Orchesterstreik - oder: Oper am Klavier

  • Ich begrüße es auch sehr dass eine Einigung zustandekam. Ich hoffe, dass es wirklich Verbesserungen für die MusikerInnen gibt dabei.


    Dass diese Arbeit so schlecht bezahlt ist (ich finde es auch in der B - Kategorie nicht gerade üppig), bestürzt eigentlich, gerade wenn man den Aufwand auch mit bedenkt, der damit verbunden ist, die Fähigkeiten permanent vorzuhalten, also dauernd noch außerhalb der regulären Einsätze und Proben für sich zu üben.


    Und: Ist denn die Opernkarte nicht ursprünglich dafür gedacht, diejenigen, die dort für meinen genuss arbeiten, angemessen zu entlohnen?


    LG


    Ulrica

  • Mittwoch, 10.12.2008 16:18


    Deutsche Orchester vor neuer Streikwelle


    Die Tarifkommission der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) hat letzten Vorschlag des Deutschen Bühnenvereins (DBV) zur Vergütungsanpassung für die Orchester als untauglich abgelehnt. Der Arbeitgebertext lässt unverändert eine Abkopplung der Orchester vom öffentlichen Dienst zu. Die DOV will die seit Jahrzehnten bestehende Gleichbehandlung der Musiker mit den Verwaltungsangestellten weiter aufrecht erhalten.


    Die befristete Aussetzung der Arbeitskämpfe ist ab sofort aufgehoben.


    Quelle: "www.deutsche-orchestervereinigung.online.de"

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo timmiju,

    Zitat

    Ich weiss nicht, bei welchem Orchester du angestellt bist, bei dem Gehalt, das du nennst, handelt es sich wahrscheinlich um ein C-Orchester.


    angestellt bin ich beim Sinfonieorchester Münster, das ist ein B-Orchester.


    Die Zahlen, welche ich angegeben habe, sind die Zahlen, welche von unserem DOV-Delegierten angegeben wurden.


    Jedenfalls liegt mein Gehalt innerhalb dieses Rahmens, und bei einem C-Orchester verdient man nicht wesentlich weniger: Die finanziellen Unterschiede von C- zu B-Orchestern sind zwar vorhanden, aber nicht besonders groß.
    Bist Du Dir mit den 2400,- brutto als Anfangsgehalt sicher?


    Das wären etwa 1470,-netto und entspräche ziemlich exakt meinem Gehalt, und ich bin kurz vor dem Endgehalt.
    Irgendwie kann das nicht sein. ?(


    Vielleicht hast Du DM und Euro verwechselt?


    Bei 1470,- Euro Anfangsgehalt netto würde ich nicht meckern. :D



    In jedem Falle bekommen neuangestellte Kollegen heute wesentlich schlechtere Verträge als wir "alten Hasen" damals.


    Auch das ist ungerecht.
    Wieviel schlechter die neuen Verträge im Unterschied zu den alten sind, weiß ich nicht genau, denn ich möchte den Kollegen nicht zu nahe treten.
    Jedenfalls ist mir bekannt, daß unsere neue stellv. Solobratsche im Anfangsgehalt mit kleiner Solo- Zulage auf etwa 1350,- EURO kommt. :no:


    Hier bei uns im B-Orchester. :angel:


    Zitat

    neben der anstrengenden Orchestertätigkeit (ich will das mal mit dem Leistungssport vergleichen),


    Danke, daß Du darauf aufmerksam machst, denn das ist sehr richtig.
    :yes:


    Vielen Dank an Dich für Deinen netten Beitrag, nur bitte ich um eine Überprüfung des Anfangsgehaltes im B-Orchester.



