Dimitar Nenov, zweite Sinfonie

  • Moin zusammen,


    ich höre gerade ein Stück, von dem ich bis heute nicht mal den Namen des Komponisten kannte :pfeif:


    Es handelt sich um die zweite Sinfonie des Bulgaren Dimitar Nenov. Nenov lebte von 1901 bis 1953 und war u. a. Schüler des hier gelegentlich schon erwähnten Pantscho Wladigerov. Über viele Jahre unterrichtete er am Konservatorium in Sofia, bis er 1944 durch das kommunistische Regime seiner Position enthoben wurde - aufgrund des Vorwurfs, Klaviermusik von Richard Wagner aufgeführt zu haben. Er wurde jedoch bald rehabilitiert, als sich herausstellte, daß es keine Klaviermusik von Wagner gibt :P


    Die monumentale (54 Minuten) zweite Sinfonie, die ich gerade höre (in einem Mitschnitt mit dem bulgarischen Radio-Sinfonieorchester unter Leitung von Milen Natschev) ist, soweit ich es bisher einschätzen kann, eine durchaus eigenwillige Mischung: Man findet dort spätromantisch anmutende choralartige Blechbläserakkorde, die man sich bei Bruckner oder R. Strauß vorstellen könnte, aber auch Passagen, die von der leichten Abwandlung eines über längere Zeiträume wiederholten Grundgerüsts leben und damit schon in Richtung der Minimal Music zeigen könnten. Manchmal türmt Nenov das üppig eingesetzten Blech zu archaisch anmutenden Klang"burgen", wie man sie vielleicht von Nielsen oder Janaceks "Sinfonietta" kennt.


    Insgesamt ist die Sinfonie sehr getragen und strahlt eine große Ruhe und Ausgeglichenheit aus, manchmal fast ein wenig "meditativ". Es gibt bestimmt Hörer, die so etwas "langatmig" finden, aber mir gefällt dieses Stück.


    Liebe Grüße aus dem Norden, Ralf

  • Hallo Ralf,


    ich kenne Nenow nur dem Namen nach, daher kann ich nicht viel dazu sagen. Allerdings steht in der MGG, dass der Anlass für seine Entlassung die Reformen im Ausbildungssystem 1946 waren. Ich habe das von dir geschilderte Anekdötchen allerdings in der englischen Wikipedia wiedergefunden. Zumindest wäre ich vorsichtig damit, so etwas vorbehaltlos zu glauben - der Wikipedia-Artikel erscheint mir letzlich etwas tendenziös.


    Leider kannst du keine PNs empfangen - schau mal in mein Profil; da habe ich meine E-Mail-Adresse hinterlassen. Schreib mir mal, ich hätte da eine Frage...


    Viele Grüße
    Holger

  • Moin, Holger,


    sorry, daß meine Mailadresse im Forum nicht zu sehen war, das habe ich inzwischen korrigiert.


    PN habe ich bewußt abgestellt, da ich mich nur sporadisch im Forum aufhalte und es unhöflich fände, auf eine PN nicht zeitnah zu antworten. Deshalb ist es besser, wenn Du (man) mir direkt per Mail schreib(s)t. Die Adresse müßte jetzt sichtbar sein.


    Mir ist schon klar, daß Wikipedia-Eintragungen nicht unbedingt vollständig oder auch nur richtig sein müssen, aber etwas Besseres habe ich gestern auf die Schnelle nicht mehr finden können. Ich werde künftig, wenn ich solche Angaben verwende, die Quelle dazuschreiben, damit man sich wenigstens einen Reim auf deren Seriosität machen kann ;)


    Wenn Du noch Fragen per Mail hast, nur zu - Mailadresse sollte jetzt unter dem Beitrag klickbar sein.


    Eine Frage habe ich aber auch: Was ist die "MGG"?


    Gruß aus dem Norden, Ralf

  • Hallo Ralf,


    "MGG" ist die Abkürzung für "Die Musik in Geschichte und Gegenwart", das umfangreichste deutschsprachige Musiklexikon, dessen Neuauflage kürzlich fertiggestellt wurde. Es besteht aus insgesamt 9 Bänden Sachteil und 17 Bänden Personenteil - mit anderen Worten, man findet dort schon eine ganze Menge Informationen auch über sehr unbekannte Komponisten wie eben Nenow. Natürlich sind dort ebenfalls mitunter Fehler zu konstatieren (ein paar habe ich schon bemerkt!), aber generell ist diese Quelle natürlich schon als relativ sicher zu werten.


    Viele Grüße
    Holger

  • Hallo,


    nachdem ich dieses Werk nun auch kennenlernen durfte, ein paar Kommentare meinerseits.


    Zunächst einmal bin ich mir sehr sicher, dass es sich um Nenows Erste Sinfonie handelt - nach Angaben der MGG hat er seine Zweite Sinfonie mit dem Untertitel "Poem über die bulgarische Erde" nämlich überhaupt nicht beendet. Dagegen stammt die Erste aus dem Jahr 1922; die MGG schreibt über sie: "Die 1. Symphonie, in der er acht Waldhörner, fünf Trompeten und eine erweiterte Schlagzeuggruppe verwendet, evoziert eine ekstatische Atmosphäre." Das passt schon sehr gut, auch wenn ich die Musik vielleicht weniger als ekstatisch, sondern vielmehr als breit, getragen und monumental bezeichnen würde. Ralf hat mit seiner Schilderung schon einen ganz guten Eindruck vermittelt. Wenn man zudem noch der MGG hinsichtlich Nenows stilistischer Entwicklung Glauben schenkt (spätromantischer Beginn, später teilweiser Bruch mit der Tonalität und Orientierung an Bartók und Strawinski), halte ich es für hochgradig wahrscheinlich, dass es sich bei dem mir vorliegenden Werk um die Erste Sinfonie handelt.


    Die Sinfonie ist viersätzig mit einem langsamen Schlusssatz, der allein schon 20 Minuten in Anspruch nimmt, wobei eigentlich alle Sätze ziemlich langsam sind. Selbst das vermeintliche "Presto"-Scherzo neigt immer wieder zu Vebreiterungen. Die Musik ist tonal, aber eine Haupttonart ist nicht so eindeutig zu bestimmen - in Frage kommen E-Dur, cis-moll und Cis-Dur; in letzterer Tonart endet die Sinfonie. Sicherlich lebt die Sinfonie von ihren Stimmungen, ihrer Atmosphäre, dem üppigen spätromantischen Klangcharakter. Ein wenig erinnert sie mich ja an die Erste Sinfonie von Hermann Bischoff, bei CPO herausgekommen. Insgesamt eine lohnenswerte Entdeckung, da kann ich Ralf wirklich zustimmen.


    Viele Grüße
    Holger