Konzertbesuche und Bewertung

  • Dennoch hätte ich mir vom Orchester etwas mehr Flexibilität, etwas mehr Nachgeben und neues Luftholen bei Phrasen-/Abschnittsanfängen gewünscht, damit es nicht auf dieses angestrengt wirkende Dauerfortissimo ohne Punkt und Komma (das ist jetzt eine Übertreibung) hätte hinauslaufen müssen.

    So ganz verkehrt ist der Eindruck wohl nicht: Einem meiner Bekannten kam der erste Teil (Tannhäuser und Tristan) nach seinen Worten ebenfalls etwas "ohne Punkt und Komma" durchmusiziert vor.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Eine beträchtliche Enttäuschung erlebte ich heute, als ich am Kleinen Saal der Elbphilharmonie eintraf: Es gab eine Programmänderung. Dabei hatte ich mich auf den bunten Liederabend mit McFadden (Sopr.) und Melnikov (Klav.) im Rahmen der Reihe neues werk enorm gefreut. Leider war McFadden erkrankt.


    So hörte ich heute als Ersatzprogramm vor der Pause "Black angels" von George Crumb, dargebracht von einem Streichquartett aus Mitgliedern des NDR Elbphilharmonie Orchesters (Sono Tokuda, Julius Beck, Jan Larsen, Fabian Diederichs) und nach der Pause ein Klavier-Recital vom ursprünglich als Duo-Partner vorgesehenen Alexander Melnikov.


    Zu den schwarzen Engeln Crumbs bekam ich kaum eine zufriedenstellende Rezeptionshaltung hin. Es gab da ein paar lautmalerische Stellen, die mir reizvoll erschienen, insgesamt kam ich aber mit der Musiksprache, die uns zuvor vom Bratscher Larsen ein wenig erläutert und vom Quartett exemplarisch demonstriert wurde, nicht gut zurecht. Zum Vortrag der Interpreten möchte ich eh nichts sagen, da ich zwei von ihnen mehr oder weniger gut kenne, aber mir fehlte heute das Gespür/das Verständnis für die Qualität des Stücks. Das etwas spärlich erschienene Publikum war offenbar angetan, und es gab freundlichen Applaus nebst einigen Jublern und Tramplern.


    Nach der Pause dann Alexander Melnikov. Auch er zunächst mit erläuternden Worten, nämlich zu Alfred Schnittkes "Improvisation und Fuge für Klavier" (1965). Dieses Stück erreichte mich wiederum sehr direkt. Melnikov hier noch zuweilen mit einem etwas "verhuschten" Anschlag, aber ansonsten über den Dingen stehend mit einem heute insgesamt vortrefflichen Sinn für die Architektur der Musik.

    Es folgten vier Präludien und Fugen von Schostakowitsch, op.87 (G-Dur, e-Moll, A-Dur, fis-Moll), die eine erfreuliche Einheit ergaben. Ganz wunderbar ist mir in Erinnerung, wie extrem bezwingend die e-Moll-Fuge aus dem Präludium hervorging. Beim Schostakowitsch gewann auch Melnikovs Anschlag endgültig an Substanz bei schnelleren Tonfolgen.

    Es folgte schließlich noch Prokofjews Klaviersonate Nr.6, A-Dur op.82, die ich sehr überzeugend fand - Melnikov suchte nicht die Extreme, wurde nie brachial oder verlor sich in Einzelbetrachtungen. Es war der berühmte rote Faden, den er so sinnfällig spann, dass die Sonate am Schluss in einer Art klaren Gesamtheit vor mir stand, obwohl ich sie nicht gerade gut kenne. Besonderes Highlight: der zweite Satz, den ich bislang kaum auf dem Schirm hatte. Exzellent musiziert, ein Vortrag von ebenso großer Klarheit wie lebendiger Gestaltung. Viel Applaus (+Zugabe) - und für mich ein insgesamt versöhnliches Konzert.

