München, Bayerische Staatsoper. Alban Berg: Wozzeck

  • Es ist eine besondere Herausforderung, eine Wozzeck-Aufführung zu beschreiben: weil man kaum emotionale Distanz wahren kann, weil im Graben und auf der Bühne in so kurzer Zeit soviel geschieht. Wozzeck hatte am gestrigen Montag an der Bayerischen Staatsoper Premiere. Besonders gespannt sah man dem Dirigat Kent Naganos, der Gestaltung der Titelrolle durch Michael Volle (von der Opernwelt zum „Sänger des Jahres“ gewählt) und der Regie von Andreas Kriegenburg entgegen. Kriegenburg zählt im Schauspiel zu den wichtigsten deutschen Regisseuren (u.a. Büchners Woyzeck an der Berliner Volksbühne), hat aber bisher Opern nur zweimal in seiner Heimatstadt Magdeburg inszeniert (Glucks Orfeo und Mozarts Idomeneo).


    Ein Überblick über die Verantwortlichen und Agierenden der Münchner Wozzeck-Produktion:


    Musikalische Leitung: Kent Nagano
    Inszenierung: Andreas Kriegenburg
    Bühne: Harald B. Thor
    Kostüme: Andrea Schraad
    Choreographie Zenta Haerter
    Chöre Andrés Máspero


    Wozzeck: Michael Volle
    Tambourmajor: Jürgen Müller
    Andres: Kevin Conners
    Hauptmann: Wolfgang Schmidt
    Doktor: Clive Bayley
    1. Handwerksbursche: Christoph Stephinger
    2. Handwerksbursche: Francesco Petrozzi
    Der Narr: Kenneth Roberson
    Marie: Michaela Schuster
    Margret: Heike Grötzinger


    Bayerisches Staatsorchester
    Chor der Bayerischen Staatsoper



    Kriegenburg hatte schon vorher angekündigt, dass er die Oper nicht aktualisieren werde. Wer sich allerdings eine realistische Aufführung mit liebevoll ausgestattetem 19. Jahrhundert im Sinne der alten Wiener Drese/Abbado-Produktion erwartet hatte, wurde von der gespenstischen Szenerie gründlich enttäuscht. Die ganze Bühne ist mehr als knöcheltief mit Wasser bedeckt. Darüber schwebt und schwankt (mir schwindelt...) ein schmutzigweißer Kasten, an dessen Innenwänden auch schon das Wasser herunterläuft – Abstraktion eines Innenraums. Die einzelnen Szenen spielen sich zunächst teils in diesem schwebenden Zimmer ab, teils im Wasser davor (der Kasten wird dann nach hinten gezogen). Tendenziell verlagert sich das Geschehen im Verlauf der drei Akte immer mehr in das Wasser, in dem die Figuren herumwaten. Die Gestaltung der Bühne entschlüsselt sich vom Ende des Stücks her (das Wasser ruft): es ist ein Ort des Todes, der Teich, in dem Wozzeck ertrinkt.


    Das Wasser ist bewohnt: Ein Bewegungschor, eine Gruppe schwarzgekleideter Figuren – eher an die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts erinnernd – lebt darin. Sie stehen für den von Kriegenburg ins Zentrum gerückten Aspekt der Armut (Wir arme Leut) – mit Schildern suchen sie nach Arbeit; gelegentlich fallen während der Zwischenspiele – von unsichtbarer Hand geworfen – einige Bissen Essen oder ein paar Münzen ins Wasser: sofort stürzen sich die Schwarzgekleideten darauf und prügeln sich darum. Sie leisten Frondienste: Gebückt tragen sie während des Militärmarsches in I/3 eine Plattform, auf der sich der Tambourmajor als großer Zampano präsentiert. In der Wirthausszene lastet auf dem Rücken der im Wasser Kriechenden eine Art hölzernes Floß, auf dem die Musikanten sitzen und aufspielen. Auch greifen sie in die Handlung ein – immer wieder drücken sie Wozzeck in III/4 Messer in die Hand, die dieser immer wieder von sich wirft. In der Schlusszene entpuppen sich einige der schwarzen Figuren als die Kinder, die Mariens Jungen den Tod seiner Mutter verkünden.