    LG,


    Michael


    P.S.
    Mein Anfangsgehalt 1993 lag bei DM 1200,- netto und ich hatte tatsächlich nicht mit so etwas gerechnet, denn als Klavierlehrer habe ich vorher glatt besser verdient........, aber das waren natürlich unsichere Einkünfte, halt freiberuflich.
    :pfeif:

  • Ich sehe schon, wie Michael und seine Kollegen mit ihren Privatjets zu den Verpflichtungen im Ausland fliegen, jeder über einen persönlichen Assistenten verfügt, der ihm das Instrument trägt, den Kaffee (natürlich mit 100jährigem Cognac) serviert, und er sein Geld bei einer exclusiven Schweizer Privatbank deponiert.... ;) Und in den Pausen werden Champagner, Kaviar und rassige Blondinen gereicht!

  • Hallo Michael,


    Zitat


    Vielleicht hast Du DM und Euro verwechselt?


    nein, das habe ich bestimmt nicht, aber du hast recht, das Anfangsgehalt beträgt etwa nur 2200 EUR.


    LG


    Manfred

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Einige Missverständnisse, die auftreten, wenn man sich über Arbeitsbedingungen von Musikern unterhält, scheinen mir daher zu stammen, dass man gern von seinem eigenen Leben auf andere blickt und urteilt.


    Viele Menschen verbinden mit Arbeit eine geregelte 40-Stunden Woche mit 8 Arbeitsstunden am Tag. Jeden Tag wird früh um die gleiche Zeit angefangen und nachmittags um die gleiche Zeit aufgehört. Bei Musikern ist das eben oft nicht so. Man kann spät aufstehen, hat nachmittags meist frei. Unverschämt! :) Die Nachteile, nämlich dass man meist bis spät abends arbeitet (da wo andere Zeit für die Familie haben), dass man schlecht planen kann weil freie Tage ständig an anderen Wochentagen sind, dass man Urlaub quasi nur in den Theaterferien nehmen kann usw., werden dabei offensichtlich selten beachtet.


    Des weiteren scheint es mir so, dass "Musik machen" von Außenstehenden oft nicht als "richtige" Arbeit empfunden wird. Musik ist doch Hobby, ist Spaß. Nicht zu vergleichen mit einem harten Büro-Job oder im harter körperlicher Arbeit im Stahlwerk.


    "Privilegien" ergeben sich meines Erachtens den Erfordernissen des Berufs. Und ein Sänger im Oprnchor kann nicht viel länger als 6 Stunden am Tag singen, ohne dass eine stimmliche Schädigung, also Krankheit oder schlimmstens eine Berufsunfähigkeit auftritt.


    Für diese Zusammenhänge muss man sich m. E. nach sensibilisieren, bevor man über Musiker und ihr Berufsleben im allgemeinen oder speziellen urteilt.


    Übrigens:
    Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich nicht selbst ein Beruf als Musiker anstreben sollte. Die letztlich recht harten Bedingungen des Berufsalltages (aber auch die sehr oft resultierende Abstumpfung gegenüber Musik und ihrer Faszination) haben mich letztlich davon abgehalten. Dass einzelne Solokünstler völlig andere Berufsbedingungen haben, ist richtig. Aber wer schafft es schon in diese Gefilde..? :no:


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

  • Hallo,


    ich frage mich die ganze Zeit eher, was der überraschte (?) Pianist wohl dazu gesagt haben mag? Hat er denn für den Abend eine Extra-Gage erhalten? Schließlich hat er das ganze Orchester ersetzt... und so einfach locker vom Hocker stelle ich mir den Begleiter-Job jetzt auch nicht vor...


    ?(


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Zitat

    Original von Ulli
    ich frage mich die ganze Zeit eher, was der überraschte (?) Pianist wohl dazu gesagt haben mag? Hat er denn für den Abend eine Extra-Gage erhalten? Schließlich hat er das ganze Orchester ersetzt... und so einfach locker vom Hocker stelle ich mir den Begleiter-Job jetzt auch nicht vor...


