• Kleiner Nachtrag zur Veranstaltung (auf Anregungen eines anderen Taminos, den ich dort netterweise traf).

    Der Saal war zum Bersten voll (ca. 150 Leute), was mich sehr gewundert und gefreut hat.


    Die Stimmung war gut, feine Anekdoten wurden erzählt, die Stimme Terkals erklang in raren Aufnahmen. Auch ich selbst wurde (zu meiner großen Überraschung) auf das Podium gebeten und zum bald erscheinenden Buch über die "Österreichischen Tenöre" befragt.


    Schön, dass solche Veranstaltungen immer noch stattfinden können. Sie müssen halt mit Herzblut geplant und moderiert werden, dann gefallen sie auch den Menschen von heute. Es waren nämlich nicht ausschließlich Senioren im Publikum.


    Abschließend noch ein Hör-Tipp: Dienstag, 8.10. um 10.05 Uhr: "Anklang - Karl Terkal, vom Tischler zum Tenor". Der Gestalter der Sendung, Robert Fontane, war ebenfalls bei der Veranstaltung anwesend.

  • Lieber Gregor,


    ich habe soeben die "Anklang"-Sendung im ORF1 zum 100. Geburtstag von Karl Terkal gehört. Danke für den Hinweis!


    Bewegend fand ich das einige Wochen vor seinem Tod (1996) privat aufgenommene Wienerlied "Drunt' in der Lobau, wenn ich das Platzerl nur wüsst'" von Heinrich Strecker. Eindrucksvoll, wieviel Stimme der Tenor mit 76 Jahren noch hatte.


    Und es war schön zu erfahren, dass sich offensichtlich ein Mitschnitt der "Lustigen Weiber von Windsor" von den Bregenzer Festspielen 1956 (mit Wilma Lipp, Hilde Rössel-Majdan, Hanny Steffek, Otto Edelmann, Carl Dönch, Hans Günter Nöcker und auch Karl Terkal) quasi als Pendant zur NDR-Produktion erhalten hat. (Der Dirigent in Bregenz, Fritz Zaun, war übrigens lange Jahre Kapellmeister an der Deutschen Oper am Rhein.)


    Viele Grüße!


    Carlo

  • Ja, die Gedenksendung kann man durchaus als gelungen bezeichnen.


    Es gibt einige Mitschnitte mit Karl Terkal, die nie offiziell veröffentlicht wurden. Der leider verstorbene Ö1-Moderator Gottfried Cervenka, der, nebenbei gesagt, selber ein spezielles Plattengeschäft führte und unendlich viele Aufnahmen besaß, hat immer wieder etwas ausgegraben und auch im Radio gespielt.


    Robert Fontane möchte nun, so hat er es bei der Terkal-Veranstaltung in Favoriten selbst gesagt, nun in seine Fußstapfen treten. Das wäre wünschenswert.


    Von den vielen angesprochenen Anekdoten, die von Terkal überliefert sind, hätte er aber zumindest ein oder zwei erzählen können. Das hätte Cervenka bestimmt gemacht ...

  • Und es war schön zu erfahren, dass sich offensichtlich ein Mitschnitt der "Lustigen Weiber von Windsor" von den Bregenzer Festspielen 1956 (mit Wilma Lipp, Hilde Rössel-Majdan, Hanny Steffek, Otto Edelmann, Carl Dönch, Hans Günter Nöcker und auch Karl Terkal) quasi als Pendant zur NDR-Produktion erhalten hat. (Der Dirigent in Bregenz, Fritz Zaun, war übrigens lange Jahre Kapellmeister an der Deutschen Oper am Rhein.)

    Ja, lieber Carlo, diesen Mitschnitt gibt es. Mein Archiv verzeichnet folgende Besetzung:


    Otto Nicolai

    Die lustigen Weiber von Windsor

    Bregenzer Festspielchor

    Wiener Symphoniker

    Dirigent Fritz Zaun

    Bregenz 1956

    Sir John Falstaff

    Otto Edelmann

    Frau Fluth

    Wilma Lipp

    Frau Reich

    Hilde Rössl-Majdan

    Herr Fluth

    Karl Dönch

    Herr Reich

    Hans Günther Nöcker

    Jungfer Anna Reich

    Hanny Steffek

    Fenton

    Karl Terkal

    Junger Spärlich

    August Jaresch

    Dr. Cajus

    Robert Titze


    Ergänzend noch die NDR-Besetzung:


    Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks

    Dirigent Wilhelm Schüchter

    Oktober 1956

    Sir John Falstaff

    Arnold van Mill

    Frau Fluth

    Wilma Lipp

    Frau Reich

    Hilde Rössl-Majdan

    Herr Fluth

    Walter Berry

    Herr Reich

    Siegmund Roth

    Jungfer Anna Reich

    Rosl Schwaiger

    Fenton

    Karl Terkal

    Junker Spärlich

    Kurt Marschner

    Dr. Cajus

    Adolf Meyer-Bremen




    Es grüßt Rüdiger als Rheingold 1876

  • Karl Terkals strahlende und höhensichere Stimme habe ich zunächst schätzen gelernt am Radio, als der WDR um 1960 Melodienfolgen aus Operetten sendete - begleitet vom Orchester Hermann Hagestedt oder dem Kölner Rundfunkorchester unter Marszalek. Partnerinnen waren u.a. Herta Talmar, Valerie Bak.


    Leider habe ich Terkal nur einmal in einer kleineren Partie live erlebt: am 30. Mai 1966 als Walter im TANNHÄUSER in der Wiener Staatsoper. Meine Notizen auf dem Besetzungszettel, den ich kürzlich beim Aufräumen wieder fand: Terkal: !!!; Hans Beirer in der Titelpartie: heldische Stimme, starkes Vibrato, nicht immer intonationsrein; Waechter: !!!, Frick ... , Rysanek ... , Sawallisch ... . (Sorry: OT).


    Gerade höre ich mir seit langem wieder einmal das "Cujus animam" aus Rossinis STABAT MATER an mit mühelosem hohen Des. Terkal bewältigt die heikle Tessitura souverän und mit rhythmischer Verve. Fulminant! (aus einer Produktion des Wiener Rundfunks unter Miltiades Caridis, 1966).


    Die Terkal-Gedenksendung vom 8.10.10 auf Ö1 habe ich aufgezeichnet und werde sie demnächst anhören.


    greghauser2002: Falls noch Bedarf am Heft 'Stimmen, die um die Welt gingen' mit Rudolf Christ besteht, könnte ich mein Exemplar unter Bedingungen leihweise zur Verfügung stellen.


    :hello:Klaus

  • greghauser2002: Falls noch Bedarf am Heft 'Stimmen, die um die Welt gingen' mit Rudolf Christ besteht, könnte ich mein Exemplar unter Bedingungen leihweise zur Verfügung stellen.


    :hello:Klaus

    Vielen Dank. Das ist wirklich nett. Aber ein anderes Mitglied hat mir schon vor einiger Zeit eine Kopie geschickt. Wunderbar, wie sich die Opernfans hier gegenseitig helfen.


    Auch wenn du Terkal nur einmal live erlebt hast, lieber Klaus, beneide ich dich darum. Immerhin. Und an dem Abend waren offenbar noch mehrere andere Legenden in der Besetzungsliste. Ich finde solche Berichte von Zeitzeugen äußerst spannend, da ich selbst zu jung bin, um vor den 90er-Jahren in die Oper gegangen zu sein.


    Die angesprochene Aufnahme von Rossinis "Stabat Mater" habe ich ebenfalls. Sie ist in der Tat beeindruckend.

  • Lieber greghauser2002,


    vielen Dank für deine Antwort.

    Aus Erfahrung mit einem ähnlichen Projekt wie dem deinen weiß ich, wie wertvoll es ist, Informationen nicht nur aus dem persönlichen Umfeld der Künstler zu erhalten, sondern auch Querverbindungen zu allen möglichen anderen Quellen zu nutzen. Das ist oft recht mühsam und erfordert Geduld, bereitet aber auch viel Freude.

    Ich wünsche dir weiterhin erfolgreiches Recherchieren bei der Arbeit an deiner geplanten Publikation!


    Herzliche Grüße

    Klaus

  • Das macht mich doch recht neugierig. Meldest du dich bei mir? Du bräuchtest an meinen nickname, mit dem du mich hier anredest, nur ein @yahoo.de hinzufügen. Würde mich freuen, von dir zu hören. LG Greg

  • Auch ich bei meinem Streifzug durch die Schallplattensammlung auf Karl Terkal und seine betörend gefärbte, leuchtende Stimme gestoßen: hier singt er in Leo Falls "Dollarprinzessin":


    R-7576844-1444401321-2176.jpeg.jpg

    viele Grüße von Boris alias Don_Gaiferos

  • Karl Terkal begegnete ich in einer Sendung des Bayrischen Rundfunks, mitte der Achtzigerjahre. Ausgestrahlt wurde eine 1951 entstandene, deutschsprachige Eigenproduktion des Senders unter der Stabführung von Clemens Krauss. Mimi in dieser Produktion war die hinreißende Trude Eipperle.


    Am Tag nach der Radiosendung fuhr ich aus dem oberfränkischen Hof nach Baden bei Wien. Um mich von den Strapazen der langen Reise zu erholen, bummelte ich durch das hübsche Rosarium. Musikklänge lockten mich zu einem Podium, auf dem ein kleines Kurorchester einen grauhaarigen Tenor begleitete. Leider hörte ich nur noch wenige Takte, das Konzert ging seinem Ende zu. Ich frug einen Nachbarn, wer denn da sänge? "Das ist der Kammersänger Terkal aus Wien" raunte es zurück. Was für eine Überraschung! Nach dem Konzert begrüßte ich den Künstler: "Ich möchte mich noch für ihren herrlichen Rudolfo bedanken". Er darauf verwundert "Rudolfo? Ich?". Der drollige Dialog ging weiter mit "Ja, unter Clemens Krauss". Karl Terkal: "Na, mit dem Kompliment kommen's aber reichlich spät"...*g*.


    Damit nicht genug. Die Gattin wurde gebeten, aus dem Auto eine Autogrammkarte zu holen. Sie kam mit einem Tamino-Foto zurück. Karl Terkal beim unterschreiben lakonisch "Na, das Bild paßt, es hat auch schon einige Jährchen auf dem Buckel ".


    Übrigens, die "La Boheme" mit Karl Terkal, Trude Eipperle, Wilma Lipp, Alfred Poell und Hans Hermann Nissen ist bei JPC lieferbar.

  • Damit nicht genug. Die Gattin wurde gebeten, aus dem Auto eine Autogrammkarte zu holen. Sie kam mit einem Tamino-Foto zurück. Karl Terkal beim unterschreiben lakonisch "Na, das Bild paßt, es hat auch schon einige Jährchen auf dem Buckel ".

    Eine sehr nette Anekdote zu deinem Einstand, lieber udohasso. So stellt man sich Karl Terkal vor. Die erwähnte "Bohéme" ist in der Tat wunderbar. Ich habe Terkals Rudolfo auch hier in dem beliebten Spiel "Meine drei Lieblings-Rolleninterpreten" aufgenommen. Vielleicht interessiert es dich: Die von dir angesprochene Gattin Karl Terkals, mittlerweile leider schon seit beinahe 25 Jahren seine Witwe, lebt noch rüstig in der Terkal'schen Wohnung in Wien/Favoriten und erzählt auch gern solche Anekdoten.

  • Zitat von udohasso

    Übrigens, die "La Boheme" mit Karl Terkal, Trude Eipperle, Wilma Lipp, Alfred Poell und Hans Hermann Nissen ist bei JPC lieferbar.


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)


  • Karl Terkal singt auch in dieser Studioproduktion den Ersten Gefangenen, den ich für eine wichtige Rolle halte. Sie entstand zeitgleich mit der Wiederaufnahme des "Fidelio" am 24. Januar 1978 in der Wiener Staatsoper, die auch ins Fernsehn und inzwischen auf DVD gelangte. Weiter oben wurde sie bereits mehrfach genannt. Die Besetzung ist bis auf den Don Ferrando identisch. Auf der Bühne wirkt Hans Helm, im Studio Dietrich Fischer-Dieskau.

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold 1876

  • Liebe Forianer,


    meine 'Nische' hier bei „Tamino“ habe ich im Posten von Sänger-Discographien gefunden und ich liste als neues 'Projekt' einmal wöchentlich die mir bekannten Tondokumente des Tenors Karl Terkal auf.


    Ich glaube, den sehr beliebten Wiener Sänger braucht man eigentlich nicht mehr vorzustellen. Seine helle, schlackenlose und scheinbar mühelos die hohen Töne erreichbare Stimme ist den älteren Melomanen von vielen Rundfunksendungen und zahlreichen Schallplatten erinnerlich. Ich mache es mir einfach und gebe zu seinem interessanten Werdegang den Karl Terkal betreffenden Artikel aus der „Hör zu!“-Serie 'Wie sie wurden, was sie sind' aus dem Jahre 1953 wieder:



    „Karl Terkals Vater, von Beruf Kellner, starb früh. Der 1919 in Wien geborene Sohn erlernte das Tischlerhandwerk. Aber als der frischgebackene Geselle 1936 ans Geldverdienen denken konnte, gab es keine Arbeit für ihn wie für viele Handwerker seinesgleichen. Da Karl Terkal im Besitz einer hübschen Naturstimme war, erwarb er sich geringe Einnahmen zusammen mit Kameraden durch Singen und Musizieren auf den Straßen und Hinterhöfen seiner großen Heimatstadt. 1937 wurde er beim Wettbewerb der Wiener Straßensänger sogar 'Straßenprinz'. Der Straßenprinz tischlerte so gut es ging weiter, die letzten Sehnsüchte nach Singen und Gesangsstudium trieb ihm der Krieg aus dem Sinn.


    Sechs Jahre Waffenhandwerk, dann wiederum zurück an die Hobelbank. Nun aber war doch dann und wann ein wenig Unterricht möglich. Fleiß und natürliche Begabung brachten Terkal 1947 den Preis bei einem Musikwettbewerb der Wiener Singakademie ein. Der Preis bestand in kostenlosem Unterricht und – der Stelle des Haustischlers. Als es dem jungen Handwerker und Familienvater eines Tages gelang, dem allmächtigen Clemens Krauss vorzusingen, ermunterte ihn dieser kräftig, dem soliden Handwerk Lebewohl zu sagen. Krauss prophezeite richtig. Die Eleventätigkeit an der Wiener Staatsoper freilich brach Terkal bald ab, denn er bekam nichts zu singen. So ging er in die Provinz. Sein erstes Engagemen war das Stadttheater Graz. Hier konnte er sich gründlich Praxis erwerben.


    Das zweite Engagement schon brachte 1952 den lyrischen Tenor Karl Terkal nach einem sensationellen Gastspiel als Rudolf an die Wiener Staatsoper. Seine Stimme gewann an Fülle, Biegsamkeit und leuchtender Schönheit. Bald meldeten sich auch Rundfunk und Schallplatte, ein besonderes Feld ist inzwischen auch die gute Operette geworden.


    Karli, wie ihn seine Frau nennt, hat nichts von seiner gesunden Ursprünglichkeit und Natürlichkeit verloren. In seiner Freizeit widmet er sich gern dem Fußballsport, sieht sich mit Vorliebe Wildwestfilme an und übernimmt die musikalische Erziehung seines begabten Sohnes Helmut.“



    Wesentlich mehr (24 Seiten mit Fotos) hat unser 'Tamino' Gregor Hauser in seinem hier im Forum schon mehrfach gelobten, sehr lesenswerten Buch „Magische Töne - Österreichische Tenöre der Nachkriegszeit“ über Karl Terkal (bürgerlich: Trkal) geschrieben und er bringt uns diesen Sänger dank vieler Details auch menschlich näher. Die folgende Discographie – beginnend mit Karl Terkals Opern-Aufnahmen - erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; Ergänzungen, Berichtigungen und Hinweise sind willkommen!



    „Fidelio“ (Beethoven): (Erster Gefangener) mit Martha Mödl (Leonore), Irmgard Seefried (Marzelline), Anton Dermota (Florestan), Paul Schöffler (Don Pizarro), Ludwig Weber (Rocco), Waldemar Kmentt (Jaquino), Karl Kamann (Don Fernando) und Alfred Jerger (Zweiter Gefangener) / Der Chor und das Orchester der Wiener Staatsoper / Chorltg.: Richard Rossmayer / Dirigent: Karl Böhm (Wien, Staatsoper, 5. 11. 1955). Dies war die erste Aufführung in der aus den Ruinen wieder erstandenen Wiener Staatsoper mit einer Fernsehübertragung nur in Österreich – technisch unterstützt vom Bayerischen Fernsehen – sowie mit Rundfunksendungen in mehreren europäischen Ländern, wovon es mehrere LP- und CD-Ausgaben gibt. Gleichzeitig wurde die Generalprobe des „Fidelio“ für die Vorführung in amerikanischen Kinos gefilmt (aus den USA stammten die meisten Spendengelder für den Wiederaufbau), allerdings sind die Filmbänder heute unauffindbar; Ausschnitte sind aber in dem Dokumentarfilm „Looking for Freedom“ enthalten, der schon einige Male im Kultursender '3sat' gezeigt wurde.


    dto.: (Erster Gefangener) mit Gwyneth Jones (Leonore), Lucia Popp (Marzelline), James King (Florestan), Theo Adam (Don Pizarro), Franz Crass (Rocco), Adolf Dallapozza (Jaquino), Karl Ridderbusch (Don Fernando) und Herbert Lackner (Zweiter Gefangener) / Der Chor und das Orchester der Wiener Staatsoper / Chorltg.: Norbert Balatsch / Dirigent: Leonard Bernstein (Wien, Theater an der Wien, 24. 5. 1970). Bisher offiziell nicht veröffentlicht. Ein Mitschnitt von der Übernahme dieser Produktion in das Repertoire der Wiener Staatsoper am 9. 6. 1970 ist auf 'Opera Depot' erschienen mit der Umbesetzung des 'Don Fernando': Gerd Nienstedt statt Karl Ridderbusch.


    dto.: (Erster Gefangener) mit Gundula Janowitz (Leonore), Lucia Popp (Marzelline), René Kollo (Florestan), Hans Sotin (Don Pizarro), Manfred Jungwirth (Rocco), Adolf Dallapozza (Jaquino), Hans Helm (Don Fernando) und Alfred Sramek (Zweiter Gefangener) / Der Chor und das Orchester der Wiener Staatsoper / Chorltg.: Norbert Balatsch / Dirigent: Leonard Bernstein / Bühnenbild: Günther Schneider-Siemssen / Kostüme: Leo Bei / Inszenierung und TV-Regie: Otto Schenk (Wien, Staatsoper, 29. 1. 1978). Der ORF sendete live die dritte Vorstellung (Premiere am 24. 1.) als erst dritte Fernsehübertragung aus der Wiener Staatsoper überhaupt (nach dem „Fidelio“ von 1955 und der „Cenerentola“ von 1960); die ARD brachte die Oper als Aufzeichnung am 24. 3. 1978. Erst 2006 erschien dieser „Fidelio“ bei der 'DGG' auf DVD.

    Vom 26. 1. bis 30. 1. 1978 wurde das Werk auch in der obengenannten Besetzung im Wiener Musikverein für die Schallplatte ('DGG') aufgenommen, aber mit Dietrich Fischer-Dieskau als 'Don Fernando'; die 'Wiener Philharmoniker' spielten unter der Leitung von Leonard Bernstein. (Das Orchester der Wiener Staatsoper besteht überwiegend aus Mitgliedern der Wiener Philharmoniker, aber auch Mitglieder der Wiener Symphoniker und dem ORF-Symphonieorchester sind darin vertreten und der jeweilige Anteil wird nach 'Proporz' – ein Lieblingswort der Österreicher – festgesetzt. Für Aufnahmen und Tourneen bzw. auswärtige Gastspiele, z. B. zu den Salzburger Festspielen, nennt sich das Orchester werbewirksam 'Die Wiener Philharmoniker'.)


    dto.: (Erster Gefangener) mit Gwyneth Jones (Leonore), Lucia Popp (Marzelline), Jess Thomas (Florestan), Theo Adam (Don Pizarro), Kurt Rydl (Rocco), Horst Laubenthal (Jaquino), Hans Helm (Don Fernando) und Alfred Sramek (Zweiter Gefangener) / Der Chor und das Orchester der Wiener Staatsoper / Chorltg.: Norbert Balatsch / Dirigent: Leonard Bernstein (Washington, Kennedy Center, 27. 10. 1979). Ein Mitschnitt vom Gastspiel der Wiener Staatsoper in der amerikanischen Hauptstadt, der in den USA von 'Mr. Tape' auf Tonband angeboten wurde.



    „Pique Dame“ (Chaikovskii): (Hermann) mit Libuse Domaninská (Lisa), Rosette Anday (Die alte Gräfin), Sonja Draksler (Pauline), Maria Nußbaumer (Gouvernante), Laurence Dutoit (Mascha), Edmond Hurshell (Graf Tomsky), Hans Braun (Graf Jeletzky), Erich Majkut (Czekalinksky), Leo Heppe (Surin), Helmut Pilss (Tschaplitzky), Walter Vaget (Narumoff) und Emil Mochar (Festordner) / Der Chor des Österreichischen Rundfunks / Chorltg.: Gottfried Preinfalk / Das Große Wiener Rundfunkorchester / Dirigent: Kurt Richter (Wien, Österreichischer Rundfunk, 1958). Erstsendung am 25. 12. 1958 mit einer Wiederholung am 5. 3. 1960, bisher unveröffentlicht.



    „Dantons Tod“ (von Einem): (Erster Henker) mit Sonja Schöner (Lucile), Helly Spittler (Julie), Elisabeth Höngen (Simons Frau), Edith Vonkilch (Eine Dame), Eberhard Waechter (Danton), Donald Grobe (Desmoulins), Paul Späni (de Séchelles), Gerhard Stolze (Robespierre), Hans Christian (St. Just), Hans Braun (Herrmann), Karl Schmitt-Walter (Simon), Kurt Equiluz (Ein junger Mensch) und Josef Knapp (Zweiter Henker) / Der Chor der Wiener Staatsoper / Chorltg.: Wilhelm Pitz / Die Wiener Symphoniker / Dirigent: Ferdinand Leitner / Bühnenbild: Walter Dörfler / Kostüme: Hill Reihs-Gromes / Inszenierung und TV-Regie: Otto Schenk (Wien, Theater an der Wien, 15. 6. 1963). Eine Live-Fernsehübertragung des ORF von den Wiener Festwochen 1963; eine DVD ist bei 'House of Opera' erhältlich. (In der TV-Sendung führte der Produktionsleiter Wilfried Scheib ein Pausengespräch mit dem Komponisten der Oper, Gottfried von Einem, und mit dem damaligen Leiter der Wiener Festwochen und späteren Intendanten der Wiener Staatsoper, Egon Hilbert.)


    dto.: (Erster Henker) mit Lisa Della Casa (Lucile), Gertrude Jahn (Julie), Elisabeth Höngen (Simons Frau), Laurence Dutoit (Eine Dame), Eberhard Waechter (Danton), William Blankenship (Desmoulins), Kurt Equiluz (de Séchelles), Helmut Melchert (Robespierre), Tugomir Franc (St. Just), Gerd Nienstedt (Herrmann), Peter Klein (Simon), Heinz Zednik (Ein junger Mensch) und Ljubomir Pantscheff (Zweiter Henker) / Der Chor und das Orchester der Wiener Staatsoper / Chorltg.: Norbert Balatsch / Dirigent: Josef Krips (Wien, Staatsoper, 9. 11. 1967). Bisher wurde nur die Wahnsinnsszene der Lucile in einem CD-Recital von Lisa Della Casa bei 'Orfeo' veröffentlicht.


    dto.: (Erster Henker) mit Krisztina Laki (Lucile), Ingrid Mayr (Julie), Marjana Lipovsek (Simons Frau), Gabriele Sima (Eine Dame), Theo Adam (Danton), Werner Hollweg (Desmoulins), Wilfried Gahmlich (de Séchelles), Horst Hiestermann (Robespierre), Helmut Berger-Tuna (St. Just), Kurt Rydl (Herrmann), Franz Wyzner (Simon), Christopher Doig (Ein junger Mensch) und Alfred Muff (Zweiter Henker) / Der ORF-Chor und das ORF-Symphonieorchester Wien / Chorltg.: Gottfried Preinfalk / Dirigent. Lothar Zagrosek (Salzburg, Felsenreitschule, 13. 8. 1983). Ein Live-Mitschnitt des ORF, erschienen 1985 bei 'Orfeo' auf 2 LPs und 1989 auf 2 CDs.



    „Der Besuch der alten Dame“ (von Einem): (Claires Diener Koby) mit Christa Ludwig (Claire Zachanassian), Emmy Loose (Ills Frau), Ana Higueras-Aragon (Ills Tochter), Laurence Dutoit und Margareta Sjöstedt (Zwei Frauen), Heinz Zednik (Claires Butler), Fritz Sperlbauer (Claires Diener Loby), Eberhard Waechter (Alfred Ill), Ewald Aichberger (Ills Sohn), Hans Beirer (Der Bürgermeister), Manfred Jungwirth (Der Pfarrer), Hans Hotter (Der Lehrer), Siegfried Rudolf Frese (Der Arzt), Alois Pernerstorfer (Der Polizist), Kurt Equiluz (Hofbauer), Harald Pröglhöf (Hellmesberger), Hans Christian (Der Bahnhofsvorstand), Hans Braun (Der Zugführer und Der Kameramann), Julius Suchey (Eine Stimme) u. v. a. / Der Chor und das Orchester der Wiener Staatsoper / Chorltg. Norbert Balatsch / Dirigent: Horst Stein (Wien, Staatsoper, 23. 5. 1971). Der ORF-Mitschnitt der Uraufführung wurde auf 3 CDs veröffentlicht bei 'Amadeo' (1990) und auf 2 CDs bei 'Orfeo' (2018).


    Carlo

  • Lieber Carlo!

    Ich glaube, den sehr beliebten Wiener Sänger braucht man eigentlich nicht mehr vorzustellen.

    Als Berliner kennt man eigentlich Karl Terkal nur vom Hörensagen. Ich habe sehr früh seine Aufnahme von Meyerbeers Hugenotten kennen gelernt. Das war vielleicht die falsche Partie! Danach hatte ich keine Motivation weitere Aufnahmen von ihm zu hören. Deshalb wäre es vielleicht sinnvoll, wenn Du in Deiner Diskografie auch auf die Deiner Meinung nach besonders gelungen und damit hörenswerten Aufnahmen hinweisen könntest!


    ... meine 'Nische' hier bei „Tamino“ habe ich im Posten von Sänger-Discographien gefunden ...

    Das ist eine ganz verdienstvolle Arbeit.
    Ich studiere die Beiträge immer sehr eingehend. Auch wenn sie mitunter Sängerinnen oder Sängern aus der 'Nische' gewidmet sind.


    Wenn Du mal wieder überlegst, wessen Diskografie Du uns vorstellen willst, hätte ich einen Wunschkandidaten: Sandor Konya. Er hat bei so unsagbar vielen Labels und in etlichen Rundfunkstationen Aufnahmen gemacht,, dass man schwer einen Überblick über seine reiche Hinterlassenschaft bekommt. Und die Mitschnitte, die in den USA und in Italien auf den Markt gekommen sind, finde ich meist nur auf Grund von Empfehlungen amerikanischer Melomanen.

    Wie Du vielleicht schon gemerkt hast, bin ich ein großer Fan von Sandor Konya, aber immer wieder kommen mir Aufnahmen unter, von denen ich noch nichts wusste. Es wäre toll, wenn Du Dir mit Deinen Recherchefähigkeiten mal Konya vornehmen könntest!


    Liebe Grüße


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Lieber Caruso41,


    die „Hugenotten“-Aufnahme des ORF von 1955 war eine Pioniertat, die leider bis auf fünf Aufführungen an der Hamburgischen Staatsoper 1958 (mit Gisela Vivarelli, Edith Lang, Erna-Maria Duske, Kurt Ruesche, Vladimir Ruzdjak und Ernst Wiemann) ohne Folgen blieb; auch der „Prophet“ an der Deutschen Oper Berlin 1966 (mit Annabelle Bernard, Sandra Warfield und James McCracken) läutete keine Meyerbeer-Renaissance in Deutschland ein. Für mich sind diese Wiener „Hugenotten“ (trotz erheblicher Kürzungen) eine wichtige und gute Produktion und auch Karl Terkal als Raoul macht – wie ich finde - seine Sache sehr gut und ist zumindest stilistisch 'richtiger' als Giacomo Lauri-Volpi oder Franco Corelli. Wer hätte das Deiner Meinung nach damals singen sollen? Heute, wo es so viele höhenstarke Tenöre gibt wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr und man in der Lage ist, Vergleiche zu ziehen, kann man leicht die Leistung von Terkal abwerten.


    Ich habe schon einige Male versucht, klar zu machen, dass ich möglichst keine Sänger-Bewertungen abgebe - es soll sich unbeeinflusst jeder sein eigenes Urteil bilden - und ich mich grundsätzlich nicht an Diskussionen nach dem Motto „Wer ist die beste Carmen?“ beteilige. Die Beurteilung von Sängern und ihren Stimmen ist eine höchst subjektive Angelegenheit – jedes Ohr hört anders, das ist eine Binsenweisheit - und bei den hier so beliebten zeittypischen 'Rankings' wird jeder Teilnehmer natürlich seinen Favoriten lancieren, was ja auch das Spiel mit den 'Lieblingsrollen' bewies, wo es sogar ausdrücklich so gewollt war. Aber was bringt mir das, wenn jemand eine Sopranistin aus Hildesheim oder einen Tenor aus Chemnitz nennt, von der/dem es keine Ton- und Bildaufnahmen gibt? Wie soll ich diese Nominierung nachvollziehen und bewerten können?


    Dass ich hier einige Sänger aus der „Nische“ anhand ihrer Discographien portraitiere, mache ich in der Annahme, dass einige 'Taminos' früher selten die Medien Rundfunk und Fernsehen genutzt haben, sondern umfänglich durch Besuche im Opernhaus oder Konzertsaal und durch das Sammeln von Schallplatten ihrer Leidenschaft fröhnten. Doch vielen Opernfans war aus verschiedenen Gründen ein Opernbesuch nicht möglich und Schallplatten waren sehr teuer. Das führende Medium der 50er und frühen 60er Jahre war das Radio (später abgelöst durch das 'Pantoffelkino') und da die Rundfunkanstalten einerseits einen 'Bildungsauftrag' zu erfüllen hatten, aber andererseits mit den Rundfunkgebühren haushalten mussten, wurden für die Aufnahmen Künstler herangezogen, die weniger bekannt waren und 'preiswerter', aber nicht sehr viel schlechter als die arrivierten Opernstars, deren Ruhm gelegentlich auf mediokrer Publicity beruhte. Hinzu kommt, dass viele Sänger nicht bereit waren, ihre Rollen in zum Teil unbekannten Werken für nur eine einzige Radiosendung zu lernen.


    Da der Rundfunk auch nicht kommerziell beeinflusst wurde, waren hier repertoiremäßig viele Produktionen möglich, an die sich die Plattenfirmen nicht heranwagten („Das verkauft sich nicht!“), ganz abgesehen davon, dass bei Schallplattenaufnahmen häufig manipuliert und mit aneinandergeklebten 'Takes' – die obendrein zu verschiedenen Terminen eingespielt wurden – getrickst wurde, während viele Rundfunkaufnahmen nach kurzer Probe 'in einem Rutsch' erfolgten. Dass diese viel 'ehrlicheren' Radioaufnahmen und ihre Sänger heute so mitleidig belächelt werden, finde ich sehr schade, denn sie haben tausenden von Opern- und Operettenliebhabern in der nicht leichten Zeit des Neubeginns nach dem Zweiten Weltkrieg viele Jahre lang Freude bereitet.


    Lieber Caruso41, Du hast kürzlich Deine Enttäuschung darüber geäussert, dass auf Deine Beiträge zum Thread „Entdeckungen: Neue Stimmen“ kaum reagiert wird. (Auch ich ärgere mich manchmal, wenn auf meinen – wie ich glaube, konstruktiven – Beitrag kein 'Feedback' kommt oder, was mich noch mehr ärgert, ein banaler kurzer Beitrag folgt, der keinen Bezug zum von mir geschriebenen hat.) Da aber Du und manche Andere hier im Forum offensichtlich der Meinung sind, nur selbst erlebte Opernaufführungen und Konzerte seien das einzig gültige Kriterium für eine Beurteilung, musst Du Dich nicht wundern, wenn 'Taminos', denen aus finanziellen, gesundheitlichen oder sonstigen Gründen kein 'Live-Erlebnis' möglich ist, sich zu den 'Neuen Stimmen' nicht äussern (können). Da ich seit einem Unfall vor fünf Jahren zu dieser zweiten Gruppe gehöre, aber trotzdem alles 'mitnehme', was Rundfunk und Fernsehen in puncto Oper anbieten, bin ich – auch durch die Printmedien – über die aktuelle 'Szene' sehr gut informiert und ich lese auch die Beiträge zum Sängernachwuchs mit großem Interesse. (Man will ja wissen, wie es weitergeht.) Ich bin der Meinung, dass sich Qualität meistens durchsetzt und etliche der vorgestellten Sänger - auch durch die 'Tamino'-Protektion - ihren Weg gehen werden. Doch mir ist es ein größeres Anliegen, an die Sänger früherer, gar nicht so lange zurückliegender Jahre zu erinnern, damit sie in der heutigen schnelllebigen Zeit nicht durch das Gitter des kollektiven Vergessens fallen.


    Ich bin auch ein 'Fan' von Sándor Kónya, aber ich habe nicht vor, seine Discographie zu erstellen, da ich nach nochmaligem Durchlesen seines Threads finde, dass alle seine maßgeblichen Aufnahmen hier genannt wurden, wenn auch nicht in der von mir gewohnten Ausführlichkeit. Falls ich einem bisher nicht genannten Tondokument mit Sándor Kónya begegne, werde ich mich melden.


    Da Du sehr am Meinungsaustausch hier im Forum interessiert bist, eine Anregung:


    Seit Monaten schon sehe ich nahezu jeden Abend die kostenlosen 'Nightly Opera Streams' der Metropolitan Opera in New York und das hat mich auf einen 'ketzerischen' Gedanken gebracht. Ich bin ein Kind des Fernseh-Zeitalters (schon seit 1955!) und bin es gewohnt, die Protagonisten auf dem Bildschirm auch bei Opernsendungen von nahe zu sehen und nicht wie im Opernhaus auf eine Entfernung von mehreren Metern. (Das führte sogar dazu, dass ich mich lange weigerte, ins Opern- oder Schauspielhaus zu gehen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie die darzustellenden Emotionen der handelnden Personen auf eine so große Distanz zum Zuschauer transportiert werden können. Heute weiß ich, dass dies in erster Linie über die Musik geschieht.) Das Erlebnis im Opernhaus beruht meiner Ansicht nach auf der musikalischen Interpretation und der bildnerischen Umsetzung durch Darsteller, Kostüme, Bühnenbild und Regie (dies ist die mir wichtige Reihenfolge!), aber man nimmt durch die räumliche Entfernung zur Bühne überwiegend alles in der Totalen wahr. Die Opern-Streams zeigen jedoch durch die vielen Nahaufnahmen die emotionale Bandbreite der Gefühle in den Gesichtern der Sänger, was mich als Zuschauer wesentlich mehr berührt als wenn ich nur das Bühnenbild und die Aktion zwanzig Meter und weiter vor mir sehe. (Ein Beispiel: Gestern Abend lief Donizettis „Maria Stuarda“ mit der großartigen Joyce DiDonato und sie hat mich vor allem durch ihre mimische Präsenz tief beeindruckt. Auch war es ein Genuss, die vielen Details der historisch korrekten, prachtvollen Kostüme zu sehen. Im Opernhaus hätte ich diesen Eindruck so nicht gewonnen. Heute gibt es aus New York den noch opulenter ausgestatteten „Roberto Devereux“ mit einer grandiosen Sondra Radvanovsky. Von solchen Aufführungen können wir hierzulande nur träumen; zur Oper gehört auch etwas Kulinarik, das macht diese Kunstform so einzigartig und besonders!)


    Der 'ketzerische' Gedanke ist nun, dass durch das Streaming ihrer Opernaufführungen sich die Opernhäuser selbst schaden, weil sich die Zuschauer am Fernseh- oder Internet-Bildschirm an diese Nahaufnahmen mit ihrer Unmittelbarkeit eventuell so sehr gewöhnen, dass ein Live-Besuch im Theater für sie keinen besonderen Reiz mehr hat, besonders wenn – wie heute fast üblich – mehrere Akte hindurch das Bühnenbild nicht wechselt, von eigenwilligen Interpretationen durch die Regie ganz zu schweigen. An einer Diskussion zu dieser These – aber in einem eigenen Thread - würde sogar ich mich beteiligen!


    Viele Grüße!


    Carlo

  • Lieber Carlo,

    dass Du Dir die Mühe gemacht hast, mir so eingehend zu antworten, hat mich mächtig gefreut.

    (Auch ich ärgere mich manchmal, wenn auf meinen – wie ich glaube, konstruktiven – Beitrag kein 'Feedback' kommt oder, was mich noch mehr ärgert, ein banaler kurzer Beitrag folgt, der keinen Bezug zum von mir geschriebenen hat.)

    Das kann ich nur zu gut nachempfinden. Trotzdem bitte ich um Nachsicht, dass ich nur kurz antworten kann, weil ich im Augenblick durch die Verschärfung der Covid19-Regeln erhebliche Probleme habe, ich ich erst mal in den Griff bekommen muss.

    die „Hugenotten“-Aufnahme des ORF von 1955 war eine Pioniertat

    Keine Frage! Da hast Du Recht. Auch ich habe von dieser Pioniertat profitiert!

    Bis dahin hatte ich Meyerbeer nur durch historische Platten-Aufnahmen kennen gelernt und diese Übertragung im Radio gab mir erstmals die Gelegenheit, mehr von dem Werk zu hören! Das will ich ausdrücklich würdigen! Trotzdem: Sie hat mir leider keine Ahnung von der Grandeur des Werkes vermittelt, die ich in den Ausschnitten mit historischen Sängern gespürt habe. Das hat mich zu meiner kritischen Bemerkung veranlasst. Trotzdem stimme ich Deiner Wertschätzung der Pioniertat ausdrücklich zu!

    Für mich sind diese Wiener „Hugenotten“ (trotz erheblicher Kürzungen) eine wichtige und gute Produktion

    Im Vergleich mit Aufnahmen von verschiedenen Arien, Duetten und Ensembles, die ich kannte, haben mich jedoch die Sänger, vor allem Cunitz und auch Terkal - enttäuscht.

    ... auch Karl Terkal als Raoul macht – wie ich finde - seine Sache sehr gut und ist zumindest stilistisch 'richtiger'

    Ich verzichte lieber darauf, hier aufzuzählen, was mich an Terkal gestört hat. Es bringt nicht wirklich weiter und wäre wohl auch ungerecht. In den 50er Jahren sang man schon anders und hatte für die französische Manier keinen Sinn. Selbst Fehenberger und Traxel nicht. Da hätte man schon Raoul Jobin nehmen müssen.

    Da aber Du und manche Andere hier im Forum offensichtlich der Meinung sind, nur selbst erlebte Opernaufführungen und Konzerte seien das einzig gültige Kriterium für eine Beurteilung, ... ...

    Ich denke in der Tat, dass nur Live-Hörerlebnisse einen vollständigen Eindruck von einer Stimme und ihren Qualitäten und Möglichkeiten geben können. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch Aufnahmen für die Bildung einer Meinung und eines Urteils heranziehe. Zu Anselmi und Bonci, Urlus und Melchior oder Mardones und Schaljapin kann ich sowieso nur nach ihren Aufnahmen etwas sagen.


    Trotzdem bin ich bekennender Live-Operngänger.
    Das habe ich so oft im Forum ausgeführt, dass ich es hier nur noch mal zitieren möchte:

    Zitat von von Caruso

    In meiner Jugend - die liegt nun schon ziemlich weit zurück - gab es in der Städtischen Oper Berlin (heute Theater des Westens), in der Staatsoper Berlin (zunächst noch im Admiralspalast in der Friedrichstraße, später Unter den Linden) und in der Komischen Oper Berlin Stehplätze und/oder Partiturplätze! Die waren gewissermaßen meine Kinderstube und meine Schule, in denen ich Opernaficionado wurde!

    Um möglichst viele Werke kennen lernen zu können, bin ich lieber vier mal auf einen Platz gegangen, von dem aus ich die Bühne nur teilweise oder gar nicht sehen konnte, als einmal auf einen teuren Platz! Gerade auf den Partiturplätzen - oft mit Partitur vor mir - habe ich gelernt zu hören!

    Eigentlich bin ich nach wie vor in der Oper immer in erster Linie Hörender. Wenn ich nicht höre, dass da ein Feldherr, ein Gralsritter, eine eisumgürtete Prinzessin oder eine Dame aus Burgos dargestellt wird, und wenn ich nicht höre, wie er beziehungsweise sie liebt oder leidet, rast oder träumt..... dann hilft mir die Bühne auch nicht mehr!


    Damit will ich allerdings überhaupt nicht sagen, dass ich schauspielerische Fähigkeiten nicht zu schätzen wüsste. Wenn ein Sänger seiner Rolle auch als Schauspieler Profil gibt, vielleicht sogar klug differenziert und tiefere Schichten ihres Charakters zu zeigen vermag, dann ist das ein großer Gewinn. Ich könnte viele Sängerinnen und Sänger nennen, die mich nicht nur als Sänger sondern auch als Schauspieler ganz stark beeindruckt haben.

    Zitat von von Caruso41

    Seit meiner Frühzeit als Opernbesucher bin ich den Galerien oder obersten Rängen treu geblieben! Während des Studiums bekam ich an allen möglichen Häusern öfter Studentenkarten im Parkett oder auf einem der vornehmen Ränge. Gut, da war man näher an der Bühne, hatte oft auch gute Sicht, aber aus akustischen Gründen zieht es mich immer wieder nach oben! Und da sehe ich dann das Geschehen auf der Bühne in der Totale. Ablenkendes, das sich vor die Musik schieben könnte, kommt einfach nicht nah an mich heran.

    Das ist im Video anders, weil eine Bildregie meine Aufmerksamkeit viel stärker auf das Optische lenkt - unter Umständen gar auf etwas, das die Konzentration eingrenzt, verengt, behindert oder stört. Interessant beispielsweise finde ich immer eine Beobachtung, die ich mache, wenn ich mal im Fernsehen eine Konzertübertragung verfolge. Da wird manchmal die eine und dann wieder die andere Instrumentengruppe herausgeholt aus der Totalen - und prompt merke ich, dass mir dabei das, was die spielt besonders nah kommt und ich eine für das musikalische Geschehen ganz wichtige andere Stimme - vielleicht sogar die Gegenstimme - nicht mehr angemessen wahrnehme.

    Und nun noch zu den anderen Punkten, die Du ausgeführt hast:

    Ich bin auch ein 'Fan' von Sándor Kónya, aber ich habe nicht vor, seine Discographie zu erstellen, da ich nach nochmaligem Durchlesen seines Threads finde, dass alle seine maßgeblichen Aufnahmen hier genannt wurden, wenn auch nicht in der von mir gewohnten Ausführlichkeit. Falls ich einem bisher nicht genannten Tondokument mit Sándor Kónya begegne, werde ich mich melden.

    Die Entscheidung kann ich gut verstehen. Im Konya-Thread sind wirklich wohl die meisten Aufnahmen, die in Deutschland mit Konya auf dem Markt waren und teilweise noch sind, erwähnt.

    Bei Reti hast Du allersings so viele Aufnahmen entdeckt, von denen ich nie zuvor gehört hatte. Daran hatte ich die Hoffnung geknüpft, dass Du auch Informationen über Aufnahmen von Konya ans Licht bringen würdest, die er bei den verschiedenen Rundfunkanstalten gemacht hat.


    Der 'ketzerische' Gedanke ist nun, dass durch das Streaming ihrer Opernaufführungen sich die Opernhäuser selbst schaden, weil sich die Zuschauer am Fernseh- oder Internet-Bildschirm an diese Nahaufnahmen mit ihrer Unmittelbarkeit eventuell so sehr gewöhnen, dass ein Live-Besuch im Theater für sie keinen besonderen Reiz mehr hat, besonders wenn – wie heute fast üblich – mehrere Akte hindurch das Bühnenbild nicht wechselt, von eigenwilligen Interpretationen durch die Regie ganz zu schweigen. An einer Diskussion zu dieser These – aber in einem eigenen Thread - würde sogar ich mich beteiligen!

    Zu einem solchen Thread könnte ich kaum etwas Vernünftiges beitragen, da ich Übertragungen im Fernsehen oder Mitschnitte auf DVD nur ganz selten 'konsumiere'. Ich habe zwar einige DVDs, weil da ein Sänger drauf ist, den ich - zumindest in der Partie - sonst nicht bekomme. Aber ich höre mir meist nur die Tonspur über die große Anlage an. Sorry!


    Im Übrigen bin ich ein fleißiger Radio-Hörer. Gerade am Samstag habe ich Ponchiellis I LITUANI aus Vilnius im Deutschlandradio gehört. Für mich ist das allemal spannender als eine BOHÈME oder ein SIEGFRIED aus der Met.


    So!

    Tut mir leid, dass ich vom Thema des Threads abgewichen bin, aber mir war wichtig, auf (hoffentlich) alles einzugehen, was Du angesprochen hast.


    Herzliche Grüße


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Seit Monaten schon sehe ich nahezu jeden Abend die kostenlosen 'Nightly Opera Streams' der Metropolitan Opera in New York und das hat mich auf einen 'ketzerischen' Gedanken gebracht. Ich bin ein Kind des Fernseh-Zeitalters (schon seit 1955!) und bin es gewohnt, die Protagonisten auf dem Bildschirm auch bei Opernsendungen von nahe zu sehen und nicht wie im Opernhaus auf eine Entfernung von mehreren Metern. (Das führte sogar dazu, dass ich mich lange weigerte, ins Opern- oder Schauspielhaus zu gehen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie die darzustellenden Emotionen der handelnden Personen auf eine so große Distanz zum Zuschauer transportiert werden können. Heute weiß ich, dass dies in erster Linie über die Musik geschieht.) Das Erlebnis im Opernhaus beruht meiner Ansicht nach auf der musikalischen Interpretation und der bildnerischen Umsetzung durch Darsteller, Kostüme, Bühnenbild und Regie (dies ist die mir wichtige Reihenfolge!), aber man nimmt durch die räumliche Entfernung zur Bühne überwiegend alles in der Totalen wahr. Die Opern-Streams zeigen jedoch durch die vielen Nahaufnahmen die emotionale Bandbreite der Gefühle in den Gesichtern der Sänger, was mich als Zuschauer wesentlich mehr berührt als wenn ich nur das Bühnenbild und die Aktion zwanzig Meter und weiter vor mir sehe.

    Im Gegensatz zu Dir, lieber Carlo, bin ich nie ein Freund der Oper aus der Nähe gewesen. Man sieht zuviel. Heute mehr denn je, weil die Kameras gnadenloser sind. Im Einzelfall werden die Sänger zu Studienobjekten für angehende HNO- oder Zahnärzte. ;) Ja, gewiss werden im Fokus der Linse auch Emotionen abgebildet. Oft fehlt aber die Reaktion derer, die gerade nicht im Bild sind. Auch bei Arien sehe ich die Sängern lieber in ein Umfeld gestellt. Für mich braucht Oper die Distanz und die Totale. Ich will als Zuschauer selbst entscheiden, was mir in der Wahrnehmung wichtig ist. Es liegt mir nicht daran, dass das der Kameramann für mich übernimmt. Was wir zu sehen bekommen, ist letztlich nämlich das, was jenem wichtig ist. Es kommt gefiltert und ausgewählt auf uns. Zuletzt sah ich einen "Ring" aus der Scala in HD-Qualität. Der war ob seiner unappetitlichen Details bei den Nahaufnahmen nur schwer zu ertragen und verstörend. Oper auf dem Bildschirm sollte nach meinem Dafürhalten stärker als eigenständiges Format wahrgenommen werden. Gute Beispiele dafür gibt es genug. Auch in der Gegenwart. Weil Du auf die Met abgehoben hast. Dort ist die Bühne wirklich sehr weit weg. Da half auch meine Vorliebe für Distanz nicht. Von allen Vorstellungen, die die ich dort sah, hat mich keine berührt. :(

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold 1876

  • Lieber Rheingold!


    Das sehe ich - wie oben bereits gesagt - ganz genau so:

    Zitat von Caruso41

    Seit meiner Frühzeit als Opernbesucher bin ich den Galerien oder obersten Rängen treu geblieben! ... aus akustischen Gründen zieht es mich immer wieder nach oben! Und da sehe ich dann das Geschehen auf der Bühne in der Totale. Ablenkendes, das sich vor die Musik schieben könnte, kommt einfach nicht nah an mich heran.

    Das ist im Video anders, weil eine Bildregie meine Aufmerksamkeit viel stärker auf das Optische lenkt - unter Umständen gar auf etwas, das die Konzentration eingrenzt, verengt, behindert oder stört.

    Wenn man allerdings die Möglichkeiten nicht hat, in die Oper zu gehen - wie jetzt in diesen Covid19-Zeiten oder weil man weit weg von einem interessanten Opernhaus wohnt oder wenn man sich aus gesundheitlichen Gründen einen Besuch im Opernhaus nicht zumuten kann - , würde ich immer raten, eine CD aufzulegen.
    Wenn man konzentriert zuhört, sieht man eigentlich alles, was wichtig ist.


    Beste Grüße

    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Lieber Caruso41, lieber Rüdiger,


    herzlichen Dank für Eure ausführlichen Antworten!


    Ich respektiere Euren Standpunkt, obwohl ich eine andere Einstellung habe, wohl geprägt durch jahrzehntelangen Fernsehkonsum und eine große Sammlung von Videos und DVDs. Ich hatte fast 30 Jahre lang ein Abonnement an der Deutschen Oper am Rhein, bis mich 1998 der Intendantenwechsel nach fünfzehn Jahren Grischa Barfuss und zehn geduldig ertragenen Jahren Kurt Horres zu Tobias Richter zur Kündigung des Abonnements veranlasste. Danach war ich nur noch sporadisch in einem Opernhaus, meistens anlässlich von Städtereisen.


    Zum Erleben der emotionalen Aussagekraft einer Opernvorstellung gehört meiner Meinung nach neben dem Gesang auch der mimische Ausdruck, und den erfasst man nun einmal in der Nähe besser als mit einer Entfernung von zig Metern. Für mich steht der singende Mensch und die Darstellung der von ihm verkörperten Rolle im Mittelpunkt; das Bühnenbild ist mir weniger wichtig (heute gibt es eh häufig nur ein Bühnenbild für sämtliche Akte und das vorzugsweise in zwei Varianten: entweder karg oder vollgestopft) als die Kostüme, und die Regie bemerkt man doch meistens nur, wenn sie, wie es immer so schön euphemistisch heißt, eine 'neue Sichtweise bietet'.


    Eine Bekannte von mir – eine Verehrerin von Elina Garanca – war im April 2016 in der Metropolitan Opera in New York (Dress Circle, Reihe A, Platz 101, vergleichbar dem 2. Rang Mitte, ca. 20 Meter von der Bühne entfernt), um sich dort „Roberto Devereux“ anzusehen; eine Oper, die sie nicht kannte; sie ist erst durch die Garanca zum Opernfan geworden. Auch hier ein – allerdings sehr ästhetisches Einheitsbühnenbild für alle drei Akte des Regisseurs David McVicar (dessen Inszenierungen, soweit ich sie aus dem Fernsehen oder Kino kenne, für mich stets überzeugend sind) – mit historisch präzisen Kleidern des deutschen Kostümbildners Moritz Junge, was mir als 'Hobby-Historiker' sehr wichtig ist (wobei die für den Chor entworfenen Kostüme übrigens in Düsseldorf geschneidert wurden). Vor zwei Tagen wurde dieser „Roberto Devereux“ nun im 'Nightly Opera Stream' gezeigt und meine Bekannte, die diese Sendungen ebenfalls seit Monaten sieht, sagte mir auf Rückfrage, dass sie schon in der späteren Kinovorstellung – bisher gibt es davon sträflicherweise keine DVD – die Oper und ihre Handlung (quasi ein Kammerspiel mit nur vier tragenden Rollen) viel besser erfassen konnte als in der Live-Vorstellung mit der großen Distanz zur Bühne, trotz fleißigen Gebrauchs eines Opernglases. Vor allem die grandiose Darstellung von Elizabeth I. durch die ihr damals unbekannte Sondra Radvanovsky hat sie in der Kino- und TV-Aufzeichnung dank der vielen Nahaufnahmen viel stärker berührt als live im Opernhaus, auch kamen hier gesangliche 'Finessen' viel besser zur Geltung.


    Der Genuss von Opernvorstellungen 'vor Ort' sei Euch unbenommen, aber für mich bildet die Oper im Theater – noch dazu in ihrer hierzulande heutzutage fast üblichen Darstellungsform – keinen großen Anreiz mehr. Meine letzten Opernvorstellungen waren beide 2016: „Jeanne d'Arc“ (Walter Braunfels) im Kölner Staatenhaus in einer konzeptionslosen Regie von Tatjana Gürbaca, die die Hauptrolle selbst spielte, weil sich die ursprünglich vorgesehene Sängerin Natalie Karl beim Herumklettern auf der völlig zugemüllten Bühne - u. a. mit einem Flugzeugtorso, einem halben PKW und "Aldi"-Einkaufswagen - verletzt hatte (den Gesang steuerte Juliane Banse im Orchester sitzend bei) und „Die lustigen Weiber von Windsor“ in Düsseldorf mit Hans-Peter König als Falstaff, eine, wie ich finde, sehr stimmige Inszenierung des ehemaligen (?) 'Regietheater-Verfechters' Dietrich W. Hilsdorf mit einem Gemälden von Caspar David Friedrich nachempfundenen Bühnenbild, die aber von der Kritik als 'harmlos' eingestuft wurde.


    Doch nun zurück zu Karl Terkal!


    Carlo