Ein runder Geburtstag verschlafen ? Sigismund Ritter von Neukomm

  • Mit Sicherheit war er kein Kleinmeister, dieser Sigismund Ritter von Neukomm (1778 Salzburg -1858) Paris letzter Haydn-Schüler und mit zahlreichen musikalischen Größen seiner Zeit bekannt und von denselben geschätzt. Weitgereist (Wien Paris, Rio de Janeiro etc..) und vielseitig, bekannt als Komponist, Pianist und Dirigent, wurde er dennoch von der Nachwelt vergessen.Kaum ein Label hat sich seines 150. Todestags erinnert...
    Sein Geschmack war eher konservativ, sein Vorbild war Mozart eher als Beethoven. Eher ein später Klassiker als ein früher Romantiker....


    Ich stelle an dieser Stelle eine der wenigen erhältlichen CDs mit Werken dieses Komponisten vor. Besonders interessiert hat mnich natürlich das Klavierkonzert - letztlich war der Meister 8 Jahre jünger als Beethoven. Aber von Beethoven ist hier kaum was zu ahnen, geschweige denn zu hören.


    Der Klavierpart kommt nach einer bombasischen - oder (wie ich meine) bompbastisch gespielten Einleitung auffallend verhalten daher, was ich aber einer Balnce zwischen Orchester und (historischem) Klavier anlaste, ein Schoonderwoerld hätte das besser in den Griff berkommen, aber auch die Interpretation auf einem modernen Flügel hätte mich interessiert, da er in seiner Intimität schon wieder auffallend ist.



    Leider empfinde ich die Aufnahmetechnik als nicht optimal. Etwas weniger Dynamik und etwas weniger Hall wäre optimal gewesen - aber ich möchte keine Erbsen zählen und bin dankbar für diese Aufnahme, die es mir ermöglicht einen bisher mir unbekannten Komponisten zu entdecken, wenngleich die 4 eingespielten Werke nur eine kleine Kostprobe sein können, gegen ein Werkverzeichnis von etwa 1300 erhaltenen Werken...


    mfg aus Wien


    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Hallo,


    von Neukomm selbst kenne ich leider noch nicht wirklich etwas: Allerdings hat sich mir der Auswanderer kurz vorgestellt:



    Er führte nämlich anno 1821 in Rio de Janeiro Mozarts Requiem auf, wozu er eine eigene Abschrift verwendete. Interessanter Weise versah er diese weitestgehend mit Metronomangaben, weshalb die obige Einspielung, die sich auf das Manuskrispt von Rio de Janeiro beruft, ungemein interessant ist. Neukomm hing an das Lux aeterna noch ein "selbstkomponiertes" Libera me an, während welchem er allerdings teilweise auf Teile des Mozartschen Requiems zurückgriff. Dennoch ist diese Komposition für sich betrachtet sehr interessant - als Requiem-Schluß taugt er m. E. allerdings nicht [vielleicht muß man aber auch nur die Hörgewohnheit ändern].


    Besonders interessant macht diese Einspielung die papierdünne Chor- [9 Soprane, 11 Alte, 6 Tenöre, 8 Bässe] und Orchesterbesetzung [7 Erste, 6 Zweite, 4 Celli, 2 Contrabässe + Bläser].


    :hello:


    Ulli


    Im Rahmen einer Threadverlinkungs-Aktualisierung wurde die gestrichene durch eine aktuelle erneuert. (16.9.2020)

    Es gibt eine Neuauflage (rechtes Cover) exklusiv für jpc die um 7.99 angeboten wird MOD 001 Alfred

  • Zitat

    P.S. Die von Alfred angegebenen Lebensdaten halte ich für seltsam.


    also hier mal die genauen Lebensdaten:



    * 10. Juli 1778 in Salzburg; † 3. April 1858 in Paris

  • Neukomm ist ein hochinteressanter Komponist mit einer einzigartigen Biografie und Karriere - man lese das Booklet zu der von Alfred vorgestellten CD. Ich fand die Aufnahme übrigens gelungen und das Fortepiano in korrekter Balance zum Orchester - die Pianistin ist die des Nepomuk Fortepiano Quintett.


    Ansonsten kann ich empfehlen:




  • Zitat

    Original von Ulli
    =


    Er (Neukomm) führte nämlich anno 1821 in Rio de Janeiro Mozarts Requiem auf, wozu er eine eigene Abschrift verwendete. Interessanter Weise versah er diese weitestgehend mit Metronomangaben, weshalb die obige Einspielung, die sich auf das Manuskrispt von Rio de Janeiro beruft, ungemein interessant ist. Neukomm hing an das Lux aeterna noch ein "selbstkomponiertes" Libera me an, während welchem er allerdings teilweise auf Teile des Mozartschen Requiems zurückgriff. Dennoch ist diese Komposition für sich betrachtet sehr interessant - als Requiem-Schluß taugt er m. E. allerdings nicht [vielleicht muß man aber auch nur die Hörgewohnheit ändern].


    Besonders interessant macht diese Einspielung die papierdünne Chor- [9 Soprane, 11 Alte, 6 Tenöre, 8 Bässe] und Orchesterbesetzung [7 Erste, 6 Zweite, 4 Celli, 2 Contrabässe + Bläser].


    Danke für diesen Hinweis - das ist was für mich! Habe ich soeben bestellt. :hello:

  • Zitat

    Original von Ulli
    =


    ... Besonders interessant macht diese Einspielung die papierdünne Chor- [9 Soprane, 11 Alte, 6 Tenöre, 8 Bässe] und Orchesterbesetzung [7 Erste, 6 Zweite, 4 Celli, 2 Contrabässe + Bläser].


    Papierdünne Besetzung? Für damalige Verhältnisse sicher nicht. Leider hat die Technik die Mikrofone etwas weit weggestellt, und die Kirche ist etwas sehr diffus in der Akustik, was die Farben der Instrumente doch sehr verschmelzen lässt. Die Intonation der Chorsoprane finde ich etwas wacklig, und die vier Solisten könnten etwas gerader singen ... das Orchester spielt toll, aber eine direktere Aufnahme wie bei den Neukomm-Werken auf Ars wäre hier besser.
    Sehr interessante Fassung - da ich nicht so durch Hörgewohnheiten belastet bin, geht diese Fassung für mich in Ordnung. Aber irgendwie geht groß besetzte Kirchenmusik grundsätzlich nicht so an mich wie Instrumentales ... just me.


    Ein hochinteressanter Mann, dieser Neukomm, und er muß Kenntnisse aus erster Hand über das Werk gehabt haben.


    p.s. Der Applaus am Ende verrät die Live-Aufnahme - dafür gehen die kleinen Unzulänglichkeiten durch. Eine weniger tief im Raum stehende Aufnahme und weniger vibrierende Gesangssolisten hätte ich mir trotzdem gewünscht.

  • Neuerscheinung zum 13.02.2009:


    Sigismund Ritter von Neukomm (1778-1858 )


    Messe de Requiem
    Marche funebre
    Miserere


    Cantareunion Vocal Ensemble,
    La Grande Ecurie et la Chambre du Roy,
    Jean-Claude Malgoire


  • Huhu,


    Danke für den Tip - aber, das Requiem scheint komplett für [sehr blechlastige] Harmonieinstrumente plus Männerchor geschrieben zu sein: das finde ich auf Dauer recht unattraktiv und wenig abwechslungsreich. So jedenfalls mein Eindruck durch die Hörschnipsel, wenngleich auch diese Besetzung für ein Requiem geradezu prädestiniert sein möge...


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli
    ... das Requiem schient komplett für [sehr blechlastige] Harmonieinstrumente plus Männerchor geschrieben zu sein ...


    Stimmt - hier die Besetzung:



    Was dem einen sin Uhl, ist den andern sin Nachtigall - so schnell habe ich mir noch nie ein Requiem bestellt!

  • Heute ist das Requiem bei mir angekommen, ein faszinierendes Werk, ganz anders als Mozarts, viel stärker an der Liturgie orientiert, mit faszinierenden Bläserfarben. Für die konkrete Besetzungsgestaltung hat Neukomm vielfältige Möglichkeiten angegeben. Aufnahme und Interpretation finde ich absolut gelungen!



    Um auf Alfreds Eingangsfrage dieses Thread zurückzukommen, denn die kam mir beim Anhören des Requiems auch in den Sinn - ja, die Musikwelt hat dieses Doppeljubiläum des 230. Geburtstag und 150. Todestag fast komplett verschlafen. Nur ein paar der HIP-Spezialisten wie Malgoire und Willens haben etwas getan, und ihre kleinen, engagierten Plattenfirmen (K617 bzw. Ars).


    Von Malgoire erscheint in den nächsten Monaten noch eine weitere Aufnahme bei k617, die ich mir sicher auch zulegen werde:



    Mehr findet man hier

  • Im Rahmen meiner Arbeit am Foren - Inhaltsverzeichnis (derzeit nur für Mitglieder lesbar) finde ich immer wieder Threads die nicht mehr zeitgemäß sind, weil einige Aussagen, die darin getätigt wurden einfach obsolet sind
    So schrieb ich zur Threaderöffnung 2008

    Zitat

    Kaum ein Label hat sich seines 150. Todestags erinnert...


    und

    Zitat

    .....wurde er dennoch von der Nachwelt vergessen


    Zumindest letzteres trifft nicht mehr ganz zu. Seit Eröffnung dieses Threads mag zwar manche existente Aufnahme wieder aus dem Angebot verschwunden sein - indes gab es seit 2008 doch einige Neuveröffentlichungen, welche dem Sammler und Klassikinteressierten zumindestens erlauben sich einen groben Überblick über diesen Komponisten zu machen. Federführend hier - einmal mehr - das Label cpo. ...Eine "Neukomm- Renaissance wird es vermutlich nicht geben - aber immerhin behauptet der Komponist sich nun schon seit einigen Jahren im "Nischenrepertoire"

    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Vielleicht. lieber Alfred,


    erinnert sich ja am 10. Juli 2028 an seinen 250. Geburtstag, das wäre dann gut ein Jahr nach Beethovens 200. Todestag. Dann könnten wir ein Jahr nach einem neuerlichen Beethovenjahr ja vielleicht ein Neukomm-Jahr feiern. Musik dazu hat er ja dreimal genug komponiert. Die Angaben schwanken zwischen "über 1300" (Wikipedia) und "weit über 2000", wie ich in einem der Booklets der zahlreichen Aufnahmen gelesen habe, die ich mir in den letzten Wochen angeschafft habe, nachdem ich zu seinem 242. Geburtstag am 10. Juli diese Doppel-CD verlinkt habe:

    Die erste CD wird komplett von von der Missa Solemnis eingenommen, die Neukomm zur Akklammation des portugiesischen Kronpinrzen Joao zum König von Portugal im Februar 1818 in Rio di Janeiro (Brasilien gehörte damals zu Portugal) komponiert hatte und die auch bei den pompösen Feierlichkeiten aufgeführt wurde. Man kann sich vorstellen, dass der entsprechende Festgottesdienst sehr lange gedauert haben muss, wenn man die Ausmaße dieser Messe (über 70 Minuten) begreift und dabei das gewaltige, alles überstrahlende Gloria anhört, das über eine Dreibiviertelstunde dauert und die Dauer des Glorias in Bachs h-moll-Messe BWV 232 noch übertrifft, also in gewisser Weise eine wahre Messa di Gloria.

    Warum das Ganze nun in Rio stattfand und nicht etwa in Lissabon, lag daran, dass der ganze portugiesische Hof wenige Jahre vorher Hals über Kopf nach Brasilien in eine Art "Exil" gegangen war, und Neukomm schloss sich 1816 einer "diplomatischen Mission" nach Brasilien an unter Leitung des Herzogs von Luxemburg an, die nur wenige Monate dauern sollte, aber Neukomm blieb dann fünf Jahre da.

    Aber das war nicht sein letztes Reiseziel. Anders als Mozart schien ihm das viele Reisen nichts auszumachen, denn er wurde fast 80 Jahre alt, starb nur drei Monate vor seinem 80. Geburtstag.


    Wenn ich Zeit finde, werde ich mal das eine oder andere Werk, das ich inzwischen erworben habe, hier vorstellen, z. B. das "Requiem a la Memoire de Louios XVI":

    m. E. auch sehr hörenswert.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).