Richard Wagner: Parsifal

  • Guten Tag, Ich bin ein neuer Gast dieses Forums, und bin Italiener ... so, zuerst Entschuldigung fuer die Sprache, ich werde sowieso versuchen mich verstehen zu lassen.
    Ich moechte eine integrale Auffuhrung von Parsifal kaufen, aber brauche einen Rat ueber die Ausfuehrungen, die aktuell handelsueblich sind.
    Vielen Dank,
    Edoardo

  • Hallo Edoardo


    Soll es eine CD Gesamtaufnahme sein, oder darf es auch ein DVD-Video sein?
    Dann würde ich Dir die DVD von James Levine aus der MET New York empfehlen. Langsame Tempi, gute besetzung (Waltraud Meier, Bernd Weikl, Kurt Moll, Siegfried Jerusalem, Franz Masura).
    Diese Doppel-DVD ist wohl auch billiger als eine übliche 4xCD.
    Hilfreich sind die deutschen Untertitel. weitere untertitel: englisch, französisch, spanisch, schinesisch. leider keine italienischen untertitel.
    Gruß aus Frankfurt, Markus


  • Hallo filocalia,


    ich kann dir meine beiden Aufnahmen nur empfehlen:


    1. Pierre Boulez, Bayreuther Festspiele 1970, mit Franz Crass, James King, Gwyneth Jones etc., DGG, ca. 30 Euro


    2. Hans Knappertsbusch, Bayreuth 1951, mit George London, Wolfgang Windgassen, Ludwig Weber, Martha Mödl usw., quadro, ca. 5 Euro


    Verschieden wie Tag und Nacht, Boulez sehr schlank und flotte Tempi, überragender Franz Crass als Gurnemanz,
    Knappertsbusch recht langsam, aber sehr spannend und wunderschön, sehr weihevoll.


    Die Preise beziehen sich auf jpc.de


    Die Knappertsbusch-aufnahme für fünf Euro ist fast schon ein Muss


    Grüße nach Bella Italia,


    ciao,
    flo

  • In künstlerischer und aufnahmetechnischer Hinsicht sehr zufriedenstellend ist Knappertsbusch Bayreuth 1962 (Hotter, London, Thomas, Dalis).


    Eine Aufnahme, die mir persönlich auch sehr gut gefällt, zumal sie demonstriert, wie schön Wagner ist, wenn legato gesungen wird, ist Gui, 1950 (Callas- !!!, Baldelli, Panerai, Christoff). Manko lediglich die Aufnahmetechnik und - für Puristen - die italienische Sprache.

  • Den 62er Parsifal würde ich keinesfalls empfehlen.Falls du den Parsifal in einer wirklich guten Aufführung mit hervorragenden Sängern und Orchester gehört hast,dann magst du dir diesen Schund nicht mehr antun.Die Sänger knödeln vor sich her,das Orchester spielt absolut langweilig und spannungsarm und von der Aufnahmetechnik ist es auch nicht weit her!!!Die meisten Live-Aufnahmen aus den 40ern hören sich viel besser an.Das Orchester kommt doch kaum zur Geltung,und man meint stets,eine billige Dorfkapelle vor sich zu haben.
    Gruß,der Wanderer

  • Hallo


    Kennt jemand die Parsifal-Aufnahme von Reginald Goodall und würde etwas dazu sagen? Ich habe leider keine einzige Aufnahme von Goodall, aber er gilt ja als großer Wagnerexperte. Ich denke a) wegen des mid-preises und b) wegen der Mayer sollte die Aufnahme doch wahrscheinlich empfehlenswert sein ?!



    Korrektur: 37 Euro ist doch eigentlich viel geld für 3 CDs dieser Billigreihe

  • Hallo Markus,


    wenn Du andere Wagner-Aufnahmen von Sir Reginald Goodall kennen würdest, dann würdest Du die 37 Euro nicht als zuviel empfinden. Denn dieser britische Meister der "Weihebreite" hat seinen "Parsifal" ursprünglich auf 5 CDs ausgewälzt, die jetzige Ausgabe kommt mit 4 CDs aus (also etwas mehr als 9 Euro pro CD - klassischer Midprice).


