Richard Wagner: Parsifal

  • Zitat

    Original von Norbert
    Nachdem mich Rafael Kubelik mit seiner "Meistersinger"-Aufnahme schier begeistert, sehe ich, daß er auch einen "Parsifal" aufgenommen hat.



    Die Besetzung klingt höchst interessant.
    Kennt jemand die Aufnahme und erlaubt sich ein Urteil darüber?


    Da niemand etwas zu der Aufnahme schreiben wollte, mußte ich sie mir selbst kaufen ;) und bin restlos begeistert. Mit der Veröffentlichung ist dem Label "Arts" wieder einmal ein großer Wurf gelungen.


    Schon im Vorspiel weiß Kubelik zu gefallen, denn er deckt Melodienbögen auf, die man sonst selten hört. Interpretatorisch liegt er zwischen Kegel und Knappertsbusch: NIcht ganz so "analytisch" wie Kegel, nicht ganz so "weihevoll" wie Knappertsbusch, aber dennoch gleichzeitig auf Transparenz und Wohlklang bedacht. Beides gelingt vortrefflich.


    Vortrefflich auch die Sängerbesetzung, allen voran der prachtvolle Kurt Moll als Gurnemanz. Er liefert eine Lehrstunde an Textverständlichkeit und Rollengestaltung. Seine Stimme war -bis auf minimalste Schwierigkeiten, in die Höhe zu kommen- zum Zeitpunkt der Aufnahme (1980) vollkommen frei von Intonationsproblemen. Prachtvoll eben.


    Alle anderen Protagonisten liefern ebenfalls sehr gute (und ausnahmslos textverständliche) Rollenporträts ab. Für James King kam die Rolle vielleicht etwas zu spät, nicht immer erreicht sein Tenor die Strahlkraft vergangener Tage. Yvonne Minton kommt nicht ganz an das Temprament und die Dramatik der jungen Waltraud Meier heran, aber das sind imo kleine Unterschiede, die in Schulnoten zwischen einer "1" und einer "2+" liegen.


    Wie sehr Kubelik aus den Vollen schöpfen konnte, zeigt die luxuriöse Besetzung eines Blumenmädchens mit Lucia Popp.


    Wer den Parsifal liebt, der wird sehr schwer an dieser Aufnahme vorbeikommen...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Da ich nun vollkommen dem "Parsifal-Fieber" erlegen zu sein scheine ;) , suche ich nach interessanten Alternativen. Ich besitze Kubelik, Knappertsbusch (Stereo-Bayreuth), Levine (dito) und Kegel.


    Studio-Levine fällt wohl flach wegen Domingo, den ich als Wagner-Sänger deplatziert finde. Wie wird Karajan beurteilt, ibs. die Live-Aufnahme von der Wiener Staatsoper?


    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Die von Dir erwähnten Aufnahmen habe ich ausser Kubelik, den ich jetzt wohl anschaffen muss ;) , auch.
    Die von Dir erwähnte Karajan kenne ich nicht. Ich empfehle ausser den genannten CDs noch Solti mit einer grandiosen orchestralen Umsetzung und gutem Klang. Insgesamt sehr gut besetzt. Kollo ist Geschmacksache, aber hier für mich ausgezeichnet. Herausragend Ludwig.

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Hallo Misha,


    die Anschaffung der Kubelik-Aufnahme wirst Du mit Sicherheit nicht bereuen.


    Solti würde ich grundsätzlich immer in die engere Wahl ziehen, allerdings schrecken mich Fischer-Dieskau als Amfortas und Hans Hotter als Gurnemanz ein wenig ab. Nichts gegen Hotter an sich, aber ich hege leichte Zweifel, ob er stimmlich der Rolle noch gewachsen sein dürfte.


    Kollo hingegen kenne ich schon aus der Aufnahme mit Herbert Kegel und sollte somit mit ihm keine Probleme haben.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Kollo ist IMHO bei Kegel um Klassen besser als bei Solti, wo er schon wieder so ein paar Manierismen hat, die ihm Kegels rasante Tempi und der dauernde Hochdruck einfach nicht gestatten.
    Hotter (den ich eigentlich weniger mag) geht, aber man spürt, dass seine beste Zeit vorbei ist. Fischer-Dieskau jedoch ist IMO eine Zumutung - meiner Meinung nach ein Blackout der Decca-Aufnahmeleitung.


    Der Kubelik-"Parsifal" hingegen ist ein Muss. Da steht wirklich alles im Dienst des Werkes, und wie Kubelik diese Musik auffächert, ist sagenhaft: Das ist ein moderner "Parsifal", expressiv und schön, wobei die Weihe weniger zurückgenommen ist als bei Boulez oder Kegel.

    ...

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  • Zitat

    ..., die ihm Kegels rasante Tempi und der dauernde Hochdruck einfach nicht gestatten.


    Du meinst aber schon Parsifal, oder? ;)

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!


  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Kollo ist IMHO bei Kegel um Klassen besser als bei Solti, wo er schon wieder so ein paar Manierismen hat, die ihm Kegels rasante Tempi und der dauernde Hochdruck einfach nicht gestatten.
    Hotter (den ich eigentlich weniger mag) geht, aber man spürt, dass seine beste Zeit vorbei ist. Fischer-Dieskau jedoch ist IMO eine Zumutung - meiner Meinung nach ein Blackout der Decca-Aufnahmeleitung.


    Hallo Edwin,


    danke für Deine Einschätzung.
    Gerade bei "Fi-Di" habe ich große Bedenken, denn er muß sich mit "Wagner-Granden" wie George London, Theo Adam und Bernd Weikl (vorzüglich bei Kubelik) messen. Ich fürchte, daß der Schuh, den er sich anzog, zu groß sein dürfte (und sehe mich bestätigt).


    Zitat

    Der Kubelik-"Parsifal" hingegen ist ein Muss. Da steht wirklich alles im Dienst des Werkes, und wie Kubelik diese Musik auffächert, ist sagenhaft: Das ist ein moderner "Parsifal", expressiv und schön, wobei die Weihe weniger zurückgenommen ist als bei Boulez oder Kegel.


    Da unterschreibe ich jedes einzelne Wort ;) .
    Zudem ist das riesige Plus seiner Aufnahme die homogene Sänger(-innen)besetzung ohne einen "Ausfall". Jede andere Aufnahme, die ich besitze, gefällt mir, obwohl hier und da eine Rolle nicht adäquat besetzt wurde, bei Kubelik "stimmt alles".

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Hallo Wagner-Freunde,


    zu den Aufnahmen gibt es ja hier zahlreiche und hilfreiche Tipps.


    Kann mir jemand Sekundärliteratur empfehlen, die über wikipedia hinausgeht, aber trotzdem für einen Opern-Laien verständlich ist?


    Welche Werke muss man sich im Zusammenhang mit dem Parsifal noch anhören, was muss man an Wissen mitbringen, damit ein vielleicht einmaliges Erlebnis auch voll ausgeschöpft werden kann? :D


    Es ist ungefähr so, als hätte ein Sportbegeisterter, der aber von Fussball keine Ahnung hat, Karten fürs WM-Endspiel 2006. :jubel:


    Wer kann mir helfen? Ich muss alles wissen.....

  • Hallo Holger,


    ich denke dies Buch ist für den Einstieg ganz gut:


    [am]325408032[/am]




    Dieses Buch beschreibt sehr gut die Hintergünde des Werks und speziell geht
    es auch auf die musikalischen Motive ein. Man kann die Oper sehr gut mit
    diesem Textbuch hören und erkennt die hochkomplexe Motivvielfalt.
    Ich finde diese Reihe überhaupt sehr empfehlenswert.

    Gruß
    Rüdiger


    ________________________
    Lärm ist ... nur eines der Übel unserer Zeit, wenn auch vielleicht das auffälligste. Die anderen sind Grammophon, Radio und neuerdings die verheerende Television.


    C.G. Jung

  • Parsifs Empfehlung dürfte sich auf Pahlen beziehen (ich habe eine alte Ausgabe mit anderem Cover); sehr gut wie fast alle Bände aus Pahlens Reihe.


    Eine Auswahl weiterer Empfehlungen:





    Alles "Opernführer", die sich speziell mit Wagners Opern befassen, IMO aber auch für "Anfänger" gut und mit Gewinn lesbar sind.


    Dahlhaus war einer der führenden deutschen Musikwissenschaftler (ist trotzdem sehr gut lesbar! ;) ), das Buch ist ein "Klassiker"; Grundlage für Rappls Buch waren seine Werkeinführungen zu den Festspielen in Bayreuth, und Kaiser dürfte ja bekannt sein, ist kenntnisreich aber eher journalistisch/feuilletonistisch, wenn man Kaisers Stil "verträgt", sehr unterhaltsam.

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

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  • Parsif  Misha
    Danke für die Tipps, ich habe Pahlen und Dahlhaus gerade bestellt, ausserdem noch die hier hochgelobte Kubelik Aufnahme.


    Ab der nächsten Woche geht es dann in Klausur, lesen, hören, lernen...


    Ich freue mich schon auf diese Entdeckungsreise :yes:

  • Keine ausdrückliche Erwähnung fand bisher die Bayreuther Aufnahme mit James Levine.



    Waltraud Meier, Franz Mazura und Matti Salminen sind bereits in anderen Aufnahmen positiv gewürdigt worden. Auch hier gefallen sie mir sehr gut.
    Bei Simon Estes stören mich bisweilen seine typischen Vokalverfärbungen ("ü" statt "u"), stimmlich habe ich keine Einwände.


    Highlight unter den Protagonisten ist imo Hans Sotin als Gurnemanz. Auch wenn er nicht ganz über die prachtvolle Stimme eines Kurt Moll in der Kubelik-Einspielung verfügt, so legt er dennoch ein eindrucksvolles Rollenporträt ab. Seine starke Persönlichkeit und Präsenz sind auch via CD jederzeit spürbar. Nicht umsonst hat er diese Rolle über 20 Jahre in Bayreuth gesungen, bevor er in Unfrieden scheiden mußte.


    Peter Hofmanns Parsifal ist sicherlich Geschmackssache. Sicherlich ist er kein Jess Thomas oder junger René Kollo, was Timbre, Strahlkraft der Stimme oder Textverständlichkeit angeht, aber wer mit Siegfried Jerusalem leben kann, der kann es auch mit Hofmann ;) .


    Wunderbar gerät imo der Orchesterklang. Ich gestehe, daß ich den gedämpften Klang aus Bayreuth liebe. Bei Levine kann ich mich am fantastischen farbreichen Orchesterspiel erfreuen.


    Levine liebt die "Weihe" im Bühnenweihfestspiel. Er gibt sich den langsamen Tempi hin und zelebriert sie. Ferner betont er die "große Geste"; die gewaltigen Steigerungen in der Partitur kostet er besonders aus. Manch einer wird die langsamen Tempi als langweilig empfinden, mir hingegen gefallen sie.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Mir gefällt die von Norbert erwähnte, viel geschmähte Aufnahme auch: Das Pathos, mit dem Levine hier musiziert, kann Parsifal IMO vertragen. Und der spezifische Klang des Festspielhauses ist gut eingefangen. Einen Vergleich mit Studioaufnahmen finde ich ohnehin unpassend.
    Ich habe diese Inszenierung (G. Friedrich) unter dem Dirigat von Levine 1988 in Bayreuth erlebt und war hingerissen. Allerdings hat '88 schon nicht mehr Hofmann gesungen, wer's war, erinnere ich momentan nicht, muss mal in meinem Archiv graben. Ich habe dann auch die Levine Aufnahme gekauft, die aber damals so aussah:



    Hofmann fällt ggü. Thomas unter Kna IMO schon ab, aber sonst kann ich Norbert zustimmen.

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • 1989 sang William Pell den Parsifal in Bayreuth,er tat sich gegen Hans Sotins Gurnemanz und Waltraud Meiers Kundry allerdings schwer,weil seine Stimme trotz der 42 Jahre zu leicht für diese Partie war.

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Hi Norbert,


    Zitat

    Original von Norbert


    Solti würde ich grundsätzlich immer in die engere Wahl ziehen, allerdings schrecken mich Fischer-Dieskau als Amfortas und Hans Hotter als Gurnemanz ein wenig ab. Nichts gegen Hotter an sich, aber ich hege leichte Zweifel, ob er stimmlich der Rolle noch gewachsen sein dürfte.


    ...wobei zu bemerken ist, das Hotter den Titurel singt und nicht den Gurnemanz. Das rückt nämlich - sofern es sich nicht nur um einen "Druckfehler" deinerseits handelt ;) - die Soltiaufnahme schon in ein anderes Licht, denn Gottlob Frick sollte man als Gurnemanz unbedingt gehört haben, eine der ganz großen Interpretationen dieser Rolle. Ich habe die Aufnahme nicht selbst, habe aber mal über mehrere Wochenenden hinweg im Radio die Soltiaufnahme in einer entsprechenden Wagner-Serie genossen und da ist mir vor allem Frick in Erinnerung geblieben - mit dem Vorsatz, die CDs zu erwerben, sofern mal zu einem akzeptablem Preis erhältlich.


    Gruß
    Sascha

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  • Hallo Sascha,


    ja, stimmt, das war ein Versehen von mir. Hotter hatte den Gurnemanz in der Knappertsbusch-Einspielung gesungen. Dort gefiel er mir längst nicht so gut wie Sotin oder Moll.


    Mir geht's ähnlich: Wenn Soltis Aufnahme erschwinglich ist, dann wird sicherlich mein schwacher Widerstand schnell schwinden... ;)

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Im WamS Klassik Blog gibt es bereits eine enthusiastische Kurzkritik.
    Ich habe mit Thielemann nur eine Erfahrung: Ein wirklich großartiges :jubel:Meistersinger Dirigat 2002 in Bayreuth.
    Hinsichtlich der neuen Aufnahme habe ich meine bereits an anderer Stelle geäusserten Vorbehalte (ja, ja, Vorurteile) wg. Domingo, der die Rolle AFAIK ja inzwischen nicht mehr singt, werde aber sicher mal reinhören. Vielleicht war ja jemand - es ist ein Mittschnitt - in der Wiener Staatsoper?

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Zitat

    Original von ulfk179
    Hat ein Forumsmitglied schon die Thielemann'sche "Parsifal"-Aufnahme gehört ?


    Das würde mich auch brennend interessieren. Das Cover zur Aufnahme:


    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Hab's soeben hinter mich gebracht.
    Na ja...
    Da fehlt IMO schon sehr viel. Ich habe den wiener "Parsifal" in einigen Aufführungen gesehen - und man hat leider nicht die beste mitgeschnitten. Domingo ist jämmerlich, Waltraud Meier nicht am absteigenden sondern eher schon am herabfallenden Ast - so outrieren muss man wirklich nicht. Bei der Premiere sangen Botha und Denoke um Klassen intensiver und stilsicherer. Thielemann kapellmeistert mit den üblichen nicht so sehr sinnvollen Temporückungen und macht diese für mich aufregende Partitur zu einer plüschig-romantischen und sehr bequemen Angelegenheit. Das Orchester geht. Dafür gibt's eine Menge Hintergrundgeräusche von der Bühne. Für mich ein sehr verzichtbarer "Parsifal", nicht ansatzweise zu vergleichen mit Boulez, Kegel, Knappertsbusch oder Kubelik.

    ...

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  • Hallo Edwin,


    danke für Deine Einschätzung. So ähnlich habe ich mir das gedacht...


    Für gute Musik ist imo immer Platz, aber gerade beim Parsifal gibt es derart viele gute Aufnahmen (neben den von Dir genannten sind imo Barenboim und Levine [Bayreuth] auch nicht zu verachten), daß eine Neuaufnahme viel "zu sagen" haben muß, um für teuer Geld gekauft zu werden.


    Z.B. bedienen Knappertsbusch, Barenboim und Levine wunderbar die "Weihe in dem Weihfestspiel"; Kegel dirigiert eine halbe Stunde schneller und entzieht sich vorgenannten Ansatz.


    Waltraud Meier-kenne ich aus zwei Aufnahmen (Barenboim, Levine). Wozu eine dritte?
    Franz Josef Selig-hat er einen Prachtbaß wie Hotter oder Moll oder strahlt er so viel Würde aus wie Sotin?
    Placido Domingo-ist sein Deutsch erträglich?


    usw.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Domingos "Deutschgesang" ist wirklich zum Abgewöhnen!!!Nach Meistersinger,Lohengrin,Tannhäuser nun dieser verpatzte Parsifal.Das hat Richard W. nicht verdient! Rote Karte für Wagnerdomingo auf Lebenszeit! :kotz:

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Hallo Norbert!


    Also etwas detaillierter (Subjektivität in jedem Fall): Selig ist recht gut. Bankl singt einen netter Onkel Klingsor, den man gerne für ein paar Kartentricks zum Kindergeburtstag einladen würde.
    Ein Gewinn ist Struckmann als Amfortas - das ist ungeheuer eindrucksvoll, wenngleich vom Orchester nur mit wabernden Fluten, aber kaum mit zielgerichteter Dramatik unterstützt.
    Domingo hingegen ist nahe der Katastrophe. Offenbar hat er einzelne Schlüsselwörter eingelernt, pro Satz zwei bis drei. Und die sind verständlich. Aber wenn es nur das wäre! - Schlimmer ist, dass seine Stimme extrem klein wirkt und dass er furchtbare Probleme hat, das Orchester zu übersingen, dessen Klangmacht ihm Thielemann rücksichtslos entgegenschleudert, als wolle er demonstrieren, wie man einen Tenor innerhalb kürzester Zeit fertig machen kann.
    Bohta, der auch nicht ganz mein Fall ist, war wirklich gut, es wäre vernünftiger gewesen, ihn singen zu lassen als Domingo eine Möglichkeit zu geben, seinen eigenen Ruf zu demolieren.


    Insgesamt ist das eine mittelklassige Repertoire-Vorstellung, von der ich aus rein musikalischer Sicht nicht wüsste, weshalb sie aufgezeichnet wurde. Wie Du völlig richtig sagst: Wer Weihe hören will, wird mit Knappertsbusch besser bedient, wer eine Vorstufe zum Impressionismus vorzieht, kann zu Boulez greifen, wer es auf dramatischer Siedehitze schätzt, wird mit Kegel besser bedient - und Kubelik erzielt eine wunderbar spirituelle Gesamtwirkung.
    Wozu also diese Nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Aufnahme?


    LG

    ...

  • Hallo Edwin,


    und danke für deine Rezension. Ich wollte noch ein paar Meinungen zum Thielemann'schen Parsifal einholen, ehe ich ein kleines Vermögen ausgebe. Nun werde ich also schauen, wo ich einen Mitschnitt mit Denoke und Botha finden kann...
    Jedenfalls bin ich nun umso gespannter auf meinen österlichen Parsifalbesuch in Wien.


    Florian


    P.S. Ich wollte dennoch eine Lanze für Domingo brechen: sein Siegmund zählt für mich zu den schönsten, die ich kenne.

  • Hallo Edwin,


    Falk Struckmann ist mir von der Hamburger Staatsoper und von Aufnahmen mit Barenboim (Holländer, Telramund) recht gut bekannt.
    Aber alleine seinetwegen lohnt sich die Anschaffung wohl kaum... ;)


    Hallo Florian,


    zu Deinem PS.: Als Siegmund schätze ich Domingo ebenfalls. Nicht zuletzt deswegen, weil dort sein Deutsch zumindest akzeptabel klingt.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


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  • Noch ein Hinweis: Im WamS Blog findet sich heute ein Interview mit Thielemann zu seiner Auffassung von Parsifal und Wagner, in der er auch einige "weltanschauliche" statements abgibt.

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Ich habe heute in die Thielemann-Aufnahme reingehört und beurteile sie folgendermaßen:
    Selig finde ich hervorragend, ebenso, trotz einiger Textpatzer, Struckmann; beide geben absolut deckende Rollenportraits;
    Bankl bietet, wie der "Titurel", nur ein Abklatsch von Interpretation (nicht an den unerreichten Klingsor Hermann Uhde´s denken).
    Waltraud Meier zeigt trotz stimmlicher Schwächen eine glaubhafte Kundry; das Problem der Aufnahme heisst Domingo, der kaum textverständlich ist, obwohl er weiß, was er singt. Stimmlich sollte er von der Partie Abstand nehmen, da Ermüdungserscheinungen unüberhörbar sind.
    Thielemann bewegt sich, was die Tempi angeht, zwischen "Kaugummi" und "Raserei" (gegen Schluß des Werkes).
    Obwohl einiges für die Aufnahme spricht (Selig und Struckmann) fällt das Negative doch so stark ins Gewicht, so dass ein Kauf derselben wohlüberlegt (vorheriges Hören) sein sollte.


    LG, Guido

    Wie aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten
    GB

  • Auch wenn es hier großteilig um Cd-Aufnahmen geht möchte ich trotzdem auf eine DVD hinweisen, die für mich viele Parsifal Gesamtaufnahmen hinter sich lässt und zwar:


    James Levine aus der MET
    Amfortas: Bernd Weikl
    Titurel: J-H Rootering
    Gurnemanz: Kurt Moll
    Parsifal: Siegfreid Jerusalem
    Klingsor: Franz Mazura
    Kundry: Waltraud Meier


    Stage Production(ich liebe dieses Wort ;) ) : Otto Schenk


    also ich bin jedes Mal einfach nur Ergriffen wenn ich diese DVD anschaue. Haben noch mehr Taminos Erfahrung damit gemacht??


    Gruß Richard

  • Hallo Taminos,
    ich hab mal eine - vielleicht etwas naive - Frage:
    ich bin ja nun nicht der so intensive Opern-"Konsument" und von Wagner hab ich bisher noch überhaupt nichts intensiv gehört oder gar gesehen. :O
    Kann man so jemandem den Parsifal als quasi "Einstieg" überhaupt zumuten? Hintergrund: Diesen Monat hatte er am hiesigen Opernhaus Premiere und die Kritik in der örtlichen Presse ist zumindest so, daß ich nicht gleich von vornherein abgeschreckt werde...


    Liebe Grüße
    Reinhard

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Hm, Reinhard, wenn Du mit einer reinen Spielzeit von wohl über vier Stunden leben kannst...


    Es ist -natürlich- typabhängig, aber ich persönlich würde als Einstieg eher den fliegenden Holländer nehmen, da die Musik dort erheblich eingängiger ist.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


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