  • Liebe Konzertgänger,


    heute Nachmittag (Beginn 15.00 Uhr) im großen Saal des Mozarteums in Salzburg im Rahmen der Mozart-Woche:


    WA Mozart


    Triosonate G-Dur KV 496

    Klaviertrio B-Dur KV 502

    Klaviertrio G-Dur KV 564


    Daniel Barenboim, p

    Michael Barenboim, v

    Kian Soltani, v’cello


    Eine musikalische Sternstunde ! Daniel Barenboim präsentierte den Klavierpart symphonisch. Wunderbares Herausarbeiten der Polyphonie. Sein Sohn und Kian Soltani fügten sich harmonisch und tadellos ein.




    LG und gute Nacht


    Siamak

  • Hallo!


    Am Sonntag durfte ich gemeinsam mit der besten Ehefrau von allen einem Konzert des Heilbronner Sinfonie Orchesters beiwohnen.


    Das Programm hatte in seiner Bandbreite etwas von einer Leistungsschau:


    Sergej Prokofieff: Symphonie classique

    W. A. Mozart: Oboenkonzert KV 314


    Maurice Ravel: Le Tombeau de Couperin

    Franz Schubert: Sinfonie Nr. 6


    Mit beeindruckender Leichtigkeit unter der sichtlich guten Laune des Dirigenten Alois Seidlmeier (v.a. beim ersten Werk) war es ein Vergnügen, dem Orchester und im Oboenkonzert dem Solisten Jean-Jacques Goumaz zuzuhören. Eine Musik wie klares Wasser. Interessant dabei auch das Mozart-Konzert mit der originalen Solostimme der Oboe und nicht wie sonst üblich mit Flöte zu hören.


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    Beim Tombeau gelang es dem Dirigenten mit seinem Orchester hervorragend die "Pastelltöne" des Werkes in einem herrlichen Klangteppich zu präsentieren. Sehr akkurat und forsch Schuberts 6te zum Schluss.


    Ein rundum gelungener Abend, der uns durch Operus ermöglicht wurde.

    Dafür vielen Dank dafür (und Gruß an die Gattin)

    WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Lieber Woka,

    danke für Deine rasche Besprechung des Konzerts vom Sonntag Abend. Mein Eindruck lieg ganz auf Deiner Linie. Besonders Prokofieffs "Symphonie classique" fand ich mit bestechender Klarheit und wundervollem Klang gespielt. Für mich eine Sternstunde des Orchesters und Dirigenten.


    Liebe Grüße auch an die beste aller Ehefrauen

    herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Heute im Gedenkkonzert in der Semperoper –

    Konzerte zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945, seit 68 Jahren Tradition.

    1951 dirigierte Rudolf Kempe (damaliger Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Staatskapelle Dresden) zum ersten Mal ein Gedenkkonzert an jenem Tag – das Requiem von Verdi.

    Die Konzerte finden jeweils am 13.02. und 14.02. statt.


    Diesjähriges Programm:

    Antonín Dvořák - »Stabat mater«


    Christoph Eschenbach - Dirigent

    Venera Gimadieva - Sopran

    Elisabeth Kulman - Alt

    Pavol Breslik - Tenor

    René Pape - Bass


    Sächsischer Staatsopernchor Dresden (13., 14. Februar)

    Das Konzert findet am morgen noch einmal in der Frauenkirche statt, dann mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks.

  • Etwas verzögert hat sich mein Bericht eines kürzlichen Orchester- und Solistenkonzertes im grossen "Harmonie"- Saal in Heilbronn (Th.- Heuss- Saal)

    Heilbronner Sinfonie Orchester - Konzertreihe 2018/2019

    5. Konzert | Konzertreihe 2018/2019

    Sonntag, 24. März 2019

    TAUSENDUNDEINE NACHT


    Konzert- und Kongresszentrum Harmonie Heilbronn

    Theodor-Heuss-Saal

    Beginn: 19:30 Uhr

    Dirigent: Alois Seidlmeier

    Solist: Friedemann Eichhorn, Violine


    -------------------------


    Operus hat mich gebeten, ein paar Zeilen darüber zu schreiben, was ich gerne tun will. Zunächst, freie Plätze waren so gut wie keine mehr vorhanden. Das Orchester macht einen recht jungen, konzentrierten und engagierten Eindruck, unter der Stabführung seines inzwischen sehr geschätzten und beliebten Dirigenten A. Seidelmeier.


    Es wurden folgende Werke gespielt:


    - Sheherazade (Ouverture de feerie) (1898) von Maurice Ravel 1875 - 1937


    -1001 Nights in the harem -- Violinkonzert op. 25 (2007) von Fazil Say (* 1970), Solist: Friedemann Eichhorn, Violine


    - Sheherazade -- sinfonische Dichtung op. 35 (1888) von Nikolai Rimski- Korsakow (1844 - 1908)



    Das erste Werk, von Ravel als 23 Jährigem komponiert, zeigt schon die fast unverwechselbare Klangwelt dieses Komponisten, bleibt aber deutlich zurück hinter den bekannteren und teils enorm eindrucksvollen oder aber vielschichtig bis in äusserste Differnzierung hineinentwickelte Harmonik, besser gesagt Klanglichkeit und Rhythmik.


    Das nun folgende Violinkonzert Fazil Say`s, den wir mehr als türkischen Pianisten mit konkreten politischen Ansagen und weltweitem Auftreten denn als Komponisten kennen, ist eine ziemlich inhomogene, grosse Komposition, der man mit ungeduldiger Erwartung und Interesse begegnet. Und die wurden keineswegs enttäuscht. Gleich zu Beginn stellen sich die zurückhaltend agierenden türkischen Trommeln mindestens drei verschiedener Bauarten vor. Wenn Streicher und Holzbläser dazukommen, bekommen wir ein ausgewogenes Hörbild mit - wie ich meine - attraktiven Ausschlägen nach oben und unten. Es entwickeln sich nun teils ungewohnte melodiöse Linien, die sehr sang- und summbar sein können, aber nicht müssen. Das melodische Material scheint plausibel, poppig, vielleicht sogar trivial im einem musikästetischen und/oder stilistischen Sinne. Häufig sind Klangteppiche seitens der Streicher und Holz und Blechbläser, häufig ist aber auch der Verzicht auf rhythmische Betonung des orchestralen Apparats, der quasi im Untergrund das Ganze sachte und wie selbstverständlich vorwärts treibt.

    Vielleicht darf oder soll Musik aus (für uns) unbekannten Ecken dieser pluralen Welt sich so anhören, wie wir`s eben nicht gewohnt sind. Sie darf uns gerne überraschen, interessieren und Antworten schuldig bleiben. All die vorangegangenen Tage seit dem Konzert hat mich umgetrieben, wie der Solist Friedemann Eichhorn (* 1971 in Münster) sich wohl in dieses Violinkonzert einbringen konnte. Sein Part und Spiel erschien mir sowas wie Neuland, Entdeckungsreise, Lust an seinem Instrument, Lust am Ausprobieren, natürlich auch am Risiko, Interesse an Resonanz und Meinungen.


    Schliesslich, nach der Pause, erklang das Hauptwerk des Abends, die Scheherazade von Rimski- Korsakow. Bereits als junger Student habe ich es wenige Male gehört und "abgeurteilt", kam gleich nach "Les Preludes" von Liszt. Scheinbar hörte man auch eine abgekürzte Fassung im Radio, ich glaube auch auf einer DGG- Mono- LP war das Stück nicht komplett. Jetzt war ich gut beraten, mal konzentriert im Konzert zuzuhören. Natürlich war das viel, viel besser als ich in der Erinnerung behalten hatte.

    Was ich nun hörte, war eine unglaubliche Entfaltung einer von Anfang gleichermassen einfach klingenden wie im Verlauf immer komplexer variierenden Akkord- bzw. Harmoniefolge , mit zunächst sparsamen, dann immer reichhaltigeren Nebenlinien (Rimski- Korsakow hatte einige Jahre lang eine Professur für Komposition und Instrumentierung am Moskauer Konservatorium:; und in ganz kurzer Zeit eine Reihe von Schülern, aus heutiger Sicht ein Who is Who der damaligen russischen Musikszene). Ich bin froh, heute gegenüber den 1970er Jahren eine gewisse Reife erlangt zu haben, fähig genug diese Musik differenziert - um Konzentration bemüht- zu hören, ihre reale Entwicklung zu geniessen, aber auch weitere mögliche Entwicklungen zu erahnen.


    Die vier Sätze beschreiben in anschaulichen Worten die wichtigen Episoden des Werks.

    "Das Meer und Sindbads Schiff" "Die Geschichte vom Prinzen Kalender" "Der junge Prinz und die junge Prinzessin" "Fest in Bagdad - Das Meer - Das Schiff zerschellt am Magnetberg".


    Während andere Programmmusik deutscher oder ähnlicher Provenienz ab dem 19. Jh. das literarische Programm eher zu verbergen und abstrahieren sucht, ist man hier von programmatischen Begriffen und Assoziationen nur so umgeben und animiert, eine Entwickung der letzten Jahrzehnte zu spüren und hinzunehmen oder anzuerkennen. Es habe etwas mit "fallenlassen" zu tun... (stammt von meiner besseren Hälfte)


    Wunderbare Musik. Ja, zum Träumen ....


    (dass es grausig ausgeht, ist bei Tausendundeiner Nacht und ähnlichen orientalischen Stoffen das offensichtliche Faktum). Das Schöne ist auch, dass bei aller thematischer Undeutlichkeit des Konzertabends das "Feeling" sehr ausgeprägt" schien.


    Zuallerletzt und bedeutungsvoll ist, dass Alexia Eichhorn heute als neue Satzführerein bei den Violinen des HSO agiert hat. In der obigen Scheherazade

    spielte sie den Part der Solovioline im vierten Satz: grossartig !!!



    MlG

    D.

    3 Mal editiert, zuletzt von Damiro ()

  • Lieber Jochachim,

    Tausend und einmal Dank für Deine ausgezeichnete, kompetente, tiefschürfende Besprechung des Konzertes "Tausendundeine Nacht" des Heilbronner Sinfonie Orchesters. Selbstverständlich kann ich nur alles unterstreichen und verstärken, was Du geschrieben hast, weil Du den Nagel auf den Kopf getroffen hast. Dies bestätigt auch, dass die bisher erschienenen Presseberichte im Trend Deiner Meinung sind. Es war in der Tat ein großer Konzertabend. Auch Ingrid und mich treibt immer noch die ungewöhnliche, zum Teil fast artistische Leistung an, die Friedemann Eichorn aus seiner Geige herauszauberte. Auch durch die zum Teil ungewohnten Klänge der Komposition ging diese Interpretation enorm intensiv unter die Haut. Von allen das Konzert besuchenden Musikfreunden, denen es offenbar ähnlich ergeht, höre ich Kommentare wie sensationell, unglaublich, umwerfend...

    Also nochmals vielen Dank. Übrigens ist an Dir ein Kriitiker verloren gegangen!

    Liebe Grüße auch an Deine Frau

    Herzlichst

    Hans

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Gergiev und die Mariinskis waren gerade mit Rach 2 und Tschaikowski 5 in der Alten Oper. Tolles Konzert, bin 100% glücklich damit. Der Witz an dem Abend: der Abendhauptsponsor, der auch seine Gäste zum Empfang lud, ist ausgerechnet das Zentralorgan der Russlandhasser (FAZ). Wie inkonsequent...

    Er hat Jehova gesagt!

  • Hallo


    Im Rahmen der Mozartwoche in Salzburg am 01.02.2020 im großen Saal des Festspielhauses:


    WA Mozart


    Bläserserenade B-Dur KV 361 ‚Grand Partita‘


    Pause


    Klavierkonzert Nr.23 A-Dur KV 488

    Sinfonie D-Dur KV 385 ‚Haffner‘


    Daniel Barenboim, p/cond

    Wiener Philharmoniker


    Sensationell, IMO eine ‚Macht- und Power-Demonstration Barenboims ! Die Wiener hatten sehr großen Respekt und doch auch Freude am Musizieren. Welch warmer Klang. Wie Barenboim vom Flügel aus seine Akzente dem Orchester vermittelte. Über welche Energie er verfügte, unglaublich!


    LG Siamak

  • Gestern erlebten wir im ausverkauften Kulturpalast Dresden das Gastspiel der Berliner Philharmonie mit Kirill Petrenko. Es war ein Abend der Superlative, der mit Standing Ovations seitens des Publikums belohnt wurde.


    Dabei waren wir eigentlich etwas skeptisch wegen des Programmes gewesen, wollten aber natürlich die Gelegenheit nutzen, die Berliner Philharmoniker einmal live zu erleben. So erklang im ersten Teil von Strawinsky die Sinfonie in drei Sätzen, danach von Bernd Alois Zimmermann „Alagoana“, eine aus fünf Sätzen bestehende Ballettsuite. Nach der Pause wurden die Sinfonischen Tänze op. 45 von Sergej Rachmaninow gespielt.


    Obwohl Strawinsky zugegebenermaßen nicht mein Lieblingskomponist ist und ich von Zimmermann bisher nur die Oper „Die Soldaten“ kannte (1998 in der Semperoper in der Inszenierung von Willy Decker erlebt – sehr beeindruckend gewesen), zeigte das Konzert wieder einmal, dass man nie auslernt und welche großartige Musik es noch zu entdecken gibt (Rachmaninows Tänze waren uns bereits mehrfach in Konzerten begegnet).


    Alle drei aufgeführten Werke sind rhythmisch – expressive Musik mit extremen dynamischen Abstufungen, die den Musikern, vor allem den Bläsern und den Spielern der verschiedensten Schlaginstrumente (vor allem im Zimmermann – Stück – acht Spieler) fast unwahrscheinlich viel abverlangen. Wie Kirill Petrenko das dirigiert hat, verlangt mir Bewunderung ab. Die Philharmoniker haben meiner Meinung nach eine sehr gute Wahl getroffen, als sie ihn zu ihrem Dirigenten gewählt haben.


    Mit besten Grüßen

    Ramona1956

  • Das Quatuor Ebene hat in Stuttgart inzwischen eine richtige Fangemeinde, jedenfalls war das Konzert am 02.03. ausverkauft und der 752-Personen fassende Konzertsaal bis auf den letzten Platz besetzt. Trotz Corona. Auf dem Programm stand Beethoven und sonst gar nichts.


    Vor der Pause
    Op. 59.1
    und nach der Pause
    op. 130 + Fuge op. 133


    Die Ebenes touren ja derzeit weltweit mit Beethoven (die dazugehörige Live-GA steht in wenigen Wochen im Laden) und es ist schon erstaunlich, dass sie es im Konzert immer noch schaffen, den Eindruck zu erwecken, sie hätten die Stücke gerade erst für sich entdeckt. Nicht eine Spur von Routine, sondern hellwaches Spiele, einander Zuhören und technische Souveränität gepaart mit einer gewissen Spontanität machen das Spiel der Vier zu einem Ohren- und Augenschmaus. Tumultartige Ovationen nach dem Verklingen der letzten Takte von op. 133. Keine Zugabe. Ein perfekter Abend. Die Anfang April erscheinende GA ist schon vorgemerkt.



  • Die Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons gastierten am Dienstag, den 03. März, in der Elbphilharmonie. Auf dem Programm standen die ersten drei Beethoven-Sinfonien. Bis einschließlich Samstag spielt das Orchester in Hamburg alle neun Beethoven-Sinfonien, in der darauffolgenden Woche findet dieser Zyklus dann sogar ohne auch nur einen Tag Pause in München seine Wiederholung.


    Ich saß weit oben in Etage 16, Bereich X - schräg hinter dem Orchester.


    Ich habe die Wiener das erste Mal live gehört. Den Streicherklang empfand ich als exquisit, es kamen darin viele unterschiedliche Stärken zusammen: Feinheit, Kraft, Farbigkeit (manchmal ganz wunderbar silbrig) - alles extrem geschmackvoll ausbalanciert und wie aus einem Guss. Die Holzbläser fügten sich betont organisch in den Orchesterklang ein, sie kamen mir auf meinem Platz an ein paar Stellen aber etwas zurückhaltend vor, gerade an Phrasenenden, die so z.T. unhörbar wurden. Andererseits gab es da auch ganz großartige Momente, vor allem mit Blick auf die Oboe in der "Eroica".

    Die Hörner brauchten nach meinem Eindruck etwas Anlaufzeit, was aber nicht gravierend war; insgesamt waren Blech und nicht zuletzt Pauke erwartbar hochklassig. Die Qualität der Wiener ist natürlich nicht zu überhören - dennoch wurde es kein "großer" Abend. Die Interpretationen streichelten durchaus intensiv die Haut, gingen aber nur selten richtig darunter. Im Vorfeld hatte ich eine ähnliche Kritik zu der jüngsten Einspielung der neun Beethoven-Sinfonien gelesen. Andris Nelsons wurden darin musikantische Stärken, aber zu wenig Ergebnisprofil hinsichtlich der Auseinandersetzung mit den Tiefenschichten und der kontextuellen Aufladung der Kompositionen zugeschrieben. Und so hörte ich es auch. Es war manchmal, als ob die Musik einer ausgesprochen differenziert dargebotenen Klangästhetik genügen, darüber hinaus aber nichts "bedeuten" solle. Und das ist mir für ein solches Orchester und ein solches Programm zu wenig.

    Ein Gegenbeispiel war der langsame Satz der "Eroica" - hier hörte ich eine klangliche Sättigung, die mit Tiefe und in diesem Fall auch Abgründigkeit einherging. Mein Höhepunkt des Abends.

  • Thielemann samt Sächsischer Staatskapelle Dresden gastierten am 14.09.2022 im Brucknerhaus Linz. Thielemann debütierte anlässlich der Bruckner-Festspiele mit Bruckners 5. (WAB 105 (1875–76, rev. 1877–78) in Linz.

    Vorweg, ich bin ein großer Thielemann-Fan. David Hurwitz´ (classictoday.com) Kritik, Thielemann sei zu laut, "erschlägt mit der Lautstärke der Bläser alles" kann ich wenig abgewinnen. Im Gegenteil, ich empfand seine Interpretation vorgestern als ausgesprochen ausgewogen und sensibel. Als gebürtiges Landei und Wahllinzer hätte ich mir das Scherzo etwas weniger akzentuiert gewünscht. Die doch sehr krasse Betonung des 3/4-Taktes mag musikwissenschaftlich seine Berechtigung haben, triggert bei mir jedoch manches Trauma (Volksfest mit schlechter Blasmusik) - hier liegen mir Andris Nelsons, Sawallisch oder Wand mehr, die eine "elegante", weniger "bäuerliche" Gangart pflegen und pflegten
    Thielemanns Hang zum Pathetischen schmeichelten freilich den großen Momenten der 5, insbesondere I. Satz und Finale. Dass Thielemann nach dem Schlussakkord konsequent "Stellung hält" finde ich ganz fantastisch. Er verwirrt das zu Applaus konditionierte Publikum und sorgt so für nötige Stille im Saal. Herrlich, man kann das soeben erlebte zumindest für eine Minute verarbeiten. Tja, und mein persönlicher Höhepunkt? Vor ein paar Jahren hätte ich noch "das Finale" geschrieben, so wie ich bei der Walküre immer den Feuerzauber am meisten genoss oder im Tannhäuser den Pilgerchor. Nein, mein Highlight war unbestritten das so gefühlvolle, melancholische Adagio mit seinen wunderschönen Streicherpassagen..

    „Puccini ist der Verdi des kleinen Mannes, und Lehár ist dem kleinen Mann sein Puccini.“

  • Jukka-Pekka Saraste und das DSO Berlin im Brucknerhaus - "Beethoven, der Revolutionär"

    Programm:

    Rodion Schtschedrin - Beethovens Heiligenstädter Testament. Sinfonisches Fragment für Orchester (2008)

    Konzert D-Dur für Violine und Orchester, op. 61 (1806, rev. 1807) - Timothy Chooi (Violine)

    Sinfonie Nr. 3 („Eroica“) Es-Dur, op. 55 (1802–04)

    Ich saß in der zweiten Reihe - normalerweise sitze ich gern weit vorne, ich mag´s laut - bei Schtschedrin - Beethovens Heiligenstädter Testament war das aber ein Fehler - sehr hohe Streicher-Tutti tun dann nämlich doch beinahe weh im Ohr.

    Saraste zählt zu meinen Lieblingsdirigenten - neben Sibelius- verdienen auch seine Beethoven-Einspielungen mit dem WDR-Orchester Köln durchaus Beachtung. In Köln hab ich ihn auch, dank meiner Schwester, die in der Gegend (lebt weshalb sich ein Abstecher in die Richtung für mich immer lohnt), ein paar mal live gehört.

    Ein durch und durch strenges Werk, thematisiert die innerliche Zerrissenheit Beethovens bei einsetzender Taubheit, mental fordernd, stellenweise bedrohlich - Saraste verleiht ihm etwas Leichtigkeit und haucht dem preußisch-strengen DSO Witz ein. Zwar klingt das Orchester noch immer deutsch - exakt, gründlich, zackig - aber dank Saraste durchaus lebendig.

    Violinkonzert - bemerkenswert, der erste Satz, speziell die Kadenz zum Schluss, Timothy Chooi war mir kein Begriff, 29 Jahre, Kanadier, saß nach seinem Auftritt neben mir im Publikum. Zurück zur Kadenz - die dauerte gefühlt lange und das war gut. Chooi ließ den ganzen ersten Satz im fast forward revue passieren - grandios, virtuos, beeindruckend. Zweiter und Dritter Satz gingen nahtlos ineinander - die Schlichtheit des zweiten Satzes berührt mich immer wieder, dazu die warmen Hörner, einfach wunderschön.

    Eroica - eine von neun Lieblings-Sinfonien aus Beethovens Feder, ich liebe sie. Für Saraste typisch dynamisch interpretiert - dynamisch, aber nicht gehetzt, dafür beschwingt und leicht - den warmen Klang der Hörner und Celli betonend, oft kraftvoll, dafür ein fast karger Trauermarsch, der diese Passage noch trostloser erscheinen ließ, emotional jedenfalls sehr packend.

    Leider war der Saal nicht ausverkauft - die Performance hätte ein volles Haus verdient.

    „Puccini ist der Verdi des kleinen Mannes, und Lehár ist dem kleinen Mann sein Puccini.“

  • Lieber Stolzing,


    danke für Deinen informativen Bericht, der hier zweimal auftauchte (aber das ließ sich moderativ ganz leicht ändern).


    Jukka-Pekka Saraste war für mich lange Zeit ein Dirigent, den ich in die eher "nüchterne", "trockene" Ecke steckte, aber gerade durch seine Beethoven Gesamtaufnahme, aber auch durch z.B. Mahlers 5. oder Bruckners 8. aus seiner Zeit in Köln habe ich ihn anders kennen gelernt, nämlich durchaus temperamentvoll und leidenschaftlich.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Vorgestern war ich in Wagners "Der fliegende Holländer", aufgeführt in Mönchengladbach. Den Holländer habe ich schon in vielen Aufführungen gesehen, diese Inszenierung und musikalische Darbietung haben mich - ziemlich - befriedigt. Solostimmen, Chor, Orchester: alles war gut, sowohl schauspielerisch wie auch klanglich ein Erlebnis.


    Es gefiel mir erst einmal gut, dass das Geschehen auf dem Schiff / Meer stattfand. Sehr schön die Welleneinspielungen auf der Leinwand und die Meeressicht durch die Bullaugen.


    Schade, dass nach dem ersten Akt eine Pause eingelegt wurde; gerade die Überleitung vom ersten Akt in die Spinn-Szene gefällt mir musikalisch eigentlich prima; aber nungut. Vorab: Die ersten zwei Drittel der Aufführung waren fantastisch, mit dem Ende konnte ich gar nichts anfangen. Mittelpunkt dieser Inszenierung war zweifellos Senta, die, auch im ersten Akt, im "Off" stetig präsent war, ähnlich wie Kundry häufig im Parsifal. Den Blick auf ihre kindliche Entwicklung, auf ihr "Anderssein" fand ich richtig gelungen. Ich empfand die durchgehenden Hinweise auf ihr entwicklungspsycholohisches "Außenseiterempfinden" absolut nachvollziehbar, weder kitschig noch inhaltsverfremdend. Auch meine Konzertbegleiter, von denen keiner ein Musikkenner ist, waren von der Darstellung, insbesondere im ersten Akt, sehr ergriffen. Die von Senta in der Spinnstubene vorgetragene Holländergeschichte fand ich, ich muss es ehrlich sagen, sehr ergreifend und von der Inszenierung her hervorragend dargestellt.


    So fantastisch es bis dahin war - das Ende war nix. Von einer Sekunde zur anderen wurde der Holländer zum Schleimer und Senta zur Alltagsemanze, die sich sagt: "Dann halt nicht, ich kann auch ohne dich". Wie schade.


    Aber egal; wenn wir vom letzten Drittel oder Viertel absehen, war es wirklich eine faszinierende Inszenierung mir viel psychologischem Feingefühl, tollen Interpretationsideen, Sinn für Beibehaltung der ursprünglichen Geschichte des Komponisten und hervorragender Musik. Selbst die doch etwas verschrobene und (eigentlich undankbare?) Partie des Erik wurde mit Volumen und Feinton toll gemeistert. Ich fand die Senta übrigens richtig gut, musikalisch, hinsichtlich ihrer Ausstrahlung und darstellerisch glaubhaft. Auch der Chor war klasse. Und das Wesen der Oper, die Gewalt des Meeres und der Strömungen im Menschen, war durchgehend eindrücklich präsent.


    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Mahler 7 - Berliner Philharmoniker - Petrenko; Alte Oper Frankfurt, 07.11.2022

    Sodele, endlich, endlich habe ich diese Siebte, die Siebte, live erlebt. Kaum zu glauben, dass es bis gestern gedauert hat, bis ich diese Gelegenheit hatte.

    Unvergessen mein Frust, als ich bei Inbals Zyklus diese Sinfonie verpasst hatte. Aus paukerischer Sicht geradezu irre... ;-)


    Das Orchester war vielversprechend, der Saal ist meiner, mein Wohnzimmer, meine musikalische Heimstatt - alles bestens also.

    Die Kartenpreise waren den Rahmenbedingungen entsprechend knackig, vor allem für so gute Plätze wie im Rang auf Ebene 5:



    Ich war sehr zufrieden mit dem Gebotenen. Anfangs gab's ein paar Kiekser und Unsauberkeiten, insgesamt wenige intonatorische Probleme. Mein Eindruck war, dass die Musiker ein paar Minuten gebraucht haben, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Petrenko dirigiert unprätentiös, lässt's manchmal einfach laufen, genießt; hie und da hätte ich mir ein bisschen mehr Groove gewünscht, ein bisschen mehr Schmäh. Tempi waren straff, auch der Schlusssatz zügig. Nun galt mein Blick allerdings wie meistens nicht dem Dirigenten, sondern dem Solopauker. Bei den BPhil ist's ein neuer, ein Ösi, mit langen Haaren ("langhaarische Bombeleescher" saacht mer aach im Hessische; mit stimmhaftem "sch"; wohlwollend frotzelig gemeint). Zumindest nehme ich an, dass der das gestern war: er steht im Programmheft mit Wieland Welzel, hat auf der Website des Orchesters allerdings eine deutlich andere Figur. Könnte also auch ein Probespieler oder eine Aushilfe gewesen sein. Ich hatte leider kein Fernglas mit und konnte nicht mal erkennen, wer nun die Solo-Oboe gespielt hat... ;-)


    Wie dem auch sei, der Solopauker hat technisch gut gespielt; hie und da war er mir etwas zu leise; die Intonation war sauber, bis auf ein, zwei Gelegenheiten. Das Solo zu Beginn des 5. Satzes - eine wichtige Probespielstelle - hat er gut gemacht. Soweit alles gut und solide, klanglich auch gut. Spieltechnisch bin ich insgesamt eher enttäuscht und gespannt, ob er seine zwei Probejahre bei dem Orchester übersteht. Die Jungs dort spielen gerne mal mit großer Geste, nehmen beide Arme hinter dem Kopf zum Ausholen. Das mag klanglich nicht schaden, ist allerdings ein Mätzchen, das ich schlicht nicht mag. Sehr häufig wird mal lässig aus dem Handgelenk gespielt, mit einer Hand ein paar Schläge auf einer oder zwei Pauken - das ist mir zu larifari und wäre bei mir nicht mal im Unterricht durchgegangen. Ich habe den Eindruck, dass der sich toll findet, dabei aber oftmals etwas wurschtig daherkommt. Nun gut, das soll's an dieser Stelle zu diesem Randthema gewesen sein.


    Es bleibt eine großartige Sinfonie, mit vielen heiklen Stellen, lang, intensiv, einer Mahler'scher Kosmos, wie alle seine Sinfonien. Die Berliner fand ich gut und ich bin froh, mir uns meiner Liebsten dieses Erlebnis geleistet zu haben.

    "Das Thema, welches die Pauke zuletzt hat, findet gewiß keiner heraus!" (Gustav Mahler)