Dieses Thema finde ich äußerst schwierig anzugehen. Ich vermute, es könnte daran liegen, dass der Thread-Eröffnung und den meisten Beiträgen die Grundannahme zugrunde zu liegen scheint, Kammermusik sei grundsätzlich leidenschaftsarm oder -fern. Das habe ich nie so empfunden, und zwar weder hinsichtlich der MusikerInnenpersönlichkeiten noch hinsichtlich des Ausdrucksgehalts der Musikstücke.
Die MusikerInnen scharen ihre FanInnengemeinden doch in der Kammermusik genau so hinter sich wie in anderen Bereichen. Genauso, wie ich allein der Person wegen an dem Besuch eines Konzerts mit Frau Mutter kein Interesse hätte oder es sogar miede, würden andere sich um Karten ihres Beethovensonatenabends etc. reißen und ihr dort zujubeln. MusikerInnen wie Casals, DuPré, Menuhin, Rostropovich und und und ... haben gerade mindestens auch durch ihr Kammermusikengagement ihre teilweise weit über das musikalische hinausgehende Breitenwirkung erzielt. Pergamenschtschikow hat uns nur ganz wenige Konzertaufnahmen hinterlassen und ganz überwiegend Kammermusik, und zwar in den unterschiedlichsten Besetzungen - trotzdem oder gerade deswegen hat er seine glühendsten FansInnen. Rostropovich spielte an der Berliner Mauer aus Bachs Solosuiten und rührte die Menschen durch diese kammermusikalische leidenschaftliche politische Geste zu Tränen. Ganze Kammermusikformationen - sei es das Abegg-Trio, Alban-Berg-Quartett etc. pp. - haben ihre FanInnengemeinden, die genau diese Musiker hören wollen und zu ihnen hinpilgern. Jede/r hier nicht Genannte möge mir verzeihen, wenn sie/es für erforderlich hält - soll aber jedenfalls heißen: Das FanInnenwesen funktioniert auch hinsichtlich der Kammermusik, und es bedarf dazu nicht einer/s SängersIn oder DirigentenIn.
Und dann der Ausdrucksgehalt der Musik selbst: Gerade beschäftige ich mich seit einiger Zeit wieder recht intensiv mit Brahms' Klaviertrios - aber letztlich könnte man ganz beliebig KomponistInnen seit der Wiener Klassik herausgreifen - und die Spezialisten der vorklassischen Zeit werden mir da sicher völlig zu recht widersprechen mit der Aussage, all das gelte auch für die von ihnen verehrten Damen und Herren: Wollte tatsächlich jemand behaupten, der Leidenschaftsgehalt von Kammermusik sei ein geringerer als der in Oper oder Symphonik anzutreffende? Konkret: Die Brahmsschen Klaviertrios seien leidenschaftslos??? Auch Lieder sind Kammermusik - ist ihre Poesie, ihre Leidenschaft minderer zu bewerten als diejenige in der Oper anzutreffende?
Ich habe lange Jahre in einem Streichtrio gespielt und immer gefunden, dass mein hierbei zu erbringender "emotionaler Aufwand" denjenigen während meines Orchesterspiels um ein vielfaches überstieg: meine Leidenschaftlichkeit. Dasselbe galt letztlich stets, wenn ich Kammermusik spielte, ob allein, im Duo, Quartett, Oktett. Die Spannung habe ich immer als ungleich höher und fordernder empfunden. Sofern dies keine subjektive Einzelerfahrung meinerseits ist, was ich frecherweise einfach einmal unterstelle, könnte ich jetzt die These wagen: Möglicherweise neutralisiert eine in der Person der/s die Kammermusik Ausführenden erhöhte Leidenschaftssättigung bei der/m RezipientenIn die musikalische Befriedigung, vermindert bei dieser/m das Aggressionspotential und damit das Bedürfnis, sich in dem von Alfred vermissten Sinne zu schlagen und zu prügeln.
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Gerade jetzt im Karneval erleben wir ja wieder das traurige - und in anderen Konstellationen hochgefährliche - Phänomen, dass eine Minderheit, so sie denn nur laut genug schreit und sich mit gehörigem Krawall in Szene setzt, eine schweigende Mehrheit, die in dieser Zeit nicht nach außen in Erscheinung tritt, zum "Verschwinden" bringt. Da treffen Welten aufeinander. - Bevor ich missverstanden werde: Dies ist der Versuch eines rein vergleichenden Bildes, ich setze weder Oper noch Sinfonik oder irgendeinen anderen Bereich der Musik mit Karneval gleich, es sei denn, es ist ausdrücklich gewünscht, dann mögen dies aber bitte andere tun . -
Möglicherweise gefällt sich die/er KammermusikfreundIn ja sogar in dieser Pose des Ruhigen, Beschaulichen und Zurückgezogenen. Das schließt ja nicht aus, dass die/erselbe KammermusikfreundIn zur anderen Zeit ihren/seinen Adrenalinschub bei einer Mahlersinfonie abreagiert oder im Laufe einer Pucciniarie in Tränen ausbricht ... oder sich hier im Forum über HIP und HOP und was noch in die Haare kriegt. Ja sogar manche/r KammermusikfreundIn ist hier im Forum in der Lage, sich über ein Werk eines ihrer/seiner LieblingskomponistInnen negativ zu äußern, es als spröde, langweilig zu bezeichnen. Wer wollte wagen, dies nicht als leidenschaftliche Äußerung anzuerkennen. Aber damit muss es dann auch bald wieder gut sein - langwierig ausgewalzte Diskussionen sind dazu überflüssig. Ein jeder weiß, was gemeint ist, wozu also viele Worte. Entsprechend der reduzierten Besetzungsstärke braucht die Kammermusik und die Diskussion über sie nun einmal keine großartige Bühne.
Auch die Diskussionen um HIP und HOP scheinen in der Kammermusik ohne großen Aufstand abzugehen. Ein Musiker wie Gerrit Zitterbart wechselt einfach mal im Stillen während der Gesamteinspielung der Brahmstrios durch das Abegg-Trio vom Bösendorfer-Flügel in den ersten beiden Volumes zu verschiedenen Hammerflügeln von Johann Baptist Streicher in den folgenden beiden Volumes. Sollen die Diskussionen darüber doch wonaders geführt werden - in der Kammermusik wird's einfach gemacht und damit eine Flexibilität bewiesen, die allein der Sensibilität für das konkrete Werk folgt und nicht die Dogmen postuliert.
Vielleicht ist es tatsächlich so, dass die Kammermusik und ihre FreundInnen Militanz einfach nicht brauchen? Jedenfalls nicht, solange sie sich in diesem "geschützten Biotop" bewegen? Militant können wir wieder werden, wenn wir von dort auftauchen. Ist die Kammermusik dann also für so manchen ein Rückzugsraum, in dem es etwas weniger rauh zugeht als im Rest der Welt? Aber nur ein wenig ... ![]()
Liebe Grüße, Ulrich