So ein Wirbel !!!! - Haydns Sinfonie Nr 103 "mit dem Paukenwirbel"

  • Kennt die jemand von Euch und kann was dazu sagen? Ich hab erst mal abgebrochen...

    Leider gibt es nirgendwo eine Möglichkeit, hineinzuhören. Das ist sowieso komisch in letzter Zeit (wie soll man was kaufen, wenn man nicht zuvor reinhören kann)? Ich las aber in einer Rezension, daß es sich bei 103 (hier im Gegensatz zu 93 und 94) offenbar um eine Liveaufnahme handelt. Liegt es vielleicht daran?

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Die Frage ist, ob Haydn durch das Wort Intrada nicht einen Hinweis geben wollte, welcher Charakter bei der Ausführung zu realisieren sei. Steht dazu etwas in der aktuellen Ausgabe?

  • Es besteht wohl Einigkeit, daß „Intrada“, wie von Haydn notiert, „Eingang“ (im musikalischen Sinne; wie beispielsweise bei Mozart KV 271 III) bedeutet. Ob das nun ein Paukentusch, Trompetenwirbel oder gar eine kleine Ouvertüre (frz. Eröffnung; ouvert = offen; sinngemäß für Eingang - witzig eigentlich, daß das dt. Wort Türe vermeintlich im Wort vorkommt) ist, ist für die Frage, ob Gattungsbezeichnung oder Paukenwirbel gar nicht relevant. Die Bedeutung liegt im Wort und wird entsprechend automatisch mit etwas Repräsentativem assoziiert. Davon ist aber Fischer weit, sehr weit, entfernt. Jeder, der den (wegen mir auch später zugefügten, aber sehr wohl treffenden) Titel der Musik kennt (und davon ist erstmal auszugehen), muß (um es mit dem Lieblingswort eines Forenteilnehmers zu sagen) einen Knalleffekt erwarten. Fischer aber konterkariert und untergräbt quasi (was, wie erwähnt, auch interessant ist, m. e. aber nicht Haydns Intention entprechen kann). Da will bewußt etwas anders als bisher gemacht werden; vielleicht, und das soll keine rhetorische Frage sein, weil ihm nichts Besseres eingefallen ist? Das betrifft ebenso NH, der auch so einen Zinnober machte. Warum muß man das anders machen als bisher? Richtig (jaja ... besser: traditionell), schön und gut fände ich sinnvoller.


    Genauso gut/schlecht hätte man, was der Notentext ebenfalls nicht hergibt, tiefstapeln und mit einem einzigen apokalyptischen Paukenschlag eröffnen können.


    Spannend ist vielmehr, wie das umgesetzt werden sollte. Bei einer gewünschten freien Improvisation würde die notierte Note eigentlich keinen Sinn ergeben (anders als bei Cadenzen, wo diese Note in der Regel der gemeinsame Ruhe- und dann Ausgangspunkt der Cadenz ist), wobei es bei der Pauke aber auch wenige Alternativen gibt (in dem Fall: genau eine). Für eine freie Improvisation würde ich mir zumindest noch einen Hinweis wie ad libitum oder ähnlich wünschen. Dort steht aber nur „Solo“ - zur Bekräftigung (?), daß die übrigen Instrumente tatsächlich schweigen sollen, was sicher zu jener Zeit ungewöhnlich war.

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Habe mich jetzt auch mal dieser Sinfonie gewidmet und mir meine 2 Aufnahmen angehört. Bin ja nicht so der große Vergleichshörer, der da differentielle Unterschiede erkennen würde, aber nachdem ich Adam Fischer gehört hatte, bin ich jetzt hier regelrecht erschrocken:


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    Kennt die jemand von Euch und kann was dazu sagen? Ich hab erst mal abgebrochen...

    Lieber Reinhard ich habe die Einspielung bei Qobuz zum Streamen gefunden und den ersten Satz gehört. Ich kann Dein Problem ein wenig nachvollziehen. Die Einspielung wirkt etwas plakativ und kurzatmig gegenüber der von Fischer. Was ich jetzt sage ist natürlich ein ganz persönlicher erster Höreindruck.


    Ich finde, dass Fischer eine wundervolle Atmung in den ersten Satz hineinbekommt, das dezente Paukengrummeln, das dies irae Motiv, was sich langsam dann vom dorischen zu Es-Dur erhellt, es ist wie ein langsames Blick heben .... ich finde das extrem beeindruckend. Am Ende des Satzes kommt die Wiederholung (auch mit den Pauken, die noch einmal ein leichte Unruhe bringen) . Ich konnte den Fischer nicht so ohne weiteres beenden und habe die Sinfonie gleich zweimal gehört. :)


    In der Version mit den Solistes Européens geht mir der lange Atem etwas verloren. Es donnert gleich am Anfang, dann wird es leise und jeder erwartet, dass sich jetzt der Vorhang hebt und etwas auf der Bühne passiert. Das ganze wirkt auf mich tatsächlich leicht opernhaft. Das mag auch aus dem Eindruck entstammen, dass der Satz für mich alleine plötzlich keine Geschlossenheit ergibt. Es fehlt gefühlt etwas. Insgesamt ist die Darstellung plakativ und für mich auf den ersten Höreindruck oberflächlich.... - Ich höre aber sicher noch einmal hinein. Die Spielweise an sich sich ist aber teilweise eindrucksvoll.


    Ich würde vom musikalischen Gefühl her sagen, dass Fischer in Haydns Musik ein Geheimnis entdeckt, was er vielleicht nicht immer gelungen an die Oberfläche bringt - an einigen Stellen wirkt es vielleicht etwas zu dick aufgetragen. Händler wiederum hat mit der Orchestrierung wenig Probleme, aber irgendwie will die Sinfonie nicht als bedeutendes Werk erkannt werden ;):P

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  • Es donnert gleich am Anfang, dann wird es leise und jeder erwartet, dass sich jetzt der Vorhang hebt und etwas auf der Bühne passiert. Das ganze wirkt auf mich tatsächlich leicht opernhaft.

    Das ist doch super!

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Intrada wird sich doch nicht nur auf den ersten Takt beziehen… insofern ist es eine geflüsterte Intrada?

    Es steht explizit nur bei der Pauke und nicht als Satzüberschrift; gleichwohl sind natürlich auch die folgenden Orchestertakte eine Intrada. Das hat Haydn aber in übrigen Fällen bei Sinfonien mit einer lgs. Einleitung m. W. nie so betont notiert, weil es eh klar ist.


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    Ich wundere mich erneut, warum Haydn „in E“ statt „in Es“ schreibt.

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Es steht explizit nur bei der Pauke und nicht als Satzüberschrift; gleichwohl sind natürlich auch die folgenden Orchestertakte eine Intrada. Das hat Haydn aber in übrigen Fällen bei Sinfonien mit einer lgs. Einleitung m. W. nie so betont notiert, weil es eh klar ist.

    Ah, spannend, das spricht für mein Posing gerade eben.

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  • Insgesamt ist die Darstellung plakativ und für mich auf den ersten Höreindruck oberflächlich....

    Das war auch mein erster Eindruck. Show. Aber Show muß ja nicht von vorn herein schlecht sein.

    Ich werde folgendes tun:
    Ich besorge mir noch eine oder zwei weitere Einspielungen.

    Und dann werde ich mir das ganze noch mal ausführlich anhören.

    Man kann ja nur (hören) lernen dabei.

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Es besteht wohl Einigkeit, daß „Intrada“, wie von Haydn notiert, „Eingang“ (im musikalischen Sinne; wie beispielsweise bei Mozart KV 271 III) bedeutet. (...) Die Bedeutung liegt im Wort und wird entsprechend automatisch mit etwas Repräsentativem assoziiert.

    Wir sind uns einig, dass "Intrada" "Eingang" bedeutet, und wir sind uns weiter einig, dass damit hier keine Haustür sondern ein musikalischer Eingang gemeint ist. Wir sind uns nicht einig, dass das irgendetwas mit dem "Ein- und Aufzug hochgestellter Persönlichkeiten", mit einem "Tusch", einer "Festlichkeit" oder "etwas Repräsentativem" zu tun haben muss. Einen "Eingang" spielt z.B. der Solist bei vielen klassischen Solokonzerten und orientiert sich dabei in der Regel am musikalischen Charakter des Folgenden. Z.B. spielt kein Mensch im Finale aus Mozarts Klavierkonzert KV 467 einen "feierlichen", "repräsentativen" Eingang, weil das grotesk unpassend zum spielfreudigen Satz wäre. Bei Haydn geht es wie gesagt nach dem "Eingang" leise und geheimnisvoll weiter, weshalb es nahe liegt, auch den Paukenwirbel, der ohne jede Dyanmik notiert ist, so zu spielen. Es folgt kein "Einzug hochgestellter Persönlichkeiten", keine repräsentative Festmusik o.ä. Ich persönlich höre diesen Paukenwirbel (der ja vor dem Ende noch einmal wiederkommt) eher wie den wiederkehrenden Basstriller in Schuberts B-Dur-Sonate, als ein "ahnungsvolles Hineinhorchen" in die "Öffnung einer dritten Dimension" (Alfred Brendel über Schubert). Man kann das natürlich auch anders machen, also ihn z.B. ff decrescendo spielen, aber der Notentext sagt davon nichts und suggeriert das auch nicht.


    Die Frage ist, ob Haydn durch das Wort Intrada nicht einen Hinweis geben wollte, welcher Charakter bei der Ausführung zu realisieren sei. Steht dazu etwas in der aktuellen Ausgabe?

    Nein, soweit ich es gelesen habe, steht dazu in der Neuen Haydn-Ausgabe nichts.

  • Wir sind uns einig, dass "Intrada" "Eingang" bedeutet, und wir sind uns weiter einig, dass damit hier keine Haustür sondern ein musikalischer Eingang gemeint ist.

    Bildlich wird schon auch die Tür zur folgenden Musik aufgestoßen. Das Wort Eingang in allen möglichen Sprachen ist meist doppeldeutig.

    "Ein- und Aufzug hochgestellter Persönlichkeiten", mit einem "Tusch", einer "Festlichkeit" oder "etwas Repräsentativem"

    Das sind alles synonyme Bezeichnungen für etwas Spektakuläres, Aufsehen erregendes. Repräsentativ u.a. gewichtig, tonangebend, prominent, eindrucksvoll, wirkungsvoll, prächtig, Achtung gebietend, imposant, majestätisch usw.


    Bei Haydn geht es wie gesagt nach dem "Eingang" leise und geheimnisvoll weiter, weshalb es nahe liegt, auch den Paukenwirbel, der ohne jede Dyanmik notiert ist, so zu spielen.

    Wieso liegt das nahe? Es ist eine Option. Es ist ebenso naheliegend, den Paukenwirbel bewusst und deutlich abzusetzen, also laut bis extrem laut zu spielen, denn die piano-Vorschrift folgt explizit erst ab Takt 2.

    Z.B. spielt kein Mensch im Finale aus Mozarts Klavierkonzert KV 467 einen "feierlichen", "repräsentativen" Eingang, weil das grotesk unpassend zum spielfreudigen Satz wäre.

    Der Satz ist spielfreudig, keine Frage, hat aber durchaus feierliche, also marschartige Passagen, z.B. unmittelbar dem Eingang vorausgehend - Brendel nimmt das Thema sogar auf:



    und gleich nach dem ersten Claviersolo im 3. Satz geht es majestätisch und prachtvoll weiter bis zum nächsten Soloeinsatz (ca. viertel nach Acht, also 20:15). Aber das führt zu weit vom Thema ab.


    Ich könnte mir vorstellen, dass das tratschende Publikum durch etwas Lärm zur Aufmerksamkeit gezwungen werden soll.

    So sehe ich das auch.

    Ist das HIP oder kann das weg?

  • Das sind alles synonyme Bezeichnungen für etwas Spektakuläres, Aufsehen erregendes. Repräsentativ u.a. gewichtig, tonangebend, prominent, eindrucksvoll, wirkungsvoll, prächtig, Achtung gebietend, imposant, majestätisch usw.

    Genau. Und von all dem steht nichts im Notentext.

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  • Aber davor. Wir erinnern uns: Intrada.

    Und wir erinnern uns, dass die Gattung "Intrada" keineswegs auf "Spektakuläres, Aufsehen erregendes" usw. festgelegt ist. Wie gesagt wäre anstelle von Wikipedia die Lektüre von Fachliteratur wie z.B. MGG oder (vermutlich; ich habe es nicht hier) auch das "Handbuch der Musikalischen Gattungen" empfehlenswert. Man kann es in diesem Fall aber auch sein lassen, weil der Paukenwirbel wie gesagt keine Gattung repräsentiert, womit der Gattungsbegriff "Intrada" hier auch nicht gemeint sein kann. Selbst wenn eine Intrada also immer spektakulär usw. wäre (was nicht der Fall ist), würde das hier nicht weiterhelfen, weil keine Intrada sondern nur ein einzelner Paukenwirbel vorliegt. Die Voraussetzung stimmt also gleich doppelt nicht, also ist auch die Schlussfolgerung unzulässig. Die Bezeichnung "Intrada" lässt keine Rückschlüsse auf den Inhalt zu, außer dass es sich eben um einen "Eingang" zum Stück handelt. Wie der beschaffen ist, steht im Notentext.

  • Also dass "Intrada" nur bei der Pauke steht, kann ich mir dadurch erklären, dass die Pauke allein den ersten Ton paukt, da ist es praktisch, wenn "Intrada" nicht am anderen Ende des Blattes steht. Dass pp erst im zweiten Takt steht, da sehe ich 2 Möglichkeiten: 1) Schlamperei, 2) Pauke hat freie Lautstärkenwahl, abhängig vom Lärmpegel im Publikum.

    Andere Ideen dazu?

  • Nach längerer Pause habe ich mal wieder die "Paukenwirbel"-Sinfonie in den CD-Player gelegt, und zwar diese alte, aber immer noch klangvolle Aufnahme aus dem Jahr 1963:

    Chp Vol.99: Sinfonien 103+104

    Herbert von Karajan mit den Wiener Philharmonikern. Ursprünglich wurde sie als LP zusammen mit Mozarts "Jupiter"-Sinfonie auf dem RCA Victor-Label veröffentlicht.


    Mir persönlich ist diese Version besonders liebenswert, einmal durch Karajans überlegenes, sehr aufmerksames Dirigat, zum anderen durch das wunderbare, elegante und souveräne Spiel der Wiener Philharmoniker, die ihren Haydn mit herrlicher Klangpracht zum Klingen bringen. Karajan hat in späteren Jahren das Werk, zusammen mit anderen, mit den Berliner Philharmonikern wiederholt, aber seine alte Wiener Version nicht toppen können.


    Die düstere, beinahe bedrohliche Einleitung mit dem Trommelwirbel und dem "Dies irae"-Zitat paßt eigentlich wenig zu dem folgenden Allegro-Satz, stellt aber einen reizvollen, wenn auch wenig verständlichen Kontrast dar, so daß ich mit Ulli sagen möchte:

    Ich könnte mir #103 auch gänzlich ohne oder ohne diese Einleitung vorstellen

    Doch Haydn, der ja für seine stets überraschenden und originellen Einfälle bekannt war, die ihn auch im hohen Alter nicht verließen, wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Wir werden, wie an anderer Stelle gezeigt, das Rätsel nicht entschlüsseln und sollten uns der herrlichen Musik, die auch in den folgenden Sätzen immer wieder fesselt, ganz einfach hingeben und daran erfreuen.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Ich habe mir gerade die Aufnahme mit Colin Davis und dem Concertgebouw Orchester angehört.

    Es ist eine gute Aufnahme, nicht ganz auf dem Level von meiner favorisierten Scheibe, die mit Kuijken und der Petite Band, aber sehr ordentlich. Davis lässt einen einen sehr leisen Wirbel spielen, anders wie Kuijken, der einen lauten und abschwellenden Wirbel hat. Persönlich gefällt mir die Version von Kuijken besser, aber da es von Haydn keine Angaben zur Lautstärke des Wirbels gibt, sind beide legitim. Ich glaube jedoch nicht, dass Haydn eine Improvisation gewollt hätte.


    LG aus Wien.:hello:

    LG aus Wien.:hello:

  • Endlich mal mit korrekten Vorschlägen im Seitenthema:



    Orchester der Akademie für Alte Musik

    Maxim Emelyanychev


    16.07.2024 - Ragenhaus Bruneck

    Ist das HIP oder kann das weg?

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  • Keine schlechte Aufnahme, obwohl mir persönlich die Besetzung etwas zu dünn ist. Schließlich komponierte Haydn die späten Londoner Sinfonien für ein Orchester von ca. 60 Spielern.

    LG aus Wien.:hello:

  • Ich habe gestern nachts die Aufnahme mit den New Yorker Philharmonikern unter Bernstein gehört (CBS-Sony). Irgendwie habe ich mich gewundert, daß si hiewr bislang noch nicht erwähnt wurde. Völlig konträr zu den sonstigen Gepflogeneiten hier im Forum. Ich besitze seit Jahren die hier gezeigte Box, hab aber bislang eher selten hineingehört. Seit einiger Zeit habe ich die Schönheit des Klanges dieser Aufnahmen wiederentdeckt, und die letzte Zeit wieder vermehrt gehört. Mir ging es dabei nicht um einen besonderen Effekt des Paukenwirbels (Ich empfand ihn als eher moderat auf dieser Aufnahme)sondern um die Frische der Interpretation und die leuchtenden Klangfarben. Aber auch Allgemein: Eine der schönsten Haydn Sinfonien überhaupt. Er hat sich offenbar das Beste bis zum Schluß aufgespart.


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Die Aufnahme mit Bernstein und der NY Philharmonic war die erste die ich von dem Werk hatte. Es war eine Schallplatte mit der Uhr auf der anderen Seite. Ich hatte die Aufnahme als sehr gut in Erinnerung, habe sie jedoch nie auf CD gekauft. Vielleicht sollte ich das nachholen.....?

    LG aus Wien.:hello:

  • Heute stand ich vor der Qual der Wahl:

    Sollte ich - nach einigen positiven Bernstein-Hörerlebnissen - Die NewYorker Aufnahme hören - oder lieber doch die neulich erworbene Aufnahme unter Dorati. Ein Vergleich wäre vermutlich schwierig.

    Ich hatte mich fürs erste für die Bernstein-Aufnahme entschieden - mit der Option einer folgenden Hörsitzung unter Dorati.

    Es war soweit: Wer ist besser ? Gibt es hier überhaupt hörbare Unterschiede ? Aus meiner Sicht gibt es keinen wirklichen Sieger -aber eine Überraschung.

    Heute habe ich erstmals verstanden, was der Kritiker dereinst gemeint hat, als er meinte, die Philharmonica Hungarica spiele nicht in der ersten Liga. Klingt böser als es ist. Das Orchester erfüllt alle ansprüche, die am an ein gutes internationales Orchester stellt. Da gibts nichts zu mäkeln. Was versteht man indes unter "erste Liga" ? Nun- da wirds eng - ich würde sagen ein Dutzend Orchester weltweit - dicht gefolgt von viele anderen hervorragenden. Der Unterschied wird - wenn überhaupt - nur im unmittelbaren Vergleich hörbar.

    Vergleiche ich nun die NewYorker Aufnahme mit der von Dorati so kommen einige interessante Detailunterschied hervor.

    Bernstein setzt voll auf schönen Klang und er lässt bei den Solisteneillagen seine Musiker zeigen was sie können. Nicht umsonst stellten ja um 1965 die drei dirigenten Karajan, Böhm und Bernstein einen gewissen Block dar. Bei jeder Solopassage, jedem Orchestereffekt mochte ich dahinschmelzen vor Glück. Also PLatz eins ? Man sollte sich die Sache nicht zu einfach machen, denn Doratis Aufnahme hat auch ihre Meriten. Ich war mehr als überrascht, als ich bemerkte, wie ungestüm und leicht aggressiv hier an die Sache herangegangen wurde, oft mit eher raschen Tempi. Es wird Hörer geben, die dieser "forschen" Darstellung den Vorzug geben werden. Das Auskosten allerfeinster Klangfarben bleibt hier allerdings auf der Strecke....


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Einer der Vorzüge dieses Forums ist zweifellos, dass man uralte Threads wiederbeleben kann und lange Zurüliegnede Beiträge anderer nachlesen kann, (wenngleich dieser Vorteil nur von wenigen Mitgliedern ausgenützt wird) Mich hat ein 20 Jahre alter Beitrag auf eine Aufnahme neugierig gemacht mit der Bemerkung in Bezug auf den Paukenwirbel - aber nicht nur darauf

    Dieser Kesselpauken(?)-Wirbel lässt wirklich aufhorchen. Um es in einem beliebten Klischee-Satz auszusprechen: "So habe ich das noch nie ..." - aber hier ist es wirklich so.

    Dazu musst ich - ein klassischer "Harnoncourt-Verächter" erst mal nachsehen, ob sich diese Aufnahme in meiner Sammlung befand: Sie befand sich !!!

    Überraschenderweise in einem Stapel weiterer Harnoncourt -Haydn Aufnahmen. Noch dazu in der Originalfasung !! Ein edles Sammlerstück also, von welchem ich mich notfals für einigen hundertern tränenreich verabschiden könnte - so Nachfrage besteht ...;)

    Der Paukenwirbel ist überhaupt überwältigend. Aber die sinfonie besteht ja aus mehr als nur den beiden Paukenwirbeln: Mich begeistern die verarbeiteten Ungarischen und Kroatischen Volksweisen mehr als die Wirbel.

    Die Interpretation unter H. ist eher düster, großorchestral-plakativ mit etwas überzogener Dynamik, an der Grenze zur Übersteuerung. und mit einer ordentlchen Portion Hall. Mich wundert, daß die die Balance Ingenieuere von Teldec (Heute: TeldeX Studios Berlin) nicht bemerkt haben - aber vielleicht wars Absicht. Zudem ist die Aufnahme derzeit 40 Jahre alt, stammt also aus der Steinzeit der Digitalära. Alles in Allem ist die Aufnahme OK, ohne daß ich ihr indes einen Ausnahmerang zubilligen würde.


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



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  • Seit einiger Zeit habe ich die Schönheit des Klanges dieser Aufnahmen wiederentdeckt

    Auch ich habe lange Zeit die Aufnahmen mit Leonard Bernstein sträflich vernachlässigt, vor allem die aus seiner Zeit mit den New Yorker Philharmonikern. Ich kann Deine Eindrücke nur bestätigen, für mich nehmen Bernsteins "Londoner Sinfonien" seit langem einen hohen Rang ein. Bernstein entpuppt sich als ein glänzender Haydn-Interpret. Man spürt, daß er einen inneren Bezug zu diesem Komponisten hat. Seine Aufnahmen sind keine "Pflichtübungen", sondern echte Herzenangelegenheit.

    Dazu musst ich - ein klassischer "Harnoncourt-Verächter" erst mal nachsehen

    Ich kenne Harnoncourts Haydn-Aufnahmen nicht. Seit seiner Serie der späten Mozart-Sinfonien mit dem Concertgebouw-Orchester (Teldec) habe ich mich mit diesem Dirigenten kaum noch befaßt. Das klang alles kalt und unpersönlich, trotz seiner Bemühungen um einen "authentischen" Mozart, was sich in der sorgfältigen Beachtung sämtlicher Wiederholungen niedergeschlagen hat. Doch ansonsten konnte ich mich mit den Aufnahmen nicht anfreunden.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Die Harnoncourt Aufnahme von 103 gefällt mir auch nicht sonderlich. Besonders die (sehr gewollte) Pauken Improvisation finde ich etwas fragwürdig und nicht zur Musik passend (wurde in diesem Thread schon ausführlich diskutiert). Noch schlechter ist seine 104 ||. Jedoch liefert Harnoncourt sehr gute Einspielungen von den Sinfonien 97, 98, 99 & 100. Ich finde seine Aufnahmen entweder miserabel oder ausserordentlich gut. Es gibt kaum etwas dazwischen.

    LG aus Wien.:hello:

  • Bernstein, bei Haydn eine Bank, ist für meine Begriffe ganz ausgezeichnet bei Nr. 103. Als einer von nur wenigen Dirigenten schlägt er im Kopfsatz ein für mein Gefühl ideales, gemessenes Tempo an und verleiht dem Ganzen eine majestätische Noblesse. Nicht unähnlich übrigens Karl Eliasberg (Dirigent der berühmten Aufführung der "Leningrader Sinfonie" während der Belagerung 1942), von dem es nur sehr wenige Stereoaufnahmen gibt; Haydn 103 ist eine davon. Müsste ich mich für nur eine Aufnahme entscheiden, es wäre wohl tatsächlich Eliasberg, den kaum wer auf dem Schirm hat.


    NYPO/Bernstein (1970):



    UdSSRSO/Eliasberg (1973):


    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Joseph II.

    Deine Vorliebe für Eliasberg ist für mich nachvollziehbar, wenngleich (oder WEIL ?) es sich um eine Aussenseiterinterpretation handelt. Er interpretiert das Werk entgegen dem heutigen Schönheitsideal:

    Großorchestral, wuchtig, und vor allem: majestätisch erhaben, düster und eher langsam. Dadurch gewinnen natürlich Details, besonders bei den Solopartien, die er genüßlich auskostet.

    Ein großer Dirigent, dessen Karriere, dadurch Schaden erlitt, daß Mravinski wieder an sein Orchester zurückkehrte und durch seine Leuchtkraft alles andere in den Schatten stellte....

    Die Aufnahmetechnik ist nicht vom Feinsten, aber damit kann ich (in diesem speziellen Falle) leben...


    mfg aus Wien

    Alfred

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