Mystischer Abgrund oder Blick ins Herz der Musik: Der Orchestergraben

  • Liebe Forianer,


    Richard Wagner sprach vom Orchestergraben als "mystischem Abgrund" und er machte deshalb in Bayreuth einfach mal "den Deckel druff", damit niemand mehr den Musikern bei der Ausübung ihrer Tätigkeit zuschauen kann ... Ich selbst war (leider, leider) noch nicht in Bayreuth bei den Festspielen, deshalb habe ich auch noch nie die Erfahrung des "unsichtbaren Orchesters" gemacht. Das aber nur vorne weg. Worum es in diesem Thread eigentlich gehen soll: Was hat der Orchestergraben für Euch für eine Bedeutung? Konzentriert Ihr Euch in der Oper immer ausschließlich auf das Geschehen auf der Bühne oder beobachtet ihr auch die Musiker im Orchestergraben? Stört es Euch, wenn die Bewegungen des Orchesters in Eurem direkten Blickfeld liegen oder würde Euch was fehlen, wenn Ihr nichts davon seht? Wie würde für Euch ein idealer Orchestergraben aussehen? Gibt es Opernhäuser, die einen Orchestergraben haben, der sich auf irgendeine Weise besonders positiv oder negativ hervortut?


    Best, F. :beatnik:

  • Das könnte ein spannender thread werden, lieber Florian!



    Ich sitze schon immer am liebsten so, dass ich auch das Orchester und den Dirigenten gut sehen kann - anders würde mir an einem Opernabend etwas fehlen.


    Als ich währen meines Studiums im Einlassdienst des Passauer Theaters jobbte (ja, ich ließ mich dafür bezahlen, in die Oper zu gehen ;) ), hatte ich Gelegenheit, einige Inszenierungen SEHR häufig zu sehen, und nutze es dann natürlich, um mir auch ein Bild davon zu machen, was im - damals noch sehr beengten Graben - passierte: spannend!


    Für mich besteht Oper nicht nur aus dem Geschehen auf der Bühne - der Graben gehört unbedingt dazu.


    LG, Elisabeth

  • Zitat

    Original von Elisabeth
    Für mich besteht Oper nicht nur aus dem Geschehen auf der Bühne - der Graben gehört unbedingt dazu.


    Dem kann ich nur beipflichten, liebe Elisabeth.


    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ja, auch ich bekenne mich hiermit als regelmäßiger Orchestergraben-Voyeur :O ;) Allerdings würde ich gerne mal in Bayreuth die Erfahrung machen, gezwungenermaßen nichts zu sehen. Gerade für bestimmte Teile von Wagners Musik (z.B. Lohengrin oder Parsifal-Vorspiel) hat das bestimmt eine ganz eigene, faszinierende Wirkung, wenn die Musik einfach so aus dem "Nichts" den Raum füllt. Generell kann ich Elisabeth aber auch zustimmen, dass der Oper etwas fehlen würde, wenn der Orchestergraben nie zu sehen wäre. Ich finde, die Möglichkeit, der Musik bei der "Entstehung" zuzusehen / zuzuhören hat ein reflexives Moment, das man in bestimmten Situationen vielleicht als störend empfinden mag, andererseits aber auf jeden Fall auch sehr spannend ist.


    Best, F. :beatnik:

  • Für mich gehört der Graben einfach auch dazu.
    Es ist immer sehr interessant die Orchestermitglieder
    und den Dirigenten zu beobachten.
    Das macht mir überhaupt keine Probleme die Bühne und
    das Orchester zu beobachten.
    Das kann manchmal sehr witzig sein und gehört für mich
    einfach dazu.


    Rita

  • Noch ein kleiner Nachtrag: Dieser Thread kann auch gerne dazu dienen, lustige oder ungewöhnliche Ereignisse aus dem Orchestergraben zu schildern, die Ihr erlebt habt :D


    Best, F. :beatnik:

  • Natürlich gehört das Orchester samt Graben einfach dazu. Im letzten Jahr war ich bei den Neustrelitzer Schlossfestspielen. Das sind Open Air Veranstaltungen. Das Orchester sass auf einer zweiten Bühne neben der eigentlichen Bühne. Leider haben sich die Musiker versteckt. Die Bühne für die Musiker war aus gutem Grund überdacht und mit Seitenwänden versehen, so dass man nur von vorne einen Blick hineinwerfen konnte, wenn man konnte. Vor der Bühne standen nämlich mehrere große Bäume. Ich habe mir also den Hals ausgerengt, um auch mal den Dirigenten und das Orchester zu erspähen.


    Eine zweites Beispiel. In Stralsund wird jährlich im Sommer eine Oper auf einer besonderen Bühne aufgeführt. Es ist eine Schiff. Die Musiker spielen unter Deck und die Protagonisten und der Chor über Deck. Das Schiff ist so umgebaut, das man die Musiker unter Deck sehr gut sehen kann. Nur leider muss der Dirigent im Regen stehen. Irgendwie sah das im letzten Jahr ganz lustig aus. Der Dirigent stand im Regenmantel und Regenhut vor dem im trockenen sitzenden Orchester und hat mit einem Scheibenreiniger die Glasscheibe seines Dirigentenpultes gesäubert. Die Veranstaltung mußte übrings abgebrochen werden. Dadurch habe ich die Oper 1 1/2 mal gesehen.




    Hier ein Bild der Schiffsbühne.



    LG


    Maggie

  • Liebe Maggie!
    Wow! Das ist ja echt abgefahren, Oper auf nem Schiff! 8) Das würde ich auch mal gerne erleben :yes: Leider wohn ich weit weg von größeren Gewässern, die so etwas erlauben würden ... :( Was war das denn für ne Oper? Wohl nicht der "Fliegende Holländer", oder?


    Best, F. :beatnik:

  • Oft kann man ja zumindest einige Spieler sehen, was es erforderlich macht, dass die die MusikerInnen in Festgarderobe erscheinen. Das dürfte gerade im Sommer ziemlich strapaziös sein.


    In Bayreuth, so neulich eine Reportage zum Thema, erlaubt der "Abgrund" wenigstens Freizeitkleidung. Die Bedingungen bleiben trotzdem mörderisch, Klaustrophobien darf man wohl nicht haben. Aber wie auch immer, die dort tätigen OrchestermusikerInnen, die aus verschiedenen renommierten Orchestern zusammenkommen, um die Sommerpause zu überbrücken, bekunden, dass sie stolz sind auf dieses Engagement.


    LG
    :hello:
    Ulrica

  • Liebe Ulrica,
    ja, das mit der Freizeitkleidung in Bayreuth wurde mir bei einer Führung durch das Haus (und den Orchestergraben :D) auch erzählt. Die sitzen da im Sommer oft in kurzer Hose und T-Shirt und schmeißen sich nur in Schale, wenn's auf die Bühne geht ;) Wir hörten auch noch eine andere lustige Anekdote: Einmal gab es sehr langen Applaus für das Orchester, bis irgendwann einer aus der ersten Zuschauer-Reihe aufstand, von der Seite reinguckte und festgestellt: Da hockt ja gar keiner mehr! :D
    Und ja, in Bayreuth darf man als Musiker wirklich nicht klaustrophobisch veranlagt sein. Besonders nicht, wenn man im hinteren, abgesenkten Teil des Grabens sitzt (da gehören glaub ich die Blechbläser dazu). Die Führung damals durch den Orchestergraben war wirklich sehr interessant. Es wurde uns auch erzählt, dass einige führende Dirigenten mit dem Deckel und der ungewöhnlichen Sitzordnung des Orchesters nicht zurechtkamen und deshalb nur wenige Aufführungen dort dirigierten. Karajan scheint es nicht gefallen zu haben, dass man ihn durch den Deckel nicht sehen konnte :rolleyes: Andere wiederum nutzen die Unsichtbarkeit, indem sie mal ganz locker und bequem sitzend dirigierten (soll dem alten Knappertsbusch auch sehr entgegen gekommen sein ...).


    Best, F. :beatnik:

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  • Zitat

    Original von Diabolus in Opera
    Liebe Maggie!
    Wow! Das ist ja echt abgefahren, Oper auf nem Schiff! 8) Das würde ich auch mal gerne erleben :yes: Leider wohn ich weit weg von größeren Gewässern, die so etwas erlauben würden ... :( Was war das denn für ne Oper? Wohl nicht der "Fliegende Holländer", oder?


    Best, F. :beatnik:


    Lieber Florian,


    es war Hoffmanns Erzählungen. In diese Jahr wird es La bella musica "www.ostseefestspiele.de/programm-ostseefestspiele". Eine vollständige Oper wäre mir lieber gewesen.


    LG


    Maggie

  • Für mich gehört der Blick in den Orchestergraben ebenfalls dazu. Sitze ich mal so, dass ich das Orchester nicht sehen kann, fehlt mir was.


    Apropos Hoffmann, als ich vor einigen Monaten den Hoffmann an der Hamburgischen Staatsoper sah, konnte ich an einer Stelle der Oper - ich glaube, es war in der Barcarolle - miterleben, wie einem der Holzbläser - der Piccolo-Flötist? - dieses sich ewig wiederholende immergleiche Gedudel gehörig auf die Nerven fiel. Er verhohnepiepelte die zu spielende Stelle, indem er nicht nur mit seinem Sitznachbarn Faxen machte und übermäßig hin und her schunkelte, sondern sogar betont lässig und unangestrengt spielte, z. B. nur mit einer Hand. Für mich, der ich mich als Eingeweihter fühlen durfte, ein herrlicher Spaß.


    Nicht verhehlen möchte ich dann noch, dass die Hamburger Philharmoniker, also das Orchester der Staatsoper, eine Cellistin haben, der ich beim musizieren ausgesprochen gern zusehe.


    Viele Grüße
    Thomas

  • Zitat

    [i]Dieser Thread kann auch gerne dazu dienen, lustige oder ungewöhnliche Ereignisse aus dem Orchestergraben zu schildern, die Ihr erlebt habt :D


    Ich kenne eine Orchestermusikerin, die an einer Carmen-Aufführung beteiligt war. Der Regisseur ließ im ersten Akt vor der Zigaretten-Fabrik einige Akteure Fußball spielen. Er wollte, dass der Ball schlussendlich nach vorne zu kicken sei, d.h. das Spielgerät landete stets im Orchestergraben. Die Interventionen der derart attackierten Musiker brachten nichts: Der Ball muss nach vorne geschossen werden, so der Regisseur. Die Konsequenz dieser Nichteinigung: Man sah das Orchester bei der Premiere unter einem Fangnetz spielend...


    LG
    B.

  • Hallo Barbirolli,

    Zitat

    Man sah das Orchester bei der Premiere unter einem Fangnetz spielend...


    ja, so etwas ist tatsächlich normal.


    Es war eine Hoffmans-Erzählungen Aufführung vor ein paar Jahren.
    Da flog tatsächlich ein von der Bühne geschossener Fußball genau zwischen mich und meinen Kollegen.Wäre die Kugel genau auf einem unserer Instrumente aufgeschlagen mit nicht zu unterschätzenden Folgen, wäre ich Amok gerannt-wirklich.


    Es handelt sich nun einmal um meinen Privatbesitz, und dieser ist teuer.


    Danach kam dann endlich das Fangnetz.



    Zitat

    Die Interventionen der derart attackierten Musiker brachten nichts: Der Ball muss nach vorne geschossen werden,


    Dieser Regisseur ist ein Idiot und gehört geschlachtet.


    Ich hatte schon Rotweinflecken, Kerzenwachs und alles mögliche andere auf meinem Instrument:
    Popel, Schweiß u.ä. vom Dirigenten (wirklich) .


    Früher hat es in diesen Sauladen auch immer hereingeregnet (50er Jahre Flachdach)............ :D


    Und ja-natürlich machen wir Jokes da unten, früher, als der Graben sehr klein und nicht besonders einsehbar war, wurde auch Karten gespielt.


    Da ist nichts mystisches, nur etwas sehr, sehr beengendes.
    Wo sind eigentlich die Fluchtwege?
    Mich als Sardine würde das schon interessieren. :D


    ?( ?( ?( ?( ?( ?( :boese2:



    Aber es interessiert mich nicht so stark, da nämlich das Haus dann eigentlich geschlossen werden müßte. :pfeif:

    Zitat

    Noch ein kleiner Nachtrag: Dieser Thread kann auch gerne dazu dienen, lustige oder ungewöhnliche Ereignisse aus dem Orchestergraben zu schildern, die Ihr erlebt habt


    Das wird unausweichlich von meiner Seite aus so sein.



    LG,
    Michael

  • Zitat

    Original von Michael Schlechtriem


    Mit Wasser gefüllt und einem Sprungbrett daneben.........
    :untertauch:


    :angel:


    Hallo Michael,


    dem Bild nach zu urteilen bist Du in Besitz eines tragfähigen Holzinstruments, das Dir in einem gefluteten Orchestergraben das Leben retten kann. Was machen aber z.B. die HOLZ( :D )-bläser??? :wacky:


    Beste Grüße, Florian

  • Zitat

    Was machen aber z.B. die HOLZ( )-bläser???


    Keine Ahnung, aber es ist zu ihrem besten................ :D
    :stumm:


    LG,
    Michael


    [SIZE=7]Und nie mehr zweite Liga, das werden wir noch sehen.......[/SIZE] :stumm: :angel: :untertauch: :pfeif:

  • Zitat

    Original von Michael Schlechtriem
    Danach kam dann endlich das Fangnetz.


    Ja, von dem Fangnetz weiß ich auch an einem Opernhaus, bei dem es eingeführt wurde, nachdem es bei einem "Auswärtsspiel" zu einem unerfreulichen Zwischenfall kam. 8o
    Den Regisseuren ist es oft ein ästhetischer Dorn im Auge, aber es hilft nix ... das Ding bleibt dran! Aber das Fangnetz hilft ja auch nur bei größeren Gegenständen, oder? Mit Messern wirft man besser nicht um sich ... :no: :D


    Best, DiO :beatnik:

  • Zitat

    Original von Diabolus in Opera
    Noch ein kleiner Nachtrag: Dieser Thread kann auch gerne dazu dienen, lustige oder ungewöhnliche Ereignisse aus dem Orchestergraben zu schildern, die Ihr erlebt habt :D


    Best, F. :beatnik:


    Dann mach ich das mal :D


    Jaques Offenbach " Die schöne Helena " im Theater Wolfsburg.
    Im 2. Akt ; Der Paukist der sich aber auch um Schellenkranz, Triangel kümmerte hatte bestimmt 15min nix zu tun, und da hat er einfach den Schellenkranz genommen, ist aufgestanden und schleicht sich beim spielenden Trompeter an und schlägt direkt an seinem Ohr auf den Kranz. Der Trompeter erschreckte sich anscheinend sehr, denn der nächste Ton war so ziemlich falsch. Auch der Dirigent warf der Paukist einen nicht netten Blick zu , doch die meisten im Orchester grinsten sich schon einen.




    Zur Frage Orchestergraben.


    Für mich muss bei jeder Aufführung schon das Orchester zu sehen sein ( daher geh ich auch nicht in das Ballett in unserer Nähe, da dort nur Tonbandmusik abgespielt wird ). Ich finde es immer interessant zu sehen welche Instrumente druch welches Zeichen des Dirigenten spielen. Auch möchte ich immer den Dirigenten sehen, in der Hoffnung aus seinen Bewegungen etwas für später zu lernen. Auch ist es wie oben beschrieben schon öfter zu einem kleinen Scherzchen gekommen was natürlich auch immer ganz nett ist.
    Gruß Chrissi

  • Zitat

    Original von Diabolus in Opera
    Noch ein kleiner Nachtrag: Dieser Thread kann auch gerne dazu dienen, lustige oder ungewöhnliche Ereignisse aus dem Orchestergraben zu schildern, die Ihr erlebt habt :D


    Karlsruher Inszenierung von Händels 'Radamisto' (24.02.2009)


    Es sollte dem Wunsch gefolgt werden, die Oper ganz ‚original’ barock darzubieten. Die Originalität sollte Bühnenbild, Kostüme, Ballette, Choreographie und Regie umfassen. Für die musikalische ‚Wahrheit’ sorgte vertrauensvoll das Ensemble Deutsche Händelsolisten. Nun, die Kostüme waren fantastisch und an Stiche der Uraufführungszeit angelehnt, die Bühnenbilder (es gab pro Akt 3 Szenenwechsel, per summa also 9 verschiedene Designs) liebe- und kunstvoll gemalt.


    Highlight im wahrsten Wortsinn war die Bühnenbeleuchtung: Die Versorgung mit Licht erfolgte über vier bis sechs (je nach Scene) Kronleuchter, welche mit echten Kerzen bestückt waren und eine sehr angenehme Atmosphäre schufen. Dadurch wirkten alle Acteure des Geschehens als ein Teil des Ganzen – niemand stand also im besonderen Rampenlicht. Quasi als Ironie des Schicksals fiel gleich zu Beginn des 2. Aktes stellenweise das elektrische Licht im Orchestergraben aus und konnte trotz mehrfacher Versuche, dies während der Aufführung wieder in Dauerfunktion zu bringen, erst wieder mit Beginn des 3. Aktes seine vollen Dienste leisten (tja, mit Kerzen wär’ das nicht passiert).


    :beatnik:


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

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  • Der Bayreuther Schalldeckel ist schon eine feine Sache. Der Gesamtklang ist schlicht fantastisch und erzielt eine musikalische Wirkung, die man bei Wagner andernorts nicht findet. Jimmy Levine soll diese Einrichtung für sich persönlich sehr angenehm empfunden haben, denn seine Unsichtbarkeit erlaubte es ihm, sein schweißtreibendes Geschäft mit Handtuch zu absolvieren...


    Merkwürdig, daß im Münchner Prinzregententheater, im Innern ein Nachbau von Bayreuth, zumindest bei Wagner auf die Benutzung des Deckels verzichtet wird. Aber vermutlich war Herr Lorin Maazel, der Dirigent einer Tristan-Aufführung, aus persönlichen Gründen dagegen.


    Normalerweise bevorzuge ich im Theater einen Platz, von dem aus Orchester und Dirigent gut zu sehen sind. Ich finde es spannend und aufschlußreich, die Damen und Herren Musici bei ihrer Arbeit zu beobachten, vor allem dann, wenn sie wirklich als Künstler ihres Fachs gefordert sind. Und gelegentlich entschädigt die Konzentration auf den Orchestergraben für absurde Bühnenbilder und Inszenierungen, deren Rätselspiele mich als Zuschauer nicht selten langweilen. Da ist die musikalische Arbeit am Werk u.U. spannender zu beobachten, vor allem auch, weil man eine Menge über die Instrumentationskunst eines Komponisten gleichsam am lebenden Objekt lernen kann. Und wenn ein wirklich kompetenter Dirigent den Laden schmeißt, ist es ein Vergnügen, ihm zuzuschauen, wie er Akzente setzt.


    Neulich war ich in einer Otello-Vorstellung. Das Bühnenbild, vier Akte lang aus diversen Laufstegen vom Schnür- bis zum Bühnenboden bestehend, war von gediegenem Schwachsinn. Den Otello sang der körperlich sehr gewöhnungsbedürftige Johan Botha, der leider dermaßen korpulent ist, daß ihm körperliche Bewegungsabläufe kaum möglich sind. Was für die Darstellung eines extrem eifersüchtigen Menschen denn doch zu wenig ist. Er steht und singt. Trotzdem war der Abend kein Verlust. Ich saß in der ersten Reihe direkt vor den Hörnern und beobachtete interessiert die vier Herren bei ihrem Wechselspiel. Otello wurde zu einer Art Hornkonzert à quatre. Natürlich litt der Gesamtklang von meinem Sitz aus ein wenig. Doch das Zusammen- und Wechselspiel der Hörner war faszinierend. Normalerweise bleiben einem diese Details verborgen. Und schon begann die Fragerei. Warum hat Verdi an einer Stelle einem Horn einen einzigen Viertel- oder gar Achtelton in die Partitur geschrieben, obwohl das für den Gesamtklang eigentlich unerheblich erscheint. Schließlich hat sich der alte Meister ja was dabei gedacht. Warum eine normalerweise kaum hörbare Nuance in der "Fülle des Wohllauts"? Auch dies ein Rätselspiel, aber doch weitaus interessanter als das des Bühnenbilds.


    Zweimal erlebte ich die Orchestermusiker an ungewohnter Stelle. Einmal bei einer Aufführung der "Lady Macbeth von Mzensk" von Schostakowitsch in Kassel, wo - als Teil der Inszenierung - das Orchester auf der Bühne eine Art Halbkreis um die Spielfläche bildete. Der Gesamtklang war erstaunlicherweise gut und die optische Wirkung durchaus überzeugend. Zum anderen eine "Parsifal"-Aufführung bei den Tiroler Festspielen in Erl. Das dortige Festspielhaus ist für Passionsspiele konzipiert, so daß ein Orchestergraben gar nicht vorhanden ist. Gustav Kuhn, Dirigent und Leiter dieses sommerlichen Unternehmens, plazierte sein nicht gerade kleines Orchester an der Rückseite der Bühnenwand, so daß die Spielfläche wie in einem Schauspielhaus direkt von der ersten Zuschaureihe begrenzt wurde. Seitliche Monitore stellten für die Sänger den Kontakt mit dem hinter ihnen agierenden Dirigenten her. Auch hier war das Ergebnis durchaus frappierend. Der Orchesterklang erreichte den Zuschauerraum klar und deutlich, ohne jede Dumpfheit. Schwerer hatten es die Sänger. Denn jede Unsicherheit, Textunverständlichkeit etc. erreichte den Hörer ohne den "Schutzwall" des Orchesters.


    Florian

  • Ich sitze gerne in der ersten Reihe und linse in den Graben, aber manchmal denke ich, die Musiker sollten sich schon auch bewusst sein, dass man sie sehen kann. Ein ausgiebig im Ohr pulender Paukist ist kein schöner Anblick.


    Im Staatstheater am Gärtnerplatz im München kann sich derzeit jeder als Musiker im Graben fühlen, dort wird das Schauspiel "Orchesterprobe Traviata 3. Akt" gespielt, bei dem der Zuschauer im Orchestergraben sitzt. Sehr witzig, ein Kultstück, das ständig ausverkauft ist.

    If you don't make mistakes, you're not trying hard enough. (Jasper Fforde)

  • Zitat

    Ein ausgiebig im Ohr pulender Paukist ist kein schöner Anblick.


    Hi,
    ich pule auch oft ausgiebig im Ohr herum, da ich Ohrstöpsel trage und ab und an daran herumfummel.


    Könnte doch sein, daß der Kollege auch aus diesem Grunde an seinen Ohren dran war. :angel:

  • Zitat

    Original von Nachtgedanken
    Im Staatstheater am Gärtnerplatz im München kann sich derzeit jeder als Musiker im Graben fühlen, dort wird das Schauspiel "Orchesterprobe Traviata 3. Akt" gespielt, bei dem der Zuschauer im Orchestergraben sitzt. Sehr witzig, ein Kultstück, das ständig ausverkauft ist.


    Danke für diesen Hinweis! Das werd ich mir unbedingt mal anschauen! :yes:


    Best, DiO :beatnik:

  • Zitat

    Original von Diabolus in Opera


    Danke für diesen Hinweis! Das werd ich mir unbedingt mal anschauen! :yes:


    Best, DiO :beatnik:


    Es kommt auf jeden Fall nächste Spielzeit wieder und dann wohl mit ca. 20 Aufführungen, da sollte es dann schon möglich sein, Karten zu ergattern. Für die bisher letzte in dieser Spielzeit am 2.6. sieht es auch noch ganz gut aus.

    If you don't make mistakes, you're not trying hard enough. (Jasper Fforde)

  • Bei groß dimensionierter Orchesterbesetzung wird es selbst in einem großzügig bemessenen Orchestergraben eng. Man sitzt reichlich dicht vor- und hintereinander. Und dann kommen die extrem lauten Teile einer Oper zur Exekution, beispielsweise bei Strauss und Wagner. Die Hörner blasen die Fagottisten und Flöten weg, die Posaunen und Trompeten die Streicher. Das Orchester "dreht auf", und im Regelfall ist der Effekt fürs Publikum imponierend. Nur - wie halten die Musiker gegenseitig diese extremen Fortissimo-Stellen aus? Auf Dauer könnte man davon doch schlicht einen Gehörschaden davontragen, was wiederum ja reichlich berufsschädigend sein könnte. Gibt es da irgendwelche Hilfsmittel zur "Selbstverteidigung"? Vielleicht könnte ein Praktiker meine etwas hilflose Frage beantworten.


    Florian

  • Ich möchte betonen, daß ich es sehr schätze, wenn Zuhörer interessiert am Geschehen im Orchestergraben sind und einen Blick hineinwerfen.


    Natürlich auch während der Aufführung, von vielen Plätzen ist der Graben ohnehin zum größten Teil einsehbar.


    Es gibt allerdings einen einzigen Typus, den ich nicht abkann:


    Und zwar ist dieser Typus allermeistens männlich, in den besten Jahren und mit der Aura eines Abteilungsleiters ausgestattet.


    Dieser Typus postiert sich in der Pause oder vor dem Beginn allermeistens auf Höhe des Dirigentenpultes mit verschränkten Armen oder einer anderweitigen Feldherrenpose und macht folgendes:


    Er glotzt.........
    Nichts weiter, er glotzt nur, und zwar glotzt er durchaus jemaden, der sich gerade einspielt, direkt und länger an.


    In einem solchen Falle bitte ich dann immer höflich darum, noch ein paar Erdnüsse zugeworfen zu bekommen, da ich mich nämlich dann wie im Zoo fühle.


    Also wie schon erwähnt: Absolut nichts gegen Zuschauen, Anteilnahme, ehrlichem Interesse, das ist wirklich schön und freut mich.


    Aber diese Glotzer, welche alle paar Aufführungen zugegen sind, kann ich nicht ab.


    Ich setze mich ja auch nicht in ein Restaurant und glotze den Menschen am Nebentisch ungeniert an.


    Außerdem bitte ich dies nicht allzu ernst zu nehmen...... :angel:



    LG,
    Michael

  • Zitat

    Original von Michael Schlechtriem
    In einem solchen Falle bitte ich dann immer höflich darum, noch ein paar Erdnüsse zugeworfen zu bekommen, da ich mich nämlich dann wie im Zoo fühle.


    Alles klar, ich pack schon mal das Knabberzeug ein. Ich bin heute nämlich bei euch im "Schlauen Füchslein". Bisher nahm ich zwar an, dass der Zoo sich zumindest in dieser Oper auf der Bühne befindet, aber man lernt nie aus!


    Grüße,
    Micha

  • Zitat

    Alles klar, ich pack schon mal das Knabberzeug ein. Ich bin heute nämlich bei euch im "Schlauen Füchslein


    Und ich bin sooooo müde.............
    Wir haben nämlich gerade Konzertproben zusätzlich.
    Ich bin 20 min. früher im Graben zum Einspielen, hiermit lade ich Dich herzlich ein, heftig zu glotzen! :D


    Schöne Oper, um 21:05 ist schon Schluss, bitte nicht lange applaudieren, ich möchte zurück nach Hause und den Restabend genießen. :stumm: :D


    :hello:


    Michael

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