Charles Ives: UNIVERSE SYMPHONY

raphaell · 2 Beiträge · letzte Antwort von Davidoff

  • Hallo liebe Experten,


    Ich habe letzte Zeit immer häufiger von der unvollendeten, gigantisch dimensionierten "Universe Symphony" des originellen US-Komponisten Charles Ives gehört. Ives hinterlies das Werk als Fragment, forderte aber nachfolgende Komponisten auf, das Werk anhand der Skizzen und Fragmente zu komplettieren.


    Ich weiß leider nur wenig über das Großprojekt - angeblich hat Ives geplant, mehrere Orchester in einem Gebirge zu platzieren und diese in unterschiedlichen rhytmischen Gruppen und musikalischen Linien anzuordnen.
    Die Symphonie soll die Schöpfung der Erde und des Universums nachzeichnen.
    Ives hielt diese Vision jedoch von anfang an als zum scheitern verurteilt...


    In den Späten neuziger Jahren des 20.Jahrhunderts entstanden 3 aufführbare Versionen verscheidener Komponisten (D. Porter (1993), L. Austin (1994), and J. Reinhard (1996)). Zwei einspielungen habe ich spontan bei jpc entdeckt:



    Meine Frage an euch: Kennt ihr die Symphonie(en)? Was ist davon zu halten? Wie weit war Ives mit der Komposition vorrangeschritten (wie viel Fragment gab es) und in wie weit werden die Vervollständigungen Ives Ideen wohl gerecht? Ich wäre auch sehr über weitere, allgemeine Informationen dankbar!


    LG
    Raphael

  • Charles Ives (1874 - 1954 )


    Universe Symphony



    Part 1 - "Past: Formation of the waters and mountains"


    (Teil 1 - “Vergangenheit: Bildung der Gewässer und Gebirge”)



    Part 2 - "Present: Earth, evolution in nature and humanity"


    (Teil 2 - “Gegenwart: Die Erde, Evolution in Natur und Menschheit)



    Part 3 - "Future: Heaven, the rise of all to the Spiritual"


    (Teil 3 - “Zukunft: Der Himmel, Aufstieg zum Geistigen”)



    Entstehung: 1911 - 1928
    Verlag: Peer Music, New York / Hamburg
    Dauer, Fassung David Porter: ca. 65 Minuten
    Dauer, Fassung Larry Austin: ca. 36 Minuten
    Dauer, Fassung Johnny Reinhard: ca. 63 Minuten




    Flyer der Uraufführung der Johnny Reinhard Version 1996



    Orchester, Version Porter:


    Earth:


    1 Flöte, 2 Oboen, 3 Klarinetten, 3 Fagotte


    4 Hörner, 4 Trompeten, 4 Posaunen, 1 Tuba


    Schlagzeug (11 Spieler)


    Streicher


    Heavens:


    3 Flöten, 1 Oboe, 1 Klarinette


    1 Klavier


    Streicher



    Orchester, Version Austin:


    1 Piccoloflöte, 2 Flöten, 1 Altflöte, 2 Oboen, 1 Englischhorn, 3 Klarinetten, 1 Bassklarinette, 2 Fagotte, 1 Kontrafagott


    4 Hörner, 4 Trompeten, 2 Posaunen, 2 Bassposaunen, 1 Tuba


    Schlagzeug (24 Spieler)


    2 Klaviere, 1 Harfe


    Streicher



    Orchester, Version Reinhard:


    9 Flöten, 2 Oboen, 3 Klarinetten (auch Bassklarinette), 5 Fagotte, 2 Kontrafagotte


    4 Hörner, 5 Trompeten, 4 Posaunen, 2 Tuben


    Schlagzeug (12 Spieler)


    1 Klavier, 1 Celesta, 1 Orgel, 1 Overtone Machine


    Streicher




    Charles Ives



    An dieser Stelle möchte ich gerne Teile eines Originalbeitrag von Johnny Reinhard vorstellen. Wie ich finde, der beste Einführungstext zur Universe Symphony.



