Konzertbesuche und Bewertung

  • Sagitt meint:


    Die Kammerphilharmonie mit Järvi:


    Weihe des Hauses
    Ah perfido


    Neunte Sinfonie.


    Dirigent Paavo Järvi — Deutscher Kammerchor — Sopran Christiane Oelze — Mezzo-Sopran Petra Lang — Tenor Donald Litaker — Bariton Matthias Goerne


    Die Zusammenstellung etwas beliebig. Sinnvoller wäre gewesen, die Sinfonie, wenn es denn nicht ausreicht, mit der Chorfantasie zu koppeln-. Aber das wäre dann natürlich noch teurer geworden...


    Die Ouvertüre war, wie so häufig, brilliant vom Orchester gespielt, Frau Oelze hatte etws Schwierigkeiten,sich gegen das Orchester durchzusetzen und... man darf nicht die Version der Callas von dem Stück kennen...


    Die Neunte also:..


    Die Kammerphilharmonie gilt weltweit momentan als eines der besten Beethovenorchester,Järvi als der Inspirator dieses Erfolgs.


    Gestern kam eine gänzlich gelungene Aufführung heraus,die entsprechend bejubelt wurde.


    Ich befürchte, es würde mich nicht so beeindrucken und ---leider stimmte es. Es war mir zu glatt. Alle bewältigten alles. Man merkte keinen Kampf mit dem Material. Der hervorragende Chor, die blendenden Solisten und das grossartige Orchester.


    Ich habe zuviel Furtwängler im Ohr. Das Existentielle, vor allem seiner Interpretation von März 1942 fehlte mir.


    Bei solchen Vorurteilen ist ungetrübter Genuss nicht wirklich erreichbar.

  • Zitat

    Original von sagitt
    Ich habe zuviel Furtwängler im Ohr. Das Existentielle, vor allem seiner Interpretation von März 1942 fehlte mir.


    Bei solchen Vorurteilen ist ungetrübter Genuss nicht wirklich erreichbar.


    Kann ich gut verstehen. Ich habe die Aufführung gestern in Stuttgart erlebt: Zwischen Järvi und Furtwängler liegen Welten! Ich war allerdings völlig begeistert gestern - werde meine Eindrücke demnächst schildern, sobald ich mehr Zeit dafür habe. Soviel vorweg: Eine derart untitanisch-lebensfrohe Interpretation der Neunten ("existenziell" in einem neuen Sinn) habe ich noch nicht gehört!

  • Tach,


    ich war auch bei dem Konzert und kann deine Einschätzung nur bestätigen. Tolles, sehr einfühlsames Zusammenspiel. Gewundert habe ich mich nur darüber, welches Instrument Hille Perl selbst gespielt hat. Normarlerweise spielt sie ja eine "große" Viola da gamba.


    Lee Santana hat imo am Anfang die Töne nicht richtig getroffen. Ab dem zweiten Song ging es aber.


    Trotz alledem: die CD bietet einen unerreichten Klang ! Die räumliche Auflösung ist fantastisch, nur die Stimme von Dorothee Mields war live besser; ich hätte mich glattweg verlieben könne ! Mit welcher Intensität und Gefühl sie diese Lieder sang, war schon phänomenal. Schlichtweg Gänsehautmusik !


    VG, Bernd

  • Zitat

    Original von Gurnemanz


    Kann ich gut verstehen. Ich habe die Aufführung gestern in Stuttgart erlebt: Zwischen Järvi und Furtwängler liegen Welten! Ich war allerdings völlig begeistert gestern - werde meine Eindrücke demnächst schildern, sobald ich mehr Zeit dafür habe. Soviel vorweg: Eine derart untitanisch-lebensfrohe Interpretation der Neunten ("existenziell" in einem neuen Sinn) habe ich noch nicht gehört!


    Hier habe ich eben meine Eindrücke ausführlicher beschrieben.

  • ein wie immer grandioses konzert in der bad homburger erlöserkirche (mit der fulminanten susanne rohn - die halte ich wirklich für weltspitze!!!!!! :jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel:



    leider heute nur mit zweit/drittklassigen werken:


    puccini: messa di gloria; rutter: magnificat)

