ANDERSSON, Benny und ULVAEUS, Björn - CHESS

  • C H E S S


    Schach


    Musical in zwei Akten
    Buch: Tim Rice, Robert Coe, Robert Nelson
    Gesangstexte: Björn Ulvaeus und Tim Rice
    Orchestrierung: Anders Eljas
    Originalsprache: Englisch


    Uraufführung: 14. Mai 1986 London (die nachfolgende Beschreibung folgt dieser Fassung)
    Auszeichnungen: London Critics Circle Theater Award „Best Musical“ u. a.
    Deutsche Erstaufführung: 5. Februar 2000 Baden Baden
    Spieldauer ca. 2 Stunden


    Personen:
    Frederick - amerikanischer Schachmeister
    Florence - seine Managerin und Sekundantin
    Anatoly - russischer Schachmeister
    Molokov - Anatolys Sekundant, Agent des KGB
    Svetlana - Anatolys Frau
    Der Schiedsrichter, Erzähler, Assistenten, Zuschauer


    Ort und Zeit: Meran, Bangkok Mitte der 1980er Jahre


    Handlung:


    Erster Akt:
    In Meran lässt sich der amerikanische Schachchampion Frederick von seinen Fans bewundern („Merano“), während sein russischer Gegner Anatoly zusammen und dessen Sekundant Molokov seinen Auftritt im Fernsehen mit Geringschätzung betrachten (Terzett: „Where I Want to Be – Wo ich sein will“). Bei der Eröffnungszeremonie („Opening Ceremony“) weist der Schiedsrichter auf die zu vereinbarenden Regeln hin. Während diese besprochen werden, stürmt Frederick aus dem Raum und überlässt es seiner Sekundantin Florence, mit dem Schiedsrichter, Anatoly und dessen Sekundanten weiter zu verhandeln (Quartett: „ A Model of Decorum and Tranquility – Ein Vorbild an Benehmen und Ruhe“). Später beschimpft sie ihn wegen seiner Disziplinlosigkeit, aber Frederick will nichts davon hören. Von der Tochter eines ungarischen Großmeisters, der nach dem ungarischen Volksaufstand 1956 verfolgt wurde, hätte er mehr Solidarität erwartet.


    Florence aber ist Realistin. Sie weiß, dass einem in Wahrheit niemand beisteht ("Nobody on Nobody’s Side“). Das erste Spiel, das beide Seiten mit schmutzigen Tricks zu beeinflussen suchen, endet im Chaos. Auch ein Versöhnungstreffen führt nicht weit („Chess“). Dafür kommen sich Anatoly und Florence bei einem Ausflug in die Berge näher, denn sie entdecken viele Gemeinsamkeiten („Mountain Duet“). Im Verlauf der folgenden Spiele hat Frederick hat eine Verlustserie und gibt Florence die Schuld, die Frederick deshalb verlässt (Duett: „Florence Quits“). Anatoly gewinnt das Turnier und bleibt im Westen. Die Sowjets sind außer sich („Embassy Lament“). Reporter bestürmen Anatoly, sich öffentlich zum Westen zu bekennen, aber dieser antwortet mit einer eigenen Hymne auf alles, was ihm wichtig ist („Anthem“). Die einzigen Grenzen, die er zu respektieren gedenkt, sind die seines Herzens.


    Zweiter Akt:
    Ein Jahr später findet das Revanchematch in Bangkok statt. Frederick genießt das lokale Nachtleben („One Night in Bangkok“). Florence erscheint an der Seite Anatolys, mit dem sie inzwischen zusammen lebt. Florence macht sich Sorgen um ihre Zukunft mit Anatoly („Heaven Help My Heart – Himmel, hilf meinem Herzen“) und fürchtet die Reaktion der Sowjets, denn Molokov hat bereits einen Rivalen aufgebaut und zudem dafür gesorgt, dass Anatolys Ehefrau Svetlana die Sowjetunion verlassen darf. Angeblich darf sie das Turnier beobachten, tatsächlich aber soll sie ihren Mann von Florence trennen, damit dieser vor Kummer das Turnier verliert. Bei einem Fernsehinterview versucht Frederick Anatoly mit dieser Neuigkeit zu verunsichern. Florence dagegen provoziert er mit der Information, dass ihr geliebter Vater keineswegs ein Held, sondern ein Kollaborateur war. Florence und Anatoly werfen ihn hinaus, geraten aber gleich darauf selbst in einen Streit, weil Anatoly seinen Titel und Florence ihre Liebe verteidigen will („Argument“). Anatoly meditiert über sein Leben, in dem das Schachspiel nur eine Flucht aus seiner unglücklichen Kindheit war. Indessen stellt Svetlana Florence zur Rede, muss aber entdecken, dass nicht nur sie beide Anatoly lieben, sondern auch dazu verdammt sind, ihn zu verlieren („I Know Him so Well – Ich kenn ihn so gut“).


    Anatoly erzielt einen spektakulären Sieg, muss aber erkennen, dass es sein letzter gewesen sein könnte. Er versucht vergeblich, mit Frederick eine Remis-Vereinbarung zu treffen (Ensemble: „The Deal, No Deal“), denn auch Frederick hat an einer schweren Kindheit zu tragen („Pity the Child – Hab Mitleid mit dem Kind“). Svetlana wirft Anatoly vor, in die Bewunderung der Massen geflüchtet zu sein und seine Familie im Stich gelassen zu haben. Anatoly erklärt sich damit einverstanden, zu seiner Familie zurück zu kehren. Florence und Anatoly bleibt nur, zu bedauern, dass sie zwar einander liebten, aber nicht vernünftig genug waren zu erkennen, dass Geschichten wie ihre kein Happy End haben (Duett: „You and I – Du und ich“)


    Entstehungsgeschichte


    Bereits 1982 schlug der Librettist Tim Rice, der schon die Texte von Andrew Lloyd Webbers „Evita“ und „Jesus Christ Superstar“ verfasst hatte, Andersson und Ulvaeus ein Musical um einen weltweiten Schachwettbewerb vor, der sich kritisch mit den Mechanismen des Kalten Krieges auseinandersetzen sollte und sehr frei aus den Vorgängen während des historischen Turniers von Meran entwickelt wurde, bei dem Bobby Fisher und Viktor Kortchnoi um den Titel des Schachweltmeisters kämpften. Rice überzeugte sie davon, das Projekt wie bei seinen beiden früheren Erfolgen mit Andrew Lloyd Webber mittels eines sogenannten Konzeptalbums zu lancieren, das 1984 heraus kam und danach in konzertanten Aufführungen in fünf europäischen Städten getestet wurde. Danach erwies sich die Londoner Premiere, die im wesentlichen auf diesem Album basierte, als großer Erfolg, und das Musical lief dort drei Jahre lang.


