Carl Loewe - Meister der Ballade und des Liedes

  • Du glaubst gar nicht, lieber Rheingold, wie sehr ich mich über Deine Worte hier freue. Und Du wirst auch sofort verstehen, warum das so ist, wenn ich Dir den Grund nenne: Ich glaubte, dass Du mir meine mehrfach hier geäußerten kritischen Urteile über den Liedkomponisten Loewe – im Unterschied zum Balladenkomponisten – verübelt hast und verärgert über mich bist.
    Nun hatte ich ja mein Urteil auf die Besprechung mehrerer Lieder gestützt, indem ich sie genauer unter die Lupe nahm. Aber das ist so eine Sache, - mit dieser Lupe. Man analysiert und analysiert und reflektiert, und argumentiert in dem ruhigen Gefühl, sich auf Sachargumente stützen zu können. Dabei sind diese „Sachargumente“ nur vordergründig solche, es steckt nämlich noch jede Menge subjektive Emotionalität in ihnen.


    Was will ich sagen? Zwar bin ich nach wie vor der Meinung, dass Loewe im Kern seines musikalischen Und kompositorischen Wesens ein Epiker und Dramatiker, kein Lyriker ist. Und Du selbst hast mir darin ja zugestimmt wenn Di sagst: „Loewe brauchte bei seinen Kompositionen den dramatischen erzählerischen Impuls, der in Balladen steckt.“
    Genauso ist es!
    ABER: Worin ich unrecht tat, das ist mir längst klar, und es ist mir noch klarer geworden, seitdem ich mich zur Erholung von meinem täglichen Studium des Liedschaffens der „Neuen Wiener Schule“ in diese CD-Edition „Complete Edition“ des Loeweschen Lied- und Balladenwerks hinein höre.



    Ich entdecke dabei jede Menge Schätze und bin manchmal ganz entzückt darüber. Wie zum Beispiel gestern gerade über dieses Lied.


    Traumlicht
    (Friedrich Rückert)
    Ein Licht im Traum
    Hat mich besucht,
    Es nahte kaum,
    da nahm’s die Flucht.
    Der Blick ist tief
    Hier eingesenkt,
    Den, als ich schlief,
    Du mir geschenkt.
    Hell dämmert mild
    Am Tage wach,
    O Nachtgebild,
    Dein Glanz mir nach.
    Komm oft, o Stern,
    In meiner Ruh’!
    Dir schließ ich gern
    Die Augen zu.


    Natürlich kann Loewe auch Lieder komponieren. Und das Bestechende daran ist, dass es bei ihm wirklich „Lieder“ im ursprünglichen, vom Ur-Typus des Volksliedes hergeleiteten Sinn des Wortes sind. Das heißt: Sie sind auf einer auf Kantabilität angelegten und entsprechend phrasierten Melodik aufgebaut, wie man wunderschön bei diesem Lied vernehmen kann. Und der zugeordnete Klaviersatz ist zwar in seiner Struktur im Grunde einfach, aber er leuchtet de Aussage der melodischen Linie mit seinen klanglichen Figuren und seiner Harmonik auf oft fast schon betörende Weise aus: Hier zum Beispiel mittels Rückungen von akkordischer Moll-Harmonik, die sich dann in Dur-Harmonik auflöst, - ganz dem zentralen lyrischen Bild vom „Traumlicht“ gemäß.


    Worin ich unrecht tat, das ist, dass ich über die sachlichen Feststellungen zu Liedkompositionen Loewes hinausging und mich zu Werturteilen verstieg. Das war eine Dummheit. Und überdies habe ich dabei auch noch in völlig unzulässiger Weise verallgemeinert. Wie mir jetzt mehr und mehr bewusst wird.

  • Lieber Helmut, rein gar nichts habe ich Dir verübelt. Wie käme ich dazu? Ich bin kein Sachwalter für Loewe, ich verehre und liebe ihn. Das ist alles. Und das ist sehr viel. Persönlich erfahre ich das als Glücksfall. Darin sind wir uns doch gewiss sehr ähnlich. Dein Eintreten für die Lieder finde ich aufregend und gerecht zugleich. Mit "Traumlicht" hast Du eine sehr schönes Beispiel ausgesucht. Eines der besten, wenn nicht gar das beste Zeugnis für den Liederkomponisten. Beim Klaviersatz beklage ich nicht die einfache Struktur sondern lobe sie, weil sie die Schlichtheit des Liedes und der Form unterstreicht. Vielleicht unfreiwillig. Dafür um so wirkungsvoller. Notentechnisch kann ich das leider nicht begründen. Ich höre und urteile als Laie. Mit einem Sängerfreund wollte ich darüber sprechen, ob es denn Sinn machte, bei ihm einige theoretische Stunden zu nehmen. Ich bin davon wieder abgekommen, weil ich in meiner Beschränktheit ja in einer durchaus komfortablen Situation bin. Mich leitet nur mein Gefühl und mein emotionaler Eindruck. Der Not und den Tatsachen gehorchend, würde ich mich als frei bezeichnen.


    Es ist also sehr gut, dass Du das Lied betonst im Werk von Loewe. Er wurde und wird ja immer noch auf die Balladen festgelegt. Von Anfang an. Das ist auch sein Problem. In dem Maße nämlich, wie die Ballade etwas aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand und meist nur noch im Schulunterricht auswendig gelernt wurde, sank auch das Interesse an Loewe. Da sehe ich deutliche Zusammenhänge. Grob überschlagen, gibt es an die 1200 einzelnen Aufnahmen der etwa 400 Balladen und Lieder. Es sind immer wieder die gleichen bis zu zwanzig Titel, deren sich Sänger annehmen. "Traumlicht" ist nach meiner Übersicht nur zweimal eingespielt worden. Du legt ja nicht den allergrößten Wert auf Stimmenvergleiche, wenngleich ich da in letzter Zeit auch gewisse Veränderungen Deines Interesses wahrgenommen zu haben glaube. Bei Loewe aber ist es für mich ganz wichtig, wer was wie singt. Die Geschichte seiner Lieder und Balladen ist auch eine Geschichte des Gesangs auf Tonträgern. Die meisten Dokumente sind höchst problematisch, selbst dann, wenn man sie aus ihrer Zeit heraus betrachtet. Zum Glück gibt es vor allem durch die Gesamtaufnahme von cpo endlich neue Ansätze. Wenn ich Zeit und Lust habe, möchte ich darauf mal näher eingehen. Das ist - bitte nicht erschrecken - auch eine statistische Angelegenheit. Sagen wir, eine künstlerisch-statistische, wenn das vorstellbar ist. Ich habe mir nämlich eine kleine Datenbank angelegt, in der ich alle Aufnahmen erfasse, deren ich habhaft geworden bin. Zwischen diesen und jenen, die tatsächlich existieren und produziert wurden, ist der Abstand mit der Zeit immer kleiner geworden. Ich weiß nicht, ob ich darüber froh sein soll wie ich froh bin über meine Zuneigung für Loewe. Manchmal kann man aber auch nicht anders. Ich muss meinen Zwängen folgen.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Da es auf Weihnachten zugeht, kommt mir wieder eine Ballade in den Sinn: Des frenden Kindes heiliger Christ. Der Text stammt von Friedrich Rückert - wer ihn lesen will, bitte schön:


    Es läuft ein fremdes Kind,
    Am Abend vor Weihnachten,
    Durch eine Stadt geschwind,
    Die Lichter zu betrachten,
    Die angezündet sind.
    Es steht an jedem Haus
    Und sieht die hellen Räume,
    Die drinnen schau’n heraus,
    Die lampenvollen Bäume;
    Weh’ wirds ihm überaus!
    Das Kindlein weint und spricht:
    »Ein jedes Kind hat heute
    Ein Bäumchen und ein Licht,
    Und hat dran seine Freude;
    Nur bloß ich armes nicht!
    An der Geschwister Hand,
    Als ich daheim gesessen,
    Hat es mir auch gebrannt,
    Doch hier bin ich vergessen,
    In diesem fremden Land!
    Läßt mich denn niemand ein,
    Und gönnt mir auch ein Fleckchen?
    In all’ den Häuserreih’n
    Ist für mich denn kein Eckchen,
    Und wär’ es noch so klein?
    Läßt mich denn niemand ein?
    Ich will ja selbst nichts haben;
    Ich will ja nur am Schein
    Der fremden Weihnachtsgaben
    Mich laben ganz allein.«
    Es klopft an Tür und Tor,
    An Fenster und an Laden;
    Doch niemand tritt hervor,
    Das Kindlein einzuladen;
    Sie haben drin kein Ohr.
    Ein jeder Vater lenkt
    Den Sinn auf seine Kinder;
    Die Mutter sie beschenkt,
    Denkt sonst nichts mehr, nichts minder;
    An’s Kindlein niemand denkt.
    »Du lieber heil’ger Christ,
    Nicht Mutter und nicht Vater
    Hab ich, wenn du’s nicht bist.
    O sei du mein Berater,
    Wenn man mich hier vergißt.«
    Das Kindlein reibt die Hand,
    Sie ist von Frost erstarret,
    Es kriecht in sein Gewand,
    Und in dem Gäßchen harret,
    Den Blick hinaus gewandt.
    Da kommt mit einem Licht
    Durch’s Gäßchen hergewallet,
    In weißem Kleide schlicht,
    Ein ander Kind, wie schallet
    Es lieblich, da es spricht:
    »Ich bin der heil’ge Christ,
    War auch ein Kind vordessen,
    Wie du ein Kindlein bist,
    Ich will dich nicht vergessen,
    Wann alles dich vergißt.«
    Dem Kind war’s wie im Traum;
    Es langten hergebogen
    Englein herab vom Baum
    Zum Kindlein, das sie zogen
    Hinauf zum lichten Raum.
    Das fremde Kindlein ist
    Zur Heimat eingekehret
    Bei seinem heil’gen Christ,
    Und was hier wird bescheret,
    Es dorten leicht vergißt.


    Die Ballade hat Rückert 1841 veröffentlich. Sie könnte dem Thema nach auch von Charles Dickens sein, dessen "Weihnachtsgeschichte" nur zwei Jahre später erschienen ist. Parallelen sind auch zu den großen Romanen deutlich. Das Thema lag in der Zeit. Auf jeden Fall gibt es einen starken sozialen Bezug, der mich gar an aktuelle Entwicklungen denken lässt. Die Melodie ist schlicht und eingängig, fast schon volksliedhaft. Die Komposition trägt die Werkbezeichnung op. 9 und ist Teil eines dreiteiligen Zyklus mit dem Titel "Legenden". Einmal gehört, würde man es Loewe nicht auf Anhieb zuordnen. Zumindest ist mir es so ergangen, als ich das Lied vor vielen Jahren in einer stark gekürzten Version, dazu noch mit einer etwas rührseligen Orchesterbegleitung, hörte - gesungen von Karl Erb. Was den Ausdruck angeht, ist er nicht zu schlagen. Als ich dieses Stück kennenlernte, achtete ich nur auf den Sänger und seinen Vortrag und sah nicht auf den Komponisten, von dem ich zu damaligen Zeit gar keinen Schimmer hatte. Seine Aufnahme stammt von 1937 und ist auf dieser CD zu finden, die auch noch weitere betörende Dokumente in sich birgt:



    Aus mir unerklärlichen Gründen hält sich die Zahl der Aufnahmen in Grenzen. Jahrzehntelang gab es nur den Erb. Oder übersehe ich etwas? Ich könnte mir sehr viele Sängerinnen und Sänger mkit diesem Werk vorstellen. In der großen Edition der Lieder und Balladen gelegentlich des 200. Geburtstages von Loewe bei cpo wird es von der Sopranistin iGabriele Rossmanith gesungen. In der Neuzeit, also vor der Edition, ist es mir nur eine mit Wolfgang Anheisser bekannt, die er auf seiner Weihnachtsplatte darbietet, sehr frisch, eilig und total schnörkellos:



    Ich finde es immer sehr gut, wenn sich auch Sänger, die noch relativ jung und aktiv sind, Carl Loewe zuwenden. Einer ist Timothy Sharp, von dem es bei Youtube eine Aufnahme der besagten Legende gibt. Er schlägt ebenfalls ein hastiges Tempo an, an das man sich erst gewöhnen muss. Hier ist die Aufnahme:



    Nicht unerwähnt dart die Sopranistin Ute Ziemer bleiben, die den Titel in ihre vor zwei Jahren verlöffentlichte Weihnachts-CD einbezogen hat:



    Vielleicht habe ich ja ein wenig Interesse wecken können. Dies wünscht mit besten Grüßen Rheingold

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Lieber Rüdiger,


    auch ich habe diese Ballade in meiner Sammlung, und zwar in dieser Gesamtaufnahme:



    Carl Loewe, Lieder & Balladen
    Gesamtaufnahme, AD: 1994 - 2003


    Des Fremden Kindes heiliger Christ op. 33, 3


    Gabriele Rosmanith, Sopran
    Cord Garben, Klavier


    Mir ist bei der Lektüre des Textes sofort die Aktualität aufgefallen.
    Als Beispiel will ich diese Zeilen hervorheben:


    Das Kindlein weint und spricht:
    "Ein jedes Kind hat heute
    Ein Bäumchen und ein Licht,
    Und hat dran seine Freude,
    Nur bloß ich armes nicht.
    Als ich daheim gesessen,
    Hat es mir auch gebrannt,
    Doch hier bin ich vergessen,
    In diesem fremden Land!"


    Sollten uns diese Zeilen nicht zu denken geben nach all den schrecklichen und für uns Europäer schändlichen Bildern, die wir in den letzten Wochen und Monaten Tag für Tag im Fernsehen gesehen haben und den erbärmlichen Worten, mit denen unsere Politiker jedweden europäischen Landes und jedweder Couleur darauf reagiert haben?


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Eine Neuerwerbung, die mir auffiel, als ich am 1. Dezember an den Geburtstag Wolfgang Anheissers erinnerte und an dessen Todestag ich am 5. Januar erinnern möchte:


    [timg]http://www.ksta.de/image/view/…5281254230007948%2529.jpg[/timg]


    Ich werde gleich in die erste CD hereinhören und über heitere Balladen und Gesänge, die mir besonders gefallen haben, hier kurz berichten.


    Liebe Grüße und schönen Sonntag


    Willi ^^

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Guten Morgen lieber Willi, danke, dass Du Dich bei diesem Thema erneut eingebracht hast. Ich kenne und schätze Dich ja als Streiter für Loewe. Ich bin immer sofort neugierig und hellhörig, wenn Du in diesem Thread wieder eigene Beobachtungen, Eindrücke und Empfehlungen weitergibst. :) Man hat ja seine Lieblingsthemen. Den Wolfgang Anheisser halte ich für einen der besten Loewe-Interpreten. Er ist nicht so akademisch, sondern sehr frei und mitreißend in seinem Vortrag. Vergleicht man seine Aufnahmen mit den Beschreibungen der Auftritte, die Loewe als Sänger seiner Lieder und Balladen europaweit unternahm, sehe ich gewisse Übereinstimmungen. Wenn Du also mit dem Album, dessen Cover Du eingestellt hast, zufrieden bist, woran nicht zu zweifeln ist, dann solltest Du auch dieses Album nicht aus dem Auge verlieren für den Fall, dass es sich nicht längst in Deiner offenbar umfangreichen Sammlung befindet:



    Ob nun der Titel "Der heitere Loewe" für das erstgenannte Album der EMI durchgängig gilt, wage ich zu bezweifeln - wie ich solche Art Einteilung überhaupt nicht sonderlich passend finde. Das sind wohl immer Ideen der Produzenten. Nicht alle Titel dieser Zusammenstellung sind nämlich heiter. Manchmal bildet die so genannte Heiterkeit nur die Maske, hinter der sich ein ganz anderes Bild verbirgt. Das ist zwar ein sehr probates Mittel in der Kunst, hier trifft es nach meinem Eindruck nicht so sehr. Aber das sind ganz nebensächliche Eindrücke.


    Dir wünsche ich wie allen Lesern in diesem Thread einen schönen vierten Advent. :hello:


    Beste Grüße von Rüdiger (Rheingold)

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Lieber Rüdiger,


    schönen Dank für den CD-Tipp. Die CD ist sogleich auf meinem Einkaufszettel gelandet. Natürlich hast du Recht mit dem Titel "Der heitere Loewe", der grob vereinfachend ist und suggerieren will, dass hier alles "hell" ist. Ich habe in der vergangenen Nacht noch die erste CD dieser Box gehört und nicht nur der wunderbaren Stimme Wolfgang Anheissers gelauscht, sondern auch seine Fähigkeit, sich in diese für Loewe so typische Synthese von Text und Ton kongenial auszudrücken. Und in einer dieser Balladen, zu der Wolfgang Anheisser als Kölner sicherlich eine besondere Affinität hatte, kam dies so wunderbar zum Ausdruck, wie ernst doch Humor ist und mit wieviel Ironie Dichter und Komponist zwei große menschliche Schwächen (Charaktereigenschaften?) darstellen: die Faulheit und (am bösen Ende) die Neugier, der als Letztes eine bittere Einsicht folgt:



    Die Heinzelmännchen


    (Text August Kopisch)


    Wie war zu Köln es doch vordem
    Mit Heinzelmännchen so bequem!
    Denn, war man faul, legte man sich
    Hin auf die Bank und pflegte sich:
    Da kamen bei Nacht,
    Eh man’s gedacht,
    Die Männlein und schwärmten
    Und klappten und lärmten
    Und rupften
    Und zupften,
    Und hüpften und trabten
    Und putzten und schabten...
    Und eh ein Faulpelz noch erwacht,
    War all sein Tagwerk... bereits gemacht!


    Die Zimmerleute streckten sich
    Hin auf die Bank und reckten sich.
    Indessen kam die Geisterschar
    Und sah, was da zu zimmern war.
    Nahm Meißel und Beil
    Und die Säge in Eil!
    Sie sägten und stachen
    Und hieben und brachen,
    Berappppten
    Und kappten,
    Visierten wie Falken
    Und setzten die Balken..
    Eh sich’s der Zimmermann versah...
    Klapp, stand das ganze Haus... schon fertig da!


    Beim Bäckermeister war nicht Not,
    Die Heinzelmännchen backten Brot.
    Die faulen Burschen legten sich,
    Die Heinzelmännchen regten sich -
    Und ächzten daher
    Mit den Säcken so schwer!
    Uns kneteten tüchtig
    Und wogen richtig,
    Und hoben
    Und schoben,
    Und fegten und backten
    Und klopften und hackten.
    Die Burschen schnarchten noch im Chor...
    Da rückte schon das Brot,... das neue , vor!


    Beim Fleischer ging es just so zu:
    Gesell und Bursche lagen in Ruh.
    Indessen kamen die Männlein her
    Und hackten das Schwein die Kreuz und Quer.
    Das ging so geschwind
    Wie Mühl im Wind!
    Die klappten mit Beilen,
    Die schnitzten an Speilen,
    Die spülten,
    Die wühlten,
    Und mengten und mischten
    Und stopften und wischten.
    Tat der Gesell die Augen auf...
    Wapp! Hing die Wurst schon da... Im Ausverkauf!


    Beim Schulkind war es so: es hielt
    Es nicht mehr aus im Haus und spielt.
    Die Hausaufgaben ließ es sein,
    Die Männlein machten sie gar fein.
    Sie schreiben geschwind
    So wie der Wind.
    Sie rechnen und malen
    Die Ziffern und Zahlen
    Und krixeln
    Und kraxeln,
    Sie lasen, radierten,
    Sie basteln, kopierten.
    Und eh das Schulkind es gedacht,...
    War schon die Hausarbeit... bereits gemacht.


    Einst hatt ein Schneider große Pein:
    Der Staatsrock sollte fertig sein;
    Warf hin das Zeug und legte sich
    Hin auf das Ohr und pflegte sich.
    Da schlüpften sie frisch
    Auf den Schneidertisch:
    Sie schnitten und rückten
    Und nähten und stickten,
    Und faßten
    Und paßten,
    Und strichen und guckten
    Und zupften und ruckten.
    Und eh mein Schneiderlein erwacht, ...
    War Bürgermeisters Rock ... bereits gemacht!


    Neugierig war des Schneiders Weib
    Und macht sich diesen Zeitvertreib:
    Streut Erbsen hin die andre Nacht,
    die Heinzelmännchen kommen sacht:
    Eins fähret nun aus,
    Schlägt hin im Haus,
    Die gleiten von den Stufen
    Und plumpen hin in Kufen,
    Die fallen
    Mit Schallen
    Die lärmen und schreien
    Und vermaledeien!
    Sie springt hinunter auf den Schall ...
    Mit Licht: husch, husch, husch, husch! ... verschwinden all!


    O weh! Nun sind sie alle fort
    Und keines mehr hier am Ort!
    Man kann nicht mehr wie sonsten ruhn,
    Man muß nun alles selber tun!
    Ein jeder muß fein
    Selbst fleißig sein,
    Und kratzen und schaben
    Und rennen und traben
    Und schniegeln
    Und bügeln,
    Und klopfen und hacken
    und kochen und backen
    Ach, daß es noch wie damals wär!
    Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!


    Noch eine andere Ballade von dieser CD möchte ich hier nennen, die Anheisser ebenso kongenial umsetzt und die alles andere als heiter ist:

    Der Papagei


    (Text von Friedrich Rückert)


    Das war die Schlacht von Waterloo,
    Die Schlacht von Bellalliance,
    Die klang so laut, die klang so froh,
    So ungestümen Klangs.
    Das war die Schlacht von Waterloo,
    Die Schlacht von Bellalliance;
    Da klang's doch nur dem Britten froh,
    Nur froh dem Deutschen klang's.
    Es wohnt' ein Franzmann nah dabei,
    Dem klingt es noch im Ohr.
    Der hatt' auch einen Papagei,
    Der sprach so laut zuvor.
    Der Papagei sprach mancherlei,
    Französisch Tag und Nacht.
    So laut noch sprach der Papagei
    Am Tage vor der Schlacht.
    Und als die Schlacht so laut nun sprach,
    Da schwieg der Papagei;
    Und als er wieder sprach hernach,
    Sprach er nur einerlei.
    Der Franzmann sprach: Bon jour, mein Matz;
    Der Papagei sprach: Bum!
    Der Franzmann sprach: Bon soir, mein Schatz;
    Der Papagei sprach: Bum!
    Und weißt du weiter nichts als Bum,
    So bleibe lieber stumm!
    Der Papagei blieb doch nicht stumm,
    Der Papagei sprach: Bum.
    Und sagst du mir noch einmal Bum,
    Den Hals dreh ich dir um.
    Bum! da dreht' er den Hals ihm um,
    Und er sprach sterbend: Bum!
    Nun ist der Franzmann doch nicht frei;
    Noch ruft in jeder Nacht
    Ihm sein erwürgter Papagei
    Den Nachhall von der Schlacht.


    Natürlich ist hier auch Günther Weißenborn zu nennen, ohne dessen ausgezeichnetes Spiel dieses schlüssige Gesamtbild nicht hätte entstehen können.


    Es ist vielleicht noch zu erwähnen, dass auf CD 2 fünf Erstveröffentlichungen angefügt wurden, die seinerzeit bei Entstehen dieser Reihe aus Platzmangel nicht auf den LP's erschienen: An die Grille, op. 9 Nr. 5 (Blankensee), St. Johannes und das Würmlein, op. 35 Nr. 1 (Chézy), Trommelständchen op. 123 Nr. 2 (Lamey), Prinz Eugen op. 92 (Freiligrath) und Abendlied op. 62 Nr. 7 (Rückert).



    Liebe Sonntagsgrüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Wie auch dort:


    Erinnerungen an Verstorbene und Geburtstags-Glückwünsche an lebende Musiker, Buch II


    so möchte ich auch hier an


    Carl Loewes 150. Todestag



    erinnern.


    Car Loewe war mir seit meiner Jugend, als mir im Musikunterricht seine Balladen begegneten (mein Musik- und Klassenlehrer war ein früherer Liedbegleiter und hat mich nachmittags in der unterrichtsfreien Zeit manchmal bei Liedern aus der Winterreise und bei verschiedenen Loieweballaden begleitet). Hier möchte ich meine Lieblingsballade einstellen in einer Interpretation, die ich immer besonders gerne gehört habe:

    Herrmann Prey singt "Die Uhr, op 123 no 3
    von Carl Loewe
    Karl Engel, Klavier

    Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir;
    Wieviel es geschlagen habe, genau seh ich an ihr.
    Es ist ein großer Meister, der künstlich ihr Werk gefügt,
    Wenngleich ihr Gang nicht immer dem törichten Wunsche genügt.


    Ich wollte, sie wäre rascher gegangen an manchem Tag;
    Ich wollte, sie hätte manchmal verzögert den raschen Schlag.
    In meinen Leiden und Freuden, in Sturm und in der Ruh,
    Was immer geschah im Leben, sie pochte den Takt dazu.


    Sie schlug am Sarge des Vaters, sie schlug an des Freundes Bahr,
    Sie schlug am Morgen der Liebe, sie schlug am Traualtar.
    Sie schlug an der Wiege des Kindes, sie schlägt, will's Gott, noch oft,
    Wenn bessere Tage kommen, wie meine Seele es hofft.


    Und ward sie auch einmal träger, und drohte zu stocken ihr Lauf,
    So zog der Meister immer großmütig sie wieder auf.
    Doch stände sie einmal stille, dann wär's um sie geschehn,
    Kein andrer, als der sie fügte, bringt die Zerstörte zum Gehn.


    Dann müßt ich zum Meister wandern, der wohnt am Ende wohl weit,
    Wohl draußen, jenseits der Erde, wohl dort in der Ewigkeit!
    Dann gäb ich sie ihm zurücke mit dankbar kindlichem Flehn:
    Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben, sie blieb von selber stehn.


    Johann Gabriel Seidl (1804-1875)


    Liebe Grüße


    Willi:)


    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Und er ist doch ein „Meister des Liedes“

    Anlässlich des hundertfünfzigsten Todestages von Carl Loewe warf ich einen Blick in diesen Thread, denn ich erinnerte mich, dass ich damals Anstoß nahm an der Formulierung „Meister der Ballade und des Liedes“, die ja eine Gleichwertigkeit seines kompositorischen Schaffens in beiden Bereichen suggeriert. Ich legte mich ziemlich ins Zeug, nachzuweisen, dass es diese nicht gibt, dass Loewe zwar ein großer, ja herausragender Balladenkomponist sei, ein musikalischer Epiker und Dramatiker also, ein Lyriker aber in keiner Weise. Und ich erregte Anstoß damit, löste Verärgerung aus und begegnete heftiger Kritik. Und das zu Recht.

    Mit solchen Äußerungen etwa, die Vertonung von „Wanderers Nachtlied I“ betreffend:
    „>Wanderers Nachtlied< ("Über allen Gipfeln...") ist bei Loewe für mich der Inbegriff einer naiven Vertonung. Mit "naiv" meine ich in diesem Zusammenhang die Art, wie musikalisch mit dem Gehalt des Gedichts umgegangen wird.
    Loewe nimmt den Text wörtlich. Er lässt tatsächlich seinen Sänger ruhigen und gleichmäßigen Schrittes durch die Nacht wandern. Die schrittmäßig getaktete Klavierbegleitung suggeriert das von Anfang an unüberhörbar.
    Darüber legt sich eine gefällige, einfach gehaltene Singstimme, die genau in diese Taktung eingepasst ist und kaum rhythmische Verschiebungen aufweist.
    Da singt einer ein nächtlich leises Wanderlied, genießt die Ruhe und freut sich beim Schweigen der Vögelein darauf, dass er sich jetzt bald auch zur Ruhe legen kann.
    Der Abgründigkeit des Goethe-Gedichts wird diese Vertonung nicht gerecht. Sie mag einem gefallen, und ich bin weit davon entfernt, darüber die Nase zu rümpfen. Nur ist sie für mich eben kein großes Kunstlied.“

    Nun lese ich, was ich da am 21.3. 2010 von mir gab, - und ärgere mich über mich selbst. Das ist ja nicht ganz falsch, was ich da zur Liedmusik selbst anmerkte, aber wie ich sie dabei indirekt interpretierte, ist unsinnig und nicht zu halten. Und das gilt auch für vieles andere, was ich hier in diesem Thread zu insbesondere den Goethe-Vertonungen Loewes argumentativ vorbrachte. Es ist das Resultat einer Art Befangenheit, einer Voreingenommenheit, die sich daraus ergab, dass ich Schubert zum Maßstab nahm und diesen an Loewe anlegte. Leiten ließ ich mich dabei von Thrasybulos Georgiades, der seine Analyse dieses Loewe-Liedes in den Worten zusammenfasste:
    „Es zeigt sich im musikalischen Satzbau kein Ansatz zum Erfassen des Eigengewichts und der Funktion der einzelnen Sprachglieder. Man stößt auf keinen körperhaften Widerstand. Beim Versuch, die musikalischen Glieder festzuhalten, zerrinnen sie, sie zerfließen in ein einheitliches harmonisches Kontinuum“.

    Das ist eine Beurteilung von Loewes Lied und eine Kritik an dessen musikalischer Gestalt, die aus einem Vergleich mit den Vertonungen des Goethe-Gedichts durch Zelter und Schubert hervorgeht. Georgiades begeht dabei den gleichen Fehler, den auch ich machte: Das liedkompositorische Konzept von Schubert zum Maß aller Dinge im Umgang mit dem lyrischen Text zu nehmen, nämlich, dass „musikalische Struktur“ dadurch geschaffen wird, „daß die Sprache als Reales erfaßt, daß sie >beim Wort< genommen wird“. Nun ist es gewiss so, dass Loewe keine „musikalischen Strukturen“ im Sinne Schuberts schafft, dergestalt, dass lyrische Sprache in musikalische verwandelt wird, es trifft aber nicht zu, dass seine Lieder keinerlei sich aus dem lyrischen Wort herleitende „musikalische Struktur“ aufweisen. Seine Melodik reflektiert die Aussage des lyrischen Textes sehr wohl. Das möchte – muss ich, aus Gründen der Selbstkritik – mit einem kurzen Blick auf das Lied aufzeigen.

    Das Lied wurde „componirt 1817“ und „erschien 1828“, wie der Notentext ausweist. Es steht in F-Dur als Grundtonart, weist einen Dreihalbetakt auf und soll „sehnsüchtig klagend und getragen“ vorgetragen werden. In seiner Anlage weist es eine Zweigliedrigkeit auf: Nach sechs Versen tritt eine eineinhalbtaktige Pause in die Melodik, danach setzt sie, die beiden letzten Verse beinhaltend, erneut ein, wobei Loewe zum Mittel der Wiederholung greift, um eine Art Gleichgewichtigkeit zwischen beiden Liedteilen herzustellen. Der Klaviersatz ist schlicht in seiner Anlage. Durchgehend besteht er aus synchron Bass und Diskant übergreifenden bis zu siebenstimmigen Viertelakkord-Repetitionen. Ganz offensichtlich hat hier die Melodik das Sagen. Dem Klaviersatz kommt eine ausschließlich dienende Funktion zu, dies im Sinne des Bereitstellens eines klanglichen Betts für die melodische Linie. Es ist ein völlig gleichförmig sich entfaltender und überaus ruhiger Schreitton, den das Klavier in Begleitung der melodische Linie hervorbringt. Nur einmal, in der erwähnten Pause derselben, schwingt es sich, versehen mit der Anweisung „dolciss.“ zu einer akkordischen und in d-Moll stehenden Bogenbewegung auf, die zur Melodik des zweiten Teils überleitet. Man kann diese Anmutung eines ruhigen Schreitens, wie sie vom Klaviersatz ausgeht, durchaus als den von der tiefen Nachtruhe erfassten Gang des lyrischen Ichs auffassen.

    Aber nun zum entscheidenden Punkt: Der Frage, in welcher Weise die Melodik die Aussage des lyrischen Textes reflektiert und damit eine vom Wort hergeleitete „musikalische Struktur“ bildet.
    Da ergibt sich ein recht klares Bild. Die erste Melodiezeile umfasst die ersten beiden Verse. Ihr folgt eine Pause im Wert von fünf Vierteln nach. Auf den Worten „über allen“ liegt eine in F-Dur harmonisierte Anstiegs- und Fallbewegung der melodischen Linie in tiefer Lage. Bei dem Wort „Gipfeln“ ereignet sich aber ein Sprung über einen Tritonus, dem ein Legato-Terzsprung nachfolgt, der dann über einen Sekundfall in eine Dehnung übergeht. Die Harmonik beschreibt hier eine Rückung in die Dominante C-Dur. Ganz offensichtlich schlägt sich darin das lyrische Bild nieder. Und das gilt auch für die Melodik auf den Worten „ist Ruh“. Sie besteht aus einem Legato Sekundsprung mit einem nachfolgenden Terzfall, der zu einer langen Dehnung auf dem Grundton führt, eben „Ruhe“ zum Ausdruck bringend.

    Auch bei den Worten „in allen Wipfeln“ beschreibt die Melodik, dem lyrischen Bild entsprechend, eine Aufstiegsbewegung über eine ganze Oktave, die dann bei den Worten „spürest du“ in einen, wiederum in einer Dehnung endenden mehrschrittigen Sekundfall übergeht. Hier lässt Loewe, den emotionalen Gehalt der Worte „spürest du“ aufgreifend, die Harmonik nach d-Moll rücken, das dann in ein G-Dur übergeht. Und den semantischen Gehalt der Worte „Die Vögelein schweigen im Walde“ reflektiert die melodische Line dergestalt, dass sie nach einem Auf und Ab von Sekundschritten in hoher Lage bei dem Wort „schweigen“ einen Septfall beschreibt, der sie in tiefe Lage führt, wo sie über einen Legato-Sekundfall in einer Dehnung endet.

    Die beiden letzten Verse setzt Loewe deshalb liedmusikalisch ab, weil das lyrische Ich hier nun zur Artikulation der Gedanken und Gefühle übergeht, die sich in der Begegnung mit der nächtlichen Natur in ihm einstellen. Auch hier zeigt sich also, dass Liedkomposition für ihn sehr wohl ein musikalisches Zum-Ausdruck-Bringen seiner spezifischen Rezeption von Lyrik beinhaltet.
    Bemerkenswert sind hier die Akzente, die er in der Wiederholung des lyrischen Textes und der ihm zugeordneten Melodik setzt. Auf „Warte nur“ liegt ein in d-Moll harmonisierter melodischer Fall mit End-Dehnung in hoher Lage, der durch eine nachfolgende halbe Pause einer Hervorhebung erfährt. Auch das Wort „balde“ erfährt eine solche: In Gestalt eines zweimaligen Terzfalls, von denen der erste legato ausgeführt wird und der zweite in eine Dehnung mündet. Hier bewegt sich die Harmonik ganz und gar im Tongeschlecht Moll, mit Rückung von d-Moll nach g-Moll nämlich. Auf den Worten „ruhest du auch“ beschreibt die melodische Linie, nun aber in C-Dur harmonisiert, einen Anstieg in Sekundschritten, dem ein Terzfall zu einer sehr langen Dehnung auf dem Wort „auch“ nachfolgt. Sie liegt auf einem „A“ in mittlerer Lage, und stellt einen Grundton dar, denn die Harmonik ist hier nach A-Dur gerückt. Die Liedmusik bringt hier also sowohl in der Struktur der melodischen Linie, aber auch mittels einer markanten Rückung im Bereich der Harmonik die tief reichende Intensität des Sich-Angesprochen Fühlens beim lyrischen Ich zum Ausdruck.

    Eine durchaus eigenständige Interpretation dieser letzten lyrischen Worte lässt Loewe mit der Liedmusik am Ende seines – kein Nachspiel aufweisenden – Liedes vernehmen und erkennen. Er wiederholt das Wort „balde“ zwei Mal, und das wieder in Gestalt einer melodischen Fallbewegung. Aber nur beim ersten Mal ist das die Wiederholung der Bewegung, die anfänglich auf diesen Worten lag. Beim zweiten Mal lässt er den Fall eine Terz tiefer ansetzen und die Harmonik dabei von d-Moll nach g-Moll rücken. Die Worte gewinnen auf diese Weise die Anmutung eines höchst eindringlichen Angesprochen-Werdens. Nach einer halben Pause folgt ihnen die Wiederholung der Worte „ruhest du auch“ nach. Nun liegt auf ihnen ein auf einen gleichsam auftaktigen Legato-Terzsprung folgender und überaus ruhig anmutender, weil in Gestalt von deklamatorischen Schritten im Wert von halben Noten erfolgender Quartfall, der über einen Sekundsprung in eine sehr lange Dehnung auf dem Wort „auch“ übergeht. Sie ist in F-Dur harmonisiert, erklingt aber als „A“ in mittlerer Lage. In der Terz zum Grundton also.

    Dieses offene Ende der Melodik und die in ihrer Struktur auf den beiden letzten Versen sich ereignende Akzentuierung des Wortes „balde“ lassen erkennen:
    Loewe hat diese Verse Goethes als lyrische Evokation der Erfahrung von Ruhe in einer nächtlichen Naturlandschaft mit, wie das liedmusikalisch offene Ende sagen will, der Verheißung existenzieller Ruhe gelesen. Die Ambivalenz, die man aus Goethes Gedicht hinsichtlich dieser „Ruhe“ herauslesen kann (siehe: Schubert und Goethe. Wie große Lyrik zu großer Liedkunst wurde ) und die man auch in Schuberts Liedmusik meint wahrnehmen zu können (siehe: Schubert und Goethe. Wie große Lyrik zu großer Liedkunst wurde ) hat er ausweislich seiner Liedmusik darin nicht vorgefunden. Diese ist in ihrer Struktur auf vollkommen schlüssige Weise auf eben diese lyrische Aussage ausgerichtet und bringt sie, gerade durch die Einfachheit ihrer Anlage in Melodik und Klaviersatz, auf höchst ansprechende und überzeugende Weise zum Ausdruck.

    Gewiss, von einer Gleichrangigkeit der Balladen- und der Liedkompositionen Loewes kann man guten Gewissens nicht sprechen. Aber seine Lieder in dieser Weise kritisch zu beurteilen und sie in ihrer kompositorischen Faktur und ihrem musikalischen Gehalt gering zu schätzen, wie ich das hier getan habe, ist nicht zu verantworten, weil in der Sache unzutreffend.
    Schumann hat 1835 (in seiner „Neuen Zeitschrift für Musik“, Nr.24) Loewes Balladen und Lieder auf durchaus treffende Weise mit den Worten charakterisiert:
    „Hr. Löwe´s Richtung ist rein romantisch; seine Phantasie hält sich am Besonderen, scharf Charakteristischen, malerisch Schildernden; ihre Wirkungen liegen am meisten in origineller Harmonieführung, bezeichnender Rhythmik, lebendiger Declamation.“

  • Lieber Helmut, mit großer Rührung und Anteilnahme habe ich Deinen jüngsten Beitrag gelesen. Danke. Nun wollen wir uns das Lied auch wieder einmal anhören:


    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Lieber Helmut, lieber Rüdiger,

    Über das Lied hat Helmut umfangreich und wie immer höchst kompetent geschrieben. Danke. Als ich es gerade hörte, wurde mir wieder bewußt welch hervorragender Liedersänger Hermann Prey war. Wanderers Nachtlied klingt selbst in der You Tube Aufnahme hervorragend stimmschön. Prey wird häufig unter Wert gehandelt. Er ist z. B. für mich der authentischste Müllerbursch in der "Schönen Müllerin". Weit natürlicher und glaubhafter als Herr Oberstudienrat Fischer-Dieskau. Leider hat der sonst von mir geschätzte Jürgen Kesting in seinem Standard Werk "Die großen Sänger" Hermann Prey ein Image als auf vordergründige Wirkung spekulierender Interpret angehängt, das immer noch nachwirkt. Er war für mich auch in der Oper ein außergewöhnlicher Sänger und Darsteller. Wer hören kann - und wir haben ja so viele Experten im Forum- kann im präsentierten Lied eine wundervoll ebenmäßig strömende Stimme vernehmen. Hier noch völlig frei vom späteren nasalen Klang.

    Beeindruckt bin ich immer wieder von der Selbstkritik von Helmut. Er wird über sein Urteil immer wieder nachdenken und es gegebenen Falls korrigieren selbst wenn das überhaupt nicht notwendig ist. Das zeigt Größe!


    Herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Wo hier im Zusammenhang mit den Balladen Carl Loewes nach meinem Todestagsbeitrag, mit dem ich "Die Uhr" in der Interpretation Hermann Preys verknüpfte, auch Freund Rüdiger ein Tonbeispiel von Hermann Prey nach dem außerordentlich tiefgreifenden Fachbeitrag von Helmut Hofmann beisteuerte und Hans darauf einstieg, möchte ich diesen Gedanken noch verlängern und ein weiteres Werk Loewes, das ich in musikalischer Nachbarschaft zu der Uhr sehe, hier eisntellen, dass mir, ebenfalls interpretiert von Hermann Prey, lieb und teuer ist:

    Ich habe diese Aufnahme, die im Oktober 1962 im Gemeindehaus Zehlendorf entstand, auf einer CD der EMI. die wohl im Moment nicht lieferbar ist. Sie entstand zu einer Zeit, als der damals 33jährige Hermann Prey unter Beweis stellte, welch ein großer Liedsänger er auch war.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • möchte ich diesen Gedanken noch verlängern und ein weiteres Werk Loewes, das ich in musikalischer Nachbarschaft zu der Uhr sehe, hier eisntellen, dass mir, ebenfalls interpretiert von Hermann Prey, lieb und teuer ist:

    Lieber Willi,

    völlig zu Recht ist Dir dieses Lied perfekt gesungen und gestaltet vom jungen Prey lieb und teuer. Hohe Kunst des Liedesangs.

    Herzlichst

    Operus (Hans)

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!