Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 78 c-moll

  • Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 78 c-moll


    4 Sätze:
    Vivace (c-moll, 3/4 Takt, 192 Takte)
    Adagio (Es-Dur, 3/4 Takt, 101 Takte)
    Menuetto: Allegretto (C-Dur, 3/4 Takt, 58 Takte)
    Finale. Presto (c-moll/C-Dur, 2/4 Takt, 241 Takte)


    Besetzung: Flöte, 2 Oboen, 2 Fagotte, 2 Hörner, Streicher.


    Entstanden 1782.



    Vivace
    Der Kopfsatz beginnt unmittelbar mit dem im unisono geführten markanten, von großen Intervallsprüngen gekennzeichneten und von Viertelpausen zerklüfteten Hauptthema in c-moll. Das ungleich melodischere - aber dennoch vorwärtsdrängende und keineswegs lyrische - zweite Thema steht in der (allerdings immer wieder eingetrübten) Paralleltonart Es-Dur, die den Rest der Exposition dominiert. In der Durchführung (ab T. 76) werden beide Themen verarbeitet, teilweise werden Abschnitte der beiden Themen unmittelbar miteinander konfrontiert, wodurch das musikalische Geschehen eine ungeheure Dichte erfährt und so eine überaus dramatische Atmosphäre evoziert wird. Die Reprise (ab T. 134) setzt nach einer Generalpause mit dem ersten Thema in seiner Grundgestalt ein, welches nun aber unmittelbar in eine weitere, fortspinnende Verarbeitung übergeleitet wird. Überhaupt habe ich den Eindruck, daß die Reprise eher den Charakter einer zweiten Durchführung hat.


    Adagio
    Der zweite Satz steht in Es-Dur und ist insgesamt eher entspannten Charakters. Zwischenzeitliche kurze Molleintrübungen (etwa T. 90-92) erinnern den Hörer von Ferne daran, daß wir uns gerade in einer Moll-Sinfonie befinden. Die thematische Arbeit besteht zuvorderst aus der variierenden Fortspinnung von Motivfragmenten des unmittelbar zu Beginn vorgestellten Themas – ist das eigentlich ein Variationssatz??? – »Dramatik« wird insbesondere durch abrupte Kontraste in der Dynamik und durch Sechzehntel-Tonrepititionen evoziert. Nach dem zwar nicht nachgerade vor äußerlicher Dramatik strotzenden, aber doch aufgrund von Innenspannung und kontrapunktischer Arbeit treibenden Kopfsatz wirkt das Adagio auf mich sehr relaxed.


    Menuetto: Allegretto
    Der dritte Satz ist ein kurz und knapp gehaltenes, überaus tänzerisches Menuet, das durch etwas markant gesetzte Pausen ein wenig zu befremden weiß. Das motorisch in – allerdings ironisch verholperten - Achtelbewegungen voranschreitende Trio wird von einer mit den 1. Violinen parallel geführten Solo-Oboe dominiert.


    Finale. Presto
    Beim Finale – dem einzigen Satz dieser Sinfonie in geradem Metrum – handelt es sich um ein Sonaten-Rondo mit Kehrauscharakter, das (ähnlich wie der Kopfsatz) zwischen moll und Dur changiert. Der Satz hebt an mit dem in c-moll stehenden Thema, doch bereits die erste Rondo-Passage steht in Dur. Da am Ende des Satzes das Thema nicht noch einmal wiederholt, sondern an die Rondo-Passage eine kurze, in C-Dur stehende Coda angeschlossen wird, trägt am Ende der Sinfonie das optimistische Dur einen leichten Sieg davon, der, wenn man mal über die vier Sätze zurückschaut, eigentlich zu keinem Zeitpunkt wirklich gefährdet schien.


    Viele Grüße,
    Medard

  • Zitat

    Original von Klawirr
    Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 78 c-moll


    Vivace
    Der Kopfsatz beginnt unmittelbar mit dem im unisono geführten markanten, von großen Intervallsprüngen gekennzeichneten und von Viertelpausen zerklüfteten Hauptthema in c-moll. Das ungleich melodischere - aber dennoch vorwärtsdrängende und keineswegs lyrische - zweite Thema steht in der (allerdings immer wieder eingetrübten) Paralleltonart Es-Dur, die den Rest der Exposition dominiert.