    Für die Übernahme am Broadway musste jedoch das Buch drastisch geändert werden, denn die Geschichte wurde als zu verwirrend und die Figur des Amerikaners als zu negativ empfunden. Das neue Buch von Robert Nelson hatte aber keinen Erfolg, und das Stück wurde nach wenigen Wochen abgesetzt. Spätere Aufführungen griffen daher im wesentlichen wieder auf die Londoner Fassung zurück. Die Popularität des Konzeptalbums, sowie natürlich die von ABBA, sorgte für einen nachhaltigen Erfolg in London. Seither hat dieses Werk mit einzelnen Nummern wie „One Night in Bangkok“, „Anthem“ und „You and I“ die internationalen Hitparaden bereichert und wurde u. a. mit der „Goldenen Europa“ für das beste Album ausgezeichnet. Da man es mit relativ bescheidenen Mitteln inszenieren kann, konnte es sich auch im europäischen Theaterrepertoire etablieren. Allerdings erwies sich das Thesenstück in den meisten Aufführungen als wenig geeignet, die notwendige emotionale Identifikation des Theaterpublikums mit den, durchweg gebrochenen, Helden des Stückes zu erzeugen.


    Als noch problematischer aber erwies sich schließlich der Zusammenbruch des Ostblocks bald nach der Premiere des Stückes, denn das unverhoffte Ende des Kalten Krieges raubte ihm die aktuelle Referenz und ließ es fast über Nacht als thematisch veraltet erscheinen. Ein überzeugender Erfolg wie in London wollte sich deshalb bislang nicht einstellen, weshalb es Tim Rice trotzintensiver Bemühungen nicht gelang, dem Stück eine zweite Chance am Broadway zu geben. So bleibt die lange Laufzeit der Londoner Uraufführung der einzige Hinweis darauf, dass in dem Stück mehr Theaterpotenzial steckt als ein eindrucksvolles Konzertstück, dem die Schallplatte problemlos gerecht werden kann.


    Musik


    Es verwundert nicht, dass Anderssons erster Ausflug in die Welt des Musicals ein Werk des Übergangs hervor brachte. Nach eigener Aussage schätzte er das Musical als Gattung zunächst nicht sehr, und nur wenige Werke der Gattung fanden Gnade vor seinen Ohren. Dazu gehörte Webbers EVITA, deren Librettist Tim Rice hörbar starken Einfluss auf Andersson und seinen Partner Björn Ulvaeus hatte. Dessen sogenannte Rockoper JESUS CHRIST SUPERSTAR mit ihrer Folge episodischer Tableaus war ein weiteres Modell für Anderssons Partitur, die vor allem in einzelnen Nummern wie „One Night in Bangkok“, „I Know Him so Well“ oder dem Duett „You and I “ mit starken Einfällen überzeugt. Die Leichtigkeit, mit der sie sich aus dem Kontext lösen ließen und einzeln Hits werden konnten, verweist jedoch auch auf das Problem der Partitur, die sich zu stark auf die Attraktivität ihrer Einfälle verlässt, vor dem Hintergrund einer allgegenwärtig melancholischen Stimmung aber zu wenig Entwicklung zeigt. Dies belegen auch die radikalen Umstellungen der Broadwayfassung, die zwar erfolglos blieb, deren Platteneinspielung gegenüber dem englischen Original aber kaum nennenswert zurücksteht.


    CD-Tipp Stockholmer Konzertfassung von 1994: Göteborg Symphonieorchester unter Leitung von Anders Eljas; Tommy Korberg (Anatoly), Karin Glenmark (Florence), Anders Glenmark (Frederick), Lena Ericsson (Svetlana). Mono Music


    Copyright 2008 by Jacques Rideamus

  • Chess - Die Original-Bühnenfassung von 1986

    Hin und wieder kann man lesen, dass ein Problem des Musicals Chess sei, dass es davon zu viele verschiedene Versionen gäbe. Selbst das deutsche Wikipedia gibt aus diesem genannten Grund keine ausführliche Inhaltsbeschreibung an. Ich kann das eigentlich nicht bestätigen. Mir sind bei meinen Recherchen im Grunde nur drei Versionen aufgefallen, wenn man von einer zur Uraufführungszeit erstellten Fassung für den Broadway, die nicht erfolgreich war, einmal absieht. Diese 3 Fassungen sind

    1. Das Konzeptalbum
    2. Die Londoner Uraufführung 1986
    3. Die schwedische Fassung – chess pa svenska 2002

    Da das Konzeptalbum, wie der Name sagt, nur ein Konzept ist, kann man eigentlich nur von zwei Fassungen sprechen. Die Londoner Fassung ist gegenüber dem Konzeptalbum um etliche Musiknummern erweitert und auch die Handlungsabläufe unterscheiden sich, wenn auch nicht grundsätzlich, so doch im Detail. Rideamus hat hier im Musicalführer die Handlung des Konzeptalbums beschrieben, auch wenn er angibt, dass seine Beschreibung der Londoner Fassung entspricht. Man kann dies leicht am Vergleich der von ihm angeführten Musiktitel erkennen. Die Londoner Fassung ist weitgehend mit einer deutschen Aufführung in Dresden und der konzertanten Aufführung in London 2008 (chess in concert 2008) *) identisch, womit man davon ausgehen kann, dass dies die originalen Fassungen sind. Im nächsten Artikel werde ich den Inhalt dieser Fassung beschreiben. Für den, den’s interessiert, habe ich die wichtigsten Unterscheidungen zum Konzeptalbum in Fußnoten dargestellt.


    *) Die Konzertversion 2008 enthält noch den Titel "Someone else's story", der von Swetlana gesungen wird und der in der Londoner Fassung nicht enthalten ist. Wann dieser Titel erstmals verwendet wurde, habe ich bisher nicht herausgefunden. Mir ist er erstmals in der schwedischen Version von 2002 begegnet; dort wird er von Florence in einer für die Handlung entscheidenden, sehr berührenden Szene vorgetragen.


    :) Uwe

  • Handlung der Londoner Urfassung

    In Meran findet die Schachweltmeisterschaft statt. Der amtierende Weltmeister, Frederick Trumper, genannt Fredddie, aus den USA verteidigt seinen Titel gegen Anatoli Sergiewski aus der Sowjetunion. Der Schiedsrichter der Partie erzählt zuvor die Geschichte des Chess nach einem 1.500 Jahre alten Mythos. (The Story of Chess 1)


    Freddie lässt sich bei seiner Ankunft in Merano von seinen Anhängern bewundern, kann dabei aber seine Starallüren nicht verbergen (Merano / What a Scene! What a joyce!).


    Im Hotelzimmer liest Freddies Assistentin und Geliebte Florence ihm Kritiken aus den Zeitungen vor, die alles andere als schmeichelhaft für ihn sind. (Commie Newspaper 2). In einer Pressekonferenz gehen die Reporter Freddie hart an, vor allem wegen seiner hohen Geldforderung und seine Aversion gegen die Sowjets. Auf eine unverschämte Frage eines Reporters, warum sein Assistent ein Mädchen sei und er ihn als Loverboy bezeichnet, verlässt Freddie die Pressekonferenz (Press conference 2). Anatoly und sein Sekundant, der KGB Offizier Molokov, sehen die Pressekonferenz im Fernsehen. Molokov hält Freddie für verrückt, Anatoly dagegen als brillanten Verrückten (Anatoly and Molokov 3). Nach weiteren Differenzen mit Molokov sinniert Anatoly allein darüber, wo er steht bzw. hin will (Where I want to be 3).


    Die amerikanischen und russischen Delegationen treffen sich zur Eröffnung des Turniers (Difficult and dangerous times 4). Der Schiedsrichter legt Wert auf seine Neutralität und Unbestechlichkeit (The Arbiter 4). Die Delegationen stimmen die Hymne des Schachs an, (Hymn of chess 4), anschließend preisen die Anbieter von Werbeartikeln die Verführungskünste ihrer Produkte an (The Merchandiser 4).


    Im ersten Verlauf des Turniers hat Freddie zunächst einen Vorsprung. Im weiteren Verlauf tritt Freddie Anatoly ans Schienbein, es kommt zu einem Handgemenge und Freddie verlässt den Saal (Chess Game #1 5). Anstelle einer angemessenen Reaktion wiederholt der Schiedsrichter lediglich seine Floskeln aus der Eröffnungszeremonie (The Arbiters Song – Reprise). Die Aufregung ist groß, Molokov beschwert sich, Florence verteidigt Freddie pflichtschuldig. Anatoly wundert sich, wie Florence für jemanden arbeiten kann, der sie wie Dreck behandelt. Sie antwortet, ihr einziges Interesse sei, für jemand zu arbeiten, der zu den Besten zählt (Quartett).


    Der Schiedsrichter verkündet, das Turnier müsse innerhalb 24 Stunden fortgesetzt werden, ansonsten werde es als ungültig beendet. Nach einer weiteren Auseinandersetzung mit Molokov regt Florence ein Treffen mit dem sowjetischen Großmeister im Merano Mountains Inn an (Florence and Molokov 2). Derweil fordert Freddie von Walter, dem Repräsentanten von Global TV 6), welches das Turnier überträgt, 20.000,00 Dollar für jedes Spiel.


    Freddie wirft Florence vor, sich von den Kommunisten täuschen zu lassen, und spielt dabei auf ihre Kindheit an, bei der ihr Vater beim Budapester Aufstand 1956 von den Sowjets verhaftet wurde. Als er gar meint, ihr Vater würde sich für sie schämen, wenn sie ihn verlassen würde, ist für Florence die Grenze der Loyalität zu ihm überschritten (1956 Budapest is racing 7). Sie kommt zu der bitteren Einsicht, dass sie allein dasteht und ohnehin Niemand auf Niemandens Seite steht. (Nobodys side)


    Als Florence im Mountain Inn (Der kleine Franz 2) auf Anatoly trifft, ist Freddie (noch nicht) da. Es ist ihr zunächst peinlich, allein mit dem Gegner zu sein, aber im Verlauf der Unterhaltung finden beide, dass es vielleicht nicht schaden würde, ohne Freddies “Charm” anzufangen. Sie kommen sich näher bei dem Gedanken, dass sie nichts lieber tun würden, als ihre Zeit hier miteinander zu verschwenden (Mountain Duett).

    Kurz bevor sie sich zu nahe kommen, erscheint doch noch Freddie. Seine Bemerkungen über die Situation treiben Florence zur Flucht. Freddie teilt Anatoly mit, dass er neue Bedingungen ausgehandelt habe und die Partie weitergehen könne.


    In den folgenden Spielen gewinnt Anatoly das Turnier mit 5:2 (Chess Game #2). Freddie lässt seinen Frust über den verlorenen Weltmeistertitel und seinen Hass auf Frauen an Florence aus und wirft sie schließlich hinaus (Florence quits). Allein auf seinem Zimmer verfällt Freddie in Selbstmitleid. (Pitty the child 8).


    Nach der Bekanntgabe des Weltmeistertitels für Anatoly Sergievski flüchtet dieser aus dem Saal und reißt Florence mit sich. Nachdem er einige Zeit mit ihr herumgeirrt ist, steht er dann endlich vor der Ausländerbehörde. Die Beamten sind frustriert, dass er durch seinen Übertritt in den Westen der Held sein, aber niemand würdigen wird, dass er dies ihnen zu verdanken hat (Embassy Lament). Am Rande des Geschehens macht sich Florence Gedanken um ihre augenblickliche Situation. Sie gesteht sich ein, sich in Anatoly verliebt zu haben und daher alles mit sich hat geschehen lassen, ohne zu wissen, wohin es führt (Heaven help my Heart 9). Als Anatoly und Florence die Behörde verlassen, werden sie sofort von der Presse umlagert (Anatoly and the Press 2). Auf die Frage, warum er Russland verlassen wolle, antwortet er, dass er nichts verlassen werde. Er überschreite zwar Grenzen, aber die einzigen Grenzen seines Landes liegen um sein Herz. (Anthem)


    Im 2. Akt ist Freddie jetzt Fernsehreporter und kommentiert das folgende neue Turnier zwischen Anatoly und seinem Herausforderer, dem Russen Vigand, das in Bangkok stattfindet. Beim Bummeln durch die Straßen des nächtlichen Bangkoks lässt er sich von den Schwärmereien der Passanten nicht beeindrucken. (One Night in Bangkok)


    Antatoly und Florence sind jetzt zusammen. Florence teilt Anatoly mit, in der Zeitung gelesen zu haben, dass seine Frau Swetlana nach Bangkok komme. Anatoly vermutet, dass Molokov dahinter steht. Florence meint, er hätte jetzt einen weiteren Gegner zu besiegen, aber sie hätten doch gewusst, dass sie bald gegeneinander antreten müssten (One more opponent 2). Beide bemerken, dass das Leben sich unmerklich zwischen die reine Liebe schleicht. Sie hoffen dennoch, dass ihre Liebe Bestand haben wird und glauben weiterhin daran, dass es diesmal ihr Happy End sein wird (You and I 10).


    Molokov motiviert sein Team. Sie haben mit dem Genossen Vigand eine disziplinierte, sowjetische Schachmaschine. Außerdem könne man ihren Gegner vielleicht über seine Schuldgefühle, seine Frau verlassen zu haben oder gar durch ein arrangiertes Aufeinandertreffen der beiden Frauen aus der Fassung bringen (The Soviet machine 2). Molokov ruft anschließend Walter von Global TV an und teilt ihm mit, dass er herausgefunden habe, dass Florence’s Vater noch am Leben sei. Sie könnten sich jetzt gegenseitig helfen. Er könne einen siegreichen Beitrag für die Menschenrechte leisten, dafür erwarte er nur einen kleinen Triumpf auf dem Schachbrett. Danach instruiert Walter Freddie, dass er keine Rücksicht mehr auf Anatoly nehmen muss, er solle aufs Ganze gehen und das Swetlana Video bereithalten. Freddie nimmt also Anatoly in die Zange und fragt ihn sehr privates. Als er ihm ein Video mit einer Botschaft seiner Frau zeigen will, läuft Anatoly davon (The Interview 2).


    In rascher Folge spielen sich, vom Schiedsrichter kommentiert, einige Szenen ab, in welchen die von Molokov und Walter eingeleiteten Intrigen in sehr stilistischer Form dargestellt werden. Alle haben zum Ziel, Anatoly dazu zu bewegen, das Spiel zu verlieren und in die Sowjetunion zurückzukehren. Als Gegenleistung wird die Freilassung von Florence’s Vater angeboten. Freddie benutzt die Gelegenheit, Florence zu bitten zu ihm zurückzukommen, erhält aber eine Abfuhr (The Deal (No Deal 11).


    Florence und Swetlana begegnen sich. Beide behaupten, dass sie Anatoly gut kennen, wobei paradoxerweise Svetlana meint, er brauche mehr Freiheit während Florence zur Erkenntnis gekommen ist, er brauche etwas mehr als sie, nämlich Sicherheit. Beide befürchten jedoch, dass er nicht ihnen gehören wird (I know him so well).


    Freddie will bei aller Rivalität nicht zulassen, dass das Schachspiel manipuliert wird und das Mittelmaß gewinnt. Er teilt daher Anatoly mit, dass er bei seinem Herausforderer eine Eröffnung bemerkt habe, die nicht funktionieren könne (Talking Chess 2).


    Das Turnier wird nun wieder in Zeitraffer-Manier dargestellt, dazwischen finden Meinungsäußerungen und Streitszenen statt. Swetlana wirft Anatoly vor, sich nur um seinen sportlichen Triumph zu kümmern und auch Florence scheint frustriert davon, dass für Anatoly Schach das wichtigste auf der Welt ist; er habe seine Frau und Kinder verlassen, da sei es kein Wunder, dass er auch sie vergessen habe. Anatoly aber beharrt auf seinen Erfolg, seinen Ruhm und seine Freiheit (Endgame #1, #2, #3 12).


    Am Ende erklärt der Schiedsrichter Anatoly zum Sieger. Aber obwohl Anatoly in einem Punkt nicht auf Molokovs Forderung eingegangen ist, sind die Weichen bereits gestellt. Selbst Florence meint, er könne nicht frei sein, er müsse zurückgehen, zu seiner Frau, zu seiner Familie. Beide kommen zu der traurigen Erkenntnis, dass eine Liebe wie die ihre kein Happy End haben kann. (You and I / Reprise 13)


    Walter fragt Florence nach ihren Gefühlen, nachdem Anatoly in die Sowjetunion zurückgekehrt ist. Sie hat dazu keine einfache Erklärung. (Walter and Florence 2). Als Walter ihr erklärt, dass Anatoly es für sie getan habe, um ihren Vater frei zu bekommen, falls er noch lebe, zeigt sich Florence überrascht, dass dies in Frage gestellt werde. Walter antwortet zynisch, dies sei nie sicher gewesen, aber bisher sei sie ja auch nicht sicher gewesen, ob er tot ist. Florence fragt sich, wie sie überleben kann und kommt zum gleichen Ergebnis wie schon Anatoly (Anthem / Reprise)


    Anmerkung

    Die Tatsache, dass in dem Stück sehr viele Szene symbolhaft dargestellt werden, ich denke da vor allem an die Schachszenen, die Flucht oder die Intrigen, führen dazu, dass es mit relativ geringem Aufwand aufgeführt werden kann. Das hat aber auch Nachteile.

    Allerdings erwies sich das Thesenstück in den meisten Aufführungen als wenig geeignet, die notwendige emotionale Identifikation des Theaterpublikums mit den, durchweg gebrochenen, Helden des Stückes zu erzeugen.

    In allen von mir betrachteten Quellen, der zwar nur schemenhaft erkennbaren Londoner Uraufführung, einer Aufführung der Staatsoperette Dresden oder der konzertanten Aufführung "chess in concert 2008" fand ich diese Beurteilung bestätigt. Dazu muss ich aber erwähnen, dass vor allem in der Dresdner Aufführung der Regisseur in der Personenführung die Darsteller völlig alleine ließ.


    Ganz anders die 2002 im Stockholmer Circus allerdings mit erheblichem Aufwand uraufgeführte schwedische Version ”chess pa svenska”. Diese ließ, zumindest bei mir, keine Gefühlsregung vermissen. Ich habe darüber im Musical Forum bereits berichtet. (CHESS am Aalto) #9


    Und hier die Quellen auf YouTube:


    London 1986: https://www.youtube.com/watch?v=7W_vJHi4JDA&list=RD7W_vJHi4JDA&start_radio=1

    Staatsoperette Dresden: Chess 2008 - Femke Soetenga, Chris Murray, Christian Grygas - YouTube

    chess in concert 2008: https://www.youtube.com/watch?…RQoQgNEUESAhR_EZ8JIqadNv_


    :) Uwe

  • Und hier die Fußnoten zur Inhaltsbeschreibung

    1. Die Melodie hierzu stammt aus dem 4. Titel des Konzeptalbums “Quartett”. Im Konzeptalbum wird die Geschichte des Schachs erst im letzten Titel “Epiloque” erzählt und dabei die Melodie des “Quartett” sozusagen als Reminiszenz verwendet, wobei der Zusammenhang nicht erkenntlich ist.
    2. Gegenüber dem Konzeptalbum gibt es eine ganze Reihe neuer Musiktitel, u.a.: “Commie Newspaper”, “Press conference”, “Florence and Molokov”, ”Der kleine Franz”, ”Anatoly and the press”, ”One more opponent”, “The Soviet machine”, “The Interview”, “Talking chess”, “Walter and Florence“. Mit Ausnahme des Titels "The Soviet machine" können alle diese Titel das Niveau derer des Konzeptalbums nicht erreichen. Es sind eben meist rezitativartige Titel oder leitmotivische Reminszenzen, um so einem durchkomponierten musikalischen Bühnenwerk näher zu kommen.
    3. Teil von ”The Russian and Molokov” des Konzeptalbums.
    4. Teil der “Opening Ceremony” des Konzeptalbums.
    5. Entspricht dem Instrumentaltitel “Chess” des Konzeptalbums.
    6. Diese Figur, die sich noch als zwielichtig erweisen sollte, kommt im Konzeptalbum nicht vor.
    7. Entspricht ”The American and Florence” des Konzeptalbums.
    8. Im Konzeptalbum kommt dieses Lied erst im 2. Akt vor, in einem anderen Zusammenhang.
    9. Im Konzeptalbum kommt dieser Titel erst im 2. Akt vor, nachdem Florence mit Anatoly schon ein Jahr zusammen ist.
    10. Im Konzeptalbum erst als letzter Titel.
    11. Die Musik verbindet die Szenen meist leitmotivisch mit etlichen Reminiszenzen vorangegangener Nummern. Während der Titel eine ganze Reihe von Intrigen beschreibt, behandelt er im Konzeptalbum lediglich einen nicht zustande kommenden Deal zwischen Anatoly und Freddie über ein Remis.
    12. Entspricht im Wesentlichen dem "Endgame" des Konzeptalbums, allerdings wird dort Anatoly nicht auch von Florence angegriffen.
    13. Das Duett steht hier für sich allein. Im Konzeptalbum war noch “The Story of chess” sozusagen als Epilog eingebettet. Siehe hierzu Fußnote 1.

    :) Uwe

  • Chess pa svenska – Die eigenständige schwedische Version des Musicals ”Chess”

    Wie ich schon in diesem Thread, Beitrag #9 anmerkte, handelte es sich bei dieser Version nicht einfach um eine Übersetzung aus dem englischsprachigen Original, sondern es entstand eine ganz eigene Fassung. Der elementarste Unterschied ist, dass es im 2. Akt kein neues Turnier in Bangkok gegen einen anderen russischen Gegner gibt, sondern das unterbrochene Turnier zwischen dem amerikanischen Weltmeister Frederick (Freddie) Trumper und seinem Herausforderer Anatoly Sergjevski aus der Sowjetunion fortgesetzt wird, nachdem letzterer um politisches Asyl gebeten hatte und nun nicht mehr sein Herkunftsland vertritt. Hier folgt die schwedische Fassung offensichtlich der Fassung für den Broadway von 1988, die ebenfalls kein zweites Turnier beinhaltet, die ich aber (bis jetzt) noch nicht weiter kenne. Ein weiterer großer Unterschied ist, dass die oft statischen, symbolhaften Szenen des Originals nun wie im echten Leben, beinahe wie im Film und mit schnellen Szenenwechseln dargestellt werden. Dies hat allerdings zur Folge, dass das Werk nur mit erheblichem Aufwand, einer ausgeklügelten Bühnen- und Lichttechnik, aufgeführt werden kann. Über weitere Unterschiede im Detail informiere ich wieder wie bei der Beschreibung der Originalfassung in Fußnoten zur Inhaltsbeschreibung.


    Uwe

  • Chess pa svenska (Chess auf Schwedisch)

    Musical in 2 Akten
    Buch: Tim Rice
    Gesangstexte: Tim Rice, Björn Ulvaeus
    Musik: Benny Andersson, Björn Ulvaeus
    Orchestrierung: Anders Eljas

    Uraufführung: 23. Februar 2002, Circus Stockholm


    Personen
    Anatoly Sergievsky, russischer Schachmeister
    Alexander ”Sasja” Molokov, KGB Offizier und sein Adjudant
    Swetlana Sergievskaja, Frau von Anatoly
    Misja Sergievsky, Sohn von Swetlana und Anatoly
    Frederick (Freddie) Trumper, amtierender Schachweltmeister aus den USA
    Florence Vaszi, seine Adjudantin und Freundin
    Jean Jaqcues van Boren, Schiedsrichter
    KGB Leute, Karabinieri, Polizisten, Hotelpersonal, Polizeichef, Fans von Freddie, Musikkapelle

    Handlung

    Erster Akt

    Im Spätwinter 1986 verlässt der Schachspieler Anatoly Sergiewski seine Heimat Moskau, um in Meran als Herausforderer gegen den amtierenden Weltmeister anzutreten. Er hat sich gerade mit seiner Frau gestritten, die unbedingt mitkommen möchte, da sie noch nie im Westen war. Nach dem Streit erklärt er seinem kleinen Sohn das Schachspiel (Historien om Schack / The Story of Chess 1). Danach sinniert er darüber, wo er eigentlich am liebsten sein würde (Där jag ville vara / Where I want to be 2). Am Flughafen trifft er seinen KGB-Vorgesetzten Molokov. In Italien angekommen, werden sie von einer Parade empfangen, die für Anatolys Gegner, den US-Amerikaner Freddie Trumper, organisiert wurde. Bald treffen sie ihn, der etwa zur gleichen Zeit mit seiner Freundin Florence Vaszi eingetroffen ist. Freddie beleidigt Anatoly, Florence entschuldigt sich für ihn, nur um vom Publikum ausgelacht zu werden (Merano 3). Während Molokow Anatoly zu seinem Hotel folgt, geraten sie über Freddie in Streit, woraufhin Anatoly Molokov und die Gruppe beschuldigt, Lügen über ihn zu verbreiten (Anatolij och Molokov / Anatoly und Molokov 2).

         

    Im Hotelzimmer von Freddie und Florence kommt es zu einem Streit. Letztere hat das Verhalten ihres Freundes in der Öffentlichkeit satt. Freddie verteidigt sich mit Florence's Kindheitsgeschichte. Florence verlor ihren Vater 1956 während der sowjetischen Invasion Ungarns, und ihre Kindheitsängste kommen wieder hoch. Sie sieht die Szene, in der ihr Vater von den Kommunisten entführt wird (The song of freedom). Doch der Streit geht danach weiter (Ungarn 56 / 1956 Budapest is rising 4).


    Florence geht nach dem Streit in eine Tanzbar. Dort trifft sie auf Freddie, der bereits schon wieder mit anderen Frauen flirtet (One Night in Bangkog 5). Florence beobachtet Freddies Treiben mit Abscheu und sinniert dabei über ihre Beziehung zu ihm. Sie betrinkt sich und wirft sich dann an verschiedene Männer heran, schreckt dann aber doch zurück. Am Ende muss sie auf ihr Zimmer getragen werden (Lämna inga dörrar på glänt / Nobody's Side 6).


    Am nächsten Tag ist es Zeit für das Spiel. Der Hauptschiedsrichter erklärt, dass er ein Turnier, bei dem es um Politik geht, nicht akzeptieren wird (Jag vill se schack / The Arbiters Song 1 7). Das Spiel beginnt, Freddie verliert die Partie und dabei auch völlig die Fassung. Er fegt die Figuren vom Brett und verlässt die Spielstätte (Chess 8).


    Es kommt zu einem Streit zwischen Florence, Molokov, Anatoly und dem Schiedsrichter. Florence greift dabei auch Molokov wegen seiner Heuchlerei an und erinnert ihn an den niedergeschlagenen Aufstand in Ungarn 1956. (Quartett 9).


    Am Abend sitzt Florence allein und verzweifelt in einer Pianobar. Dort sucht Anatoly sie auf und erklärt ihr, dass man in Russland erst nach den Vorfällen in Ungarn herausgefunden habe, was wirklich geschah. Er erzählt ihr die Geschichte eines ungarischen Professors, der in Leningrad zusammen mit seinem Vater lehrte (Lärarens historia / Die Geschichte des Professors 10). Anschließend fragt er sie, wie lange sie Freddie schon kenne und als er selbst merkt, dass er mit seinen Fragen zu weit geht, entschuldigt er sich und will bereits gehen. Florence aber hält ihn zurück, indem sie ihm erklärt, dass sie sich von ihrem Freund nicht nach Belieben behandeln lassen werde (Inte jag / Nobody’s else story 11).


    Es entsteht eine große Anziehung zwischen den Beiden. Anatoly bemerkt, dass Molokov abgelenkt ist, zieht Florence mit sich und verlässt mit ihr das Hotel. Als Molokov entdeckt, dass Anatoly verschwunden ist, bricht im sowjetischen Lager Panik aus; die Geheimpolizei wird alarmiert. In Moskau werden Anatolys Frau Swetlana und ihr Sohn von KGB-Männern heimlich aus einer Kirche entführt, um Anatoly emotional zu erpressen.


    Auf der verzweifelten Suche nach einem amerikanischen Konsulat landen Anatoly und Florence schließlich auf einem Dinner mit dem Polizeipräsidenten, bei dem auch der Schiedsrichter anwesend ist. Hier bittet Anatoly um politisches Asyl. Die Presse bekommt sofort Wind davon, Anatoly und Florence werden von Reportern umlagert. Beide machen sich Gedanken, was der jeweils andere jetzt gerade über diese Situation denkt. Florence will flüchten, Anatoly holt sie zurück. Anatoly erklärt der Presse noch, dass er sein Land nicht mehr vertreten wird und verschwindet mit Florence. Auf einer Brücke stehend fragt sich Florence, wie sie hier nur reingeraten konnte, Anatoly bewundert sie. Sie kommen beide zu dem Schluss, dass sie gerne noch eine Weile zusammenbleiben würden. Florence entzieht sich aber einer weiteren Annäherung. (Möte på en bro / Mountain Duett 12).


    Die Reportermeute stürzt sich auf Freddie und zeigt ihm die neueste Zeitungsmeldung über Florence und Anatoly. Gegenüber der Presse tut er dies arrogant ab, sich selbst gesteht er, dass es seine Schuld ist und Florence recht damit hatte, dass sie seine einzige Freundin ist (Hon är min enda vän / Sie ist meine einzige Freundin 13).


    Florence erzählt Anatoly, dass sie sich kaum noch an ihren Vater erinnern könne, der eines Tages plötzlich verschwunden war. Sie und ihre Mutter zogen weit weg, ihr Land war ihnen genommen. Sie fragt Anatoly, was er denn fühle (Vad känner du? / Was fühlst du?). Und er antwortet, dass ee keine Grenzen im Land seines Herzens habe (I mitt hjärtas land / Anthem 14).

    Zweiter Akt

    Spät in der Nacht kehrt Florence ins Hotelzimmer zurück. Dort zeigt ihr Freddie Zeitschriften mit Bildern von ihr und Anatoly. Der Showdown zwischen ihnen endet damit, dass sie ihn verlässt (Florence lämnar Freddie / Argument 15). Freddie bleibt allein zurück und erinnert sich an seine Kindheit, die Streitereien seiner Eltern, wie sein Vater sie verließ und seine Mutter sich verkaufen musste, um Geld zum Leben zu haben (Vem ser ett barn / Pitty the child 2).


    Svetlana und ihr Sohn kommen in Begleitung von KGB-Männern in Anatolys Hotelzimmer. Molokov zeigt Anatoly die Bilder aus der Zeitung. Anatoly geht sofort zum Gegenangriff über und verbittet sich, ihn verurteilen zu wollen. Swetlana klagt ihn an, dass er vor lauter Geniegehabe seine Lieben zurücklässt. Die KGB Männer drohen Anatoly während die italienischen Karabinieri ihm zur Seite stehen. Selbst das Hotelpersonal mischt sich zugunsten ihres Gastes ein und alle schreien sich gegenseitig an. Anatoly beharrt darauf, sich nicht seinen Namen, seine Seele und seine Träume nehmen zu lassen (Ni dömer mig / Endgame 16). Molokov gibt Anatoly zur Antwort, dass hier einer sei, der seine Träume zerstören kann – sein eigener Sohn, der jetzt ins Zimmer hereinkommt. Anatoly umarmt ihn und bittet Molokov, ihn da herauszuhalten. Dieser aber entgegnet, dass er dasselbe von ihm erwarte. Mit der Bemerkung, dass Molokov immer das letzte Wort haben wolle, verlässt Anatoly das Hotelzimmer.


    Allein auf der Brücke wünscht sich Florence, dass Anatoly hier wäre; sie würde ihm ihre ganze Liebe schenken. Gleichzeitig fürchtet sie, das Glück könne sich jede Sekunde ändern (Om han var här / Heaven Help My Heart 17). Kaum dass sie geendet hat, kommt ihr Wunsch auch in Erfüllung. Anatoly ist plötzlich da, sie freuen sich beide auf ihr Wiedersehen und diesmal ist es Florence, die Anatoly mit sich fortzieht.


    Swetlana macht sich auf die Suche nach ihrem Mann. Sie ist voller Zorn, bezeichnet ihren Mann als Mann und als Kind und wirft ihm vor, dass sie für ihn Jemand ist, der immer da ist, den man kaum bemerkt (Han är en man, han är ett barn / He is a man he is a child 18).  


    Anatoly und Florence vergnügen sich auf einem Frühlingsfest in Meran. Nach einigen glücklichen Momenten im Trubel des Festes taucht plötzlich Freddie auf, und es kommt zu einer heftigen Konfrontation, bei der Florence Freddie mitteilt, dass sie ihn nie wieder sehen will. (Vem kunde ana / Florence quits/ The deal 19). Als sich alles beruhigt hat, will Florence von Anatoly bestätigt haben, was sie in seinen Augen liest; dass er ihr gehören will. Und sie antworten zusammen, dass ihre Träume aus Glas real werden und sie beide zusammengehören (Drömmar av glas / You and I (1) 20).


    Auf einer Pressekonferenz verkündet der Schiedsrichter die Fortsetzung des Turniers und teilt in Anwesenheit von Florence mit, es sei eine Lösung gefunden worden; der Überläufer aus der Sowjetunion trete gegen den US-Champion an. (Jag vill se schack - Act 2 / The Arbiter's Song - Act 2).


    Als Swetlana auf Florence trifft, geht sie direkt zum Angriff über. Beide Frauen kämpfen um Anatoly, beide behaupten, dass er ihr gehöre und beide glauben zu wissen, was er will (Jag vet vad han vill / I Know Him So Well 21).


    Anatoly fragt Molokov, wo sein Sohn ist. Molokov antwortet, dass Anatolys egozentrischen Träume von Freiheit es seinem Sohn unmöglich machen, dort zu sein, wo er ist. Als Anatoly auf seine bisherigen Verdienste für die Partei und das Land hinweist und anmerkt, dass er immer noch ein Gehalt habe, womit er kaum die Familie ernähren könne, fragt Molokov zynisch, ob denn seine Flucht mit seiner Familie zu tun hätte. Anatoly verbittet sich, dass ausgerechnet Molokov als Junggeselle über seine Ehre moralisiert. Daraufhin erzählt ihm Molokov von seiner großen Liebe, die er wegen seines politischen Engagements verlassen musste (Glöm mig om du kan / Vergiss mich wenn du kannst).


    Molokov teilt Anatoly mit, das nächste Spiel würde sein letztes sein. Er müsse es verlieren, seiner Gesundheit die Schuld geben und behaupten, er müsse nach Moskau zurückkehren, um ins Krankenhaus eingeliefert zu werden. Florence würde überwacht werden. Sollte Anatoly in den Westen überlaufen, würde seine Familie darunter leiden. Anatoly bleibt nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Er verliert das Spiel (Cabablanca 22).


    Nach dem Spiel drückt Molokov Florence den Zettel, den er während der Unterhaltung mit Anatoly geschrieben hat, in die Hand. Sie reagiert entsetzt. Ihr und Anatoly wird schmerzlich bewusst, dass ihre Träume aus Glas mit einem Schlag zerborsten sind; sie, die eigentlich zusammengehören, müssen sich trennen. - Nach dem Spiel treffen sich Beide ein letztes Mal vor dem Flughafen. Sie verabschieden sich endgültig und gehen getrennte Wege (Drömmar av glas + Historien om schack / You and I + The Story of Chess 23).


  • Fußnoten chess pa svenska

    1. The story of chess: Der Text ist zwar sinngemäß dem Original (London 1986), demgegenüber aber stark verkürzt und außerdem nicht mehrstimmig mit Chor gesungen.
    2. Diverse Titel: Gegenüber dem Original geänderter Text.
    3. Merano: Gegenüber dem Original gekürzter und geänderter Text.
    4. 1956 Budapest is rising: Gegenüber dem Original geänderter Text. Das Duett findet zu einem früheren Zeitpunkt als im Original statt, noch vor der Eröffnung des Turniers, wie auch im Konzeptalbum. Das Duett selbst wird durch Florence’s Erinnerungen durch eine großartige, melodramatische Szene und dem Chor “Song of Freedom” unterbrochen.
    5. One Night in Bangkok: Dieser Titel eröffnet im Original den 2. Akt, wird in der schwedischen Fassung nur als Stimmungsbild für die Tanzbar verwendet, siehe hierzu Nr. 15.
    6. Nobody’s side: Gegenüber dem Original geänderter Text. Der Schwerpunkt der Aussage liegt nun nicht mehr darin, zu beklagen, dass Niemand an Niemandes Seite steht (Nobody's on nobody's side) sondern darin, dass Florence sich vornimmt, sich keine Chancen mehr entgehen zu lassen, aber sich nicht in die Karten schauen zu lassen (die Übersetzung aus dem Schwedischen lautet: “Lass keine Türen offen”)
    7. The Arbiters Song 1: Entspricht dem Song “The Arbiter” des Originals. In der Stockholmer Aufführung im Circus wurde der Titel vom Darsteller in einem grotesken Sprechgesang gesungen, so dass er nur über den Chorgesang wieder zu erkennen ist. Der Text ist gegenüber dem Original stark verändert. Die in der Originalversion anschließend stattfindenden Dialoge über Einsprüche der Delegationen, sowie die Musiktitel “Hymn of chess” und “The Merchandiser” entfallen komplett.
    8. Chess: Es wird nur der lyrische Teil des Instrumentaltitels intoniert, die Steigerungen, wie sie auch in “Endgame” verwendet werden, entfallen hier.
    9. Quartett: Ein elementarer Unterschied zum Original ist, dass Florence Molokov wegen seines humanen Gebarens angreift und ihn an die Niederschlagung des Budapester Aufstandes erinnert, was sie im Original in einer anderen Szene im Dialog getan hatte. Für diesen kurzen Einschub werden leitmotivisch auch ein paar Takte aus “1956 Budapest is rising” eingefügt. Ein weiterer Unterschied ist der, dass Anatoly sie hier nicht fragt, wie sie für einen Kerl arbeiten könnte, der sie wie Dreck behandelt. Dieses holt er dann in der nächsten Szene nach.
    10. Lärarens historia / Die Geschichte des Professors: Das kurze Lied wurde in einen Dialog eingebettet und ist damit ein Art Relikt der Londoner Urfassung, in der solch kleinen Liedeinschübe häufiger vorkommen, wogegen die schwedische Fassung mit einer großen Ausnahme mit sehr wenigen Dialogen auskommt.
    11. Inte jag / Someone’s else story: Diesen Song gab’s noch nicht in der Londoner Urfassung von 1986. Er wurde erstmals in der eigens für den Broadway veränderten Fassung 1988 von Judy Kuhn in der Rolle der Florence gesungen. Später wurde er dann auch in der Originalfassung eingesetzt, oftmals auch für die Rolle der Swetlana, um diese musikalisch etwas aufzuwerten. In der englischen Fassung passt der Text aber besser zu Florence, wofür er auch geschrieben wurde. In der schwedischen veränderten Fassung wird er aber nicht mehr dem englischen Titel gerecht, da Florence jetzt nicht mehr so tut, als würde sie die Geschichte irgendeiner anderen erzählen, sondern sie singt jetzt tatsächlich über sich und Freddie mit der Aussage, dass alles, was um sie herum geschieht, ”das bin nicht ich (inte jag).”
    12. Möte på en bro / Mountain Duett: Das Duett entsteht inmitten des ganzen Trubels um das Asylgesuch, entsprechend wurde der Text der gegenüber dem Original veränderten Situation angepasst. Der Titel heißt jetzt übersetzt “Treffen auf einer Brücke”.
    13. Hon är min enda vän / Sie ist meine einzige Freundin: Die Musik verwendet für diese Szene Themen aus dem “Mountain Duett” und dem noch ausstehenden “Pitty the child”.
    14. I mitt hjärtas land / Anthem: Der Text ist im Detail verändert entspricht aber sinngemäß dem Original.
    15. Florence lämnar Freddie / Argument: Der Titel wurde im Konzeptalbum als Streit zwischen Florence und Anatoly angelegt, in der originalen Bühnenfassung aber gar nicht verwendet. Im Unterschied zur Originalfassung gibt es kein zweites Turnier in Bangkok, sondern das unterbrochene Turnier in Merano wird im 2. Akt fortgesetzt. Daher wurde der Welthit “One Night in Bangkok” in gekürzter Form in den 1. Akt verlegt, siehe Fußnote 5.
    16. Ni dömer mig / Endgame: Diese Streitszene wird in der Urfassung eher symbolisch dargestellt, hier aber wie im richtigen Leben. Der Text ist der neuen Situation angepasst. Auch mischen Florence und Freddie hier nicht mit. Der englische Titel “Endgame” bezieht sich darauf, dass diese Szene im Original erst ganz am Ende stattfindet. In der Übersetzung aus dem Schwedischen heißt der Titel jetzt “Du verurteilst mich”.
    17. Om han var här / Heaven Help My Heart: Anders als in der Londoner Fassung zweifelt Florence jetzt nicht mehr an ihrer Liebe zu Anatoly, allerdings fürchtet sie, dass das Glück, das noch gar nicht begonnen hat, vielleicht nicht lange anhalten könnte. In der Übersetzung aus dem Schwedischen heißt der Titel jetzt schlicht “Wenn er hier wäre”.
    18. Han är en man, han är ett barn / He is a man he is a child: Der Titel wurde neu für “chess pa svenska” geschrieben, um die Rolle der Swelana musikalisch aufzuwerten. Die englische Übersetzung stammt aus einigen konzertanten Aufführung von “Chess”.
    19. Vem kunde ana / Florence quits / The deal: Während der Titel “The deal” in der Londoner Urfassung eine ganze Reihe Intrigen behandelt, kommt er hier wieder eher auf das Konzeptalbum zurück und verknüpft die beiden Titel “Florence quits” und “The deal” miteinander, deren Melodien ohnehin identisch waren. Die Übersetzung des Titels aus dem Schwedischen lautet “Wer hätte das gedacht” und verwendet dabei eine Liedzeile aus “Florence quits”.
    20. Drömmar av glas /You and I (1): Das Duett ist hier nur sehr kurz; es wird später im Finale unter anderen Vorzeichen wesentlich ausführlicher wiederholt. Obwohl das “You and I” im Text ebenfalls vorkommt, lautet der schwedische Titel in der Übersetzung jetzt “Träume aus Glas”.
    21. Jag vet vad han vill / I Know Him So Well: Inhaltlich stellt das Duett den Text des Originals geradezu auf den Kopf. Während die beiden Frauen in der Urfassung sogar Verständnis für die jeweils andere aufbringen, kämpfen sie nun verbittert um Anatoly.
    22. Capablanca: Entspricht Endgame #1 der Londoner Uraufführung, vom Chor gesungene Namen aller bisherigen Schachweltmeister.
    23. Drömmar av glas + Historien om schack / You and I (2) + The Story of Chess: Nach dem Duett wird nochmals der Chor mit der Geschichte des Schachs bemüht, obwohl doch Anatoly diesen schon zu Beginn erzählt hat. Danach treffen sich Florence und Anatoly noch zum Abschied und bringen das Duett zu Ende. Die Szenen, die sich in der Londoner Urfassung noch anschließen (Florence and Walter + Anthem Reprise) entfallen.

    Uwe