    Auch die Kostüme kann man kaum als realistisch oder gar „historisch korrekt“ bezeichnen – am meisten noch bei Marie, bei Wozzeck und den anderen Soldaten: alle in hellbraun gekleidet, die Männer natürlich in Uniformen. Auch der Tambourmajor trägt die gleiche Uniform, allerdings körperbetonter ohne Ärmel. Zu regelrechten Monstern ausgestaltet sind aber Hauptmann und Doktor: ersterer von grotesker Fettleibigkeit mit entsprechenden Brust- und Bauchapplikationen, am Oberkörper nur mit Epauletten und Hosenträgern bekleidet. Der Doktor – ebenfalls glatzköpfig, aber mit einer surrealen gelockten schwarzen Haarsträhne – ist an Oberkörper und Beinen in Korsetts eingeschnürt, darunter eine lange Unterhose tragend; er wirkt extrem abstoßend, fast entmenscht. Viele Figuren haben weißgeschminkte Gesichter – nach welcher Systematik, konnte ich nicht erkennen (das gemahnte etwas an Achim-Freyer-Inszenierungen; ansonsten – in der karikierenden Gestaltung von Hauptmann und Doktor, in der Verwendung von Puppen sah ich mich manchmal an die Frankfurter Mussbach-Produktion von 1993 erinnert, ohne dass ich eine Abhängigkeit behaupten oder dies gar kritisieren würde).


    In der Personenregie mischen sich eindringlich „realistische“ und „stilisierte“ Züge. Schon durch das ständige Spiel im Wasser entsteht eine eher surreale Atmosphäre. Das Geschehen wird dabei durchaus verständlich nacherzählt, die Demütigungen Wozzecks durch Hauptmann, Doktor und Tambourmajor sind handgreiflich ausgestaltet: der Hauptmann schmiert dem halb erstickenden und sich verzweifelt wehrenden Wozzeck Rasierschaum in den Mund und droht ihm mit dem Rasiermesser. Der Doktor spannt Wozzeck in eine furchterregende Foltermaschine ein und lässt ihn durch einen Schlauch in einen Eimer pinkeln (der Urin wird vom Doktor fachmännisch abgeschmeckt), reißt ihm schließlich brutal den Schlauch ab, worauf der vor Schmerz schreiende und wimmernde (und blutende) Wozzeck durch das Zimmer taumelt. Am Ende des zweiten Akts wehrt sich Wozzeck gar nicht mehr gegen den Tambourmajor, er wird auf den von den Soldaten im Wasser aufgehäuften Matratzen einfach zusammengeschlagen. Dagegen haben die Szenen zwischen Wozzeck und Marie oft betont stilisierten Charakter – die beiden tasten sich aneinander heran, stehen einfach nebeneinander und halten sich an den Händen, berühren sich überhaupt nur vorsichtig (manchmal explodiert es aber dann doch zwischen beiden). Auch gibt es keinen eigentlichen Mord an Marie: Wozzeck ersticht eine Puppe (mit der er schon in der Wirtshausszene hantiert hatte), drückt sie Marie gegen den Unterleib – sie fällt nach hinten auf eine von den Schwarzgekleideten bereitgehaltene Bahre und wird abtransportiert.


    Eine Schlüsselrolle hat das Kind Wozzecks und Mariens inne, gespielt von Aurelius Braun. Hier haben wir es nicht wie sonst häufig mit einem Kleinkind zu tun, sondern mit einem fast schon pubertierenden Jungen. Er spielt häufig mit, auch in Szenen, in denen seine Anwesenheit nicht vorgeschrieben ist. So bekommt er hautnah die Demütigungen seines Vaters mit, versucht ihn zu trösten, klammert sich an ihn, sucht seine Zuneigung, wird von Wozzeck aber immer wieder zurückgestoßen. „Papa“ pinselt er an die Rückwand des Zimmers und malt einen Pfeil, der auf seinen Vater zeigt: wütend versucht Wozzeck, die Schrift zu verwischen. Auch andere Schlüsselwörter schreibt der Junge auf: „Geld“ und später „Hure“. Letzteres nimmt schon auf sein sich wandelndes Verhältnis zu Marie Bezug: während in I/3 Vater, Mutter und Sohn sich sogar kurz zu einer „Heiligen Familie“ zusammenfinden, geht der Junge nach der Affäre mit dem Tambourmajor zu seiner Mutter auf Distanz, läuft vor ihr weg, zeigt ihr schließlich offen seine Verachtung: die Szene in III/1, in der Marie in der Bibel liest, gerät zu einem verzweifelten Werben um ihr Kind. Schließlich kann sie sich nur an dessen zerschlissenes Stofftier (wohl ein Affe) klammern, das ihr der Junge aber entreißt, das er schließlich in einer Präfiguration des Mordes „ersticht“ und an einem winzigen Kreuzigungsbild festnagelt, das an der Rückwand des Zimmers hängt (die christologischen Bezüge werden von Kriegenburg subtil ausgeleuchtet).


    Wozzeck ertrinkt nicht. Er legt sich auf einer Matratze im Wasser in embryonaler Stellung zum ewigen Schlaf nieder. Zum großen Orchesterzwischenspiel vor der letzten Szene liegt er einfach so da, der Junge kommt hinzu, setzt sich auf seinen Vater (was irgendwie zwischen liebevoller Vertrautheit und Gleichgültigkeit changiert), hantiert mit einer Taschenlampe, kehrt in das schwankende Zimmer zurück und steht am Ende des Stücks reglos mit einem Messer in der Hand da. Ob er es gegen andere oder gegen sich selbst richten wird, bleibt offen.


    Diese mit Ausnahme des Bühnenbilds nie spektakuläre, aber ungeheuer dringliche und bewegende Inszenierung hat ihr Zentrum in ihrem Hauptprotagonisten: Michael Volle erfüllt alle in ihn gesetzten Erwartungen – wie er verzweifelt dasteht und sich die Suaden des Hauptmanns und des Doktors mit einem reflexhaften Salutieren anhört, wie er (eigentlich großgewachsen und stattlich) im Laufe der drei Akte zusammenschrumpft, sich immer gekrümmter bewegt und nur noch manchmal, dann aber umso furchterregender explodiert, das ist großartig. Auch stimmlich leistet er Enormes. Trotz der darstellerischen Inanspruchnahme differenziert er zwischen den verschiedenen Formen des Singens und Sprechens sehr genau, hat eine enorme farbliche und dynamische Palette auf Lager (einmal, in II/1, schleudert er pathetisch das Schlüsselmotiv Wir arme Leut markerschütternd ins Publikum). Augezeichnet auch Michaela Schuster als Marie, die mit Ausnahme der Bibelszene von Kriegenburg statischer geführt wird und deshalb nicht soviele Möglichkeiten zur Entfaltung hat. Stimmlich fand ich sie nicht schlecht, sehr schön in der Mittellage, aber in der extremen Höhe deutlich gefährdet und in der Tiefe erstaunlicherweise zu wenig durchdringend. Sehr gut auch, stimmlich weniger chargierend als sonst (und als andere Hauptmänner), Wolfgang Schmidt. Brillant spielend, vom Timbre her gewöhnungsbedürftig und ein paarmal erheblich neben den Noten singend, Clive Bayley als Doktor. Stimmlich und leider auch darstellerisch etwas schmalbrüstig Jürgen Müller als Tambourmajor.


    Diese wenigen sängerischen Wermutstropfen wurden aber voll und ganz durch das Dirigat von Kent Nagano wettgemacht. In perfekter Koordination mit der Bühne, nie die Sänger überdeckend, transparent mit vielen Klangfarben, aber auch mit warmem Streicherklang, wo nötig (letztes Zwischenspiel!). Stetig in den Tempi, keine Rubato-Attitüden. Große dynamische Spannweite, gerade auch in den beiden anschwellenden und zerberstenden Unisono-h’s nach dem Mord an Marie bewundenswert. Nach einigen kleinen Unsicherheiten zu Beginn (Trompete) fantastisches Spiel des Orchesters. In II/3 trennt Nagano das Kammerorchester räumlich vom Orchester, was m.W. korrekt ist, aber zu einem etwas entfernten Klang des kleinen Ensembles führt.


    Begeisterter Beifall des Publikums, insbesondere für Volle und – in München ungewöhnlich – für das Regieteam. Nachdem sich u.a. der Chordirektor zum Schlussbeifall nur in Gummistiefeln auf die überflutete Bühne gewagt hatte, sorgte dann Nagano nach diesem beklemmendem Abend für fast befreiende Heiterkeit, als er barfuß mit hochgekrempelten Hosenbeinen den Beifall entgegennahm.


    Auf der Website der Staatsoper kann man sich wie immer ein kurzes Video und einige Fotos von der Produktion ansehen bzw. -hören (Symbol der Foto- bzw. Videokamera rechts neben dem Bild anklicken).



    Viele Grüße


    Bernd

  • Also wie ich schon unter Münchner Oper geschrieben, war
    ich in der Generalprobe vom "WOZZECK" und ich war echt begeistert.
    Für mich eine geschlossene Aufführung ohne wenn
    und aber.
    Tolle Sänger, tolle Regie, tolles Bühnenbild und
    last but not least toller Dirigent Nagano!!!!!!!!!!!!!
    Ich gehe sogar soweit zu sagen es war ein
    EREIGNIS!!!!
    Die Münchner Presse auch voll des Lobes und
    im "Kurier" von morgen auch ein Hymne.
    Fazit so macht Oper Spaß.
    Modernes Regietheater nur so.
    TOLL EINFACH SO....


    :jubel::jubel::jubel:

    mucaxel

  • Hallo an alle,


    glücklicherweise hat Zwielicht schon von der gestrigen Aufführung berichtet, so dass ich mir die Mühe der detaillierten Beschreibung sparen kann :D


    Nur eine kleine Ergänzung zu den weissgeschminkten Figuren. Für mich sahen eigentlich alle auf der Bühne wie halbe Monster, vielleicht Opfer von irgendwelchen Experimenten aus. Eigentlich waren doch ausser Marie, dem Buben und Wozzeck alle sehr weiss geschminkt und entweder keine oder spärliche Haartracht. Mir kam es so vor, als wären ausser eben Wozzeck, dem Buben und Marie keine Menschen auf der Bühne. Vielleicht sollte das ein Spiegel der Wahrnehmung Wozzecks sein.


    Eine ganz kleine Kritik an der Inszenierung: Das tropfende Wasser und die Bewegungen der Darsteller im Wasser war mir teilweise etwas zu laut und hat mich manchmal etwas von der Musik abgelenkt. Das ist aber wirklich nur eine kleine Kritik, übertönt wurde die Musik nicht.


    Ansonsten kann mich Mucaxel und Zwielicht nur anschließen. Eine ungemein bewegende Aufführung, von der ich mich jetzt noch nicht wirklich erholt habe. Besonders hervorragend natürlich Volle und Nagano.


    Ich kann allen in der Nähe Münchens diese Aufführung empfehlen, aber einen netten Opernabend sollte man nicht erwarten.


    Viele Grüße,


    Melanie

  • Bühnenbild und Kostüme, teilweise auch die Regie vermittelten das déjà vu-Erlebnis einer guten Inszenierung der 70er Jahre (Frau Lemke-Mattwey vom Berliner Tagesspiegel meint der 80er). Insofern wirkte die Aufführung - abgesehen natürlich von der großartigen musikalischen Seite - doch etwas angestaubt. Aber fragen Sie mich bitte nicht, wie ich mir eine WOZZECK-Inszenierung zu Beginn des 21. Jhd. vorstelle.

  • Zitat

    Original von Mela
    Eigentlich waren doch ausser Marie, dem Buben und Wozzeck alle sehr weiss geschminkt und entweder keine oder spärliche Haartracht. Mir kam es so vor, als wären ausser eben Wozzeck, dem Buben und Marie keine Menschen auf der Bühne. Vielleicht sollte das ein Spiegel der Wahrnehmung Wozzecks sein.


    Stimmt - aber war Marie dann nicht auch irgendwann weiß geschminkt? Ich bring's nit mehr z'sam, der Eindrücke waren dann doch zuviele.



    Zitat

    Eine ganz kleine Kritik an der Inszenierung: Das tropfende Wasser und die Bewegungen der Darsteller im Wasser war mir teilweise etwas zu laut und hat mich manchmal etwas von der Musik abgelenkt. Das ist aber wirklich nur eine kleine Kritik, übertönt wurde die Musik nicht.


    Ja, in der ersten Szene des ersten Akts dachte ich auch ogottogott, als das Wasser vom eisernen Vorhang herunterregnete - hoffentlich jetzt nicht in jeder Szene diese Geräuschkulisse. Aber das hat sich dann nicht wiederholt, obwohl es später (in II/2) nochmal "richtig" regnete, aber ganz geräuschlos in feinen Schleiern (ein ziemlich ästhetisches Bild).



    Zitat

    Original von schiral
    Bühnenbild und Kostüme, teilweise auch die Regie vermittelten das déjà vu-Erlebnis einer guten Inszenierung der 70er Jahre (Frau Lemke-Mattwey vom Berliner Tagesspiegel meint der 80er). Insofern wirkte die Aufführung - abgesehen natürlich von der großartigen musikalischen Seite - doch etwas angestaubt. Aber fragen Sie mich bitte nicht, wie ich mir eine WOZZECK-Inszenierung zu Beginn des 21. Jhd. vorstelle.


    In den 70er Jahren wüsste ich aber nicht, wer einen solchen Wozzeck auf der Opernbühne hätte inszenieren sollen?


    Frau Lemke-Matwey schreibt ja genau:


    Vielleicht ist die Frage dieses umjubelten Abends überhaupt, wie es sein kann, dass eine Regie mit Mitteln, die man zuletzt in den Achtzigerjahren für ästhetisch angebracht hielt (bei Luc Bondy, Patrice Chéreau, den Herrmanns), heute eine solche Dringlichkeit entfalten kann.


    Gemeint ist hier ja offenbar die berühmte Berliner Schaubühnenästhetik - und diese Assoziation finde ich nicht falsch (allerdings hat Chéreau den Wozzeck in Berlin ganz anders inszeniert - großartig, aber konventioneller). Der Schaubühnenstil ist doch gerade auf dem Musiktheater nie ausgestorben, Bondy oder Mussbach variieren den bis heute. Da finde ich Kriegenburg bedeutend origineller.


    Die "radikalste" Wozzeck-Regie, die ich kenne, war die sehr gewagte, total abstrahierende Konwitschny-Produktion 1998 in Hamburg. Soweit geht Kriegenburg nicht. Aber beeindruckt hat er mich genauso.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht


    Stimmt - aber war Marie dann nicht auch irgendwann weiß geschminkt? Ich bring's nit mehr z'sam, der Eindrücke waren dann doch zuviele.


    Auf den Fotos im Programm sieht man, dass alle leicht weiss geschminkt sind. Von der Galerie aus war das nicht deutlich sichtbar. Ich gehe ja am Sonntag noch mal und werde darauf achten.


    Zitat


    Frau Lemke-Matwey schreibt ja genau:


    Vielleicht ist die Frage dieses umjubelten Abends überhaupt, wie es sein kann, dass eine Regie mit Mitteln, die man zuletzt in den Achtzigerjahren für ästhetisch angebracht hielt (bei Luc Bondy, Patrice Chéreau, den Herrmanns), heute eine solche Dringlichkeit entfalten kann.


    Eine Kombination mit dem Namen Chéreau ist für mich eigentlich das höchste Adelsprädikat, dass eine Inszenerierung überhaupt erreichen kann. :yes:


    Chéreaus Wozzeck habe ich mittlerweile auf DVD, aber noch nicht gesehen.


    Die Inszenierung wirkt auf mich eigentlich nicht altmodisch - vielleicht kann man sich radikalere auch brutalere Ansätze denken (z.B. auch bei Bieitos Inszenierung) aber sie vermeidet auch platte Parallelen mit der Gegenwart, die sich vielleicht anbieten würden.


    Für mich das beste Zeichen für die Qualität der Aufführung und natürlich hauptsächlich der Musik: Ich war heute arbeitsmäßig nicht si recht zu gebrauchen, da alles in mir noch nacharbeitete. Ein Beispiel für die Gesellschaftszersetzende Wirkung der Kunst à la Lachenmann? :D


    Viele Grüße,


    Melanie

  • Zitat

    Original von Mela


    Auf den Fotos im Programm sieht man, dass alle leicht weiss geschminkt sind. Von der Galerie aus war das nicht deutlich sichtbar. Ich gehe ja am Sonntag noch mal und werde darauf achten.


    Hallo Bernd,


    ich bin hier noch ein Update schuldig. Letzten Sonntag konnte ich die Aufführung ja aus dem Parkett verfolgen. Die Eindrücke, insbesondere des Bühnenbildes, sind dann doch anders, als auf der Galerie. Das Bühnenbild wirkt vom Parkett aus noch beeindruckender.


    Zur Frage des "Wissschminkens": Vom Parkett waren alle Beteiligten deutlich weniger weiss geschminkt, als von oben. Bewusst fällt einem da die Schminke nicht auf, es erzeugt eher eine fahle Gesichtsfarbe. Man muss aber bewusst darauf achten. Daher bin ich nicht ganz sicher, aber ich denke immer noch, dass Marie, Wozzeck und der Bub das ganze Stück über eine etwas "farbigere" Gesichtsfarbe hatten.


    Ob die Unterschiede nur an der unterschiedlichen Perspektive liegen, oder ob hier noch mal "nachgebessert" wurde, kann ich nicht beurteilen.


    Jedenfalls war die Aufführung wieder ziemlich beeindruckend. Meine Empfehlung an alle, die die Möglichkeit haben: Unbedingt ansehen. Es gibt noch einen Termin am Donnerstag, drei termine im Januar und einen Termin im Juli während der Opernfestspiele. Der letzte Termin ist mit Angela Denoke.


    Viele Grüße,


    Melanie

  • Vielen Dank, Melanie!


    Ich hatte schon versucht, mir über die Fotos im Programmheft etwas über das Schminkproblem zusammenzureimen, was aber nicht funktioniert (wobei die Fotos auch von der Klavierhauptprobe stammen, da waren diverse Details offenbar noch anders gelöst).


    Ich werde wohl nochmal im Januar hingehen, weil ich es ja auch liebe, gute Aufführungen mehrfach zu sehen - und außerdem weiß, wieviel man beim erstenmal nicht hört und sieht. Wenn das nicht immer so weit nach München wäre... :wacky:


    Für die Palestrina-Premiere habe ich aber schon eine Karte... ;)



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Ich werde wohl nochmal im Januar hingehen, weil ich es ja auch liebe, gute Aufführungen mehrfach zu sehen - und außerdem weiß, wieviel man beim erstenmal nicht hört und sieht. Wenn das nicht immer so weit nach München wäre... :wacky:
    Viele Grüße
    Bernd


    Lieber Bernd,


    warst Du evtl. gestern auch in der Vorstellung?


    Ich bekam ja erst einmal einen großen Schrecken, als wieder ein Herr vor den Vorhang kam und dachte... bitte sag bloß nicht, dass Volle krank ist. Nein, er war im wunderbaren Vollbesitz seiner Stimme und unglaublichen schauspielerischen Kräfte. Frau Schuster hatte Grippe, aber sang trotzdem und wahrscheinlich nicht viel anders als sonst. Man hatte halt noch mehr Mitgefühl, als sie im kalten Wasser rumlaufen/tanzen mußte. (In ihren Pausen wird immer mit Föhn versucht, ihren Rock wieder trocken zu bekommen, damit sie sich eben nicht erkältet)


    Habe gerade noch einmal diesen Thread durchgelesen und kann nur alles so bestätigen, wie es von Dir und den anderen Taminos empfunden wurde. Für meine Begriffe kann man diese schlimme Geschichte weder musikalisch Berg/Nagano noch inszenatorisch besser machen. Habe die ganze Nacht davon geträumt (natürlich albtraummäßig) und komme aus dieser Umklammerung wohl noch lange nicht heraus.


    Das ganz Besondere dieses Abends war dann natürlich das Publikumsgespräch mit Beteiligung von Kent Nagano. Man hatte das Gefühl, 80% des fast ausverkauften Hauses hatte sich vor der Königsloge und drumherum versammelt und harrte sicher bis 23 Uhr oder länger aus. Diese Gespräche werden also sehr gut angenommen und hoffentlich zum Standard.


    Bevor Herr Nagano kam, wurde erst einmal heftig die mangelnde Lesbarkeit der Übertitelungsanlage bemängelt, aber über die Beseitigung des Problems gibt es wohl noch keine richtig praktikable Lösung (evtl. bei neuer Bestuhlung eingebaute Laufbänder). Was Herr Nagano dann später über Tonalität oder Atonalität des Stückes sehr engagiert erklärte, hätte ich notieren müssen, um nichts verkehrtes zu schreiben. Von seinem Empfinden, der Gesamtheit gegenüber, wäre es auf keinen Fall rein atonal. Er benutzte ein besonderes Wort dafür (es könnte volltonal gewesen sein, aber bin mir nicht sicher).


    Schmunzelnd reagierte er auf die Frage, dass ein Synthesizer im Graben gesichtet worden ist, aber der Einsatz nicht erkennbar war. Das sollte wohl auch nicht sein, aber war bei dieser Oper wohl deshalb notwendig geworden, da verschiedene Sänger mehrmals pfeifen müssen und es unglaublich schwer wäre, auch wenn sie es in den Proben usw. natürlich perfekt könnten, während der Aufführung auf sein Handzeichen hin loszulegen. Da käme in der Regel nur heiße Luft und das Gerät wäre auch am Abend wieder dringend nötig gewesen (breites Grinsen von seiner Seite).


    Sehr eindrucksvoll war auch der Beitrag eines blinden Mannes, der fast jeden Abend in der Oper verbringt, den Wozzeck natürlich auch kein einziges Mal ausgelassen hatte, wie einige andere Zuschauer auch. Er hat durch die Einführungen, die Musik, die Stimmen (da hob er natürlich besonders Herrn Volle hervor) und die Geräusche auf der Bühne ein ganz klares Bild vor Augen und er meinte, so tief wie dieser Wozzeck ist ihm noch keiner vorher unter die Haut gegangen und man merkte, dass er kurz davor war, zu weinen. Herr Nagano ging auch explizit auf Herrn Volle ein und beschrieb ihn als äußerst disziplinierten Sänger, der aber seine Musikalität so intensiv in sein Spiel einbringen kann, wie kaum ein anderer und ein unglaublicher Gewinn für jedes Ensemble ist.


    Auch die Rolle des Kindes (Aurelius Braun) wurde zum Thema und der Dramaturg machte sogar in der Form Werbung für ihn, dass sich Regisseure um ihn bemühen sollten, da er selten so einen schauspielbegabten Jungen erlebt hätte. Herr Kriegenburg wäre aber auch ein fantastischer Regisseur und hätte mit allen sehr gut gearbeitet. Das Alter des Kindes, das oft als Kleinkind dargestellt wird (hier so als ca.10-jähriger), da Wozzeck und Marie ja erst 3 Jahre zusammen waren, könnte hier auch vermuten lassen, dass es eben Maries Kind war, er aber Wozzeck als Papa annahm, weil er ihn wohl liebte und sah, wie er sich für seine Familie abquälte.


    Es wurde auch die Frage gestellt, ob es so rüberkommen sollte, dass Wozzeck eigentlich der einzig "Normale" in dieser Inszenierung wäre, was ja auch schon durch die Kleidung und die reduzierte Schminke angezeigt wurde. Das bestätigte man, denn dadurch sollte sich wohl jeder, so gut es halt geht, mit diesem Wozzeck identifizieren können, um seine Reaktionen auf diese, doch brutal überzeichneten anderen Typen und Situationen, besser nachzuvollziehen. Bei mir hat das auf jeden Fall irgendwie gut funktioniert.


    So, jetzt aber endlich zurück zum wirklich "normalen" Tagesgeschehen ;)


    Liebe Grüße
    Ingrid

  • Wow,


    Das hört sich ja schwerst psychotisch an (als ob diese Oper nicht schon pyschotisch genug wäre). Selbst wenn ich gehen könnte, weiß ich gar nicht, ob ich mich trauen würde... :) (vermutlich schon)



    Danke für die Berichte!
    :hello: Philipp

  • Zitat

    Original von A. Philipp Maiberg
    Wow,


    Das hört sich ja schwerst psychotisch an

    :hello: Philipp


    Lieber Philipp,


    was genau meinst Du denn damit ?(


    LG Ingrid

  • Na ja, dass das ein ziemlich wahnsinniges Erlebnis gewesen sein muss, nicht nur den Berichten über das Konzert zufolge, sondern auch, da die Aufführung die Besucher anscheinend noch bis Tage danach nicht mehr loslässt... Selbst gesehen habe ich sie leider nicht, falls du das meinst

  • Lieber Philipp,


    glaube jetzt nicht, dass man durch den Besuch dieser Operninszenierung gleich eine Psychose bekommen kann, aber die Bilder und die Problematik dieses Wozzeck kreisen wirklich noch eine ganze Weile im Kopf herum.


    Als ich mich damit beschäftigte, war ich mir auch nicht sicher ob ich diese Thematik, sowie Alban Bergs Komposition, psychisch gut verkrafte oder überhaupt will und ließ die Premierenserie vielleicht sogar deshalb aus (zeitlich gings aber ebenfalls nicht so gut). Jetzt bin ich auf jeden Fall sehr sehr froh, dass ich doch mutig war, denn es ist wirklich ein gigantisches Erlebnis incl. Publikumsgespräch gewesen, was man vielleicht in 10 oder 20 Jahren immer noch im Kopf hat, so man noch lebt ;)


    Mein Dank geht deshalb auch an die gleichfalls "mutigen" Taminos :D, die hier so tolle Berichte schrieben und mir dadurch den letzten Schubs gaben.


    Herzliche Grüße
    Ingrid

  • Zitat

    Original von Ingrid
    Lieber Bernd,


    warst Du evtl. gestern auch in der Vorstellung?


    Liebe Ingrid,


    leider nicht - man nimmt sich das immer vor, aber es passt dann nicht in den Zeitplan, zudem wohne ich ja nun nicht gerade vor den Toren Münchens.


    Freut mich aber, dass es Dich beeindruckt hat! Dein Bericht vom Publikumsgespräch ist sehr interessant - das mit dem Pfeifen hatte ich mir auch schon überlegt, auf die Lösung mit dem Synthesizer bin ich aber nicht gekommen ;).


    (Gehört zwar nicht hierein, aber ich finde die Lösung mit Monitoren an den Stuhlrückseiten - wie etwa in Wien praktiziert - auch nicht optimal, zumal die Stehplätzler eh nichts davon haben. Die sollen sich einfach mal eine lichtstärkere Übertitelungsanlage anschaffen, das kann auch in einem großen Haus besser funktionieren...).



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    (Gehört zwar nicht hierein, aber ich finde die Lösung mit Monitoren an den Stuhlrückseiten - wie etwa in Wien praktiziert - auch nicht optimal, zumal die Stehplätzler eh nichts davon haben. Die sollen sich einfach mal eine lichtstärkere Übertitelungsanlage anschaffen, das kann auch in einem großen Haus besser funktionieren...).
    Viele Grüße
    Bernd


    Lieber Bernd,


    bin da auch ganz Deiner Meinung und wahrscheinlich würde so ein Umbau Unsummen verschlingen, was dann ja wieder anderweitig eingespart werden müßte. Früher wurden Dias verwendet und da hätte es wunderbar geklappt. Das wäre höchstwahrscheinlich ein technischer Rückschritt, würde vielleicht auch arbeitsintensiver sein, aber höchstwahrscheinlich doch viel kostengünstiger und sinnvoller als alles andere.


    Wir müssen uns wohl oder übel überraschen lassen, denn Mitspracherecht haben wir ja leider nicht :no:


    Herzl. Grüße
    Ingrid


    PS. Freut mich auch sehr, dass Dir meine kleinen Gesprächsschnipsel gefallen haben und doch eine kleine Neuigkeit für Dich dabei war :]