    Die Korrepetitoren kennen das Werk allerdings schon recht gut, da sie üblicherweise im Vorfeld wochenlang mit den Solisten, Chor und vielleicht auch Instrumentengruppen geprobt und daher das Stück quasi in den Fingern haben. Allerdings natürlich mit einem anderen Anspruch. :D


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

  • Hallo Ulli,

    Zitat

    Hat er denn für den Abend eine Extra-Gage erhalten? Schließlich hat er das ganze Orchester ersetzt... und so einfach locker vom Hocker stelle ich mir den Begleiter-Job jetzt auch nicht vor...


    der Korrepetitor hat das jeweilige Werk, wie Thomas schon angedeutet hat, jederzeit in den Fingern.
    Ich möchte noch ergänzen, daß er nicht Wochen, sondern Monatelang mit den Sängern und dem Chor arbeitet und auch einige komplette Durchläufe zu spielen hat.
    Zum Beispiel gibt es neben der Generalprobe immer zwei Hauptproben für das Ensemble:


    Eine nur mit Klavier und eine mit Orchester.


    Proben für neue Produktionen in einer neuen Spielzeit fangen schon lange vorher in der alten Spielzeit für den Chor und die Solisten an, bereits da ist natürlich auch schon der Korrepetitor dabei.


    Unsere Korrepetitoren und Kapellmeister sind absolute Tiere im Vomblattspielen, davor verneige ich mich in Demut! :jubel:


    Die Operette ist ja noch gar nichts im Vergleich zu einer Wagner-Oper, da müssen die Korrepetitoren regelrechte Virtuosen sein.


    Und meistens sind sie es auch.


    Zitat

    Allerdings natürlich mit einem anderen Anspruch


    Na ja, der Anspruch ist schon recht hoch, gehudelt wird da wenig.


    Zitat

    Hat er denn für den Abend eine Extra-Gage erhalten?


    Natürlich nicht.
    Genausowenig, wie ich für ein später eingefügtes Sonderkonzert oder eine Sondervorstellung extra Geld bekomme, bekommt der Korrepetitor extra Geld.
    Das ist alles im Rahmen seines Dienstes und der Korrepetitor muß sowieso anwesend sein für die Celesta.


    Zitat

    ich frage mich die ganze Zeit eher, was der überraschte (?) Pianist wohl dazu gesagt haben mag?


    Nicht viel, er hat es halt wie gewohnt gespielt, die größte Herausforderung war allerdings, die Overture vom Blatt zu spielen, denn diese hat er ja bis dahin nicht spielen müssen, da ohne Gesang.


    Aber wie schon gesagt, das sind Vom-Blatt-Könner allererster Sahne. :jubel:


    Eigentlich ist es doch schön, daß durch den Streik nun endlich auch einmal der Korrepetitor und seine Kunst in das Blickfeld der Öffentlichkeit
    gerät.


    Verdient haben es diese großartigen Musiker schon lange genug!
    :yes: :yes: :yes:


    Und natürlich ist auch dieser Beruf absolut kläglich bezahlt: Ein Korrepetitor hat einen anderen Hausvertrag als ein Orchestermusiker, und zwar einen schlechteren.


    Im Prinzip kann er gleich im Hause übernachten, denn er wird ständig benötigt, von morgens bis spät abends.
    Ich möchte da nicht tauschen.........



    LG,
    Michael


    P.S.


    Lieber Robert

    Zitat

    Und in den Pausen werden Champagner, Kaviar und rassige Blondinen gereicht!


    Für meinen Pultnachbarn dann bitte einen rassigen Blonden........
    :pfeif:

  • Zitat

    Original von Ulli
    Hallo,


    ich frage mich die ganze Zeit eher, was der überraschte (?) Pianist wohl dazu gesagt haben mag? Hat er denn für den Abend eine Extra-Gage erhalten? Schließlich hat er das ganze Orchester ersetzt... und so einfach locker vom Hocker stelle ich mir den Begleiter-Job jetzt auch nicht vor...
    ...


    Einen Korrepetitor darf das nun nicht wirklich aus der Fassung bringen. Es ist für ihn vielleicht sogar einmal ein Genuss, das Ganze durchzuspielen als ständig einzelne Teile zu wiederholen....