    Als zweites Thema sehe ich diese etwas "wiegende" Melodie, nicht die vielleicht noch wichtigere Figur mit dem (Beethoven 5) 3-Achtel-Auftakt. Ist das auch Deine Ansicht? (ich habe leider keine Noten)


    Zitat


    Adagio
    Der zweite Satz steht in Es-Dur und ist insgesamt eher entspannten Charakters. Zwischenzeitliche kurze Molleintrübungen (etwa T. 90-92) erinnern den Hörer von Ferne daran, daß wir uns gerade in einer Moll-Sinfonie befinden. Die thematische Arbeit besteht zuvorderst aus der variierenden Fortspinnung von Motivfragmenten des unmittelbar zu Beginn vorgestellten Themas – ist das eigentlich ein Variationssatz??? – »Dramatik« wird insbesondere durch abrupte Kontraste in der Dynamik und durch Sechzehntel-Tonrepititionen evoziert. Nach dem zwar nicht nachgerade vor äußerlicher Dramatik strotzenden, aber doch aufgrund von Innenspannung und kontrapunktischer Arbeit treibenden Kopfsatz wirkt das Adagio auf mich sehr relaxed.


    m.E. kein Variationensatz. Hat er nicht grob die zweiteilige Gestalt, wobei beide Teile wiederholt werden? Ich wage nicht zu beurteilen, ob es ein rudimentärer Sonatensatz ist, vermute es aber.
    Ich finde ihn eigentlich relativ unentspannt, u.a. durch die streckenweise dominierenden, etwas hektischen Triolen.


    Eher empfinde ich das ziemlich rustikale Menuett als entspannten und humorigen Kontrast zum Kopfsatz. Die 'meckernden' Holzbläser gegen Ende des Menuett-Teils und das Trio sowieso.
    Das Finale ist zwar gut gemacht, enttäuscht mich aber insgesamt doch ein wenig. Trotz des etwas unwirschen Rondo-Themas ist von der Dramatik des Kopfsatzes nicht viel zu merken. Die zugegeben brillante Dur-Umdeutung wird schon im B-Teil "verschenkt" und der durchführende Teil nach dem zweiten Refrain kann das nicht mehr erschüttern.


    Jedenfalls finde ich insgesamt den Unterschied zwischen diesem Werk und der d-moll Nr. 80 frappierend. Letztere scheint mir das in jeder Hinsicht kühnere und ungewöhnlichere Werk, das vorliegende hier das beinahe schon "zu klassische". Der Kopfsatz ist beeindruckend und von der thematischen Arbeit sicher dichter als der "zerrissene" der d-moll, aber bei den anderen Sätzen halte ich Nr. 80 für deutlich spannender.
    Was aber nicht unbedingt an der Qualität dieser hier liegt, die ist natürlich auch sehr gut. Aber man entkommt eben schwer dem, was man von einer "Moll-Sinfonie" irgendwie erwartet...


    Ich besitze die Aufnahmen von Fischer und Goodman. Die sind beide jedenfalls ziemlich ordentlich. Goodman ist leichtfüßiger, Fischer etwas gewichtiger, etwas zu sehr im Finale und stellenweise beinahe derb im Menuett (was mir aber gut gefällt). Im Kopfsatz ziehe ich Fischer vor, da düsterer und "massiver" und weil Goodmans Cembalo stellenweise doch ziemlich nervt. Im Finale ist Fischer ein wenig zu wuchtig, da ist Goodman auch ca. 30 sec schneller. Goodman befolgt Wiederholungen der 2. Satzteile in den ersten beiden Sätzen, die bei Fischer weggelassen werden.
    Aber wer eine von den beiden hat, muß sich jedenfalls nicht unbedingt nach der anderen verrenken. Viele Alternativen wird es eh nicht geben (hauptsächlich Dorati und Naxos, Hogwood ist AFAIK nicht so weit gekommen)


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Als zweites Thema sehe ich diese etwas "wiegende" Melodie, nicht die vielleicht noch wichtigere Figur mit dem (Beethoven 5) 3-Achtel-Auftakt. Ist das auch Deine Ansicht? (ich habe leider keine Noten)


    Ich hab eigentlich eher die Figur mit dem »Beethoven«-Motiv (ab T. 55) als 2. Thema angesehen. Es ist dann ja auch in der Durchführung deutlich präsenter als die »wiegende« Melodie.



    Zitat

    m.E. kein Variationensatz. Hat er nicht grob die zweiteilige Gestalt, wobei beide Teile wiederholt werden? Ich wage nicht zu beurteilen, ob es ein rudimentärer Sonatensatz ist, vermute es aber.
    Ich finde ihn eigentlich relativ unentspannt, u.a. durch die streckenweise dominierenden, etwas hektischen Triolen.


    Ja, das stimmt schon - ist zweiteilig und beide Teile werden wiederholt. Ich war gestern beim mehrfachen Hören aber zunehmend durcheinander, weil das Verarbeitungsmuster mir - je häufiger ich das hörte - irgendwie vorwiegend variierend zu sein schien.


    Zur Frage entspannt/unentspannt: das stimmt schon, daß da diese Triolenschläge immer mal wieder dazwischen fahren, aber en gros macht der Satz auf mich tatsächlich eher einen wenig gespannten Eindruck.



    Zitat

    Das Finale ist zwar gut gemacht, enttäuscht mich aber insgesamt doch ein wenig. Trotz des etwas unwirschen Rondo-Themas ist von der Dramatik des Kopfsatzes nicht viel zu merken. Die zugegeben brillante Dur-Umdeutung wird schon im B-Teil "verschenkt" und der durchführende Teil nach dem zweiten Refrain kann das nicht mehr erschüttern.


    Empfinde ich ganz genauso. Auch was Deine vergleichende Einschätzung zur 80. anbetrifft, die IMO eindeutig das Werk mit dem stärkeren Memoryeffekt ist. Allein der Kopfsatz der 78. hat nachhaltige Wirkung, die Mittelsätze sind eher durchschnittlich, das Finale ganz deutlich unter den Haydnschen (Ausdrucks-)Möglichkeiten.


    Was die Aufnahmen anbetrifft: ich habe ebenfalls Goodman und Fischer und bin mit beiden zufrieden. Goodman hat, wie immer, etwas mehr Pfeffer und Esprit - allerdings nervt mich hier (zum ersten mal) das Cembalo ganz ordentlich.


    Man kann mit beiden zufrieden sein, braucht aber nur eine der beiden Einspielungen.


    Viele Grüße,
    Medard

  • 78 ist - wenn ich das recht überblicke - mit Ausnahme des experimentellen Sonderfalls der Nr. 45 die einzige Sinfonie Haydns, bei der Kopfsatz UND Finale in Moll stehen, das Finale aber in Dur endet. Dabei finde ich den so gar nicht durchbruchartigen, sondern spielerisch leichten Übergang zu Dur im Finale gar nicht reizlos. Es gibt sicher komplexere und/oder abwechslungsreichere Sinfoniefinali bei Haydn, aber unter dem "Normal-Niveau" scheint mir dieses keineswegs zu sein.


    Mit den Mittelsätzen kann ich aber auch nicht soviel anfangen, vor allem das Adagio ist melodisch nicht sonderlich ergiebig und zieht sich etwas (Fischer wiederholt gottseidank den zweiten Teil nicht).


    Den Kopfsatz finde ich aber äußerst bemerkenswert! Bekanntermaßen beginnen alle drei c-moll-Sinfonien Haydns (52, 78, 95) mit einem ähnlichen Gestus. 78 entwickelt aber wesentlich mehr thematischen Gestaltenreichtum als ihr Londoner Pedant: es gibt mindestens drei, wenn nicht sogar vier Motivblöcke innerhalb des Hauptthemenkomplexes (bei 95 nur zwei), dazu kommt das Legato-Überleitungsmotiv zum "pochenden" Es-dur-Seitenthema und noch das Schlussgruppenthema. Besonders bemerkenswert scheint es mir, dass die Pianissimo-"Antwort" auf das schroffe Hauptthema nie wieder aufgegriffen wird (außer natürlich bei der Wiederholung der Exposition). Wie das Seitenthema in der Durchführung und Reprise zum Kontrapunkt des Hauptthemas wird, wie die Reprise zwar nicht "versteckt" beginnt wie später in 95, aber doch (wie schon von Medard gesagt) unmittelbar zu einer zweiten Durchführung unter Auslassung von zwei Motivblöcken der Exposition mutiert - das alles ist nicht so exzessiv wie in mancher Sturm-und-Drang-Sinfonie, aber doch "dicht" und originell.


    Mozart hat ja wohl die Sinfonien 76-78 gekannt und das Kopfmotiv von 78 in seinem c-moll-Klavierkonzert KV 491 rezipiert. Das behauptet zumindest Charles Rosen - und ich finde die Ähnlichkeit durchaus schlagend. Über KV 491 wäre das Motiv (natürlich immer verändert) dann in Beethovens op. 37 gelandet - eine bemerkenswerte Karriere.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    78 ist - wenn ich das recht überblicke - mit Ausnahme des experimentellen Sonderfalls der Nr. 45 die einzige Sinfonie Haydns, bei der Kopfsatz UND Finale in Moll stehen, das Finale aber in Dur endet. Dabei finde ich den so gar nicht durchbruchartigen, sondern spielerisch leichten Übergang zu Dur im Finale gar nicht reizlos.


    Ich finde den sogar sehr reizvoll! Aber er wird doch schon im ersten Wechsel vom Rondo-Refrain zum B-Teil "verschenkt". Das halte ich für vergleichsweise ungeschickt, denn bei der Wiederkehr hat man das alles ja schonmal gehört und die Erweiterung in der Coda fügt dem kaum noch etwas hinzu. Und der etwas stürmischere C-Teil ist einfach nicht markant genug, um das einmal etablierte Dur wirklich zu erschüttern.



    Zitat


    Mit den Mittelsätzen kann ich aber auch nicht soviel anfangen, vor allem das Adagio ist melodisch nicht sonderlich ergiebig und zieht sich etwas (Fischer wiederholt gottseidank den zweiten Teil nicht).


    Mir gefallen beide Mittelsätze recht gut. Denen würde ich eher "Normalniveau" zubilligen als dem Finale.


    Zitat


    Medard gesagt) unmittelbar zu einer zweiten Durchführung unter Auslassung von zwei Motivblöcken der Exposition mutiert - das alles ist nicht so exzessiv wie in mancher Sturm-und-Drang-Sinfonie, aber doch "dicht" und originell.


    Ja, der Kopfsatz ist schon sehr gut, halte den für dichter und schlüssiger als die meisten der "Sturm&Drang"


    Zitat


    Mozart hat ja wohl die Sinfonien 76-78 gekannt und das Kopfmotiv von 78 in seinem c-moll-Klavierkonzert KV 491 rezipiert. Das behauptet zumindest Charles Rosen - und ich finde die Ähnlichkeit durchaus schlagend. Über KV 491 wäre das Motiv (natürlich immer verändert) dann in Beethovens op. 37 gelandet - eine bemerkenswerte Karriere.


    Wobei bei Beethoven das Motiv, nicht uncharakteristisch, die wohl einfachste Form erhält (und einen neuen Abschluß, der dann eine wichtige Rolle spielt)...


    viele Grüße


    JR

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  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Mozart hat ja wohl die Sinfonien 76-78 gekannt und das Kopfmotiv von 78 in seinem c-moll-Klavierkonzert KV 491 rezipiert. Das behauptet zumindest Charles Rosen - und ich finde die Ähnlichkeit durchaus schlagend. Über KV 491 wäre das Motiv (natürlich immer verändert) dann in Beethovens op. 37 gelandet - eine bemerkenswerte Karriere.


    Meines Wissens hat Mozart das Thema von KV 491, 1 bei Dittersdorf entliehen. Ich habe allerdings im Augenblick keine besonders gute Idee, woher diese Information stammt und wie diese zu präzisieren wäre.


    :hello:


    Ulli

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Zitat

    Original von Ulli


    Meines Wissens hat Mozart das Thema von KV 491, 1 bei Dittersdorf entliehen. Ich habe allerdings im Augenblick keine besonders gute Idee, woher diese Information stammt und wie diese zu präzisieren wäre.


    Das fände ich sehr überraschend. Vermutlich kenne ich die falschen Sachen, aber ich hätte Dittersdorf nicht mal so ein Thema zugetraut, geschweige denn, was damit anzufangen.
    Mozarts Thema ist ohnehin deutlich länger und majestätischer, aber die Ähnlichkeit mit dem Haydns ist schon recht eindeutig.


    :hello:


    JR

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  • Naja, das Thema der Zauberflöten-Ouvertüre würde man auch nicht unbedingt bei einem Clementi suchen [wollen]. Ich muß mal schauen, ob ich mit meiner Wünschelroute die Quelle wieder ausfindig machen kann... irgendetwas war da...


    ?( :yes:


    Ulli

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  • Zu Dittersdorf kann ich nix sagen. Aber was die Hauptthemen von Haydns Nr. 78 und Mozarts KV 491 (neben der Grundtonart, der einleitenden kleinen Terz c-es und den Pausen) verbindet, ist die aufsteigende verminderte Septime, die dann - nach unten sequenziert - nochmal wiederholt wird. Das ist schon ziemlich signifikant.


    Johannes hat schon drauf hingewiesen und ich fand's beim Nachgucken auch ganz interessant: Das Hauptthema von Beethovens drittem Klavierkonzert (erster Satz) ist gegenüber Haydn und insb. Mozart viel schlichter - schon Mozarts c-es-as-Themenkopf wird zu einem einfachen c-moll-Dreiklang reduziert und die verminderte Septime gibt's auch nicht mehr. Da kommt's wirklich darauf an, was Beethoven dann damit anstellt...


    Unabhängig davon noch einmal speziell zum Haydn-Thema: es setzt sich aus einer kleinen Terz, einer verminderten Quarte und einer verminderten Septime zusammen (c-es-h-as). Walter Lessing weist darauf hin, dass diese Intervallfolge im Barock eine Chiffre der Trauer und des Schmerzes gewesen sei, und nennt als Beispiele das Crucifixus aus einer (nicht weiter spezifizierten) Zelenka-Messe sowie Passagen aus Bachs WTK (a-moll-Fuge des zweiten Teils) und Händels Messias, in denen die Tonfolge in Umkehrung erscheint.



    Viele Grüße


    Bernd


  • Nachdem soviel Musiktheoretisches gesagt wurde kann ich mir glücklicherweise eine Beschreibung ersparen. Die Sinfonie war - ebenso wie Nr 76 und Nr 77 - für eine geplante Londonreise komponiert worden die letzlich nie zustandekam. Die Londoner waren enttäuscht, wollten sie doch den "Shakespeare der Musik", joseph Haydn für sich Reklamieren, wie sie es einst mit Händel gemacht haben:

    Der folgende Text beindet sich im Booklet zur abgebildeten CD, ist aber im englischen Original im "Gazetteer" und im "New Daily Advertiser" veröffentlicht worden:

    Zitat

    "Dieser wunderbare Mann, den man den Shakespeare der Musik nennt, und den Triumpf des Zeitalters ist dazu verdammt, am Hofe eines jämmerlichen deutschen Fürsten zu residieren, der sowohl unfähig ist ihn zu würdigen, als auch der Ehere unwert.......Wäre es nicht eine Leistung, die einer Pilgerfahrt gleichkäme, wenn ihn einige tatkräftige junge Männer vpon seinem Schicksal erlösen und nach Großbritannien verpflanzen würden, dem Lanf, für das seine Musik wie geschaffen erscheint?"

    Na ja...:stumm:


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



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  • Der folgende Text beindet sich im Booklet zur abgebildeten CD, ist aber im englischen Original im "Gazetteer" und im "New Daily Advertiser" veröffentlicht worden:

    Na ja...:stumm:

    Nun .... England schickte sich zu dieser Zeit an Weltmacht zu werden, hatte Besitzungen auf dem gesamten Globus, der Union Jack flatterte schon auf allen Kontinenten und über allen Weltmeeren. Aus dieser Sicht war London das Epizentrum der Entwicklung der Welt. Da schrumpfte ein Fürst Esterhazy, mochte dieser auch noch so reich sein, in seinem abgelegenen Winkel irgendwo hinter Wien - also quasi schon halb in der Türkei - irgendwie auf Zwergenniveau. Die englische Hybris, die aus den zitierten Zeilen spricht, ist beachtlich. Danach gehörte ein Genie wie Haydn ins geniale London ...


    Grüße

    Garaguly

  • Ganz aus der Luft gegriffen ist die Selbsteinschätzung Londons zu Haydns Lebzeiten ja nicht. Zwischen 1700 und 1750 überholte es Konstantinopel als größte Stadt Europas (und sollte es für gut 200 Jahre bleiben) und war als bedeutendes musikalisches Zentrum im 18. Jahrhundert mit Anziehungskraft für ausländische Komponisten gewiss nicht zu unterschätzen. Man denke nur an Händel und Johann Christian Bach oder auch an Muzio Clementi.

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões


  • Kammerorchester Basel

    Giovanni Antonini


    Erscheint in Haydn2032 Vol. XX


    Wow :hail: - Zack! - Steht die Sinfonie bei mir gerade auf Platz 1 ... :yes:


    Sooo stürmisch-drängelnd hatte ich die Sinfonie gar nie auf dem Schirm und der von mir stets verachtete C-Dur-Schluß ergibt plötzlich Sinn ... ob da die CD-Aufnahme wohl wird mithalten können? :/

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Diese Sinfonie kann man nicht genug hören und neues Altes entdecken: im Finalsatz z.B. gibt es ein Couplet, das im weitesten Sinne dem 2 Jahre später von Mozart komponierten Finalsatzthema von KV 459 entspricht:


    374-haydn78-4

    [Haydn, Hob I.78/4 Tt. 49ff.]


    375-kv459-3

    [Mozart, KV 459/3 Beginn]


    Tante Wiki meint, es handele sich dabei um einen Contretanz. In der Tat ist es zumindest rhythmisch ähnlich wie KV 609/2.

    Der Contratanz als Finalsatz wurde auch hinsichtlich KV 451 thematisiert:


    Das Finale knüpft dann an den Kopfsatz an, ist repräsentativ und zunächst ein bisschen steif. Man formiert sich zu einem Kontratanz, der dann aber gegen Ende alles Gepflegte fahren lässt und nachgerade ins Derb-Musikantische mündet.


    :)


    Über Kraus notierte Haydn: „Ich besitze von ihm eine seiner Sinfonien, die ich zur Erinnerung an eines der größten Genies, die ich gekannt habe, aufbewahre. Ich habe von ihm nur dieses einzige Werk, weiß aber, dass er noch anderes Vortreffliches geschrieben hat.“


    Bei seiner Empfehlung gegenüber Kraus, dessen cis-moll-Sinfonie VB140 in eine c-moll-Sinfonie (VB142; 1783) umzuwandeln, dachte Haydn wohl an seine eigene c-moll-Sinfonie Hob. I:78, die er kurz zuvor - 1782 - komponiert hatte. Wikipedia merkt dazu an:


    Auch Wolfgang Amadeus Mozart benutzt für den Beginn seines Klavierkonzerts KV 491 ein ähnliches Motiv. Peter Brown (A. Peter Brown: The Symphonic Repertoire. Volume II. The First Golden Age of the Vienese Symphony: Haydn, Mozart, Beethoven, and Schubert. Indiana University Press, Bloomington & Indianapolis 2002, ISBN 0-253-33487-X; S. 200.) nennt weitere Beispiele, wo Einflüsse des ganzen ersten Satzes der Sinfonie Nr. 78 erkennbar sind: Das Finale von Franz Schuberts Streichquartett Deutschverzeichnis 32, den ersten Satz von Louis Spohrs Streichquartett opus 65 sowie eine Sinfonie von Joseph Martin Kraus.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Das Kopfsatzhema, von dem behauptet wird, es sei jenem von Mozart KV 491 ähnlich, entspricht am ehesten noch dem „Haffner-Thema“ - nur eben vermollt:


    376-haffnerthema

    [Mozart: Sinfonie D-Dur KV 385; Kopfthema]


    377-haydn78-1

    [Haydn: Sinfonie c-moll Hob. I:78; Kopfthema]


    Es handelt sich um die gleiche Abwärtsbewegung: d' → cis → h → a; transkribiert: c' → h → a(s) → g.


    Noch fahnde ich nach dem Kontratanz (voriger Beitrag): haben Haydn und Mozart den selben (seinerzeit bekannten) Tanz verwurstet? Wenn ja: von wem oder woher stammt er? Daß Mozart von Haydn kopiert hat, halte ich in diesem Fall für wenig plausibel - eine Doppelerfindung ebenfalls.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

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  • Offenbar bin ich so ziemlich der einzige, der sich um diese Sinfonie bemüht. Für mich lohnt es sich! Sie lässt mich gerade nicht los ...



    Accademia Bizantina

    Ottavio Dantone



    Kommt mir im Schnitt etwas eleganter vor als Antonini, was ich nicht zwingend als vorteilhaft empfinde (die Bässe könnten auch mehr Wumms haben), nur im Menuett kann er mit den Hörnern aufdrehen. Im dacapo des Menuetts ziert die Violine die Fermate für MusicFan9976 recht passend aus - die Chance hat sich Antonini entgehen lassen. Auch im Finale: infernale Hörner auf g und schön kurze Vorschläge in den Streichern. Wirkt auf mich dennoch insgesamt noch etwas zu brav.


    Trotzdem Platz 2 (nach Antonini).


    Bei Goodman wird im Untergrund cembaliert, was mir gut gefällt. Allerdings lässt er im Finale (dort besonders) die kurzen Vorschläge viel zu abgerundet spielen - das geht gar nicht.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Oh je, jetzt stehe ich im Forum als böser MusicFan da, der gegen jegliches Improvisieren ist:cursing:. Ganz so ist es natürlich nicht, jedoch stelle ich mir bei dem Thema schon folgende Fragen:


    • Wann und wie oft soll improvisiert werden?
    • Wer vom Orchester soll improvisieren?
    • Was wurde vom Komponisten, beziehungsweise vom damaligen Publikum erwartet?


    Ich weiß, das geht hier etwas vom Thema ab, aber ich habe nichts gegen dezentes Improvisieren. Beispielsweise finde ich die kleinen (aber feinen) Improvisationen des Oboisten im Trio von Antoninis Aufnahme von Sinfonie 61 (eine sehr gute!) angemessen, aber die viel zu häufigen (und auch - meiner Meinung nach - unpassenden) Improvisationen im Finale von Nr. 56 eher störend. Was jetzt die Ausziehrung der Fermate in Dantones Aufnahme von Nr. 78 (das eigentliche Thema hier), die Ulli erwähnte, betrifft, kann ich eigentlich nichts sagen, da ich sie nicht kenne. Die 78 ist die erste Sinfonie zu der Hogwood nicht gekommen ist. So gesehen, wäre eine HIP Aufnahme hier interessant.

    LG aus Wien.:hello:

  • Ganz so ist es natürlich nicht

    Das weiß ich doch :*

    jedoch stelle ich mir bei dem Thema schon folgende Fragen:

    Wäre vielleicht interessant für einen eigenen Thread?

    So gesehen, wäre eine HIP Aufnahme hier interessant.

    An Aufnahmen mangelt es tatsächlich, nicht bloß an „richtigen“. Jedenfalls hast Du ja Gelegenheit, in Antonini (vorab) und Danone reinzuhören. Goodman natürlich auch.

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Ein Thread zu dem Thema wäre tatsächlich interessant. Ich starte mal einen wenn ich etwas Luft habe, ausser du möchtest das selber in die Hand nehmen.

    LG aus Wien.:hello:

  • Nach dem ganzen "Improvisieren" in diesem Thread, sollte ich vielleicht auch ein paar Zeilen zu dieser tollen Sinfonie schreiben. Sie ist Haydns Rückkehr zur Moll-Tonart, nach langer Abstinenz. Der erste Satz erinnert tatsächlich an die Werke des Sturm und Drangs, besonders an Haydns frühere C-Moll Sinfonie Nr. 52, jedoch die restlichen drei sind dann doch leichter und das Werk endet schlussendlich in C-Dur. Haydns nächste Sinfonie in Moll (Nr. 80) geht ähnlich vor und hat darüber hinaus diese humorvolle Konfrontation von einem strengen Moll Thema mit einem fast frivol wirkenden Walzer Thema. So etwas gibt es in der C-Moll Sinfonie nicht. Sie ist, trotz großem Dur Anteil, ein eher ernsteres Werk. Trotzdem finde ich es interessant, dass Haydn nach 1780 die Moll Tonart kaum noch für ein ganzes Werk verwendet. Die einzigen Ausnahmen sind kurioserweise beide in Fis-Moll. Das späte Klaviertrio und das Quartett op 50 Nr. 4 enden beide in Moll.


    Die einzige Aufnahme die ich von der Sinfonie 78 besitze ist die von Fischer. Sie ist ganz ordentlich, obwohl es vielleicht bessere geben wird. Vielleicht Dantone oder auch Antonini?

    LG aus Wien.:hello:

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  • Der erste Satz erinnert tatsächlich an die Werke des Sturm und Drangs,

    Inzwischen bin ich der Meinung, daß „Sturm und Drang“ in der klass. Musik keine (unscharf abzugrenzende) Periode, sondern vielmehr ein Stilmittel oder -element ist, das weit in die 1780er hineinstrahlt, nicht selten auch darüber hinaus ins beginnende 19. Jahrhundert noch*. Man könnte auch die ersten 4 Takte durch jene der 82. Sinfonie ersetzen (und vermollen; da haben wir auch die drei Schläge in den Takten 2-4) - das klappt auch. Auch die dritte im Bunde, Hob. I:95 hat noch hinreichend SuD-Elemente aufzuweisen. Von den dreien ist mir aber die 78 im Moment die liebste.


    Ganz so einfach ist das mit der 95ten auch nicht; zwar endet der Kopfsatz in C-Dur und der Finalsatz beginnt in C-Dur, aber: der Mittelsatz steht in Es-Dur und hat unmittelbar Bezug auf die Einstiegstonart c-moll (er steht also nicht in G- oder F-Dur), ist also deutlich zum c-moll gewichtet, das Menuett steht ebenfalls in c-moll, das Trio in C-Dur.


    Eine der 78 ähnliche Buffo-Coda (moll-Dur-Wende) findet man beim ungarischen Kraus, C. A. Fodor, in dessen c-moll-Sinfonie:



    *Die Sinfonie ist (angeblich) c1805 entstanden und sowas von SuD ...


    Noch fahnde ich nach dem Kontratanz (voriger Beitrag): haben Haydn und Mozart den selben (seinerzeit bekannten) Tanz verwurstet? Wenn ja: von wem oder woher stammt er? Daß Mozart von Haydn kopiert hat, halte ich in diesem Fall für wenig plausibel - eine Doppelerfindung ebenfalls.

    Inzwischen doch zumindest ein wenig ... denn um die Zeit der Vollendung des Clavierkonzertes KV 459 sind auch die sechs Haydn gewidmeten Streichquartette entstanden; vielleicht also doch eine unauffällige Reminiszenz (?).

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Dass Sturm und Drang keine scharf abgegrenzte Periode ist, steht ausser Zweifel. Andererseits sehe ich bei Haydns späten Moll Sinfonien einen klaren Bruch zu den der 1760er und 1770er Jahren. Erstens gibt es eine markante zeitliche Trennung, da Sinfonie 78 die erste Moll SInfonie seit gut 10 Jahren ist. Auch die Tatsache, dass keine einzige späte Moll SInfonie in Moll endet, stich hier hervor, schließen doch alle Sturm und Drang Moll SInfonien (mit Ausnahme der Abschiedssinfonie und der sehr frühen Nr. 34) in Moll. Auffallend sind auch die Kopfsätze dieser Sinfonien: Sie enden schon in Dur und haben zumeist jubelnde, bei 80 und 83 sogar komische, Seitenthemen. Die späte Moll Sinfonie die in der Hinsicht etwas aus dem Rahmen fällt, ist Nr. 78. Hier endet der Kopfsatz noch in Moll und auch das zweite Thema (Gruppe? ob man hier von ein Thema sprechen kann?) ist zwar in Dur, aber nicht so ausgelassen wie die Seitenthemen von 80, 83 und 95. In der Hinsicht sehe ich den Kopfsatz von Nr. 78 näher den Sturm und Drang Werken als den anderen späten Moll Sinfonien.


    Interessanterweise ist dieser stilistische „Bruch“ bei Moll Werken in anderen Genres weit weniger ausgeprägt als wie bei den Sinfonien. Bei den Quartetten gibt es nach wie vor ein Moll Werk per Sechserpack, also eine höhere Frequenz als wie bei den Sinfonien. Und bis inklusive dem Fis-Moll Quartett, enden alle in Moll. Die Quartette, die der „Mollverdrängung“ der SInfonien am nähersten kommen sind das Rassiermesserquartett und das Reiterquartett. Die restlichen zwei (op 64/2 & op 76/2) haben zwar eine späte Wendung nach Dur, sind aber solide in Moll, mit Kopfsätzen die in Moll enden, Menuette in Moll und Finali die bis kurz vor Ende in Moll stehen. Auch bei den Klaviertrios gibt es ein spätes Werk, das in Moll endet (Fis-Moll Nr. 26).


    LG aus Wien.:hello: