Neujahrskonzert 2008

  • Als jemand, der seit einigen Monaten das Experiment lebt, ohne Fernseher auszukommen, habe ich zum ersten Mal das Neujahrskonzert live im Radio verfolgt.
    Ich muß sagen: Mich hats erstmals nach langen Jahren wieder mitgerissen und obwohl ich nicht gerade ein Fan dieser Musik bin, hats mich doch des öfteren in den Bann gezogen. Vor allem blieben mir natürlich die Tanzeinlagen erspart. :D


    lg
    Sascha

  • Tja, meine Lieben, auf die Gefahr, daß mich manche für einen Vaterlandsverräter halten: Pretre hat in meinen Ohren sowohl einen klassischen Strauß dirigiert, aber auch die Kontraste und Übergänge perfekt geschafft. Das war kein sehr spielerischer Strauß, aber auch kein steifer. Er war bei weitem besser als Janssons und andere. Nur bei oberflächlichem Hinschauen konnte man glauben, daß er das Orchester immer wieder sich selbst überließ. Aber er dirigierte mit kleinsten Gesten, Blicken, Lippenbewegungen - und ich hatte immer das Gefühl, daß die Musiker ihn verstanden und mitgingen. Er wirkte ausgesprochen souverän und sympathisch. Ich habe sonst nichts gegen ein bißchen Theatralik am Pult, aber das war vorbildlich.
    Sicher war das kein Strauß für die dynamische Jugend (meine sonst ziemlich straußerfahrene, aber eher tanzorientierte ältere Tochter und nicht nur sie fand es zu langweilig), sondern für diejenigen, die sich mehr in diese Musik versenken und sie nicht nur als Begleitung zum Hopsassa empfinden. Pretre hat damit eine Qualität vorgegeben, die nicht so leicht wieder zu erreichen sein wird.
    Den Kommentar von Barbara Rett fand ich ganz in Ordnung und auch nicht zu leise (heuer redete allerdings die Familie nicht hinein :pfeif: ). Die Fußballerei war wahrscheinlich unumgänglich, denn wir werden hier dauernd in diese Richtung zwangsbeglückt. Offenbar haben die hohen Politiker eine Heidenangst, da könnte was schiefgehen, oder - noch schlimmer - die Leute strömen nicht in den gewünschten Massen hin.


    LG


    Waldi

  • Hallo zusammen,


    auch mir hat das Neujahrskonzert sehr gefallen, obwohl ich nicht in der Lage bin ein Dirigat einzuschätzen.


    Mir gefällt die Musik als solche und wenn Ihr schreibt das das Dirigat erstklassig war, dann glaube ich es Euch. Dennoch möchte auch ich mich kurz äußern.


    Zitat

    original Gurnemanz


    Eure Begeisterung kann ich nun ganz und gar nicht nicht teilen: Ich hatte den Eindruck, Pretre war ganz in seiner Musik, hörte sie innerlich, ging in ihr auf, war aber in SEINER Welt, ohne Kontakt mit dem Orchester, das die Werke routiniert, fast lustlos herunterspielte.


    Diesen Eindruck hatte ich überhaupt nicht. Natürlich muss Pretre die Musik innerlich gehört haben, er hat ohne Partitur (auswendig) dirigiert. Ich hatte aber den Eindruck, dass er das Orchester sehr wohl erreichte und dieses die Musik sehr lebhaft, glaubhaft und voller Spielfreude an das Publikum gebracht hat.


    Es war in meinen Ohren ein wirklich schönes Neujahrskonzert.


    LG


    Maggie

  • Zitat

    Edwin B.
    Nur schade, daß das Fernsehen die Tanzereien dazwischengeschaltet hat - mir wär's am liebsten gewesen, die Kamera wäre statt dessen auf Prêtre geblieben, der obendrein ein wesentlich grazilerer Tänzer war...


    Das Gehopse ist wirklich auch nicht meine Sache....
    Noch belangloser, heißt langweiliger, war aber der Pausenfilm. Da hat man schon besseres von Herrn Riha gesehen...
    Zu Pretre: Einen musikantischeren Dirigenten wird man wohl nicht so schnell wieder finden können. Daß Pretre erst heuer das Neujahrskonzert dirigiert ist aber wohl die Schuld der WPhil, die einen ehemaligen Chefdirigenten der WSymph wohl prinzipiell selten engagieren, sondern lieber Pausenclowns und Langeweiler wie M....a und M....l.:stumm:

  • Hallo Theophilus,
    das Tempo walzermäßig nicht halten, ist gar nicht so schwer, das haben selbst stramme Taktschläger geschafft - kein Wunder mit diesem Orchester. Aber Du hast zweifellos gemerkt, wie raffiniert Prêtre die Tempdramaturgie aufgebaut hat: Er beginnt den Walzer mit einem relativ instabilen Tempo, das er sukzessive auf den regulären Puls (inklusive Walzer-Agogik) einpendelt, führt den Höhepunkt herbei und wird wieder instabiler, um die Überleitung zu modellieren. Die Geschmeidigkeit der Bewegung ist wirklich unbeschreiblich!
    Ich muß sagen, ich bin platt. Ich habe ein derartiges Gefühl für den Aufbau einer scheinbar simplen Musik eigentlich noch nicht erlebt - Kleiber ist ja grundsätzlich anders vorgegangen.


    Andere Frage: Haben wir Tänzer/innen unter uns? Mich würde interessieren, ob das und auch die Höllentempi bei den Galoppen noch tanzbar wären (nicht nur vom geschulten Ballett, meine ich). Ein negatives Urteil würde nichts an meiner Meinung über das Konzert ändern. Nur habe ich das Gefühl, daß sich Prêtre vom Gesellschaftstanz ziemlich weit wegbewegt hat und ihn nur noch durchschimmern hat lassen.


    :hello:

    ...

  • Lieber Edwin,


    Erstens noch ein glückliches 2008.
    Ich kann mich irren, aber bekam den Eindruck, daß die Tänzer, als sie neben und im Saal waren, genau das Tempo folgten. Das war also jedenfalls tanzbar. Und das, obwohl da ziemlich viel Tempoänderungen stattfanden. Sie folgten sehr gut.


    LG, Paul

  • [zitat]Zitat Edwin Baumgartner:
    Kleiber ist ja grundsätzlich anders vorgegangen.[/zitat]
    Inwiefern anders? Würde mich interessieren, da ich gerade gestern und heute C. Kleibers Strauß-Interpretationen mit großer Begeisterung gehört habe und, mit diesen noch im Ohr, Prêtre heute begegnete - um dann, wie beschrieben, enttäuscht zu werden. "Geschmeidigkeit der Bewegung" fand ich eher bei Kleiber.

  • Lieber Paul,
    Dir auch ein glückliches und gesegnetes Jahr 2008.
    Du hast recht mit Deiner Beobachtung - aber das waren Ballett-Tänzer beim Walzer. Mich würde aber interessieren, ob ein Normal-Tänzer diese Tempi beim Galopp noch schaffen würde. (Ich bin ein totaler Tanzmuffel, leider.) Mir erschienen diese Tempi absolut umwerfend, wirklich auf die Spitze getrieben. Aber kann man bei dieser Bewegung wirklich noch Schritt halten?



    ***


    Hallo Gurnemanz,
    ich würde sagen, daß Kleiber den Walzer als fertiges Produkt genommen und gestaltet hat - und das mit unendlich viel Geschick. Bei Prêtre hatte ich hingegen das Gefühl eines permanenten Werdens, einer Dynamik der Enstehung. Abgesehen davon scheint mir Kleiber näher an der Tanzmusik gewesen zu sein und Prêtre näher an der Symphonik. Außerdem hat Kleiber den Puls stärker betont, Prêtre hingegen den Fluß.
    Schwer zu sagen, was mir lieber ist - ich halte beides für großartig!


    :hello:

    ...

  • Zitat

    Original von Gurnemanz
    ... Würde mich interessieren, da ich gerade gestern und heute C. Kleibers Strauß-Interpretationen mit großer Begeisterung gehört habe und, mit diesen noch im Ohr, Prêtre heute begegnete - um dann, wie beschrieben, enttäuscht zu werden. "Geschmeidigkeit der Bewegung" fand ich eher bei Kleiber.


    Der kapitale Fehler! Du hättest es umgekehrt machen sollen. Zuerst das Konzert unvoreingenommen anhören und dann mit der geliebten Kleiber-Aufnahme vergleichen. Auf diese Weise hättest du eine Chance gehabt, das Neue einigermaßen richtig einzuschätzen. So aber hast du dich mit Kleiber geprägt und konntest Prêtre gar nicht würdigen.

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hat Pretre mit seiner "Walzeragogik" (Herr Baumgartner) nicht manchmal doch arg übertrieben? Auch einige Tempi (z.B. Einleitungen) waren verdammt und ungewohnt langsam.

  • Zitat

    Original von schiral
    Auch einige Tempi (z.B. Einleitungen) waren verdammt und ungewohnt langsam.


    Lieber Schiral,


    Natürlich waren einige Tempi ungewöhnlich langsam, aber Pretre hat sich nicht an die Mainstream-Interpretationsweise gehalten, sondern gezeigt, was alles in dieser Musik drinsteckt - was er geboten hat, war "neu" und werkgerecht zugleich. Vielleicht hast Du Dich mit einer Erwartungshaltung vor den Fernseher gesetzt, die nicht ganz gemäß war (obwohl ich sie irgendwie verstehe, denn früher wollte ich auch nur "meinen" Strauß hören). Strauß jetzt als pars pro toto gemeint.


    Ich habe die Erfahrung gemacht, daß nach -zig Neujahrskonzerten eine normale Straußinterpretation, auch wenn sie wirklich gut ist, ein wenig Gefahr läuft, abgelutscht zu wirken. Das heißt nicht, daß ich für jede Neuerung zu haben bin (Harnoncourt etwa hat mich nur teilweise angesprochen - er bewies mehrere Male, daß er blendend Strauß dirigieren kann, ohne in Routine zu verfallen, aber vieles wirkte eher etwas eigenbrötlerisch). Pretre führte uns unspektakulär und weise auf ein wenig ungewohnten Bahnen, aber so, daß es stets stimmig war. Er hat nie verleugnet, daß er ein Franzose ist und kein Wiener, aber erstens ist wienerischer Strauß nicht immer und überall das alleinige Maß aller Dinge, und zweitens steckt auch im Wienertum sehr viel französische Anregung (die Ringstraßenkultur wäre ohne Paris etc. gar nicht zu denken).


    Daher glaube ich, daß Pretre eine ausgezeichnete Wahl war, und bedaure nur, daß er den Philharmonikern nicht schon früher eingefallen ist. Barenboim wird sich nächstes Jahr anstrengen müssen, um da mitzuhalten.


    LG


    Waldi

  • Zitat

    Original von schiral
    Hat Pretre mit seiner "Walzeragogik" (Herr Baumgartner) nicht manchmal doch arg übertrieben? Auch einige Tempi (z.B. Einleitungen) waren verdammt und ungewohnt langsam.


    "Arg übertrieben"? - Meiner Meinung nach nicht. Eine Agogik in langsamem Tempo bei permanent geschlagenem Rhythmus (Hm-ta-ta-Begleitung) fällt nur wesentlich mehr auf. Die Relation zwischen Grundtempo und Agogik war meiner Meinung nach korrekt.


    "Verdammt und ungewohnt langsam" - Ja, und? Ungewohnte Tempi führen mitunter zu ungewöhnlichen Erlebnissen! :D


    :hello:

    ...

  • Lieber Herr Krause,


    erwarte bei der Übertragung des Neujahrskonzertes natürlich nicht "the same procedure as every year" und/oder die Reprodukion "meiner" Strauß-Bilder (oder besser Töne); auf der anderen Seite auch nicht - wie viele übersättigte Musikkritiker - was ganz Neues, Unerwartetes.


    Natürlich läßt jedes Musikstück - entschuldigen Sie diese Binsenwahrheit - ein ganze Bandbreite an Interpretationen zu. Aber wann führt das "ungewöhnliche Erlebnis" (Herr Baumgartner) zu einer Verfälschung des Stückes? (vergleichbar mit der vielfach abgehandelten Diskussion über das sog. Regietheater)


    A propos Bandbreite der Interpretation: habe bisher nur bei den Fritz Reiner-Aufnahmen mit dem Chicago Symphonie Orchestra in mehreren Strauß-Sohn-Walzern "Drehorgelmotive" (wie auf dem Rummelplatz) gehört, z.B. Klarinetten in Rosen aus dem Süden. Diese gehen meistens im Mainstream-Mischklang völlig unter. Allerdings bin ich nicht Kenner genug, um hier ein "Alleinstellungsmerkmal" behaupten zu können.

  • Zitat

    Original von Walter Krause


    Natürlich waren einige Tempi ungewöhnlich langsam, aber Pretre hat sich nicht an die Mainstream-Interpretationsweise gehalten, sondern gezeigt, was alles in dieser Musik drinsteckt - was er geboten hat, war "neu" und werkgerecht zugleich. Vielleicht hast Du Dich mit einer Erwartungshaltung vor den Fernseher gesetzt, die nicht ganz gemäß war (obwohl ich sie irgendwie verstehe, denn früher wollte ich auch nur "meinen" Strauß hören).


    Hallo Waldi,


    um daran einmal anzuknüpfen: Ich halte "die Libelle" für ein wunderschönes Kleinod; die Polka mazur ist für mit das schönste, was Strauß jemals geschrieben hat.


    Kleiber spielte "die Libelle" 1989 unvergleichlich schwungvoll ein, sein Dirigat bestärkte diesen Eindruck.


    Später hörte ich irgendwann Maazel (meine ich), der die Polka in einem seiner früheren Konzerte aufnahm-ein "Repertoirewerk" ohne Rafinesse.


    Prêtre hingegen beschrieb eine unendlich zarte, feingliedrige, zerbrechliche "Libelle".


    Ein geliebtes Werk ganz anders und neuartig interpretiert (und für mich der Grund, mir auch wieder einmal eine Aufnahme des Neujahrskonzerts zuzulegen...). :jubel:

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Zitat

    Original von Norbert


    um daran einmal anzuknüpfen: Ich halte "die Libelle" für ein wunderschönes Kleinod; die Polka mazur ist für mit das schönste, was Strauß jemals geschrieben hat.


    Sphärenklänge? Dorfschwalben? Dynamiden? Josef war schon ein ziemlich guter Komponist, in der Instrumentation eher noch raffinierter als Johann.


    Zitat


    Kleiber spielte "die Libelle" 1989 unvergleichlich schwungvoll ein, sein Dirigat bestärkte diesen Eindruck.


    Später hörte ich irgendwann Maazel (meine ich), der die Polka in einem seiner früheren Konzerte aufnahm-ein "Repertoirewerk" ohne Rafinesse.


    "Die Libelle" ist jedenfalls in jedem dritten Neujahrskonzert oder so zu hören, nicht unbedingt ein Geheimtip, wiewohl ein sehr schönes Stück.
    Leider habe ich mit Pretre nur ein paar Stücke auf einem schlechten kleinen Radio mitbekommen (erfreulich immerhin Lanners Hofballtänze überhaupt zu bringen), daher kann ich zum konkreten Konzert nicht viel sagen.
    Und weil ich schon eher zuviele der Konzerte (ich wollte zwischendurch mal alle sammeln...) auf CD habe, weiß ich auch nicht genau, ob ich dieses kaufen werde.


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Obwohl nicht unbedingt "meine Musik", hat mir das Neujahrskonzert gut gefallen.


    :yes: Dies ist klar auf den hervorragenden Dirigenten George Pretre zurückzuführen, der sein Können wiedermal bei seinem Neujahrskonzert 2008 zeigte.
    Mit wenigen aber bestimmten Gesten spornte er die Wiener PH zu Bestleistungen an.
    Da wurden selbst Werke, die man sonst nie hören würde zum Ereignis.


    Auch den Pausenfilm mit seinen schönen Landschaften fand ich dieses mal wieder ganz gut, aber nicht so gelungen wie letztes Jahr.
    Weniger gefallen hat mir diesesmal dabei die starke Personenverbundenheit (ich hätte lieber noch mehr österreichische Landschaften gesehen als Hausmeister von Konzertsäälen) und noch weniger die Hinweise auf Fussball.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Zitat

    Original von schiralLieber Herr Krause,erwarte bei der Übertragung des Neujahrskonzertes natürlich nicht "the same procedure as every year" und/oder die Reprodukion "meiner" Strauß-Bilder (oder besser Töne); ...Natürlich läßt jedes Musikstück - entschuldigen Sie diese Binsenwahrheit - ein ganze Bandbreite an Interpretationen zu. Aber wann führt das "ungewöhnliche Erlebnis" (Herr Baumgartner) zu einer Verfälschung des Stückes? (vergleichbar mit der vielfach abgehandelten Diskussion über das sog. Regietheater)


    Lieber Schiral,


    Hier im Forum wird geduzt, außer man ist böse aufeinander! Da wir dazu weder bisher noch hoffentlich auch in Zukunft Gelegenheit hatten oder haben werden, nenne mich bitte nicht "Herr" - sonst komm ich nach München und zerschmettere eine Maß auf Deinem Haupt, du Bazi! :D


    Die Frage, wann die Interpretation zur Verfälschung wird, läßt sich je nach subjektiver Einstellung verschieden beantworten (schau nur einmal in den Thread, in dem man über Lehár und Konwitschny diskutiert wurde). Pretre hat gewiß nicht verfälscht, er hat nur den konzertanten Faktor gegenüber dem tänzerischen akzentuiert. Das haben andere auch getan, aber Pretres Gestaltung ging nichts ins Akademische, sondern blieb menschlich-lebendig. Nie stellte sich - nach meinem Empfinden - der Dirigent mit seiner Leistung vor das Werk.

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Sphärenklänge? Dorfschwalben? Dynamiden? Josef war schon ein ziemlich guter Komponist, in der Instrumentation eher noch raffinierter als Johann.


    Dem letzten Satz stimme ich zu.


    Die drei aufgezählten Werke sind auch nichts zu verachten, nicht zu vergessen die "Moulinet" Polka, aber "die Libelle" habe ich besonders ins Herz geschlossen.


    Zitat

    Und weil ich schon eher zuviele der Konzerte (ich wollte zwischendurch mal alle sammeln...) auf CD habe, weiß ich auch nicht genau, ob ich dieses kaufen werde.


    Das geht mir genau so, aber ich denke, ich werde Prêtre zuliebe mal wieder eine Ausnahme machen.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Hallo Schiral,


    Fritz Reiners Einspielungen der Strauß'schen Werke bleiben für mich auch die erste Wahl. Sie sind so unvergleichlich präzise, dass sie so gar die Neujahrskonzerte von Karajan und Kleiber in den Schatten stellen.


    Im Rahmen der Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker bleiben für mich die Konzerte von Karajan und die beiden Kleiber-Konzerte in bester Erinnerung. Sie schufen mit den Philharmonikern eine fantastische Atmosphäre.


    Georges Pretre verfolgt einen ganz anderen Ansatz bei der Herangehensweise seiner Interpretationen. Für mich war alles in sich stimmig. Ein Konzert von ausgezeichneter Qualität.


    Nach den vielen Jahren der Enttäuschungen (Muti, Ozawa, Harnoncourt, Mehta und Jansons) endlich wieder ein Neujahrskonzert, was die Anschaffung lohnt.



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Zitat

    Original von Norbert
    Prêtre hingegen beschrieb eine unendlich zarte, feingliedrige, zerbrechliche "Libelle".


    Lieber Norbert,


    Noch nie habe ich so deutlich das plätschern der Wellen gehört als im vergangenen Konzert. Und darum kann ich auch sagen: noch nie hat mich dieses Werk so bewegt.
    Du hast recht. Es war tatsächlich eine unendlich zarte, feingliedrige, zerbrechliche "Libelle". Nur möchte ich hinzufügen "und deshalb sehr rührende".


    LG, Paul

  • schiral,

    Zitat

    Aber wann führt das "ungewöhnliche Erlebnis" (Herr Baumgartner) zu einer Verfälschung des Stückes?


    Wo war denn bei Prêtre auch nur ansatzweise eine Verfälschung zu hören?
    Es ist doch eine ewige Diskussion, ob man die Sträuße eher als verfeinerte Tanzmusik dirigiert oder darin schon eine symphonische Übersteigerung der Tanzmusik erkennen will.
    Wenn man sie als Tanzmusik dirigiert - wogegen ich nichts hätte -, muß man aber auch mit dem entsprechenden Orchester antreten, was in etwa bedeutet (wenn ich es halbwegs richtig im Gedächtnis habe): je zwei Flöten, Oboen, Klarinetten und Fagotte, 4 Hörner, 2 Trompeten, 1 Posaune, 1 Baßtuba, Pauken, Schlagzeug, Streicher etwa 12-16 Violinen, je 3-4 Bratschen, Celli und Kontrabässe.
    Wenn die Philharmoniker in Wagner-Großbesetzung antreten und nahezu alle Stimmen verdoppelt bis verdreifacht ausführen - dann beginnt genau hier die Verfälschung.
    Mit dieser symphonischen Riesenbesetzung und Tanzmusik zu machen, halte ich für kompletten Unsinn - da ist mir schon lieber, ein erstrangiger Musiker wie Prêtre entscheidet sich für einen symphonischen Blick auf die Werke und verleiht ihnen das Flair eines stolzen und auch etwas wehmütigen Abgesangs auf eine große Tradition - wie er es gerade beim "Kaiser-" und beim "Donauwalzer" einzigartig vorgeführt hat. Oder er spielt etwas wie die "Libelle" mit einer derartigen Delikatesse, daß man die gesamte Farbenwelt der romantischen Symphonik wiederfindet - eine dirigentische Meisterleistung, wie meine Vorredner trefflich festgestellt haben.


    Reiners Walzerdarbietungen, die ich aufgrund ihrer Brillanz und delikaten Durchhörbarkeit durchaus schätze, stelle ich bezüglich der Tempi allerdings mehr in die Gruppe der mehr einstudierten als erfühlten Walzer. Aber das ist eine reine Geschmackssache, über die man schlecht diskutieren kann.


    Wie dem auch sei: Ich halte es für wenig zielführend, eine bestimmte Interpretation als das Non-plus-ultra festzusetzen und jede andere Interpretation an ihr zu messen, auch wenn diese andere Interpretation schon von vorne herein anders angelegt ist.
    Oder anders gesagt: Es ist wenig sinnvoll, den Geschmack des Apfels als den idealen Obstgeschmack festzusetzen und der Orange vorzuwerfen, daß sie zwar Obst ist, aber nicht wie Apfel schmeckt...


    :hello:

    ...

  • Liebe Leute,


    ich muß sagen, ich war nicht gar so begeistert vom Neujahrskonzert. Zunächst: Das Ganze war für mich auf weit höherem Niveau als die schwachen Auftritte von Maazel, Jansons und Harnoncourt. Und schlechter als die solide G'schicht unter Mehta war es auch nicht. Nur die dürftigen Dauer-Choreographien (tatsächlich?) nerven von Jahr zu Jahr mehr! Pausenkitsch, schön und gut, da kann man ja neuen Champagner holen oder diskutieren, aber Albertina-Gehopse und Hofreitschule...


    Gerade in einigen zarten, lyrischen Passagen empfand ich im Gegensatz zu vielen Postern Prêtres Dirigat als kaum vorhanden, so daß Teile der Dorfschwalben recht breit daherkamen, ebenso wie die Libelle keine dynamisierenden Richtungswechsel einschlagen konnte: dagegen vergleiche Kleiber 1989 und (!) 1992. Manchmal wirkte es auf mich (wie auch schon Gurnemanz erwähnt hat), als habe sich Prêtre von Zeit zu Zeit etwas verloren.
    Die raschen, zackigen Momente habe ich im Zusammenspiel von Dirigent und Orchester als die beeindruckenderen wahrgenommen, da wirkte sich die enorme Spielkultur der Wiener besonders aus: brillanter Chineser-Galopp oder das endlich wirklich infernalische Finale der Orpheus-Quadrille.


    Allerdings: Eine miesere Tritsch-Tratsch-Polka habe ich kaum von den Wienern gehört, da war aber der solide Herr Boskovsky eine Bank gegen den charmanten Georges!


    Insgesamt ein gutes NJK. Aber das beste des jungen Jahrtausends? Das Ozawa-Konzert 2002 fand ich insgesamt stimmiger.


    Dennoch: Stimmt das mit Barenboim? Eieiei, das kann ja was werden.



    LG,


    Christian

  • Zitat

    Original von Il Grande Inquisitor
    Dennoch: Stimmt das mit Barenboim? Eieiei, das kann ja was werden.



    Christian


    Darf ich den Großinquisitor kurz um Aufklärung bitten! Ich habe Teile des Konzerts nicht mitbekommen, wegen Telefonzwängen.


    Danke und besten Gruß! Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Wie ein kurzes Googlen meinerseits ergab, steht wohl Barenboim nach einhelligem Medientenor als Dirigent des Neujahrskonzertes 2009 fest.


    Gruß
    Sascha

  • Lieber Wolfgang, lieber Sascha,


    so sehen es wohl vor allem die Wiener Medien. Wundern würde es mich nicht, aber freuen werde ich mich auf den Spaß wohl eher nicht.


    Was man im Netz an Euphorie über Prêtres Leistung liest, zeigt, als wie außerordentlich das Konzert wahrgenommen wurde. Wie gesagt: Ich sah Licht und Schatten, aber womöglich schaue ich das Konzert auch nicht konzentriert genug, mit viel Champagner und Familie.


    Ganz herzliche Neujahrsgrüße an alle,



    Christian

  • Hallo Edwin,


    ich bin ja beeindruckt, dass wir hier mal einer Meinung sind. Auch, was Reiner betrifft...


    Natürlich hat Reiner die Walzer einstudiert und geprobt mit den Chicagoern, aber das Ergebnis ist dann doch famos!


    Aber hinsichtlich des neuen Karajan-Threads zum Jubiläum wird es wieder genug Diskrepanzen geben!



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Mit Vergnügen habe ich die vielen interessanten Postings zum Thema Neujahrskonzert gelesen und erlaube mir, auch meinen Senf dazuzugeben.


    Zum TV-Bild kann ich wenig sagen, da auf Grund heftigen Schneefalls die Antenne und/oder der Satellit ausfielen und ich mehrheitlich Schneeflocken vor dem Fenster und auf dem Gerät sah.
    Fußball-Einlage:
    Auch als großer Fußball-Fan fand ich die Einlage entbehrlich, würde mir aber wünschen, dass unsere Fußballer wie die Philharmoniker spielten (bitte, bitte, nicht umgekehrt).
    Der Teamchef wäre dann eher egal.


    Zum Konzert:
    Theophilus hat die Gefahr des voreingenommenen Hörens angesprochen, d.h. man vergleicht halt mit den Lieblingsinterpreten. Aber wie kann man dies wirklich ausschalten?
    Wie schafft Ihr das?


    Die schnellen Stücke fand ich hinreißend. Etwas Probleme hatte ich z.B. mit den „Dorfschwalben“. Da waren mir die Gegensätze zwischen den langsamen und schnellen Teilen zu extrem.
    Dieses wird mich aber nicht daran hindern, die Aufnahme (wie jedes Jahr) zu kaufen.

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Eines hatte Pretre gestern mit Karajan seinerzeit 1987 gemeinsam:


    Beide hatten die Lipizzaner in der Sendung!


    Das ist doch schon was!


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Bei unserem Lieblings-Werbepartner kann man schon vorbestellen:


    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler