Aggressive Musik ... ?!?!

Gurnemanz · 98 Beiträge · letzte Antwort von Vivaldi

98 Beiträge
  • Zitat

    Aber ich denke trotzdem, dass auch eine sehr gute Anlage nur einen Bruchteil der physischen "Gewalt" rüberbringt, der man im Konzertsaal ausgesetzt ist. Die Lautstärken im Konzertsaal können doch enorm sein, und diesen riesigen Klangkörper kann man nicht durch (kleine) Lautsprecher in dem Maße wiedergeben.


    Hallo,


    das ist überhaupt kein Problem, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:


    (1) die Tonaufnahme hat keine oder nur eine geringe Dynamikkompression erfahren.


    (2) der Lautsprecher hat einen ausreichenden Übertragungsbereich bei tiefen Frequenzen, so daß ein linearer Betriebsschallpegel bis ca. 30 Hz gewährleistet ist (das "physische" sind oft tiefe Frequenzanteile).


    (3) Der Lautsprecher erreicht ausreichend hohe Schalldruckpegel bei geringen nichtlinearen Verzerrungen (siehe z.B. IRT b115/90d: 112dB/SPL @ 1m bei < 3% THD zwischen 100 Hz und 6kHz)


    (4) Der Abhörraum ist ausreichend stark bedämpft, so daß der Diffusschall am Hörplatz nicht dominiert.


    Heimlautsprecher sind nach meiner Beobachtung für Orchesteraufnahmen v.a. im Mitteltonbereich i.d.R. nicht pegelfest genug. Seriöse Entwickler von Heimlautsprechern orientieren sich m.E. bei der Auslegung des verzerrungsarm erzielbaren Maximalpegels als Funktion der Frequenz - naheliegenderweise - eher an der Amplitudenverteilung von Pop-Musik (die zudem sehr stark dynamikkomprimiert ist). Wir Klassikhörer sind eine bedeutungslose Minderheit.


    Hauptregielautsprecher wie z.B. K+H O500C, ME Geithain RL 900 / 901 oder Genelec 1038 A erreichen den für Orchesterwerke erforderlichen Schalldruckpegel im Mitteltonbereich problemlos.


    Hier als Beispiel der Schalldruckpegel, den ein K+H O500C in 1m Abstand bei 1% THD erreicht:



    Gruß


    Andreas

    De gustibus non est disputandum (über Geschmäcker kann man nicht streiten)

  • Unter der Prämisse, dass ich hierbei "agressiv" als vom Komponisten gewollten Ausdruck verstehe fällt mir sofort der zweite Satz von Schostakowitschs Elften ein:


    Wenn nach der "Ruhe vor dem Sturm" dann mit einer snare drum ein wahres Feuerwerk von Pauken und weiterem Schlagwerk abgebrannt wird - das klingt für mich härter als der härteste Metal und da bin ich so Einiges gewohnt!


    Ist thematisch sehr passend: Hat diese Symphonie doch die russische Oktoberrevolution 1911 zum Programmthema.


    Bin ja mal gespannt darauf, ob diese furiose Musik dann im Jahre 2011 eine besondere Bedeutung spielen wird.


    Aus Amerika fällt mir auch noch ein interessantes Beispiel ein: Bernsteins Musik zu "Die Faust im Nacken". Auch hier nicht pausenloser Rummel, aber dennoch kracht es da teilweise gewaltig.


    Interessanterweise fallen mir keine Beispiele ein, die Musikgattungen vor der Spätromantik entstammen. Liegt es vielleicht daran, dass ich mich in Sachen symphonischer Musik - Beethoven mal davon ausgenommen - mehr für Romantik, Spätromantik, Minimalistik und Filmmusik interessiere?

    alle Menschen werden Brüder ...

  • Zitat

    Original von Aquarius
    Ist thematisch sehr passend: Hat diese Symphonie doch die russische Oktoberrevolution 1911 zum Programmthema.


    Meines Wissens geht es in der 11. Symphonie (Untertitel: "Das Jahr 1905") nicht um die Oktoberrevolution 1917, sondern um die vorausgegangene Revolution 1905, die - Ausgangspunkt war das Massaker (der "Blutsonntag") von St. Petersburg an demonstrierenden Arbeitern - schließlich mit einem Sieg der konservativen Kräfte endete.


    Dabei bemerke ich, daß der historische Bezug des Werks bislang am entsprechenden Ort noch nicht die wohl verdiente Beachtung fand (im Unterschied zur 7., "Leningrader").


    Daß hier wieder einmal Schostakowitsch 11./2. genannt wird, könnte ein Indiz dafür sein, daß es doch nicht nur vom individuellen Empfinden abhängt, welche Stellen als einschlägig zu sehen sind.

  • Zitat

    Zitat von AH.
    (1) die Tonaufnahme hat keine oder nur eine geringe Dynamikkompression erfahren.


    Ich bin kein Techniker, würde aber unterstellen, dass selbst bei modernen Aufnahmen solcher extremen Werke, von denen wir hier geredet haben, also etwa Schostakowitschs 7. oder 11. Sinfonie, diese eine deutliche Dynamikkompression erfahren. Vielleicht kann ja ein Insider etwas dazu sagen.


    Auch bei der Wiedergabe glaube ich weiterhin nicht, dass ein Lautsprecherpaar ein zu einer Bühne mit 100 Musikern äquivalentes Ergebnis liefern kann. Mal davon abgesehen, dass vermutlich 99% der Teilnehmer hier keine solch perfekte Anlage besitzen, von der hier die Rede ist. (Oder irre ich mich da?)


    Zudem wurden hier die Kondrashin-Aufnahmen ins Feld geführt. Auch wenn die Aulos super remastered sind (die ich persönlich nicht kenne), kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass hiermit Ergebnisse auf Konzertsaal-Niveau erzielbar sind. (Die Besitzer der Aulos-Aufnahmen mögen auf mich einprügeln :untertauch: )


    Damit das hier nicht als "offtopic" eingestuft wird: Es geht um die (im Konzertsaal oder zuhause auf dem Sofa) gespürte Brutalität in der Musik. Meine Behauptung ist, die wirkt im Konzertsaal wesentlich eindringlicher als vor der heimischen Anlage. In der Praxis (keine 100.000 Euro Anlage, wohnen im Mietshaus, etc.) ist das doch sicherlich richtig.


    maticus

  • Hallo Maticus,


    die Dynamikkompression würde ich nicht direkt am Alter der Aufnahme festmachen. Technisch ist die Aufzeichnung einer originalgetreuen Dynamik seit vielen Jahrzehnten kein Problem (jede ordentliche Bandmaschine mit Telcom C4 genügt und die praktisch ca. 70dB Dynamik der CD auf der Wiedergabeseite reichen auch). Die technischen Hilfsmittel zur Kompression werden jedoch umfangreicher und das wird sicher auch genutzt. Manche Label (z.B. BIS) werben damit, die Dynamik gar nicht zu komprimieren. Ob´s stimmt.... vom Höreindruck und auch von der gemessenen Dynamik denke ich, ja. Denon hat m.E. auch nicht oder nur wenig komprimiert.


    Übrigens will ich das keinesfalls bewerten. Eine Kompression ist in vielen Fällen sicher auch nützlich.


    Wenn die Hörbedingungen gut sind (dafür benötigt man nur geeignete LS und einen richtig bedämpften Raum, aber keine 100.000 €), so geht meine Erfahrung dahin, daß die physische "Brutalität" einer Originaldarbietung völlig problemlos zu reproduzieren ist. Die Nachbar-/Mietwohnungsproblematik bleibt dabei jedoch unberücksichtigt.


    Gruß


    Andreas

    De gustibus non est disputandum (über Geschmäcker kann man nicht streiten)

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  • Hallo maticus und Andreas,


    volle Zustimmung zu den Ausführungen von AH, was eine naturgetreue Wiedergabe bezüglich Schallpegel und Dynamik anbetrifft.


    :] Ich Wohne im eigenen Haus, sodaß für mich die Nachbar-/Mietwohnungsproblematik unberücksichtigt bleiben kann.
    Einschränkung: Ich sollte dann alleine zu Hause sein, oder mich in den Hobbyraum zurückziehen, da ich sonst meine Familienmitglieder zu sehr nerven würde.


    Wir werden jetzt mit diesem Thema AGRESSIVE MUSIK etwas OT.
    Trotzdem kurz diese Story:
    Vor etwa 15Jahren hörte ich in ziemlicher Originallautstärke die Ouvertüre 1812 mit Dorati (Mercury), die die Originalkanonen drauf hat.
    Am nächsten Morgen sah ich meinen Nachbarn beim Fegen. Er sprach mich an, ob ich gestern Abend auch das Erdbeben gemerkt hätte ? Er erwähnte dann auch noch die Möglichkeit eines entfernten Gewitters.
    :D Ich sagte: "Nein, ich habe absolut nichts gemerkt, es war alles ruhig bei uns."

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Das Theater der Stadt Heidelberg veranstaltet - wie auch anderenorts - "Familienkonzerte", mit dem lobenswerten Ziel auch Kindern und Jugendlichen klassische Musik nahezubringen. Unter verheißungsvollem Motto gibt es demnächst Folgendes:



    Leider weiß ich noch nicht, welche Komponisten und Werke hier vertreten sein werden (Schostakowitschs 11. sicher nicht). Immerhin habe ich gestern meinen 10-jährigen Neffen eingeladen und jetzt freuen wir beide uns aufs Konzert.

  • Mich wundert es, daß hier noch nicht Paganini genannt wurde, wo selbiger doch ein Urvater der heutigen Rocker und 'Gitarrenhelden' ist.
    Die meisten seiner Werke eignen sich doch eher zum 'Headbangen' als zum Entspannen, also könnte man sie auch als 'aggressiv' einstufen. :D



    Ach ja - das von "Sommer"-Konzert von Vivaldi hat auch einen aggressiven Tonfall und das sogar noch im Mittelsatz.

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