    Über Stimmung und Zeitmaß: Zur Aufführungspraxis von Charles Ives’ Universe Symphony


    Von Johnny Reinhard


    Charles Ives gilt seit langem als der prominenteste amerikanische Komponist symphonischer Werke. Seine vierte Sinfonie; so die Einschätzung; sei bedeutender als alle nachfolgenden Werke seiner amerikanischen Zeitgenossen. Mit der Universe Symphony brach Ives als Komponist zu neuen Ufern auf. Die vorliegende Aufnahme ist die erste käuflich zu erwerbende Aufnahme der Fassung von Johnny Reinhard. Hier sind viele bemerkenswert neue kompositorische Einfälle zu hören. Die Fassung steht auf der Grundlage extensiver neuerer Forschung, fügt aber (dies hat die Ives Society bestätigt) nichts zu dem hinzu, was nicht schon in den vorhandenen Skizzen des Komponisten vorgegeben ist. Auch nimmt diese Fassung keine Änderungen der vom Komponisten festgelegten Instrumentierung vor. Nach unseren jetzigen Erkenntnissen dessen, was Ives mit diesem Werk deutlich vor Augen hatte, handelt es sich um eine außerordentliche Musik, geradezu verstörend in ihrer Originalität.


    Manchem Leser mag der Titel verwirrend erscheinen, denn gab es nicht schon früher eine Universe Symphony? Das ist in gewissem Sinne richtig: Eine frühere Aufnahme unter diesem Titel ist, wie mir scheint, in Wahrheit das Werk eines anderen Komponisten, nämlich Larry Austin, der sich Elemente von Ives’ musikalischen Eingebungen zu Eigen machte. Eine getreue Aufführung der Universe Symphony im Sinne Ives’ aber erforderte jemanden, der wie ein Kurator und wie ein Richter die sehr detaillierten Angaben des Komponisten durchsah und über sie entschied. Tatsächlich habe ich zur Partitur wenig zugefügt im Vergleich zu der überwältigenden Fülle dessen, was der große Komponist selbst zusammengetragen hat. Ives unternahm verzweifelte Anstrengungen sein Werk zu vollenden, nur fehlte ihm die notwendige physische Kraft.


    Für gewöhnlich ist ein Symphonieorchester ein Ensemble aus Holz- und Blechbläsern in je zweifacher Besetzung sowie Streichern und einer Schlagwerkgruppe von bis zu vier Musikern. Ives’ Komposition weicht geradezu dramatisch von dieser Konvention ab. Für Ives selbst war sein Werk „nicht eigentlich Musik“, er umschrieb es vielmehr als ein „Schöpfungsgemälde“. Seine ganz aus dem Rahmen fallende Instrumentierung schreibt die ungewöhnliche Zahl von neun Flöten vor, jede mit einer eigenen Stimme, zwei Oboen, fünf Fagotte (zwei verstärkende Kontrafagotte) und drei Klarinetten (eine Bassklarinette). Im Vergleich dazu gibt es nur wenige Streicher: acht Violinen, fünf Bratschen, vier Celli und drei Kontrabässe. Nur die Besetzung der Blechbläser erinnert trotz der größeren Besetzung an die Tradition der Romantik. Vorgeschrieben sind fünf Trompeten, vier Hörner, vier Posaunen und zwei Tuben. An Tasteninstrumenten kommen Flügel, Orgel und Celesta hinzu.


    Für die Uraufführung am 6.Juni 1996 in der Alice Tully Hall in New York wurden 14 Schlagzeuger eingesetzt, was dem Werk ein überaus farbiges Kolorit gab. Eine Symphonie ist im Allgemeinen in drei oder vier Sätze unterteilt, die durch Pausen von einander getrennt sind. Ganz anders die Universe Symphonie, die sich in drei ausladende Teile gliedert, denen jeweils ein Vorspiel von unterschiedlicher Länge vorausgeht. Drei Orchestergruppen, in welche sich das volle Orchester untergliedert, führen wie in einer Ouvertüre ihre Motive ein. Die erste vermittelt den „Pulsschlag des Kosmos“, die zweite symbolisiert die Erde, die dritte den Himmel. Alle drei vereinigen sich in 64 gewaltigen Minuten zu einem Gegeneinander von ungezügeltem Chaos und einer genau bemessenen Vorstellung von Ruhe und Frieden. Hier werden wahrlich die traditionellen Strukturen ins Metaphysische gewendet. Der Grundschlag im 4/4-Takt –Tempobezeichnung ist Largo – liegt bei einem Metronomschlag von 30 pro Viertel, ein wahrhaft langsames Metrum, langsamer, als es ein konventionelles Metronom zu schlagen vermag.


