Helden, Heldinnen und Wunderkinder - 100 Jahre Franz Grothe

  • Ich hätte diesen Thread auch im Operettenforum eröffnen können, aber da selbst Leuten, denen der Name Franz Grothe nichts sagt, bei der Nennung von Filmmusicals und -schlagern wie "In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine" oder "Ach das könnte schön sein" aus DAS WIRTSHAUS IM SPESSART eine lächelnde Birne aufleuchtet, gehört er wohl eher in dieses Forum, das ohnehin ruhig auch einmal mit etwas anderem als mit Rätseln gefüllt werden darf.


    In meiner frühen Jugend als Filmsüchtiger führte ich eine Zeit lang Wertungstabellen zu den Filmen, die ich gesehen hatte. Jeder wichtige künstlerische Mitarbeiter erhielt die Gesamtpunktzahl des Films. Franz Grothe, der nach seiner Zusammenarbeit mit dem erfolgreichen Komödienautor Curt Goetz (NAPOLEON IST AN ALLEM SCHULD, DAS HAUS IN MONTEVIDEO u.a.) Bühnenautor besonders gerne mit dessen zeitweiligem Assistenten Kurt Hoffmann zusammenarbeitete und später auch die Musiken zu Hoffmanns schwachen Remakes der Filme seines Mentors schrieb, gehörte damit zu den besten Komponisten, denn seine Flme waren alle für damalige Verhältnisse hochwertig, ab 6 oder 12 freigegeben, und ich durfte sie deshab auch sehen. In jener Zeit hat sich Grothe in meinem Bewusstsein festgesetzt, und dank der Qualität seiner Arbeit blieb er dort auch, als andere, bnessere und progressivere Filmkomponisten ihn aus dem Geschäft drängten und seinen Platz als meistgeachteter deutscher Filmkomponist einnahmen.


    Geboren 1908 in Berlin, wurde Grothe wie seinen Generationsgenossen sowohl die Gnade der (für den Ersten Weltkrieg zu) späten als auch die Ungnade der frühen, weil für das sogenannte Dritte Reich gerade richtigen Geburt zuteil. Zunächst einmal kam er jedoch ganz richtig um fast direkt von der Musikhochschule, wo er sich für den Jazz begeisterte, nach kurzer Zwischenstation bei der Revue an den Tonfilm zu geraten. Schon 1929 steuerte er zu Carl Froehlichs "Die Nacht gehört uns", einem der frühesten deutschen Tonfilme überhaupt, ein Lied für Hans Albers bei. Mit seiner Musik zu dem Renate Müller-Filmmusical WALZERKRIEG, dem das Lied "An der Donau, wenn der Wein blüht", entstammt, wurde er zu einem der begehrtesten Komponisten des deutschen Films, der natürlich die gängigen Stars von Ilse Werner bis Marika Rökk bediente, sich jedoch nicht einmal von Goebbels persönlich zu einer schnelleren Produktion antreiben ließ.


    Statt dessen pflegte er die Zusammenarbeit mit Curt Goetz, für den er mit "Warum hat der Napoleon" einen Höhepunkt seines NAPOLEON IST AN ALLEM SCHULD schrieb und nach dem Krieg auch dessen DAS HAUS IN MONTEVIDEO und DR. MED. HIOB PRÄTORIUS vertonte. 1943 arbeitete er bei ICH VERTRAUE DIR MEINE FRAU AN erstmals mit Kurt Hoffmann zusammen, für den er danach fast alle seine Filmmusiken schrieb. Dazu gehören Klassiker wie ICH DENKE OFT AN PIROSCHKA, DAS WIRTSHAUS IM SPESSART , das Grothe später zu einer – mäßig erfolgreichen – Operette ausbaute, WIR WUNDERKINDER (1958 ), DER ENGEL, DER SEINE HARFE VERSETZTE (1959), zu Unrecht einer der weniger erfolgreichen Filme des Gespanns, und viele andere bis hin zu LISELOTTE VON DER PFLAZ (1966) und HERRLICHE ZEITEN IM SPESSART (1967) und Grothes letztem Film, EIN TAG IST SCHÖNER ALS DER ANDERE (1969). Von dieser dümmlichen Revue um das Schlagersternchen Vivi Bach führte der Weg direkt zum Fernsehen und dem BLAUEN BOCK, dessen musikalische Leitung Franz Grothe übernommen hatte, weil er im Kinofilm nicht mehr gefragt war.


    Dazwischen aber lagen zahlreiche weitere Erfolge, in denen Grothes Talent zur musikalischen Mimikry und Satire besonders zu Geltung kam. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge kann und muss man wohl auch KÖNIGIN LUISE (1957) und DIE TRAPP FAMILIE (1956) von Wolfgang Liebeneiner dazu rechnen. Diesem Welterfolg ziehe ich allerdings seine Kompositionen für die Komödien von Franz Peter Wirth vor, etwa HELDEN (1958 ) mit O.W. Fischer und einer köstlichen Ljuba Welitsch nach George Bernard Shaws Komödie "Arms and the Man", aus dem Oscar Straus Jahrzehnte zuvor schon seinen Operettenwelterfolg DER TAPFERE SOLDAT entwickelt hatte, oder das zwei Jahre später entstandene Filmmusical HELDINNEN nach Lessings MINNA VON BARNHELM, das leider viel zu rasch vergessen wurde.



    Wenn ich an Franz Grothe denke, fällt mir neben den satirischen Songs aus WIR WUNDERKINDER jedoch immer zuerst die Szene vor dem Wasserschloss im Spessart ein, in der Carlos Thompson unter einem Plastikschwan hervor kommt und die Attrappe zu Wagners „Nun lebe wohl, mein lieber Schwan“ über den friedlichen See schickt. Und natürlich das unsterbliche: „Ach das könnte schön sein, ein Häuschen mit Garten“, selbstverständlich interpretiert von Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller als die unvergesslichsten Banditen von DAS WIRTSHAUS IM SPESSART. Und gleich danach die herrlich kabarettistischen Songs aus dem Grusical DAS SPUKSCHLOSS IM SPESSART, dem einzigen Film der Filmgeschichte mit einem gesungenen Vorspann. Wahrscheinlich muss man aber schon in dieser Zeit gelebt haben um das heute noch richtig witzig finden zu können.


    Am heutigen 17. September wäre Franz Grothe, der am 12. September 1982, also kurz vor Vollendung seines 74. Lebensjahrs in Köln starb, 100 Jahre alt geworden.


    Leider gibt es nur noch wenige Problem seines Könnens auf dem Markt, und die verfügbaren sind nicht unbedingt die besten, aber diese Zusammenstellung weitgehend unbekannter Nummern aus den Tomnfilmen der Kriegs- und Vorkriegszeit lohnt auf jeden Fall:


    [am] B0000289Z0[/am]


    :hello: Jacques Rideamus

  • Eigentlich hatte ich auch vor, einen Thread über Franz Grothe zu eröffnen, aber irgendwie wußte ich nicht, wo ich ihn einordnen sollte!


    Das deutsche Fernsehen hat diesen vielseitigen Komponisten nicht vergessen und widmet ihm in diesem Monat eine 90-minütige Sendung im ZDF-Theaterkanal:


    So schön wie heut’
    Musikalischer Bilderbogen

    Musikshow (BR Deutschland 1978 )
    Mit Sylvia Geszty, Tamara Lund, Milva, Naemi Priegel,
    Elke Rieckhoff, Mary Roos, Nadja Tiller, Sylvia Vrethammer,
    Roy Black, Etienne Cap, Rex Gildo, Peter Minich,
    Ralf Wolter, Helmuth Zacharias, Kinderchor Vera Schink


    Regie: Kurt Ulrich
    Choreographie: Maria Litto und Heinz Schmiedel
    Musikalische Leitung: Dieter Reith und Christian Schmitz-Steinberg


    Zitat

    Am 17. September wäre der bekannte Filmkomponist Franz Grothe (1908 - 1982) 100 Jahre alt geworden. Zu seinem 70. Geburtstag ehrte ihn das ZDF in einer großen Gala-Sendung. Der Titel der Produktion war zugleich der Titel eines seiner populärsten Schlager: "So schön wie heut’". Franz Grothe hat viele hundert Melodien geschrieben, die bei mehreren Generationen bekannt und beliebt sind. Unvergessen sind seine Filmschlager für Marika Rökk, Johannes Heesters, Lilian Harvey, Martha Eggert, Erna Berger, Jan Kiepura und Kirsten Heiberg aus den vierziger Jahren, genau wie seine Kinohits aus den goldenen Fünfzigern. Neunzig Minuten voller Grothe-Melodien - vom eingängigen Schlager über das melancholische Lied, das Chanson, die große Operettenmelodie, den zündenden Musical-Song bis zum schwungvollen Walzer reicht die musikalische Palette.


    Hier sind die verbliebenen Sendetermine:


    Mi, 17.09.2008 16:45 Uhr
    So, 21.09.2008 11:45 Uhr
    Mo, 22.09.2008 16:45 Uhr
    Fr, 26.09.2008 11:45 Uhr


    LG


    :hello:

  • Hallo Jacques,


    es gibt ein Lied von Franz Grothe, das ich besonders liebe, und zwar "Das Lied der Nachtigall (Zauberlied der Nacht)", ich habe es vor einiger Zeit endlich gefunden, in einem Sampler von Ingeborg Hallstein.


    Allein mit diesem Lied wird er mir immer im Gedächtnis bleiben.


    Kristin aus München

  • Für Leute, die sein Gesamtwerk interessiert:



    Wolfgang Schäfer
    Franz Grothe-Werkverzeichnis


    Herausgegeben von der Franz Grothe-Stiftung

    Zitat

    Franz Grothe (1908-1982) gehört zu den bedeutenden Komponisten-Persönlichkeiten der deutschen Film- und Unterhaltungsmusik. Mit seinen Erfolgsmelodien für Film, Bühne, Schallplatte und Fernsehen, die bis heute populär geblieben sind, spielte er sich über ein halbes Jahrhundert hindurch in die Herzen der Menschen. Aus Anlass seines 100. Geburtstags wird das seit Jahren vergriffene Werkverzeichnis (1. Auflage 1988 ) im Herbst 2007 als neu aufgelegte Printausgabe wieder erhältlich sein. Das im Auftrag der Stiftung von Wolfgang Schäfer überarbeitete und erweiterte Verzeichnis umfasst Titelregister, Bühnenwerke, Filmographie und Fernsehproduktionen des Komponisten sowie erstmals eine umfangreiche Incipit-Sammlung und CD-Diskographie. Ergänzt wird die Dokumentation durch eine ausführliche Biografie über Franz Grothe, die Maurus Pacher unter dem Titel »Auf den Flügeln realer Träume« verfasst hat.


    Allitera Verlag, 06/2008, 224 Seiten


    Interessantes Nachschlagewerk für Fans, Neuauflage, die alte Ausgabe ist antiquarisch preiswert zu bekommen!


    LG


    :hello:

  • Als Knabe habe ich mal (erfolglos) versucht, Trompete zu spielen. Dabei gab es eine Lieblings-Melodie, die ich gerne spielen wollte: Den Mitternachtsblues von Franz Grothe.


    Unzählige Trompeter haben diese Melodie gespielt!


    Neulich habe ich eine Platte gesehen, die Jazz-Arrangements der Franz-Grothe-Melodien enthielt:



    Wolfgang Lackerschmid Quintett: A Jazz Tribute to Franz Grothe


    Zitat

    Produktinfo:
    Die Musik von Franz Grothe ist quasi die Musik des Deutschen Films. Wie zeitlos und charmant diese sein kann beweisen die inspirierten Jazzinterpretationen auf dieser Live-Aufnahme.


    Wolfgang Lackerschmid verleiht durch seine Arrangements den schönsten Melodien ein neues Gesicht und erweckt sie als ""Jazz Standards"" mit seinem Quintett zu neuem Leben.


    Hörproben gibt es bei jpc. Der "Mitternachtsblues" ist auch drauf, leider aber ohne Trompete!


    LG


    :hello:

  • heute vor 30 Jahren gestorben:


    Franz Grothe (* 17. September 1908 in Berlin; † 12. September 1982 in Köln; vollständiger Name Franz Johannes August Grothe) zählte zu den populärsten deutschen Komponisten und Dirigenten des 20. Jahrhunderts.
    Seit Beginn des Tonfilms komponierte er viele Melodien und Schlager; zwischen 1929 und 1969 entstand die Musik zu rund 170 Filmen.



    Ab 1965 wurde das Fernsehen sein Metier. In der Unterhaltungssendung Zum Blauen Bock übernahm er bis zu seinem Tod 1982 die musikalische Leitung als Dirigent und verfasste mit Heinz Schenk über 400 Lieder, unter anderem für Rudolf Schock, Erika Köth, Renate Holm, Ernst Hilbich und Willy Hofmann.


    Am 10. September 1982 brach er bei einem Konzertauftritt in Köln zusammen und starb zwei Tage danach durch Herzversagen.


    LG

  • In meiner Jugend gehörte Franz Grothe zu einem meiner Lieblingskomponisten. Ich hörte häufig Musiktitel von ihm in Radiosendungen, in denen sog. Unterhaltungsmusik und Operettenmusik bunt gemischt waren und ich hielt ihn, vor allem nach der Filmmusik zu "Das Wirtshaus im Spessart", als einen der wenigen für fähig, auch noch in der damaligen Zeit, eine neue Operette zu schreiben. Ich hatte auch irgendwo gelesen, dass er vor dem Krieg zumindest eine Operette geschrieben habe, sie hieß "Die Nacht mit Casanova" und ich glaube mich zu erinnern, dass daraus hin und wieder auch eine Ouvertüre gesendet wurde. Leider hat Grothe dann, nicht wie von mir erhofft, aus dem "Wirtshaus im Spessart" eine Operette, sondern ein Musical gemacht.


    Da ich mein Musikarchiv erst in den letzten 6 Jahen neu aufgebaut habe, sind die Musiktitel, die ich von Grothe besitze, noch recht spärlich, aber es sind doch einige markante Titel dabei:


    • Das Wirtshaus im Spessart – Potpourri
    • In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine (Marika Rökk)
    • Lied der Nachtigall (Ingeborg Hallstein)
    • Postillion Lied (Erna Berger)
    • Reitermarsch aus Helden
    • Und heute ganz neu ins Netz gegangen: Illusion (langsamer Walzer auch dem gleichnamigen Film von 1941).


    :) Uwe