Bach: Die Kunst der Fuge BWV 1080

  • Die 1967 erschienene Aufnahme mit Isolde Ahlgrimm (Tudor) erscheint mir erwähnenswert wegen des Gebauchs eines Pedalchembalos, dessen Gebrauch ich bislang nur aus der Aufname der Triosonaten mit Power Biggs - eine Aufnahme, die mir sehr empfehlenswert scheint - kannte. Das Klangbild, das hier erzeugt wird, stellt sich als überaus kernig und urwüchsig dar.

  • Glockenton : Die ganz oben im Thread von Dir angebene Website ist nicht mehr zu finden. Hast Du eine aktuelle Website oder kannst das Material irgendwie zugänglich machen?
    (ggf. mail an parrhesia at web punkt de)

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Kann es sein, dass die Kunst der Fuge relativ selten aufgeführt wird? Was könnten Gründe dafür sein? Wird sie vielleicht von vielen als zu trocken, theoretisch und unemotional empfunden? (Ich könnte dazu Erwiderungen bringen.) Wenn ich nach Aufführungen suche, finde ich auch Jazz-Bearbeitungen, was danach klingt, als müsse man sie erst schmackhaft machen.

  • Also Aufnahmen des Werks gibt es inzwischen wie Sand am Meer, in allen nur erdenklichen Instrumentationen. Dass es als Ganzes eher selten aufgeführt wird, kann ich mir gut vorstellen. Es war dafür auch nie gedacht. Tatsächlich scheint mir in solchen Fällen für die, die es nicht selbst spielen können, der Tonträger eine nahezu ideale Präsentationsform.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hat jemand Interesse an einer"Einspielung" an einem Hauptwerk-Elektronium (Klang Trost-Orgel Waltershausen, da kann man klanglich viel machen, und ich weiß, diese Einrichtung (Walcha) auf der Originalorgel zu spielen, ist völlig ausgeschlossen, moderne Zeiten..)?

    Wenn ihr mich ermuntert, mache ich das mal (das Werk selbst hab ich schon öfters gespielt). Wichtig wäre mir aber eine gute, schonunglose Kritik dazu, sonst lohnt das nicht!

    Ausserdem würde ich nur maximal 2,3x in einem Stück schneiden wollen, um halbwegs eine Live-Illusion aufrechtzuerhalten. Ausserdem habe ich eine Vorliebe für kleine Ungenauigkeiten (besser natürlich gewollt, aber auch ungewollt kann interessant sein).

    Allerdings würde ein Contrapunctus nur so alle 1,2 Wochen kommen können, aus Zeitgründen. (kann auch kaum noch üben, für diese Umstände sitzt alles doch noch immerhin recht gut..).

    Allgemein eignet sich eine gute Orgel ausgezeichnet für dieses Werk, finde ich (ein anderes Problem sind meine einfachen Tastaturen+Pedal, aber nun gut..)

  • Wenn ihr mich ermuntert, mache ich das mal (das Werk selbst hab ich schon öfters gespielt). Wichtig wäre mir aber eine gute, schonunglose Kritik dazu, sonst lohnt das nicht!

    Lieber Martin,


    das wäre doch echt stark! :thumbup::thumbup::thumbup:Eine von und für das Forum motivierte Einspielung. Ich würde das auf jeden Fall sehr gerne anhören und würde auch ausführlich Feedback dazu geben. Also, auf geht's!


    liebe Grüße

  • Danke,

    dann probiere ich es mal, beginne nächste Woche (mache dann aber vielleicht besser einen neuen Thread auf, um hier nicht zu nerven). Ist ja auch eine schöne Herausforderung. Kann halt "ein bisschen" dauern...

    Gerade rätsele ich noch über die passende Temperatur: Bach/Lehman oder Valotti geht auf jeden Fall gut (sind sich ja auch sehr ähnlich). Andere Vorschläge vielleicht? Man täusche sich nicht über d-moll, (modifizierte) Mitteltönigkeit geht nicht, mit den ganzen gis-d - und spätestens im CP 11 wirds ganz extrem..

    Grüße,

    Martin

  • Oh, das müsste besser ein Fachmann erklären (konnte mich schon Jahre nicht mehr damit befassen), es geht einfach darum: wir sind zwar 1,5 Stunden in d-moll, aber haben nicht wenige "schwarze Tasten", die ganzen Leittöne zu den Hauptfunktionen samt Zusammenklängen: cis, gis, es... Die Wolfsquinte bei der Mitteltönigkeit liegt ja bei gis-es. Eine wohltemperierte Stimmung wiederum funktioniert auf jeden Fall, allerdings sind wir hier ja nicht beim WTK und wollen alle Tonarten spielen, vielleicht gibt es also eine, die schärft, ohne "unmöglich" zu sein. (Lage des pythagoräischen Kommas enfernt von den hier benötigten Hauptfunktionen)

    Contrapunctus 11 dann immerhin ist harmonisch das extremste, was ich bei Bach kenne.

