Franz Schreker - ein vergessener Revolutionär?

  • Er war ein österreichischer Komponist, der am 23. März 1878 in Monaco geboren wurde und am 21. März 1934 in Berlin starb: Franz Schreker.
    Seine Opern galten als Inbegriff der Sensation: Verrucht und ekstatisch, voller Erotik. Schwelgerische Kantilenen, gestützt von irisierenden Akkorden. Auflösung der Tonartenbeziehungen durch Tonartenüberlagerungen, Alterationen, Terzenstapel. Diffuse Farbespiele und exzessive Eruptionen. Das alles charakterisiert seine Musik. Und vermag doch den Eindruck nicht wiederzugeben, den diese Klänge im Zuhörer hervorrufen.


    Schreker, geboren als Schrecker, war der Sohn eines jüdischen Hoffotografen. Seine Mutter entstammte einer altsteirischen Adelsfamilie. Schreker studierte in Wien bei Robert Fuchs. 1912 übernahm er selbst eine Kompositionsklasse an der Akademie für Tonkunst in Wien. Von 1920 bis 1931 war Schreker Direktor der Berliner Hochschule für Musik. Die Nationalsozialisten zwangen ihn zum Rücktritt. Immerhin konnte er von 1932 bis 1933 eine Kompositions-Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste leiten. Danach ging nichts mehr: Schreker wurde dank kräftiger Interventionen des Komponisten Max von Schillings, der ironischerweise krampfhaft versuchte, Schrekers Stil zu imitieren, zwangspensioniert. Von diesem Schlag erholte sich Schreker nicht mehr. Er verfiel zusehends, erlitt einen Schlaganfall und starb an einem Herzinfarkt.


    Schrekers Musik kann man in drei Perioden einteilen.


    1) Romantische Periode.
    Sie umfaßt die Werke von etwa 1896 bis 1909. Hauptwerke sind die Oper "Flammen", die symphonische Ouvertüre "Ekkehard", die Pantomime "Der Geburtstag der Infantin" und das Orchesterwerk "Phantastische Ouvertüre".
    In diesen Werken schreibt Schreker einen wenig ausgeprägten Stil, der fest in der Tradition der Romantik verwurzelt ist. Einflüsse von Wagner und Humperdinck sind auszumachen, die Melodik ist nicht immer frei von Banalität. Allerdings zeigt Schreker schon in diesen Werken einen feinen Sinn für Instrumentalfarben und raffinierte Klangmischungen.


    2) Expressionistische Periode
    Sie umfaßt die Werke von 1909 bis etwa 1924. Hauptwerke sind die Opern "Der ferne Klang" (1912), "Das Spielwerk und die Prinzessin" (1912; 1915 zu "Das Spielwerk" umgearbeitet), "Die Gezeichneten" (1918 ), "Der Schatzgräber" (1920), "Irrelohe" (1924), Kammersinfonie (1916).
    Für die Werke dieser Periode ist Schreker berühmt - und teilweise auch berüchtigt. Er schreibt seine Libretti selbst in einer eigenartig stammelnden, wie in höchster Errgeung hervorgestoßenen Sprache, im Zentrum steht meist ein Gegensatz von übersteigertem Schönheitsempfinden und ungehemmter Sexualität. Die Psychoanalyse trifft auf Kunstmärchen, wie sie im Symbolismus beliebt sind. Nur "Der ferne Klang" ist zwei Akte lang eine weitgehend realistische Oper mit starken Querbezügen zum Verismo, im dritten Akt allerdings führt der sterbende Komponist Fritz in jene neuen Klangwelten, die ab diesem Moment das Schaffen Schrekers bestimmen.
    Die Funktionsharmonik wird aufgegeben, auch die nach herkömmlicher Harmonielehre definierbaren Akkorde. An ihre Stelle treten raffinierte Reizklänge, die nur durch das Spannungsgefälle miteinander verbunden sind. Auflösungstendenzen allüberall. Formen schimmern nur noch im Hintergrund durch, Melodien entwickeln sich aus hastigem Rezitativ und gehen in es über, es gibt balladeske Stellen, deren Tonfall an Mahler erinnert, und harsch dissonierende Klangsäulen. Das Extremwerk ist "Irrelohe": Übereinandergeschichtete Tonarten und permanente Modulationen verursachen, dass Tonarten sogar dort, wo sie vorhanden sind, wirkungslos werden und nur noch als Klangnuance fungieren.


    3) Neoklassizistische Periode
    Sie umfaßt die Werke von 1924 bis 1933. Hauptwerke sind die Opern 1924–1928: "Christophorus oder Die Vision einer Oper" (1928 ), "Der singende Teufel" (1928 ), "Der Schmied von Gent" (1932).
    Allgemein wird behauptet, Schrekers Schaffenskraft sei nach "Irrelohe" erlahmt. Nur: So einfach ist das nicht. "Christophorus", das Kuriosum einer Oper über die Entstehung eines Streichquartetts, ist ein Experiment in Sachen Rezitativ. Das Orchester ist zurückhaltend, trägt auch nur selten kräftigere Farben auf. "Vision einer Oper" ist ein zutreffender Titel, denn es ist eine Oper, die mit Absicht skizzenhaft ausgeführt ist.
    Im "Singenden Teufel" und im "Schmied von Gent" kommt dann der Kontrapunkt wieder zu seinem Recht. Allerdings verdichtet er sich auch zu klanggewaltigen Höhepunkten. "Der Schmied von Gent" ist dabei eine geradezu melodieselige Volksoper, der Jubel der Engelchöre am Schluß gehört mit zum Überzeugendsten, was in dieser Zeit für die Bühne geschrieben wurde.


    Eine weitere Periode deuutet sich in der Ouvertüre zu "Memnon" (1933) an: Karge, schmucklose Linien stehen hier in Kontrast zu raffinierten Klangoasen, womit eine Synthese der zweiten und dritten Periode erreicht wird - wobei allerdings die neoklassizistischen Elemente weiter entschlackt, andererseits die Harmonik aber wieder stark ausgeweitet wird. Da das "Memnon"-Vorspiel das einzige Werk in dieser synthetischen Sprache ist, kann nicht mit Sicherheit auf den Beginn einer weiteren Schaffensphase geschlossen werden.


    Schreker war auch ein bedeutender Lehrer: Grete von Zieritz, Ernst Krenek, Karol Rathaus, Alois Hába, Max Brand, Jascha Horenstein und Artur Rodzinski zählen zu seinen Schülern. Ob er ein guter Lehrer war - da gehen die Meinungen auseinander: Ernst Krenek und Grete von Zieritz berichteten beide, daß Schreker es ungerne sah, wenn man sich stilistisch allzu weit von ihm entfernte. Dennoch hat Schreker Schüler gehabt, die in ihrem Werk denkbar weit voneinander entfernt sind. Vielleicht hat er ihnen beigebracht, so neugierig zu bleiben, wie er selbst zeitlebens war und sich nicht durch Anfeindungen beirren zu lassen.


    :hello:

  • Hallo Edwin, danke für den schon lange überfälligen Thread über Schreker!


    Neben seinen - von dir bereits genannten - Hauptwerken möchte ich hier noch seine Sinfonie Nr. 1 a-Moll erwähnen.


    I. Allegro non troppo
    II. Presto
    III. Andante


    Seine Symphonie, die ca. 100 Jahre nach ihrer Entstehung im Jahr 2001 in Weimar ihre Uraufführung coram publico erlebte (Staatskapelle Weimar, George Alexander Albrecht), entstand 1899 in seinem letzten Studienjahr bei R. Fuchs am Konservatorium in Wien. Vorhandenes Orchestermaterial belegt, dass eine vollständige Aufführung des Werkes im Jahr 1900 geplant war. Dokumentiert ist allerdings lediglich eine nicht öffentliche Probe des langsame Satzes durch das Studentenorchester des Konservatoriums am 29.03.1900. Unklar ist der Verbleib
    des auf dem Vorsatzblatt der Partitur vermerkten 4. Satzes "Allegro vivace". Vielleicht wurde er von Schreker selbst verworfen, da er weder in Partitur noch in Orchesterstimmen erhalten ist. Er hielt offensichtlich eine dreisätzige Fassung für möglich, da er die reihenfolge der sätze im Orchestermaterial verändert hat: das Andante, ursprünglich dritter Satz, sollte danach als zweiter - langsamer - Satz zwischen zwei schnellen stehen.


    Zwar hat die Symphonie noch nichts von Schrekers späterer virtuosen Kontrapunktik mit impressionistischer Klangsensibilität etwa im "Fernen Klang" oder "Der Gezeichneten", sie jedoch als marginales Frühwerk abzutun hieße, an den ausgesprochenen Qualitäten vorbeizuhören. Sie ist geprägt vom jugendlichen Elan eines 20-jährigen, dem es gelingt, noch einmal ein ganzes romantisches Zeitalter heraufzubeschwören, sich gleichsam seiner musikalischen Herkunft zu versichern, bevor er sich auf musikalisches Neuland vorwagt.


    Das Werk ist in einer Studioproduktion mit dem Kölner Rundfunkorchester unter Peter Gülke auf CD erschienen:


  • Schreker - ein Vergessener?


    Für mich so ein typischer Fall, in dem persönliche Vorlieben und die allgemeine Sichtweise weit auseinander klaffen. Persönlich schätze ich seine Musik (sagen wir: die, die ich von ihm kenne) sehr. Ich höre ihn viel, bei mir ist er gar "unvergessener" als z.B. Haydn oder Vivaldi, allein was die Hörstunden betrifft. Allerdings sagt auch mir jeder Konzertführer, es handele sich um einen der "vergessensten". In der Tat: An Spielpläne oder CD-Veröffentlichungen, die Schreker angemessen würdigen, erinnere ich mich kaum. Sieht man einmal von dem rührigen Dirigenten Israel Yinon ab, der besonders Schreker und seine Leidensgenossen im Visier hat.


    Mein Erstkontakt war "Der Geburtstag der Infantin". Diese nach Oscar Wilde vertonte Musik war mehr als nur eine eine Ballettmusik. In einem Gefüge aus Malerei, geschriebenem Wort, Musik und Deko-Kunst wollte man eine "Gesamtkunstschau" schaffen. Möglicherweise ein paralleler Ansatz zu Scriabin? Die heute bekannte und veröffentlichte Suite erschien immerhin 15 Jahre nach der Aufführung besagter Schau. Von daher weiß ich nach Edwins schöner Einführung nicht: Ist dieses Werk, so wie wir es kennen, dem Original geschuldet, fällt also wirklich in die erwähnte erste Schaffensperiode? Oder hat er bis zur Suite 1923 so daran gebastelt, dass man das Stück möglicherweise gar nicht ebenjener Periode zuordnen kann?


    Unterstreichen würde ich Edwins Bemerkungen der "etwas banalen Melodik". Was im Falle Schrekers aber nichts macht, da sein Klangreichtum so immens ist. Um den zu hören, reichen meines Erachtens schon die ersten Minuten der Memnon-Ouvertüre, die mich mit ihrer Farbigkeit und ihrer Instrumentation immer wieder betört.


    Franz Schreker - ein Vergessener? Nicht bei mir!


    LG
    B.

  • Zitat

    Original von Barbirolli
    In der Tat: An Spielpläne oder CD-Veröffentlichungen, die Schreker angemessen würdigen, erinnere ich mich kaum. Sieht man einmal von dem rührigen Dirigenten Israel Yinon ab, der besonders Schreker und seine Leidensgenossen im Visier hat.



    "Vergessen" finde ich für die Schreker-Rezeption der letzten Jahrzehnte schon ein ziemlich hartes Wort. Vergessen war Schreker zweifellos nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 70er Jahre hinein. Aber seitdem hat sich doch einiges getan. Klar, verglichen mit den Aufführungszahlen der Opern von Alban Berg oder gar von Richard Strauss ist Schreker nur sehr selten auf den Opernbühnen zu sehen. Das Wort "Wiederentdeckung" wäre zweifellos zu hoch gegriffen, aber es gibt in regelmäßigen Abständen immer mal wieder Aufführungen.


    Nehmen wir nur mal "Die Gezeichneten": 1979 fand eine spektakuläre und aufsehenerregende Premiere der Oper in Frankfurt statt, Dirigent war Michael Gielen, Regie führte Hans Neuenfels. 1987 habe ich selbst in Düsseldorf eine der großartigen Aufführungen in der Regie von Günter Krämer und mit Hans Wallat als Dirigenten gesehen und gehört. Die Produktion hat nach meiner Erinnerung in verschiedenen Städten gastiert. Kurz danach gab es wohl auch in Zürich Aufführungen, über die ich aber nichts weiß. In den letzten Jahren konnte man zwei wiederum vielbeachtete Produktionen erleben: Mit Martin Kusej/Lothar Zagrosek in Stuttgart (auch nach Amsterdam exportiert, dort von Ingo Metzmacher dirigiert) und mit Nikolaus Lehnhoff/Kent Nagano bei den Salzburger Festspielen (auch als DVD).


    Zumindest bei "Der ferne Klang" (bis vor kurzem mit Peter Mussbach/Michael Gielen noch im Repertoire der Berliner Staatsoper) und "Der Schatzgräber" (vor einigen Jahren in der Regie von David Alden in Frankfurt auf der Bühne) wird man auch mehrere Produktionen verzeichnen können.


    Es gibt hier im Forum Berufenere, die darüber berichten können. Was ich sagen wollte: "Durchgesetzt" ist Schreker bestimmt nicht (kein Vergleich mit den Aufführungszahlen der 20er Jahre), dem "Vergessen" hat man ihn aber schon längst entrissen.


    Bei den Dirigenten muss neben Gielen vor allem auch der unermüdliche Gerd Albrecht genannt werden.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Lieber Bernd,
    Du ziehst das "vergessen" in Zweifel? - Recht hast Du! Daher habe ich den Titel mittels Fragezeichen modifiziert.


    ***


    Lieber Barbirolli,
    die "Infantin", übrigens, von Klavierauszügen abgesehen, auch mein Erstkontakt mit Schreker, ist ursprünglich eine Pantomime. Später stellte Schreker eine Orchestersuite zusammen. Ich mag die "Infantin" eigentlich ganz gerne, sie ist für mich gehobene Unterhaltungsmusik. Geradezu unglaublich, wenn man sich die "Infantin" anhört und dann den dritten Akt "Irrelohe": Man merkt, es ist derselbe Komponist. Aber welch ungeheuren Weg hat er zurückgelegt!


    :hello:

  • Hallo.


    Jemand, der ein Werk namens "Ekkehard" komponiert, hat meine volle Aufmerksamkeit verdient.
    Nun ja, im Ernst: Bislang kenne ich mehr Häppchen als Happen von Schreker. Dies kann sich aber ab sofort ändern. Seit heute in meinem Eigentum:



    Nach allem, was ich bisher von Schreker hörte, bin ich hierauf sehr gespannt.


    Gruß, Ekkehard.

  • Von Schreker schätze ich besonders seine Kammersinfonie für 23 Soloinstrumente (1916).


    Franz Schreker komponierte seine "Kammersinfonie in einem Satz, für sieben Bläser, elf Streicher, Harfe, Celesta, Harmonium, Klavier, Pauke und Schlagwerk" für den Lehrkörper der kaiserlich-königlichen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien. Das Werk ist aber keine Gelegengheitskomposition, es ist vielmehr eines seiner Hauptwerke, wohl das einzige symphonisch konzipierte neben den im Zentrum stehenden musikdramatischen Werken.


    Davidoff

  • Hallo Ekkehard,


    Zitat

    Original von lohengrins
    Nach allem, was ich bisher von Schreker hörte, bin ich hierauf sehr gespannt.


    leider gibt es in der von Dir genannten 'Gezeichneten'-Aufführung unter Leitung Kent Naganos starke Kürzungen (insgesamt fast 30 Minuten!!!), vor allem der wichtigste, der III. Akt wurde ziemlich verstümmelt. :wacky:


    Die einzige vollständige Aufnahme der Oper ist nach wie vor die in der Decca-Reihe 'Entartete Musik' erschienene Zagrosek-Einspielung:


    Franz Schreker (1878-1934):
    Die Gezeichneten -
    Oper in 3 Akten 1913-15
    Alfred Muff, Monte Pederson, Laszlo Polgar, Elizabeth Connell, Heinz Kruse, Robert Wörle, Endrik Wottrich, Oliver Widmer, Matthias Görne, Kristinn Sigmundsson, Petteri Salomaa, Marita Posselt, Christiane Berggold, Martin Petzold, Herbert Lippert u. a.
    Rundfunkchor Berlin, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Lothar Zagrosek
    Decca, 1993/94, 3 CD



    Trotzdem wünsche ich Dir aber viele betörende Momente mit der doch sehr stimmungsvoll inszenierten Produktion.


    :hello:
    Johannes

  • In der Tat, da würde ich Bernd zustimmen, gibt es mitlerweile ja wieder auch eine Vielzahl von Einspielungen, viel mehr als bei vielen, ebenfalls nicht uninteressanten, seiner Zeitgenossen. Ein Comeback nach Art der Anfangszeit der Weimarer Republik, als "Der ferne Klang", "Die Gezeichneten" und "Schätzgräber", so weit ich weiß, die meistgespielten zeitgenössischen Opern in Deutschland waren, kann kaum erwartet werden.
    Aber sogar der damals als herausragend geltende Dirigent ( z.B. für Mahler, Schönbergs Gurrelieder u.a.) ist teilweise wieder zugänglich gemacht:



    Warum aber galt seit der "Irrelohe" seine "Schaffenskraft ermattet"? Ich kann Bemerkungen finden, die auf den Geschmackswandel vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit verweisen. Und natürlich nahmen die antisemitischen Angriffe auf den "jüdisch-erotomanischen" "Musikbolschewisten" zu, nicht nur von Seiten der Nazis, aber das kann wohl weniger das musikalisch aufgeschlossenere Publikum betroffen haben. Auch was als Avantgarde galt, war noch nicht auf die Schönberg-Schule festgelegt und Strawinsky oder Korngold waren erfolgreich.
    Edwins schöne Einleitung hat mich neugierig gemacht und ich habe wieder in Adornos Schreker-Aufsatz in "Quasi una Fantasia - Musikalische Schriften II" hereingeschaut.
    Auch Adorno lobt die Orchestrierungen, die Schrekerschen "Mischfarben", das "schillernd Gebrochene", dem die Formkonstruktion in der expressionistischen Phase untergeordnet gewesen sei. Schrekers Musik "verleugnet Ursprung und Konsequenz, am liebsten jede eigentlich kompositorische Bestimmtheit. Was sonst über den musikalischen Zusammenhang entscheidet, entwickelnde Variation, kompositorische Logik im weitesten Sinn, wird virtuell ausgeschlossen." Das verleihe ihr aber auch "nach einer Richtung ( dem der "Verdichtung" durch Umstrukturierung, Auflösung von Formzwängen , Anm.M.O.) hin einen radikalen Zug", weswegen sie der Avantgarde zugerechnet werden könne. Dies führt ihn sogar zu der Einsicht, dass "die Veränderung von Material und Bewußtsein nicht notwendig eindimensional auf der Linie verlaufen müsse, auf der die neue Musik sich bewegte" - auch um dennoch "progressiv" sein zu können.
    "Schatzgräber" sieht er dann schon als schwächeres auf der Stelle treten im Stil der "Gezeichneten" (- höre ich auch so).
    Ab "Irrelohe" sieht er dann den Niedergang. "Als er in seiner Spätzeit nachzuholen versuchte, was er zuvor hintanstellte, geriet er in tostlose Sterilität". Das zunehmende Formbewußtsein, die raffiniertere, aber auch strengere Kontrapunktik raube die "rauschhafte" "Naivität", welche die produktive Befreiung von älteren Formzwängen, die progressive Erweiterung des Klangreichtums in der Wagner-Nachfolge gerade ermöglicht habe. Hier spielt natürlich seine Abneigung gegen Neoklassik mit herein und die Einsicht, das musikalischer Fortschritt multi-linear sei, scheint wieder vergessen.
    Interessanter scheint mir aber, dass er damit auch bei den üblichen Zuschreibungen bleibt: Das Rauschhafte, Triebhafte (hier mit eher positivem, bei den "Musikbolschewismus"-Schreiern mit negativem Vorzeichen und dann halt die "ermattete Schaffenskraft", die für Adorno bei Schreker eben in der Anlehnung an Traditionen, ohne diese wirklich erneuert zu transformieren, sich ausdrücke.


    Bei der Frage, warum seit der "Irrelohe" Schreker kaum mehr Anerkennung finden konnte, seine "Schaffenskraft" als "ermattet" galt, bin ich aber nicht weiter gekommen. Oder wie seht ihr das?


    Jedenfalls scheinen mir die Opern der neoklassischen Phase, gerade der "Christophorus", auch interessant und den "Schmied von Gent" charakterisiert Edwin sogar als "melodieselige Volksoper". Auch die opulenten Orchestrierungen tauchen wieder auf. Wieso konnte damit Schreker dann nicht mehr an seine großen Erfolge anknüpfen? Seine expressionistischen Opern liefen doch auch weiter in der Phase des "Geschmackswandels zur neuen Sachlichkeit" mit großem Erfog.


    Abschließend noch meine CD-Empfehlung, die das Vorspiel zu "Irrelohe"(1924), 2 Orchesterlieder nach Walt Whitman(1927), 4 kleine Stücke für großes Orchester (1930-31) und das Vorspiel zu seiner letzten geplanten Oper von 1933 enthält und mit der man sich mit einer sehr geglüchten Einspielung unter Peter Ruzicka gut ein erstes eigenes Bild machen kann.



    Der opulente, dabei aber nie in kitschigen Überfluss oder Tonbrei abgleitende Klangreichtum scheint mir bei allen diesen Werken erhalten und besonders das Opernvorspiel von 1933 überzeugt mich wie Barbirolli.
    Wenn sich in ihm, wie Edwin schreibt, eine neue, vielleicht könnte man sagen, syntetische Phase angekündigt hat, macht es mich erst recht unglaublich zornig, wie dieser sensible Künstler schon in der Endphase von Weimar wirklich fertig gemacht worden ist, bis er 1933 einen Herzanfall erlitt, an dessen Folgen er bald darauf starb.

  • Vorab: ich kenne längst nicht alle Werke Schrekers – eigentlich beschränkt nicht meine Kenntnis ausschließlich auf die eingespielten Opern »Flammen«, »Der ferne Klang«, »Das Spielwerk und die Prinzessin«, »Die Gezeichneten«, »Der Schatzgräber« und den »Christopherus«. Zudem kenne ich die auf der von Matthias Oberg im vorstehenden Posting gezeigten CD enthaltenen Orchesterwerke und einige Klavierlieder (gab‘s mal bei Arte Nova).


    Die mir bekannten Opern schätze ich alle – wenn auch nicht gleichermaßen. »Der Schatzgräber« etwa hat bei mir keinen allzu bleibenden Eindruck hinterlassen, während ich dagegen »Flammen« - trotz des kruden Librettos von Dora Leen und trotz aller manierierten Wagnerismen – sehr gern höre. »Der ferne Klang«, »Das Spielwerk« und »Die Gezeichneten« halte ich für Opernkompositionen, die über jeden Zweifel erhaben sind, in der Musik-gewordenen Durchleuchtung der Charaktere einfach überwältigend. Mit diesen drei Werken hat Schreker IMO eine (bitte positiv zu verstehen) höchst eigenartige Variante eines psychologischen Musikdramas und eine zudem konvergente irisierende und packende Musik- oder eher Klangsprache entwickelt.


    Mein liebstes musikdramatisches Werk aber ist dann der deutlich rationaler erscheinende »Christopherus«, der sich für mein Empfinden in vielerlei Hinsicht von dem verabschiedet, was man vielleicht konventionell als »Oper« verstehen mag – in der Plotstruktur (allein der Gedanke die »Komposition eines Streichquartetts« und auch die »Komposition einer Oper« - denn das ist es, was der Protagonist an stelle ihm von seinem Lehrer aufgetragenen Streichquartett schließlich zu komponieren beginnt – zum Thema eines Musikdramas zu machen ist umwerfend, und verschiebt das im Zentrum der früheren Werke Schrekers stehende Künstlerdrama auf eine Metaebene, indem nicht länger allein der »Künstler« sondern der »Prozess des Kunstschaffens« zum Thema wird) und auch hinsichtlich der musikalischen Struktur, etwa der Auflösung klarer Gesangslinien, die immer wieder mit gesprochenen Texten durchwirkt sind.


    Weniger begeistert haben mich Schrekers Instrumentalwerke. Ich habe aber gestern Abend, nachdem ich Edwins Eröffnungsbeitrag mit dem empfehlenden Hinweis auf das Memnon-Vorspiel gelesen hatte, die Ruzicka-Interpretationen der »Vier kleinen Stücke für großes Orchester« (1931) und eben das Memnon-Vorspiel (»Vorspiel zu einer großen Oper«, 1933) seit längerem wieder einmal gehört – fand meine eher zurückhaltende Einschätzung der Orchesterwerke aber bestätigt.


    Die »Vier kleinen Stücke für großes Orchester« (das kürzeste dauert 2:08 Minuten, das längste 3:56) sind schillernde, durchaus hörenswert Miniaturen, flirrrende Klangmalereien. Das ist in der Kürze der einzelnen Werke interessant und spannend.
    Über die mehr als 23 Minuten des »Vorspiels zu einer großen Oper« vermag die Schrekersche Kompositionsweise für mein Empfinden im Kontext reiner Instrumentalmusik aber nicht wirklich zu tragen. Der Beginn des »Vorspiels« ist grandios: nach dem einleitenden Hörnermotiv entfaltet sich eine berückend-geheimnisvolle Klarinettenkantilene über einem ostinaten Rhythmus des Schlagzeugs/der Pauken (ich meine aber, daß eine große Trommel den Grundrhythmus vorgibt). Wundervoll!
    Doch werden weder Atmosphäre noch Spannung dieses Einstiegs gehalten, vieles über die folgenden 21 Minuten wirkt auf mich eher beliebig. Vielleicht fehlt hier einfach die Dramatik einer Handlung und eines Textes, die dann von der Musik getragen und durchdrungen wird, so wie Drama und Text zugleich die Schrekersche Musik durchdringen. Auf mich wirkt das Vorspiel streckenweise wie ein Sockel ohne Statue oder eine Leinwand auf die zunächst einmal nur die Grundierung aufgetragen worden ist.


    Viele Grüße,
    Medard

  • Zitat

    Original von Guercoeur
    Hallo Ekkehard,



    leider gibt es in der von Dir genannten 'Gezeichneten'-Aufführung unter Leitung Kent Naganos starke Kürzungen (insgesamt fast 30 Minuten!!!), vor allem der wichtigste, der III. Akt wurde ziemlich verstümmelt. :wacky:


    Das stimmt wohl (allerdings ist der III. Akt im ungekürzten Zustand auch wirklich seeehr lang :D ) - aber Naganos Dirigat ist einfach fantastisch, ebenso wie die sehr eindringliche Inszenierung von Nicolaus Lehnhoff.
    Eine unbedingte, dicke Empfehlung!


    Viele Grüße,
    Medard

  • Lieber Matthias,
    mit der wertung der neoklassizistischen Schaffensphase Schrekers ist das eine ziemlich heikle Sache. Schreker stand Schönberg nahe, das wußten die Schönbergianer. Immerhin war es Alban Berg, der den Klavierauszug vom "Fernen Klang" anfertigte. Man erwartete von Schreker zwar keine Zwölftontechnik, aber immerhin ein Beibehalten der avancierten, nach herkömmlichen Vorstellungen tonal kaum noch deutbaren Harmonik.


    Die fortschrittlichen Musikschriftsteller (wie Bekker), die Schreker propagierten, zeigten sich von dem - vermeintlichen - Schritt zur vereinfachten Faktur eindeutig enttäuscht, zumal Schrekers Neoklassizismus wesentlich weniger radial ausfiel als der etwa Hindemiths. (Es ist aber aufschlußreich, Schrekers "Christophorus" mit einem Werk des "geläuterten" Hindemith, etwa dem "Mathis", zu vergleichen; Hindemith ist zweifellos formal strenger, rein klanglich sind die Unterschiede aber geringer, als man annehmen würde.)
    Den Propagandisten des Neoklassizismus wiederum war Schrekers expressionistische Phase allzu suspekt.
    Das Ergebnis war der Trugschluss, Schreker sei zum Neoklassizisten geworden, weil ihm für seine expressionistische Klangwelt nichts mehr einfiele.


    Meiner Meinung nach stimmt das nicht. Ich glaube, daß Schreker wußte, daß er die Möglichkeiten seiner expressionistischen Phase ausgeschöpft hatte. In den "Gezeichneten" hatte er einen permanenten Klangrausch beschworen, dessen Zustände konturenfrei ineinander fließen; im "Schatzgräber" brachte er diese Konturen ein, indem er geschlossenere Formen verwendete und etwa liedhafte Formen einbaute. In "Irrelohe" dehnte er die Harmonik bis zu der für ihn größtmöglichen Erweiterung. Jeder nächste Schritt innerhalb dieses ästhetischen Gebäudes mußte zur Selbstkopie werden.
    Um das zu umgehen, komponierte Schreker die Anti-Schreker-Oper par excellence, nämlich den "Christophorus".
    Nach diesem Experiment war der Weg offen, für frei gewählte Synthesen. Es ging nicht darum, neoklassizistisch zu komponieren, sondern Schreker konnte innerhalb seines Vokabulars die ihm gemäß erscheinende Ausdrucksweise bestimmen. Das geht im "Teufel" über weite Strecken tatsächlich in Richtung Kontrapunkt, im "Schmied" aber in Richtung Melodie. Vielleicht kommt der "Schmied" etwas zu spät, um den Typus der intellektuell aufbereiteten Märchenoper in Nachfolge etwa der "Königskinder" Humperdincks aufnehmen zu können. Vor allem steht sich Schreker bei diesem Ansinnen selbst im Weg, weil das zu ziemlich das Letzte war, was man vom erotomanischen Klangekstatiker erwartete. Andererseits gibt es Märchenopern auch noch bei Siegfried Wagner, Hans Pfitzner und etlichen anderen Zeitgenossen (und auch bei jüngeren, etwa Orff).
    Sicherlich ist der "Schmied" im Vergleich etwa zu "Irrelohe" atypischer Schreker, aber er nimmt im Schaffen Schrekers eine ähnliche Position ein wie die "Meistersinger" im Schaffen Wagners.
    Vielleicht wäre es sogar reizvoll, Schreker einmal von diesem Werk her zu erschließen, also bewußt gegen die Erwartungshaltung zu arbeiten. Ich kann mich an die Aufführung des "Schmied" in Bielefeld - mit einer hinreißenden Inszenierung von John Dew - noch gut erinnern: Das Werk kam hervorragend an; und was mich betrifft: Ich war restlos begeistert, denn eine so frische und vergnügliche Oper sieht man wirklich nicht alle Tage.


    :hello:

  • In der Zeit von 1908 bis 1910 komponierte Schreker sechs Tanzsuiten für Susdruckstanz die von den Schestern Grete und Elsa Wiesenthal in Auftrag gegeben oder aber inspiriert wurden. erhablten geblieben sind davon fünf:


    Der Geburtstag der Infantin
    Valse Lente
    Festwalzer und Walzerintermezzo
    Der Wind
    Ein Tanzspiel


    Die Uraufführung des "Geburtstags der Infantin" am 27.06.1908 im Rahmes der Kunstschau Wien war ein voller Erfolg, der quasi über Nacht Schrekers Ruf als Bühnenkomponist begründet und dem Publikum seinen - sich zu dieser Zeit, er arbeitet am "Fernen Klang", entwickelnden Stil nahe bringt.


    Die fünf Werke sind auch auf CD erschienen:


  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Die fortschrittlichen Musikschriftsteller (wie Bekker), die Schreker propagierten, zeigten sich von dem - vermeintlichen - Schritt zur vereinfachten Faktur eindeutig enttäuscht, zumal Schrekers Neoklassizismus wesentlich weniger radial ausfiel als der etwa Hindemiths.[...]
    Den Propagandisten des Neoklassizismus wiederum war Schrekers expressionistische Phase allzu suspekt.


    Eigentlich mag ich so eine Entwicklung: Es niemandem recht machen, es seinen Fans nicht zu leicht machen und vor allem sich selbst nicht, indem man nicht einrostet und gelungenen Rezepten gleich mal wieder mit Skepsis begegnet. Dass man dann nicht von einem unerhörten Avantgarde-Stil zum nächsten in heldenhafter Pose stürmen kann ist doch letztlich sympathisch.


    Die Frage ist natürlich, wer sich das leisten kann, gewissermaßen. Ist man kein Top-Star wie Schreker, verschwindet man sehr leicht wieder von der Bildfläche.


    So, es war einfach mal nötig, etwas semi-autobiographisch das Niveau zu senken.
    :untertauch:


    Zur Strafe kauf ich mir gleich den Christophorus ...
    :D

  • kommt jetzt an der Wiener Volksoper heraus, nur weiß ich nicht die Besetzung.


    Aber diese Oper würde mich interessieren.


    Natürlich auch "Die Gezeichneten".


    Da aber die Volksoper lieber "Tosca" und "Ariadne" herausbringen will, weiß ich gar nicht, ob das Projekt noch steht.


    Tosca und Ariaden stehen doch in der Staatsoper ohnedies im Programm.


    Liebe Grüße Peter aus Wien.

  • Hocherfreut bemerke ich heute, daß der längst fällige Franz-Schreker-Thread endlich da ist. Insgeheim hatte ich selbst schon damit geliebäugelt, das Thema zu eröffnen - doch eine derartig übersichtliche und erhellende Einführung wie die Edwins hätte ich nicht hinbekommen: Herzlichen Dank nach Wien!


    Schreker habe ich 1978/79 kennengelernt, als ich durch einen Freund - wir waren beide Wagner- und Schönberg-Begeisterte - auf den mir unbekannten Klangzauberer aufmerksam wurde: Wir reisten zweimal nach Frankfurt zur legendären Gielen/Neuenfels-Produktion der "Gezeichneten"; ich war überwältigt von dem, was ich da hörte und sah! Danach ließ mich die Sehnsucht nach mehr Schreker nicht mehr los - und als schließlich um 1990 die ersten Operngesamtaufnahmen ("Die Gezeichneten" mit Edo de Waart und "Der ferne Klang" mit M. Halasz) herauskamen, war das der Anlaß für mich, meinen ersten CD-Player zu kaufen; die Edo-de-Waart-Aufnahme war meine erste CD überhaupt (leider mit schrecklichen Kürzungen im 3. Akt).


    An Schreker fasziniert mich das, was in Besprechungen immer wieder gern das "Irisierende" bezeichnet wurde, was ich als einen ganz starken Sog in ganz tiefe Sehnsüchte empfinde, hier kaum zu beschreiben - das kenne ich so von keinem anderen Komponisten, nicht bei Wagner, nicht bei Janácek, Debussy, Schönberg, Berg, nicht bei anderen Komponisten um 1900/1925, die mich ansonsten tief ansprechen.


    Es gibt ein Klavierlied aus dem Jahr 1919, bei dem ich den Eindruck habe, daß Schreker hier seine ganze Opernästhetik aus seiner, wie Edwin es nennt, "expressionistischen Phase" in nuce auf nicht einmal 180 Sekunden konzentriert, wie eine schnell hingeworfene Bleistiftskizze mit wenigen unwiederholten musikalischen Gedanken (der Tristanakkord wird auch ganz kurz angespielt), eine Miniatur, die mich auch in ihrer Zartheit an Anton Webern erinnert. Hier der zugrundeliegende Text (Rilke):


    Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
    Kam sie wie ein Sonnen-, ein Blütenschein?
    Kam sie wie ein Beten? Erzähle!


    Ein Glück löste leuchtend vom Himmel sich los
    Und hing mit gefalteten Schwingen groß
    An meiner blühenden Seele.


    Ich finde, diese Worte könnten auch als Motto des Komponisten des "Fernen Klangs" und der "Gezeichneten" stehen.


    Das Lied ist u. a. hier eingespielt (schön und klar: Andreas Schmidt und Adrian Baianu), meine Empfehlung:


  • Danke, Edwin, für Deine ausführliche Antwort. Schreker hat sich also, wie auch KSM resümiert, gründlich zwischen alle Stühle gesetzt.


    Sehr interessiert wäre ich noch daran, etwas über die Kammersinfonie zu lesen, die ich noch nicht kenne. Wie schätzt Ihr sie ein? Welche Einspielungen könnt Ihr empfehlen?


    :hello: Matthias

  • Nicht verschwiegen sei Schrekers eigenes "Charakterbild":
    "


    Ich bin Impressionist, Expressionist, Internationalist, Futurist, musikalischer Verist; Jude und durch die Macht des Judentums emporgekommen, Christ und von einer katholischen Clique unter Patronanz einer erzkatholischen Wiener Fürstin »gemacht« worden.


    Ich bin Klangkünstler, Klangphantast, Klangzauberer, Klangästhet und habe keine Spur von Melodie (abgesehen von so genannten kurzatmigen Floskeln, neuestens »Melodielein« genannt). Ich bin Melodiker von reinstem Geblüt, als Harmoniker aber anämisch, pervers, trotzdem ein Vollblutmusiker! Ich bin (leider) Erotomane und wirke verderblich auf das deutsche Publikum (die Erotik ist augenscheinlich meine ureigenste Erfindung trotz Figaro, Don Juan, Carmen, Tannhäuser, Tristan, Walküre, Salome, Elektra, Rosenkavalier u.s.f.).


    Ich bin aber auch Idealist (Gott sei Dank!), Symboliker, stehe auf dem linkesten Flügel der Moderne (Schönberg, Debussy), stehe nicht ganz links, bin in meiner Musik harmlos, verwende Dreiklänge, ja sogar noch den ganz »trivialen« verminderten Septakkord, lehne mich an Verdi, Puccini, Halévy und Meyerbeer an; bin absolut eigenartig, ein Spekulant auf die Instinkte der Masse; Kinodramatiker; ein Mensch, »der aus Sehnsucht und Morbidezza seine Kräfte zieht«; schreibe ausschließlich homophon, meine Partituren sind gleichzeitig kontrapunktische Meisterwerke, auch »Künsteleien«, meine Musik ist rein und echt, erklügelt, ergrübelt, gesucht, ein Meer voll Wohllaut, eine gräuliche Häufung von Kakophonien, ich bin im Gegensatz zu anderen ein Reklameheld ärgster Sorte, bin »des süßen Weines voll«, »ein grandioses Dokument des Unterganges unserer Kultur«, verrückt, ein klarer berechnender Kopf, ein miserabler Dirigent, auch als Dirigent eine Persönlichkeit, ein glänzender Techniker, vermag nicht einmal meine Werke zu dirigieren (und dirigiere sie immerzu); ich bin auf jeden Fall ein »Fall« (einige werden behaupten ein böser, andere, ein »Reinfall«), ferner bin ich ein schlechter Dichter, aber ein guter Musiker, meine dichterische Begabung ist allerdings weitaus bedeutender als meine musikalische, meine Musik erwächst aus der Dichtung, meine Dichtung aus der Musik, ich bin ein Antipode Pfitzners, der einzige Nachfolger Wagners, ein Konkurrent von Strauss und Puccini, schmeichle dem Publikum, schreibe nur, um alle Leute zu ärgern und trug mich kürzlich tatsächlich mit dem Gedanken, nach - Peru auszuwandern.


