Werner EGK (1901-1983)



  • WERNER EGK - geboren am 17.5.1901 Auchsesheim (heute zu Donauwörth), † 10.7.1983 Inning am Ammersee.


    Sein künstlerisches Credo zeichnete ihm das Tätigkeitsfeld vor: "Die schönste, die zauberischste Ungeheuerlichkeit, unwahrscheinlicher als das geflügelte Pferd und verführerischer als die fischleibigen Sirenen, das ist die Oper."


    Seine Opernwerke:


    * Columbus. Funkoper (1933) bzw. Oper (1942)
    * Die Zaubergeige (nach Franz Graf von Pocci, Libretto von Ludwig Strecker) (1935; Neufassung 1954)
    * Peer Gynt nach Henrik Ibsen (1938 )
    * Circe nach Pedro Calderón de la Barca (1945, Uraufführung 1948; Umarbeitung als Opera semibuffa unter dem Titel 17 Tage und 4 Minuten, 1966)
    * Irische Legende nach William Butler Yeats (1955; Neufassung 1975)
    * Der Revisor nach Nikolai Gogol (1957)
    * Die Verlobung in San Domingo nach Heinrich von Kleist (1963)


    Über seine Biographie, hauptsächlich natürlich seine Nazivergangenheit, ist viel geschrieben worden, ich möchte hier nicht weiter darauf eingehen.


    **********************************************************


    Zum heutigen 25. Todestag sendet der Bayerische Rundfunk morgen einen Beitrag mit Ausschnitten aus seinen schönsten Opern:


    BR4 Klassik, 11. Juli 2008 - 14.00 Uhr "Cantabile":


    Zum 25. Todestag des Komponisten Werner Egk
    "Die Zaubergeige", Szene Kaspar - Cuperus - Elementargeister aus dem 1. Akt, Szene der Ninabella aus dem 2. Akt und Szene Ninabella - Kaspar und Kaspars Verhaftung aus dem 3. Akt (Norma Sharp, Jutta-Renate Ihloff, Sopran; René Kollo, Albert Gassner, Tenor; Bernd Weikl, Bariton; Karl Ridderbusch, Alexander Malta, Bass; Chor des Bayerischen Rundfunks; Münchner Rundfunkorchester: Heinz Wallberg); "Peer Gynt", Ausschnitt aus dem 3. Akt (Janet Perry, Kari Lövaas, Carmen Anhorn, Monika Schmitt, Angela Feeney, Sopran; Cornelia Wulkopf, Alt; Heiner Hopfner, Heinrich Weber, Friedrich Lenz, Tenor; Roland Hermann, Bariton; Paul Hansen, Peter Lika, Waldemar Wild, Bass; Chor des Bayerischen Rundfunks; Münchner Rundfunkorchester: Heinz Wallberg); "Die Verlobung von San Domingo", Szene Jeanne - Mutter - von Ried aus dem 1. Aufzug (Helen Donath, Sopran; Margarethe Bence, Mezzosopran; Jean Cox, Tenor; Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Werner Egk)


    *********************************************************


    Natürlich hat er nicht nur Opern geschrieben, er schieb auch Balette ("Abraxas"), Orchesterwerke, Vokalmusik, Filmmusik u.v.a.


    Vielleicht ergibt es sich, hier auf das eine oder andere Werk näher einzugehen.


    LG


    Harald :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Dies ist meine Lieblingsplatte von Werner Egk:




    Werner Egk (1901-1983)
    Die Zaubergeige (Ausz.)


    Künstler: Marcel Cordes, Erika Köth, Elisabeth Lindermeier, Gottlob Frick, Richard Holm,
    Chor & Orchester der Bayerischen Staatsoper,
    Dirigent: Werner Egk
    Label: Cabaletta , ADD, 1954


    LG
    Harald

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Bei einem Egk-Thread muss man auf seine höchst dubiose Stellung in der NS-Zeit eingehen, denn Egk ist meiner Meinung nach ein Sonderfall von Charakterdefekt.
    Egk war für die Nationalsozialisten in geringerem Umfang das, was Tichon Chrennikow für die Sowjets war: Ein sich anbiedernder Mitläufer, der alles machte, um Hitler positiv aufzufallen. Sogar ein Lied für die HJ komponierte Egk. Und für seine "Peer Gynt"-Oper dankte ihm Hitler persönlich.
    Er hatte auch allen Grund dazu, immerhin werden die bösartigen Trolle mit "Niggerjazz" charakterisiert, während sich Peer Gynt als nordischer Held geben darf - zumindest solange, bis er mit fremden Mächten kooperiert, da verliert er Egks musikalische Sympathie. Aber er gewinnt sie am Schluß zurück, und Solveig, ganz deutsche, äh: nordische Frau hat auf ihren Mann treu gewartet und singt einen Schmachtfetzen, der von Korngold stammen könnte, hätte dieser wirklich brillante, aber des Landes vertriebene Komponist einen Augenblick totaler Geschmacksverirrung gehabt.
    Natürlich sind die Themen von Egks Oper bei Ibsen angelegt. Aber wie Egk mit ihnen umgeht, ist sozusagen die Nazifizierung eines großen Dramas. Den grottenschlechten Text faselte sich Egk selbst zusammen. Warum er nicht Ibsen verwendete? Weil die beste Übersetzung von Christian Morgenstern war...
    Zuvor hatte Egk die in der Rolle des Guldensack klar antisemitisch gefärbte "Zaubergeige" komponiert, ein Werk von so schlechtem Geschmack, daß man sich kompromottiert fühlt, wenn man diesen Mist hört, und "Columbus", ein Werk, das Milhauds genialen "Christophe Colomb" nazifiziert - und zwar bis in den Aufbau hinein (Gegenüberstellung von berichtenden Sprechszenen und interpretierenden auskomponierte Szenen).


    Nach 1945 folgte dann aber Egks größte Chuzpe: Statt seine NS-Vergangenheit aufzuarbeiten (er war wahrlich nicht der Einzige, der sich damit zu befassen gehabt hätte), gerierte er sich in seiner Autobiografie "Die Zeit wartet nicht" als linker Pazifist, der in der NS-Zeit mit einem Bein im KZ stand!


    Nachdem dies gesagt ist, können wir uns ja Egks (restlicher) Musik widmen. Dabei fällt auf, wie schlecht sie gearbeitet ist. Vor allem wirkt ihr Tonfall auf mich ermüdend: Der permanente Einsatz von dissonanten Zusatztönen und einer Instrumentierung, in der laut spielende gedämpfte Blechbläser auffallen und Blechbläser, die tonale Akkorde mit kleinen Sekunden anreichern, verleiht Egks Musik den Charakter permanenten Forcierens. Einige Werke klingen ein paar Minuten lang recht ansprechend, auf die gesamte Spieldauer wird die Musik schlicht langweilig.
    Dazu kommt, daß Egk ein schlechter Melodiker ist: Seine Melodien sind entweder unsäglich banal oder inexistent. Man höre sich auf dieser Basis nur seine Oper "Irische Legende" an: Interessanter Anfang, danach tut sich nichts mehr. die Musik steckt fest, die dicke Akkordik kommt nicht vom Fleck.
    Ein ähnlicher Eindruck bei der "Verlobung in San Domingo": Schon der jazzzige Prolog macht einen schwerfälligen Eindruck, ist aber besser, als das restliche Werk, das abermals durch die eklatante Schwäche der melodischen Erfindung und die Monotonie der Harmonik schlicht langweilt.
    Ganz nett ist "Der Revisor", aber auch er ist eine Banalisierung des Stoffes. Man höre sich zum Vergleich Schostakowitschs "Nase" an um zu erfahren, wie eine Gogol-Oper klingen kann...



    Vielleicht sind die Orchesterwerke besser? - Weit gefehlt. Die "Geigenmusik", eine stilisierte bayerische Bauernmusik, ist trotz dissonanter Zusatztöne nur banal, die "Französische Suite" nach Rameau steht zweifellos höher (wahrscheinlich Egks bestes Werk), aber wieder stört die alles umhüllende Einheitssauce der grell instrumentierten dichten Akkorde. Ergebnis: Forcieren statt Eleganz. Recht hübsch ist "La tentation de St. Antoine", eine Solokantate für Sopran und Streichquartett (oder Streichorchester), aber diesen Stil findet man bei Poulenc und Milhaud auf einem unvergleichlich höheren Niveau.


    "Abraxas" schließlich, ein Faust-Ballett, das seinerzeit die Kirche auf die Barrikaden trieb, weil eine Schwarze Messe gezeigt wird, kommt trotz aller stampfenden Rhythmen nicht voran; die Wiederholungen kleiner Zellen öden an, weil sie einerseits nicht gesteigert werden, die viel zu bunte Instrumentierung und die aufgeweichte Harmonik verhindern andererseits die kultische Wirkung, wie sie etwa bei Carl Orff eintritt.


    Egk war zweifellos ein Talent - aber vor allem eines des Opportunismus. Rein musikalisch betrachtet ist er Durchschnitt. Meiner Meinung nach nicht einmal besserer Durchschnitt....


    :hello:

    ...

  • Über die Musik des Komponisten kann ich nichts sagen, denn ich kenne sie nicht. (Da ich mich gerade eher in den Klangwelten von Stockhausen und Messiaen wohlfühle, weiß ich auch nicht, ob ich das ändern sollte...)


    Allerdings erinnere ich mich noch, daß meine Mutter, die während des II. Weltkriegs in Berlin lebte, früher mal erwähnt hatte, daß Werner Egk eigentlich anders geheißen haben soll, sich selbst dann EGK nannte (=ein großer Künstler). Ob das dem Berliner Schandmaul entstammt oder ob da etwas dran ist?


    Aber das nur am Rande.

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  • Zitat

    Original von Gurnemanz
    Allerdings erinnere ich mich noch, daß meine Mutter, die während des II. Weltkriegs in Berlin lebte, früher mal erwähnt hatte, daß Werner Egk eigentlich anders geheißen haben soll, sich selbst dann EGK nannte (=ein großer Künstler). Ob das dem Berliner Schandmaul entstammt oder ob da etwas dran ist?


    Wie so oft, hilft auch hier de.Wikipedia.org, Artikel "Werner Egk" weiter (Fn. 1). Egk hieß eigentlich Werner Joseph Mayer, heiratete 1923 die Geigerin Elisabeth Karl und formte die Anfangsbuchstaben GEK zu EGK, was 1937 als Familienname amtlich wurde - warum auch immer ... - dass das auch auf "Ein Großer Künstler" passte, kam ihm dann wohl gerade Recht.


    Liebe Grüße, Ulrich


    (1) Abfragedatum: 10.07.2008. Dort übrigens auch weitere interessante Hinweise auf die Nazivergangenheit Egks. Es ist klar und war immer dasselbe Spiel, dass solche Leute nach dem Krieg zügig "entnazifiziert" wurden und schnell wieder Positionen möglichst nah an ihrem Nazistatus erhielten, z. B. nach Leitungsfunktion bei der STAGMA wurde er Aufsichtsratsvorsitzender bei der GEMA.

  • Irgendjemand (Name vergessen) wurde mal gefragt, was er denn von dieser modernen Musik hält.
    Die Antwort:


    Egk mich am Orff



    :baeh01:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)


  • Das war Knappertsbusch - passt zu ihm!

  • Da ist Werner Egk glücklicherweise zwischenzeitlich fast gänzlich in der Versenkung verschwunden, in die er schon nach 1945 dringend gehört hätte - und dann taucht er anlässlich seines 25. Todestages unvermittelt wieder auf. Bei dieser widerlichen Erscheinung Werner Egk gibt es nichts, was ein Erinnern zu irgendwelchen Jubiläen rechtfertigen würde. Besonders unerträglich, dass dieser Typ nach dem Krieg keine ernstlichen Schwierigkeiten hatte, sich erneut im Musikbetrieb zu etablieren. Mir fehlt, das sage ich ganz offen, jedes Verständnis dafür, so zu tun, als könne man über Egk reden, als hätte es den Komponisten Egk in jenen 1000 Jahren zwischen 33 und 45 nicht gegeben.

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  • Lieber Alviano,


    am unerträglichsten finde ich aber seine Verlogenheit nach 1945. Ein Künstler, der seine Karriere dermaßen auf die NS-Protektion aufgebaut hat, hat die verdammte Pflicht, sich seiner Verantwortung zu stellen. Aber Egk inszeniert sich als halber Widerstandskämpfer und tut so, als sei er, der Hitler eine Wunschoper lieferte, ein linker Pazifist gewesen. Diese Unverschämtheit muß man erst einmal haben.


    Musikalisch ist die Charakterlosigkeit ja auch zu merken. Egk hatte die Unverfrorenheit, Schrekers Werke als "Bockmist" zu bezeichnen. Angeblich stand vor dem "Bockmist" noch ein "jüdischer", aber das kann ich nicht beschwören, es ist reines Hörensagen. Und wo entlehnt er seine Klangtechnik? - Eigener Aussage zufolge bei Strawinski. Wenn man den "Peer Gynt" mit dem "Schatzgräber" vergleicht, kommt man zu anderen Schlüssen. Nur ist dem Schreker halt was eingefallen...


    Und nach 1945? - Da flunkert Egk in der "Irischen Legende" ein paar Zwölftonfelder hin, weil er ja die Vertreter der stärker werdenden Neuen Musik auf seiner Seite haben wollte. Dass ein Szell sich überreden ließ, diesen Mist zu dirigieren, verstehe wer es vermag.


    Und die nächste Sondermarke gibt's dann am Ende für Norbert Schultze...


    :hello:

    ...

  • Hallo, miteinander!


    Ich will der Beurteilung Edwin Baumgartners in keiner Weise widersprechen und seit ich über Werner Egks Biographie stärker Bescheid weiß, habe ich volles Verständnis für die Abneigung gegen den Menschen als solchen.


    Trotzdem möchte ich mich auch in keiner Weise davon distanzieren, dass mich Werke wie die "Geigenmusik", "Abraxas", die Französische Suite oder auch die Chorkomposition vom Heiligen Antonius lange Zeit angesprochen haben (da hatte ich zugegebenermaßen keine Ahnung von Egks Vita, denn mein Musikerfahren verlief in den ersten Jahrzehnten als von naiver Entdeckerfreude geprägt und meine ersten Musiklexika (Rowohlt, Knaur) waren in diesen Dingen wertneutral) - und es auch noch immer tun, allenfalls verdrängt durch die Aberhunderte anderer Kompositionen aus dem 20. Jahrhundert, die mein Interesse fanden und finden und von denen viele ohne jeden Zweifel wertvoller sind.


    Warum darf einen der doch unverwechselbare und durchaus originelle Kompositionsstil Egks nicht gefallen? Vielleicht sollte man in diesem Fall nicht das dreckige Wasser zusammen mit den hübschen Gummienten ausschütten, oder so :D;)


    Die Opern kenne ich zugegebenermaßen nicht.


    Ich hoffe, dass Harald Kral jetzt nicht ganz verprellt erscheint und wir weniger hasserfüllt über Musik sprechen können.


    (PS: Goethe gilt als wichtigster deutscher Schriftsteller. Was war er menschlich anderes als ein widerlicher Opportunist und Frauenverbraucher?)


    Also: gemach!


    Besten Gruß, Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Zitat von Wolfgang Z

    oder auch die Chorkomposition vom Heiligen Antonius

    Das ist eine Solokantate. Das Chorwerk heißt "Furchtlosigkeit und Wohlwollen". Und man muß schon sehr wohlwollend sein, diesen fruchtlosen Quark zu mögen.



    Zitat

    Warum darf einen der doch unverwechselbare und durchaus originelle Kompositionsstil Egks nicht gefallen?

    Nein, nein, ich mag alles, was bei Egk unverwechselbar und originell ist. Also gar nichts...



    Zitat

    und wir weniger hasserfüllt über Musik sprechen können.

    Gut, sprechen wir über Egks Musik, etwa über den "Marsch Marsch der deutschen Jugend", in dessen Text es so poetisch heißt "Fahren, Fahren wir, Die Fahne weht voran! Groß-Deutschland heißt unser stolzes Schiff, drauf stehn wir, Mann für Mann"...


    Es gibt Komponisten, bei denen man eben nicht zuerst über ihre Musik sprechen kann, sondern über ihr Verhalten diskutieren muss, ohne das die Musik niemals den (ihr nicht zukommenden) Bekanntheitsgrad hätte erlangen können.


    :hello:


    P.S.: Goethe war sicher eine miese Figur. Aber er hat sich nicht einem Verbrecher- und Mörderregime an den Hals geschmissen, um mit mediokren Erzeugnissen Karriere zu machen. Der konnte schon was, der Goethe. Und Egk...?

    ...

  • Zitat von WolfgangZ

    Ich hoffe, dass Harald Kral jetzt nicht ganz verprellt erscheint und wir weniger hasserfüllt über Musik sprechen können.

    Auch wenn das schwer zu verstehen ist: Werner Egk hat seine Musik schreiben können, während Korngold, Weill oder Schönberg im Exil sehen mussten, wie sie zurecht kamen und während Komponisten wie Ullmann oder Schulhoff im KZ verreckt sind - und er konnte nach dem Krieg seine Karriere unbeanstandet fortsetzen, während viele der damals "verbotenen" Komponisten noch heute um die Anerkennung kämpfen, die ihnen zu steht - sie haben nämlich schlichtweg bessere Musik geschrieben, als Egk.



    Lieber Edwin,


    das ist bemerkenswert: an Norbert Schulze und Cesar Bresgen habe ich vorhin auch denken müssen...

  • Zitat von Alviano

    das ist bemerkenswert: an Norbert Schulze und Cesar Bresgen habe ich vorhin auch denken müssen...


    ... und ich auch ein klein wenig an Carl Orff, einen der "Gottbegnadeten". Allerdings hat sich seine angebliche Egk-ähnliche Dreistigkeit, sich während der Entnazifizierung der Weißen Rose zurechnen zu wollen, als Ente entpuppt. Bleiben aber immer noch Unappetitlichkeiten wie der Ersatz-Sommernachtstraum, allerdings - im Gegensatz zu Egk - großartige Kompositionen wie Die Kluge oder Der Mond.


    LG
    B.

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  • Leute, Ihr müsst mich nicht davon überzeugen, dass Werner Egk ein äußerst problematischer Charakter war. Ich sehe das keinen Deut anders. Alvianos Bezugsetzung zu Ullmann und Schulhoff stimme ich in jedem Wort zu. Ich stimme auch der höheren Wertigkeit von deren Musik zu.


    Edwin, warum so gereizt? Ich habe Dich doch mit keinem Wort angegriffen. Als ich vor fünfundzwanzig Jahren eine Handvoll der Werke von Egk kennengelernt habe, konnte ich bei meiner dritten Entdeckung einen unverwechselbaren Stil entdecken. Ich fand diesen Stil originell - und ich finde ihn auch jetzt wieder originell, wenn ich Egk höre, was gewiss nicht oft vorkommt. Deiner für mich sehr interessanten Beschreibung der spezifischen, effekthascherischen Schwächen will ich überhaupt nicht widersprechen. Nur sind das Attribuierungen, über die man streiten kann, streiten kann, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Ist Bernstein originell oder ein oberflächlicher Eklektiker? Ist Martinu ein Vielschreiber oder eine homogene Musikerpersönlichkeit? Darf man im 20. Jahrhundert komponieren, wie die vielen neuromantischen Engländer und Skandinavier es tun? Undsoweiter undsofort. Was bringt denn das?


    Dass ein Pettersson viel interessanter schreibt als ein Egk, ist mir auch seit zwei Jahrzehnten klar. Sein großer Vorteil - und das meine ich jetzt gar nicht ironisch, auch wenn es so klingen mag - ist überdies die politisch korrekte tragische Biographie.


    Es hat aber doch keinen Sinn, jedes Gespräch über die Musik eines Komponisten mit dem Hinweis auf dessen Biographie abzuwürgen. Das ist ein Totschlagkonzept. Wenn selbst bei Csampai/ Holland Egks Vita mit keinem Wort erwähnt wird, halte ich das für falsch. Aber ist es nicht auch falsch, dann ins andere Extrem zu verfallen? Welchen Sinn hat dann dieser Thread? Ich denke, wer ihn bisher gelesen hat, hat kapiert, was zweifellos kapiert werden muss.


    Möchte sich auch Harald noch einmal zu Wort melden? Den Einzelkämpfer für die mäßige Sache spiele ich hier nicht.


    Besten Gruß, Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Zitat von WolfgangZ

    : ...und meine ersten Musiklexika (Rowohlt, Knaur) waren in diesen Dingen wertneutral


    Wenn Musiklexika die Reinwaschung von Biographien von Leuten wie Egk übernahmen und systematisch ihr Verhalten und ihre Funktionen im deutschen Faschismus entnannten, dann würde ich das für alles andere als "wertneutral" halten. Es ist doch vielmehr genau das, was R.Giordano treffend die "Zweite Schuld" der meisten Nachkriegsdeutschen genannt hat.


    Den Goethe-Vergleich finde ich auch sehr unpassend. Sachsen-Weimar war kein Mörderregime und Goethe mag man ja unsympathisch finden, aber ein Opportunist war er, glaube ich, eher nicht. So war eine seiner ersten Amtstaten als "Superminister", der zahlreiche Ministerien und die Theaterintendanz gleichzeitig ausübte, das Sachsen-Weimarische Militär auf, so original Goethe: "245 bunte Hansels zu Repräsentationszwecken" runterzufahren. Finde ich eigentlich recht sympathisch. Auch entließ er Fichte in Jena vor allem deswegen, weil dessen Studenten Pogromstimmung gegen jüdische Einwohner machten.


    Aber zur Musik Egks: Seine Chorwerke aus der Nazizeit habe ich mir mal angeschaut. Sie anzuhören habe ich lieber seingelassen. Noten und Texte haben mir schon gereicht. Sie sind nicht nur musikalisch gruselig. Nach diesen Texten und seine Funkrionen im "Dritten Reich" zu urteilen, erscheint mir die Bezeichnung "Opportunist" für Egk als sehr verharmlosend.


    "Opportunistisch" finde ich eher seine Musik der Nachkriegszeit: Niemanden musikalisch erschrecken wollen, aber sich auch bei den Modernen anbiedern, so unentschlossen zusammengefrickelt klingt es dann auch für mich.


    Was für wunderbare Musik schrieben dagegen die im KZ ermordeten Gidon Klein, Pavel Haas, Hans Krása, Viktor Ullmann und Erwin Schulhoff!


    :hello: Matthias

  • Zitat von Matthias Oberg

    Wenn Musiklexika die Reinwaschung von Biographien von Leuten wie Egk übernahmen und systematisch ihr Verhalten und ihre Funktionen im deutschen Faschismus entnannten, dann würde ich das für alles andere als "wertneutral" halten. Es ist doch vielmehr genau das, was R.Giordano treffend die "Zweite Schuld" der meisten Nachkriegsdeutschen genannt hat.


    Rowohlt und Knaur können keine differenzierten Betrachtungen ersetzen. Bei Csampai bin ich in dieser Hinsicht eher enttäuscht; es mag aber auch an dem Beitrag von Karl Schumann liegen, der ähnlich wie in der Literatur Benno von Wiese ausgeprägt werkimmanent vorgeht. Ich würde ihm dennoch keine Reinwaschung unterstellen, da er eben nur den Vitalismus von Egks Stil "wertneutral" anhand charakteristischer Werke beschreibt.


    Besten Gruß, Wolfgang



    ... schnelles PS (offtopic): Goethe hat nicht nur einen Konkurrenten ruiniert; J.M.R.Lenz hat er in den Tod getrieben. Ich fürchte schon, dass man Egk und Goethe irgendwo bestens vergleichen kann. :yes:

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Ich empfinde es als absolut ärgerlich, wenn hier ein Thread eröffnet wird, um anlässlich des 25. Todestages von Egk einfach mal über seine Musik zu reden - und gleich der Hinweis folgt, dass auf die Biographie und insbesondere auf die Rolle von Egk in Nazi-Deutschland nicht eingegangen wird. Als erste Vorstellung von Musik aus der Feder dieses Widerlings kommt dann gleich die "Zaubergeige".


    Egk war nicht irgendein Komponist im sog. "Dritten Reich" - der hat schon ziemlich weit vorne mitgespielt und war sich für wenig zu schade. Die "Zaubergeige" ist eben nicht einfach nur eine nette Märchenoper, da muss man schon mal zwei, drei Sätze zu sagen über bsplsw. antisemitische Inhalte. Das lässt sich beliebig fortsetzen, auch mit dem "Peer Gynt" Deshalb ist es eben nicht möglich, einfach nur über diese Musik zu reden, losgelöst vom Kontext in dem sie entstanden ist.


    Über die Ungeheurlichkeiten, die mit dem Namen Egk nach dem Krieg verbunden sind, wurde hier schon berichtet.

  • Zitat von Alviano

    Egk war nicht irgendein Komponist im sog. "Dritten Reich" - der hat schon ziemlich weit vorne mitgespielt und war sich für wenig zu schade.

    Dann könnte man ihn doch eigentlich ad acta legen - es sei denn, er hätte mindestens ein Werk geschrieben, das einer besonderen Wertschätzung würdig wäre. Gibt es eins?


    Auffällig finde ich, daß ich hier bislang nicht einen Beitrag lesen konnte, in dem begründet dargelegt worden wäre, was an Egk musikalisch positiv dran ist. Daher meine Frage an Dich, Harald: Was schätzst Du an der "Zaubergeige"? Deine, Wolfgangs, Begeisterung scheint sich ja in engen Grenzen zu halten.


    Vor ca. 40 Jahren erfreute sich Egk anscheinend noch eines gewissen Respekts. In Reclams Konzertführer (8. Auflage 1967), das mir als jugendlichem Klassikbegeisterten damals als Wegweiser diente (ich vermute, daß der Reclam in seinen vielen Auflagen seit den 50ern ganz anschaulich den jeweiligen Mainstream spiegelt), wird er recht positiv dargestellt, "unbelastet von akademischer Tüftelei und völlig unbekümmert um 'Richtungen' oder modische Anschauungen". Weiter heißt es da: "Die merkwürdige Mischung von romantischer Phantastik und hemdsärmeliger Realistik in diesem Werk [eben der "Zaubergeige"], das Neben- und Ineinander von 'urbayrisch' derbem Humor und geschliffener Ironie, von quasi naiver Melodienseligkeit und raffinierter Koloristik, von überzeugender musikdramatischer Charakterisierungskunst und spielerisch eleganter, artistischer Unverbindlichkeit, nicht zuletzt auch die aggressive, bisweilen skurrile, immer aber 'tanzgeborene' Rhythmik - das alles gefiel damals (1935) über die Maßen."


    Und zu Egks Musik nach 1945: "Seine Klangwelt ist freitonal. Der 'Zwölftontechnik' und ihren seriellen Konsequenzen hielt er sich fern. Scheinbar ohne Systematik (welche Seltenheit heute!), ganz bestimmt aber ohne Rechenschieber und Logarithmentafel und ohne jede Spur von 'tierischem' Ernst (findet man ihn nicht nur beim 'homo sapiens'?), dafür aber mit unverkennbarer Freude am artistischen Experiment, mit feinem Gespür für Stil, gescheit und spielerisch besessen tut er das Seine. Manche seiner Werke bereiten Vergnügen, vorwiegend als artistische Leistungen; andere sind als echte Dokumente einer reichen und freien Humanität um so willkommener, je öfter man sie hört."


    Böse könnte man sagen: In der guten, alten Zeit - so um 1935 - begeisterte man sich noch für gesunde, frische Musik, während "heute" - also um 1967 - der Sinn für undogmatische, auch fürs Unernste offene Musik verlorengegangen ist. Egk stand also sowohl vor als auch nach 1945 auf der richtigen Seite einer volksnahen Ästhetik...


    Werner Egk: ein Komponist, dessen "Sozialcharakter" ein typisches Schlaglicht auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts wirft - oder doch einer, der immerhin das eine oder andere bemerkenswerte Kunstwerk schuf? (Von Edwins vernichtender Kritik sollten wir uns doch nicht allzusehr einschüchtern lassen, oder?)


    Daß ein mieser Charakter "trotzdem" geniale Musik komponieren kann - dafür gäbe es ja durchaus Beispiele...

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  • Lieber Wolfgang,


    meine Aggressivität richtete sich nicht gegen Dich, verzeih, wenn es so wirkte. Sie richtete sich gegen Egk, der für mich weniger ein rotes als ein tiefbraunes Tuch ist. Für mich ist das, neben Schultze, der mieseste Charakter der neueren deutschen Musik. Bresgen war dagegen fast ("fast"!) ein Held. Immerhin hat er im Alter zaghaft eine Aufarbeitung versucht. Hatte er auch nötig angesichts seiner Beiträge im "Liederbuch der Deutschen Wehrmacht"....


    Orff sehe ich etwas anders. Orffs mieseste Aktion war die nachweislich falsche Behauptung in Bezug auf die "Weiße Rose". Orff war sicher kein Held, aber ein Nazi-Protegée war er nun auch wieder nicht. Seine Werke fallen völlig aus dem "brauchbaren" Kontext, Sex und humanistische Bildung waren keine zentralen nationalsozialistischen Anliegen.
    Die "Sommernachtstraum"-Musik ist auch kein Anti-Mendelssohn-Werk, sondern ein unabhängiger Versuch, Shakespeares Werk zu musikalisieren, und zwar in den für Orff typischen Grenzbereichen zwischen Sprache als Klang und musikalischer Formung. Dabei wollte Orff einen Gegenentwurf zu Mendelssohn schaffen, indem er die magisch-erotische Komponente des Dramas betont. Außerdem darf man dabei nicht übersehen, daß Orffs Erstfassung der "Sommernachtstraum"-Musik aus dem Jahr 1917 stammt. 1939 gab Orff lediglich eine Zweitfassung heraus, der er weitere Fassungen in den Jahren 1952, 1962 und 1964 folgen ließ. Es handelt sich also eher um eine lange währende Auseinandersetzung mit dem Werk Shakespeares, die nur dann kompromittierend erscheint, wenn man von fünf Fassungen lediglich die zweite betrachtet.


    Das ist etwas völlig Anderes als Egks Position, die man meiner Meinung nach so zusammenfassen kann:
    1) Antisemitische Oper ("Zaubergeige").
    2) Lehrstück von bösen Untermenschen, die einen guten Nordländer auf den falschen Pfad führen ("Peer Gynt").
    3) Marsch für einen HJ-Film.
    4) Zurechtlügen der Wahrheit mit der Behauptung, ein linker Pazifist gewesen zu sein.
    5) Aber der Rassismus läßt sich nicht so leicht überwinden, wenn er im Schrumpfgehirn mal drinsitzt. Man führe sich das Libretto der "Verlobung in San Domingo" zu Gemüte. Was so alles passiert, wenn sich ein "Neger" an eine weiße Frau heranmacht... (Vor allem ein Wust schlechter Musik passiert, als wenn die ganze Kleist-Verballhornung nicht schon übel genug wäre...)


    Aber meinetwegen, reden wir über Egks Musik.


    Sie setzt sich aus den Errungenschaften Folgender Komponisten bzw. aus folgenden Ingredienzen zusammen:
    Erich Wolfgang Korngold
    Franz Schreker
    Kurt Weill
    Ernst Krenek
    Karol Rathaus
    Erwin Schulhoff
    Carl Orff
    Darius Milhaud
    Francis Poulenc
    Igor Strawinski
    Bayerischer Watschentanz
    Bayerischer Zwiefacher
    Süddeutscher Jodler
    Betrachtet man nur die Liste der Komponisten, wird klar, daß bloß zwei (Orff und Poulenc) im sogenannten Dritten Reich geduldet waren. Da liegt doch der Verdacht nahe, daß Egk sozusagen Surrogate für die verloren gegangene jüdische bzw. entartete Genialität zusammenbosselte und über den bayerischen Leisten hieb.


    Konsequenterweise kam nach 1945 sofort die nächste Anbiederung, diesmal an die Neue Musik. Und wieder schaffte es Egk, die großen Errungenschaften zu primitivisieren. Wenn man von einem Individualstil bei ihm sprechen will, dann könnte man sagen: Primitivversionen bedeutender Neuer Musik von Menotti über Liebermann bis Henze.


    Wenn ich daran denke, daß Egk, dieser mediokre Misterzeuger, aus der Versenkung hervorgeholt wird, aber Komponisten wie Ernst Toch, Karol Rathaus, Erwin Schulhoff oder Boris Blacher kaum im Repertoire verankert sind, kommen mir fast Tränen der Verzweiflung. Zumindest in unserer Gegenwart sollte die Sensibilität doch etwas größer sein.


    :hello:

    ...

  • Zitat von Gurnemanz

    Dann könnte man ihn doch eigentlich ad acta legen - es sei denn, er hätte mindestens ein Werk geschrieben, das einer besonderen Wertschätzung würdig wäre. Gibt es eins?

    Lieber Gurnemanz,


    ich verweise auf mein erstes Posting in diesem Thread:


    Zitat

    Da ist Werner Egk glücklicherweise zwischenzeitlich fast gänzlich in der Versenkung verschwunden, in die er schon nach 1945 dringend gehört hätte - und dann taucht er anlässlich seines 25. Todestages unvermittelt wieder auf.


    Es gibt für mich absolut keinen Grund, auch keinen musikalischen, Egk wieder hervorzukramen. Und wenn ich die Klitterungen lese, die Du weiter unten anführst und absolut zutreffend beschreibst, wird mir auch nicht besser. Das erinnert mich an Egk selbst, der unliebsame Positionen, die seine Person in Nazi-Deutschland betreffen, und die nach dem Krieg geäussert wurden, gerne als Verdrehung und unwahr bezeichnete und der auch die unglaubliche Dreistigkeit besass, selbst die Nennung von historisch belegbaren Tatsachen gerichtlich verbieten zu lassen.

  • Lieber Gurnemanz,

    Zitat

    Werner Egk: ein Komponist, dessen "Sozialcharakter" ein typisches Schlaglicht auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts wirft - oder doch einer, der immerhin das eine oder andere bemerkenswerte Kunstwerk schuf?


    Das eben ist das zweite Problem. Den Egk'schen Geniestreich gibt es nicht. Die "Französische Suite" ist ganz nett, kommt aber mit den genialen Vorbildern bei Poulenc und Milhaud nicht mit. "Abraxas" hat ein paar gute Stellen, als Ganzes aber stinkt es gegen Prokofjews Ballette ziemlich ab. Und gegen die, um einen Deutschen zu nennen, von Boris Blacher auch. Vielleicht ist Egk dort am besten, wo er wirklich bayerische Musik stilisiert. Aber man darf nicht Orffs "Mond" als Vergleich heranziehen, denn dann landet Egk abermals in der schwächelnden Mittelmäßigkeit. Kurz: Ich kenne kein Werk Egks (und ich kenne ziemlich viele), das nicht entweder an einen anderen Komponisten deutlich bis überdeutlich angelehnt wäre und obendrein einer klischeehaften Banalität verfiele.
    :hello:

    ...

  • Ihr Lieben,


    was mich jetzt ein wenig irritiert: Mindestens eine Platte mit Musik von Werner Egk ist in der DDR erschienen. 1979 wurde bei ETERNA eine Folge von Egk Stücken ("Spagnola" - "Siebzehn Tage und vier Minuten" und "Tango" aus Peer Gynt) gekoppelt mit den Zwischenspielen aus Fortners "Bluthochzeit". Die Egk-Stücke unter der Leitung des Komponisten.


    Ein Blick ins "Braunbuch": Fehlanzeige, Egk taucht nicht auf.


    In dem Plattentext wird sein Namen zusammen mit denen von Gerster, Orff und Wagner-Régeny genannt und ausgeführt, "daß er in der Zeit des Faschismus Opern schrieb, die auf deutschen Bühnen zwar gespielt wurden, wegen ihres gleichnishaften Bekenntnisses zur Humanität aber in vielen Fällen das Mißfallen der Machthaber erregten. Nach 1945 wurde Egk zu einem der bekanntesten und meistgespielten Opernkomponisten." Soweit Walter Rösler im Jahre 1979.


    Da erlaube ich mir die naiv-unschuldige Frage - sehr ernst gemeint, da ich mich für diesen Komponisten und sein Werk bislang nicht interessiert habe und die genannte Platte im Zuge des Ankaufs einer netten LP-Sammlung in meinen Bestand geraten ist: seit wann sind die Kenntnisse über Egk's Vergangenheit in dem Umfang wie oben angedeutet bekannt?


    Das gerade laufende "Siebzehn Tage und vier Minuten" gefällt mir übrigens recht gut, wenngleich ich den Eindruck nicht zurückweisen kann, einzelne Bausteine dieser Musik schon in anderem Zusammenhang (und aus anderer Feder) gehört zu haben.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Egk ist wirklich völlig in der Versenkung verschwunden.
    Ich habe dessen Musik noch nie auf irgendeinem Konzertprogramm gesehen.
    Auch wenn eine andere Epoche mein Hauptinteresse findet, so hab ich aber von fast alle nennenswerten Komponisten irgendwo, irgendwas mal gehört - und sei es nur der Name.


    Egk lernte ich erst vor 2 (!) Monaten vom Namen her kennen, ich hatte vorher noch nie von diesem Komponisten gehört.
    Und es war auch in keinem musiklischen Zusammenhang.


    Ich hörte nur meine Freundin aus dem Nebenzimmer rufen: "Du kennst doch alle Komponisten ? - ein deutscher Komponist mit 3 Buchstaben ..."



    :wacko:


    ich wusste es nicht und suchte im Netz - natürlich fand ich den gesuchten Namen.


    das war mein erster Kontakt....


    Aber was mich ziemlich erschreckt ist, dass jemand mit einer solchen Vergangenheit trotzdem noch Ehrenbürger werden kann, mal ganz abgesehen von seiner Lehrtätigkeit.... aber das war wohl kaum ein Einzelfall. :rolleyes:



    Nach den ganzen Verissen, werde ich mir zwar bestimmt mal eine CD zulegen, aber dass dann wohl nur aus historischem Interesse.

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  • Zitat von Harald Kral

    Über seine Biographie, hauptsächlich natürlich seine Nazivergangenheit, ist viel geschrieben worden, ich möchte hier nicht weiter darauf eingehen.

    Zitat von Edwin Baumgartner

    Bei einem Egk-Thread muss man auf seine höchst dubiose Stellung in der NS-Zeit eingehen, [...]


    Sehr richtig lieber Edwin, so sehe ich das auch!


    Wenn man schon unbedingt auf unrühmliche Komponisten und deren Jahrestage hinweisen muss, reicht es nicht aus, nur seine Lieblingsplatte zu posten.


    Davidoff

    Verachtet mir die Meister nicht

  • Noch einmal hallo, miteinander!


    Gänzlich unabhängig von der politischen Seite, über die man sich schwerlich streiten kann und die jetzt zur Genüge behandelt ist, oder? :yes: - von besseren oder schlechteren Vergleichen mit anderen Persönlichkeiten einmal abgesehen ;) - sehe ich doch ein generelleres Problem:


    Besteht nicht die Gefahr, die Originalität eines Komponisten schärfer in Frage zu stellen, wenn er (natürlich zu Recht im gegebenen Fall!) politisch anstößig ist? Würde man andere "Kleinmeister" ( ;) ) nicht milder behandeln, weil sie unverdächtig erscheinen? Rhetorische Fragen, die ich natürlich auch nicht beantworten kann.


    Ganz verstehe ich Alvianos Ablehnung dieses Threads nicht. Bezüglich einer Würdigung der Musik als solcher sollte es m.E. nicht per se ein Denkverbot geben.


    Was kann ich Egks Musik abgewinnen, fragt Gurnemanz. Vielleicht den prägenden naiven Ersteindruck, vielleicht die von Edwin kritisierten Effekte, die Reizharmonien, so simpel sie sein mögen. Mit Sicherheit den originellen Ohrwurmeffekt der bayrischen Nummern - nicht weil das genial ist, aber weil es das anderweitig nicht gibt. Edwin, der natürlich der größere Profi von uns beiden (wahrscheinlich von uns allen) ist, erklärt Egk als Konglomerat. Aber bei wie vielen Komponisten kann man sich gerade als Kenner davon freimachen? Ist das per se problematisch? Hat nicht das Resultat trotz allem etwas Unverwechselbares? Würde man einen neu ausgegrabenen Egk nicht sofort erkennen? Sofort erkennen, ohne dass es ein schlagerhaft plumpes Imitat wäre?


    Ich bringe ein kurzes Off-Topic-Beispiel. Ich entdecke gerade die vier Sinfonien von Alberic Magnard. Es gibt ja hier einen Thread; von diesem stammt (natürlich) auch die Anregung. Noch kann ich aber den Personalstil dieses sehr interessanten Komponisten nicht erkennen; und das ist für mich zugegebenermaßen ein kleines Abwertungskriterium - mag natürlich an mir liegen, wenn ich den Stil (noch) nicht höre. Was ich höre, ist Bruckner, Chausson, Franck, Debussy, ... Bei Egk ging die für mich notwendige stilistische Zusammenschau schneller, jetzt ohne jede Wertung ...


    Als Poulenc-Liebhaber möchte ich Edwin wiederum dahingehend zustimmen, dass die "Französische Suite" da nicht heranreicht. Ich meine aber nach wie vor, dass es uns schwerfallen dürfte, hier mehr oder minder objektive Bewertungsgründe zu finden. Es wird immer jemand kommen, der Poulenc an Strawinsky misst, und dann wird jemand Strawinskys tendenzielle Polystilistik gegen ihn selbst verwenden ...


    Freuen wir uns doch, so banal das jetzt klingen mag, an der Vielfalt und rechnen wir nicht immer gegeneinander auf - das hatten wir doch zur Genüge beim Logeschen Musiksystem ... :D


    Herzliche Grüße, Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Lieber Thomas Pape,


    Die DDR nahm ja auch Wagner-Regeny und Otmar Gerster mit offenen Armen und auf Platte auf...
    Was es mit Egk auf sich hat, weiß man seit 1933, denn da hat ja seine Anbiederung begonnen. Was insgesamt los war, wies Fred K. Prieberg in "Musik im NS-Staat" (meine 3. Auflage stammt aus 1989) nach.


    :hello:

    ...

  • Ich bin schon sehr erstaunt mit welcher Brutalität hier gerichtet wird, und wie hier Politik mit Musik vermischt wird.
    Wenngleich ich manches bis zu einem gewissen Grad verstehen kann, so stört mich doch die Dogmatik ein wenig, die hier zutage tritt.


    Aus meiner Sicht ist es völlig belanglos wie ehrenhaft oder unehrenhaft ein Komponist, Interpret oder was immer gewesen ist. Was zählt ist seine Musik: Aber ich habe gelegentlich den Eindruck, daß dies für etliche nur von sekundärer Bedeutung ist und der Focus auf die politische Ausrichtung der betreffenden Person gerichtet ist.


    Das Wenige , das ich von Werner Egk kenne erweckt ihn mir den Eindruck eines Komponisten, der einerseits "modern" wirklen wollte, ohne den Boden der Vergangenheit zu verlassen - ein Spagat, der wohl nur schwer zu schaffen ist.


    Ich kann mich nur wundern, daß hier der Wunsch laut wird, Komponisten und ihre Werke mögen in Vergessenheit geraten - und wie aus Gründen, die offensichtlich ausserhalb des musikalischen Bereiches liegen, alles was sie geschrieben haben, schlecht gemacht wird


    Auszug aus dem "Neuen Opernführer" ( 1978 )


    Zitat

    Egk wird , wie Carl Orff zu einem der meistgespieltesten und erfolgreichsten Opernkomponisten unserer Zeit, weil er sich entschliesst einen Weg für und nicht gegen ds Publikum zu suchen, bei aller Modernität ist seine Sprache volkstümlich, seine Opern wahren meist die klassische Form


    Die Zaubergeige beruht auf einem Stück von Franz von Pocci (1807-1876) und ist der erste Erfolg Egks.
    1936 wurde sie in einer Inszenierung von Oskar Fritz Schuh in Hamburg auf die Bühne gebracht.
    1954 wurde das Werk in bezug auf die Orchestrierung bearbeitet.
    Es ist übrigens keineswegs vergessen, es gab auch in letzter Zeit Inszenierungen
    Stuttgart 1954
    Kaiserslautern 1981
    Augsburg 1981
    Coburg 1982
    Bremerhaven 1984
    1989 München


    Wie gesagt ein Märchen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Figur des Guldensack ist sicher harmloser, als jene von Shylock in Shakespeares "Kaufmann von Venedig", an der sich aber meines Wissens bis heute kein Mensch stösst.


    Aber wie gesagt - das ist eigentlich nicht das Thema dieses Threads.
    Anzumerken ist vielleicht noch, daß Egk Ehrenbürger der Stadt München war und 1972 mit derem kulturellen Ehrenpreis ausgezeichnt wurde


    Dagegen liest sich dieser Thread des Tamino Klassikforums wie der Schuldspruch eines Tribunals. Und dagegen möchte ich ein Zeichen setzen, ein Korrektiv sein.


    mfg aus Wien
    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Lieber Alfred,

    Zitat

    Die Zaubergeige beruht auf einem Stück von Franz von Pocci


    Ja, und?
    1) Kann das Stück schon bei Pocci antisemitische Tendenzen gehabt haben.
    2) Stammt der Text von Egk, und wenn es schon nicht bei Pocci vorhanden ist, ist der Antisemitismus bei Egk überdeutlich.


    Das Zitat aus dem Opernführer - sagt nichts aus. Die meisten Opernführer urteilen wesentlich zu freundlich. Nicht nur bei Egk.


    Neue Inszenierungen der "Zaubergeige"? - Vielleicht, daß brillante Regietheater-Regisseure die Tendenz kenntlich machen wollten. Andernfalls scheinen die Dramaturgen der Häuser nicht recht gewußt zu haben, worauf sie sich da einlassen. Mangelhaftes historisches Bewußtsein ist leider auch in dieser Berufssparte anzutreffen.


    Egk Ehrenbürger von München - wohl eine Alterserscheinung. Gekoppelt abermals mit mangelhaftem historischen Bewußtsein.


    Aber reden wir meinetwegen über die Musik. Da ich ziemlich viel von Egk kenne, biete ich an, ein Stück, das vorgeschlagen wird, Punkt für Punkt auf seine Tauglichkeit abzuklopfen.


    Und: Ja, ich bin der Meinung, daß manche Komponisten am besten der Vergessenheit anheimfallen sollten. Egk ist einer, andere, die mir gerade einfallen, sind Chrennikow und Schultze.


    :hello:

    ...

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