Schostakowitsch, Dmitri: Sinfonie Nr. 14 op. 135 – elf Lieder über den Tod

ThomasNorderstedt · 75 Beiträge · letzte Antwort von moderato

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  • Alle sprechen über Schostakowitschs 14. Sinfonie! Von den zwei Fragen, die man sich als Threadstarter i. d. R. stellt – „Wird der Thread auf Resonanz stoßen?“ und „Wie sollte der Thread aussehen, damit ein möglichst interessanter Austausch zustande komme?“ – ist die erste damit erfreulicherweise bereits positiv beantwortet. Die zweite Frage stellt sich dafür umso dringlicher, handelt es sich doch bei der von Schostakowitsch selbst so bezeichneten 14. Sinfonie bei Lichte besehen nicht um eine Sinfonie, sondern um einen Zyklus von elf Liedern für Bass und Sopran mit kammerorchestraler, zuweilen sogar nur solistischer Begleitung (deshalb eröffne ich den Thread einfach mal ganz frech im Kunstlied-Forum). Anders als eine Sinfonie bespricht man Lieder aber am besten nicht alle auf einmal, sondern nacheinander. Das gilt im konkreten Fall umso mehr, als sich wahrscheinlich nicht nur mir diverse Fragen zu den vertonten Gedichten stellen. Entsprechend Fairys Vorgehensweise im Dichterliebe-Thread werde ich daher im Folgenden einen allgemeinen Beitrag über die Sinfonie einstellen und dann, wenn zum allgemeinen Thema nichts mehr gesagt wird, das erste Lied vorstellen. Entsprechend wird das zweite Lied von mir vorgestellt, sobald zum ersten Lied nicht mehr gesagt wird usw.


    Falls übrigens noch jemand unschlüssig ist, ob er sich in dieser Runde beteiligen soll: Auf jeden Fall! Die 14. Sinfonie ist eines der großartigsten Werke Schostakowitschs und damit zugleich einer der eindrucksvollsten Liederzyklen des 20. Jahrhunderts. Die Beschäftigung lohnt unbedingt.


    Eine (nicht ganz vollständige Liste) der verfügbaren Aufnahmen erhält man hier: "http://www.envi.osakafu-u.ac.jp/develp/staff/kudo/dsch/work/sym14e.html"

  • Das Thema der Lieder ist der Tod. Nur der Tod, möchte man hinzufügen. Denn Schostakowitsch lässt den Menschen mit dem Tod allein. Ein Danach gibt es nicht, kein Platz für Hoffnung, keinen Trost. (Nur) Der Tod ist groß.


    Vorwürfe werden Schostakowitsch gemacht: Einerseits wegen des Themas vom Staat – der Tod ist in der Sowjetunion tabuisiert, es gilt optimistisch voranzuschreiten, nicht pessimistisch über den Tod zu schreiben, allerdings wird die Sinfonie nach einer „Generalprobe“ nicht verboten, sondern sie darf gespielt werden – andererseits wegen des Umgangs mit dem Thema insbesondere von Solschenizyn, der als tiefreligiöser Mensch mit dem trostlosen Ende der Sinfonie überhaupt nicht einverstanden war und Schostakowitsch deswegen verbal angriff.


    Schostakowitsch war sich darüber im Klaren, dass er sich mit seinen elf Liedern über den Tod in die Nesseln setzte. Über seine Motive dafür, dieses Thema gleichwohl auszuwählen und wie geschehen musikalisch umzusetzen hat er mehrfach Auskunft gegeben.


    In der Prawda vom 25.04.1969 äußerte Schostakowitsch, dass er die Idee dieses Werkes schon lange in sich getragen habe. Erstmals sei ihm der Gedanke daran im Jahre 1962 gekommen. Damals habe er Mussorgskis Vokalzyklus „Lieder und Tänze des Todes“ orchestriert, ein großartiges Werk, welches er schon immer bewundert habe. Damals habe er gedacht, dass ein gewisser Mangel dieses Werkes seine Kürze sei: im ganzen Zyklus nur vier Lieder. Ob man nicht Mut fassen und versuchen sollten, den Zyklus fortzusetzen, habe er gedacht.


    Bei der Voraufführung der Sinfonie gab Schostakowitsch eine Einführung zu dem Werk, in der er erläutert, weshalb er sich dem Thema Tod zugewandt hat (zitiert nach Wernli, s. u., S. 39 f., der wiederum nach Fay zitiert):


    „Das habe ich weder getan, weil ich schon alt bin, noch weil – wie es ein Artillerist ausdrücken würde – die Granaten um mich herum krepieren und meine Freunde und Verwandten immer weniger werden. Ich möchte an die Worte des bemerkenswerten sowjetischen Schriftstellers Ostrowski erinnern, der sagte, dass uns das Leben nur einmal gegeben sei, und dass wir es deshalb ehrenhaft und in jeder Beziehung anständig leben und keine niederträchtigen Handlungen begehen sollten. Zum Teil versuche ich, den großen Klassikern etwas entgegenzustellen, welche das Thema „Tod“ in ihren Werken behandeln. Denken Sie an den Tod Boris Godunows: Wenn Boris Godunow gestorben ist, wird es gleichsam hell. Denken Sie an Verdis Otello: Wenn die ganze Tragödie endet und Desdemona und Otello sterben, erleben wir auch eine wunderbare Verklärung. Denken Sie an Aida: Wenn der tragische Hinschied des Helden und der Heldin geschieht, wird dies mit strahlender Musik gelindert. Ich finde dies sogar unter unseren Zeitgenossen, nehmen Sie zum Beispiel den außerordentlichen englischen Komponisten Benjamin Britten: Ich habe in dieser Hinsicht auch an seinem War Requiem etwas auszusetzen. Ich finde, all dies kommt von verschiedenen religiösen Lehren her, die verkündet haben, dass – wie schlecht das Leben auch immer sei – alles in Ordnung sein werden, wenn wir dereinst einmal sterben, und dass uns im Jenseits der absolute Friede erwarte. So scheint es mir, dass ich zumindest teilweise in die Fußstapfen des bedeutenden russischen Komponisten Mussorgski trete. Sein Zyklus „Lieder und Tänze des Todes“ – vielleicht nicht alles davon, aber auf jeden Fall „Der Feldmarschall“ – ist ein großer Protest gegen den Tod und eine Ermahnung, sein Leben ehrlich, nobel, anständig und ohne Niedertracht zu leben. Der Tod erwartet jeden von uns. Ich kann nichts Gutes darin sehen, dass unser Leben so endet, und das ist es, was ich in diesem Werk vermitteln will.“


    Zudem war der Tod zwar bereits seit den stalinistischen Säuberungen der 30er-Jahre ständiger Begleiter Schostakowitschs gewesen – sowohl in Form des Todes von Freunden als auch in Form der Angst vor dem eigenen Tod –, aber doch für Schostakowitsch persönlich angesichts seines krankheitsbedingten körperlichen Niedergangs als bevorstehendes Ereignis konkreter geworden.


    In Stichworten liest sich die Krankheitsgeschichte wie folgt:


    Frühjahr 1958: Beginnende Anzeichen der Erkrankung: starke Schmerzen in den Händen, Lähmungserscheinungen in den Fingern, zeitweilige Unfähigkeit, den rechten Arm zu beugen
    11.11.1959: Diagnose einer unheilbaren chronischen Entzündung des Rückenmarks, nach K. Meyer einer Art Kinderlähmung. Über die Jahre wird die Erkrankung voranschreiten. Zeitweise kann Schostakowitsch nicht mehr schreiben. Er zittert, kann bisweilen beim Essen die Gabel nicht halten. Ruckartige Bewegungen können heftige Schmerzen auslösen.
    22.10.-27.12.1960: Krankenhausaufenthalt. Schostakowitsch hatte während der Hochzeitsfeierlichkeiten seines Sohnes einen wohl krankheitsbedingten Schwächeanfall, war gestürzt und hatte sich ein Bein gebrochen. Ein komplizierter Bruch. Fortan hinkt Schostakowitsch und fällt ihm das Gehen schwer.
    21.01.-Anfang Februar 1961: Krankenhausaufenthalt
    06.-26.01.1965: Krankenhausaufenthalt
    28.05.-August 1966: Herzinfarkt mit anschließendem Krankenhausaufenthalt. Seitdem unter ständiger ärztlicher Betreuung
    Dezember 1966: Krankenhausaufenthalt
    06.09.-12.10.1967 Krankenhausaufenthalt; im Krankenhaus (!) erneuter komplizierter Beinbruch
    18.10.-07.11.1967: Krankenhausaufenthalt
    13.11.-29.12.1967: Krankenhausaufenthalt.
    13.01.-12.02.1969 Krankenhausaufenthalt
    12.11.-22.12.1969 Krankenhausaufenthalt
    25.02.-09.06.1970: Krankenhausaufenthalt
    27.08.-1.11.1970: Krankenhausaufenthalt
    03.-27.06.1971: Krankenhausaufenthalt
    17..09.-26.12.1971: Krankenhausaufenthalt nach 2. Herzinfarkt
    03.12.1972-07.02.1973: Krankenhausaufenthalt
    06.-27.12.1973: Krankenhausaufenthalt
    05.-29.05.1974: Krankenhausaufenthalt
    09.06.-01.08.1975: Krankenhausaufenthalt
    ab. 04.08.1975: Krankenhausaufenthalt, dort am
    09.08.1975: Tod nach Herzinfarkt


    Größtenteils während des Krankenhausaufenthalts von Januar bis Februar 1969 hat Schostakowitsch die 14. Sinfonie komponiert. In dem Brief an seinen Freund Glikman vom 19.03.1969 teilt er hierzu mit:


    „Geschrieben habe ich sehr schnell. Ich fürchtete, dass mir während der Arbeit an der 14. Symphonie irgendetwas zustößt, zum Beispiel die rechte Hand hört endgültig auf zu funktionieren, ich erblinde plötzlich u. dgl. Diese Gedanken haben mich ganz schön gequält. Aber es ist alles gut ausgegangen. Die Hand funktioniert irgendwie, die Augen sehen.“


    Im selben Brief heißt es zuvor zur Stoffauswahl:


    „Die Auswahl der Gedichte wurde durch folgenden Umstand veranlasst: Es kam mir in den Sinn, dass es ewige Themen gibt, ewige Probleme. Darunter die Liebe und den Tod. Den Fragen der Liebe habe ich meine Aufmerksamkeit zum Beispiel in der „Kreutzersonate“ nach den Worten Sascha Tschornys gewidmet [Glikman merkt an, dass das humoristisch gemeint sei]. Mit Fragen des Todes habe ich mich noch nicht beschäftigt. AM Abend bevor ich ins Krankenhaus gegangen bin, habe ich mir die „Lieder und Tänze des Todes“ von Mussorgski angehört, und da war der Gedanke, mich mit dem Tod zu beschäftigen, endgültig gereift.“


    Gewidmet ist die Sinfonie Benjamin Britten, mit dem Schostakowitsch eine Komponistenfreundschaft unterhielt. Britten hatte Schostakowitsch im Jahr zuvor „The Prodigal Son“ gewidmet.


    Barshai, der Uraufführungsdirigent, der Schostakowitsch bereits seit Ende der Vierziger Jahre kannte, berichtet in einem von Wernli geführten und in dessen Buch (s. u.) wiedergegebenen Interview auf die Frage, ob er Näheres über die Widmung wisse: „Normalerweise hat er [Schostakowitsch] seine Werke immer Interpreten gewidmet. Als er mir die Vierzehnte vorspielte, sagte er beinahe entschuldigend zu mir: „Britten hat mir sein neuestes Werk gewidmet, ich muss antworten.“


    Tatsächlich lassen sich aber noch weitere Bezüge zu Britten als nur die Widmung finden. Der Dirigent Griffiths weist darauf hin, dass die Besetzung der 14. Sinfonie für Schostakowitsch untypisch sei und eher Brittens Usancen entspreche (z. B. in Les Illuminations op. 18, Serenade op. 31 und Nocturne op. 60), außerdem bestünde inhaltlich ein Bezug zu den mit Dämmerung und Abschied zu tun habenden Nocturnes und Serenade, ernsten und traurigen Werken voller Verzweiflung. Die englische Musikwissenschaft hat herausgearbeitet, dass vor allem der 9. Satz „O Delwig“ eine direkte Hommage an Britten sei und der Wechsel vom zornigen Ende des 8. Satzes in die ruhige Welt des 9. sich als freundlicher Gruß Schostakowitschs in der Manier Brittens auffassen lasse. Bestärkt wird diese Auffassung dadurch, dass Schostakowitsch Britten, als er ihn 1972 in England besucht hat, ein Porträt von Anton Delwig geschenkt hat, welches seither in Brittens Haus hing (so Wernli, S. 47).


    Immer wieder wird die auffällige Besetzung genannt, kommt man auf die Besonderheiten dieser Sinfonie zu sprechen. Hierzu ist es gut zu wissen, dass Schostakowitsch das Werk von Anfang an für die spätere Besetzung vorgesehen hat. Schostakowitschs schreibt Glikman am 01.02.1969:


    „Ich schreibe zur Zeit ein Oratorium für Sopran, Baß und Kammerorchester (das Barshaische) nach Texten von Frederico Lorca, Guillaume Apollinaire, Rainer Maria Rilke und Wilhelm Küchelbeker.“


    Zweierlei ist an dem Inhalt dieses Briefs bemerkenswert. Erstens: Schostakowitsch hat das Werk ursprünglich überhaupt nicht als Sinfonie gesehen, sondern als Oratorium. Erst nahe der Beendigung der Komposition hat Schostakowitsch entschieden, das Werk Sinfonie zu nennen (Das Sikorski-Werkverzeichnis nennt als Kompositionszeitraum den 21.01. bis 02.03.1969, bereits am 16.02.08 war aber der Klavierauszug fertig). Im Brief vom 19.03.1969 teilt Schostakowitsch Glikman mit, dass der Entscheid, das Werk Sinfonie zu nennen, gefallen sei. Im Brief vom 17.02.1969 war Schostakowitsch noch unsicher gewesen: Oratorium gehe mangels Chores nicht, Symphonie gehe vermutlich auch nicht). Zweitens: Das Werk war von Anfang an für Barshais damaliges Kammerorchester (das Moskauer Kammerorchester wurde 1955 gegründet, Barshai hat es bis 1976 geleitet) konzipiert, nicht für ein Sinfonieorchester. Nicht also hatte Schostakowitsch eine Werkidee und hat sich irgendwann später überlegt, für welche Besetzung er es orchestrieren soll, sondern Schostakowitsch hatte von Anfang an das konkrete Kammerorchester vor Augen. Barshai hat zu diesem Punkt in dem o. g. Interview geäußert:


    „Die Besetzung entspricht derjenigen, die mein Ensemble damals hatte – für dieses hat er die Symphonie ja geschrieben. Er fragte mich noch, wie viele Kontrabässe zum Ensemble gehörten; es gab nur einen, und er wollte wissen, ob nicht auch zwei möglich wären.“


    Daraus, dass Schostakowitsch für Barshais Ensemble komponiert hat, erklärt sich auch das beim ersten Hinsehen verblüffende Faktum, dass die Sinfonie nur für ein Streichorchester plus Schlagzeug komponiert worden ist, Bläser also nicht vorkommen – und das, obwohl Schostakowitsch gerade für das Thema des Todes, des Leids immer wieder dunkle Holzbläser verwendet hat.


    Abschließend noch ein Hinweis zur Vertiefung: Normalerweise muss man sich die Informationen zu einem Werk von Schostakowitsch aus verschiedenen Büchern zusammensuchen (Meyer, Glikman, Wolkow usw.). Im Falle der Sinfonie Nr. 14 jedoch hat das Andreas Wernli bereits getan. Sein Einführungs-Buch zur Sinfonie 14, in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Kammerorchester entstanden, ist hervorragend gelungen. Auf 144 hochinteressanten, für musikalisch interessierte Laien geschriebenen und leicht zu lesenden Seiten erfährt man Näheres über die Biographie Schostakowitschs (notwendig kurz), die Entstehung der Sinfonie, über die Frage der Gattungseinordnung, die Besetzung, die verwendeten Instrumente, (leider nur weniges über) die Gedichte und vieles mehr. Enthalten sind zudem ein Beitrag W. Rihms und Interviews zur Sinfonie mit Barshai und Griffiths, der die dem Buch als CD beigefügte Aufnahme (!) dirigiert hat. In einem „Hördurchgang“ erläutert Wernli auf über 30 Seiten im Einzelnen und allgemeinverständlich das musikalische Geschehen, wobei er ständig konkrete Zeitangaben zum Auffinden der Stelle auf der beiliegenden CD macht.


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    Viele Grüße
    Thomas

  • Vorab sei darauf hingewiesen, dass wenn nicht die Gedichte selbst jedenfalls in den meisten Fällen die Übersetzungen der Gedichte urheberrechtlich geschützt sein dürften. Daher sehe ich davon ab, die Gedichte hier komplett wiederzugeben – sie dürften ohnehin jedem zur Verfügung stehen.


    Das Gedicht "De Profundis" stammt von Frederico Garica Lorca. Garcia Lorca (geboren 1998, gestorben 1936) ist nach Knaurs Lexikon der Weltliteratur die bedeutendste Persönlichkeit der modernen spanischen Literatur. Von ihm stammt auch das in Satz 2 vertonte Gedicht.


    Das Blättern in Kindlers Neuem Literaturlexikon ergibt, dass sich das Motiv Erlösung im Tod bei Garcia Lorca mehrfach findet: Zu „In seinem Garten liebt Don Perlimplin Belisa“ heißt es, dass Don Perlimplin den imaginären Liebhaber töten müsse, da nur sein Tod ihm die Gewissheit gebe, dass Belisa ihn, Don Perlimplin, ewig lieben werde. Weil er aber Belisas Liebesnansprüchen nicht genügen kann, tötet Don Perlimplin sich selbst. Wie in anderen Stücken Lorcas sei die Liebe nur im Tod oder in der Aufopferung bis zum Tod möglich und eigentlich in der Wirklichkeit nicht zu realisieren. Warum dies so ist, erfährt der Leser z. B. in „Bernarda Albas Haus“ - nach dem Untertitel einer Frauentragödie in spanischen Dörfern. In diesem Werk äußert Garcia Lorca scharfe Gesellschaftskritik mittels der Darstellung sozialer Klassenunterschiede anhand der konkreten Situation der Frau in einer von obsoleten Ehrengesetzen und moralischen Normen beherrschten Gesellschaft.


    „De Profundis“ stammt – wie auch „Malaguena“ aus dem Gedichtzyklus „Poema del Cante Jonde (zum Canto Jondo vgl.: "http://en.wikipedia.org/wiki/Cante_jondo"). Der 1931 erschienene Zyklus war laut dem Kindler-Lexikon bereits vollendet, als Garcia Lorca sich gemeinsam mit De Falla 1922 an der Vorbereitung eines Cante Jondo-Wettbewerbs beteiligt hat. Garcia hat erklärt, er wolle den Leser in die entlegenen Länder des Schmerzes entführen. Nicht nur, aber auch ist Gegenstand der Gedichte die lastende schicksalsschwere Traurigkeit und Allgegenwart des Todes.


    Der Titel „De Profundis“ entstammt der Bibel, Psalm 130: „Aus der Tiefe, Herr, rufe ich zu dir“. Auch dort geht es um Erlösung, wenn es am Ende heißt: „Denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm. Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.“


    Wie ist das Gedicht vor diesem Hintergrund zu verstehen? Mein Vorschlag lautet:


    Einhundert heiß Verliebte schlafen für immer, heißt es in dem Gedicht. Hundert Kreuze mahnen zur Erinnerung. Liebende sind tot, offenbar im Friedhof (es gibt Gräber und Kreuze). Allerdings ist nicht nur ein bestimmtes Paar tot, sondern sind es einhundert. Es geht somit nicht um ein konkretes Geschehen, sondern um Verallgemeinerung, Die Zahl Einhundert steht für die durchaus unbestimmte Vielzahl der Betroffenen. Angesichts dessen liegt der Gedanke nahe, dass Liebe erst und somit nur im Tod möglich ist (Assoziation: Romeo und Julia). Die Toten liegen unter der roten Erde. Rot ist die Farbe des Blutes – blutgetränkte Erde – und der Liebe. Schuld an dem Tod haben die Überlebenden, hat die Gesellschaft – ebendeshalb werden die Überlebenden gemahnt, dass sie sie nicht vergessen. Im Titel ist der Erlösungsgedanke dargetan. Allerdings findet er im Text keinen Widerklang. Die Toten rufen, aber sie erhalten keine Antwort. Sie schlafen für immer.


    Musikalisch greift Schostakowitsch den Titel auf, indem er beim ersten Einsatz der Stimme ein verlangsamtes Dies irae-Zitat anbringt.


    Langsam, leiste und trostlos – unheilsschwanger wie nach einer Schlacht – beginnt die Sinfonie. Erschütternd klingt die Fahlheit der Musik. Mir ist manches Mal, als könnte ich den Tod riechen. Das mehrfache Wiederaufgreifen der vergleichsweise monotonen Melodie ruft das Gefühl von Zeitlosigkeit im Sinne von Aus-der-Zeit.gefallen-sein hervor. Leere breitet sich aus. Das Leben ist erstickt.


    Die Besetzung des Liedes lautet: Violinen, Bratschen, Kontrabässe; Bass

  • Übrigens habe ich das Gedicht lange Jahre ganz anders verstanden. (Fehl?)Geleitet von der Prämisse, dass Schostakowitsch, wenn er sich leidvoll dem Tod widmet, immer an die Oper des Stalinregimes denkt, habe ich die Verliebten als von Stalin - und seinen Scherge - Getötete gesehen. Assoziiert habe ich keinen Friedhof, sondern - wie in dem Film Spartacus zu sehen - an der Straße Aufgeknüpfte (einen konkreten Anlass für diese bildhafte Assoziation hatte ich nie).


    Tatsächlich ist nicht von verliebten Paaren, sondern nur von Verliebten die Rede. Es kann sich also auch um Einzelpersonen handelt. Das Objekt ihrer Liebe wird ebenfalls nicht genannt. Es muss keine Frau bzw. kein Mann sein - dagegen spricht m. E. sogar das Wort "heiß", Paare sind i. d. R. nicht lange heiß verliebt -, sondern das Objekt der Liebe kann z. B. auch die Kunst sein. Auf diese Weise symbolisch verstanden bekommt das Gedicht einen ganz anderen Sinn. Ganz unterschiedlich ist insbesondere wird das Verständnis des Tötungsvorgangs. Bei der o. g. Auffassung ist eine Selbststötung nicht nur möglich, sondern angesichts des Erfüllungsgedanken - Stichwort: Weltflucht - sehr wahrscheinlich. Bei der hier genannten Auffassung sind die Liebenden gewaltsam getötet, ermordet worden.


    Weiß übrigens jemand, wofür das Bild vom grünen Olivenbaum steht? Handelt es sich dabei um ein festes Symbol in der spanischen Dichtung?

  • Zitat

    Original von ThomasNorderstedt
    Erstens: Schostakowitsch hat das Werk ursprünglich überhaupt nicht als Sinfonie gesehen, sondern als Oratorium. Erst nahe der Beendigung der Komposition hat Schostakowitsch entschieden, das Werk Sinfonie zu nennen (Das Sikorski-Werkverzeichnis nennt als Kompositionszeitraum den 21.01. bis 02.03.1969, bereits am 16.02.08 war aber der Klavierauszug fertig). Im Brief vom 19.03.1969 teilt Schostakowitsch Glikman mit, dass der Entscheid, das Werk Sinfonie zu nennen, gefallen sei. Im Brief vom 17.02.1969 war Schostakowitsch noch unsicher gewesen: Oratorium gehe mangels Chores nicht, Symphonie gehe vermutlich auch nicht). Zweitens: Das Werk war von Anfang an für Barshais damaliges Kammerorchester (das Moskauer Kammerorchester wurde 1955 gegründet, Barshai hat es bis 1976 geleitet) konzipiert, nicht für ein Sinfonieorchester.


    Lieber Thomas,


    letztlich hat Schostakowitsch das Werk aber unter seine Sinfonien eingereiht - und das mit gutem Grund. Die kammerorchestrale Besetzung spricht kaum gegen die Zuordnung zur Gattung, ist doch gerade im 20. Jahrhundert die "Kammersinfonie" (für sehr unterschiedliche Besetzungen) eine gebräuchliche Form. Zudem gab es ein Werk, das Schostakowitsch schätzte wie wenige andere der Musikgeschichte und das ebenfalls Lieder zu einer "Sinfonie" vereinte: Mahlers Lied von der Erde.



    Zitat

    Original von ThomasNorderstedt
    [...] handelt es sich doch bei der von Schostakowitsch selbst so bezeichneten 14. Sinfonie bei Lichte besehen nicht um eine Sinfonie, sondern um einen Zyklus von elf Liedern für Bass und Sopran mit kammerorchestraler, zuweilen sogar nur solistischer Begleitung (deshalb eröffne ich den Thread einfach mal ganz frech im Kunstlied-Forum).


    Ich behaupte das Gegenteil: Schostakowitschs 14. Sinfonie erfüllt viel stärker die Gesetze der Gattung als etwa Mahlers LvdE oder Zemlinskys Lyrische Sinfonie. Vor längerer Zeit habe ich mal eine entsprechende Analyse gelesen (leider weiß ich nicht mehr genau, wo und von wem) und hörend nachvollzogen. Im Internet kann man aber in einem Programmheft der Berliner Philharmoniker ähnliche Ausführungen finden. Danach lässt sich im Werk durchaus ein viersätziges Schema erkennen: mit den Liedern 1+2 als Exposition der zwei Themen eines Sonatensatzes, 3 als Durchführung, 4 als Reprise. Darauf 5+6 als Scherzo, 7-9 als dreiteiliger langsamer Satz mit schnellem Mittelteil, und 10-11 als auch thematisch zusammenfassendes Finale.


    Auch wenn man diesem formalen Korsett nicht in allen Punkten folgen will: es ist nicht zu bestreiten, dass Schostakowitsch in hohem Maße musikalisch-thematische Zusammenhänge zwischen den Liedern stiftet, die weit über das in einem Liedzyklus Gewohnte hinausgehen. Wir werden im Verlauf des Threads sicher darauf zu sprechen kommen.



    Viele Grüße


    Bernd



    PS: Ich will ja nicht schon wieder nerven, aber könnte es sein, dass der Thread mehr wahrgenommen würde, wenn er unter "Klassische Instrumentalaufnahmen" stünde - wie z.B. auch der zu Mahlers LvdE?

  • Lieber Bernd


    „Im 20. Jhd. entstehen zahlreiche Symphonien für großes oder für Kammerorchester, doch realisieren sie alle Inidivuallösungen weit außerhalb des durch die Klassik geprägten Gattungsbegriffs Symphonie“, heißt es im DTV-Atlas zur Musik. Ja, bei einem solch weiten Verständnis spricht nichts dagegen, auch Schostakowitsch op. 135 als Symphonie zu sehen – Schostakowitsch selbst hat es getan, das dürfte das stärkste Argument sein. Doch stellen wir uns versuchsweise vor, Schostakowitsch hätte das Werk nicht Symphonie genannt, sondern nur „Elf Lieder über den Tod“. Wäre dann jemand auf die Idee gekommen, dass es sich formal um eine Symphonie handelt? Ich meine, nein, sondern man hätte das Werk vermutlich nur den anderen großen Orchester-Vokalwerken „Aus jüdischer Volkspoesie“ und „Michelangelo-Suite“ an die Seite gestellt.


    Die Erkennbarkeit eines viersätzigen Schemas bestätigt allerdings auch Griffiths in seinem Beitrag zum Buch von Wernli (S. 90): „… obschon sich die elf zum Teil kurzen Sätze durchaus zu übergeordneten Einheiten zusammenfassen lassen, die an die vier traditionellen Symphoniesätze erinnern: Nr. 1 bis Ende Nr. 4 wäre der erste Teil; der zweite Teil die Nr. 5 und 6; der dritte Nr. 7 und 8; und der vierte Nr. 9 bis 11.“ Danach ergibt sich die Gruppierung: (1, 2, 3, 4) – (5, 6) – (7, 8 ) – (9, 10, 11).


    Ich kann mir aber nicht helfen, auf mich wirken die Versuche, die 14. Symphonie in das Korsett der klassischen Viersätzigkeit zu stecken, gewollt und aufgepfropft. Im Einzelnen nachgehen und somit die These der Viersätzigkeit ernsthaft hinterfragen kann man den musikalisch-thematischen Zusammenhängen allerdings nur im Wege der Partituranalyse. Solche können wir hier nicht leisten – mein musiktheoretisches Wissen dürfte dafür ohnehin wohl nicht genügen. Nach Möglichkeit werde ich aber wie von dir angesprochen auf einige von ihnen gleichwohl zu sprechen kommen.


    Untersucht man allerdings die Zusammenhänge der elf Sätze, bietet es sich an, zunächst an Naheliegenderes als die versteckte Viersätzigkeit zu denken:


    Zunächst fällt auf, dass zwischen manchen Sätze Pausen sind, zwischen anderen aber nicht (Auf die unterschiedliche Gestaltung der Pausen und Übergänge möchte ich hier nicht eingeehen). Schostakowitsch hielt das in dem Brief vom 19.03.1969 an Glikman für mitteilenswert. Er schreibt: „Ich möchte dir noch mitteilen, dass Nr. 2, 3 und 4 ohne Pause laufen, Nr. 6 und 7 ohne Pause laufen, Nr. 8 und 9 ohne Pause laufen, Nr. 10 und 11 ohne Pause laufen“, fügt allerdings hinzu: „Das erklärt kaum irgend etwas, aber trotzdem, irgendwie wollte ich, dass du genauere Kenntnis davon hast.“ Danach ergibt sich die Gruppierung: (1) – (2, 3, 4) – (5) – (6, 7) – (8, 9) – (10, 11). Sie unterscheidet sich deutlich von der Viersätzigkeit-Gruppierung. Wenn aber Schostakowitsch tatsächlich das Modell der Viersätzigkeit verwandt hätte, hätte es dann nicht nahe gelegen, die nach diesem Modell zusammenhängenden Sätze ohne Pausen zu verbinden?


    Als nächstes fällt auf, dass Schostakowitsch die Gedichte nach Dichtern gruppiert hat: Als erstes kommen die zwei Gedichte Garcia Lorcas, dann die sechs (!) Gedichte Apollinaires, dann das eine Gedicht von Küchelbeker, schließlich die beiden von Rilke. Daraus ergibt sich die Gruppierung: (1, 2) – (3, 4, 5, 6, 7, 8 ) – (9) – (10, 11).


    Gruppieren lassen sich die Gedichte überdies nach dem Stimmungsgehalt (hier gebe ich die Ausführungen von Wernli wieder, S. 55): In den Sätzen 1, 4, 7, 9, 10 gibt es ruhige, dunkle Stimmungen von Trauer und Resignation, zwar mit Gefühlsausbrüchen, aber immer wieder zurücksinkend ins Dunkel. Die Sätze 2, 5, 6, 8, 11 sind hingegen mit Energien von Schrecken, Hohn oder Wut aufgeladen. Der Satz 3 steht in diesem Zusammenhang als dramatische Szene für sich. Wernli weist darauf hin, dass die nach lauter werdenden Tonwiederholungen plötzlich abbrechenden Schlüsse von 2, 8, 11 einerseits und die verdämmernden der Sätze 1, 4, 7, 9 diese Gruppierung unterstützen. Gemeinsamkeiten gebe es auch bei den Anfängen der Sätze 1, 4, 10.


    K. Meyer äußert in seiner Biographie demgegenüber die Auffassung, die Episoden ließen sich zu fünf Gruppen verbinden und nennt: (1) – (2, 3, 4) – (5, 6, 7) – (8, 9) – (10, 11). Diese Gruppierung entspricht im Wesentlichen der oben anhand der Pausen vorgenommenen.


    Mir ist die Gruppierung letztlich unwichtig. Einigkeit besteht darüber, dass das Werk als Ganzes wahrgenommen werden kann. Wernli meint treffend (S. 56), das habe sowohl mit den Stimmungswechseln wie mit den Übergängen zu tun. Die große Klammer aber bleibt die gemeinsame Thematik.


    Abschließend noch ein Wort zur Platzierung dieses Threads. Ja, ich habe ein wenig darüber nachgedacht, wohin dieser Thread gehört. Ein klassische Instrumentalaufnahme ist die Sinfonie sicher nicht. Ebenso wenig wollte ich den Thread unter Allgemeine Klassikthemen einordnen. Als besten Ort sah und sehe ich daher das Kunstliedforum, zumal dieses mir sehr sympathische Unterforum ohnehin ein wenig Zulauf vertragen kann.


    Viele Grüße
    Thomas

  • Hallo!


    Gestern hatte ich bei ThomasBernhard die Symphonie das erste Mal gehört und war gleich beeindruckt. Das Werk wird sicher einer meiner Favoriten von Schostakowitsch werden.
    Inzwischen ist die Järvi-Aufnahme bei mir eingetroffen, zudem habe ich von TB die Haitink- und die Rozhdestvensky-Aufnahme mitgenommen, so daß ich das ein oder andere Lied in verschiedenen Interpretationen vergleichen werde.
    TB hat sich zudem freudig bereiterklärt, mit den bei ihm verbliebenen Aufnahmen (Järvi, Jansons, Barshai) hier ebnfalls Eindrücke aus einem vergleichenden Hören zu posten. :hello:


    Zur Einordnung im Tamino-Forum: Ich würde den thread aus rein pragmatischen Gründen eher im Unterforum für Klassische Instrumentalaufnahmen ansiedeln, da man (auch ich) eher dort ein als Schostakowitsch-Synphonie bezeichnetes Werk suchen würde.


    Apollinaire und Rilke sind ja schon tot genug, so daß die originalen Gedichts-Texte hier als Ergänzung eingestellt werden können. Gilt das auch für Garcia Lorca (gest. 1936) ?


    Mit der Interpretation der Garcia-Lorca-Gedichte habe ich auch Schwierigkeiten.
    Aber


    Zitat

    Tatsächlich ist nicht von verliebten Paaren, sondern nur von Verliebten die Rede. Es kann sich also auch um Einzelpersonen handelt. Das Objekt ihrer Liebe wird ebenfalls nicht genannt. Es muss keine Frau bzw. kein Mann sein - dagegen spricht m. E. sogar das Wort "heiß", Paare sind i. d. R. nicht lange heiß verliebt


    das sehe ich anders. Es kann sich IMO sehr wohl um die Liebe zwischen Menschen handeln. Allerdings finde ich, da Garcia Lorca das Objekt der Liebe nicht erwähnt, ist vielleicht von einem abstrakten Liebes-Begriff (bzw. in der konkreten Welt dann sowohl solche, die in Frauen verliebt sind als auch solche, die Ideen, Staaten etc. lieben) bzw. dem Archetyp des Liebenden auszugehen. Dafür spricht IMO der zeitlose Rahmen des Gedichts, der dann auch mit dem Wort "ewig" untermauert wird.


    Zitat

    Bei der o. g. Auffassung ist eine Selbststötung nicht nur möglich, sondern angesichts des Erfüllungsgedanken - Stichwort: Weltflucht - sehr wahrscheinlich.


    Ich sehe keinerlei Hinweis, daß es um Selbstmorde geht. IMO hätte Garcia Lorca das dann auch direkter formuliert.


    Zitat

    (Fehl?)Geleitet von der Prämisse, dass Schostakowitsch, wenn er sich leidvoll dem Tod widmet, immer an die Oper des Stalinregimes denkt, habe ich die Verliebten als von Stalin - und seinen Scherge - Getötete gesehen.


    Ich kann mir aber vorstellen, daß Garcia Lorca beim Dichten vom Spanischen Bürgerkreig beeinflußt war. Weiß jemand, aus welchem Jahr das Gedicht ist?


    Zitat

    Weiß übrigens jemand, wofür das Bild vom grünen Olivenbaum steht? Handelt es sich dabei um ein festes Symbol in der spanischen Dichtung?


    Tja, Olivenbäume sind in Spanien Allerweltsbäume, insbesonder im Süden (das Gedicht handelt ja in Andalusien). Interessanter finde ich, ob Cordoba eine konkrete Bedeutung hat.
    Wenn ich mal Zeit habe, google ich mal auf Spanisch danach nach.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Lieber Thomas,


    wie gesagt - man muss nicht allzu schematisch einteilen und auf Viersätzigkeit bestehen, die Abgrenzung zwischen dem "dritten" langsamen Satz und dem "Finale" scheint mir auch unklar zu sein. Dass sich allerdings die ersten vier Lieder ziemlich deutlich zu einer Sonatensatzform zusammenfassen lassen, scheint mir evident - das kann man sogar ohne Partitur hören. Auch 5+6 als Scherzo mit der Xylophon-Klammer kann ich ohne weiteres nachvollziehen. Ob man's als "Finale" auffasst oder nicht: 10 hat ganz deutlich wiederum Reprisen-Charakter - und solche Strukturierungsmerkmale zeigen doch einen übergreifenden formalen Bogen an, den man nicht "sinfonisch" nennen muss, aber kann - und Schostakowitsch hat sich dafür entschieden.


    Dass sich verschiedene "Gliederungen" überlagern, muss ja keinen Widerspruch bedeuten (die mit Pausen getrennten Abschnitte, die "Dichterblöcke", die evtl. viersätzige sinfonische Form), sondern ist eher Anzeichen formaler Komplexität bzw. Vieldeutigkeit. So wie man sich auch nicht kategorisch zwischen "Liedzyklus" und "Sinfonie" entscheiden muss, sondern gerade die Stellung des Werkes zwischen den Gattungen interessant ist.



    Zitat

    Original von ThomasNorderstedt
    Doch stellen wir uns versuchsweise vor, Schostakowitsch hätte das Werk nicht Symphonie genannt, sondern nur „Elf Lieder über den Tod“. Wäre dann jemand auf die Idee gekommen, dass es sich formal um eine Symphonie handelt?


    Im 20. Jahrhundert gibt es einige Sinfonien, die man kaum als solche bezeichnen würde, wenn sie nicht vom Komponisten als solche ausgewiesen wären, angefangen mit dem erwähnten Lied von der Erde. Auch Schostakowitschs zweite Sinfonie könnte man zu dieser Kategorie rechnen. Und natürlich die Dreizehnte, auch diese ein Zyklus von Liedern bzw. Vokalsätzen!



    Viele Grüße


    Bernd


  • Lorca wurde schon ziemlich am Anfang des Krieges (August 1936) von den spanischen Faschisten umgebracht, ich vermute mal, daß das Gedicht älter ist (finde aber gerade nichts Genaueres, aus welcher der Sammlungen es stammt).


    Zitat

    Tja, Olivenbäume sind in Spanien Allerweltsbäume, insbesonder im Süden (das Gedicht handelt ja in Andalusien). Interessanter finde ich, ob Cordoba eine konkrete Bedeutung hat.
    Wenn ich mal Zeit habe, google ich mal auf Spanisch danach nach.


    Tod, Cordoba, Olivenbäume, Gitarren usw. kommen bei Lorca ständig vor. ;) Ich kann nicht beurteilen, ob es sich hier um feste Symbole handelt, vermute eher, daß damit auch gespielt wird. Zwar sind die Evokationen der Landschaft, der Zigeunerromantik und Volksmusik usw. nicht ironisch gemeint, aber das Ganze wirkt auf mich eher surrealistisch und stimmungsbildhaft, nicht wie eine einheitliche Symbolik. Der Ölbaum ist darüberhinaus bekanntlich ja auch ein biblisches Bild und "De Profundis" der Beginn des Psalms 130, traditionelle Totenklage.


    Der Originaltext ist hier


    (von "heiß" ist da z.B. gar nicht die Rede, das Gedicht wirkt auf mich im Original wesentlich lakonischer als in der dt. Übersetzung (im Beiheft bei Janssons), russisch kann ich nicht. Sie fallen nicht in Schlaf, sondern schlafen, von Staub ist keine Rede, sondern schlicht von langen roten Wegen usw.)


    Edit: Die deutsche Übersetzung in diesem Booklet ist nicht die von Thomas genannte, aber es scheint immer (sinnvollerweise) aus dem russischen Gesangestext übersetzt, nicht aus dem Original. Auch ohne russisch zu können, kann man das halbwegs erkennen.



    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • "De Profundis" stammt aus der Gedichtsammlung "POEMA DEL CANTE JONDO" von 1931. Die naheliegende Bürgerkriegsassoziation hatte ich auch gleich, aber siehe da: fünf Jahre zu früh.


    Da die Siebzigjahresfrist abgelaufen ist, stelle ich das Gedicht doch mal rein, das macht die Diskussion sicher einfacher. Ich füge eine eigene (Roh-)Übersetzung bei. Lorca dichtet so schön einfach; das klappt auch Jahre nach dem Romanistikstudium noch...



    Los cien enamorados
    duermen para siempre
    bajo la tierra seca.


    Andalucía tiene
    largos caminos rojos.
    Córdoba, olivos verdes
    donde poner cien cruces
    que los recuerden.


    Los cien enamorados
    duermen para siempre.



    Die hundert Verliebten
    schlafen für immer
    unter der trockenen Erde.


    Andalusien hat
    lange rote Wege.
    Córdoba (hat) grüne Olivenbäume
    wo man hundert Kreuze aufstellen kann,
    die an sie erinnern.


    Die hundert Verliebten
    schlafen für immer.



    "Enamorados" kann, soweit ich weiß, sowohl "verliebte Paare" als auch "verliebte Jungs" meinen. Meine Assoziation war (wie gesagt auf den Bürgerkrieg bezogen): er spricht von "Verliebten" anstatt von "Soldaten" oder "jungen Männern", um zu unterstreichen, dass sie in der Blüte ihres Lebens gestorben sind. Nach der Information, dass das Gedicht Jahre vor dem Bürgerkrieg entstand, erscheinen mir die verliebten Paare passender.


    Grüße,
    Micha


    der hoffentlich heute nachmittag dazu kommt, sich das Werk auch anzuhören

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  • Ich kenne die Sinfonie Nr. 14 noch nicht, werde aber immer gespannter auf das Werk, je mehr ich hier mitlese, so dass ich meine Lücke sicherlich möglichst kurzfristig schließen werde.


    Und danke an Michael für die Übersetzung und die Erläuterungen zu "De Profundis". Ich verstehe leider im Spanischen nicht alles und muss vieles nachschauen, bin aber ein großer Bewunderer der so einfach wirkenden und doch so ausdrucksvollen poetischen Sprache García Lorcas.


    Zitat

    Original von Pius:


    Interessanter finde ich, ob Cordoba eine konkrete Bedeutung hat.


    Meiner von Ian Gibson verfassten Biographie (Federico García Lorca. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bernhard Straub, 1999 bei suhrkamp erschienen, S. 76/77) entnehme ich, dass zumindest für den Dichter der Ort Córdoba sehr stark mit dem Thema des Todes verbunden war.


    Im Jahre 1916 unternahm García Lorca eine Studienreise, die ihn u.a. auch nach Córdoba führte. Besonders stark beeindruckte ihn eine Ausstellung der Ölbilder des Malers Juan Valdés Leal wegen der in ihnen zum Ausdruck kommenden "Todesobsession" (insbesondere das Bild Finis Gloriae Mundi).


    Und im Sommer 1935 traf García Lorca in Córdoba auf Fernando Vázquez Ocana, dem Herausgeber der Zeitung El Sur. Als dieser ihn auf seine "Besessenheit" von dem Gedanken an den Tod ansprach, antwortete der Dichter:


    "Ich kann nicht anders. Ich bin wie ein Glühwürmchen im Gras, voller Angst vor dem schrecklichen Fuß, der es zertritt." (Gibson: Federico Gárcia Lorca, S. 548 ).


    "Córdoba" scheint hier also eher eine individuelle Chiffre für den Tod zu sein.


    Liebe Grüße
    Petra

  • Ich habe Lorcas De profundis auch immer fälschlicherweise auf den Bürgerkrieg bezogen. Soweit ich sehe - Thomas referiert das ja auch in seinem Beitrag - ist das Gedicht wie ein Großteil des Zyklus POEMA DEL CANTE JONDO nicht erst 1931, sondern sogar schon Anfang der 20er Jahre entstanden und erst ein Jahrzehnt später publiziert worden.


    Da in Lorcas Zyklus immer wieder die Unterdrückung der andalusischen Bevölkerung, insb. der gitanos, durch die Obrigkeit eine Rolle spielt, scheint mir die Assoziation eines gewaltsamen Todes der in der Blüte ihres Lebens stehenden Verliebten nicht gänzlich absurd zu sein. Möglicherweise bezieht sich Lorca sogar auf ein konkretes Ereignis - habe gestern mal versucht, in der Bibliothek was zu finden, was allerdings nur zu Ärger über die unzureichenden, nicht kommentierten Werkausgaben führte. Vielleicht haben wir ja einen Lorca-Spezialisten unter uns?


    Wie Johannes schon sagte: Die Ölbäume sind wie manches andere bei Lorca omnipräsente Zeichen ohne spezifischen Symbolgehalt - ähnlich wie die Mühlräder und rauschenden Bächlein bei Eichendorff. In diesem Gedicht würde ich sie aber zunächst ganz pragmatisch auf die Kreuze beziehen, die man aus den Bäumen schnitzen könnte? Denn - wenn ich mich an Michaels dankenswerter wörtlicher Übersetzung orientiere - die Kreuze werden ja nur im Potentialis erwähnt (man "kann" oder "könnte" die Kreuze aufstellen). Diese Kreuze existieren also nicht, was den Gedanken an ein Massengrab nahelegt. Außerdem wird ein Bezug zum vierten Lied mit Apollinaires Selbstmörder hergestellt: auch dessen Grab ist ja explizit ohne Kreuz. Sowohl auf der Text- wie auf der Musikebene ist also das vierte Lied eine "Reprise" von De profundis.


    Ein Problem, das wir schon aus dem Dichterliebe-Thread kennen, ist von besonderer Bedeutung: Schostakowitschs De profundis ist etwas anderes als Garcia Lorcas De profundis. Das fängt hier schon damit an, dass der Komponist sich wahrscheinlich an der russischen Übersetzung orientiert hat und nicht am Originaltext (ich weiß nicht, ob er Spanisch konnte - eher nicht). Vor allem aber eröffnet das Gedicht im Kontext der Vertonung durch Schostakowitsch ganz andere Horizonte: Wie Thomas bin ich eigentlich dagegen, alle seine Werke immer zwanghaft auf die Verbrechen des Stalinismus zu beziehen. Es ist aber gut möglich, dass Schostakowitsch das Gedicht ähnlich "miss"-verstanden hat wie viele von uns - bzw. dass der Bezug auf Massengräber und politische Verfolgungen nicht "falsch" ist, sondern eine legitime Form der Rezeption. Man könnte über eine Parallele zur 13. Sinfonie spekulieren: Auch diese beginnt ja mit einem Massengrab (der von den Deutschen bei Babi Yar ermordeten Juden), an dem kein Denkmal steht.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Lieber Thomas,


    wie gesagt - man muss nicht allzu schematisch einteilen und auf Viersätzigkeit bestehen, die Abgrenzung zwischen dem "dritten" langsamen Satz und dem "Finale" scheint mir auch unklar zu sein. Dass sich allerdings die ersten vier Lieder ziemlich deutlich zu einer Sonatensatzform zusammenfassen lassen, scheint mir evident - das kann man sogar ohne Partitur hören. Auch 5+6 als Scherzo mit der Xylophon-Klammer kann ich ohne weiteres nachvollziehen. Ob man's als "Finale" auffasst oder nicht: 10 hat ganz deutlich wiederum Reprisen-Charakter - und solche Strukturierungsmerkmale zeigen doch einen übergreifenden formalen Bogen an, den man nicht "sinfonisch" nennen muss, aber kann - und Schostakowitsch hat sich dafür entschieden.


    Dass sich verschiedene "Gliederungen" überlagern, muss ja keinen Widerspruch bedeuten (die mit Pausen getrennten Abschnitte, die "Dichterblöcke", die evtl. viersätzige sinfonische Form), sondern ist eher Anzeichen formaler Komplexität bzw. Vieldeutigkeit. So wie man sich auch nicht kategorisch zwischen "Liedzyklus" und "Sinfonie" entscheiden muss, sondern gerade die Stellung des Werkes zwischen den Gattungen interessant ist.


    Lieber Bernd,


    zwischenzeitlich habe ich deine oben im ersten Absatz stehenden Angaben hörend nachvollzogen. Ja, du hast Recht, man kann die von dir genannten Strukturierungsmerkmale nachhören. An manchen Stellen hakt es für mein Empfinden ein wenig, aber es geht.


    ----


    Allgemein freut es mich sehr, dass Bewegung in den Thread gekommen ist. Und was ich hier schon gelernt habe, wunderbar!


    ---


    Zur Sprache: Ja, Schostakowitsch hat nicht die Gedichte in den Originalsprachen, sondern russische Übersetzugen verwandt (ein Gedicht hat er sogar inhaltlich seinen Wünschen angepasst). Meines Wissens hat Schostakowitsch nur Russisch gesprochen. Er war sich übrigens nicht einmal darüber im Klaren, wie Andalusien ausgesprochen wird. Im Brief vom 19.03.1969 fragt er diesbezüglich Glikman um Rat:

    "Habe ich es richtig gemacht, dass ich im ersten Gedicht so komponiert habe:

    Mit rotem Sand bedeckt
    Sind die Wege Andalusíens.

    D.h. Betonung auf der vorletzten Silbe, und nicht auf der dritten."


    Vielleicht nicht allen bekannt ist, dass auch deutsche Fassungen der Sinfonie Nr. 14 existieren. Schostakowitsch hat die Aufführung in den Nationalsprachen zur besseren Verständlichkeit befürwortet, für die Publikation in Deutschland 1970 sogar die vokale Linie des 10. Gedichts an den deutschen Originaltext angepasst. Eine Version mit den Gedichten in den jeweiligen Sprachen der Dichter fand 1971 ebenfalls die Zustimmung Schostakowitschs. Ich selbst habe die Sinfonie auf CD in einer deutschen Fassung kennen gelernt, was mir den Zugang sehr erleichtert hat (dirigiert von Chung, erschienen bei Koch/Schwann, leider gestrichen; auch Kegel hat die deutsche Fassung eingespielt, soweit ich sehe nur als Paket sehr teuer zu bekommen).


    Viele Grüße
    Thomas

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Schostakowitschs De profundis ist etwas anderes als Garcia Lorcas De profundis. Das fängt hier schon damit an, dass der Komponist sich wahrscheinlich an der russischen Übersetzung orientiert hat und nicht am Originaltext (ich weiß nicht, ob er Spanisch konnte - eher nicht).


    Das ist allerdings wahr. Insofern würden uns genaue Übersetzungen der russischen Übersetzungen sehr viel weiter bringen. Kann das einer?


    Grüße,
    Micha

  • Mein Schulrussisch ist leider allzu eingerostet. Aber die deutsche Fassung, erschienen im Musikverlag Hans Sikorski, übersetzt von Jörg Morgener, ist eine von Schostakowitsch autorisierte Rückübersetzung aus dem Russischen - abgesehen selbstredend von den Rilke-Gedichten.


    Diese Übersetzung ist allerdings urheberrechtlich geschützt. Von ihrer Wiedergabe habe ich daher abgesehen. Sie dürfte aber in den CD-Booklets zu finden sein.


    Unterschiede gibt es. Von wesentlicher Bedeutung scheinen mir diese aber auf den ersten Blick nicht zu sein.


    So heißt es in der deutschen Rückübersetzung z. B.: "Einhundert heiß Verliebte". JR hatte oben bereits darauf hingewiesen, dass das Wort "heiß" im Original nicht vorkommt.


    Viele Grüße
    Thomas

  • Zitat

    Original von Michael M.
    "Enamorados" kann, soweit ich weiß, sowohl "verliebte Paare" als auch "verliebte Jungs" meinen.


    Kann es. Doch wenn es sich um Männlein und Weiblein gemischt handelt, wird die maskuline Endung "os" verwendet (nicht schimpfen, Fairy...).
    Die ausschließlich männlichen Verliebten wären schon arg interpretiert.


    Das "donde poner cien cruces" kann sowohl als "wo man 100 Kreuze aufstellen kann" als auch mit "wo 100 Kreuze aufzustellen sind" übersetzt werden.


    "...que los recuerden" ist subjontivo, also muss es genau genommen heißen: "...die an sie erinnern sollen/mögen"



    audiamus



    .

  • Dem zweiten Satz liegt erneut ein Gedicht von Garcia Lorca zugrunde: Kann der erste Satz noch als Prolog verstanden werden, tritt im zweiten der Tod grauenvoll in Erscheinung.


    Das Gedicht stammt aus derselben o. g. Gedichtsammlung wie „De Profundis“. Eine Malaguena ist ein freier Gesang zur Gitarre im ¾-Takt (s. "http://de.wikipedia.org/wiki/Malagueña") - woraus sich ohne weiteres die Nennung der Gitarre im Gedicht erklärt. Auch in dem Text des 2. Satzes gibt es Änderungen gegenüber dem Originalgedicht: Statt wie in der deutschen Rückübersetzung „finstere Seelen“ ist im Original von Leuten, Gesindel die Rede, in der deutschen Fassung werden Schatten durchschritten, im Original tiefe Wege. Mit dem Satz des Originals: „Es riecht nach Salz und Weiberblut in den fiebrigen Narden der Meeresküste“ (Übersetzung von Wernli) war Schostakowitsch nicht einverstanden, wie er Glikman im Brief vom 19.03.1969 schreibt: „In dem Gedicht „Malaguna“ habe ich die Worte „Sie dufteten nach Salz und Frauenblut“ ersetzt durch: „Sie dufteten nach Salz und heißem Blut.“ „Frauenblut“ könnte bei Kennern der Poesie vom Typ N. I. Pejkos menstrual-gynäkologische Assoziationen hervorrufen.“ Glikman merkt dazu an, das sei ironisch gemeint, Pejko habe in snobistischer Weise auf die Verse der 13. Sinfonie reagiert.


    Musikalisch steht der zweite Satz im scharfen Kontrast zum ersten. K. Meyer beschreibt ihn so (S. 488 der gebundenen Ausgabe von 1995): „Der scharfe, nervöse Rhythmus und das unheilverheißende Klappern der Kastagnetten rufen die Vision eines Totentanzes hervor. Der emotional äußerst angespannte Sopranpart mit der hartnäckigen Wiederholung des Satzes „Es kommt der Tod und geht, und kommt und geht, und kommt und geht“ sowie den geheimnisvollen Quart- und Quintintervallen der Violoncelli und Kontrabässe erzeugt eine Atmosphäre des Grauens. Die „Gitarren“-Akkorde der Streicher und das Klappern der Kastagnetten erinnern an eine spanische Musikgruppe, die zum Tanz aufspielt, eben der Malaguena.“ Und Wernli (S. 97) fasst trefflich zusammen: „Laut und grell erscheint der Tod in der Taverne und verbreitet rasenden Schrecken: ein Totentanz zu Kastagnetten.“


    Erstaunlicherweise kommt der Satz abgesehen vom Ende (Kastagnetten) ohne Schlagwerk aus. Stimmungsprägend sind die Violinen, die panisch hinauf – bis in große Höhe, wodurch der Klang hart wird – und hinab, hinauf und hinab rasen, getrieben, besser gehetzt von den zumeist schreitenden Bässen. Die Atemlosigkeit wird unterstützt durch den abgehackten Vortragsstil des Soprans. In dieses Grauen hinein spielt Schostakowitsch, spielen die Geigen einen Totentanz im ¾-Takt (ob Walzer oder Malaguena kann ich nicht sagen. Es würde mich allerdings wundern, wenn Schostakowitsch Näheres über die Malaguena gewusst hätte. Da eine Malaguena langsam ist, passt sie allerdings schon vom Tempo nicht, also wohl doch ein Walzer). Die Assoziation von Betrunkenen, die noch tanzen, während der Tod ihnen bereits nahe ist, drängt sich auf. Oder ist den Menschen der nahe Tod bewusst? Sodann schlägt der Tod zu. „Das Orchesternachspiel, ein wilder Ausbruch, schildert den Tod in der Taverne mit Kastagnettengeklapper“, schreibt D. Holland in seinem Konzertführer (mit Csampai). Blokker/Dearling hören in ihrem Buch über die Schostakowitsch-Sinfonien („The Symphonies, S. 145) sogar heraus, dass die Menschen zu fliehen versuchen, als der Tod zuschlägt, und dabei Stühle umwerfen – mir ist nicht klar, worauf diese Erkenntnis fußt. Zwei Peitschenschläge stehen für das Ende des Schreckens, die Tötung selbst. Schließlich weist D. Hurwitz darauf hin (Shostakovich – Symphonies and Concertos, S. 196), dass das in diesem Satz in den Streichern ab ca. 0:15 zu hörende Beschleunigungs-Motiv auch die Sinfonie beschließen wird – eine nur grobe Ähnlichkeit, meine ich.


    Interessant ist die Betrachtung der Tempi der Aufnahmen (der Auflistung der Aufnahmen, die ich oben verlinkt habe, ist eine Auflistung der Tempi beigefügt): Barshai spielte den Satz 1969 in 2:18 Minuten. Auch Rostropowitsch benötigte 1973 nur 2:23 Minuten. Seither wird das Tempo immer langsamer bzw. wurde der Satz regelmäßig deutlich langsamer gespielt. Über drei Minuten Dauer sind keine Seltenheit. Keine Frage ist, dass ein schnelles Tempo den Eindruck der Gehetztheit unterstützt.


    Besetzung: Sopran; Streicher, Solo: Violine, Kastagnetten, Peitsche

  • Zitat

    Original von ThomasNorderstedt
    „Frauenblut“ könnte bei Kennern der Poesie vom Typ N. I. Pejkos menstrual-gynäkologische Assoziationen hervorrufen.“



    Genau das soll es eigentlich auch.
    García Lorca verwendet hier sogar einen ungebräuchlichen, geradezu animalischen Terminus: "sangre de hembra".
    Und hembra heißt nicht etwa Frau, sondern bezeichnet das ,was wir in der Biologie unabhängig von der Spezies "Weibchen" nennen.


    Die Übersetzung "heißes Blut" geht da in eine ganz andere Richtung.


    Gruß,



    audiamus



    .

  • Zitat

    Original von ThomasNorderstedt
    Blokker/Dearling hören in ihrem Buch über die Schostakowitsch-Sinfonien („The Symphonies, S. 145) sogar heraus, dass die Menschen zu fliehen versuchen, als der Tod zuschlägt, und dabei Stühle umwerfen – mir ist nicht klar, worauf diese Erkenntnis fußt.


    Blühende Phantasie? :D



    Zitat

    Schließlich weist D. Hurwitz darauf hin (Shostakovich – Symphonies and Concertos, S. 196), dass das in diesem Satz in den Streichern ab ca. 0:15 zu hörende Beschleunigungs-Motiv auch die Sinfonie beschließen wird – eine nur grobe Ähnlichkeit, meine ich.


    Sehe ich anders - die Ähnlichkeit wirkt auf mich ziemlich frappierend (muss das nachher mal in der Partitur überprüfen, die ich an anderem Ort liegen habe), eigentlich hätte ich sie längst wahrnehmen müssen. Ein weiteres Beispiel für die thematischen Verflechtungen innerhalb der Sinfonie. Und das erstemal, dass ich Mr. Hurwitz eine substantielle Erkenntnis verdanke... :faint:



    Zitat

    Interessant ist die Betrachtung der Tempi der Aufnahmen (der Auflistung der Aufnahmen, die ich oben verlinkt habe, ist eine Auflistung der Tempi beigefügt): Barshai spielt den Satz 1969 in 2:18 Minuten. Auch Rostropowitsch benötigte 1973 nur 2:23 Minuten. Seither wird das Tempo immer langsam bzw. wurde der Satz regelmäßig deutlich langsamer gespielt. Über drei Minuten Dauer sind keine Seltenheit. Keine Frage ist, dass ein schnelles Tempo den Eindruck der Gehetztheit unterstützt.


    Eine interessante Beobachtung, die sich ja über diesen Satz und diese Sinfonie hinaus für die Geschichte der Schostakowitsch-Interpretation verallgemeinern lässt: der oft extrem zugespitzten und sehr schnelle Tempi anschlagenden "sowjetischen" Schostakowitsch-Tradition stehen in den letzten 10-15 (?) Jahren vermehrt Interpretationen auch russischer Dirigenten gegenüber, die das Überspitzte eher zurücknehmen. Dmitri Kitaienko hat mal vor ein paar Jahren in einem Interview (vorsichtig, aber immerhin) Kondrashin für seine Unterbelichtung der klanglichen bzw. klangfarblichen Aspekte bei Schostakowitsch kritisiert. Ob man diese Meinung teilt, ist etwas anderes - wir haben es wohl mit einem "natürlichen" Prozess zu tun, bei dem sich einer tatsächlich oder vorgeblich idiomatischen Interpretationsweise andere Sichtweisen gleichberechtigt zugesellen. Hat vielleicht oder sicher auch mit den jeweiligen Orchestern zu tun.


    Im Hinblick auf den Malaguena-Satz wirkt auf mich die rasend schnelle Variante zunächst einmal auch faszinierender und "richtiger". Man muss sich aber vergegenwärtigen, dass die Tempovorschrift Allegretto heißt - und das impliziert trotz der kleinen Notenwerte doch wohl ein gemäßigteres Tempo!? Was auch dem Charakter einer Malaguena näher käme... Ich habe übrigens mal in den jpc-Hörschnipsel bei Kitaienkos Aufnahme mit dem Gürzenich-Orchester reingehört: das langsamste Tempo, das ich in diesem Satz je gehört habe, irritierend.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Lieber Thomas,


    ich danke Dir sehr für Dein Engagement für dieses einzigartige Werk.


    Ich stoße heute erst dazu, denn ich habe die Suchfunktion bemühen müssen, um diesen Thread zu finden, hätte ich ihn doch in anderen Unterforen vermutet. Ich könnte mir vorstellen, dass er hier auch anderen potentiell interessierten Lesern entgehen wird. Daher möchte ich anregen, über eine Verschiebung nachzudenken.


    Zu den Texten habe ich die generelle Meinung, dass man nicht jedes Wort auf die Waagschale legen sollte. Ob es nun "heiß verliebte" und nur "verliebte" heißt, scheint mir nebensächlich. Auch inhaltlich habe ich Bedenken, ob Schostakowitsch nun jedes Detail zum Hintergrund all dieser Gedichte kannte. Ich könnte mir vorstellen, dass er sich eher von der Stimmung und dem groben Inhalt dieser Gedichte inspirieren lies.


    Bei "De Profundis" fände ich allerdings interessant, ob sich Lorca auf irgendein begangenes Massaker o. ä. bezieht, von dem wir nichts wissen. Man könnte den Text in diese Richtung deuten. "Olivenbaum" könnte ein Symbol für "Leben" oder für "Frieden" sein.


    Ergänzen möchte ich das von Thomas erwähnte Prawda-Interview. (Zitiert aus einem Text aus einem Programmheft von Marcus A. Woelfle.)



    In dem genannten Programmheft-Text werden auch einige Stellen aus Volkows "Zeugenaussagen" zitiert, die an sich interessant sind, die ich aber wegen der zweifelhaften Authentizität hier nicht repetiere. Desweiteren deutet Woelfle noch eine von Harry Schröder "entdeckte" Verwandschaft zu Goethes Faust an. Ohne nähere Kenntnisse hört sich das für mich recht spekulativ an. Weiss da jemand mehr?


    Interessant finde ich folgende Frage: Warum 11 Lieder? Warum die Zahl 11? Man würde doch eher eine Zahl wie 10 oder 12 für vollkommener halten. Ist es einfach nur Zufall, dass zum Schluss elf Lieder "herausgekommen" sind? Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Liederzyklen "Michelangelo-Suite" Op. 145 (die Schostakowitsch als seine 16. Sinfonie angesehen hat) und "Aus jüdischer Volkspoesie" Op. 79 bestehen ebenfalls jeweils aus 11 Liedern!


    In diesem Kontext ist auch interessant, dass die Nummern 1 und 10 hier (wie auch in Op. 145) eine Art Klammerstellung einnehmen; die Nr. 11 erscheint hier (wie auch in Op. 145) eher als eine Art Anhängsel. (Auf Op. 79 trifft das allerdings nicht zu; hier hat man acht Lieder plus drei weiteren.)


    maticus

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  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Dmitri Kitaienko hat mal vor ein paar Jahren in einem Interview (vorsichtig, aber immerhin) Kondrashin für seine Unterbelichtung der klanglichen bzw. klangfarblichen Aspekte bei Schostakowitsch kritisiert. Ob man diese Meinung teilt, ist etwas anderes


    Ich teile sie nicht, nachdem ich - inspiriert durch die wirklich informativen und erhellenden Erläuterungen hier, herzlichen Dank - eben gerade Kondraschins 14. komplett gehört habe, aus dieser Box:


    shostakovich_Kondrashin.jpg


    Evgenya Tselovalnik, Sopran; Evgeny Nesterenko, Baß; Solistenensemble des Moskauer Philharmonischen Orchesters, Ltg.: Kyrill Kondraschin
    Aulos, aufg. 1974


    Eine klanglich äußerst differenzierte Einspielung, die mich sehr anspricht: Wie etwa im 1. Satz die hohen Violinen mit den Kontrabässen kontrastieren, mit einer geradezu greifbaren Plastizität - sehr eindrucksvoll! Auch die beiden Solisten überzeugen mich noch mehr als in der Alternative, die ich heute nachmittag gehört habe:



    Galina Vishnevskaya, Sopran; Mark Reshetin, Baß; Mitglieder des Akademischen Symphonie-Orchester Moskau; Ltg.: Mstislaw Rostropowitsch
    Teldec, aufg. 1973


    Die Aufnahme erscheint mir recht dumpf im Klang, alles ziemlich grau in grau, auch interpretatorisch, wie mir scheint - was ja zur düsteren Stimmung der Musik durchaus passen könnte, aber Kondraschin legt auch die grelleren Farben des Werks offen.


    Hineingehört habe ich auch hier:


    41J8BGNBCAL.jpg


    Makvala Karaschwili, Sopran; Anatolij Safiullin, Baß; Staatliches Sinfonie-Orchester des Kultusministeriums der UdSSR; Ltg.: Gennadij Roshdestwenskij
    Eurodisc, aufg. 1985


    Eine hallige, stimmungsvolle Aufnahme, müßte ich allerdings noch genauer hören.


    Mein Favorit bleibt Kondraschin, auch deshalb, weil mir bei seinem Zugang deutlich wird, wie es Schostakowitsch hier neue, kühne musikalische Ausdrucksmittel findet, was mich gerade durch die Zurückgenommenheit und Kargheit der Ausdrucksmittel berührt. Ein großartiges Werk!

  • Zitat

    Original von Zwielicht


    Sehe ich anders - die Ähnlichkeit wirkt auf mich ziemlich frappierend (muss das nachher mal in der Partitur überprüfen, die ich an anderem Ort liegen habe) ...


    Lieber Bernd,


    bitte berichte uns von dem Ergebnis der Überprüfung. Mir liegt die Partitur leider derzeit nicht vor, so dass ich Hurwitz Hinweis bislang nur hörend nachvollziehen konnte.


    Zitat

    Original von maticus
    Ich stoße heute erst dazu, denn ich habe die Suchfunktion bemühen müssen, um diesen Thread zu finden, hätte ich ihn doch in anderen Unterforen vermutet. Ich könnte mir vorstellen, dass er hier auch anderen potentiell interessierten Lesern entgehen wird. Daher möchte ich anregen, über eine Verschiebung nachzudenken.


    Lieber maticus,


    schön, dass du den Thread nun gefunden hast. Oben habe ich mich zwar anders geäußert, dein Beispiel zeigt mir jedoch, dass eine Verschiebung aber wohl doch angezeigt ist. Wenn also ein Moderator sich die Mühe machen möchte, wäre ich dankbar.


    Von der These der Verwandschaft der Sinfonie zum Faust habe ich noch nie gelesen. Die These scheint mir beim ersten Hören, nun ja, ungewöhnlich. Schostakowitsch war ein großer Literaturkenner, der lange Passagen auswendig konnte. Davon, dass er sich für Faust begeistert hätte, habe ich aber nie gelesen. Es würde mich auch wundern. Soweit mir Schostakowitschs Denken bekannt ist, pass der Faust-Stoff nicht zu ihm. Schostakowitschs Leib-und-Magen-Autor war Tschechow.


    Ebensowenig habe ich je von einem etwaigen Grund für die Anzahl der Lieder (11) gelesen. M. E. ist die Anzahl tatsächlich Zufall.


    Viele Grüße
    Thomas

  • Nachdem ich mir gestern die Einspielungen von Rostropowitsch und Kondraschin vorgenommen hatte, bin ich gerade dabei, die Einspielung mit Gennadij Roshdestwenskij im Ganzen zu hören.


    Meine Eindrücke sind:


    Während Kondraschin die aggressiven Aspekte betont und das Schroffe, Kühne, manchmal Groteske, "Moderne" der Klangsprache Schostakowitschs herausstreicht, finde ich bei Roshdestwenskij eher die resignativ-düsteren Seiten: Das Unheimliche wird Gestalt. Die etwas hallige Aufnahme, die das Orchester mehr aus der Ferne klingen läßt, paßt gut zu dieser Stimmung. Eine sehr schöne, seelenvolle Aufnahme.


    Wie schön, daß es mit Kondraschin und Roshdestwenskij gleich zwei so kompetente und authentische Schostakowitsch-Interpreten gibt und ich mich nicht für einen entscheiden muß.

  • Mit der Vertonung der Sage von der Lorelei stellt Schostakowitsch sich diversen anderen Komponisten an die Seite: Kunstlied: Loreley-Vertonungen. In Deutschland populär wurde die Sage durch die Gedichte von Brentano („Die Lore Lay“) und Heine („Die Lorelei“). Vertont hat Schostakowitsch allerdings keines dieser beiden Gedichte, sondern die russische Übersetzung des Gedichts „Loreley“ von Guillaume Apollinaire, eine eigenständige, gestraffte Bearbeitung von Brentanos Gedicht (die Gedichte können im o. g. Thread nachgelesen werden).


    Der dritte Satz ist deutlich abwechselungsreicher als die Sätze zuvor. Während jene mit recht karger Besetzung vergleichsweise einheitliche Stimmungsbilder zeichnen, handelt es sich bei diesem um eine ausgewachsene, inhaltsreiche dramatische Szene. Dem aufgrund des größeren Inhaltsreichtums gesteigerten musikalischen Darstellungsbedürfnis entspricht eine stärkere Besetzung: Holzblock, Glocken, Xylophon und Celesta treten zu Streichern und Peitsche neu hinzu. Gesungen wird der Satz dialogisch von Sopran und Bass.


    Das Ende des zweiten Satzes – die zweimalige Peitsche – bildet zugleich den Beginn des dritten Satzes. Den in das Geschehen einführenden, rezitativischen Beginn singt der Sopran eilig, abgehackt, so dass der Eindruck von Aufgeregtheit, Stress entsteht. Der Bass, der den Bischof singt, greift diese Stimmung auf, die Abgehacktheit wird musikalisch verstärkt durch harte Xylophonschläge. Lorelei fleht arios um den Tod, der Bischof bleibt hart (erneut begleitet vom Xylophon). Noch dringlicher fleht Lorelei den Bischof an. Die Streicher nehmen ihr Flehen auf und vertiefen es bis zur höchsten Erregung. Der Bischof lässt kommen drei Ritter, die Lorelei ins Kloster bringen sollen. Den Galopp der Pferde verdeutlicht Schostakowitsch lautmalerisch mittels Schlägen auf den Holzblock. Auch das mühsame Beschreiten des Felsenweges wird durch einen tiefen, gravitätischen Klang lautmalerisch dargestellt. Die Solobratsche nimmt den Jammer Loreleis auf und erinnert damit an deren Begehren. Lorelei selbst wiederholt das aufsteigende Anfangsmotiv der Bratsche: „Auf der Höhe des Felsens“ will sie stehen. Wernli weist in seinem Buch darauf hin, dass dieser Aufwärtsbewegung eine besondere Rolle zukomme. Sie stehe für die steigende Erregung, die schließlich zum Tode führe. Die Melodie, die Lorelei singt, ist ruhig, aber das schnell wiederholte Cellozupfen verkündet Unheil. „Und sein Spiegelbild lasst mich … betrauern“, singt Lorelei. Schostakowitsch lässt dazu den gläsernen Klang der Celesta ertönen – erneut Lautmalerei – und verleiht der Musik damit etwas Sphärisches, Entrücktes, ja, Jenseitiges – auch die Celesta spielt eine Aufwärtsbewegung. Loreleis Erklärung, danach könne sie ins Kloster gebracht werden, wird demgegenüber von dunklen Streichern begleitet – kein gutes Zeichen. Lorelei reißt sich los. Die Ritter versuchen sie zurückzuhalten, aber zu spät. Großer Tumult im Orchester, erneute Aufwärtsbewegung, wilder Kanon, Zwölftonmusik, Gehämmere, schließlich ein Hochrutschen „bis zum höchsten Ton“ (wie Schostakowitsch ausdrücklich notiert). Zugleich mit der anschließenden Ruhe erklingen zwei Glockenschläge (Röhrenglocken mit gestimmten Tönen). Schlagartig stellen sie eine andere, weihevolle, abermals sphärisch Atmosphäre her, in der Lorelei lyrisch-entrückt ihre Vision schildert, untermalt u. a. von Celesta Vibraphon und Glocken. Im ruhigen, langsamen Berichtsstil schildert der Bass, was sodann geschieht. „Und ich sah sie im Strome“, heißt es bei Apollinaire (Ist das Ich der Bischof oder Apollinaire?). Ein langsames Orchesternachspiel folgt. Nochmals hören wir die Spiegel(Trug-)bilder der Celesta. Ein Solocello spielt ein kurzes Requiem.


    K. Meyer schreibt (S. 488 f.), der erste Teil des Satzes (der Satz besteht aus zwei Episoden: zuerst Allegro molto, dann Adagio) schildere den Konflikt zwischen Gut und Böse so, wie er in der romantischen Legende dargestellt werde – auf der einen Seite Loreleys Leben und Liebe, auf der anderen das dunkle und zerstörerische Element, also der Wille des Machthabers, der Bischof als Richter, die schwarzen Ritter, die Urteilsvollstrecker. Heine schärft diesen Gegensatz noch. Während Brentano noch von einer Zauberin redet („Zu Bacharach am Rheine, wohnt' eine Zauberin, die war so schön und feine und riss viel Herzen hin“), spricht Heine von einer Jungfrau: „Die schönste Jungfrau sitzet, dort oben wunderbar, ihr goldnes Geschmeide blitzet, sie kämmt ihr goldenes Haar.“)


    Mein aus dem Kontext der anderen Sätze entstandener Eindruck ist, dass es Schostakowitsch nicht um diesen Kampf zwischen Gut und Böse ging, sondern um den Vorgang der Selbsttötung. Von daher, vom Ende her betrachtet war Lorelei für ihn interessant.


    Wie dem auch sei, was ich auf jeden Fall festhalten möchte, ist: Großartig finde ich diesen Satz, wirklich großartig!!!


    :hello:
    Thomas


    (Nachtrag: Danke fürs Verschieben)

  • Zitat

    Zitat von ThomasNorderstedt
    Großartig finde ich diesen Satz, wirklich großartig!!!


    Ich stimme Dir vehement zu. Besonders ergreifend finde ich hier die deutsche Version (nach Brentano) gesungen von Julia Varady und Dietrich Fischer-Dieskau mit dem Concertgebouw Orchester unter Bernard Haitink (Decca), was zum einen sicherlich daran liegt, dass ich den Text und dessen Dramatik verstehen kann, und ich zum anderen auch die Stimmen selbst sehr eindrucksvoll finde. Ähnliches gilt auch für die beiden Texte von Rilke. Diese Aufnahme will ich nicht missen!


    maticus

  • Zitat

    Original von ThomasNorderstedt


    Lieber Bernd,


    bitte berichte uns von dem Ergebnis der Überprüfung. Mir liegt die Partitur leider derzeit nicht vor, so dass ich Hurwitz Hinweis bislang nur hörend nachvollziehen konnte.


    So, jetzt aber: Es geht um ein Motiv, das in Malaguena zum erstenmal in Takt 8ff. (direkt vor dem zweiten Einsatz der Singstimme) in Bratschen, Celli und Bässen zu hören ist. Es wird ein einziger Ton (f) repetiert, und zwar ständig crescendierend und unter permanenter rhythmischer Beschleunigung: erst in Achteln, dann in Achteltriolen, in 16teln, in 16tel-Sextolen und schließlich in 32teln. Das kehrt dann in diesem Satz noch fünfmal - leicht variiert - wieder, sehr markant in Bässen und Celli ganz am Ende des Stücks, vom Piano zum vierfachen Forte gesteigert - es folgen die beiden Peitschenschläge.


    Die Entsprechung ist - wie gesagt - der Schluss der Sinfonie, in den letzten gut zwei Takten des letzten Lieds: auch hier das Verharren der Streicher auf einem einzigen Ton (allerdings akkordisch), dynamische Steigerung vom pp zum fff plus aufgehender Crescendoklammer, rhythmische Beschleunigung von Achteln über Achteltriolen, 16teln, 16tel-Quintolen, 16tel-Sextolen zu 32teln.


    Ich finde die Ähnlichkeit ziemlich schlagend - und sie ist einem bewusst konstruierenden Komponisten wie Schostakowitsch nicht zufällig unterlaufen. Man kann auch auf semantische Parallelen zwischen beiden Liedern verweisen (in beiden Gedichten geht's sinngemäß um den Tod mitten im Leben), vor allem aber auf die Plazierung des Motivs am Ende der beiden Stücke: Während es bei Malaguena in den beiden Peitschenschlägen kulminiert, mündet es am Ende des Schlusstücks in das Nichts - zwei Arten, den Tod zu bezeichnen.


    Was das Tempo von Malaguena angeht: In meiner Sikorski-Taschenpartitur sind den einzelnen Stücken Metronomziffern beigegeben, die ja wohl von Schostakowitsch stammen. Malaguena soll in 108 Vierteln pro Minute gespielt werden. Das ist relativ schnell, aber - wenn ich richtig mitgezählt habe - doch etwas langsamer als z.B. bei Kondrashin.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von ThomasNorderstedt
    Wie dem auch sei, was ich auf jeden Fall festhalten möchte ist: Großartig finde ich diesen Satz, wirklich großartig!!!


    Ich auch. Das ist ein wirklich außergewöhnlicher Satz, vielleicht das "Herzstück" dieser Sinfonie. Er unterscheidet sich ja auch in seinen ständigen Wechseln der Perspektive, des Tempos, der Thematik, des Klangs, der Taktart sehr von den anderen Liedern. Er ist vielleicht auch der einzige Satz der Sinfonie, in dem so etwas wie Transzendenz aufscheint.


    Die im folgenden von Thomas geschilderte Stelle...


    Zitat

    Großer Tumult im Orchester, erneute Aufwärtsbewegung, wilder Kanon, Zwölftonmusik, Gehämmere, schließlich ein Hochrutschen „bis zum höchsten Ton“ (wie Schostakowitsch ausdrücklich notiert). Zugleich mit der anschließenden Ruhe erklingen zwei Glockenschläge (Röhrenglocken mit gestimmten Tönen).


    ...ähnelt sehr dem von mir im letzten Beitrag beschriebenen Schluss von Malaguena: nur, dass dort zwei Peitschenschläge das Ende markieren, hier zwei Glockenschläge (die im nächsten Lied dann wiederkehren, wenn von der Lilie die Rede ist, die aus dem Mund des Selbstmörders sprießt).



    Zitat

    Schlagartig stellen sie eine andere, weihevolle, abermals sphärisch Atmosphäre her, in der Lorelei lyrisch-entrückt ihre Vision schildert, untermalt u. a. von Celesta Vibraphon und Glocken.


    Die klangliche Schilderung dieser Vision zwischen Leben und Tod ist wirklich einzigartig. Sie meine ich, wenn ich oben von "Transzendenz" gesprochen habe. Am Anfang übrigens reines Es-dur, beginnend mit dem Kontra-Es der Bässe - was, wie schon öfter gesehen wurde, auf den Beginn von Wagners Rheingold verweist (naheliegend bei dem Text "Auf dem Rheine, tief drunten..." - "Tout là-bas sur le Rhin...").



    Viele Grüße


    Bernd

  • Leider gibt es hier im Forum die letzten Tage wieder einmal zuviel Hochinteressantes- jedenfalls entdecke ich DIESEN Thread gerade erst.
    Und kenne die Symphonie nicht...... :faint: :untertauch:


    Und das, wo ich sowohl Chostakovich als auch Apollinaires Lorelei verehre.(aber eben um Alles was Synphonie heisst, einschliesslcih der diesbezüglchen Threads bei Tamino, bisher eher ienen Bogen mache)
    Die Tage des Lebens sind einfach zu kurz .
    Gerade mit den Troyens halbwegs durchgekommen, steht nun diese Synphonie NR. 14 vor der Tür.
    Tamino ist ein Vollzeitjob!!!!!
    Erstmal muss ich nachsehen, ob ich überhaupt eine vernünftige Aufnahme habe........
    Wie auch immer: der Thread ist toll und ich gratuliere insbesondere Thomas zu seiner vorbildlichen Arbeit. :jubel:


    F.Q.

  • Lieber Bernd, danke fürs Nachschauen. Da muss ich wohl noch mal genauer hinhören.


    Zu den Tempi: Ja, die Metronomangaben stammen von Schostakowitsch. Es bestand allerdings noch nie Einigkeit darüber, inwieweit der Ausführende an die Tempi des Komponisten gebunden ist. Der eine sieht sich als nachschaffenden Künstler und hält sich an die Vorgaben, der andere als frei schaffender, interpretierender Künstler und hat regelmäßig gute Gründe, es anders zu machen. Oben habe ich bereits kurz auf die – trotz der Metronomangaben bestehenden – erheblichen Tempounterschiede hingewiesen. Berühmt ist die Diskussion der Tempovorgaben Beethovens.


    Auch bei Schostakowitsch gibt es allerdings im 3. Satz eine Merkwürdigkeit, die zur Entscheidung zwingt. In Griffiths Worten (aus Wernlis Buch, S. 89):


    „Bei 5´16; 47/2 findet sich ein gewisser Widerspruch: Schostakowitsch schreibt zwar mit „Adagio“ eine langsame Tempobezeichnung vor, aber die Metronomzahl ist mit Viertel 108 sehr hoch, so hoch wie „Allegretto“ oder fast „Allegro“. Auf mancher Aufnahme wird diese stelle doppelt so langsam genommen; man denkt, Schostakowitsch habe sich geirrt, und spielt Achtel 108. Vielleicht geht das auch, aber ich habe versucht, das Tempo so zu realisieren, wie es geschrieben steht, und das wirkt wunderschön. Es ist beinahe ein aufgeschriebenes „Adagio“, aber mit wesentlich schnellerem Puls – wie am Anfang der ganzen Sinfonie. Auf der Aufnahme sind wir ungefähr bei Viertel 108.“


    Es handelt sich um die Stelle nach den beiden Glockenschlägen, in der nach einem Moment der Ruhe von unter her die tiefen Streicher von unten her aufsteigen, eben um die Stelle, die Bernd in dem letzten Absatz seines letzten Beitrags beschrieben hat ("Rheingold").


    Langsam nehmen diesen Aufstieg z. B. N. Järvi (bei 5:53) und Kondrashin (bei 5:24), schnell z. B. Roschdestwenskij (bei 5:34) und Barshai (5:24 in der Brilliant-Aufnahme).


    Barshai, von Wernli auf die Tempi in der 14. Sinfonie angesprochen, meint (S. 51):


    „Mein größtes Ziel ist es, die Absichten des Komponisten möglichst genau zu realisieren. Natürlich wird man fragen: „Wie kennt man diese Absichten?“ Aber dafür gibt es genügend Hinweise in der Partitur, und man kann auch dasManuskript lesen: Tempi, Dynamik; auch die Angaben von ritardando, accelerando, rubato oder non rubato – man findet dort alles.“


    Ich komme angesichts dieser Äußerung nicht um hin, festzustellen, dass sich die Tempi der verschiedenen Barshai-Aufnahmen unterscheiden.


    Liebe Fairy, schön, hier von dir zu lesen und: Danke für das Lob.


    :hello:
    Thomas

  • Zitat

    Original von ThomasNorderstedt
    Zu den Tempi: Ja, die Metronomangaben stammen von Schostakowitsch. Es bestand allerdings noch nie Einigkeit darüber, inwieweit der Ausführende an die Tempi des Komponisten gebunden ist. Der eine sieht sich als nachschaffenden Künstler und hält sich an die Vorgaben, der andere als frei schaffender, interpretierender Künstler und hat regelmäßig gute Gründe, es anders zu machen. Oben habe ich bereits kurz auf die – trotz der Metronomangaben bestehenden – erheblichen Tempounterschiede hingewiesen. Berühmt ist die Diskussion der Tempovorgaben Beethovens.


    Lieber Thomas,


    das mit der Legitimität der Tempounterschiede sehe ich genauso. Ich fand die Metronomziffer für Malaguena nur als Anhaltspunkt für Schostakowitschs Tempovorstellung ganz interessant




    Vielen Dank für den Hinweis, das ist mir auch noch nie aufgefallen. Ich habe mir daraufhin jetzt nochmal diese Stelle in der Roschdestwenskij-Aufnahme angehört. Das flüssige Adagio-Tempo finde ich hier gut getroffen, aber obwohl die Interpretation hier nach Deiner Beschreibung zu den schnelleren Einspielungen zählt, liegt das Tempo nur bei etwa 60 Vierteln pro Minute, also wesentlich näher an 108 Achteln als an 108 Vierteln. Mit dem letztgenannten Tempo kann ich's mir nicht richtig vorstellen, das wäre schon arg schnell. Wie hört sich das denn bei Griffiths an?



    Viele Grüße


    Bernd

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