    Die Universe Symphony zeigt eine rhythmisch völlig neuartige Grundstruktur, die ganz vom Schlagwerk bestimmt wird. Der „kosmische Pulsschlag basiert auf sich wiederholenden, 16 Sekunden langen Zeiteinheiten, auch „Basic Units“ (kurz „BUs“) bezeichnet. Das erste Vorspiel besteht fast ganz aus Schlagwerk und dauert eine halbe Stunde. Naturgewalten symbolisierend zieht es sich durch das ganze Werk. Der Schlag des Dirigenten, der im Zeitmaß zwei Sekunden entspricht, stimmt nur selten überein mit dem Schlag der Schlagwerkgruppe oder dem Spiel der anderen Instrumente – ein erstaunliches Phänomen für den Konzertbesucher. Für jede der einzelnen Untereinheiten innerhalb des 16 Sekunden- Maßes bestimmte Ives ein genau bezeichnetes Schlaginstrument. Er brachte seine „BUs“ wie aus der nachstehenden Liste hervorgeht auf verschiedene Nenner, auch auf Primzahlen wie 13 und 43. Damit griff er zu einem ganz ungewöhnlichen Mittel, mit dem die einzelnen „Units“ in ihrer rhythmischen Ausrichtung abwechselnd unscharf und wieder genau fokussiert hörbar werden.


    Schlaginstrumente und verwandte Abschnitte der 16 Sekunden-Zeiteinheit:


    tiefe Glocke - Abschnitt 1
    Basstrommel & Becken/ Basstrommel - 2 Abschnitte
    tiefer Gong
    Basstrommel - 4
    Kesselpauke - 5
    Triangel 12 (statt 6 Abschnitte)
    hoher Gong - 7
    hölzerne Trommel - 8
    piccolo timpani - 9
    Indian Drum -10
    Snare Drum - 11
    zwei verschiedene Metallpfeifen - 12
    Klapper- und Rasselinstrumente - 13
    Xylophon mittlerer Größe - 14
    Tonpfeife - 15
    Holzblöcke verschiedener Größe, Bretter und Eimer - 16
    tief gestimmtes Xylophon - 17
    großes Tamburin - 19
    kleine Triangel - 21
    Holzblock - 23
    Beckenschlag aushaltend - 31
    Gläser - 37
    Trommelrand - 41
    kleine Eisenstangen - 43


    Das Werk enthält insgesamt zehn solcher Zyklen für Schlagzeug, die aufeinander folgend mit jeweils einer bestimmten Klangfarbe sich verstärken, dann nach der Klimax symmetrisch abebben und schließlich in einem einzigen leisen Glockenton verstummen. Ives entwickelte seine zyklischen Polyrhythmen für Schlagzeug bereits 1913, wie aus den frühesten Notizen für die Universe Symphony hervorgeht. Danach hat er systematisch einen Satz von Maßeinheiten entwickelt ‑ jeweils mit besonderen Polyrhythmen, um damit programmatisch die Entstehung und die Vielschichtigkeit des Universums musikalisch zu gestalten. Die anderen Instrumente sind dem wogenden und pulsierenden Schlagwerk aufgetragen.


    Um ungewöhnliche Klangeffekte zu erzielen, setzte Ives eine Art „Stimmgerät“ ein, eine abweichend gestimmte Harfe, einen Eimer, der rhythmisch auf eine Kiste fallen sollte (wie in Cycle I und, zur Magie gesteigert, in Cycle X) und einen „Marmorblock“, für den es im Notentext besondere Spielanweisungen gibt (so in der freien Kadenz für Schlagzeug in Cycle VII.) Für unsere Aufnahme wurde eine Gitarre so angepasst, dass sie einen ausgehaltenen, harmonisch-seriellen Akkord ergibt. Für die Aufführungspraxis finden sich sehr charakteristische Angaben. So soll der Harfenist mitten im Stück die Instrumente wechseln, um die Stimmung zu ändern, und wieder zurückkehren zum ersten Instrument. Die tief gestimmten Kesselpauken erhöhen in Cycle II ihr A zu As, während die Piccolo Timpani in Cycle III von E nach Es herab gestimmt werden. Der Marmorblock schließlich zeigt in akustischer Verstärkung seine volle Bedeutung und schließt auf großartige Weise die improvisierte Schlagwerkskadenz in Cycle VII.


    Das ganze Orchester erklingt in Cycle IV. Tiefer gestimmte Instrumente bestimmen den Klang des „Earth Orchestra“. Flöten, Geigen, Bratschen, eine einzelne Klarinette, ein durchgestimmter Satz Glocken und eine Celesta sind jeweils in einer eigenen Zeiteinheit platziert, um dann im eigenständigen „Heavens Orchestra“ zu ihrem vollen Recht zu kommen. Die drei in ihrer Konzeption eigenständigen Orchestergruppen stehen sich jetzt gegenüber und realisieren in Ausdehnung, Klangfarbe und ihrer charakteristischen rhythmischen Anlage, was Ives entworfen hat, um Größe und Glanz unseres Universums musikalisch zu gestalten. Die Viertelnote entspricht auf dem Metronom jetzt dem Skalenwert 45; drei Maßeinheiten für das „Heavens Orchestra“ stehen gegen zwei für das „Earth Orchestra“.


    Weitestreichende musikalische Intentionen sind bekanntlich kennzeichnend für Charles Ives. Vergleicht man die Universe Symphony mit anderen Kompositionen seines Œuvres, so fällt auf, dass sie keine Zitate aus anderen Werken enthält. Diese Symphonie ist ein groß angelegtes, eng zusammen gefasstes programmatisches Werk; es bleibt eigentümlich abstrakt. Seine anderen symphonischen Werke wie die Holiday Symphony oder die Three Places in New England (auch bekannt unter dem Titel Orchestral Set 1 und Orchestral Set 2) sind nicht – wie in Werkverzeichnissen üblich – nummeriert.


    Die Arbeit an der Partitur konnte zum Abschluss gebracht werden, nachdem die vorhandenen Skizzen der Universe Symphony ausgewertet waren. Diese Aufgabe wurde wesentlich erleichtert durch John Mauceri – früher Bibliothekar der Yale Music Library, heute ein international bekannter Dirigent, der Ives’ handgeschriebenes Manuskript überarbeitete. Zusammen mit den von Todd Vunderink (Peermusic) akribisch gesammelten Skizzen war es schließlich und endlich möglich, die Partitur und eine allererste Konzertfassung einzurichten. Es waren einige der versiertesten Musiker aus New York, die dann 1996 im Lincoln Center die Symphonie zur Welturaufführung brachten; ich selbst dirigierte das für diese Aufführung zusammengestellte „American Festival of Microtonal Music Orchestra“.


    Unsere Aufnahme ist die radikale Lösung einer radikalen Komposition; sie stellt die Hoffnungen, die der Komponist Ives mit seiner Schöpfung verband, klar heraus. Es ist niemals auf irgendeine Weise bezweifelt worden, dass Ives im Zustand physischer Überforderung geradezu verzweifelt darauf setzte, dass jemand sein Werk vollenden würde. Was er in seinem veröffentlichten Memorandum zur Symphonie schreibt und schon früher in seinen ganz persönlichen Aufzeichnungen notiert hatte, ist klar und deutlich: „Ich beziehe mich auf Obenstehendes, weil im Fall, dass ich dies nicht zu Ende bringen kann, jemand vielleicht gern versuchen möchte, die Idee auszuführen; für die Betrachtung der Skizze, die ich schon erstellt habe, könnte diese Erklärung hilfreich sein.“


    Ich habe dies als offensichtliche Einladung aufgenommen. Weniger phantasievolle Kritiker könnten voreilig die Anwendung und das Wagnis solchen Unternehmens verkennen. Sie könnten immer sagen, das Stück sei nun einmal Stückwerk, seiner skizzenhaften Natur unterworfen. Sammelt man aber die detaillierten, für Ives charakteristischen Anweisungen und ordnet sie wie lose Blätter, so zeigt sich deutlich die Richtung und der Weg von den praktischen Belangen zu einer ganz neuen Welt, zu einem „Universum“ an Details. Wer behauptet, zu viel sei unwiederbringlich verloren, um das Werk zu vollenden, für den ist diese Aufnahme ein klarer Gegenbeweis. Gar nichts fehlt; für alles hat Ives glücklicherweise gesorgt.


    Wer sich in die Welt von Ives’ Musik begibt, wird immer auf Unerwartetes stoßen; die Stimmung der Universe Symphony entspricht nicht der gleichstufig temperierten Stimmung, bei der die Oktave in zwölf gleiche Halbtöne unterteilt ist. Diese Tatsache mag überraschen. Ives’ Vater war Kapellmeister im amerikanischen Bürgerkrieg gewesen und experimentierte leidenschaftlich mit Musik; und von ihm lernte Ives in seiner Jugend, dass man Stimmung verändern und aus der Veränderung gewünschte Effekte erzielen kann. Durch die Lektüre von Hermann Helmholtz’ Lehre von den Tonempfindungen in der englischen Übersetzung von Alexander J. Ellis bekanntlich ein Meilenstein in der Musikgeschichte gelangte Ives zu einer eigenen mikrotonalen Auffassung von Notation und Stimmung - eine reizvolle Alternative zur konventionellen Stimmung.



    Weiter Informationen:


    The Charles Ives Society


    Kompletter Beitrag zur Universe Symphony von Johnny Reinhard


    Charles Ives bei Peer Music



    Einspielung:


    American Festival of Microtonal Music Orchestra
    Johnny Reinhard




    Davidoff

    Verachtet mir die Meister nicht