    ;)

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Eine Ergänzung zu Michaels - höchst gerechtfertigtem - Loblied auf die Korrepetitoren:


    Ich würde einen Korrepetitor an der Grazer Oper (es heißt hier nobel "Studienleiter") glatt in jede Liste meiner Lieblingspianisten aufnehmen. Und zwar handelt es sich um Maris Skuja. Wenn er am Klavier sitzt besteht er von den Haarwurzeln bis in die Zehenspitzen aus Musik. Dazu kommt die erstaunliche Tatsache, dass er in seinem Musizieren der wahr gewordene Wunschtraum meiner musikalischen Ideale ist. Sowie er den ersten Akkord anschlägt fühle ich mich musikalisch zu Hause. Einfach unglaublich...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Lieber Theophilius


    Ich bin mir ziemlich unsicher, ob ich Dir zustimmen soll, dass der Orchesterstreik zur Genussoptimierung des Korrepetitors/der Korrepetitorin beiträgt.


    Ohne Zweifel ist es so, dass von den KorrepetitiorInnen ein hohes Mass an Flexibilität gefordert ist, und es ist davon auszugehen, dass die meisten von ihnen dieses auch souverän einlösen.
    (Zu Recht adelst Du ja den Grazer "Studienleiter").


    In den Probe-Räumen der Opernhäuser sind PianistInnen höchster Güte am Werk, ... und ich möchte eigentlich so hochspezialisierte „Ausserirdische“ wie Pollini oder Zimerman nicht in einer Korrepetitionssituation erleben... (Ich kann mich selbstverständlich täuschen, und die Genannten würden auch diese Aufgabe souverän meistern).


    Allein; es liegt naturgemäss nicht im Aufgabenbereich der Korrepetition (und sie sind den diesbezüglichen Stress nicht gewohnt), in Echtzeit im Rampenlicht zu stehen (sitzen).

    Deshalb ziehe ich (auch als Nicht-Hut-Träger virtuell ) meinen „Hut“ ob der gemeisterten Herausforderung, in dieser Ausnahmesituation vor Hunderten von „Schaulustigen“ (und streikbedingt Genervten!) das Orchester zu ersetzen!
    Ein Genuss wird das „Ko–nicht-mehr repetieren-sondern-Realisieren“ wohl eher nicht sein, sondern ein Riesen-Stress! Umso grösser meine Hochachtung vor dieser Leistung.


    Zur „Streikwelle“ möchte ich noch anmerken, dass den Orchestermusikern meine volle Sympathie und Unterstützung gilt:
    Die Pflege und Erhaltung des musikalischen Kulturgutes muss eine edle Staatsaufgabe sein, welche einen adaequat besoldeten Beamtenstatus gerechtfertigt.


    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

  • Hallo Walter


    Zitat

    Original von Walter Heggendorn
    ...
    Ich bin mir ziemlich unsicher, ob ich Dir zustimmen soll, dass der Orchesterstreik zur Genussoptimierung des Korrepetitors/der Korrepetitorin beiträgt.
    ...


    Das brauchst du auch gar nicht, denn so war es gar nicht gemeint (eher schon als Frust-Minimierung ;) ).


    Es war ja eine saloppe Entgegnung auf Ullis öffentliches Nachdenken, welche Probleme dem Pianisten mit dieser Aufführung bereitet wurden. Und ich meine: eigentlich keine (mit der Ausnahme der Ouvertüre, wie Michael ganz richtig eingewandt hat; die wurde wahrscheinlich kurz vor der Vorstellung noch eifrig geübt...). Aber rein musikalisch ist die Arbeit des Korrepetitors sehr oft mehr als prosaisch, da ist das Durchspielen einer ganzen Oper eher eine angenehme Abwechslung vom Alltagstrott des oftmaligen Wiederholens einzelner Stücke oder gar nur Passagen.


    Technisch sehe ich also kein Problem, aber in einem anderen Punkt gebe ich dir Recht. Für den einen oder anderen mag es ein psychologisches Problem sein. Nicht umsonst haben sich diese Künstler zum Wirken im Hintergrund entschlossen und sind nicht Solisten geworden. Da mag es schon vorkommen, dass einer nicht gerne vor großem Publikum spielt, und für ihn ist das natürlich zusätzlicher und ungewohnter Stress. Aber in kleinerem Kreis, z.B. als Liedbegleiter, arbeiten viele ohnehin auch öffentlich.


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo Theophilius,


    Deine Reaktion beweist, dass Du meinen Einwurf nicht als Zurechtweisung missverstanden hast. Als Solche war er nicht gemeint, sondern als Aufruf, die verantwortungsvolle Aufgabe und die immense Arbeit des Korrepetitors/der Korrepetitorin gebührend zu würdigen.
    Wenn der Streik auch dazu beiträgt, umso besser!


    Ich habe den Eindruck, dass auch im Rahmen der Musikhochschulen die immense Arbeit der Korrepetition, etwa die Begleitung von Auditionen und Prüfungen, recht wenig gewürdigt wird. Aber eben: es ist halt "nur ein Knochenjob" und keine Kunst...Von wegen!!!


    Es grüsst Dich aus Bern der


    Walter

  • Anders, als in den meisten anderen westeuropäischen Ländern, haben die meisten abhängig Beschäftigten in Deutschland über die letzten 20 Jahre insgesamt Reallohnverluste hinnehmen müssen, auch die meisten Beschäftigten im öffentlichen Dienst, Orchestermusiker sogar zusätzlich mehrere Nullrunden. :no: Und das bei einem Beruf, der sowieso schon, wie hier zu lesen ist, kläglich bezahlt ist, stellt man insbesondere lange Ausbildungszeit, lange und unregelmäßige Arbeitszeiten, sowie hohe Aufwendungen für das eigene Instrument in Rechnung.


    Keynesianisch betrachtet, halte ich diese Entwicklung auch volkswirtschaftlich für verheerend.


    Da kann ich, als aktives Gewerkschaftsmitglied, Michael und seinen Kolleginnen und Kollegen nur viel Erfolg wünschen!


    Mit solidarischen Grüßen, Matthias

  • Lieber Walter, lieber Theophilus,


    Zitat

    Da mag es schon vorkommen, dass einer nicht gerne vor großem Publikum spielt, und für ihn ist das natürlich zusätzlicher und ungewohnter Stress.


    Leider muß ich Widerspruch einlegen. :angel:


    Unsere Studienleiter (so werden sie bei uns auch genannt) treten recht häufig z.B. als Begleiter vor Publikum auf.


    Daneben haben einige Studienleiter auch einen Vertrag mit Dirigierverpflichtung und es kommt gar nicht selten vor, daß krankheitsbedingt einer der Studienleiter eine Operette, ein Musical und sogar auch schon mal eine große Oper nachdirigieren muß bezw. darf.


    Studienleiter haben durchaus auch den Ehrgeiz, Kapellmeister zu werden und hauptsächlich zu dirigieren, denn so verläuft die Karriere oftmals:
    Vom Studienleiter zum 2. Kapellmeister, dann zum 1.Kapellmeister und u.U. sogar bis zum GMD.


    Mir sind jedenfalls noch niemals verhuschte Korrepetitoren an unserem Haus über den Weg gelaufen, welche ein Auftreten als großen Stress empfinden.


    Im Gegenteil sind dies durchaus ergeizige Musiker, welche als Pianisten zuforderst erst mal überhaupt eine Arbeit finden wollen, durchaus auch Auftrittsmöglichkeiten, welche sich dadurch wieder ergeben.


    Zum anderen haben, wie schon erwähnt, nicht wenige den Wunsch, selber zu dirigieren, und als Dirigent fängt man normalerweise als Studienleiter an.


    Zu guter letzt gibt es in ausgesprochen vielen Werken, seien es Opern oder symphonische Werke oder sonstetwas, größere Parts für Tasteninstrumente (Klavier, Celesta, Orgel) .


