worte erfahren eine dezente deklamatorische Hervorhebung, wie das zum Beispiel bei „winket“ oder „atmet“ der Fall ist, indem die von Schubert ja schon durch den gedehnten Sekundsprung, bzw. Quartfall besonders betont wird. Die Art und Weise, wie Fischer-Dieskau das Wort „atmet“ vorträgt, dem eine zentrale lyrische Funktion zukommt, ist ganz typisch für sein gesanglich-interpretatorisches Grundkonzept. Die lange, fast zwei Takte einnehmende Dehnung, die Schubert auf es legt, wird von ihm auf höchst differenzierte Weise ausgeführt, in einer an- und abschwellenden und im gedehnten Sekundfall am Ende gleichsam ausklingenden Dynamik nämlich.
    Die spezifische Eigenart der Melodik, dass sie nämlich immer wieder vom „Es“ ausgehend und zu ihm zurückkehrend Wellen gleichsam unterschiedlicher Größe zeichnet, dabei tänzerische Walzerrhythmen generiert und sich in „schwelgerisch österreichischer Singseligkeit“ entfaltet, wie Fischer-Dieskau das selbst formuliert hat, wird in dieser gesanglichen Interpretation auf geradezu beseligende Weise vernehmlich.

    Ja, es ist so. Mit seinem neuen interpretatorischen Konzept des Kunstlied-Gesangs hat Dietrich Fischer-Dieskau Geschichte geschrieben. Das zeigt sich darin, dass die nachfolgende Generation der Liedsänger und -sängerinnen darauf aufbaut, es fortführt und weiterentwickelt.

  • Lieber Helmut Hofmann


    Ich danke für deine Würdigung des Liedsängers Dietrich Fischer Dieskau und dass du uns dieses Schubert-Lied ausgesucht hast. Ich bin jedes Mal ergriffen, wenn ich es in seiner und Gerald Moores Interpretation höre. Dass du Peter Härtling und seine Reaktion nach einem Liederabend dieses Sängers erwähnst, berührt mich in besonderer Weise.


  • Sie erfreuen mich, deine Worte, lieber moderato. Peter Härtling hatte ein besonderes Verhältnis zu Franz Schubert, wie aus seinem 1992 bei Suhrkamp erschienenen Roman "Franz Schubert" ersichtlich wird. Ich kannte ihn übrigens gut. Er wohnte nicht weit von mir in derselben Stadt, und ich besuchte ihn auch mal in seiner Wohnung. Ein überaus sympathischer Mensch. Hab tief getrauert, als ich von seinem Tod 2017 erfuhr.


    Einen Nachtrag möchte noch machen, die letzte Feststellung in meinem voranstehenden Beitrag betreffend. Ich dachte dabei u. a. an Christian Gerhaher. In einem Gespräch mit Jürgen Kesting, vorzufinden im Feuilleton der FAZ vom 26. 5., hält dieser ihm am Ende entgegen:

    "Wenn er an einem freien Abend die freie Wahl habe, so hat der Kritiker John Steane gesagt, greife er nicht zu Fischer-Dieskau. >Die Liebe zu ihm ist nicht Eros, sondern Caritas. Ich dürste nicht nach Fischer-Dieskau<."

    Darauf antwortet Gerhaher:

    "Ich muss gestehen, dass ich mir im Moment generell nicht allzu vieles anhöre. Ich habe aber so vieles von Fischer-Dieskau gelernt, weil, als ich begann, es mich nach seinen Aufgaben gedürstet hat. Dieser Durst ist ziemlich gestillt, und das finde ich auch ganz normal. Im Ohr habe ich ihn aber immer noch, oft genug vorbildhaft."