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Ein Schelm, der denkt, dass ein Tonmeister für den Erfolg (oder auch Misserfolg) eines Konzertes in der Philharmonie im Gasteig in München (mit)verantwortlich ist. Aber wie sonst ist es zu erklären, dass das „Weihnachtsoratorium“ an eben diesem Ort vor und nach der Pause so unterschiedlich klang; dumpf und undifferenziert im ersten Teil, wohlklingend im zweiten Teil. Und diesen Eindruck teilten in Gesprächen nach dem Konzert mehrere Besucher.
    Und trotz dieses Einwandes möchte ich diesen Abend nicht missen.
    Im Rahmen der Konzertserie „Freude“ zum 55jährigen Bestehen des Münchner Bach-Chors und zum 35jährigen Bestehen des Bach Collegium München stand am vergangenen Sonntag, 21. Dezember, das „Weihnachtsoratorium“ von Johann Sebastian Bach ungekürzt mit allen sechs Kantaten an einem Abend am Programm. Und es war in der Tat eine Freude, diese beiden von Hansjörg Albrecht einfühlsam geleiteten und zu einem transparenten Klangkörper vereinten Ensembles gemeinsam mit einem homogenen Solistenquartett drei kurze Stunden zu erleben (wie mir auch schon im vergangenen Sommer die Aufführung der h-Moll-Messe mit Bach-Chor und Bach Collegium unter Hansjörg Albrecht und zwei der vorweihnachtlichen Solisten im Prinzregenten Theater ausgezeichnet gefallen hat).
    Karl Richter und sein von ihm gegründeter Bach Chor haben mich seit meiner Jugend in Konzerten und mit Plattenaufnahmen auf meinem Weg zu den großen Passionen und Oratorien begleitet. Es ist immer wieder mehr als interessant zu vergleichen, wie sich in diesen (von mir musikalisch bewusst erlebten rund 40) Jahren der Interpretationsstil verändert hat – von breit romantisierend hin zu schlank und beinahe kammermusikalisch. Ich kenne wenige Chöre, die bei etwa 75 Mitwirkenden einen so transparenten Klang entwickeln. Diese seit der Zusammenarbeit mit Albrecht wiedergewonnene und noch gesteigerte Qualität kann nicht genug hervorgehoben werden.
    Gleiches gilt für das stilsicher spielende Orchester, aus dessen Reihen auch die Instrumentalsolisten (als Einer für Alle sei der Konzertmeister Florian Sonnleitner genannt) gestellt werden (warum nur nennt das Programmheft zwar die Solisten an den Blas- und Saiteninstrumenten, nicht aber die Paukistin ?). Dass die Pflege traditionelle Werke und das Spiel zeitgenössischer Werke einander nicht ausschließen sondern eher musikalisch befruchtend und bewusstseinserweiternd wirken, beweist das Repertoire des Bach Collegium München.
    Chen Reiss (Sopran) kannte ich bisher nur von einer CD-Aufnahme mit Liedern, Tom Allen (Tenor) war mir bisher absolut unbekannt. Die in München nicht zuletzt wegen ihres Engagements an der Staatsoper beliebte Sängerin verfügt über eine schöne, jedoch nicht allzu große koloraturerprobte und modulationsfähige Stimme; ihren musikalischen Stärken kommen die Arien mehr entgegen als das Terzett in der fünften Kantate. Dass der amerikanische Tenor vor allem mit Partien von Mozart, Rossini und im französischen „Haute Contre“ reüssiert, ist auch als Evangelist und in den Tenorarien und Rezitativen hörbar. Gleichermaßen höhen- und stilsicher war er für mich die positive Überraschung des Abends. Thomas E. Bauer kommt als Bariton die doch hohe Lage der Bass-Partie sehr entgegen; seine Liebe zum Liedgesang und seine Erfahrungen als ehemaliger Regensburger Domspatz fließen in die Interpretation hörbar ein. Elisabeth Kulman (Alt) ist mit den Messen, Oratorien und Passionen Bachs seit ihrer Studienzeit vertraut. Sie singt ihren Part mit insbesondere in den tieferen Lagen aufblühender Stimme voll gläubiger Innigkeit und zählt heute in diesem Fach zu den wesentlichen Sängerinnen.
    Musikalisch verantwortlich für dieses vorweihnachtliche Musikfest war Hansjörg Albrecht, der Chor, Orchester und Solisten auch am Cembalo aufmerksam führte und begleitete. Das Publikum jubelte – berechtigt – minutenlang.



    Michael 2

  • Jacques Loussier verbindet man mit Play Bach, der Verjazzung
    von Werken des Thomaskantors. Seit Jahrzehnten aktiv hat
    er schon einige Musiker seines Trios (Klavier, Kontrabass, Schlagzeug)
    überlebt; die 75 Jahre sieht man ihm an. Aber an Fingerfertigkeit scheint
    er nichts verloren zu haben.


    Heute bot er mit Benoit Dunoyer de Segonzac (Bass; sehr gut und
    sehr gelungene Soli) und André Arpino (Drums, stimmungsvoll,
    manchmal vielleicht zu sehr in den Vordergrund spielend) im
    ersten Teil eine Stunde Werke von Bach. Nach der Pause wurde
    Vivaldi, Satie, Ravel und am Ende noch mal Bach gespielt.


    Man wusste vielleicht schon vorher was man bekommen würde,
    aber trotzdem entwickelte sich mit der Zeit eine richtige Begeisterung.
    Ihr Jazz war bis auf die Soli durchgeplant und auf einander abgestimmt.
    Es wurde aufmerksam gemeinsam gestaltet und gut zusammengespielt.


    Aber die Show stahl der Meister dann selbst mit Virtuosität
    (ohne eine Show zu veranstalten). Und mit selbstironischem Witz bei den Ankündigungen
    vor den Stücken ( "Es gibt ja auch
    fränzösische Komponisten" ttc. ) ; und die anderen Musiker holte
    er mit lustigen Gesten wieder nach vorne... Am Ende Standing Ovations
    und Zugabe.


    Insgesamt ein netter Abend, angenehm unprätenziös.


    :hello:

    "Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten" Gustav Mahler

  • In dieser Saison ist Pierre-Laurent Aimard bei den Bamberger Symphonikern artist in residence, wie das so schön heißt, und spielt die drei Bartók-Klavierkonzerte, jeweils kombiniert mit einem Solostück. Letztesmal das erste KK und Schönbergs Klavierstücke op. 11, heute abend gab's dann folgendes Programm in der Bamberger Konzerthalle:



    Igor Strawinsky: Symphonien für Bläser (In memoriam Claude Debussy)
    Bela Bartók: Im Freien
    Bela Bartók: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2
    Igor Strawinsky: Le Sacre du Printemps


    Pierre-Laurent Aimard, Klavier
    Jonathan Nott, Dirigent



    Sehr gelungen bereits die Wiedergabe der Strawinsky'schen Bläsersymphonie, die ich zum erstenmal live gehört habe: Die Klangfarbenmischungen ließen sich wunderbar verfolgen, das Stück hat sich mir viel besser erschlossen als von der CD.


    Abtritt der Bläser, Auftritt Aimards: "Im Freien", einer meiner Favoriten in der Klaviermusik des 20. Jahrhunderts, bot er technisch souverän dar: knallhart im perkussiven "Mit Trommeln und Pfeifen", ganz artifiziell ebenmäßig bei "Musettes", und als Höhepunkt "Klänge der Nacht" in allen Schattierungen.


    Für das zweite Bartók-Konzert hatte Nott die Pauken und das Schlagwerk direkt vor seinem Pult und dem Klavier aufbauen lassen, offenbar um perfekte Koordination mit Aimard zu gewährleisten. Die klappte dann auch hervorragend, auch wenn im ersten Satz m.E. zur optimalen Transparenz noch ein Stückchen fehlte und das Klavier an wenigen Stellen von den aggressiven Bläsern überdeckt wurde (allerdings hatte ich vorher die fast "röntgenhafte" Anda/Fricsay-Aufnahme gehört). Wunderbar dann aber der zweite Satz, und das Finale habe ich noch nie so temperamentvoll und gleichzeitig austariert gehört wie hier. Aimard war erwartungsgemäß brillant, besonders gefiel er mir aber im zweiten Satz mit Kontrasten auf engstem Raum (und perfektem Zusammenspiel mit der Pauke). Großer Beifall.


    Nach der Pause dann Sacre, im Konzert immer ein besonderes Erlebnis. Seit mehreren Jahren haben Nott und die Symphoniker das Stück im Programm, gehen damit immer wieder auf Tournee - und es ist faszinierend zu hören, wie sich die Interpretation entwickelt (ein Stadium ist ja in der schönen CD-Aufnahme bei Tudor festgehalten). Jetzt ist Nott wieder bei der härteren Lesart angelangt, mit scharfen Pizzicati und knallharten Paukenschlegeln. Wie bei jeder Sacre-Aufführung hörte ich viele Details, die mir noch nie aufgefallen sind (z.B. bei den zweiten Violinen, da bewährt sich die antiphonische Aufstellung!). Die Qualität, Verve und Klangschönheit (am Anfang des zweiten Teils), ebenso die solistischen Leistungen der Bamberger Symphoniker brauchen keinen Vergleich zu scheuen, atemberaubend.


    Nach dem Konzert bei minus sechzehn Grad Außentemperatur sah man die Musiker ihre Instrumente in Sicherheit bringen (ich musste an Michael Schlechtriems Erzählung von den aufgeplatzten Zargen denken).


    Und ich versuchte mich wieder an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich diese schöne Stadt - und dieses Orchester - bald verlassen muss... ;(



    Viele Grüße


    Bernd

  • Hallo,


    wie schon geschrieben, durfte ich am vergangenen Sonntag Barbara Bonney live erleben im wunderschönen Schloß Elmau. Das Programm bestand aus Mendelssohn und Strausslieder und der dritte Teil aus Operettenlieder.


    Da ich in der ersten Reihe saß, konnte ich natürlich alles wunderbar beobachten, ihre Aussprache, ihre Atmung und ihre Gestik.


    Den Text der Mendelssohn Lieder waren nicht so gut zu verstehen im Gegensatz zu den Strauss Liedern. Leider habe ich das Programm nicht mehr.


    Als letztes sang sie Operette, für mich natürlich besonders schön zu hören.


    Sie sang mühelos und interpretierte die einzelnen Lieder hervorragend. Die Stimme ist facettenreich und über ihre Bühnenpräsenz muss ich ja nichts weiter sagen.


    Ich hatte das Glück nach dem Konzert noch mit ihr zusammenzusitzen und ein Glas Champagner zu trinken. Bonney ist privat eine sehr natürliche Frau, ohne Divengehabe. Sie gibt Fehler offen zu und scheut sich nicht über Schwächen zu sprechen. Sie hatte in dem Lied "Ich bin die Christel von der Post" ein kleines Textproblem, was sie uns sofort erläuterte, das fand ich ganz super. Alles in allem, ein sehr schönes Erlebnis in einem wunderschönen Rahmen auf Schloß Elmau.

  • Ludwigshafen, BASF-Feierabendhaus, 28.01.2009


    Stella Doufexis und das Nash Ensemble of London gaben gestern ein höchst eindrucksvolles Konzert mit französischer Kammer- und Vokalmusik:


    Darius Milhaud: Création du Monde für Klavier und Streichquartett (1926)
    Albert Roussel: Deux Poèmes de Ronsard, op. 26 (1924)
    Maurice Ravel: Trois Poèmes de Stephane Mallarmé für Gesang, 2 Flöten, 2 Klarinetten, Streichquartett und Klavier (1913)
    Claude Debussy: Trois Poèmes de Stephane Mallarmé (Arr. C. Matthews) für Sopran, 2 Flöten, 2 Klarinetten, Streichquartett und Klavier (1913)
    Gabriel Fauré: Klavierquartett Nr. 2 g-moll op. 45 (1886)


    Stella Doufexis, Mezzosopran; Ian Brown, Klavier; Pholippa Davies und Helen Keen, Flöte; Richard Hosford und Emma Canavan, Klarinette (auch Baßklarinette); Marianne Thorsen und Malin Broman, Violine; Lawrence Power, Viola; Paul Watkins, Violoncello.


    Bemerkenswert war die umgekehrte Chronolgie, die einen ganz eigenen Blick auf einen musikgeschichtlichen Prozeß französischer "Selbstfindung" französischer Musik unter dem Schatten Beethovens und Wagners warf (so der Musikjournalist Michael Struck-Schloen in seinem Einführungsvortrag über "musikalischen Impressionismus").


    Milhaud Création ist ein Ballett für 17 Musiker, 1922 entstanden und vier Jahre später vom Komponisten selbst für Klavierquintett bearbeitet. Mir ist das viertelstündige Werk bislang kaum vertraut und ich gebe zu, daß ich zumindest mit dieser Fassung meine Schwierigkeiten hatte, weil ich die Verschmelzung europäischer Kammermusik mit afrikanischen bzw. Jazz-Elementen als etwas aufgesetzt und gekünstelt empfand. Originell war's immerhin.


    Dieses gilt noch mehr für das nächste Werk: zwei Lieder von Pierre de Ronsard, einem Dichter des 16. Jahrhunderts in der Besetzung Solostimme mit Flöte: Rossignol, mon mignon; Ciel, Aer et Vens. Obwohl beide in etwa gleicher Höhe liegen: Das funktionierte in der Tat ausgezeichnet! Beiden Liedern sind Einleitungen der Flöte vorangestellt, mit orientalischen Einflüssen.


    Mit Ravels Mallarmé-Vertonungen begannen für mich die Höhepunkte, ab hier kam ich in mir vertrautere Regionen: Soupir; Placet futile; Surgi de la croupe et du bond. Eine Musik voller eigentümlicher Klangsinnlichkeit, Ravel kostete hier offensichtlich die Stimmungen aus, die er in den von schwer verständlichen Symbolen und merkwürdigen Bildern durchzogenen Gedichten wahrnahm.


    Debussys Mallarmé-Zyklus, original für Singstimme und Klavier, beruht in den ersten beiden Liedern auf denselben Gedichten und weicht im dritten Lied ab: Soupir; Placet futile; Éventail. Der englische Komponist Colin Matthews (geb. 1946) hat eine Bearbeitung für die gleiche Besetzung wie bei Ravel geschaffen, die gestern erklang: deutlich spröder, der Klavierpart wurde beispielsweise aufgeteilt, indem z. B. Klarinette/Baßklarinette ein Motiv spielten, dann Flöte/Klarinette und die Streicher wurden auch nur sporadisch eingesetzt: Das klang einerseits spröde, andererseits reizvoll, klangsinnlich auf eine andere Weise. Im Unterschied zu Ravel scheint es Debussy weniger um Stimmungen zu gehen; die Herausstellung des Textes steht im Vordergrund, man könnte sagen, Debussy läßt den Dichter sprechen und tritt selbst etwas in den Hintergrund.


    Ravel hatte (hier folge ich Angaben aus dem Programmheft, bitte um Korrekturen, falls erforderlich!) seine Poèmes de St´phane Mallarmé vor Debussy beendet und die Erlaubnis zur Veröffentlichung von Mallarmés Schwiegersohn (Erbe des 1898 gestorbenen Dichters) erhalten. Als sich Debussy mit seiner Komposition an den Verleger wandte, wollte der ihm zunächst nur die Veröffentlichung von Éventail erlauben. Trotz der Spannungen, die damals zwischen beiden Komponisten bestanden haben müssen, setzte sich Ravel erfolgreich dafür ein, die Rechte an den Texten ein zweites Mal freizugeben, und Debussy konnte "gleichziehen".


    Zum Schluß das 2. Klavierquartett Faurés, dessen Kammermusik für mich zum Schönsten zählt, das es gibt (zur Zeit rangiert sie bei mir noch vor Schumann und Brahms). Zwar in der klassischen viersätzigen Satzaufteilung, aber im Fluß der thematischen Verarbeitung ganz anders als die deutschen Modelle seit Beethoven: alles wie aus einem Guß, Gegensätze werden schnell wieder zurückgenommen („undialektisch“ würde ich’s nennen), mit langen Spannungsbögen, An- und Abschwellen... für mich wunderbar und erwärmend.


    Zu den Interpreten: Den Musiker des Nash-Ensembles gelang es, eine hohe leidenschaftliche Spannung zu schaffen, ohne daß es auf Kosten der Klarheit und Durchhörbarkeit ging, im Gegenteil. Beim Ravel nahmen sie das Rauschhafte eher etwas zurück, was mich im Ergebnis leicht an den Gestus von Schönberg erinnerte (Pierre lunaire), ganz fein musiziert! Und der Fauré zum Schluß - das war überwältigend! Besonders gerührt war ich etwa am Ende des 3. Satzes (Adagio non troppo), als die drei Streicher mit einem ganz feinen pp die Musik wie aus einer anderen Welt hereintönen ließen. Das war Kammermusik vom Besten!!


    Die Solistin, Stella Doufexis, sang die französischen Lieder nicht so hell, leicht und frisch, wie ich es von Aufnahmen her kannte (Elli Ameling, Felicity Lott), doch ihre angenehme, eher dunkel timbrierte Stimme mit, wie mir schien, sparsam und gezielt eingesetztem Vibrato, eine klare Textverständlichkeit (selbst ich, des Französischen nicht mächtig, hätte den Text teilweise nachsprechen können, so deutlich war es) und besonders bei Debussy (dessen Komposition das auch am meisten ermöglicht) auch schauspielerisch überzeugende Leistung – all das nahm mich gefangen und ich war begeistert (und ich freue micxh schon darauf, die Sängerin in Kürze wieder im Konzert erleben zu können, diesmal mit Brahms-Quartetten).

    Bei allen Musikern kam übrigens deutlich an, daß sie mit Lust und Freude an die Sache gingen – Überzeugungstäter.


    Es war ein wunderbares Konzert!

  • Lieber Gurnemanz, danke für diesen ausführlichen Bericht! Wie ich dich beneide, kannst du Dir bildlich vorstellen! :yes:
    Das ist wirklich ein Programm vom Allerfeinsten und zeigt dei Qualitäten frz. Musik des 20Jh in grosser Breite und Eindringichkeit.
    Der Debussy als Kammermusikbesetzung klingt sehr spannend. Und ja, ihm geht es hier gar nicht um Stimmungen, sondern um die Auskomponierung der Sprache Mallarmés
    Allerdings bin ich etwas erstaunt über die Besetzung mit einem Mezzosopran. Gerade auch was Roussel betrifft ?(
    Aber wenn's geklappt hat- tant mieux!


    Bonne nuit
    Fairy Queen

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    Allerdings bin ich etwas erstaunt über die Besetzung mit einem Mezzosopran. Gerade auch was Roussel betrifft ?(
    Aber wenn's geklappt hat- tant mieux!


    Natürlich kann ich nicht beurteilen, ob hier nach unten transponiert wurde. Bemerkenswert fand ich jedenfalls, daß ich eine runde, volltönende (aber nicht schwere!) und eher zum Alt tendierende Stimme bei Ravel und vor allem Debussy so angemessen und authentisch fand - nachdem ich mich eben erst für leichte, frische Stimmen begeistert hatte! Gut, daß ich zwar mit hohen, allerdings nicht allzu festgefügten Erwartungen ins Konzert gegangen war.


    Eine Frage, die wohl eher in den Debussy-Lieder-Thread gehört: Ist es überhaupt üblich, bei Debussy zu transponieren, um den Sängern entgegenzukommen (wie z. B. bei Schubert) oder wäre das ein allzu drastischer Eingriff in die Klangfarben?


    Derart erlesene Programme sind in Deutschland viel zu selten; der Referent hatte auch darauf verwiesen, daß außer dem Bolero, La mer, L'apres midi d'une faune und dem Zauberlehrling französische Musik in Deutschland weitgehend unbekannt sei. Wenn man in unsere Konzertprogramme sieht: Weitgehend ist das so, leider.

  • Lieber Gurnemanz,ich habe noch ncihts von transponiertem Debussy gehört und kann da nur sagen: Prost, wer das als Instrumentalist machen soll :faint:


    Die Stücke sind ja Alle nicht extrem hoch, aber der Roussel doch wirklich sopranig, gerade auch in der Vermischung der Klangfarben.
    Hier liegt der Reiz der Komposition m.E. ja gerade in der Besetzung , d.H. der Verschmelzung einer Querflöte mit einer Sopranstimme. Man kann oft kaum unterscheiden , who is who. Aber das müsste ich hören, rein theoretisch lässt sich nichts dazu sagen.
    F.Q.

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    Hier liegt der Reiz der Komposition m.E. ja gerade in der Besetzung , d.H. der Verschmelzung einer Querflöte mit einer Sopranstimme. Man kann oft kaum unterscheiden , who is who.


    Liebe Fairy Queen,


    das war gestern allerdings nicht so: Gesangsstimme und Flöte waren deutlich unterscheidbar, von Verschmelzung habe ich nichts gehört. Möglicherweise hättest Du das kritisiert. Wenn mir mal eine Aufnahme der Deux poèmes begegnet, werde ich es überprüfen.


  • Gerade zurückgekehrt vom Konzert kann ich sagen, dass es eines der Besten in der letzten Zeit war. Debussy und Dvorák war sehr schön, aber eine Sensation war das "Konzert für Orchester". Was ist mir denn da bis jetzt für ein Werk durch die Lappen gegangen!? Grandios - und das auch richtig gut gespielt vom Konzerthausorchester!
    Ich war lange nicht mehr so beeindruckt, dass ich gebannt auf der Stuhlkante saß.
    :jubel: :jubel: :jubel:



    LG, Peter.

  • Zitat

    aber eine Sensation war das "Konzert für Orchester". Was ist mir denn da bis jetzt für ein Werk durch die Lappen gegangen!?


    Bartok soll ein sehr guter Komponist gewesen sein....... :D


    Im nächsten Syko spielen wir es auch wieder, ich freue mich darauf, denn das "Konzert für Orchester" ist eines der besten Werke von Bartok ;)


    LG,
    Michael

  • Lieber Michael,


    ich glaube, das ist bei mir so ein Fall von: Schlechte Einspielung - Werk langweilig. Mit der Einspielung von Andrew Davis konnte ich halt trotz mehrmaligen Hörens nichts anfangen und dann habe ich das auch nicht weiter verfolgt.
    Jetzt brauche ich wohl dringend eine richtige Aufnahme...



    LG, Peter.

  • Hallo,


    gestern war ich im Dortmunder Konzerthaus und hörte die Tschechische Phiharmonie unter Manfred Honeck mit


    --> Brahms: Klavierkonzert Nr. 1, Pianist: Lars Vogt


    saubere Orchesterleistung, besonders gute Bläser, relativ unaufdringliche Streicher, ein energischer Lars Vogt in den Sätzen 1 und 3, sensibel und zurückhaltend im langsamen Mittelsatz. Das stark Sinfonische dieses Konzertes wurde gut herausgearbeitet -
    und


    --> Dvorak: Sinfonie Nr. 6.


    Auch hier die Bläser wieder eine Bank, das Orchester manchmal ein wenig zu schwungvoll, zu folkloristisch,


    was auch bei den


    --> 3 (!) Orchesterzugaben


    deutlich wurde, die sich zwar nicht handwerklich, aber von der Auswahl her auf Kurorchesterniveau bewegten, so dass sich bei der letzten Zugabe eine ganze Reihe Zuhörer nicht enthalten konnten mitzuklatschen.


    Diese Zugaben haben mir den Nachhall der beiden guten vorherigen Leistungen etwas verdorben, da ich mir klassischen Gassenhauern etwas "zugemüllt" vorkam.
    Ansonsten ein gelungener Abend. Vorallem von Lars Vogt möchte ich gerne mehr hören.


    Grüße


    tukan

  • Freitag, 30.1.09 Besuch in der Musikhalle Hamburg (Laeisz-Halle) mit Mahlers Sinfonie Nr 3, NDR-Orchester unter Alan Gilbert sowie Alexandra Petersamer.


    Sieht man mal ein klein wenig davon ab, dass dieses Haus m.E. für o.g. Sinfonie eigentlich ein bischen zu klein ist (durch die umbaute Bühne ergibt sich ein sehr direkter Klang, was sich in enormen Pegeln – auch in den hinteren Reihen, zeigte). „Dat hat richtig gekesselt“ hätte Brösels Werner sicher konstatiert. :yes:


    Spaß beiseite; ein insgesamt wunderbares Konzert.
    PROS: traumhaftes Posthornsolo, zartes, ätherisches Streicherglitzern in den leisen Passagen wie beim Posthornsolo, moderate Tempi, sehr schönes Mezzo-Solo, fulminantes Finale vom Finale.
    CONTRAS: Bläser, die sich die Lunge aus dem Leib gepustet haben (was bei o.g. direktem Schall meist ein bisserl zu viel war), zu viele Kieckser beim Blech, Begleitung beim Mezzo-Solo zu laut, nachlassende Konzentration des Orchesters gegen Ende hin.


    Anyway, es hat Spaß gemacht, auch trotz der „Fehler“ und es war ein tolles Erlebnis (denn soo oft wird diese Sinfonie ja nicht gespielt).


    War jemand dabei und kann mir widersprechen?
    Herzlichst
    Thomas

  • Hallo.


    Am Donnerstagabend stand mal wieder etwas mir bislang Unbekanntes auf dem Programm der Berliner Philharmoniker: Schumanns "Das Paradies und die Peri".


    Ich hatte mich vorher nicht schlau gemacht über das Werk; meine Schumann-Zuneigung hält sich ohnehin in Grenzen (ich besitze auf CD vermutlich nur die Symphonien unter Barenboim, und selbst diese Einspielung habe ich nicht besonders häufig in den CD-Player geschoben); kurzum: Ich hatte überhaupt keine Erwartungen.


    Doch schon mit den ersten Takten wurde meine Aufmerksamkeit geweckt. Melodisch-eingängig, dabei zurückhaltend-innig wird man in die kommenden gut 100 Minuten eingeführt.
    Ein weltliches Oratorium, habe ich dann später gelesen, ist das Paradies und die Peri. Und so geht es mit einer Mischung aus orientalisch angehauchtem Märchen und einem von Zweifel freien Kinder-Glauben weiter. Die Peri (persisch offenbar für Fee) muss als Tochter eines gefallenen Engels das Paradies verlassen und möchte dorthin zurück, dazu kehrt sie mit verschiedenen Glaubenszeugnissen vor das Himmelstor zurück (im ersten Teil ist es das "letzte Tröpflein Blut ... aus Heldenherzem" - was offenbar im Ersten Weltkrieg und zu NS-Zeiten zu einer nationalistischen Deutung führte, welche dem Werk - im Kontext des Werkes betrachtet muss man sagen: ungerechterweise - lange anhing) mit der Träne eines reuigen Sünders jedenfalls wird ihr der Zutritt ins Paradies letztlich wieder gewährt. Dies stand auch nie in Frage - zu tief, zu rein ist Peris Glaube, als dass er enttäuscht werden dürfte.


    Der große, alles in Frage stellende Konflikt ist somit nicht vorhanden. Dafür eine durchgängig von einer Art innerem Leuchten getragene Stimmung zwischen leiser, stets von Hoffnung durchwirkter Melancholie und Lyrik. Die Gesangsstücke sind dementsprechend liedhaft. Insgesamt habe ich ein schlüssiges und in sich geschlossenes Werk kennengelernt, das neben dem mich ansprechenden Finale des ersten Teils vor allem in den ruhigeren Passagen große Wirkung erzielt ohne dem Wesen nach auf Effekt zu zielen.


    Insofern bin ich mit dem Abend zufrieden, als dass ich etwas Neues kennenlernen konnte, das ich noch besser kennenlernen möchte.


    Ein Blick auf die Sänger zeigt auch, dass hier ein ambitionierter Abend zu erwarten war. Die Peri sang Annette Dasch für die erkrankte Genia Kühmeier (Dasch wird auch heute Abend zum Einsatz kommen, am 8. wird dann Sally Matthews die Peri singen). Weitere Sänger waren Kate Royal (Sopran), Bernarda Fink (Alt), Topi Lehtipuu (Tenor), Andrew Staples (Tenor) und Christian Gerhaher (Bariton) sowie der Rundfunkchor Berlin.
    Am besten gefiel (mal wieder) Gerhaher, der mich durch sein Ausgestalten der Partien immer wieder beeindruckt, zu dem sehr textverständlich und sicher singt. Annette Dasch als Peri sagte mir insofern nicht so zu, als dass sie von ihrer Stimme her eher selbstbewusst und kräftig als mädchen- oder feenhaft daherkommt. Die anderen Sänger und vor allem der Chor gefielen, wobei es namentlich den Solisten teilweise schwer gemacht wurde, gegen das Orchester anzusingen; teilweise hatte man das Gefühl, dass nur derjenige eine Chance auf Erkennbarkeit hatte, der in etwa die Lautstärke eines startenden Düsenfliegers erreichen konnte.


    Schwachpunkt war nicht nur deshalb Rattles Dirigat für mich. Meines Erachtens war er nicht rückhaltlos dazu bereit, sich auf ein letztlich von so viel Naivität getragenes Werk einzulassen. Da ich ihn namentlich in Interviews als großen Zweifler erlebe, ist das auch wenig überraschend. Dem Werk tat dies für mein Empfinden aber nicht gut.


    Unterm Strich aber hat mir dieses Kennenlernen gut gefallen. Ich marschiere gleich mal zu Dussmann, ich bin zuversichtlich, dort eine gute Einspielung zu finden - und nachher in Ruhe zu hören.


    :hello:


    Gruß, Ekkehard.

  • Hallo Ekkehard,


    habe gerade mit Interesse Deine Besprechung gelesen, eine schöne Einführung in ein Werk, das auch mir, obwohl Schumann durchaus zu meinen Favoriten gehört, noch ganz unbekannt ist. Demnächst habe ich die Gelegenheit, das Oratorium in einer szenischen Aufführung in Mannheim zu erleben. Hier gibt es übrigens schon ein paar Informationen über das Werk und eine Übersicht über Einspielungen.

  • In Wiesloch (ca. 15 km südlich von Heidelberg) habe ich ein Konzertabonnement. Gestern gab es einen Brahms-Liederabend mit 4 Solisten und 2 Pianisten, den ich auch vom Programmablauf als originell empfunden habe: Zunächst präsentierten Tenor, Mezzospranistin, Sopranistin und Bariton jeweils eine Serie von Klavierliedern Johannes Brahms', dann, nach der Pause gab es Ensemblegesang mit allen Vieren und den beiden Pianisten vierhändig.


    Für die Liebhaber des Brahmsschen Vokalschaffens hier das Programm im einzelnen:



    Ich gebe zu, daß Brahms' Liebeslieder nicht so ganz zu meinen allerersten Favoriten gehören, auch wenn ich mich selbst schon an einigen der gestern gehörten Werken selbst versucht habe, was nicht ohne Reiz ist. Besonders die Quartette sind, sagen wir einmal, "schwierig" in ihrer emotionalen Wirkung. Wie ernst kann man das alles nehmen? Das liegt schon mal daran, daß Brahms gern zu Texten griff, die nicht unbedingt höchste literarische Qualität erkennen lassen, z. B.:



    Die Künstler zogen sich aus der Affäre, indem sie die (unfreiwillig?) komischen Seiten betonten: Da wurde gescherzt, geflirtet und (auf höchsten Niveau) geträllert und gesäuselt, was das Zeug hielt. Das hat Spaß gemacht!


    Von den vier Solisten beeindruckte mich am meisten wieder einmal Stella Doufexis, die ich erst vor wenigen Tagen mit französischen Liedern (Roussel, Ravel, Debussy) erlebt hatte: Wie sie die Lieder nicht nur sang, sondern jede einzelne Passage durchlebte und gestaltete, und das mit einer wunderbar dunklen und klaren Stimme, immer textverständlich - das war einfach klasse! Etwa in Vorschneller Schwur, wo von einem Mädchen die Rede ist, das zunächst schwört, niemals Wein zu trinken und niemals zu küssen, um dann schnell zu bereuen und sich freudig allen Genüssen der Welt hinzugeben - hier zeigte Frau Doufexis, daß sie nicht nur eine großartige Sängerin, sondern eine ebenso große Schauspielerin ist.


    Ein unerwartet gelungener musikalischer Abend!

  • Hallo.


    Zitat

    Original von Gurnemanz
    ...
    Demnächst habe ich die Gelegenheit, das Oratorium in einer szenischen Aufführung in Mannheim zu erleben. Hier gibt es übrigens schon ein paar Informationen über das Werk und eine Übersicht über Einspielungen.


    Ich denke, dass es Dir gefallen wird - viel Spaß bei der "Entdeckungsreise"!
    Und vielen Dank für den Link. Ich werde mir gleich die Harnoncourt-Einspielung per iTunes holen - mal sehen, ob ich dann noch mal etwas brauche.


    :hello:


    Gruß, Ekkehard.

  • Hallo!


    Am Mittwoch war ich im Konzert des Faure Quartetts. Sie spielten die Klavierquartette f-moll von Mendelssohn, B-dur von Saint-Saens und c-moll von Brahms.
    Ich bin/war total begeistert! :jubel::jubel::jubel::jubel:


    Besonders das schwergewichtige und sehr persönliche Brahms-Quartett wurde so intensiv und nuanciert gespielt - es war fast wie ein neues Kennenlernen des Werks. Sollten sie auf ihrer CD



    ähnlich gut spielen, kann ich die wirklich sehr empfehlen.
    Auch das Geburtstagskind Mendelssohn wurde mit einem wunderbaren Vortrag des f-moll-Quartetts gewürdigt.
    Das Saint-Saens-Werk kannte ich vorher nicht. Das Zuhören hat aber große Lust aufs Anschaffen einer Aufnahme zum weiteren Kennenlernen gemacht.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Samstag, 07.02.2009, Royal Festival Hall, London


    Auf dem Programm stand Dvoraks Requiem - ein Werk, dass ich noch nicht live gehört hatte.


    Neeme Järvi dirigierte das London Philharmonic Orchestra, den London Philharmonic Choir und die Solisten Lisa Milne (Sopran), Karen Cargil (Mezzo), Peter Auty (Tenor) und Peter Rose (Bass).


    Das Positive vorweg: Das Orchester hat mir gut gefallen, insbesondere die Blechbläser waren ein Genuss. Die Solisten waren überaus hörenswert, auch wenn ich den leicht kehligen Klang, den Frau Cargil an den Tag legte, nicht so sehr mag. Zum Hinschmelzen der lyrische Sopran von Lisa Milne, die mit feinsten Nuancen aufwartete und - obwohl hinter dem Orchester platziert - auch im Piano keine Mühe hatte, gehört zu werden.
    Leider ist das Requiem aber vorrangig ein Chorwerk und den Chor muss ich leider als mittelmäßig bezeichnen. Ungenaue Einsätze, nachklappernde Konsonanten, recht brutale Töne aus den Männerstimmen, oft zufällig wirkende Dynamik und wenig tragfähige Töne im mittleren und unteren Lautstärkebereich. Nur wenn es die rund 130 Mann und Frau im Forte so richtig krachen lassen konnten, waren sie überzeugend.
    Vieles, was an Ungenauigkeiten und Unsicherheiten dem Chor angelastet werden kann, könnte auch auf das ungenaue und wenig sängerfreundlich Dirigat von Neeme Järvi zurückgeführt werden. Also ich hätte auch nicht immer gewusst, wo der Einsatz sein sollte und welches Tempo gewünscht ist. Von Impulsen zum Atem holen ganz zu schweigen. Kein Wunder, dass da schonmal die eine oder andere Stimme einen Tick zu früh einsetzte - was in der gnadenlosen Akkustik genau zu hören war. Trotzdem sollte ein Chor, der schon mit vielen Dirigenten gearbeitet hat, sowas auffangen können.
    Insgesamt also ein unerfreulicher Konzertabend - auch wenn er Lust auf das Werk an sich machte und ich mir den Namen Lisa Milne sicher merken werde.


    LG
    Rosenkavalier

  • Hallo.


    Das Wochenende begann am Sonnabend mit einer Neuaufnahme des "Rosenkavalier" von Strauss an der Deutschen Staatsoper Unter den Linden. Für mich wider Erwarten schwer erträglich. Ich hatte mich auf Magdalena Kozena als Octavian und Angela Denoke als Marschallin gefreut; ich hatte aber nicht einkalkuliert, dass ich die Musik überhaupt nicht mehr mag.
    So oft habe ich während eines Opernabends wohl noch nie auf die Uhr geschaut. Nach einem noch recht guten Beginn waren Orchester (Staatskapelle unter dem mir bislang nur namentlich bekannten Asher Fish) und Sänger dann ab Mitte des ersten Aufzug irgendwie auseinander. Das Orchester häufig zu laut, die Sänger kaum textverständlich, das Bühnenbild irgendwie zwischen Barock und Verfremdung, vor allem aber unentschieden (Kommentar eines älteren Mannes in der ersten Pause: "Wer hat denn das inszeniert [Nicolas Brieger]? Bin ich denn hier im ,Barbier von Sevilla'?"). Nein, das war nichts - aber das hat vermutlich vor allem mit mir zu tun, ich mag die Musik wie gesagt einfach nicht mehr hören und habe dementsprechend innerlich dichtgemacht. Schade.


    Dann gestern in der Philharmonie das DSO unter Ingo Metzmacher.
    Wieder ein nicht fürchterlich ausgefallenes, aber für mein Empfinden interessantes Programm. Zu Beginn Weberns Passacaglia, dann Bergs Violinkonzert "Dem Andenken eines Engels", schließlich die 4. Brahms.
    Grundsätzlich: Da mögen die gespielten Werke von Webern und Berg 101 resp. 74 Jahre alt sein - das Publikum will in großen Teilen immer noch nicht so recht warm werden mit diesen "modernen" Klängen.


    Dabei zeigte Metzmacher mit dem DSO wieder etwas, das ich (gerade auch im Vergleich mit Rattle) zu schätzen weiß: Es gibt keine Show, keinen Klangzauber um des Klangzaubers willen. Das Werk wird auf die Bühne gebracht. Hätte die Passacaglia für mein Empfinden teils zugespitzter sein könne, gab es beim Berg einen beeindruckenden Mehrwert: Christian Tetzlaff. Der Violinist war mir bislang nicht wirklich bekannt (ist dann aber doch auf einer Brahms-Box mit Lars Vogt und Sabine Meyer bei mir vertreten), doch das hat sich wirklich geändert. Tetzlaffs Spiel empfand ich als ungemein ausdrucksstark; klingt jetzt platt, aber er hat die Geige zum Singen gebracht; wenn zum Ende hin die hohen Lagen gefragt sind, schienen die Töne ein Eigenleben zu entwickeln. Als Zugabe dann eine Sonate für Violine solo von Bach (?, wie ich jetzt nur vermuten kann). Immer wieder ein Erlebnis, wenn eine Person die gesamte Philharmonie mit Musik füllt. Da hätte man die Stecknadel fallen hören können (falls nicht gerade wieder jemand gehustet hätte). Bach von Tetzlaff, das werde ich mir auf jeden Fall holen.


    Nach der Pause kamen dann alle Besucher auf ihre Kosten. Die Köpfe wippten im Takt: Brahms. Auch hier kein großes Brimborium. Eine straffe 4., welche über die "schönen" Stellen nicht wegrast, sie aber auch nicht bis ins Süßliche auskostet; und die nicht bloß laut, sondern auch schroff sein kann. Auch wenn ein Sitznachbar feststellte, dass das Blech der Philharmoniker denn doch noch in einer anderen Liga spiele (da hat er wohl recht), eine für mich sehr geschlossene Interpretation. Sehr gut.
    Derzeit freue ich mich mehr auf die Konzerte mit dem DSO als auf die mit den BPhil.


    :hello:


    Gruß, Ekkehard.

  • lohengrins:


    Habe mit Interesse deine Eindrücke vom "Rosenkavalier" in der Staatsoper gelesen. Nun war ich gestern ebenfalls in dieser Aufführung. Mir gefällt die Musik, man kann zwar sagen, das ist ein spätromantischer Schinken, aber auch viel holde Walzerseligkeit, das ist eben Geschmackssache. Also mir wurden die über vier Stunden (mit Pausen) überhaupt nicht langweilig. Mir gefiel auch die Inszenierung und stimmlich haben Frau Kozena(-Rattle) und auch die anderen überzeugt. Ich stimme zu, dass die Textverständlichkeit schlecht war, man hätte, so wie es auch in der DOB bei Richard Strauss üblich ist, Übertitel bringen müssen. Viel Beifall und Buhs für das Orchester wegen der recht uninspirierten Darbietung.


    Beste Grüße


    Manfred

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Hallo Manfred.


    Ich war selbst ein wenig überrascht, wie wenig mich die Musik ansprach.
    Vor einigen Jahren hatte ich den Rosenkavalier in der Deutschen Oper mit Deborah Voigt als Marschallin und Thielemann am Pult erlebt. Da gab es für mich immer wieder Momente, die mir gefielen und über Walzerseligkeit und Schlagobers hinausgingen.
    Ich weiß nicht, ob es mir heutzutage immer noch so gehen würde, ich weiß aber, dass das Dirigat von Asher Fish vieles von dem, das ich ohnehin weniger mag, nahezu unerträglich werden ließ. Den Vorwurf, dass Strauss letztlich eindimensionaler Begleiter des Bühnengeschehens ist, fand man so bestens bestätigt. Ich glaube bloß, dass das eigentlich nicht sein muss.
    Magdalena Kozena fand ich auch gut (wenngleich eben größtenteils nicht textverständlich), nicht zuletzt darstellerisch. Als Melisande (ebenfalls an der Staatsoper, unter dem Dirigat ihres Mannes) hatte sie mich sehr überzeugt - da lag mir aber die gesamte Oper mehr.


    Wenn nicht eine besondere Bestzung oder Inszenierung anstehen, werde ich mir Rosenkavaliere künftighin aber wohl besser verkneifen. Es gibt ja auch noch vieles mehr zu entdecken. Wenn ich mich dabei erwische, wie ich zum wiederholten Male eine bestimmte Symphonie oder Oper live erleben will, dann denke ich an die jüngst verstorbene Mäzenin Betty Freeman. Sie besuchte grundsätzlich nur Aufführungen von Werken, die sie noch nicht kannte.


    :hello:


    Gruß, Ekkehard.

  • Daniele Gatti und die Münchner Philharmoniker in der Philharmonie im Gasteig (München), 26.2.2009


    Fast wie eine in sich geschlossene Symphonie wirken die fünf Symphonischen Stücke aus der Oper „Lulu“ für Koloratursopran und Orchester von Alban Berg auf mich. Im Zentrum steht das „Lied der Lulu“, für das die Solistin Christiane Oelze erst unmittelbar davor auf die Bühne kommt, um auch gleich danach wieder abzugehen. Die Schlusszeilen am Ende des fünften Stücks singt sie im Bühnenhintergrund, rechts neben den Schlagwerkern. Es ist große, inspirierte, klangüppig erzählende Orchestermusik voller irisierender Klangfarben. Wir hören nahezu Seelendramen, die der Komponist ausbreitet. Die Musik wirkt nie mutwillig konstruiert, sie atmet durchgehend den Geist eines genialen Talents.


    Auch Gustav Mahlers Vierte Symphonie G-Dur dirigiert der charismatische Dirigent Daniele Gatti auswendig. Man hört, wie genau er mit dem Orchester geprobt hat, ohne dass dieses den Fluss der Musik, das Leben der Musik aufgibt – eine ungemein beseelte Interpretation, gleichzeitig großartig differenziert und tief empfunden, sehr zu Herzen gehend, wo alle Überraschungen der Musik im ersten Satz entsprechend keck, poetisch, schelmisch oder theatralisch entfaltet werden, wo im zweiten Satz „Freund Hein“ wirklich eher freundlich, gutmütig, gemütlich einschmeichelnd vorbeischaut, mit schelmischem Augenzwinkern, wo im großen, ganz tief empfundenen dritten Satz nicht nur der herrlich weiche Streicherchor Anteil hat am ausgebreiteten Seelendrama, und wo im Finale wieder Christiane Oelze zumindest ganz am Ende eine unbeschwerte, herzlich naiv erzählende Ausdrucksintensität aussingt, die den Hörer für sich einnimmt, so wie das ganze Konzert eben ungemein beseelt erklang.

    Freundlicher Gruß
    Alexander