    Diese Parts übernehmen auch die Korrepetitoren und sitzen dann genau wie wir im Graben oder auf der Bühne.



    Meiner Meinung nach kann keine Rede davon sein, daß sich diese Musiker für ein ausschliesliches Wirken im Hintergrund entschieden haben.


    Sicher, es mag solche empfindsamen Musiker geben, welche ein öffentliches Auftreten als zusätzlichen Stress empfinden.


    Aber am Theater, nein, wirklich nicht, zumindest bei uns.


    Sorry für meinen Einspruch, vielleicht kennt Ihr andere Beispiele, aber mir sind an unserem Haus eigentlich nur Rampensäue, welche unbedingt auftreten wollen, bekannt.


    Und überhaupt, was könnte denn der größere Stress sein:
    Viele Proben, davon einige auch öffentlich , unter einem strengen Dirigenten vor versammelter Mannschaft (ohne Orchester natürlich) zu spielen, oder das ganze in einer Vorstellung, wo sich zufälligerweise noch weitere Zuhörer befinden?


    Glaubt mir, daß Proben für alle kein Zuckerschlecken sind, denn da werden die Hosen runtergelassen.


    Die eigentlichen Aufführungen nachher sind normalerweise eine Befreiung.


    Vor vielen Jahren, als wir den "Ring" unter Will Humburg( :lips:) machten, hat sich unsere damaliger Kapellmeister und Korrepetitor Günther Albers
    einen derartigen Namen als außergewöhnlicher Pianist gemacht, daß Insider zu Proben kamen, um sein unglaubliches Klavierspiel in den Proben zum "Ring"erleben zu können.


    Wie man z.B. hier nachlesen kann,
    http://www.nationaltheater-man…de/ballett/ensemble/8070/
    hat er seinen Weg ungemein erfolgreich gemacht.


    Bitte lest euch Günthers Lebenslauf einmal durch, denn dieser ist ein sehr gutes Beispiel für eine Karriere, welche als Korrepetitor begann.
    Übrigens ist er auch ein vorzüglicher Dirigent und ein ungemein netter Kerl.
    :jubel: :jubel:


    Na ja, schlußendlich noch ein weiteres Beispiel:
    Persönlich habe ich den Weg in's Orchester auch nicht gewählt, weil ich so ungern solistisch auftrete. :D :D
    Ging aber nicht anders, irgendwoher muß das Einkommen ja nun schlußendlich kommen. :O
    Man muß sich m.E. davon verabschieden, daß Berufe in diesem Bereich ausschlieslich von persönlichen Entscheidungen abhängen.
    Persönliche Entscheidungen hin oder her, man kann froh sein, überhaupt einen Job zu bekommen, so ist das.
    Und dann hat man zu funktionieren, so ist das.
    Das gilt für alle am Theater, so ist das.




    Leider sind die Tarifverhandlungen erneut gescheitert, der Bühnenverein legt immer schlechtere Angebote vor.
    Von einer Annäherung kann keine Rede sein, leider.
    Wie schon gesagt, es geht vor allem darum, daß die Orchester nicht aus dem öffentlichen Dienst gedrängt werden.
    Im öffentlichen Dienst gibt es Absicherungen, welche ein mieses Gehalt irgendwie gerechtfertigen, so ist das.


    Aber wenn das nicht mehr gegeben ist, dann sind wir Freiwild mit miesem Gehalt, und das möchte irgendwie keiner von uns so richtig, äh...freiwillig....... :pfeif:


    Deshalb wird also nun erneut gestreikt.
    Zumindest soll dies nicht an den Feiertagen wie Weihnachten oder Sylvester und Neujahr stattfinden.....


    Es ist wirklich eine unangenehme Situation.


    Bitte nehmt das als Theaterbesucher nicht persönlich, wir stehen mit dem Rücken zur Wand und es geht einfach nicht mehr anders.


    @Johannes:

    Zitat

    oder streiken auch andere Orchester (z. B. Rundfunkorchester)?


    Die Rundfunkorchester haben Ihren eigenen Rundfunktarifvertrag und haben mit den Streiks der Städt. und Staatsorchester nichts zu tun.



    LG,
    Michael

  • Lieber Michael


    Vielen Dank für die Aufklärung und den berechtigten Einspruch.
    Ich gebe zu, so genau nicht im Bild gewesen zu sein über die Aufgaben eines/r Opernhaus-KorrepetitorIn. Ob Stress oder "nur" Herausforderung: Anspruchsvoll im höchsten Masse scheint mir die Begleitung einer Oper vom Klavier aus allemal zu sein.


    So viel ich weiss, gibt es in der Schweiz Korrepetitoren und Assistenten.
    Inwiefern sich deren Aufgaben ergänzen oder überschneiden, oder ob die Begriffe gar austauschbar sind, entzieht sich meiner Kenntnis.


    In jedem Fall sind Deine Ausführungen natürlich "näher am Leben". Ich fiebere mit!


    Es tut mir leid, dass die "Kampfmassnahmen" fortgesetzt werden müssen.
    Ich hoffe doch sehr, im Sinne der Stärkung des Musikerstandes!
    (Wenn ich da an meine drei Kinder in Ausbildung denke...)


    Es grüsst Dich aus Bern


    Walter

  • Lieber Walter,

    Zitat

    So viel ich weiss, gibt es in der Schweiz Korrepetitoren und Assistenten.


    dies ergänzt und überschneidet sich auch bei uns, es ist tatsächlich so.


    Der 1.Kapellmeister ist normalerweise stellv. GMD, der 2.Kapellmeister sein Assistent, aber auch die Studienleiter sind Assistenten für alles mögliche, für die Kapellmeister, den GMD....je nachdem, wer halt alles gebraucht wird.


    Oft haben wir bei Bühnenorchesterproben gleich mehrere Studienleiter im Saal sitzen, welche den jeweiligen Dirigenten bei seiner Probenarbeit unterstützen.


    Wenn der GMD probt, sitzt natürlich vor allem der 1.Kapellmeister direkt hinter ihm, aber im Saal tummeln sich alle anderen meistens auch noch herum.


    Legendär in meiner Erinnerung sind die Ausbrüche Will Humburgs, wenn etwas nicht nach seinem Gusto klappte.
    Dann wurde in Richtung Kapellmeister -Abstand etwa ein Meter- nur geschrien "AUFSCHREIBEN" , und das manchmal mehrmals pro Minute. :D


    Muß man erlebt haben............ :yes:


    Ein Studienleiter -Assistent ist auch für Einsätze von Bandeinspielungen, Einsätze der Bühnenmusik ( das trifft auch schon mal den 2.Kapellmeister) u.ä. verantwortlich.


    Ich habe da Sachen erlebt, wie die armen Kerle zur Schnecke gemacht wurden, wenn etwas nicht funktionierte, das würdest Du nicht glauben, und dies darf ich auch nicht detailiert erzählen. :pfeif:


    Und wenn ich Dir erzählen würde, daß der 2.Kapellmeister weniger als ich verdient, dann würdest Du mir das auch nicht glauben.


    Also habe ich eben nichts gesagt........ :untertauch: :stumm:


    Zitat

    (Wenn ich da an meine drei Kinder in Ausbildung denke...)


    Ja, was soll ich sagen........vielleicht haben sie ja mehr Glück als ich und landen beim Rundfunk......
    Es ist fast alles nur Glück oder Pech ab einem bestimmten spieltechnischem Niveau, welches leider sehr hoch ist:
    Ob man eine normale oder eine sehr gute Stelle, oder überhaupt eine bekommt.



    Das ist leider so.


    Viele Grüße,
    Micha

  • Zu diesem Thema findet sich aktuell in der FAZ ein ausführlicher Text, der die Situation von Orchestermusikern verdeutlicht:


    "www.faz.net/s/RubFBF93A39DCA8403FB78B7625AD0646C5/Doc~E375AF498D81C4A458985D53B28157FD8~ATpl~Ecommon~Scontent.html"

    Freundlicher Gruß
    Alexander

  • Danke für den Hinweis! Ein Zitat aus dem Artikel:


    Zitat

    Auch der Lautstärkepegel im Orchestergraben geht vielfach über die Schmerzgrenze hinaus. 146 Dezibel bei einer Oper wie „Elektra“ von Richard Strauss sind dem Lärm am Frankfurter Flughafen durchaus vergleichbar und übersteigen für gewöhnlich die in vielen Ländern gesetzlich festgelegte Höchstgrenze für Industrieunternehmen erheblich. Neunzig Dezibel werden Fabrikarbeitern gerade noch zugemutet. Im Operngraben kommen sie regelmäßig vor.


    Das gibt natürlich zu denken. Es lebe die Kammermusik!

  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Hallo,


    die Zeit hat dem Thema in Ihrer aktuellen Ausgabe einen Beitrag unter dem Titel:
    Die Alleskönner (Korrepetitoren sind die heimlichen Helden der Oper. Wenn die Orchester streiken, schlägt ihre Stunde)
    gewidmet.


    Gruß pt_concours

    Hören, hören und nochmals hören: sich vertraut machen, lieben, schätzen.
    Keine Gefahr der Langeweile, im Gegensatz zu dem, was viele glauben, sondern vielmehr Seelenfrieden.
    Das ist mein bescheidener Rat. (S. Richter, 1978)

  • Der heutigen Presse entnommen:


    Die Berliner Opernorchester nehmen ihre Arbeitskämpfe um die Ankopplung der Vergütungen an den öffentlichen Dienst wieder auf. Das Orchester der Komischen Oper hat die Wiederaufnahme der Oper «Die Liebe zu den drei Orangen» komplett bestreikt.


    Bislang war es lediglich zu Vorstellungsverzögerungen oder Arbeits-Niederlegungen im zweiten Teil von Vorstellungen gekommen. Nun werden die Streikaktivitäten laut einer Meldung der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) ausgeweitet.


    Die drei Orchester der Berliner Opernstiftung befinden sich seit dem 1. Januar 2010 im tariflosen Zustand. Die Stiftung hatte Anfang November in einem Spitzengespräch bei Kulturstaatssekretär André Schmitz einen Kompromiss zur Beilegung des Tarifkonflikts signalisiert, diesen dann wenige Tage später aber wieder in Frage gestellt.


    Das tarifliche Vergütungsniveau der Berliner Opernorchester liegt laut DOV inzwischen 12 Prozent unter dem bundesweiten Flächentarifvertrag. Der Kompromissvorschlag sah einen Stufenplan zur Lohnanpassung einerseits und zur Einführung neuer Arbeitsbedingungen andererseits vor.

  • Der heutigen Presse entnommen:


    Die Berliner Opernorchester nehmen ihre Arbeitskämpfe um die Ankopplung der Vergütungen an den öffentlichen Dienst wieder auf. Das Orchester der Komischen Oper hat die Wiederaufnahme der Oper «Die Liebe zu den drei Orangen» komplett bestreikt.


    Soviel mir bekannt ist, betrifft das Problem eigentlich nur das Orchester der Deutschen Oper und das Orchester der Komischen Oper Berlin. Die Musiker der Staatskapelle sind deutlich besser gestellt als die anderen beiden Opernorchester, was natürlich entsprechenden Unmut erzeugt. Ich finde die jetzt gefundene Maßnahme des Komische-Oper-Orchesters wesentlich vernünftiger, als beispielsweise Abendvorstellungen zu bestreiken, bei denen der Leidtragende das Publikum ist, das man doch unbedingt braucht, auch um die Existenzberechtigung der Opernhäuser nachzuweisen. Auf jeden Fall ist der jetzige Zustand nur zu bedauern. Ich wüsste im Moment nicht, wie man die Kuh wieder vom Eis bringen kann.


    Viele Grüße


    :hello:


    Manfred

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP