Gianni Raimondi - umstritten, doch unvergessen

  • Wie man heute erfährt, ist Gianni Raimondi, den ich in den 60er/70er Jahren des öfteren als Rodolfo und Cavaradossi erleben durfte gestorben.
    Vielleicht war sein Timbre nicht das exquisiteste und seine Darstellungskraft etwas bescheiden, aber ein derart verlässlicher Sänger mit einer unglaublichen Höhe wäre heute eine absolute Sensation in der armen Tenorlandschaft der Zwischenfachtenöre. Wie Kesting richtig festhält, wäre bei ihm mit entsprechender Förderung eine viel grössere Karriere möglich gewesen.

  • Glücklicherweise gibt es Live-Mitschnitte, wodurch der Sänger doch eine gewisse Chance auf Nachruhm hat.


    Unter anderen war er der Partner von Leyla Gencer in "I Puritani" von V. Bellini, ein Live-Mitschnitt aus Buenos Aires mit dem Dirigenten Argeo Quadri, aufgenommen um 1961. Nur ein Live-Mitschnitt, aber ich finde, dass es durchaus mit den Studioaufnahmen dieser Oper aufnehmen kann.


    Herzliche Grüße
    Waltrada

    Il mare, il mare! Quale in rimirarlo
    Di glorie e di sublimi rapimenti
    Mi si affaccian ricordi! Il mare, il mare!
    Percè in suo grembo non trovai la tomba?

  • Vielen Dank für die info.
    Der Tenor Gianni Raimondi, einer der bevorzugten Bühnenpartner von Maria Callas, ist nach Angaben seiner Familie am vergangenen Sonntag in Bologna im Alter von 84 Jahren verstorben.


    Raimondi, * 13.04.1923, debütierte 1947 in Bologna als Graf von Mantua in Verdis «Rigoletto». In der Folge war stand er oft auch auf der Bühne an der Mailänder Scala, u.a. auch als Tenorpartner von Maria Callas, Renata Tebaldi, Mirella Freni. Er gastierte weltweit und sang auf unzähligen Platten.


    Hier im Forum werden seine gesanglichen Leistungen überwiegend negativ beurteilt. Persönlich habe ich ihn sehr geschätzt, ich mochte das Timbre und habe etliche Aufnahmen mit ihm, u.a. auch die Recitals:




    Gianni Raimondi - Arien & Szenen Vol. 1

    Donizetti: Arien & Szenen aus Lucia Di Lammermoor, Anna
    Bolena, La Favorita
    OPD , ADD, 1957-1967



    Gianni Raimondi - Arien & Szenen Vol. 2
    Arien & Szenen von Donizetti, Verdi, Gounod, Puccini
    OPD , ADD, 1953-1967


    Nach Abschluß seiner Sängerkarriere war er bis kurz vor seinem Tod noch als Gesangspädagoge in der Nähe von Bologna tätig.


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Ich kann mich noch gut an die Zeffirelli - "Bohéme" unter Karajan erinnern, die den Bruch Karajans mit der Wiener Staatsoper einleitete:



    Gianni Raimondi war ein zuverlässiger Tenor und ich kann mich erinnern, dass bei den Generalproben, Bonisolli unten in einer der vorderen Reihen im Parkett saß, und die Einsätze angab.


    Es war ein reines "Kasperl-Theater", den Probe konnte man das ja nicht nennen.


    Übrigens gibt es dies Bohème auch auf DVD, in der Zeffirelli Inszenierung:



    Bitte unbedingt kaufen, denn schon allein die Inszenierung ist sehenswert, abgesehen von den Sängern, die CD unterscheidet sich bei der Mimi, da singt Hilde Güden die Musette, auf der DVD Adriano Martino,


    die hat aber in Wien auch recht viel gesungen, Liú, Pamina was ich noch weiß.


    Es tut mir sehr leid um diesen Sänger und die DVD ist sehenswert.


    Liebe Grüße Peter aus Wien. :hello: :hello:

  • Soviel mir bekannt ist, gibt es von Raimondi nicht sehr viele Studio-Aufnahmen - ich wäre glücklich, wenn ich mich irrte. Die Live-Mitschnitte erhalten uns wenigstens auch andere Auftritte. Er war für mich einer ganz Großen, nur eben mit seinem Geburtsjahr 1923 intensivster Konkurrenz in seinem Fach ausgesetzt.


    Gestorben ist übrigens auch die amerikanische Koloratursopranistin Gail Robinson (geb.1946 in Jackson, Tennessee), die sich vor allem als Donizetti- und Mozartinterpretin einen Namen gemacht hat und nach ihrem krankheitsbedingten frühen Rückzug von der Bühne eine sehr geschätzte Lehrerin wurde.


    LG


    Waldi

  • Die Nachricht vom Tode Gianni Raimondis macht mich ein wenig traurig. Die Stimme, die ich nur von Platten kenne, habe ich auch sehr gemocht. Ich fand sie immer irgendwie "sonnig" - hell, klar, strahlend, nach oben fast unbegrenzt. Auch wenn ich Aufnahmen dieses Sängers nicht gezielt gesammelt habe, habe ich mich immer gefreut, wenn mir eine in die Hände gefallen ist. Allzu viele sind ja wohl tatsächlich auch nicht greifbar.


    Nach den mir bekannten Aufnahmen zu urteilen, war er wie Giuseppe Di Stefano vielleicht am besten in den freundlichen, impulsiven Rollen wie Rodolfo oder Alfredo Germont. Seine bekannteste Aufnahme ist wohl auch die Traviata mit Scotto und Votto. Aber auch an der Seite von Maria Callas hat er den Alfredo gesungen, in jener berühmten Visconti-Produktion an der Scala unter der Leitung von Carlo Maria Giulini, aus der auch der Mitschnitt Callas / Di Stefano / Bastianini hervorging. Als nächstes fallen mir seine frühen Donizetti-Aufnahmen ein: ebenfalls aus der Scala Anna Bolena mit Maria Callas unter Gavazzeni oder La Favorita mit Fedora Barbieri, Carlo Tagliabue und Giulio Neri - beides Aufnahmen, die unter Berücksichtigung der damaligen Aufführungstradition immer noch empfehlenswert sind. Aus seinen etwas späteren Jahren (1972) ist mir noch ein Roberto Devereux mit Monserrat Caballé erinnerlich, in dem er noch die alte Höhensicherheit hat, aber doch auch schon ein wenig schneidend und unflexibel klingt.


    Bleibt zu hoffen, dass Gianni Raimondi nach seinem Tod noch etwas Aufmerksamkeit beschieden bleibt.

  • Die von Harald erwähnte kritische Einstellung Gianni Raimondi gegenüber kann ich nicht teilen, ich habe ihn in einigen Rollen sehr geschätzt, zwei davon besitze ich auf CD, nämlich als Fernando in Donizettis Favorita unter Angelo Questa und als Lord Percy in Anna Bolena unter Gavazzeni, an der Seite von Maria Callas. Zauberton hat sie ja in seinem Beitrag schon aufgeführt.


    Raimondis Stimme war zwar hell, aber keineswegs schwach, er war also durchaus aus zu beeindruckenden dramatischen Ausbrüchen fähig. Gerade diese beiden Donizetti-Aufnahmen habe ich sehr ins Herz geschlossen, trotz der nicht gerade überragenden Tonqualität der Gavazzeni- Aufnahme, die Sänger und ihre Gestaltung der Rollen haben es mir einfach angetan und Raimondi fügte sich sehr harmonisch ins Ensemble. Ein wenig Abstriche muss ich ich bei Nicola Rossi-Lemeni machen, seine Stimme ist einfach nicht mein Fall, aber um den geht es ja in diesem Thread nicht.


    In beiden Opern ist der Tenor ja nicht gerade in einer glücklichen Situation und Happy End gibt es auch keines, aber vielleicht lag ja gerade in der Darstellung vom Schicksal gezeichneter Menschen eine Stärke von Gianni Raimondi, auch der Alfredo aus der Traviata passt ganz gut dazu. Mag ja sein, dass er mit seiner Stimme nicht den reinsten Wohlklang verbreitete, aber er konnte die Charaktere sehr eindringlich und glaubwürdig darstellen, und zwar weit über den reinen Belcanto hinaus.


    Dass dieser Sänger vergleichsweise wenig bekannt ist, liegt wohl nicht zuletzt am tenoralen Überangebot in seiner aktiven Zeit, da gab es einfach etliche andere, die die Herzend des Publikums leichter eroberten - ob sie ihm wirklich in der Sangeskunst und vor allem der Darstellung so weit voraus waren, nun ja, ich wage es zu bezweifeln. Es gab sicherlich lautere und strahlendere Ritter des hohen C, aber auf seine Art war er einmalig und unverwechselbar. Seien wir also froh, dass es wenigstens die vorhandenen Aufnahmen von ihm gibt, ich jedenfalls werde die traurige Nachricht von seinem Tod als Anlass nehmen, wieder mal intensiver hineinzuhören.



    Liebe Grüße
    Kurt

  • Mir bleibt der Sänger mit dieser Aufnahme in Erinnerung:



    Neben Renata Scotto als Violetta und Ettore Bastianini als Giorgio Germont gestaltet er einen jugendlich-frischen und wohlklingenden Alfredo, dem seine zum Aufnahmezeitpunkt 39 Jahre nicht anzuhören sind. Grazie, Gianni :angel:

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Liebe Freunde der Kunst Gianni Raimondis ,


    lieber Peter !



    Alleine diese Wiener " La Bohème" wird Gianni Raimondi unvergesslich machen .


    Welche sängerischen Leistungen !


    Und die Inszenhierung von Franco Zeffirelli .


    CD wie DVD , ich stimme Dir hier absolut zu , sind ein Muss für jeden Opernfreund .


    Wie die österreichische Kulturbürokratie ( Stichwort : Hilpert ) mit Karajans Visonen von einem perfekten Opernabend technokratisch umgegangen ist , ist unbeschreiblich schlimm und folgenreich gewesen .


    Gianni Raimondi hat in einigen weiteren Aufnahmen , die in diesem Thread gennnt worden sind , seine Bedeutung als Tenor in seinem Fach dadurch auch für diejenigen Opernfreunde stabilisiert und wohl begründet festigen können , die andere "Lieblinge" hatten und haben und vor allem bei denen , die Gianni Raimondi nie auf der Opernbühne erleben konnten !



    Dass 3sat am Abend des 1. Weihnachtsfeiertages dies "Bohème" mit Freni , Raimondi et al. ( aus der Mailänder Scala ) gesendet hat , war Zufall , aber eine der Glanztaten des Fernsehanstalten .


    Beste Grüsse ,



    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Zitat

    Original von Frank Georg Bechyna


    Alleine diese Wiener " La Bohème" wird Gianni Raimondi unvergesslich machen .


    Frank


    So ist es! Neben Kalaf und Cavaradossi durfte ich ihn in dieser Rolle noch life hören. Mehrmals und davon einige Male von hinter der Bühne (mußte ja im 2. Akt im Qartier Latin - in Zefirellis berühmtem 2-geschossigen Bühnenbild - promenieren). Vor allem am Ende - er hatte die Rolle ja schon x-mal gesungen - ging es sehr zu Herzen, dass er sich noch immer so hineinkniete ins Geschehen, dass er nach Mimis Tod kurz ganz fertig war und hinter den Kulissen verschwand eh er sich verneigen konnte.


    Stimmlich liebe ich eine gewisse Art von "Frische" und "Lebenslust" in seinem Gesang, seine helle offene Stimme und mühelose Höhe. Gianni Raimondi ist eine von den Stimmen, die mir persönlich besonders zu Herzen gehen.


    Die frühen Belcanto-Aufnahmen hab ich erst später kennen gelernt. Belcanto ist für mich immer eine Operngattung, wo so vieles neigt etwas gekünstelt, gespreizt zu klingen. Raimondi ist da die Ausnahme - er singt mit Herz und Leichtigkeit und trotzdem auch technisch ganz wunderbar.


    Absolute Lieblingsaufnahme ist die oben schon genannte Favorita mit Barbieri, Tagliabue und Neri.



    Tagliabue!! der war damals schon eher am Ende seiner Laufbahn und Gianni war ganz jung - zwei Generationen von Sängern eigentlich.


    Nach meiner ersten Bohéme mit Gianni - ich glaub 1970 oder 71 - hab ich beim Bühnentürl auf ihn gewartet. War ja grad mitten in meiner pubertären Opernverrücktheit. Er hat einen Strauss weißer Nelken, die ihm ein Fan zugeworfen hatte, unter den Wartenden verteilt und ich hab eine davon ergattert. Zu Hause sorgsam getrocknet und in dem Schächtelchen mit diversen Autogrammfotos viele Jahre aufbewahrt.



    :angel:

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  • Liebe 'Brangäne' :



    kannst Du Dich noch in etwa erinnern , wann er seine Karriere in Wien beendet hat ?


    Gianni Raimondi war auch einer der Sänger , die sehr überzeugende Darsteller ihrer Rollen gewesen sind . Eben Schauspieler - Sänger wie im tatsächlichen Leben . Ohne Manierismen , sie haben aus sich selbst heraus ihr Publikum mitgenommen . Raimondi hat es verstanden , etwa den Rodolfo in den verschiedenen Facetten auch glaubhaft zu interpretieren !


    Viele Grüsse und Danke für Deine Hinweise !


    Ein gutes Neues Jahr 2009 .


    Frank

    Frank Georg Bechyna
    Musik & Medizin

  • Hallo Brangäne,


    bin begeistert - da gibt es also jemanden hier der so wie ich zu dieser Zeit im Quartier Latin promeniert ist! Was haben wir da doch an großen Sängern erlebt - und eben auch Gianni Raimondi. Und auch mir ist seine Stimme besonders zu Herzen gegangen. Erinnere mich z.B. an einen wunderbaren Alfredo zusammen mit Lilian Sukis.


    Liebe Grüße -
    Margit

  • In diesen Tagen wäre Gianni Raimondi 90 geworden. Die Angaben über seinen Geburtstag sind verschieden, 13., 14. oder 17. April 1923 wird in den verschiedenen Sängerlexika angegeben.


    Gianni Raimondi (* 13. April 1923 in Bologna; † 19. Oktober 2008 in Pianoro) war ein italienischer Operntenor.
    Er studierte Gesang in Mantua. Sein Debüt gab er 1947 in Budrio (BO) als Herzog von Mantua in Rigoletto von Giuseppe Verdi. 1948 sang er den Ernesto in Don Pasquale von Gaetano Donizetti. Danach trat er an vielen italienischen und ausländischen Bühnen auf.
    Der Durchbruch erfolgte 1956 als Alfredo in Verdis La Traviata an der Seite von Maria Callas an der Mailänder Scala.
    Im Alter von 79 Jahren zog Gianni Raimondi sich vom Bühnenleben zurück.
    Nach 45 Jahren Bühnenleben lehrte er im kleinen Ort Budrio südlich von Mailand an der Akademie der Scala.

    LG


    :hello:

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Heute vor 5 Jahren ist er gestorben:



    (Dank an Manfred Krugmann)


    Gianni Raimondi (* 13. April 1923 in Bologna; † 19. Oktober 2008 in Pianoro), italienischer Operntenor.


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)