    Ich habe sie mir vor ein paar Jahren bei 2001 gekauft, hauptsächlich wegen der hervorragenden Kundry der damals (1984) noch jungen Waltraud Meier. Die Aufnahme ist nicht erste Wahl, dafür ist das Orchester der Welsh National Opera doch zu sehr mit der bloßen Realisierung der von Goodall geforderten weiten Bögen beschäftigt und die Solisten (McIntyre, Ellsworth, Joll) bemühen sich mit eher durchschnittlichen Stimmen mal gut, öfter weniger gut, um die deutsche Sprache. Ich hätte z.B. lieber den wunderbaren walisischen Baß Gwynne Howell (der unter Goodall einen sehr guten König Marke gesungen hat (Decca)) als Gurnemanz gehört.


    Wenn Du noch ein paar Euro drauflegen kannst, würde ich Dir die Aufnahme unter Kubelik mit King, Minton, Weikl, Moll und Salminen empfehlen (Bayerischer Rundfunk 1980, Label "Arts", ca. 56 Euro). Diese Aufnahme ist m.E. die zur Zeit beste in Stereo. Sie verfügt über eine außerordentlich gute und homogene Besetzung und Kubelik vermeidet die Extreme Boulezscher Geschwindmärsche und Levinescher Stasis, ohne dabei im gerinsten Maße mittelmäßig zu sein.


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)


  • Ich bin erstaunt, dass bis jetzt noch niemand diese Einspielung von Solti erwähnt hat - meiner Meinung nach wohl die Referenzaufnahme schlechthin.
    Ein herrliches Sängerensemble lässt keine Wünsche offen:
    Rene Kollo klingt hier wunderbar jung, neben seinem Lohengrin wohl seine beste Wagneraufnahme überhaupt.
    Christa Ludwig gelingen sowohl die erotischen als auch die dramatischen Facetten ihrer Kundry perfekt.
    Ganz besonders hervorheben muss man den Gurnemanz von Gottlob Frick, hier in einer seiner letzten Aufnahmen. Seine Stimme klingt alt und ein wenig brüchig, nichtsdestotrotz strahlend und inbrünstig gleichermaßen. Niemand der jüngeren Generation kann mit dieser Rollengestaltung auch nur annähernd mithalten.
    Prächtig auch Hans Hotter als Titurel.
    Über Fischer-Dieskau als Amfortas wird vielerorts gestritten; mir gefällt seine klare Auffassung und sein emotionaler Stil in dieser Aufnahme aber doch.
    Kelemen gibt einen respektablen Klingsor.


    Über den Klang der Wiener Philharmoniker zu schwärmen hieße Eulen nach Athen tragen. Erwähnen möchte ich aber, dass Solti gegenüber anderen Dirigenten raschere Tempi wählt, was ich gerade bei diesem Werk für sehr angebracht halte.


    Selten kann man eine Gesamteinspielung einer Wagneroper uneingeschränkt empfehlen; diese CD ist eine von den wenigen.


    Hyperion

  • Der "Parsifal" unter KNA, Bayreuth 1962 gehört zu den meiner Meinung nach besten Aufnahmen des Werkes;was soll das dumme Gerede von knödelnden Sängern (Hotter sang halt leider zu nasal);einen ausdrucksstärkeren Amfortas als George London habe ich, bis auf Hans Reinmar und Rolando Panerai in keiner anderen Aufnahme hören klönnen.


    Gruss Guido

  • Hallo


    Wanderer


    Zitat

    Die Sänger knödeln vor sich her,das Orchester spielt absolut langweilig und spannungsarm und von der Aufnahmetechnik ist es auch nicht weit her!!!Die meisten Live-Aufnahmen aus den 40ern hören sich viel besser an.


    Über Orchesterspiel und Sängerleistungen kann man debattieren (obwohl sie meiner Meinung nach nicht annähernd so schlecht sind, wie es hier suggeriert wird), nicht aber über die klangliche Qualität dieser Aufnahme. Sie gilt zu Recht als eine der klanglich besten Live-Mitschnitte aus Bayreuth. Auch der CD-Transfer scheint gut gelungen. Jeder Studioeinspielung mangelt es vergleichsweise an Atmosphäre. Der Vergleich mit Einspielungen aus den 40ern ist ein Witz. Bleibt also nur mehr die Erkenntnis, dass du nicht den 62er Parsival meinen kannst!


    -----


    Hinweisen möchte ich noch auf die Karajan-Einspielung, die von den Sängern her übertroffen wird, in Punkto Orchesterspiel aber sicher keine Konkurrenz zu scheuen braucht.


    Ciao

  • Also ich hab von Kna einen Parsifal (Golden Melodram GM 1.0004) von den Bayreuther Festspielen 1964. Es soll Kna's letztes Dirigat sein. Mit H.Hotter, T.Stewart, J.Vickers, G.Neidlinger, B.Ericson.


    Die Tonqualität lässt auch hier zu wünschen übrig, aber meine 1.Wahl.


    Oder der Levine Parsifal aus Bayreuth 1985 mit H.Sotin, S.Estes, P.Hofmann, W.Meier, F.Mazura,


    Beide gefallen mir am meisten!



    Gruss
    Christoph

  • Hallo Forianer!


    Meine Lieblings-Parsifal-Aufnahme ist eindeutig die Bayreuther Aufnahme aus 1951. Erstens bin ich George London-Fan, ich finde es gibt, mit Ausnahme von Thomas Quasthoff, den ich kürzlich live in der Oper hörte, keinen besseren Amfortas, und diese Aufnahme ist in allen Belangen, was Solisten, Dirigat, Orchester, Chor betrifft die ausgewogendste, die ich je gehört habe.

  • Hallo


    @ ThomasBernhard:


    Ja, ich kann zu dem Kauf raten. Hab mir die Aufnahme letzte Woche aus dem Grund, dass sie gerade billig zu haben ist, zugelegt.
    Barenboim legt Wert auf die kontemplativen Momente, ein analytisches Vorwärtsdrängen wie bei Boulez ist hier nicht zu finden. Statt dessen kostet er den prachtvollen Orchesterklang aus, ohne den Sängern den Raum zu nehmen, sich zu entfalten. In diesem Ansatz ähnelt die Interpretation derer von Knappertsbusch aus Bayreuth.


    Von den Sängern ist grundsätzlich zu sagen, dass mich die Textverständlichkeit erfreut, mit der fast alle (bis auf Jose van Dam teilweise) glänzen. Ansonsten sind die Sängerleistungen durch die Bank ordentlich, vor allem Matthias Hölle als Gurnemanz kann überzeugen.


    Beeindruckend auch der Chor der Deutschen Staatsoper.


    Zu dem Preis - sofort


    Gruß, flo

  • Hallo,


    nur ein kurzer Hinweis:


    Ein leider relativ unbekannter, bei KOCH erschienener Konzert-Mitschnitt vom 11.Januar 1975 aus Leipzig verdient Beachtung.


    Amfortas: Theo Adam
    Titurel: Fred Teschler
    Gurnemanz: Ulric Cold
    Parsifal: René Kollo
    Klingsor: Reid Bunger
    Kundry: Gisela Schröter


    Dir.: Herbert Kegel
    Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig


    Gisela Schröter als Kundry ist einfach unglaublich. Endlich mal eine Kundry mit wirklicher Alt-Charakteristik (zugegeben, bei etwas kurzer Höhe). Ich habe die Verführungsszene des 2. Aktes selten so erotisch-lockend und venusnah gehört wie von ihr. Die Schröter wird heute wie damals nicht ausreichend gewürdigt. Wegen ihrer korpulenten Figur blieb ihr der Zugang zu vielen Rollen verwehrt. Aber was für eine Stimme!


    Außerdem bietet die Aufnahme für Theo Adam Liebhaber die einzige Möglichkeit den Sänger einmal nicht als Gurnemanz sondern als Amforts zu hören, eine Partie die ihm für meine Begriffe deutlich eher liegt.


    Der Dirigent Herbert Kegel, übrigens der Ehemann von Celestina Casapietra, bevorzugt äußerst rasante Tempi, über die man durchaus streiten kann. Parsifal hier eher Oper als Bühnenweihfestspiel.


    Wegen der Schröter unbedingt habenswert!


    Grüße


    Gino Poosch

    Im Verhältnis zur Musik ist alle Mitteilung durch Worte von schamloser Art.
    Friedrich Nietzsche

  • Hallo,


    der Kegelsche "Parsifal" ist bei "Berlin Classics" neu herausgekommen, der Preis für die jetzt 3 CDs liegt bei naxosartigen 18 Euro (bei amazon.de).



    Dem positiven Urteil von Gino kann ich mich nur anschließen. Frau Schröter ist wirklich s e h r hörenswert (eine klangsatte Stimme mit recht schnellem Vibrato), Kollo übertrifft m.E. hier noch seine Einspielung mit Solti (er klingt engagierter, mehr "in der Rolle") und Adam singt hier endlich einmal eine Rolle, in der er stimmlich nicht überfordert klingt (und der auch seine sängerische Intelligenz zugute kommt). Ein paar Abstriche muß man bei Ulric Cold machen. Wenn man Kurt Moll, Franz Crass, Hans Hotter oder Ludwig Weber im Ohr hat, fällt Colds sauberer, aber farbarmer Bass ziemlich ab, zumal er für meinen Geschmack auch ein wenig zu neutral singt. Kegel dirigiert, wie Boulez auch, kein "Bühnenweihfestpiel" (dafür mißtraut er Wagners Intentionen wohl zu sehr) und ist auch genauso schnell wie Boulez (220 Minuten). Dafür klingt seine Interpretation aber engagierter und zugespitzter als die des Franzosen, insbesondere der dominierende, nicht geglättete Klang der Blechbläser (2. Verwandlungsmusik!) bringt einen gehörigen Zug Schärfe in die Aufführung, was ihr nur guttut. Zu dem Preis: ein Kauf!


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Gino und Giselher,


    das klingt kaufanreizend... ;)


    Wie ist die Klangqualität (für eine Live-Aufnahme von 1975)?

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Zitat

    Original von Norbert
    Hallo Gino und Giselher,


    das klingt kaufanreizend... ;)


    Wie ist die Klangqualität (für eine Live-Aufnahme von 1975)?


    Hallo Norbert,


    die Klangqualität ist hervorragend! Nahezu keine Nebengeräusche. Die Stimmen sind sehr präsent. Selbst in Barenboims Studioproduktion (s.o.) kommen die Stimmen nicht so gut herraus, wie in diesem Mitschnitt. Für 18 euro also wirklich ein Schnäppchen. Zugreifen!


    Herzliche Grüße


    Gino Poosch

    Im Verhältnis zur Musik ist alle Mitteilung durch Worte von schamloser Art.
    Friedrich Nietzsche

  • Zitat

    Original von Norbert
    Hallo Gino und Giselher,


    das klingt kaufanreizend... ;)


    Wie ist die Klangqualität (für eine Live-Aufnahme von 1975)?


    Klangqualität: gut
    Interpretation: sehr gut


    Für mich die Referenzaufnahme.


    Grüße aus Bonn

  • Nach zweimaligem Hören des Parsifals mit Herbert Kegel schließe ich mich vorbehaltlos den guten Kritiken Ginos und Giselhers an.


    Ich war bisher "weihevolle" Interpretationen von Knappertsbusch und Levine (Bayreuth) gewöhnt, aber die ca. 40 Minuten, die Kegel schneller dirigiert als "Kna" geben dem Werk eine sehr spannende Dimension.


    Auch wenn Ulrik Cold kein Hans Sotin ist (letzterer war/ist für mich der Gurnemanz schlechthin), gefällt mir die Sängerbesetzung ausnehmend gut.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Nachdem ich zum zweiten Mal Barenboims Parsifal durchgehört habe, erlaube ich mir ein paar Bemerkungen:


    Barenboims Orchesterspiel ist fantastisch. Er entfaltet eine wahre Klangpracht und ist interpretatorisch Levine und Knapperstbusch erheblich näher als Kegel (kein "Qualitätskriterium", lediglich Anmerkung ;) ).


    Bei der Sängerbesetzung ragt Waltraud Meier als Kundry heraus. Sie bietet "Dramatik und Erotik pur" und bewies auch hier, warum sie als die Kundry der späten 80er und 90er galt.


    Matthias Hölle als Gurnemanz klingt mir im Baßbereich zu wenig sonor und "satt", dafür hat er etliche Probleme, wenn's "ein wenig höher wird".


    Siegfried Jerusalem in der Titelpartie zu besetzen, zeigt(e?) deutlich, welch Mangel an adäquaten Wagner-Sängern herrscht(e). Sein Tenor hat schlichtweg nicht die Durchschlagskraft für die großen Wagner-Partien. Er schien hier fast ständig überfordert zu sein. Aber immerhin zeigte er sich -anders als beim Lohengrin in der Abbado-Aufnahme- in stimmlich guter Verfassung.


    Fazit: trotz zweier kleiner Abstriche eine Kaufempfehlung

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Nachdem mich Rafael Kubelik mit seiner "Meistersinger"-Aufnahme schier begeistert, sehe ich, daß er auch einen "Parsifal" aufgenommen hat.



    Die Besetzung klingt höchst interessant.
    Kennt jemand die Aufnahme und erlaubt sich ein Urteil darüber?

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Knappertsbusch ist Knappertsbusch... Ich bewundere, wie er seine breiten Bögen baut, Bögen über schier endlos weite Räume spannt, ich ziehe bewundernd meinen Hut - und gehe weiter. Für mich ist das die "alte" (und damit meine ich weder "falsche" noch "schlechte") Wagner-Auffassung. Und da zähle ich auch Goodall dazu. Wenn er am Schluss immer langsamer wird, dann noch einmal verzögert und den armen, aber recht tüchtigen Warren Elsworth bei "öffnet den SchRRRRRRRRein" in ärgste Verlegenheit bringt, ehe die Harfen zu dröhnen anfangen, als wär's ein Doppelkonzert für zwei Harfen und Orchester, dann ist das fast schon eine Wagner-Karikatur. (Ich gebe aber zu, dass ich von Goodalls "Ring" in englischer Sprache sehr angetan bin - überhaupt hat man als Britten-Fan vor Goodall in die Knie zu sinken, war immerhin der Uraufführungs-Dirigent von "Peter Grimes" und, neben Ansermet, der zweite der "Lucretia"-Uraufführungsserie.)


    Überhaupt halte ich es für einen Fehler sehr vieler Dirigenten, die Zeitmaße bei "Parsifal" zu verlangsamen, offenbar im Bestreben, noch langsamer zu dirigieren als Knappertsbusch, der als DER "Parsifal"-Dirigent galt. Motto: Bin ich langsamer als Knappertsbusch, bin ich besser als Knappertsbusch.


    Aber...!
    Zwei Zitate:
    1) "Wenn Sie nichts zu sagen haben, sagen Sie es wenigstens schnell" (Birgit Nilsson zu einem Pseudo-Kna).
    2) "'Feierlich' heißt nicht 'langsam'. 'Feierlich' ist eine Vortragsbezeichnung wie 'ausdrucksvoll' oder 'klagend', 'langsam' ist eine Tempobezeichnung wie 'schnell' oder 'sehr langsam'" (Pierre Boulez in einem Gespräch mit mir, ähnliche Aussage in "Boulez on Conducting" bei Faber & Faber).


    Womit ich zu meinen absoluten Favoriten komme:
    Boulez, wobei der Mitschnitt bei Melodram (Bayreuth 1966, technisch leider etwas mangelhaft) noch aufregender ist als der spätere DG-Mitschnitt, weil Boulez in diesem ersten Jahr mit äußerster Konsequenz einen ganz klaren, schlanken Aquarell-Klang erzeugt, dessen letzte Konsequenz dann Debussys "Pelléas" ist. Die Monologe sind völlig frei von Pathos, eher parlando, die Höhepunkte schwerelos ekstatisch.
    Mein anderer Favorit ist hier schon mehrfach genannt worden, aber ich finde, man kann diese Aufnahme gar nicht genug oft empfehlen: Herbert Kegel bei Berlin Classics. Wie Boulez, so präferiert auch Kegel schnelle Tempi (die Gesamtzeiten differieren nur um wenige Minuten!) und genau ausmusizierte Details, aber die Ausdruckshaltung ist genau gegenteilig: Kegel bringt "Parsifal" auf Siedehitze. Die Musik vibriert und leuchtet in fast schon expressionistischer Glut, und die Kundry der grandiosen Gisela Schröter ist quasi die Mutter von Alban Bergs "Wozzeck"-Marie.
    Boulez und Kegel dirigieren "Parsifal" als zeitgenössische Musik. Vielleicht vermitteln sie mir deshalb diese Musik so intensiv und stehen mir mit ihren Deutungen deshalb so nahe.

  • Hallo Siegfried,


    über das Dirigat von Boulez wirst Du höchst polarisierende Meinungen einholen können ( mir behagt es ;)) und die meisten sängerischen Leistungen gehen über das Mittelmaß nicht hinaus.


    Mehr als empfehlenswert sind allerdings der Gurnemanz von Franz Crass (aus meiner Sicht neben seinem Sarastro unter Böhm und dem Don Fernando unter Klemperer seine größte konservierte Leistung) und der Amfortas von Thomas Stewart. Nur von George London kenne ich ein ähnlich eindringliches Rollenportrait und was Crass da neben der überzeugenden Darstellung des obersten Gralsritters an Stimmschönheit und Gesangskultur präsentiert, ist nicht leicht zu überbieten.


    Für jeden Liebhaber großer Gesangsleistungen lohnt deshalb allein wegen dieser beiden Sänger die Anschaffung der Aufnahme. Wer Neugierig ist, wie man einen Parsifal auch dirigieren kann, wird darüber hinaus gerne zu Boulez greifen.


    In ihrer Gesamtheit mehr befriedigende Aufnahmen dürften sich allerdings doch finden. :)


    Gruß und frohe Weihnachten
    Sascha

  • Zitat

    Original von Antracis
    über das Dirigat von Boulez wirst Du höchst polarisierende Meinungen einholen können ( mir behagt es ;)) und die meisten sängerischen Leistungen gehen über das Mittelmaß nicht hinaus.


    Da Du etwas weiter unten zwei der fünf Hauptrollen für herausragend befindest, relativiert sich dies Aussage etwas.... ich bin kaum ein Parsifal-Experte, aber auch King ist m.E. deutlich besser als Mittelmaß (gewiß nicht schlechter als Jerusalem u.ä. in neueren Aufnahmen). Der dicke Wermutstropfen ist IMO Jones' Kundry. Wie fast überall ist diese Dame nur schwer erträglich...


    Zitat


    Für jeden Liebhaber großer Gesangsleistungen lohnt deshalb allein wegen dieser beiden Sänger die Anschaffung der Aufnahme. Wer Neugierig ist, wie man einen Parsifal auch dirigieren kann, wird darüber hinaus gerne zu Boulez greifen.


    Als Gegengift zum übertriebenen Weihrauchgewaber auf jeden Fall hörenswert!


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Da Du etwas weiter unten zwei der fünf Hauptrollen für herausragend befindest, relativiert sich dies Aussage etwas.... ich bin kaum ein Parsifal-Experte, aber auch King ist m.E. deutlich besser als Mittelmaß (gewiß nicht schlechter als Jerusalem u.ä. in neueren Aufnahmen).


    Jerusalem ist aus meiner Sicht deutlich unter dem Mittelmaß ;)
    Oder, weil das vielleicht zu hart klingt, höchstens Mittelmaß und im Wagnerfach eigentlich vollkommen deplaziert. Mit seinem schönen lyrischen Timbre hätte vielleicht andernorts mehr Ernte eingefahren werden können, aber wer kommt schon gegen so ein Namenserbe an. :D
    Jimmy King ist sicher ein guter Sänger gewesen, aber in der genannten Aufnahme empfinde ich seine Leistung gemessen an den verfügbaren Alternativen alleine also nicht kaufwürdig. Dieses Attribut (und mehr als das) gestehe ich auf der Einspielung lediglich Crass und Stewart zu. Letzterer war stimmlich leider nie überragend, als Interpret dagegen herausragend.


    Gruß
    Sascha