Konzertbesuche und Bewertung

reklov29 · 1.459 Beiträge · letzte Antwort von Tristan2511

1.459 Beiträge
  • Hallo,


    gestern im Großen Saal des Wiener Konzerthauses:


    LvBeethoven

    Sinfonie Nr.4 B-Dur Op.60


    Pause


    S Rachmaninov

    Paganini-Rhapsodie Op.43


    L Janacek

    Rhapsodie für Orchester ‚Taras Bulba‘


    Jakob Hrusa, cond

    Daniil Trifonov, p

    Bamberger Symphoniker


    Wir saßen in der ersten Reihe zentral linksbetont. Jakob Hrusa und die famosen Bamberger waren IMO extrem engagiert und präzise. Freude am Gelingen. Trifonov spielte mit vollem Einsatz und Risiko. Ich habe selten die Paganini-Rhapsodie mit so wenig Pedaleinsatz gehört, unglaublich! Überdies spielte er auf einem Bösendorfer.

    Taras-Bulba von Janacek habe ich zum ersten Mal gehört und erlebt. Sehr expressiv.
    Die Bamberger gaben zwei fulminante Zugaben aus Brahms zweiten Heft der Ungarischen Tänze (unter anderem den Letzten) Alles sensationell und bewegend.


    LG Siamak

  • Als regelmäßiger Konservenhörer bin ich leider viel zu selten in Konzerten, gestern war es aber wieder mal soweit: ich hatte eine Karte für das Konzert von Yuja Wang & Víkingur Ólafsson in der Isarphilharmonie in München. Ich liebe und verehrte die Kunst von Yuja Wang, auch von Víkingur Ólafsson habe ich schon zahlreiche Aufnahmen in herausragender Qualität gehört.


    Hier das Programm des gestrigen Konzerts:


    Berio: Six Encores: Nr. 3 „Wasserklavier“

    Schubert: Fantasie für Klavier zu vier Händen f-moll op. 103

    Cage: „Experiences No. 1“

    Nancarrow: Study for Player Piano: Nr. 6 (Bearbeitung: Thomas Adès)

    Adams: „Hallelujah Junction“

    Pärt: „Hymn to a Great City“

    Rachmaninow: Symphonische Tänze op. 45 (Fassung für zwei Klaviere)


    Gekommen bin ich - wenn ich ganz ehrlich bin - wegen der Symphonischen Tänze, da erwartete ich mir ein virtuoses und musikalisches Feuerwerk. Der Schubert war mir ebenfalls bekannt, die anderen Werke waren komplett neu für mich. Am Ende war es aber so, dass mich vor allem die Stücke von Nancarrow und Adams am meisten begeistert haben.


    Das gesamte Konzert von optisch, akustisch und interpretatorisch ein Genuß, ganz große Weltklasse. Gerade die rhythmisch äußerst anspruchsvollen Sätze der Hallelujah Junction waren abenteuerlich anzuhören, es war erstaunlich, wie perfekt die beiden Künstler harmonierten und abgestimmt waren, wobei Yuja Wang immer noch den allgemein aktiveren und prägnanteren Part hatte. Beide Pianisten waren musikalisch und technisch über jeden Zweifel erhaben, trotzdem war nicht zu verleugnen, dass es sich bei Víkingur Ólafsson sicher um den introvertieren und vergeistigteren Künstler der beiden handelte.


    Dies zeigte sich auch gerade bei der Suite von Rachmaninow, ebenfalls wieder musikalisch und technisch perfekt gespielt, allerdings hätte ich mir dort zwei Künstler mit ähnlicherem Temperament gewünscht, so war es doch ein gewisser Unterschied (ich meine das definitiv nicht abwertend) zwischen den beiden Klavierparts.


    Zum Abschluss des Konzerts gab es noch eine Reihe von Zugaben mit starkem Fokus auf Johannes Brahms. Diese Zugaben spielten die beiden Künstler vierhändig an einem Flügel. Irgendwie war Yuja dabei von der Bedienung des rechten Pedals ausgeschlossen, was ihr ganz offensichtlich widerstrebte... :-)


    Natürlich waren auch die Outfits von Frau Wang ebenfalls wieder spektakulär, es ist schwer, sich davon nicht beeindrucken zu lassen...


    Edit: gerade sehe ich schon eine Besprechung des Konzerts von BR Klassik, trifft das Erlebte recht gut, finde ich: https://www.br-klassik.de/aktu…lafsson-muenchen-100.html

  • Gestern war ich wieder in der Elphi. Ich kam zu der Karte wie die Jungfrau zum Kind: Spontan war die Frau eines guten Freundes beruflich indisponiert und an Bord war ich. Julia Fischer und Jan Lisiecki spielten Violinsonaten von Mozart, Beethoven und Schumann; also durchaus Kategorie Starkonzert, die ich meistens eher meide. Ein Hinweis auf diese Kategorie ist die Tatsache, dass dieses Kammerkonzert im Großen Saal der Elbphilharmonie stattfindet. Mit Fischer/Lisiecki kann man ganz offensichtlich über 2000 Tickets verkaufen - aus wirtschaftlicher Sicht also verständlich. Dennoch finde ich das ein wenig ärgerlich, denn für Kammerkonzerte steht im gleichen Haus ein Kammermusiksaal mit einer wirklich atemberaubenden Akustik für kleine Besetzungen zur Verfügung. Im Großen Saal sind zwei Instrumente schon ein wenig auf verlorenem Posten und besonders bei leisen Stellen der Violine gehen leider viele Details verloren.

    Auf dem Programm stand zuerst Mozarts Sonate KV 378 und dann Beethovens Op. 12.3, die ich wirklich sehr mag. In diesem ersten Teil des Konzertes gefallen mir die beiden sehr gut - besonders der Beethoven gerät wunderbar spannungsvoll und trotzdem flüssig spielfreudig. Hier - und auch bei Mozart zuvor - harmonieren die beiden, die seit zwei Jahren gelegentlich als Kammermusik-Duo auftreten, hervorragend. Nach der Pause kam meine heißgeliebte Violinsonate Op. 121 von Schumann zu Gehör. Doch leider blieb die brillante Verfassung der beiden Solisten im Pausenraum. Die Schumann-Sonate habe ich dieses Jahr schon einmal live gehört - und zwar besser! Mir gefällt nicht, dass die beiden zu schnell und forsch zur Sache gehen. Das ist phasenweise ein wenig überdramatisiert und nicht mehr spannungsvoll, sondern hektisch. Hinzu kommt ein wenig Quietschen bei Fischer und einige Fehlgriffe bei Lisiecki - klar: Das sind keine Roboter und so etwas stört mich live auch eher weniger.

    Negativ fällt mir wiedereinmal - wie fast immer bei diesen 'Star-Konzerten' - ein Teil des Publikums auf. Es wird konsequent zwischen den Sätzen geklatscht und sogar Bravo gerufen, was ich doch etwas übertrieben finde. Es ist nicht mal (m)ein elitärer Dünkel, sondern es stört mich einfach wirklich, mittendrin zu klatschen, da das Werk ja noch weitergeht und auch die wirkungsvolle Stille nach langsamen Sätzen verloren geht. Hinzu kommt auffällig häufiges Aufleuchten von Handy-Displays und zwar immer wieder auch bei älteren Leuten. Kann sich denn keiner mehr eine Stunde auf ein Konzert konzentrieren?

    Also ein gemischter, aber in der Tendenz positiver Eindruck. Und eins muss man auch zugeben (was natürlich viel wichtiger als die Musik ist ;)) : Die beiden geben wirklich ein sehr hübsches Kammermusik-Paar ab!

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Alle Jubel-Monate gehe ich mit einigen Doktoranden-Kollegen in ein Klavier-Konzert, weil wir alle in der Freizeit Klavier spielen. Gestern war es wieder soweit: Vladimir Mogilevsky spielte fünf Beethoven-Sonaten: Opp. 10.1, 10.2, 13, 22 & 27.2 in der Laeiszhalle. Klingt erstmal vielversprechend, auch wenn mir Mogilevsky nicht wirklich ein Begriff war (hätte ich mal vorher gegoogelt).

    Deutlich gesagt: Das war der schlimmste Reinfall dem ich im Profi-Bereich je beiwohnen musste. Hauptproblem des Ganzen und offenbar Mogilevskys Markenzeichen: Halsbrecherisches Tempo auf der Suche nach dem Sonaten-Weltrekord. So etwas habe ich noch nie erlebt. Mir sind ja schon beim (späten) Pollini einige Sonaten deutlich zu schnell genommen - aber da geht die Sache noch einigermaßen gut. Bei Mogilevsky gehts leider schief. Vielleicht hat er einen ganz schwarzen Abend, gilt er doch offenbar normalerweise als technisch sehr versiert.

    Beginnend mit Op. 22 wird deutlich: Hier gilts dem Tempo. Pollini z.B. nimmt die B-Dur-Sonate z.B. auch sehr schnell, verschluckt sich dabei aber (fast) nicht. Mogilevsky kommt rythmisch schon nach fünf Takten raus und bei den schnellen Läufen werden nicht nur Töne verschluckt, da verschwindet die halbe Partitur. Dabei bleibt es: Rhythmisch indifferent, technisch unglaublich unsauber, musikalisch belanglos. Die weiteren drei Sätze rauschen eher so vorbei, allerdings ohne größere Fehler. Es folgt die c-Moll-Sonate Op. 10.1. Auch hier an der Grenze des sinnvollen Tempos. Im Finale aber geht er dann richtig baden. Er spielt schneller, als seine Finger. Der Satz zerfällt, nahezu jede Phrase ist unsauber. Zaghafter Applaus, ich überlege zu gehen, bin aber nicht alleine hier und bestelle deshalb lieber ein Pausen-Bier auf den Schock. Nach der Pause dann die schlimmste Pathetique die ich je erlitten habe. Es geht genauso weiter, wie im Finale vor der Pause. Irrsinniges Tempo, es geht eine zeitlang erstaunlich gut und danach zerfällt die Musik und der Satz komplett. Teilweise sind nur noch Klangklumpen, abgerissene Läufe und Missklänge zu hören. Es ist als hätte man bei youtube auf doppelte Geschwindigkeit gedrück (wobei dort dann alle Töne trotzdem sitzen). Spätestens jetzt will ich gehen - allein schon weil ich ungern dabei bin, wenn jemand so baden geht. Aber ich sitze in der Mitte der Reihe und manche Kollegen hält eine Art voyeuristische Lust im Konzert. Immerhin kommt das Finale sauberer, bis auf das Ende, welches nur Klangbrei ist. Besser gelingt dann tatsächlich Op. 10.2, selbst die - wie sollte es auch anders sein - wahnsinnig schnelle Fuge gelingt fast! Die Mondscheinsonate zum Schluss ist im Kopfsatz überdramatisiert. Dafür klappt das Finale im Mogilensky-Tempo. Hier klingt das zum einzigen Mal an diesem Abend wirklich virtuos und mitreißend. Deshalb beschließt der Saal auch artig zu applaudieren und das ärgerliche Murmeln und die gerunzelten Stirnen, welche nach der Pathetique noch allgegenwärtig waren, sind fast verschwunden. Mogilensky nutzt diesen Applaus für drei Zugaben (eine Dame vor mir mutmaßt, dass er deshalb so schnell gespielt hat um noch Zeit für die Encores zu haben) und man muss sagen Chopin und de Falla klingen deutlich besser bei ihm. Vielleicht sollte er einfach kein Beethoven spielen.


    Ich verreiße wirklich nicht oft und nicht gerne; aber diese Erfahrung war wirklich bemerkenswert. Dass neben der Technik auch sämtliche muikalische Gestaltung und Detailarbeit flöten geht, versteht sich von selbst! Wie auf Speed laufen wir hinterher durch die kalte Nacht zur S-Bahn Dammtor. Entgegen meines üblichen Pechs kommt sofort die richtige S-Bahn: An diesem Abend geht einfach alles wahnsinnig schnell!

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Ragna Schirmer im Kurmainzer Amtshof in Heppenheim


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    Der Kurfürstensaal ist nicht ganz klein, aber am Ende doch ein recht intimer Aufführungsort für das Programm


    Clara Schumann
    Variations de Concert, Op. 8
    Transkription von drei Liedern von Clara Schumann durch F. Liszt


    Robert Schumann
    Carnaval Op. 9 in der Version von Clara Schumann


    Franz Liszt
    Klaviersonate in h-Moll (Widmung an Robert Schumann)


    Besucher und Wertschätzer der Konzerte im Schumannhaus in Bonn (Endenich) werden die Atmosphäre genießen können. Zur Verfügung steht ein etwa 2 Meter langer Steinway, der aber im Fortissimo den Raum dann doch so gut füllt, dass meine Apple-Watch eine Laustärkewarnung für meine Ohren ausgab ;)


    Ragna Schirmer stellt ihre Konzerte häufig unter ein kleines Programm, in diesem Fall die Beziehung zwischen Clara Schumann und Franz Liszt. Beide lernten sich 1838 in Wien kennen. Sie musizierten dort auch zusammen und das Verhältnis bestand aus gegenseitiger Anerkennung. Liszt fand Clara Schumanns Kompositionen sehr beachtlich, vor allem für eine Frau ;). Die Zeiten waren andere als heute. Clara schätze wohl Liszts virtuose Fähigkeiten. In Ihrem Op. 8, Variationen über ein Motiv von Bellini, kann man sehr schön hören, wie sie Lisztsche Technik kopiert. Später hat sich das Verhältnis von seiten Claras getrübt.


    Den Carnaval spielte Schirmer in der von Clara Wieck bereinigten Version mit Auslassungen bei Coquette, Replique und Estrelle, den in ihren Augen nicht zugelassenen Davidsbündlern, alldieweil sie sich auf frühere Beziehungen von Robert beziehen. Estrelle, also Ernestine von Fricken, wurde "never ever" gespielt ;). Trotz der Kürzungen war für mich klar zu hören, wie originell und großartig dieses Werk, vor allem noch neben dem Jugendwerk von Clara steht. Es mag sein, dass unser Thread mit den Davidsbündlern da nachgeholfen hat. Liszt, der Carnaval auch sehr schätzte, spielte übrigens in späteren Programmen sehr gerne die von Clara ausgelassenen Stücke des Carnaval. Claras Vater Friedrich wollte seine Tochter unbedingt als Wunderkind und Komponistin früh vermarkten, indem er schon Kompositionen der Neunjährigen veröffentlichte, was sich aber am Ende als Bärendienst herausstellte.


    Ragna Schirmer hat die h-Moll Sonate hin und wieder auf historischen Flügeln gespielt, die trotz anfänglicher Besorgnis der Besitzer alle durchgehalten haben. Klanglich hat Schirmer daraus eine intimere Version destilliert, die sich an manchen Stellen durch etwas langsamere Tempi und eine gut durchleuchtbare harmonische Struktur und schöne Klangfarben zu erkennen gab.


    Für mich ein gelungener Abend, äh ... Spätnachmittag :hello:

  • In der Kölner Philharmonie habe ich vorgestern das Tetzlaff Quartett gehört. Vor dem klanglich interessanten Widmann- und dem für mich sehr langweiligen Brahmsquartett hörte ich in der ersten Hälfte ein fantastisches und für mich sehr interessantes Opus 131 von Beethoven. Ich kenne kaum ein Musikwerk so gut wie dieses und habe es in schon so vielen Aufführungen und Einspielungen gehört, aber diesmal habe ich wieder eine neue Seite dieses Werks vernommen. Das Tetzlaff Quartett spielte es dermaßen leise, dezent und filigran, wie ich es noch nie gehört habe. Es war wunderbar und zeigte für mich ganz neue Betrachtungsweise. Das war eine sehr schöne erste Halbzeit, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.


    Soeben habe ich vom Tetzlaff Quartett das op. 130 auf CD bestellt und bin mal gespannt, ob diese Handschrift auch in dieser Aufnahme vorzufinden ist (vielleicht kann jemand den Link einstellen, ich weiß nicht, wie das geht).

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • In der Kölner Philharmonie habe ich vorgestern das Tetzlaff Quartett gehört. Vor dem klanglich interessanten Widmann- und dem für mich sehr langweiligen Brahmsquartett hörte ich in der ersten Hälfte ein fantastisches und für mich sehr interessantes Opus 131 von Beethoven. Ich kenne kaum ein Musikwerk so gut wie dieses und habe es in schon so vielen Aufführungen und Einspielungen gehört, aber diesmal habe ich wieder eine neue Seite dieses Werks vernommen. Das Tetzlaff Quartett spielte es dermaßen leise, dezent und filigran, wie ich es noch nie gehört habe. Es war wunderbar und zeigte für mich ganz neue Betrachtungsweise. Das war eine sehr schöne erste Halbzeit, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.


    Soeben habe ich vom Tetzlaff Quartett das op. 130 auf CD bestellt und bin mal gespannt, ob diese Handschrift auch in dieser Aufnahme vorzufinden ist (vielleicht kann jemand den Link einstellen, ich weiß nicht, wie das geht).

    Hallo Uwe! Danke für deine Eindrücke, die für mich besonders deshalb interessant sind, weil ich das Quartett am Mittwoch, also dem Tag nach deinem Konzert, im Kleinen Saal der Elbphilharmonie hören durfte.

    Das Programm war nicht identisch: Statt des Beethovens wurde vor der Pause (eigentlich war es für die zweite Hälfte angekündigt) das 1. Schönberg-Quartett gegeben. Und das war für mich auch der persönliche Höhepunkt des Abends. Großartiges (und sehr langes) Stück, mit immer wieder überraschenden Facetten interpretiert.


    Mit dem Widmann habe ich etwas gefremdelt: Ja, klanglich interessant war er auch für mich, aber das oder die fesselnden Faszinosa habe ich nicht entdeckt. Beim als sehr hörenswert empfundenen Brahms ging es mir ähnlich wie Giorgia Bertazzi: Konzert-Kritik Tetzlaff-Quartett in Köln


    Mein Schwiegervater hat so ziemlich alles an dem Hamburger Abend als schlimm empfunden. Er schimpfte z.B. auch auf die Tatsache, dass die Violinen und die Bratsche "moderne" Greiner-Instrumente spielten (während sich das Guadagnini-Cello ein ausdrückliches Lob erspielte). Zudem sei die 2. Geige kaum zu hören gewesen. Letzteres war für mich zumindest in der 1. Hälfte beim Schönberg nur in seltenen Fällen nachvollziehbar (hatte womöglich auch mit der Position der 2. Geige rechts außen zu tun): Ich fand das Quartett klanglich ganz überwiegend hervorragend und damit natürlich auch ausgeglichen.


    Alles in allem ein besonderer, überzeugender Konzertabend. Ebenfalls mit einem wunderbar abrundenden Haydn-Adagio als Zugabe.

  • Soeben habe ich vom Tetzlaff Quartett das op. 130 auf CD bestellt und bin mal gespannt, ob diese Handschrift auch in dieser Aufnahme vorzufinden ist (vielleicht kann jemand den Link einstellen, ich weiß nicht, wie das geht).


    Mir gefällt das Tetzlaff Quartett auch sehr. Sie spielen halt sehr wenig auf CD ein. Ich denke da an unsere Diskussion an anderer Stelle.

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  • Gestern Abend spielte das junge Leonkoro-Quartett im Kammermusiksaal der Elphi. Es war ein wunderbares Konzert mit der Demonstration einer besonderen Fähigkeit, die ich a) selten in solcher Perfektion live gehört habe und die b) mit der großartigen Akustik dieses Raumes so richtig zur Geltung kommen kann: Das präzise, virtuose und gefühlvolle Leisespielen. Bekanntlich schwerer als richtig laut. Besonders der erste Geiger Jonathan Schwarz, ehemaliger Akademist bei den Berliner Philharmonikern, war gestern spektakulär gut. Der Kammermusiksaal war nahezu komplett ausverkauft, das Publikum schien fachkundig und war hinterher richtiggehend begeistert!

    Zunächst das 3. Preußische Streichquartett KV 590 von Mozart als guter Einstieg. Es ist nicht unbedingt mein Lieblingsquartett des Salzburgers, aber live dann doch wunderbar. Es folgte das 2. Streichquartett Op. 10 Hindemiths, das ich gar nicht kannte. Hindemith ist sicher nicht immer meine Komfortzone, aber gestern war ich begeistert. Ein interessantes Werk, hervorragend dargeboten - eben auch mit den erwähnten Qualitäten des leise Spielens, z.B. im Kopfsatz. Das würde ich gerne in meine Sammlung aufnehmen (ich hoffe z.B. Kollege astewes wird mir eine gute Aufnahme empfehlen). Nach der Pause folgte noch Mendelssohns e-Moll-Streichquartett Op. 44.2. Schneller, als ich es kannte, aber absolut virtuos und überzeugend dargeboten!

    Für solche Abende liebe ich den Kammermusiksaal dann doch, weil er ein Publikum mit Lust auf Kammermusik versammelt, tolle Ensembles zu bieten hat und einen Weltklasse-Akustik zu bieten hat. Ich saß wieder weit vorne in Reihe 2 - Vis-a-vis zu den Musikern und ohne die Architektur dieses Schlauch-Schuhkartons, die ich gar nicht mag, hinter mir zu sehen.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Das würde ich gerne in meine Sammlung aufnehmen (ich hoffe z.B. Kollege astewes wird mir eine gute Aufnahme empfehlen).

    Gesamtaufnahmen der Streichquartette Hindemiths sind nicht so häufig zu finden. Mit aller gebotenen Vorsicht: Wenn Du CDs haben möchtest, gibt es momentan nur (m.W.) die Einspielung des Juilliard Quartettes um 100. Geburtstag des Komponisten



    und die neuere Einspielung des Amar Quartettes, die ich nicht so häufig höre, von der man aber nur Gutes vernimmt ...



    und die von mir am häufigsten gehörte günstige cpo Aufnahme (auch zum 100.) mit dem alten Danish Quartet



    Siehe auch Paul Hindemith - Die Streichquartette


    Für Kollegen, die Hindemith nicht auf ihrer Kurzwahl haben und die mit Downloads zurecht kommen, finde ich die Einspielung des Kocian Quartets noch sehr gut.


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    Vom Juilliard und Amar Quartett kann man noch die Einzelscheiben mit dem zweiten Streichquartett bekommen. Das lohnt sich IMO preislich nicht .

  • Eine Einzelaufnahme des Hindemith op. 10 findet sich auf dieser CD des seinerzeit ebenfalls mit viel Lob gestarteten Aris Quartetts. Bei medimops günstig zu bekommen.


  • Gestern Abend war ich in der Elphi beim 5. Sinfoniekonzert des Philharmonischen Staatsorchesters (also dem Hamburger Opernorchester). Auf dem Plan stand Mahlers Lied von der Erde, welches insgesamt so mittelgur dargeboten wurde.

    Insgesamt ein wenig ein merkwürdiger Abend: Da der Mahler offenbar noch nicht reichte, wird im ersten Teil noch Messiaens "Coleurs de la cité céleste" geboten. Das Ding dauert aber nur eine gute Viertelstunde und so geht es nach nicht einmal 20 Minuten in die Pause! Ich dachte erst, dass sie auf die Pause hätten verzichten sollen, aber während derselben hat das Umbauen auf Mahler-Größe doch mehr als zehn Minuten in Anspruch genommen - deshalb vielleicht. Es wäre ja nicht unüblich, dass Mahler-Sinfonien ohne Begleitprogramm aufgeführt werden. Das hätte es für mich auch getan, denn der Messiaen war nichts für mich. Dass Kent Nagano Messian aufführt ist indes nicht ungewöhnlich (er war auf Messaiens eigenen Wunsch Ozawas Assistent bei der Uraufführung von Saint Francois und hat Messiaen inzwischen fast integral eingespielt). Und doch stehe ich voller Unverständnis vor diesem Werk, dem man eine gewisse Klangsinnlichkeit nicht absprechen kann (was sicherlich auch eine Hauptintension ist). Aber diese ständigen Dissonanzen, Klavierläufe und Missklänge allermöglichen Perkussionsinstrumente wirkt auf mich eher wie eine Parodie auf Musik. Einem Teil des Publikums geht es auch so - sie sind nur für Mahler gekommen. So leer wie im ersten Teil des Konzertes habe ich tatsächlich die Elphi noch nie gesehen. Hunderte Plätze sind frei. Ein paar schlaue Füchse bzw. Mahler-Fans kommen tatsächlich erst in der Pause und im Hauptteil ist das Haus dann voller besetzt. Für mich ist es immer eine Chance in solchen Konzerten mit Musik in Berührung zu kommen, die ich sonst nicht hören würde. Manchmal gefällt mir plötzlich etwas aus der modernen/gegenwärtigen Musik im Konzert, wenn auch selten. Bei Messiaen ist das eher nie der Fall.


    Der Mahler gerät dann wie angedeutet in Ordnung. Insgesamt nimmt mir Nagano zu sehr die Ecken und Kanten der Lieder, dirigiert zu weich bzw. über markante Stellen hinweg. Meine Vergleichsinterpretation die ich so oft gehört habe, dass sie mir recht präsent ist, ist Klemperers Philharmonia-Einspielung. Da geht es viel zupackender zur Sache als gestern Abend. Besonders im Hauptlied "Abschied" ist das schade. Das habe ich mit Klemperer so mitreißend im Ohr, während bei Nagano selbst großartige Stellen wie "Ich sehne mich, o Freund, an deiner Seite" oder der rein instrumentale Marsch im Mittelteil zu brav sind. Schade, da geht eigentlich mehr. Kann man auch über die Solisten zusagen. Zumindest über Wagner-Tenor Suart Skelton, der so seine Probleme mit der Akustik hat. Besonders im "Trinklied" zum Auftakt ist er phasenweise kaum zu hören. Freilich ist die Akustik so eines Konzertraumes, bei dem der Sänger mitten im Orchester steht, etwas anderes als ein Orchestergraben und eine Opernbühne. Aber einer wie Skelton sollte das eigentlich dennoch besser hinkriegen. Die Kollegin Karen Cargill hingegen überzeugt mich, singt eine herrliche "Von der Schönheit" und einen guten "Abschied" im Rahmen des durch das Dirigat möglichen.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Sørensen, Rachmaninow, Nielsen - Buniatishvili - DNSO - Luisi

    Sørensen: Evening Land

    Rachmaninow: 2. Klavierkonzert

    Nielsen: 4. Sinfonie


    Khatia Buniatishvili

    DNSO

    Fabio Luisi


    Liederhalle Stuttgart

    19:30 bis 21:30 Uhr


    Der Öffner war ein ganz nettes Stück, für mich nur live hörbar, mit ein paar nteressanten Effekten und Stellen, von solistisch und ppp bis kraftvoll und perkussiv.

    Dass Bruckner einen Schlagzeuger ewig arbeitslos sitzen lässt, damit der nach einer Stunde Spielzeit einmal die Becken schlägt, ist schon schräg. Dass zeitgenössische Komponisten gerade beim Schlagzeug ganze Batterien unterschiedlichster Instrumente aufbieten lassen, nur damit einmal mit vier Schlägeln das Glockenspiel dreimal kurz erklingt - oder auch nicht, je nach Lärmpegel -, das erschließt sich mir nicht. Ein bisschen selbstverliebt? „Hach, ich komponiere aber wirlich mit dem Auge fürs Detail!“? Nun gut, der übliche Beifang, den man ins Konzert einbaut, bevor sich die geneigte Abonnementsleiche dem Rach II hingeben darf, gestern vielleicht noch enttäuscht vom geradezu züchtigen Outfit der sonst eher offenherzig gewandeten Pianistin.


    Das KK ist halt ein populäres Schlachtross mit vielen schönen Stellen. Beim Zuhören dachte ich mir noch, dass ich jedes KK von Beethoven vorziehe. Also auch hier ein Stück zum Nebenbeihören zuhause oder auch mal im Konzertsaal, aber nix, was mich anzieht. Vor allem der erste Satz entfaltet bei mir kaum Wirkung. Im zweiten Satz gab’s einen sensationellen Posaunen-Einsatz. Die drei Jungs klangen sowas von sonor und kraftvoll, dass ich an einen sportlichen Achtzylinder denken musste. Eine kurze Stelle, aber beeindruckend.

    Die Konzertmeisterin des ersten Stücks saß beim KK am sechsten Pult. Die Geigen scheinen dynamisch zu rotieren, denn beim Nielsen war die Sitzordnung wieder anders und das erste Pult neu besetzt.

    K.B. wurde ordentlich gefeiert und gab zwei Zugaben.


    Nielsen 4, passend zur Aufnahme der DGG. Der CD-Verkäufer in der Lobby hatte neben vielen CDs, die mit dem Abendprogramm nichts zu tun hatten, viele Aufnahmen Buniatishvilis dabei, aber ausgerechnet das Nielsen-Album nicht.

    Das Orchester hat zwei Solopauker. Einer spielte vor der Pause, beide dann beim Nielsen. Das Stück ist schwer zu pauken (viel Umstimmen für den 1. Pauker, der bis zum 4. Satz alleine spielt), dabei teils nicht sehr eingängig und etwas disparat (Begleitung des Bass-Pizzicatos), und dann das Zusammen- und Gegeneinanderspielen im 4. Satz. Rhythmisch vertrackt und in der Liederhalle sehr heikel, weil die Pauker sehr weit auseinander saßen. Das verstärkt den Effekt des Gegeneinanders, macht aber die Abstimmung und Koordination auf die riesen Entfernung echt schwer. Wirkung gut, Umsetzung kritisch, Nutzen gering. Also besser bleiben lassen bzw. anderes machen.

    Das Orchester wirkte auf mich als sehr sympathischen Gruppe. Die Solisten sind durchweg sehr gut und das ganze Ensemble machte einen hervorragenden Eindruck. Ich würde wieder hingehen, wenn das DNSO kommt und werde aufmerksamer sein, wenn es von denen was zu hören gibt.


    Die Liederhalle mochte ich noch nie und werde nicht warm mit dem Gebäude. Die Seife in den Waschräiumen ist immer noch von Speick, mittlerweile als Flüssigseife - das war vorher noch gemahlene Seife aus einem Spender mit Drehmechanismus (vielleicht kennt man das noch aus der Eisenbahn). Eigentlich ganz gut, nur leider sehr intensiv. Wenn ich mich bei der Gastronomie versorge - immer noch vom Maritim Hotel, nur Barzahlung! - dann riechen sowohl das belegte Brötchen (kalt!) wie auch der Weißwein (leider wärmer als das Brötchen) nach Seife von den Händen.

    Der Sitz auf der Empore war recht bequem, nur sind die Armlehenen so hoch, dass die Arme arg hochgeschoben werden.

    Der Saal hatte noch viele freie Plätze, im Parkett rechts und auch auf den Rängen.

    „In sanfter Extase“ - Richard Strauss (Alpensinfonie, Ziffer 135)

  • Lieber Accuphan , danke für den Bericht. Da weiß ich worauf ich mich am Sonntag freuen kann, wenn die ganze Truppe nach Hamburg kommt!

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Viel Spaß dabei, lieber Tristan2511 ! Es gibt aktuell noch zwei Plätze in der Elphi, zu jeweils 156 Euro... Das wird ein volles Haus.

    Mit fällt leider nicht ein, was K.B. als Zugaben gespielt hat, einmal eine Bach-Bearbeitung, wenn ich nicht irre, sehr ruhig; danach ein zirzensisches Bravourstück, das wir alle schon mal gehört haben, das ich aber auch nicht zuordnen kann. Liszt, Bearbeitung, Horowitz... ??

    „In sanfter Extase“ - Richard Strauss (Alpensinfonie, Ziffer 135)

  • Es gibt aktuell noch zwei Plätze in der Elphi, zu jeweils 156 Euro...

    Ich habe die Karten schon lange, weil es bei diesen Star-Konzerten immer ausverkauft ist. Die Buniatishvilli zieht eben, auch wenn ich eher für den Nielsen komme.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Es war gestern in der Elphi durchaus beeindruckend.

    Den Sørensen hätte ich nicht gebraucht, wie ich gestehen muss. Das wirkte auf mich doch recht affektiert.

    Rach 2 habe ich insgesamt schon besser live gehört. Das war ein bisschen pflichtübungsmäßig absolviert, im gar nicht so züchtigen Kleid. Dass eine Künstlerin beim Applaus derartig exzessiv Kusshände verteilt, habe ich hingegen noch nie erlebt. Das Werk lässt sich für mich allerdings gar nicht zerstören, es war das Traumwerk meiner Jugend und ich habe es in zig Interpretationen gehört. Die gestrige war gar nicht so schlecht, einige Passagen im 1. Satz waren orchestral sauberer herausgearbeitet, als das meistens der Fall ist. Buniatishvilli natürlich technisch sauber und mit romantisch-schwelgerischen Gestus (und Mimik!). Aber grade die Höhepunkte fand ich ein wenig fantasielos gespielt. Das ist allerdings Meckern auf hohem Niveau.

    Mein Highlight war Nielsen 4; nicht sehr oft erlebt man überhaupt Nielsen live aufgeführt. Leider! Luisi hat den ersten Satz schneller genommen, als die anderen mir bekannten Einspielungen - geht aber grade noch gut. Herrlich war der pittoreske zweite Satz und vor allem das pathetische Adagio. Das hat mich so richtig gefangen genommen gestern! Im Finale ging auch gut die Post ab. Die beiden Pauker, wie von Accuphan beschrieben, recht weit auseinander aber mit meiner perkussionistischen Laiensicht würde ich sagen, dass sie hervorragend abgestimmt waren. Die Akustik in der Elphi hat es ihnen dabei vermutlich leichter gemacht, als in Stuttgart.

    Es war insgesamt toll, was auch mein in Sachen Klassik noch eher unerfahrener jüngerer Bruder so empfand, der mich gestern begleitete. Er möchte jetzt mehr Nielsen kennenlernen - optimale Arbeit vom DNSO!

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Es freut ich zu lesen, dass Ihr eine schönes Musikerlebnis hattet.

    Viele Kusshände gab es auch in Stuttgart, dazu noch die mit den Fingern beider Hände geformten Herzen...

    Zugaben in Hamburg?


    Die Pauker machen das gut, keine Frage. Und der Effekt ist größer mit zunehmender Entfernung (bis es irgendwann sinnlos würde).

    „In sanfter Extase“ - Richard Strauss (Alpensinfonie, Ziffer 135)

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  • Zugaben in Hamburg?

    Die erste weiß ich nicht genau. Es klang lange extrem nach Liszt, wurde dann aber zu jazzig. Vielleicht eine eigene Bearbeitung. Jedenfalls über-virtuos.

    Als zweites dann zum runterkommen Chopin, e-Moll-Prelude.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Es war gestern in der Elphi durchaus beeindruckend.

    Den Sørensen hätte ich nicht gebraucht, wie ich gestehen muss. Das wirkte auf mich doch recht affektiert.

    Rach 2 habe ich insgesamt schon besser live gehört. Das war ein bisschen pflichtübungsmäßig absolviert, im gar nicht so züchtigen Kleid. Dass eine Künstlerin beim Applaus derartig exzessiv Kusshände verteilt, habe ich hingegen noch nie erlebt. Das Werk lässt sich für mich allerdings gar nicht zerstören, es war das Traumwerk meiner Jugend und ich habe es in zig Interpretationen gehört. Die gestrige war gar nicht so schlecht, einige Passagen im 1. Satz waren orchestral sauberer herausgearbeitet, als das meistens der Fall ist. Buniatishvilli natürlich technisch sauber und mit romantisch-schwelgerischen Gestus (und Mimik!). Aber grade die Höhepunkte fand ich ein wenig fantasielos gespielt. Das ist allerdings Meckern auf hohem Niveau.

    Mein Highlight war Nielsen 4; nicht sehr oft erlebt man überhaupt Nielsen live aufgeführt. Leider! Luisi hat den ersten Satz schneller genommen, als die anderen mir bekannten Einspielungen - geht aber grade noch gut. Herrlich war der pittoreske zweite Satz und vor allem das pathetische Adagio. Das hat mich so richtig gefangen genommen gestern! Im Finale ging auch gut die Post ab. Die beiden Pauker, wie von Accuphan beschrieben, recht weit auseinander aber mit meiner perkussionistischen Laiensicht würde ich sagen, dass sie hervorragend abgestimmt waren. Die Akustik in der Elphi hat es ihnen dabei vermutlich leichter gemacht, als in Stuttgart.

    Es war insgesamt toll, was auch mein in Sachen Klassik noch eher unerfahrener jüngerer Bruder so empfand, der mich gestern begleitete. Er möchte jetzt mehr Nielsen kennenlernen - optimale Arbeit vom DNSO!

    Ja, mein Sohn, der gerade am Tag zuvor selbst noch die "Rosenkavalier-Suite" in der Elphi gepaukt hatte, kann sich dem, was du schreibst, sehr anschließen. Der ist letztlich wegen des Nielsen hingegangen und wollte das mal live erleben mit den Pauken - hat sich dann aber links hinter sie gesetzt, um den Musikern "auf die Finger zu sehen". Er hat mir ein kurzes Video (in der Pause aufgenommen) von der Paukenaufstellung geschickt - weiter entfernt voneinander konnten sie kaum stehen...:)

    Rach 2 fand er oftmals ziemlich flott, aber nicht gehetzt. Der kennt allerdings wohl erst 2-3 Interpretationen davon, insofern ist das SEHR relativ.

  • Die Konzertsaison 2024/25 neigt sich langsam dem Ende zu, aber vorgestern und gestern gab es innerhalb von weniger als 24 Stunden noch einmal zwei absolute Highlights.

    Vorgestern abend gastierte das Cuarteto Casals (mit neubesetzter Bratsche) mit spanischer und spanisch geprägter Musik im Kammermusiksaal der Laeiszhalle.

    Von Boccherini gab es zur Eröffnung sein Streichquartett op. 32,5 gefolgt von Arriagas 3. Streichquartett. Nach der Pause ging es weiter mit Turinas La oración del torero. Abschliessend dann erweiterte sich das Ensemble mit Gitarristin Ana Vidovic für das Quintett für Gitarre, zwei Violinen, Viola und Violoncello Nr. 4 D-Dur »Fandango« von Meister Boccherini.

    Diese eher sommerlich leichte Kost servierten die Musiker überaus gut gelaunt und mit viel Spielfreude und fanden beim Publikum entsprechend auch viel Anklang.

    Gestern nachmittag um 16:00 wurde dann an selbigem Ort zu den Teatime Classics geladen, eine kürzere Veranstaltung ohne Pause. Auf der Bühne stand das junge dänische NOVO Quartett, das schon letztes Jahr beim Heidelberger Streichquartettfest so begeistern konnte und inzwischen mehrere renommierte Wettbewerbe gewonnen hat. Sie spielten zuerst Grazyna Bacewicz' hörenswertes 3. Streichquartett. Danach gaben sie Beethovens op. 59,3, das ich ja schon vor wenigen Wochen in Perfektion vom Belcea Quartett gehört hatte. Die NOVO Musiker legten im Vergleich noch eine Schippe zu und lieferten die faszinierendste Darbietung des Stückes, die ich bisher gehört habe, der letzte Satz war der reine Wahnsinn. Perfekter Abschluss der Saison.

    https://cuartetocasals.com/de/about

    https://www.novoquartet.com

  • Jephtha am 02.05.2025 in der Dortmunder Konzerthalle


    Es gab weder ein Bühnenbild noch eine Regie bei der fast vier Stunden langen Vorstellung in der Dortmunder Konzerthalle am gestrigen Abend (wie es auch bei einem Oratorium bekanntlich der Fall ist) und trotzdem fühlte ich mich der Geschichte so nah, wie sonst selten. Alle Sänger brachten die Charaktere sehr glaubwürdig rüber und der hervorragend klingende Chor trug der Dramatik nicht weniger bei.


    Für mich war der Star des Abends eindeutig Joyce DiDonato. Sie sang Storgè fein nuanciert, ob in Wut, in Sorge oder Freude, und der herrliche Klang ihrer perfekt geführten Stimme war ein Genuss an sich!


    Die kraftvolle Stimme von Michael Spyres ragte heraus, was ich nicht unbedingt als positiv empfunden habe. Fast jeder Einsatz war viel zu wirkungsvoll und diente, vor allem in den mehrstimmigen Teilen, nicht dem guten Gesamteindruck der Aufführung. Nichtsdestotrotz hat sein Jephtha mir gut gefallen. Die Rolle wurde perfekt interpretiert und genauso rübergebracht.


    Eine Neuentdeckung an diesem Abend war für mich die amerikanische Altistin Jasmin White (Hamor). Sie hat eine runde, warme und bewegliche Stimme, die vor allem in den Duetten mit Iphis einen schönen und wohltuenden Kontrast zu der sehr hell und für meinen Geschmack hauch zu vibrant klingenden Stimme von Mélissa Petit bildete.


    Dasselbe galt für das gesamte Ensemble - die Stimmen waren sehr gut aufeinander abgestimmt (eigentlich ein Muss!), was das Klangbild ausgesprochen vielfältig machte.


    Zum Schluss wurden die Musiker mit einem riesigen Applaus und unzähligen Bravi bedankt. Zu recht!


    Als ich später um fast ein Uhr Nacht auf der leeren Autobahn nach Hause fuhr, gingen mir noch viele Momente aus diesem Konzert durch den Kopf und auch jetzt lässt der Eindruck nicht nach. Der Abend bleibt in Erinnerung und zwar als etwas sehr besonderes!

    „Eppur si muove!“

    Galileo Galilei

  • Dr.Pingel´s Dilemma oder "Primadonna assoluta" (Jeanine de Bique)


    Dr. Pingel liebt natürlich die Barockmusik. Wenn es, wie bei Spyres und de Bique, Soloabende sind, stellt sich manchmal bei den Arien und auch bei den Koloraturen eine gewisse Gleichförmigkeit ein (zuerst hatte ich "Kapriolen" geschrieben, auch nicht so falsch), die man im Laufe des Abends schnell wiedererkennt. Auf der anderen Seite spielt man ganze Opern, wie etwa "Adriano in Siria" von Graun, konzertant in der Essener Philharmonie, wo es nur Soprane und Counter gab und jene endlosen Rezitative, mit denen die Komponisten in der Handlung "Strecke machen", wie Tristan das so schön ausgedrückt hat.

    Nun also Jeanine de Bique, die ich nicht kannte, auch nicht, als sie ein paar Jahre (2022) vorher in Essen war.

    Vorher las ich dies im Programmheft:

    "Die inspirierende Sopranistin Jeanine de Bique aus Trinidad hat ihr Publikum rund um den Globus (inzwischen zähle ich mich dazu, Dr.P.), mit makelloser Technik, funkelnden Koloraturen und tiefbewegenden Darbietungen in ihren Bann gezogen."

    Dazu stand im Programmheft auch ihr Repertoire, etwa aus der Oper und der Klassik. Nach den Erfahrungen mit Michael Spyres war ich sehr skeptisch, ob es eine solche Primadonna geben könne.

    Zuerst stellte sich ihr Orchester vor, "Concerto Köln", mit der Ouvertüre zu Händels "Partenope", einer Oper, die ich gut kenne. Da war klar, dass von dieser Seite die höchste Qualität zu erwarten war.

    Dann rauschte sie herein, ein große, schlanke Frau im schwarzen langen Kleid. Dann fing sie an zu singen, und Dr. Pingel´s Dilemma löste sich in Rauch auf, denn jetzt war klar, dass es ein fantastischer Barock-Soloabend werden würde, richtig mit Beifall nach jeder Nummer; schließlich hat ja auch das Publikum bei diesen spektakulären Abenden einen Pflichtteil. Und der Beifall kam auch von mir; dazu hatte ich mir die "Ermahnung" des Kollegen "Provence" zu Herzen genommen, der meinte, dass man bis in die letzte Zugabe ausharren müsse.

    Nach der Pause rauschte sie herein in einem langen schulterfreien roten Kleid, von dem das Publikum sichtlich entzückt war. Ob der Gesang dadurch besser wurde, weiß ich nicht, denn das war gar nicht möglich.

    Ihre Stimme in der großen Philharmonie immer raumfüllend, sei es fff oder ppp.

    Die Stücke waren natürlich von unterschiedlicher Qualität, was allerdings keine Rolle spielte.

    Eine kleine Unsitte hatte auch sie (ich weiß nicht, ob das alle so sehen). Sie unterbrach das Programm, schnappte sich ein Mikrofon und erzählte von sich. Offensichtlich hatte es vorher keine Mikrofonprobe gegeben, denn gelacht wurde nur in den ersten 10 Reihen, hinten war gar nichts zu verstehen. Dann ließ sie noch eine Geigerin über Barockbögen referieren und einen Cellisten sprechen, der überrascht war und nicht gerne nach vorne kam.

    Dann kam der Schluss mit einem absoluten "Kracher" von Graun (aus der Oper "Cesar e Cleopatre"). Die dritte Zugabe war wohl die Wiederholung des Graun, jedenfalls waren Bühne und Publikum aus dem Häuschen, und ich auch. Ich war auch froh, dass ich bis zuletzt geblieben bin.

    Nach der letzten Zugabe stellten sich alle Musiker mit ihren Blumen in eine Reihe an die Rampe, da wusste jeder, dass es jetzt zu Ende war.

    Damit hatte sich Dr. Pingel´s Dilemma gelöst. Ein barockes Solistenkonzert ist eine tolle Show, die allerdings vom Solisten abhängt.

    Dieses Konzert war Nr. 6 meines Abos "Alte Musik bei Kerzenschein". In den Kosten von 108€ war Jeanine de Bique mit drin!

    Eine Sache noch: ein ganzes Programm mit 3 Zugaben und z.T. höllisch schweren Koloraturen: sie sang alles auswendig!

    We hold these truths for self-evident: that all men are created equal that they are endowed by their Creator with certain unalienable rights; that among these are life, liberty and the pursuit of happiness.

    (Amerikanische Unabhängigkeiterklärung)

  • Dr. Pingel liebt natürlich die Barockmusik.

    Danke für den interessanten und vergnüglichen Bericht! :jubel:

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Danke für den interessanten und vergnüglichen Bericht! :jubel:

    Deine Berichte lese ich immer, ebenfalls mit Vergnügen!

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    (Amerikanische Unabhängigkeiterklärung)

  • Lieber Dr. Pingel, ich kann mich nur anschließen - das Konzert war musikalisch perfekt! Ich habe allerdings auch gedacht, dass der Abend ohne zusätzlichen Show-Elementen noch besser gewesen wäre… Obwohl gerade die elegante Abendgarderobe, nehme ich daraus :)

    „Eppur si muove!“

    Galileo Galilei

  • Lieber Dr. Pingel, ich kann mich nur anschließen - das Konzert war musikalisch perfekt! Ich habe allerdings auch gedacht, dass der Abend ohne zusätzlichen Show-Elementen noch besser gewesen wäre… Obwohl gerade die elegante Abendgarderobe, nehme ich daraus :)

    Nach diesen beiden missglückten Interviews (Geige, Cello) war bei mir tatsächlich die Spannung etwas verloren, das wurde aber schnell wieder herbeigezaubert, mit dem Zaubertrank "Tolle Musik und tolle Sängerin".

    Mich würde interessieren, welche Show-Elemente die damaligen Sängerinnen und Sänger drauf hatten.

    We hold these truths for self-evident: that all men are created equal that they are endowed by their Creator with certain unalienable rights; that among these are life, liberty and the pursuit of happiness.

    (Amerikanische Unabhängigkeiterklärung)

  • Von zwei bemerkenswerten Konzerten in der Elbphilharmonie innerhalb von fünf Tagen habe ich zu berichten.


    Am Donnerstag gab es "Solomon" von Georg Friedrich Händel zu hören, gespielt vom Festspielorchester Göttingen unter George Petrou, mit dem ich eine wunderbare "Arianna" auf CD habe. Das Orchester ist mit zahlreichen Einspielungen unter Cummings in meiner Sammlung vertreten. Musikalisch war das ein Hochgenuss. Die prägenden Solostimmen waren hervorragend besetzt: Lena Sutor-Wernich (Solomon), Francesca Lombardi (Gemahlin Solomons, Königin von Saba), Carlotta Colombo (1. Frau) und vor allem auch James Way (Zadok) haben Barockzauber in die Elphi gebracht, gemeinsam mit dem versierten Festspielorchester. Dabei fällt durchaus auf, dass ein solch klein besetztes Hip-Ensemble im großen Saal der Elphi recht leise erscheint.

    Abseits der musikalischen Qualität, war der Abend leider auch auf andere Weise bemerkenswert. Ich weiß nicht was die Veranstalter geritten hat, ein dreistündiges Barockoratorium erst um 20 Uhr beginnen zu lassen. Da fällt das Konzertende incl. Pause erst auf weit nach 23 Uhr. Für mich noch in Ordnung - meine S-Bahn fährt bis 1 Uhr. Aber es hatte offenkundig deutliche Folgen: Nach der Pause kam etwa ein Viertel der Konzertbesucher nicht wieder. Das Konzert beendeten - trotz großer musikalischer Qualität nur mehr ungefähr 60% der Besucher. Im 3. Akt gingen quasi am laufenden Band Leute, was natürlich zum einen eine große Ablenkung darstellt und zum anderen fehlenden Respekt gegenüber den Musikern. Zumindest eine Ursache dafür dürfte in der vorgerückten Uhrzeit gelegen haben - Leute mussten ihre Züge erreichen bzw. am nächsten morgen früh raus. Man hätte einfach 19 Uhr starten können - so wie an der Oper.


    Heute dann das Orchestra of the age of Enlightenment mit Andras Schiff am Klavier und in der Leitung. Gespielt wurden Schumanns Klavierkonzert und die Introduktion & Allegro Op. 92 und Mendelssohns Sommernachtstraum (Ausschnitte). Auch hier musikalisch ein Hochgenuss und erneut Hip, Schiff z.B. am Blüthner aus dem 19. Jh. Ein tolles Konzert mit für mich leicht ungewohnten Klang, was aber interessante Details freilegt. Insgesamt wirkt das Schumann-Konzert in de rhistorischen Besetzung ein wenig durchsichtiger und zerbrechlicher als gewohnt. Schiff nimmt es recht schnell, für meinen Geschmack sogar einen Tick zu zügig. Dennoch kommt er unbeschadet durch die Kadenz, was schon beeindruckend zu erleben ist.

    Andras Schiff ist für mich künstlerisch über jeden Zweifel erhaben (auch wenn er in Interviews nicht immer super sympathisch wirkt). Distanz zum Publikum hatte er auch in Hamburg. Zwischen zwei Sätzen der Sommernachtstraum-Musik bittet er genervt um Ruhe während der in der Tat nervigen Zwischensatz-Huster. Andererseits gibt es zwei Zugaben, die ein Andras Schiff natürlich nicht ankündigt: Zunächst das As-Dur Impromptu Schuberts und anschließend klappt er das Klavier zu und spendiert mit Orchester noch die gesamte Hebriden-Ouvertüre. Da bekommt man richtig was geboten fürs Geld!

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

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