    Was aber - um Himmels Willen - bin ich nicht? Ich bin (noch) nicht übergeschnappt, nicht größenwahnsinnig, nicht verbittert, ich bin kein Asket, kein Stümper oder Dilettant, und ich habe noch nie eine Kritik geschrieben."

  • Zitat

    Original von Matthias Oberg
    Sehr interessiert wäre ich noch daran, etwas über die Kammersinfonie zu lesen, die ich noch nicht kenne. Wie schätzt Ihr sie ein? Welche Einspielungen könnt Ihr empfehlen?


    Hallo Matthias,


    Unbedingt empfehlenswert finde ich:



    Die Kammersinfonie für 23 Soloinstrumente (1917) gehört für mich zu den schönsten und bezauberndsten Werken Schrekers. Michael Gielen brachte sie, gemeinsam mit dem Vorspiel zu einem Drama (das ist die Ouverture zu Die Gezeichneten, vom Komponisten zu einem knapp 20minütigen Orchesterwerk erweitert, wobei er noch die Einleitungsmusik zum 3. Akt einarbeitete), 1981 heraus, kurz nachdem er die Gezeichneten in der Frankfurter Oper wiederbelebt hatte.


    Die CD enthält noch ein reizvolles kurzes Stück (Valse lente für Orchester, 1908) und das Nachtstück (eine erweiterte Konzertfassung einer Zwischenmusik aus dem "Fernen Klang") - diese beiden Stücke mit Karl Anton Rickenbacher.


    Die CD ist aus meiner Sicht ein wunderbarer Einstieg in das Schrekersche Werk!

  • Die Kammersinfonie ist das einzige ausführlichere Orchesterstück, das Schreker in seiner reifen Zeit komponiert hat - ganz unabhängig von der Oper ist das werk allerdings nicht. Es bezieht sich in Phrasen und Klangschichtungen immer wieder auf die "Gezeichneten". Das Modell ist Schönbergs Kammersinfonie op.9, soll heißen: Auch Schreker wählt eine einsätzige Form mit einer Gliederung innerhalb des Satzes.
    Die Gielen-Aufnahme ist mit Sicherheit die beste des Werks - und sie ist ideal gekoppelt, nämlich mit dem "Vorspiel zu einem Drama", das in der erweiterten "Gezeichneten"-Ouvertüre besteht. Man bekommt auf dieser CD also die beiden sinfonischen Ableger der "Gezeichneten" geliefert.
    Es ist übrigens ein Jammer, daß die Decca-Einspielung der "Gezeichneten" nicht mehr zu bekommen ist - und ebenfalls ärgerlich: Der (seinerzeit illegale) Mitschnitt der Frankfurter Gielen-Aufführung ist ebenfalls nicht zu kriegen. Ich habe ihn auf Schallplatte - und halte es für die beste Aufführuing des Werkes, weil Gielen sehr genau zeigt, wie unglaublich neuartig die Klangschichtungen Schrekers waren, wie er mit Klanghintergründen arbeitete, auf die er die hervortretenden Linien auftrug usw.
    :hello:

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    [...] ärgerlich: Der (seinerzeit illegale) Mitschnitt der Frankfurter Gielen-Aufführung ist ebenfalls nicht zu kriegen. Ich habe ihn auf Schallplatte - und halte es für die beste Aufführuing des Werkes, weil Gielen sehr genau zeigt, wie unglaublich neuartig die Klangschichtungen Schrekers waren, wie er mit Klanghintergründen arbeitete, auf die er die hervortretenden Linien auftrug usw.


    Auf die Herausgabe dieses Mitschnitts (kam damals mehrfach im Radio) auf CD warte ich schon lange, lange sehnsüchtig, das ist mehr als ärgerlich! Die Bänder werden im Archiv des Hessischen Rundfunks gehortet und nichts tut sich, zum Leidwesen nicht zuletzt auch Michael Gielens. Daher merkte ich auf, als ich vor knapp einem Jahr las:


    Auszug aus einem Interview im FonoForum 07/2007, das Jörg Hillebrand anläßlich des 80. Geburtstags mit dem Dirigenten führte:


    [zitat]JH: Hätten Sie nicht manchmal Lust, einige der Opern, um die Sie sich in Ihrer Frankfurter Zeit [Gielen war 1976-1986 Intendant und GMD der Oper Frankfurt] verdient gemacht haben, als Vermächtnis auf Schallplatte festzuhalten, etwa "Die Gezeichneten", mit denen Sie seinerzeit die internationale Schreker-Renaissance eingeleitet haben?


    MG: Das ist hypothetisch. Kein Mensch würde eine solche Oper aufnehmen, denn es ist sehr teuer. Dabei sind die existierenden Aufnahmen herzlich schlecht. Besonders "Der ferne Klang" unter Gerd Albrecht: Da hört man nichts von der Instrumentation, das ist ein einziger Brei. Der Techniker war unbegabt, und Albrecht hat sich nicht gekümmert. Der konnte es viel besser, als es da zu hören ist. Es gibt aber beim Hessischen Rundfunk einen Mitschnitt der "Gezeichneten" aus Frankfurt unter meiner Leitung. Den sollte man sich noch einmal vornehmen.[/zitat]
    Tja.

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Es ist übrigens ein Jammer, daß die Decca-Einspielung der "Gezeichneten" nicht mehr zu bekommen ist [...]


    Wenn Du die meinst - die hat Johannes oben erwähnt, als einzige vollständige, ungekürzte Fassung - ist bei a****n erhältlich, zu einem vernünftigen Preis:


  • Die Kammersinfonie existiert auch in einer Version für Klavier solo die Ignaz Strasfogel, eine Schüler von Schreker, 1927 erstellte. Ich habe zwei interessante Interpretationen auf CD:


    01. Kolja Lessing


    02. Emma Schmidt


    Sehr lohnenswert (nicht nur für Pianisten).


    Davidoff

  • Lieber Gurnemanz,
    das ist die Decca-Aufnahme, die ich meine. Wer sich für das Werk interessiert, sollte zugreifen, obwohl es Schwächen gibt, und zwar weniger bei den Sängern als seitens Zagrosek, der Dienst nach Vorschrift macht und über viele Möglichkeiten der Klangstrukturierung wegspielen läßt. Kein Vergleich zu dem, was Gielen geboten hat! Schreker tut der kühler-analytische Zugang Gielens sehr gut. Auch Nagano ist nicht übel, aber da gibt's leider die fast schon kriminellen Striche.
    :hello:

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Schreker tut der kühler-analytische Zugang Gielens sehr gut.


    Lieber Edwin,


    genauso empfinde ich es auch, und so kühl finde ich Gielen bei Schreker gar nicht: wenn der sich mal für einen Komponisten bzw. ein Werk wirklich begeisterte, dann konnte er es ganz schön heißblütig damit treiben (hoffe nur, daß diese Formulierung nun nicht im Satire-Forum landet), natürlich ohne die Kontrolle zu verlieren... Also heißt es weiter: warten.

  • Liebe Schreker-Freunde und die es werden wollen,


    ganz herzlichen Dank auch von mir an Edwin für seinen wie stets sachkundigen und klar strukturierten Einführungsbeitrag über Schreker.


    Auch ich finde, daß die Albrecht-Einspielung von 'Der ferne Klang' - meiner Lieblingsoper des Komponisten - nicht optimal abgemischt wurde. Vor allem stehen die Gesangssolisten viel zu stark im Vordergrund des Klangbildes, so daß man an manchen Stellen das feine Stimmengeflecht des Orchesters, die differenzierten Klangfarben nur mit Mühe heraushören kann. Gerade im 'Fernen Klang' wäre das aber so wichtig - hat Schreker doch, vor allem im II. Akt, die von Edwin genannten Klangschichtungen, meiner Ansicht nach, noch komplexer ausgearbeitet als in 'Die Gezeichneten'.


    Um 1979 die legendäre Frankfurter Aufführung der 'Gezeichneten' unter Michael Gielen zu erleben, war ich leider noch zu jung. Damals hörte ich noch überhaupt keine Klassik.
    Und auch die sonstigen Gelegenheiten, Schrekers Opern auf der Bühne zu erleben, waren - zumindest, was für mich im Rhein-Main-Neckar-Raum erreichbar war - leider alles andere als üppig gesät:
    'Das Spielwerk und die Prinzessin' im 03/1988 in Wiesbaden
    'Der Schatzgräber' im 07/1999 in Karlsruhe
    'Das Spielwerk' im 12/2002 in Darmstadt


    Konzertant konnte ich zweimal die 'Kammersymphonie' (02/1992 und 05/2001 in Darmstadt) und einmal die 'Phantastische Ouvertüre, opus 15 (05/2002 in der Alten Oper Ffm.) hören.


    Das eindrucksvollste Konzerterlebnis mit einem Schreker-Werk hatte ich jedoch am So., 12.02.1995 in einer Aufführung vom 'Vorspiel zu einem Drama' in der Alten Oper Ffm. mit dem SWF-SO Baden-Baden unter Leitung von Michael Gielen. Die Interpretation Gielens erreichte hier eine Frische, Energie und Eindringlichkeit, wie ich es bis dahin allgemein von diesem Dirigenten noch nicht gewohnt war. Auch in seinem kurzen Einführungsvortrag über Schreker und dessen Vorspiel zur Oper 'Die Gezeichneten' ließ er deutlich durchblicken, wie gerne er sich an die damaligen Aufführungen in den Städtischen Bühnen Ffm. zurückerinnere. Sowohl seine Worte als auch die nachfolgende Wiedergabe des 'Vorspiels' hatten wahrlich schwärmerische Züge, wie ich sie bis zu diesem Zeitpunkt von Gielen noch nicht kannte. Gurnemanz hat das in seinem Beitrag ganz richtig charakterisiert. :yes:



    Hallo Florian,


    Zitat

    Original von Diabolus in Opera
    Welche seiner Opern eignet sich denn Eurer Meinung nach gut für den Einstieg?


    Meiner Meinung nach ganz eindeutig sein erster großer Opernerfolg, der opulente 'Ferne Klang'. Einen Einstieg in die Handlung findest Du hier:
    SCHREKER, Franz: DER FERNE KLANG


    Empfehlen würde ich - trotz aller oben bereits erörterten Schwächen - die Albrecht-Aufnahme, da sie - im Vergleich zum Halász-Mitschnitt aus dem Hagener Opernhaus - doch insgesamt die bessere ist:


    Franz Schreker (1878-1934):
    Der ferne Klang -
    Oper in 3 Akten 1901-10
    Gabriele Schnaut, Thomas Moser, Victor von Halem, Barbara Scherler, Siegmund Nimsgern, Roland Hermann,
    RIAS Kammerchor und Rundfunkchor Berlin, Radio-Symphonie-Orchester Berlin, Gerd Albrecht
    Capriccio, 1990, 2 CD



    Schöne Grüße
    Johannes

  • Gern geschehen! :D
    Im Booklet der 2-CD-Box sind - neben dem Libretto - auch biographische Angaben über den Komponisten als auch eine umfangreiche Erörterung des 'Fernen Klangs' enthalten.


    Herzliche Grüße
    Johannes

  • Johannes empfiehlt den "Fernen Klang" als Einstiegsdroge. Zurecht wahrscheinlich, denn diese Oper taucht wenigstens von Zeit zu Zeit auf Spielplänen auf. Ich will nur darauf hinweisen, daß der "Klang" ein relativ untypischer Schreker ist. Die grandiose Ballade vom König und seiner Krone im ersten Akt und der zweite Teil des dritten Aktes sind typischer Schreker, sonst ist zwar Schrekers Melodik vorhanden, aber seine Farben glühen noch nicht in dem Ausmaß, wie es später der Fall war. Und ich werde den Verdacht nicht los, daß der "Klang" eher ein "Schreker auf Umwegen" und in erster Linie ein Versuch in Sachen Verismo ist.
    Daher schlage ich als alternativen Einstieg vor:

    "Der Schatzgräber" ist typischester Schreker: Die Handlung spielt im Mittelalter und kreist vom ersten Moment an um Erotik und Verbrechen. Dazu gibt es groteske Figuren, die von Poe oder von l'Isle Adam erfunden sein könnten. Und musikalisch zieht Schreker alle Register: Sein übliches kurzatmiges Rezitativ steht neben balladesken Bildungen, es gibt ein Schlaflied, das nach konventionellem Beginn schnell in die eigentümliche Klangwelt des Komponisten gleitet, dann haben wir ein riesiges, ekstatisch gesteigertes Liebesduett und ein Finale mit einem langen Monolog, der wunderbar getextet ist (er erinnert an Gerhart Hauptmanns Märchenspiele) und wirklich berührt. Kurz: "Der Schatzgräber" enthält alle Ingredienzen der mittleren Periode Schrekers.
    Die Aufführung ist nicht in allen Punkten ideal (es gab in Wien eine konzertante, die wesentlich besser war), aber sie gibt einen immerhin ziemlich guten Eindruck von Schrekers musikdramatischem Genie.


    :hello: