Arrigo Boito: Mefistofele - Goethes Alptraum?

  • Liebe Opernfreunde,


    ich möchte hier noch einmal die Trommel schlagen, für eine der interessantesten italienischen Opern des 19. Jahrhunders, die ich für eher unterbewertet halte: Mefistofele.


    Ich finde, diese Oper hat eine Menge zu bieten, nämlich:


    • eine der intelligentesten Vertonungen von Goethes Faust, die den ausladenden Stoff zu einer zweieinhalbstündigen Oper verdichtet, ohne ihn völlig zu verfremden,
    • ein spannendes Stück Musiktheater, einerseits in der besten italienischen Operntradition, andererseits aber auch mit Anklängen an französische und deutsche Opern,
    • mit der Rolle des Mefistofele eine der interessantesten Basspartien der Opernliteratur.


    Der Komponist und Librettist dieses Werks ist Arrigo Boito ( 1842-1918 ). Bekannt ist er vor allem als Librettist von Verdis Spätwerken Otello und Falstaff, aber auch von Ponchiellis La Gioconda. Mefistofele ist seine einzige vollständige Oper. Sein zweites großes Werk „Nerone“, an dem er etwa 40 Jahre lang arbeitete, blieb unvollendet.



    Boitos Entschluss, eine Oper nach Goethes Drama zu schreiben, entstand während einer Reise durch Deutschland und Frankreich. Wieder zurückgekehrt, machte sich Boito sogleich an die Arbeit. In den Jahren 1866 bis 1868 entstanden sowohl das Libretto wie auch die Musik.


    Die Uraufführung des Mefistofele am 05.03.1868 geriet zum absoluten Fiasko. Boito gehörte zur sog. Scapigliatura, einer Gruppe Intellektueller, die gegen die Konventionen des frühen 19. Jahrhunderts rebellierte und auch Sympathie mit dem Musiktheater Richard Wagners zeigte. Die gegnerische Claque nutzte die Premiere zu einer Abrechnung mit Boito. Allerdings dürften auch die epischen Ausmaße der Urfassung und die mangelnde Qualität des Sängerensembles sowie des Dirigenten - Boito leitete die Aufführung selbst - zum Misserfolg beigetragen haben.


    Das Debakel bei der Uraufführung stürzte Boito in Selbstzweifel. Er arbeitete die Oper grundlegend um und verbrannte Teile der Partitur. Die Oper wurde dabei in ihrem Umfang fast auf die Hälfte zusammengekürzt. Fundamentale Eingriffe waren die Streichung eines kompletten Aktes, der in der Kaiserlichen Pfalz spielen sollte, sowie die Umarbeitung der Partie des Faust, die zunächst für einen Bariton konzipiert war, zu einer Tenorpartie. Die überarbeitete Fassung, die als einzige heute noch erhalten ist, wurde erstmals am 04.10.1875 in Bologna gespielt.



    Während sich Charles Gounod (bewusst) mit seiner Faust-Oper so weit vom eigentlichen Gehalt des Goetheschen Dramas entfernt, dass diese kaum mehr als Umsetzung des Werks ernst genommen werden kann, war es das erklärte Ziel Boitos, möglichst viel vom Geist der Vorlage Goethes einzufangen. Dementsprechend greift er einzelne Szenen der beiden Faust-Dramen heraus, die fast schon schlaglichtartig aneinandergereiht werden. Gounod hat den Faust-Stoff fast ausschließlich auf die Beziehung Faust-Margerethe reduziert. Bei Boito bildet die Gretchentragödie demgegenüber nur eine Episode des Geschehens. Wie schon der Titel andeutet, liegt das Interesse des Komponisten eher auf dem Kampf Mefistofeles um Fausts Seele.


    Der Prolog der Oper handelt von der Wette Mefistofeles mit Gott, welcher in der Oper als Chorus Mysticus dargestellt wird. Daran anschließend behandelt der erste Akt den Osterspaziergang Fausts mit Wagner, bei dem sie statt von einem Pudel von einem geheimnisvollen „grauen Mönch“ umkreist werden. Die Szene verwandelt sich in Fausts Studierzimmer, wo sich der Mönch als „Geist, der stets verneint“ zu erkennen gibt und mit Faust den teuflischen Pakt schließt. Im zweiten Akt gelingt es dem verjüngten Faust, Margherita zu verführen. Anschließend führt ihn Mefistofele auf den Brocken, wo ein gespenstischer Hexensabbat stattfindet. Der dritte Akt zeigt Margherita, die ihre Mutter und ihr Kind, Frucht der Beziehung mit Faust, getötet hat, im Kerker. Faust kommt mit Mefistofele, um sie zu befreien, aber sie stößt ihn angewidert fort. Der vierte Akt ist von Faust II inspiriert. Mefistofele beschwört eine Vision herauf, in der sich Faust in Arkadien wieder findet, wo ihn die Schönheit der antiken Helena überwältigt. Der Epilog zeigt den in Melancholie versunkenen, wieder gealterten Faust, der erkennt, dass Mefistofele ihm kein vollkommenes Glück verschaffen konnte. Er wendet sich dem Evangelium zu, das ihm die Liebe zu Gott und damit vollständige Befriedigung verschafft. Mefistofele ist besiegt.



    Mefistofele ist von der zeitgenössischen Kritik teilweise ratlos, teilweise äußerst ablehnend aufgenommen worden. Zu den musikalischen Qualitäten der Oper meinte Giuseppe Verdi: „Boito versucht, originell zu sein, das Ergebnis klingt aber sonderbar.“ George Bernard Shaw bescheinigte dem Komponisten wenn auch keinerlei musikalisches Talent, so doch immerhin ein Übermaß an Kultur und Geschmack. Richard Wagner soll die Partitur als „Stickerei einer reizenden jungen Dame“ bezeichnet haben. Aber auch das Textbuch der Oper wurde heftig beanstandet. Insbesondere in Deutschland war man mit den dramatischen Freiheiten und Streichungen, die sich dieser Italiener erlaubt hatte, ganz und gar nicht einverstanden, so dass es mitunter geradezu hasserfüllte Kritiken gab. Hugo Wolf war von der Oper derart aufgebracht, dass er äußerte, er könne es nicht mit ansehen, wie durch diese „erbärmliche Karikatur“ „der Stolz seiner Nation, Goethes Faust, vor seinen Augen geschändet“ werde.


    Auch wenn man die heutige Opernliteratur durchforstet, scheinen viele Experten nicht ganz zu wissen, was man von Boitos Oper zu halten hat. Eine der am häufigsten verwendeten Vokabeln bei der Charakterisierung des Werkes dürfte „originell“ sein, was eigentlich ohne besondere Aussagekraft ist. Zumeist werden Boito immerhin großes Geschick bei der Instrumentation und großer melodischer Einfallsreichtum attestiert.



    Während die kompositorische Qualität wohl immer kontrovers bleiben wird, lässt sich wohl nur schwer bestreiten, dass es sich bei der Oper um ein sehr effektvolles Werk handelt, das durchaus etwas Beachtung verdient hat. Musikalisch besonders eindrucksvoll ist (aus meiner Sicht) der Prolog, der mit seinem massigen Orchestersatz auf den Einfluss von Hector Berlioz auf Boito hinweist. Die musikalische Inspiration Boitos zeigt sich auch in Fausts herrlichem ariosen „Colma il tuo cor d’un palpito“ (seine Antwort auf die Gretchenfrage) sowie dem anschließenden Teil des Gartenquartetts, in dem Boito mit dem rhythmischen Gelächter ein schönes Beispiel musikalischen Humors geschaffen hat. Der einige Jahre später aufkommende Verismo kündigt sich schon in der Arie der Margherita „L’altra notte in fondo al mare“ an. Auch im Monolog der Elena „Notte cupa, truce“, in dem sie den Horror der Zerstörung Trojas schildert, stellt der Komponist seine Qualität zur Erzeugung von Stimmungen unter Beweis. Ein letzter Höhepunkt ist der gesamte Epilog, der zunächst von resignativem Schwermut beherrscht wird, dann aber mit dem Erscheinen der himmlischen Heerscharen die musikalischen Themen des Prologs wieder aufnimmt.




    Diskografie (nur Studio):
    1931 Mailand: Lorenzo Molajoli - de Angelis, Melandri, Favero, Arangi-Lombardi
    1952 Mailand: Franco Capuana - Neri, Poggi, Noli, Dall’Argine
    1955 Rom: Vittorio Gui - Christoff, Prandelli, Moscucci, (-)
    1956 Turin: Angelo Questa - Neri, Tagliavini, Pobbe, de Cecco
    1958 Rom: Tullio Serafin - Siepi, Di Stefano, Tebaldi, (-) (nur Auszüge)
    1958 Rom: Tullio Serafin - Siepi, del Monaco, Tebaldi, Cavalli
    1973 London: Julius Rudel - Treigle, Domingo, Caballé, Ligi
    1980 London: Oliviero de Fabritiis - Ghiaurov, Pavarotti, Freni, Caballé
    1985 Sofia: Ivan Marinov - Ghiuselev, Kaludov, Evstatieva, Bareva
    1988 Budapest: Giuseppe Patané - Ramey, Domingo, Marton, Marton




    Was haltet ihr von dieser Oper?
    Welche Aufnahmen gefallen euch?
    Wer hat die Oper schon einmal live erlebt?


    Ich will alles wissen! :)


  • Lorenzo Molajoli 1931
    Die erste Aufnahme des Mefistofele entstand, als Operngesamtaufnahmen noch in den Kinderschuhen steckten, und gerade die vielen Chorszenen dürften die Aufnahmetechniker vor Herausforderungen gestellt haben. Das Ergebnis ist kein tontechnisches Wunderwerk, aber doch immerhin eine hörbare Aufnahme.


    Der Protagonist Nazzareno De Angelis war einer der berühmtesten Bässe an der Scala und wurde zu seiner Zeit in Italien wie kein anderer Sänger mit dem Mefistofele identifiziert. In den Jahren zwischen 1906 und 1938 soll er diese Rolle mehr als 500 Mal gesungen haben. Jens Malte Fischer stellt De Angelis in eine Reihe mit den Basslegenden Ezio Pinza und Tancredi Pasero und bezeichnet seinen Mefistofele als unübertroffen. Ich bin mir da nicht ganz so sicher. Natürlich ist De Angelis ein sehr interessanter Sänger, der auch einiges an Stimmgewalt vorweisen kann, wirklich begeistert bin ich von seinem Mefistofele aber nicht. Von Legato hält De Angelis hier nicht besonders viel. Die Ausdrucksmittel erschöpfen sich im Wesentlichen in exzessiven Portamenti und theatralischem Gelächter. De Angelis (über-)betont die R-Laute, außerdem habe ich den Eindruck, dass er fast alle Silben auf O oder Ö singt. Hier kann allerdings auch die Aufnahmetechnik eine Rolle gespielt haben. Insgesamt kann ich den hohen Rang, den sein Mefistofele genießt, anhand dieser Aufnahme aber nicht ganz nachvollziehen.


    Antonio Melandri gehört wohl zu den von der Nachwelt vergessenen Sängern. Sein Faust ist eine solide Leistung, ich komme aber nicht umhin zu bedauern, dass Beniamino Gigli, von dem es einige bemerkenswerte Szenen dieser Oper gibt, nicht für die Gesamtaufnahme zur Verfügung stand. Mafalda Favero scheint erst im dritten Akt, kurz vor ihrem Bühnentod, richtig warmzuwerden. Da singt sie zwar auch recht theatralisch, aber ohne Fehl und Tadel. Die Rolle der Elena ist mit Giannina Arangi-Lombardi sehr namhaft und gut besetzt.


    Insgesamt eine Aufnahme für historisch Interessierte, aber meines Erachtens keine Referenzaufnahme.







    Franco Capuana 1952
    Nach Molajolis Aufnahme dauerte es mehr als 20 Jahre bis zur nächsten Einspielung der Oper. Wenn es einen Grund gibt, diese Aufnahme zu besitzen, dann ist das Giulio Neri in der Titelrolle. Sein Mefistofele ist ein derber Geselle, der sich nicht um sängerische Feinheiten schert und auch mal neben den Noten singt. Das Ergebnis überzeugt dennoch: Neris dröhnender Schwarzbass zeichnet einen finsteren und wirklich glaubhaft bedrohlichen Erzbösewicht – Satan als Sparafucile deluxe. Schon vom Stimmmaterial ist das sehr beeindruckend. Gianni Poggi, hier als Faust konserviert, gehört allerdings zu den Sängern, deren Weltkarriere mir anhand seiner Aufnahmen immer unergründlich bleiben wird. Unsensibel, Jammertimbre, abgeschmackte Effekte… – auch hier keine gute Leistung des Tenors, auch wenn Poggi noch schlechtere Aufnahmen gemacht hat. Die übrige Besetzung ist ziemlich unscheinbar.







    Vittorio Gui 1955
    Diese Aufnahme ist eine verpasste Chance. Ich bin mir sicher, dass sie noch heute als eine der besten Aufnahmen gelten würde, wenn man sich 1955 dazu durchgerungen hätte, die gesamte Oper einzuspielen. Da man die Veröffentlichung auf zwei LPs begrenzen wollte, wurde die Oper zusammengestrichen: In dieser Aufnahme fehlt der komplette 4. Akt (Klassische Walpurgisnacht) und auch der 1. Akt musste leider gleich an mehreren Stellen übel Federn lassen.


    Die Sänger können sich meines Erachtens allerdings auch mit den besten Konkurrenzeinspielungen messen: Boris Christoff hat als Mefistofele bei dieser Aufnahme näher am Mikrofon gestanden als die übrigen Mitwirkenden und dominiert das Geschehen. Wie immer im italienischen Fach sollte man Sympathie für Christoffs Stil mitbringen, wer aber die typischen Eigenheiten dieses Sängers (z.B schnarrende Tonbildung, exaltiertes Gelächter) goutiert, wird auch an seiner Darstellung des Teufels gefallen finden. Mir jedenfalls gefällt sie besser als die des mit ähnlichen Stilmitteln operierenden De Angelis. Giacinto Prandelli, der den Faust singt, ist ein vielseitiger Tenor, den ich eigentlich immer sehr gern höre. Vom Timbre ist er vielleicht Antonio Melandri aus der Molajoli-Aufnahme vergleichbar, Prandelli ist allerdings differenzierter. Gerade die Szene im ersten Akt im Studierzimmer ist wunderbar nuancenreich gestaltet. Für mich ist er der beste Sänger dieser Partie in den erhältlichen Studioaufnahmen. Der Name Orietta Moscucci ist mir außer von dieser Aufnahme überhaupt kein Begriff. Ihre Margherita ist angesichts der starken Konkurrenz wohl nur durchschnittlich. Moscuccis stimmlichen Mittel sind begrenzt, sie gestaltet die Rolle unspektakulär mit gelegentlichen schrillen Tönen. Ein gänzlicher Ausfall ist sie allerdings auch nicht.


    Daher: Große Show für Boris Christoff mit guten Mitstreitern. Als Zweitaufnahme hochinteressant, wegen der Striche aber nicht gut zum Kennenlernen der Oper geeignet.







    Angelo Questa 1956
    Durch diese Aufnahme für den italienischen Rundfunk habe ich Mefistofele kennen gelernt, und habe sie eigentlich immer gern gehört. Bei nüchterner Wiederbegegnung relativiert sich dieser Eindruck allerdings ein wenig. Als Mefistofele kann man hier nochmals Giulio Neri hören. Im Vergleich zu der vier Jahre älteren Capuana-Einspielung scheint er etwas an Stimmkraft eingebüßt zu haben. Auch wenn er nicht mehr über die ganz große Autorität seiner ersten Aufnahme verfügt, kann er mit der Schwärze seiner Stimme noch beeindrucken. Weniger als zwei Jahre nach dieser Aufnahme starb Neri 48-jährig an einem Herzanfall. Mefistofele war wohl die Rolle seines Lebens.


    Ferruccio Tagliavini gestaltet die Partie des Faust mit der ihm eigenen Süßlichkeit. Zweifellos angreifbar ist die Art und Weise, wie er seine hohen Töne produziert. Stimmliche Schwächen werden insbesondere im Epilog offenbar. Andererseits betört er auch mit schöner mezza voce und kluger Phrasierung. Marcella Pobbe ist als Margherita ziemlich blass. Die Nebenrollen Elena und Wagner sind schwach besetzt. Angelo Questa macht mit seinem Radio-Orchester nicht mehr als Dienst nach Vorschrift.


    Leider ist bei dieser Aufnahme auch mit der Tontechnik einiges schief gelaufen. Die Monoaufnahme klingt kein bisschen besser als die 25 Jahre ältere Aufnahme von Molajoli, woran insbesondere die Chorszenen, die in dieser Oper so wichtig sind, zu leiden haben. Der Gesamteindruck bleibt daher eher mittelprächtig. Interessant ist die Aufnahme allenfalls wegen Tagliavini und Neri, wobei mir letzterer bei Capuana etwas besser gefällt.







    Tullio Serafin (I) 1958
    Dies ist keine Gesamtaufnahme, sondern nur ein Querschnitt auf einer CD, der aber eine interessante Geschichte hat: Decca wollte 1958 eine Gesamtaufnahme des Mefistofele produzieren und hatte dafür als Dirigenten den erfahrenen Tullio Serafin und für die Hauptrollen Cesare Siepi, Renata Tebaldi und Giuseppe Di Stefano verpflichtet. Die Aufnahmen waren schon ziemlich weit fortgeschritten, es fehlte nur noch der 4. Akt, als es zu Streitigkeiten zwischen Serafin und Di Stefano kam. Was genau die Ursache war, ist mir nicht bekannt; jedenfalls ließ der Tenor alles stehen und liegen und reiste ab.


    Dieser Querschnitt enthält neben Auszügen aus dem Prolog der späteren Gesamtaufnahme alle Szenen, die Giuseppe Di Stefano vor seinem Abgang bereits eingespielt hatte. Auffällig sind in diesen Szenen die selbst für Di Stefanos Verhältnisse deutlich hörbaren technischen Mängel. Ein Registerausgleich findet praktisch nicht statt. Insbesondere die Höhe klingt auch schon sehr angegriffen. Gerne hätte ich ihn fünf Jahre früher in besserer stimmlicher Verfassung in dieser Rolle gehört. Die übrigen Sänger sind gut bis sehr gut; man kann sie aber auch in der anschließend entstandenen Gesamtaufnahme hören, so dass eigentlich kein rationaler Grund besteht, diesen Querschnitt zu erwerben.


    Fazit: Für Fans.







    Tullio Serafin (II) 1958
    Nach Di Stefanos Abgang stand Decca vor der Wahl, das Projekt Mefistofele aufzugeben oder wie die EMI mit der Gui-Aufnahme einen Torso zu veröffentlichen oder die Oper mit einem anderen Tenor noch einmal aufzunehmen. Glücklicherweise entschied man sich für die letzte Alternative. Alle Szenen aus den Akten 1-3 und dem Epilog, in denen Faust beteiligt ist (und das sind fast alle), mussten neu eingespielt werden. Aber es hat sich gelohnt!


    Cesare Siepi ist als Mefistofele sehr gut. Nach Neri und Christoff ist er für mich der dritte große Interpret dieser Rolle. Siepi legt den Mefistofele anders als seine Vorgänger eher ironisch-sardonisch als bösartig an. Eine kluge Interpretation, die mindestens ebenso ihre Berechtigung hat wie die Grobheiten von Neri oder die Faxen von de Angelis, Christoff und (später) Treigle; immerhin tritt Mefistofele in der Oper als Kavalier auf. Die überlegene Verachtung, die Siepis Mefistofele bei der Betrachtung des gläsernen Globus zum Ausdruck bringt („Ecco il mondo“), ist kaum zu übertreffen.


    Nachnominiert für die Tenorpartie wurde Mario del Monaco, dessen Faust erwartungsgemäß eher rabiat als intellektuell daherkommt, sozusagen der Gegenpol zum feinen Tagliavini bei Questa. Dabei hat er durchaus einige gelungene Momente, in denen er nicht bloß monoton forte singt („Folletto, folletto“). Und die unverhohlene Lüsternheit von Fausts Frage an Margherita in der Gartenszene „Dimmi, in casa sei sola sovente?“ („Sag, bist du oft allein zu Haus?“) hat aus del Monacos Mund auch einen gewissen Reiz. Im Epilog allerdings hätte ich mir von ihm etwas mehr Abstufungen gewünscht. Gänzlich schlecht gesungen ist sein Faust aber auch nicht. Renata Tebaldi ist eine eher reife Margherita mit Höhenschärfen. Weniger gefällt mir Floriana Cavalli als Elena, deren dünne Stimme nur wenig sinnliche Ausstrahlung besitzt. Ausgezeichnet wiederum die Orchesterleitung von Tullio Serafin, der einige interessante Feinheiten der Partitur zu Tage fördert.


    Im Ganzen sicher eine der besten Aufnahmen des Werks.







    Julius Rudel 1973
    Eine der namhaftesten Aufnahmen im Katalog ist die unter der Leitung von Julius Rudel. Der Dirigent hatte sich gemeinsam mit Norman Treigle an der New York City Opera sehr für Boitos Oper eingesetzt. Wohl deshalb wurden beide, ansonsten nicht gerade Lieblinge der Plattenkonzerne, für diese EMI-Gesamtaufnahme verpflichtet.


    Norman Treigle als Titelheld trägt noch dicker auf als Boris Christoff oder Nazzareno De Angelis. Meines Erachtens gelangt er dabei an die Grenze zur Übertreibung und wirkt auf mich eher psychopathisch als gefährlich. Möglicherweise liegt das auch daran, dass er kein außergewöhnlich voluminöses Organ besitzt. Bei einigen tiefen Tönen macht sich dazu noch bemerkbar, dass Treigle eher Bassbariton als Bass war. Eine ungewöhnlicher Einfall ist es, dass er statt des üblichen undefinierten Urschreis mit einem „E sia!“ in Fausts „Dai campi, dai prati“ einfällt und damit nochmals die Wette mit dem „Chorus Mysticus“ aus dem Prolog erneuert. Placido Domingo singt mit noch junger, frischer Stimme, bleibt als Faust aber etwas glatt und unbeteiligt. Monserrat Caballé gefällt mir allerdings wirklich gut als Margherita. Im Kerker wirkt sie vor allem desillusioniert und trifft damit meines Erachtens die Stimmung dieser Szene sehr gut. Ein ungewöhnliches Hörerlebnis beschert Thomas Allen, ein Bariton, in der Tenorrolle des Wagner.


    Sehr interessant ist auch, was Julius Rudel mit dem London Symphony Orchestra aus der Oper macht. Er ist hörbar auf Transparenz und Kontraste bedacht und legt vor allem die Schroffheiten der Partitur offen. Das lässt, auch wenn man das Werk kennt, mehr als einmal aufhorchen. Im Prolog werden Orgel und Donnermaschine eine prominente Stellung eingeräumt. Geschmackssache sind die gelegentlichen Einspieler von Toneffekten: mal Gelächter, mal nicht definierbares Spektakel. Auf mich wirkt so etwas immer ziemlich studiohaft.


    Also eine sehr spannende Aufnahme, aber nicht ganz meine erste Wahl.







    Oliviero de Fabritiis 1980
    Oliviero de Fabritiis’ Einspielung ist der erste Mefistofele des digitalen Zeitalters. Nicolai Ghiaurov hat nicht ganz die Klasse der besten Titelinterpreten. Er feuert mit seinem großkalibrigen Bass aus allen Rohren, verfehlt aber doch knapp das Ziel. Mit den höheren Tönen steht er auf Kriegsfuß; da wird gequetscht. Auch macht er für meine Begriffe zu wenig aus der Partie. Ähnlich wie Giulio Neri kann er allein durch bloße Stimmkraft einiges an Autorität erzeugen, kommt aber an Neris geballte Garstigkeit nicht heran. Mirella Freni hält Mefistofele offensichtlich für ein Werk des Verismo, und dementsprechend ist auch ihr Ausdruck. Das Ergebnis ist eine sehr intensive Margherita und meines Erachtens gelungen. Sie setzt im drtten Akt mehr Bruststimme ein als die meisten anderen Soprane. Auch Pavarotti fällt bei dieser Aufnahme überhaupt nicht negativ ins Gewicht. Für meinen Geschmack gelingt es ihm, als Faust sogar Domingo zu übertreffen. Er ist gut bei Stimme und lässt in der Gartenszene seinen als Rigoletto-Duca erprobten Charme spielen. Namhaft ist die Besetzung der Elena: Monserrat Caballé. Sie hat ihre besten Zeiten hörbar hinter sich, ist allerdings immer noch besser als die meisten anderen Sängerinnen in dieser Rolle.


    Ein großes Plus dieser Aufnahme ist der greise Oliviero de Fabritiis am Pult des National Philharmonic Orchestra. Er bringt im Vergleich zu Rudel weniger Drastik sondern betont die Schönheit der Paritur. De Fabritiis hatte schon in den 1930er Jahren erste Operngesamtaufnahmen mit Beniamino Gigli gemacht und konnte auf eine jahrzehntelange Karriere als Operndirigent zurückblicken. Das Orchester und die Chöre klingen in dieser Aufnahme – auch dank der digitalen Technik - ausgezeichnet. Wenn auch bei den Sängern geringe Abstriche nötig sind, fügt sich unter de Fabritiis Hand diese Oper zu einem äußerst harmonischen Weltgemälde zusammen. Der Dirigent starb, bevor die Platten veröffentlicht wurden. Ihm ist diese schöne Aufnahme gewidmet.


    Trotz nicht optimal besetzter Titelpartie neben Serafins Gesamtaufnahme mein Favorit.







    Ivan Marinov 1985
    Diese rein bulgarisch besetzte Aufnahme habe ich mir erst kürzlich aus Gründen angestrebter Vollständigkeit zugelegt und war insgesamt doch positiv überrascht. Was mir daran gefällt, ist, dass sie ein individuelles Gepräge hat. Der Dirigent setzt im Orchester auf dominantes Schlagwerk mit Donnerblech. Insbesondere der Hexensabbat ballert ziemlich infernal durch die Lautsprecher. Mehr Getöse gibt es in keiner anderen Aufnahme. Mir gefällt das nicht immer, aber dass diese Aufnahme langweilig wäre, kann man nicht behaupten.


    Bei den Sängern fehlen die ganz großen Namen, die Interpreten bilden aber ein gutes Team. Nicola Ghiuselev ist bereits der dritte Bulgare, der den Mefistofele im Studio singen durfte. Und das macht er trotz einer etwas dünnen Tiefe auch gar nicht schlecht und braucht sich meines Erachtens gerade hinter Ghiaurov keineswegs zu verstecken. Gestalterisch bewegt er sich mit seinem Mefistofele irgendwo zwischen Christoff und Neri. Kaloudi Kaloudov ist ein etwas schlichter, prosaischer Faust, aber der Partie vollends gewachsen. Stefka Evstatieva als Margherita hat eine wirklich jugendlich klingende Stimme, die allerdings auch eine gewisse Anstrengung nicht verleugnen kann.


    Kein ganz großer Wurf, aber eine preiswerte Alternative.







    Giuseppe Patané 1988
    Dies ist eine Aufnahme, an der eigentlich nichts so richtig schlecht ist, aber auch nichts außergewöhnlich gut. Samuel Rameys völlig ironiefreien Mefistofele finde ich vergleichsweise uninteressant. Er erhebt keinen Anspruch auf eine tiefer gehende Interpretation. Wie Treigle singt er ein „E sia!“ am Ende des „Dai campi, dai prati“. Eva Marton hat man beide Frauenrollen gegeben (Margherita und Elena). Die Doppelbesetzung klingt wie ein moderner Regie-Einfall, kam aber tatsächlich schon 1875 bei der Uraufführung der revidierten Fassung zum Einsatz. Die Wahl zu schwerer Rollen macht sich bei Martons Stimme schon bemerkbar. Ihr Vibrato ist relativ stark, dadurch finde ich sie in der Rolle der jugendlichen Margherita nicht ganz ideal besetzt. Die beste Leistung bietet noch Placido Domingo als Faust, der 15 Jahre nach seiner ersten Aufnahme diesmal etwas engagierter bei der Sache ist. Bemerkenswert ist vor allem seine Gestaltung der zweiten Szene des zweiten Akts („Stupor, stupor“). Einige hohe Töne bereiten ihm bereits hörbar Mühe. Giuseppe Patané setzt mit dem Ungarischen Staatsorchester kaum Akzente.


    Eine passable Aufnahme, aber keine wirkliche Bereicherung der Diskographie.

  • Lieber Zauberton,


    ganz herzlichen Dank für diesen großartigen thread.


    Bislang kenne ich nur Ausschnitte aus der Oper - bewusst kann ich nur das "Ecco il mondo" gesungen von Gearge London ansprechen.


    Die Oper hatte ich aber schon länger ich Hinterkopf, dass ich sie mal anschaffe - Dein thread wird ein guter Anstoß sein!



    LG, Elisabeth

  • Es gab da einmal ein Gesamtaufnahme der Decca in Stereo sogar mit:


    Mefisofele - Cesare Siepi,
    Faust - Mario del Monaco,
    Margarete - Renata Tebaldi,
    Helena - Floriana Cavalli


    Dirigent: Tullio Serafin,


    Muss aus den 60er Jahren sein, habe die irgendwo so gut verräumt, dass ich sie jetzt nicht finde, durch meine Wohnungsrenovierung, aber wenn ich mehr weiß melde ich mich. Habe das nur von meiner Kartei abgeschrieben, wo ich alle vermerke, auf PC habe ich meine reichhaltige LP Opern- und Operettensamlung, zumeist Gesamtaufnahmen, noch nicht "verewigt".


    Kann aber nicht sagen, ob die auf CD gebrannt wurde, ich habe sie als 3er LP Kasette.


    Renata Tebaldi und Cesare Siepi singen herrlich und Mario del Monaco war als Tenor, damls, ja einer der Weltklasse Sänger.


    Liebe Grüße Peter aus Wien.

  • Hallo Zauberton,


    vielen Dank für den Hinweis auf diese großartige Oper. Deinen Ausführungen möchte ich hinzufügen, dass es bei dem Misserfolg der Uraufführung des Mefistofele nicht geblieben ist - gut sechs Jahre danach ist sie in einer vom Komponisten überarbeiteten Fassung bei der Wiederaufnahme (am 4.10.1875 in Bologna) gemäß dem damals berühmten Kritiker Filippi ein "triumphaler Erfolg". Und die Eigenschaft, bei ihrer Premiere in Wien (am 18.3.1882) von Eduard Hanslick verrissen zu werden, ist ja fast schon ein positiv einzuschätzendes Qualitätsmerkmal, welches die Oper mit so manch anderem großen Werk jener Zeit teilt.


    Und deine Hinweise zur Interpretationsgeschichte auf Schallplatte möchte ich ergänzen um die Erwähnung einer Einzelaufnahme der vielleicht berühmtesten Arie der Oper, dem zutiefst tragischen "L'altra notte in fondo al mare.." der Margherita, der Szene, in der sie ihre Hinrichtung wegen Kindstötung und Vergiftung der eigenen Mutter erwartet, in der grandiosen Interpretation der bereits schwerkranken Claudia Muzio (1889 - 1936) aus dem Jahre 1935 - für mich eine der bewegendsten Aufnahmen, die je von einem Sopran gesungen wurden, und eine der wenigen Arien-Einzelaufnahmen, die für eine ganze Oper stehen können.


    Gruß
    Pylades

  • Unbedingt erwähnt werden müssen auch die Ausschnitte aus einer Liveaufführung mit Fjodor Schaljapin von 1928 aus Covent Garden. Er war einer der zentralen Interpreten in der Interpretationsgeschichte des Werks. Rubinstein erwähnt in seinen Memoiren den unvergeßlichen Eindruck, als er bei einer Open-Air-Aufführung, lediglich ein Trikot tragend, von einer Felswand ins Licht trat, überlebensgroß wirkend... Die Aufnahme vermag durchaus einiges von dieser Faszination mitzuteilen.

  • Ich habe keine Aufnahmen mit historischen Größen wie Schaljapin, von den Sängern die ich als Mefistofele gehört habe gibts für mich zwei die herausragen:
    Nicolai Ghiaurov und the one and only Samuel Ramey. beide hab ich oft auf der Bühne gehört, als Teufelchen war Ramey noch glaubhafter. Ich habe fast alle seine Wiener Auftritte gehört (diese Saison erst wieder in Les Contes d'Hoffmann) aber Mefistofele war neben Attila seine beeindruckendste Rolle. In einem Künstlergespräch an der WSO hat man ihn einmal gefragt warum er so oft und gerne Bösewichter singt - er hat mit seinem unvergleichlichem Grinsen geantwortet: "The bad guys have more fun"


    :jubel: :jubel: :jubel:
    LG
    Isis

  • Hallo Zauberton,


    herzlichen Dank für diese großartigen Eröffnungsbeiträge für eine Oper, die auch meiner Meinung nach etwas mehr Beachtung verdient hätte.


    Mir gefallen sowohl die Verarbeitung des Faust-Stoffes als auch die musikalische Umsetzung, diese eigenwillige Mischung unterschiedlicher Stile, sehr gut. Sehr lange kenne ich die gesamte Oper allerdings noch nicht und habe bisher erst eine Gesamtaufnahme: die unter Lorenzio Molajoli aus dem Jahre 1931.


    Der Grund dafür, gerade diese Aufnahme als erste zu erwerben, war eine Rundfunksendung, in der ich die Arie "L´altra notte" mit Mafalda Favero (wohl eine Einzel-Studioeinspielung) hörte. Ich war davon so begeistert, dass ich die Gesamtaufnahme unbedingt haben wollte. In der Gesamtleistung bleibt Favero allerdings auch meiner Meinung nach ein wenig hinter dem zurück, was ich mir von ihrer Rolleninterpretation versprochen habe - sehr gut gefällt mir allerdings auch das "Lontano, Lontano" mit ihr und Antonio Melandri. Dieser Sänger, den ich durch diese Aufnahme erst kennengelernt habe, gehört vielleicht nicht zu den herausragenden seiner Generation, ich höre seine Stimme jedoch sehr gern. Ein etwas differenzierteres Interpretieren der Rolle wäre allerdings schön gewesen.


    Von Nazzareno de Angelis bin ich ebenso wenig begeistert wie Du und könnte das, was Du über sein Rollenporträt schreibst, unterschreiben. Jens Malte Fischer hat sich da vielleicht wieder einmal von einer sinnlichen Prachtstimme überrrumpeln lassen ...


    Ein großes Plus ist für mich allerdings auch Giannina Arangi-Lombardi, die ich sowieso sehr gern höre.


    Schade, dass die Aufnahme mit Siepi und di Stefano unvollständig geblieben ist, aber wenn ich mir eine weitere Einspielung hole, wird es wohl diese sein.


    Eine sehr bewegende Einzelaufnahme von "L´altra notte" hat auch Maria Callas hinterlassen. Schade, dass sie die Rolle nie in einer Gesamtaufnahme gesungen hat.


    @ Pylades: Die Einzelaufnahme mit Muzio interessiert mich aus zwei Gründen: erstens mag ich sowohl ihre Stimme als auch ihr Singen (ich habe allerdings noch nicht viel mit ihr) und zweitens war sie das große Vorbild Mafalda Faveros.


    Liebe Grüße
    Petra

  • Ich hab vorhin vergessen: Danke Zauberton für den Thread. Mefistofele ist ein sehr eigenartiges und interessantes Werk, auf der Bühne immer ein wenig schwierig aber auf Tonträger sehr spannend. Meine erste Begegnung hatte ich über die Vinylplatte mit Del Monaco, gefestigt hat sich meine Begeisterung dann (siehe oben) über die Interpretationen von Sam Ramey.
    Gibt es eigentlich eine Aufnahme der originalen Fassung (ich glaube es war so ca. eine 6 Stunden Oper).


    LG
    Isis

  • Vielen Dank für den Rücklauf!


    Die Arie der Margherita ist wirklich ein intensives Charakterstück und einer der Höhepunkte der Oper. Die Aufnahme mit Claudia Muzio kenne ich leider auch nicht. Ich werde das aber sicher demnächst bei Gelegenheit nachholen. Auch von Favero kenne ich außer der Gesamtaufnahme nichts von Boito.


    Maria Callas habe ich eben noch einmal gehört. Die Aufnahme ist von 1954, also fast zum idealen Zeitpunkt entstanden. Callas war dann stimmlich noch ganz auf der Höhe und ihren Ausdruck hatte sie schon intensiviert. Ich könnte mir vorstellen, dass die Arie aufgrund der großen Intervalsprünge ziemlich anspruchsvoll ist. Auch die Triller werden von anderen Sopranen manchmal nur angedeutet. Callas meistert das für mein Empfinden alles technisch annähernd perfekt. Wie von ihr zu erwarten, ist Margherita bei ihr nicht bloß ein entrücktes Mädchen im Zustand der Selbstaufgabe, sondern relativ fraulich und selbstbewusst gesungen. Allzuviel Bruststimme ist aber nicht im Einsatz. Gefällt mir auch sehr gut!


    Wäre statt dieser Arie 1954 eine Gesamtaufnahme mit Siepi, Di Stefano, Callas und Serafin entstanden – das wäre doch was gewesen und hätte der Oper sicher einiges an Popularität gesichert.


    Eine recht gute alte Aufnahme der Margherita-Arie habe ich noch von Pia Tassinari gefunden (1933). Für Tassinari muss die Partie gut gelegen haben; sie konnte sich nie zwischen Sopran und Mezzo entscheiden. Ihre Arie ist nicht ganz so durchgestaltet wie bei Maria Callas, mit einem etwas gekünstelten Schluchzer am Schluss. Auch bei den Verzierungen ist sie nicht ganz perfekt, insgesamt macht sie das aber immer noch gut. Schön auch ihr "Lontano, lontano" in einer Aufnahme mit ihrem Ehemann Ferruccio Tagliavini (1950).


    Vielleicht höre ich in den nächsten Tagen mal weitere Einzelaufnahmen. Anregungen sind willkommen!


    Die Orignalfassung hat Boito übrigens, soweit ich weiß, vollständig vernichtet. Es existiert nur noch die überarbeitete Fassung für Bologna. Für diese Aufführung hat Boito dann zum Beispiel auch noch den Hexensabbat nachkomponiert.

  • Lieber Peter,
    die Aufnahme, die du ansprichst, ist die von 1958 unter Serafin.


    Lieber Zauberton,
    danke für den Thread über eine meiner favorisierten Opern, die leider im Repertoire der Opernhäuser unterrepräsentiert ist.
    Ich selbst habe mich ebenso ausführlich mit dem Werk beschäftigt, da ich die Szenen des Mefistofele in mehreren Konzerten gesungen habe.
    Für mich sind die Aufnahmen mit de Angelis, Neri und Siepi d i e Referenzen. Ghiaurov (live mit Tebaldi; Bergonzi) ist natürlich auch nicht zu vergessen.
    Das "L´altra notte" , von Claudia Muzio gesungen, besticht durch Innerlichkeit, spart auch Dramatik nicht aus.
    Allerdings sollte hierbei nicht vergessen werden, dass Muzio zur Zeit der Aufnahme gesundheitlich angeschlagen war.


    :hello:Heldenbariton

  • Lieber Zauberton,


    Vielen Dank für diesen Thread und besonders die sehr informative Einführung, die mich mobilisiert, diese Oper mal wieder zu hören.


    Wann immer ich sie höre, finde ich sie großartig, wenn auch nicht sehr eingängig. Tatsächlich verhält sich Boitos MEFISTOFELE zu dem FAUST von Gounod wie Boitos Libretto zu Verdis OTELLO zu dem von Rossini, den ich auch sehr mag, wenn er auch die tiefe Durchdringung des Stoffes durch Boito nicht einmal anstrebt, geschweige denn erreicht. Allerdings ist Verdi auch erheblich eingängiger als der Komponist Boito, der hinreißende musikalische Sätze schaffen konnte, sich mit griffigen Melodien aber wohl immer schwer tat. Nach mehrfachem Hören anderer Aufnahmen, die mich fasziniert, aber auch immer etwas ratlos hinterlassen haben, wurde ich schließlich von der Fernsehausstrahlung dieser Aufzeichnung aus San Francisco überwältigt und überzeugt, die ich inzwischen auch als DVD habe:



    Die Inszenierung Robert Carsens ist phänomenal und erschlägt fast die Musik, wäre da nicht Samuel Ramey in der Partie, die zu Recht wohl immer mit ihm verbunden bleiben wird. Das soll nicht die Leistungen anderer mindern, denn die kenne ich nicht gut genug um sie bewerten zu können. Festzuhalten ist aber, dass man Ramey nicht nur hören, sondern auch in dieser Fassung sehen sollte. Möge man mir deshalb vergeben, dass ich die Leistung Gabriela Benackovas zwar als sehr gut in ERinnerung habe, mir jedoch kaum mehr konkret vor Augen und Ohren führen kann, weil sich immer die Bilder Rameys und dieser Inszenierung davor schieben, die übrigens auch eine der besten Leistungen des Dirigenten Maurizio Arena enthält, der ansonsten meist wenig mehr als ein ordentlicher Kapellmeister ist.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Was hat diese Oper von unseren Spielplänen vertrieben?


    Vielleicht ist sie zu sentimental?


    Dass Goethe übel mitgespielt wurde, dürfte die Oper wenig gestört haben.Aber die allzu sentimentale Mignon findet niemand mehr bewundernswürdig, den Harfner, der jammernd in die Saiten greift, ebensowenig.
    Die heiter-koketten Szenen der Philine würden mir schon eher zusagen.
    Aber sie spielen in dieser Oper nur eine Rolle am Rande.



    Ich habe da nur eine LP Querschnitt, der DG:


    Mignon,


    Mignon - Anny Schlemm
    Wilhelm Meister - Lorenz Fehenberger,
    Philinne - Rita Streich,
    Lothario - Toni Blankenheim.


    Dirigent: Ferdinand Leitner.



    Muss auch schon in den 60er Jahren aufgenommen worden sein, aber die Arie der Philinne "Titania ist herabgestiegen" ist doch schon, an sich hörenswert, besonders Rita Streich ist da blendend.


    Die Aufnahme ist in deutscher Sptrache.


    Liebe Grüße Peter aus Wien.

  • Als ich mir vor ca. 20 Jahren den ersten Mefistofele kaufte, den ich vorher nicht kannte, war ich sprachlos vor Überraschung.


    Es war dieser:



    Dann folgten:



    und



    Bei letzerem bin ich dann hängengeblieben. Smual Ramey ist in dieser Rolle überragend und auch Dennis O´Neill macht seine Sache nicht schlecht.


    :jubel: :jubel: :jubel:


    LG
    Jolanthe

  • Eigentlich hatten wir den ZDF-Kulturkanal schon abgeschrieben, aber ab und zu kommt da doch mal was gescheites 'rüber:
    Donnerstag, 04.08.2011 - 15:10 - 17:40 Uhr


    Arrigo Boito
    Mefistofele

    mit Ferruccio Furlanetto, Giuseppe Filianoti, Dimitra Theodossiou, Sonia Zaramella,
    Teatro Massimo Orchestra,
    Dir. Stefano Ranzani
    Die Inszenierung von Giancarlo Del Monaco setzt den Kampf zwischen Gut und Böse in einer provokanten optischen Mischung aus Expressionismus und Las Vegas-Look um. Die Opern-Faust-Adaption wurde in der Presse als absorbierendes Theatererlebnis und musikalische wie szenisch dichte Produktion hochgelobt.


    Länge: 150 min
    Oper, Italien, 2008


    Gibt es im Handel auch als DVD:


    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Als Fürsprecher der leistungsfähigen Provinz möchte ich an die Inszenierung des "Mefistofele" in Gelsenkirchen in der abgelaufenen Spielzeit erinnern. Ich kannte die Oper nur aus dem Opernführer meiner Kindheit, wo sie als Stücke des Verdi-Librettisten Boito abgetan wurde. Aber "the proof of the pudding is the eating": Inszenierung und Musik des Mefistofele fand ich hinreißend, viel besser als die ja hier stets gerühmte, von mir aber zutiefst gehasste "Lucia di Lammermoor".

    In keiner Gegenwart kann gewusst werden, wie sie hätte anders werden können, als sie geworden ist (Jörg Maurer).

  • Der gestern im ZDF-Theaterkanal gezeigte "Mefistofele" war für meine Begriffe im allgemeinen akzeptabel, da sich der Regisseur (Giancarlo del Monaco) im Ablauf der Handlung an das Libretto hält. Über die bildliche Umsetzung kann man geteilter Meinung sein und ich würde von denen, die sie gesehen haben auch gerne erfahren, was sie davon halten. Meine Meinung im Einzelnen:
    Bild 1: Die nebelartigen Regionen des Weltalls sind eigentlich recht gut angedeutet. Allerdings kann ich mir auf den Stuhl, den Mefistofele darin herumschwenkt, keinen Reim machen.
    Bild 2: Das Fest vor den Stadttoren Frankfurts trifft zwar den Inhalt der Szene, aber mancher Regieeinfall passt so garnicht zum Text. So fordert Faust Wagner auf:" Setzen wir und auf diesen Stein" und setzt sich auf den Rand des Karussels. Ebenso stellt Faust fest, dass ein grauer Mönch durch die Felder streicht, dieser turnt aber in Wirklichkeit im Karussel.
    Bild 3: Das Studierzimmer verfehlt nach meiner Ansicht die Wirkung nicht: hoch, düster, kalt.
    Bild 4: Man sieht tatsächlich einen Garten
    Bild 5: Die Walpurgisnacht ist hinnehmbar, wenngleich die mit vielen bunten Lichtern versehenen Wände recht übertrieben wirken. Eine Walpurgisnacht auf dem Brocken, von der Mefistofele ja redet, stelle ich mir allerdings anders vor.
    Bild 6: Der Kerker wirkt durchaus auch ohne Kulisse.
    Bild 7: Die klassische Walpurgisnacht in einer Las-Vegas Kulisse mit dem vielen Lichtgeflacker und der Troja-Reklame wirkte auf mich völlig deplatziert, vor allem, als Helena in ihren Erinnerungen an Troja schwelgte.
    Bild 8: Das Schlußbild erschien mir angemessen.
    Die Tonqualität und -stärke war - zumindest bei mir, und ich habe schon über die Stereoanlage gehört - recht unausgeglichen, sodaß vielleicht einiges von den Stimmen, die ich persönlich an den verständlicheren Stellen recht gut fand, verloren ging.
    Und da würde ich gerne von euch mehr erfahren.


    Liebe Grüße
    Gerhard :hello:

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Hallo, Gerhard!


    Giancarlo del Monaco habe ich in Bonn einige Jahre als Regisseur erlebt. Außer das er excellente Sänger nach Bonn holte, wurde er für seine außergewöhnlich guten Inszenierungen gelobt. Obwohl das schon 20 Jahre her ist, wird er wohl immer noch einer der Besten seines Fachs sein.



    Herzlichst


    Wolfgang

  • Arrigo Boito (* 24. Februar 1842 in Padua; † 10. Juni 1918 in Mailand, eigentlich: Enrico Giuseppe Giovanni Boito) war ein italienischer Schriftsteller, Librettist und Komponist.


    [timg]http://upload.wikimedia.org/wi…b/Arrigo_Boito.jpg;Arrigo Boito (Wikipedia)[/timg]Arrigo Boito war der zweite Sohn des Miniaturmalers Silvestro Boito (1802–1856) und der Giuseppina Boito, geb. Józefa Radolinska, einer verwitweten polnischen Gräfin. Bereits mit neun Jahren verfasste „Enrichetto“ erste Kompositionen.
    Am 5. März 1868 erschien seine erste Oper „Mefistofele“ (nach Goethes Faust. Eine Tragödie.) an der Mailänder Scala und fiel durch.
    Als Komponist wurde er besonders von Ludwig van Beethoven und Richard Wagner beeinflusst. Ihm schwebte eine Synthese deutscher und italienischer Kunst vor. 1869 übersetzte er Richard Wagners Rienzi ins Italienische.
    1874 verfasste er für Amilcare Ponchielli (1834–1886) das Libretto zu La Gioconda, die am 8. April 1876 an der Scala uraufgeführt wurde.


    In den folgenden Jahren widmete Boito sich hauptsächlich der Dichtkunst und Übersetzungen. 1876 übersetzte er Wagners Tristan und Isolde (italienische Erstaufführung 2. Juni 1888 in Bologna) und die Wesendonck-Lieder. Ebenfalls von Boito stammt die Übertragung des Freischütz von Carl Maria von Weber.
    Im Sommer 1879 skizzierte er für Verdi das Textbuch für Otello, dessen ersten Entwurf der Komponist am 18. November 1879 erhielt. 1880/81 arbeiteten beide dann an der Neufassung von Simon Boccanegra. 1889 begann Boito die Arbeit am Textbuch zu Verdis letzter Oper Falstaff. Am 9. Februar 1893 feierte er mit der Uraufführung des Falstaff den letzten großen Triumph seines Lebens. Bis zu Verdis Tod war er mit dem Komponisten freundschaftlich verbunden.


    Er starb am Morgen des 10. Juni 1918 76jährig in Mailand, heute vor 95 Jahren. Seine unvollendet hinterlassene Oper "Nerone" wurde erst 1924 von Toscanini uraufgeführt:



    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)


  • Zwar keine Gesamtaufnahme der Oper, aber zumindest der Prolog aus "Mefistofele" wurde von Leonard Bernstein vorgelegt. Die Einspielung entstand im April 1977 im Großen Musikvereinssaal in Wien. Mit Nicolai Ghiaurov hatte man einen prominenten Bassisten engagiert, der auch kaum Wünsche offen lässt. Es singen die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor und die Gumpoldskirchner Spatzen. Der eigentliche Star der Aufnahme sind aber die Wiener Philharmoniker unter Bernstein. Ich behaupte mal, besser kann das orchestral nicht klingen. Zumindest wäre mir keine Aufnahme bekannt. Die meisten der Gesamtaufnahmen haben mich grad hier enttäuscht (am besten würde ich da noch die von Julius Rudel ansehen). Fulminanter und effektvoller kann der berühmte Schlusschor des Prologes nicht herüberkommen. Spitze! Leider wurde keine Gesamteinspielung der Oper daraus, aber immerhin.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • In der Tat, lieber Joseph, hier geht schon die Post ab. Ein typischer Bernstein. So wie er ihn macht, kann der Prolog durchaus einzeln stehen. Ich finde ja, dass er alles Pulver verschießt. Oft habe ich mich gefragt, was nun noch kommen soll. Bei Bernsteins Intepretation muss ich immer an das Ende der Achten von Mahler denken. Andere Dirigenten, die nicht ganz so effektvoll und pompös sind, nehmen den Prolog etwas opernhafter und transparenter. Leider sind die älteren Aufnahmen technisch auf der dürren Seite. Wenn ich mich aber berauschen will, dann höre ich auch Bernstein. :)

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Das ist ein bedenkenswerter Gedanke, lieber Rheingold. Er leuchtet mir auch ein. Um ehrlich zu sein: Ich dachte mir schon öfter: Dieser Prolog wäre auch ein sehr brauchbares Finale. Fast ist es so, als nähme Boito damit das Beste gleich vorweg. Toscanini scheint ja auch eine große Bewunderung für den Prolog gehabt zu haben. Ich weiß nicht, ob er jemals die komplette Oper dirigierte. So seltsam es klingen mag: Er steht sehr gut für sich allein da, wie der erste Akt der "Walküre". Vielleicht sah Bernstein das ja ähnlich.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ich hab Mephistophele leider nur zwei mal live gesehen. Einmal an der Met und dann in Gelsenkirchen Die Oper ist für jeden Chor eine Herausforderung. Mein Lieblings Mephistophele ist Samuel Ramey. Zur Zeit wird der Mephistophele wieder an der Met gespielt und auch per livestream und Samstags Nachmittags Matinee im Radio übertragen. Ich finde ja den Epilog packender

  • Andere Dirigenten, die nicht ganz so effektvoll und pompös sind, nehmen den Prolog etwas opernhafter und transparenter. Leider sind die älteren Aufnahmen technisch auf der dürren Seite.

    Lieber Rheingold, lieber Joseph II!
    Da kann ich Eurer Wertschätzung für die singuläre Aufnahme unter Bernstein nur zustimmen! Trotzdem möchte ich auf die Szenenfolge aus Mefistofele unter Silvio Varviso hinweisen. Dürr klingt die eigentlich nicht. Natürlich schlanker und weniger grandios.
    Lohnend aber sind die Aufnahmen vor allem, weil hier Szenen des Mefistofele eingespielt sind, in denen auch Faust zu hören ist. Der Faust ist Franco Tagliavini und wie der sich auf Ghiaurov einstellt und mit ihm harmoniert, ist höchst lobenswert.



    Beste Grüße


    Caruso41

  • Ich hab Mephistophele leider nur zwei mal live gesehen. Einmal an der Met und dann in Gelsenkirchen Die Oper ist für jeden Chor eine Herausforderung. Mein Lieblings Mephistophele ist Samuel Ramey. Zur Zeit wird der Mephistophele wieder an der Met gespielt und auch per livestream und Samstags Nachmittags Matinee im Radio übertragen. Ich finde ja den Epilog packender


    Lieber rodolfo,
    auch bei mir ist Mefistofele weit, weit vorn. Leider habe ich es verpaßt, vor einigen Jahren nach Erfurt zu fahren, da stand sie auf dem Spielplan. Allerdings war ich damals auch noch kein so großer Anhänger dieser Oper, denn ich kannte die Inszenierung aus San Francisco mit dem überragenden und faszinierenden Samuel Ramey und dem wunderbaren Denis O´Neill noch nicht. Seit ich diese Blu ray habe, bin ich fasziniert. Beim Epilog und dem aufregenden Auftritt dieser beiden war ich schockiert und gefangen zugleich, so mitgenommen hat mich die Musik, ihre Kraft und auch die symbolträchtige Verwandlung der Bühne. Musikalisch hatte ich dieses Finale in einem anderen Thread schon mit der 8. von Mahler verglichen. Überaus gewaltig und packend. Ramey ist auch für Frauen ein Hingucker.
    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.