    Mit googeln findet man bestimmt auch massig Infos zum Thema.


    PS In Hauptwerk kann man glücklicherweise jede beliebige beschriebene Stimmung auf ein vorhandenes Instrument legen (dessen Stimmung ja auch bekannt ist, es geht hier ja nur um minimalste Tonhöhenänderungen).

  • Glockenton : Die ganz oben im Thread von Dir angebene Website ist nicht mehr zu finden. Hast Du eine aktuelle Website oder kannst das Material irgendwie zugänglich machen?
    (ggf. mail an parrhesia at web punkt de)

    Würde mich auch interessieren, die war sogar in den Bookmarks bei mir. Vielleicht bei der Wayback-Machine versuchen?

  • Was meint Ihr zu Vervollständigungen?

    Hoffentlich darf man so alte Posts hochholen..


    Eher nicht so bekannt dürfte die Vollendung von Prof. Daniel aus Köln sein, m.W. gibts die Noten "nur" in seinem Buch, das ich mal sehr interessiert gelesen habe (bei Gelegenheit will ich mir die Noten unbedingt mal genauer anschauen). Im Text lässt er an den bisherigen Versuchen meiner Erinnerung nach kein gutes Haar (und beklagt sich allgemein über den Niedergang des Tonsatzes, mag durchaus so sein..). Die Noten gibts wohl "nur" im Buch dazu (marketingtechnisch schlecht!). gerade gegooelt, liegt vielleicht auch am momentanen Sonderpreis bei amazon, günstige 400 EUR (da wartet einer sehnlichst, dass einer klickt, Vorsicht): https://www.amazon.de/Bachs-un…3%A4ndigung/dp/3936655839


    Ansonsten ist die von Göncz ja sicher bekannt (und auch auf youtube zu finden), ich finde die nach wie vor gut und passend...

  • @Mods: wo soll ich einen Thread für eine evtl. Diskussion eröffnen?


    Es ist eine interessante Übung, mir völlig unmöglich, 2x nur annähernd "das gleiche" zu spielen. Habe mir vorgenommen, mit insgesamt 20 Schnitten im Werk auszukommen (in jedem nur 1, den braucht man oft schon wegen Notenwenden), wegen diverser Ungenauigkeiten gibt es so evtl. eine interessantere Diskussion. Ausserdem habe ich mir vorgenommen, vor der jew. Einspielung KEINE anderen Aufnahmen mehr anzuhören (danach gerne).
    Allgemein zur Vorgehensweise: ich spiele nach der Einrichtung von Helmut Walcha (dürfte ja bekannt sein), der die Bassstimme grundsätzlich dem Pedal zuweist (nur an wenigen Stellen geändert). Ich weiss schon, nicht historisch und so.. Allerdings spiele ich nicht wie er (Artikulation sowieso), das Pedal ist oft nur "Spielhilfe", gekoppelt, also ohne eigene Regsiter. Die eingetragenen Phrasierungskeile sind übrigens hilfreich, auch wenn man das Resultat heute anders umsetzt.. Der Spieltisch ist eine einfache MIDI-Konsole von Hoffrichter.

    Zum Abhören würde ich Kopfhörer emfehlen (wie ich auch spielte).

    Contrapunctus I ist jetzt hochgeladen


    (hier habe ich übrigens das Pedaltrakturgeräusch abgestellt, bei kräftigeren Registrierungen sicher wieder an, kein Schnitt).

    Registrierung: Brustwerk: Nachthorn 8', Gemshorn 4', Pedalkoppel

    Neben persönlichen "Unzulänglichkeiten" fällt übrigens eine Schwachstelle von diesem Sampleabspielen schon gleich zu Beginn auf, besser zwei...

  • Zur erbetenen Kritik: es sind so ein paar kleine Pausen drin (ein bißchen agogisch), die ich bei anderen Versionen nicht höre. Das stört den Flow ein wenig.


    Aber abgesehen davon ist das eine Version, die mir gefällt! Zurückhaltende Registrierung, gute Klangqualität (der Baß hätte etwas energischer sein können).

  • Dank für die Kritik! Genau, Agogik, heikles Feld. Gerade dieser CP sollte unaufgeregt fließen, ist er doch der Grundstock für das riesige Gebilde, das dann kommt. Mich stören da auch einige Stellen (aber was anderes noch deutlich mehr, mal schauen, ob wer drauf kommt ;), die dafür im Durchlauf vorher tlw. besser waren etc, normalerweise würde man das halt einfach zusammenschneiden. Trotzdem wichtig, im Walcha-Style zu spielen, wäre für mich einfacher. Ich muss mal nachhören, ob er sogar vielleicht Überlegato macht. Ja, der Baß ist sehr unenergisch, es ist nämlich genau der gleiche Klang, den auch das Manual produziert. Walcha hat galube ich einen 16' dabei (Oktave tiefer), guter (und obligater) Baß kommt dann in CP 4 und auch 11 (denn kann eine Orgel wirklich besser darstellen als ein Cembalo IMHO).

    Jetzt hoffe ich nur, wir bekommen bald einen eigenen Thread, sonst killen mich hier die Orgel(elektronik)hasser..

  • Eine schöne Orgeleinspielung finde ich die des vielleicht hier eher unbekannten Organisten (und auch Orgelbauers, ad hoc fällt mir nur die bei Rekordjägern bekannte Passauer Orgel(anlage) ein):

    Pavao Mašić

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    auf einer ziemlich neuen Eisenbarth-Orgel in Zagreb, schöne Stimmen und sensibles Spiel. Außerdem klare Akustik und natürliche, direkte Aufnahme (das Werk verträgt m.E. nicht viel Hall).

    Ein ausführliches Booklet ist herunterladbar, die CD gibt's bei Amazon Music.

  • Diese in 2017 eingespielte Version der Kunst der Fuge gibt es zurzeit im Sonderangebot:


    Johann Sebastian Bach:

    Die Kunst der Fuge BWV 1080

    Die Kunst der Fuge in der Neufassung von Hans-Eberhard Dentler

    L'Arte della Fuga

    2 CDs

    Label: Oehms, DDD, 2016


    Ich kann mich zu dem Thema nicht kompetent äußern, deshalb weise ich hier auf diese bei JPC angegebene, inhaltsreiche Besprechung hin:


    Zitat

    »Der Cellist Hans-Eberhard Dentler hat Bachs letzte Komposition, deren Originalinstrumentierung nicht überliefert ist, für Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass und Fagott gesetzt und mit erstklassigen italienischen Musikern eingespielt. Das eigentümliche Geheimnis der ›Kunst der Fuge‹, ihr scheinbar simpler, rationeller, geometrischer Bauplan, der jedoch so komplex und nuanciert gestaltet ist, dass er nie bis ins letzte Detail zu entschlüsseln vermag, fasziniert hier mit einer brennenden, im musikalischen Dialog entstehenden Intensität, der man sich vom ersten Ton an nicht entziehen kann. Mindestens genauso packend ist die Geschichte hinter der Aufnahme, von dem jungen Mann aus reichem Hause, der Arzt werden soll und es auch wird – aber nie praktiziert. Der 1947 geborene Hans-Eberhard Dentler ließ sich bei Pierre Fournier zum Cellisten ausbilden und fand seine Heimat in der Toscana. Hier gründete er eine Bach-Gesellschaft, veranstaltete Bach-Festivals und verbiss sich in die ›Kunst der Fuge‹, der er über 30 Jahre seines Lebens widmete und über die er 2004 ein von der internationalen Fachwelt hochanerkanntes Buch veröffentlichte und die er schließlich mit seinem ›Ensemble L’Arte della Fuga‹ eingespielt hat. Die Instrumentierung und die dezent geänderte Reihenfolge der Stücke leitet er unter anderen von mathematischen Sätzen des Pythagoras her, was mutmaßlich historisch fundiert ist – und ein wenig verstiegen wirkt. Das Ergebnis jedoch reißt mit. Das jahrzehntelange Forschen und Ringen scheint Musik zu werden, wenn etwa das Fagott im letzten Canon geradezu eine meditative Reise durch die Streicherwelt macht, oder im letzten Stück, der berühmten Quadrupelfuge, nicht ein statischer Schlusspunkt gesetzt, sondern auch hier ein Weg beschrieben wird, der dann, erschütternd schlicht, einfach abbricht. Mit dieser so ungewöhnlichen wie verdienstvollen Aufnahme, die auch in einer edlen Vinyl-Edition erscheint, begeht Dieter Oehms das 15-jährige Jubiläum seines engagierten Labels.« (Andreas Falentin in concerti, 1. Mai 2017)


    Die Hörschnipsel hören sich jedenfalls mehr als hörenswert an, und zusammen mit den Emersons hat man da, glaube ich, zwei sehr schön musizierte alternativ instrumentalisierte Fassungen dieses wunderbaren Werks.


    Mit freundlichen Grüßen von der stürmischen, aber nicht verschneiten Nordseeeküste, Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Balint Karosi live(!!):super! Gerade die richtige Balance zwischen lebhaft und streng.


    Orgel ist wohl diese (neue)

    http://www.pomorgona.hu/de/por…zam%C3%A1rdi-ungarn-iii16

    Alles(?) manualiter, wie ich sehe (bin erst am Anfang), gut, diese hätte auch nur einen 16' und 8' und Koppeln, könnte mir trotzdem öfter mal Pedal vorstellen (ein anderes Klanggewand ggü. Cembalo hat es ja auch so schon)

    Wohl nicht vollständig (da nur 1h Spielzeit), irritierend (neben der völlig unpassenden Zugabe) der überaus chromatische Contrapunctus 11, der hier leicht und lebhaft genommen wird. Aber da kann man sich sicher auch einhören.

    Da kommt kein Glenn Gould mit seiner unpassenden Orgel auch nur entfernt ran.

    (hier: Stimmung, atmender Wind, Intonation...)