Janáčeks zehnte Oper - Tagebuch eines Verschollenen

  • Neben Janáceks neun Opern steht für mich, gleichberechtigt mit deren besten, das "Tagebuch eines Verschollenen", das ich eigentlich gar keiner Gattung definitiv zuordnen kann. Es erzählt eine wahre Gegebenheit: in einem Dorf in Janáceks Heimat Mähren verliebte sich ein junger Mann (Janek) in das Zigeunermädchen Zefka, die von ihm schwanger wurde, worauf er seine Eltern sitzen ließ und sich den Zigeunern anschloss. In seinem Zimmer fand man später, gleichsam als Abschiedsbrief, eine Art Gedicht über seine Liebe zu Zefka, seine Verzweiflung und den Entschluss zur Flucht, das auch in der Lokalzeitung veröffentlicht wurde und Janácek als Libretto für das zweiundzwanzig Sätze umfassende Werk diente.


    Die Besetzung ist durchaus ungewöhnlich: Janek wird von einem Solotenor verkörpert, das Orchester besteht lediglich aus einem Klavier. Soweit wäre es ein normaler Liedzyklus. Doch auch Zefka tritt auf, in Gestalt einer Altistin, und während das Liebespaar, ungefähr in der Mitte des Werkes (Sätze 9-11), miteinander spricht, wird es noch von einem dreistimmigen Frauenchor begleitet. Das Klavier hat auch einen Solosatz (13), der wohl die Liebesnacht darstellen soll. Man könnte das Werk folglich auch als sehr reduzierte Kammeroper interpretieren.


    Wie bei Janácek üblich, sind Elemente der mährischen Volksmusik eingearbeitet. Das Klavier begleitet die Stimmen nicht wie in herkömmlichen Liedern, sondern ist gänzlich eigenständig, erinnert also auch an Janáceks Orchesterbehandlung in seinen Opern.


    Die einzige Aufnahme, die ich bislang habe, lässt einen exzellenten Nicolai Gedda und eine mir etwas unsinnliche, zu dramatische Vera Soukupová hören:



    Was sind eure Erfahrungen mit diesem fetzigen (:D) Werk?


    Liebe Grüße,
    Martin

  • Schönes Thema, danke! Janácek gehört zu den Komponisten, die mir nahe gehen und deren Ton mich unmittelbar erreicht; das Tagebuch allerdings habe ich schon lange nicht mehr gehört: ein originelles Werk, gattungsgeschichtlich kaum einzuordnen.


    Bei mir findet sich eine Schweizer Aufnahme mit Peter Keller, Tenor, Clara Wirtz, Alt, Mario Venzago, Klavier, den Luzerner Sängern (Chorleiter: Hansruedi Willisegger), aufgenommen 1979 (Accord), gekoppelt mit dem 1. Streichquartett (Quatuor Dolezal). Ein Bild habe ich leider nicht gefunden.


    Wenn ich meine Aufnahme wieder einmal gehört habe, melde ich mich hier.

  • allzu oft habe ich mir das Tagebuch noch nicht angehört, aber mir gefällt das Stück sehr, ich würde es als Liedzyklus kategorisieren, an Oper dachte ich sicherlich nicht, obwohl mich gewisse Wendungen an beispielsweise die Oper Jenufa erinnern.


    Meine (einzige) Aufnahme:


    Rafael Kubelik, Klavier & Ernst Haefliger, Tenor ...


    gesungen auf deutsch.



    Sicherlich wird dieses Stück nicht jedermanns Sache sein, aber wer meint, es könnte ihm gefallen, dem empfehle ich diese Aufnahme gerne. Eine Alternativeinspielung (etwa die nicht lieferbare Abbado/DG-Einspielung) würde mich noch reizen.

  • Vom "Tagebuch eines Verschollenen" besitze ich die oben erwähnte wunderbare Aufnahme mit Nicolai Gedda (Supraphon), die im Moment leider wohl nicht mehr zu bekommen ist! Die Komposition ist eine der Haupt-Nahrungsquellen für meine große Janacek-Liebe... :pfeif:


    Beste Grüße
    Holger

  • Vor ein paar Jahren wurde dieses Werk im Rahmen der Bregenzer Festspiele mit Johannes Chum in der männlichen Hauptrolle szenisch aufgeführt. Ich habe diese Produktion, von der es auch eine - allerdings relativ teure - CD gibt, in guter Erinnerung. Regisseur und Bühnenbildner hatten damals mit geringem Aufwand eine optisch mehr als brauchbare Lösung gefunden; die SängerInnen waren durchwegs auf Festspielniveau.


    Michael 2

  • Wie schön, daß es hier im tamino-forum Menschen gibt, die auch weniger bekannte Musiken kennen und schätzen. Janceks "Tagebuch" ist für mich DAS Paradebeispiel, daß Musik Leidenschaft in Tönen erfahrbar macht, ohne daß man für diese Erfahrung unbedingt lange akademische Verständnis-Vorbereitungen bräuchte. Sicher, je mehr man in der Folge dann weiß, desto größer ist auch der Rezeptionsgenuß. Wenn man dann auch noch das Glück hat, Sänger zu sein (ist der Schreiber leider nicht), dann kann man sich vielleicht fühlen wie im Vorzimmer zum Elysium. Was Aufnahmen auf CD anbelangt - Viel Auswahl gibt es wohl nicht. Ich habe das Werk kennengelernt durch eine schwarze DG-Platte von 1961 mit Ernst Haefliger, Kay Griffel und Rafael Kubelik. Eine sehr schöne Interpretation, allerdings in deutscher Sprache; nix für Janacek-Puristen. Aus Prag habe ich mit vor vielen Jahren eine wunderbare bei Panton veröffentlichte CD mitgebracht mit dem Tenor Leo Marian Vodicka und Jitka Zerhauova, Alt, begleitet von Radoslav Kvapil. Das Panton Label wurde leider von supraphon geschluckt, wo der Titel m.W. nicht mehr geführt wird. Schade.

  • Es ist ja wohl doch eher ein Liedzyklus - dramatisch und subtil wie die "Winterreise", mit der man den Zyklus durchaus vergleichen kann. Trotzdem finde ich den Titel "Janaceks 10. Oper" so treffend, dass ich bedaure, dass ich nicht drauf gekommen bin. Ich besitze folgende Aufnahmen: Benno Blachut (Supraphon, nicht empfehlenswert, da die Stimme Blachuts doch zu rauh und undifferenziert ist, was auch seine Mitwirkung in den Janacek - Opern trübt), Nicolai Gedda (hier schon erwähnt, eine sehr gute Aufnahme), Peter Schreier (er singt auf deutsch, was vielleicht auch einmal gut zu hören ist, um die Texte zu verstehen. Schreier singt sehr intensiv, und seine Textverständlichkeit ist fabelhaft). Hier noch nicht erwähnt wurde eine Aufnahme mirt Philip Langridge, Brigitte Balleys (Alt), Frauen des Rias-Kammerchores, Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado. Dies ist eine grandiose Bearbeitung, in der das Klavier durch das Orchester ersetzt wurde. Da ich die Aufnahme aus dem Radio habe, weiß ich die Namen der Bearbeiter nicht. Ich glaube, die Aufnahme ist vergriffen (DG). Von allen Interpretationen ist dies mir die liebste, weil sie die größte Wucht von allen hat. Hier trifft der Titel "Janaceks 10. Oper" absolut zu.

    In keiner Gegenwart kann gewusst werden, wie sie hätte anders werden können, als sie geworden ist (Jörg Maurer).

  • Zwar besitze ich auch die Aufnahme mit Gedda, Soukupova, Prague Chamber Chorus – Palenicek (p) (Prag 1984); aber da ich bekannterweise die deutsche Sprach in Lied und Oper bevorzuge, habe ich auch eine sehr schöne deutsche Einspielung, gesungen von


    Horst R. Laubenthal, Tenor ud seiner Frau Marga Schiml, Alt,
    von Grunelius, Klavier


    eine hörenswerte Aufnahme aus dem Jahr 1978.


    LG


    :hello:


    Einen Thread über den Sänger findet ihr hier:


    Horst R. Laubenthal - ein lyrischer Tenor wird 70

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Vom "Tagebuch eines Verschollenen" besitze ich die oben erwähnte wunderbare Aufnahme mit Nicolai Gedda (Supraphon), die im Moment leider wohl nicht mehr zu bekommen ist! Die Komposition ist eine der Haupt-Nahrungsquellen für meine große Janacek-Liebe... :pfeif:


    Nun wird die Gedda-Aufnahme bei JPC wieder gelistet! Noch dazu in einer Doppelpackung, so dass man Gedda direkt mit Blachut vergleichen kann.


  • Der Tenor Ian Bostridge hat 2001 seine Interpretation des „Tagebuchs eines Verschollenen“ beim Label EMI veröffentlicht. Begleitet wird er am Piano von Thomas Adès, den wir auch als Komponisten kennen. Ruby Philogene, Mezzosopran, singt in den Liedern 9 bis 11. Ergänzt wird die Aufnahme mit den Klavierstücken der „Mährischen Volkslieder“ und zwei frühen Fassungen zweier Lieder des Zyklus. Es wird in der Originalsprache, genauer, in einem tschechischen Dialekt gesungen.


    Die Aufnahmetechnik gibt den Gesang und die Klavierbegleitung ebenbürtig wieder.


    Was mich an diesem teuflisch schwer zu singenden Zyklus ergreift, ist Janaceks Gabe, in der ihm eigenen Tonsprache farbig, ungebändigt und schroff vom Innersten zu erzählen.

    Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer


    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
    .

  • Dank Dr. Pingel bin ich nun auch in den Genuss dieses Lied-Zyklus' gekommen...nicht das es für mich noch eines Faktors bedurft hätte, um Janacek als Komponisten zu lieben, aber dieses Werk zu hören, hat mich nur wieder in meiner Liebe bestätigt. Gut auch, das der Doktor nicht nur an das Werk selbst gedacht, sondern auch eine Art Einführung/Doku dazu aus dem Radio eingefügt hat, die über die Entstehung Auskunft gibt und beim Verständnis der Komposition hilft. Außerdem bot sich so die Gelegenheit das Werk gleich in 3 Versionen zu Hören, in Deutsch mit Peter Schreier (wer singt da die Alt-Partie?), Ausschnitte in Tschechisch mit Beno Blachut und Stepanka Stepanowa und der ebenfalls in Tschechisch gesungenen Version, die für Orchester arrangiert wurde, mit Philip Langridge und Brigitte Balleys.
    Erst einmal die deutsche Version zu hören, war natürlich äußerst hilfreich um sich mit dem Text vertraut zu machen (und Schreier singt ja auch schön deutlich), der gerade am Ende ja recht eigentümlich aufgebaut ist, jedenfalls für eine Liedvertonung. Nicht nur, dass hier zwei Figuren und ein weiblicher 3er-Chor auftreten, sowie in wörtlicher Rede gesungen wird (was wieder nah an der Oper ist), sondern die Textvorlage besteht zum Ende hin nur noch aus Gedankenstrichen. Das Klavier kann man auch nicht mehr wirklich einen Begleiter nennen, weil es einer ganz eigenständigen Linie folgt und so etwas wie ein zweiter Erzähler wird, natürlich untermalt es auch Stimmungen, aber zieht sich dabei nie auf die Gesangslinie zurück, es ist mehr eine Art Seelenzustandskompass. Und zeigt immer die momentane Gefühlswelt des Protagonisten an, der hin und her schwankt zwischen Rätsel, Leidenschaft , Freude und Besorgnis. Ein beschreibender Bestandteil und Alleinträger des Inhalts zugleich wird es dann in der reinen Instrumentalpassage zu Ende hin, bei dem es quasi die endgültige Vereinigung der beiden Liebenden thematisiert.
    Der dreiköpfige Frauenchor unterstreicht für mich das Element des Waldes, der hier ein geheimnisvolles Flair ausstrahlt, auch weil er den Raum bietet für diese versteckte Liebe zwischen dem verliebten Burschen und dem Zigeunermädchen, deren Augen finsteren Seen gleichen.
    Die vielen Naturschilderungen der Gedichte entsprachen, denke ich, sehr Janaceks Naturell.
    In der Orchesterversion wirkt das alles dann noch mal stärker, zumindest in meiner Empfindung. Hier vermeint man wirklich so etwas wie ein 10te Oper von Janacek in den Ohren zu haben (wenn auch die ursprüngliche Klaviervertonung schroffer wirkt), auch weil die Erotik, die diesem Liederzyklus zweifelsohne innewohnt (kein Wunder, dass die Frauenpartie von einer Alt-Stimme gesungen wird) hier noch richtig farbig zum Tragen kommt. Und auch das Original-Tschechische trägt auf jeden Fall zur Stimmung bei (Langeride und Balleys sind wunderbar, auch gesanglich meine beiden Favoriten).

    "Die Glücklichen sind neugierig."
    (Friedrich Nietzsche)

  • Sehr häufig schon habe ich mich im Forum über Leoš Janáček und insbesondere über seinen Liederzyklus Zápisník zmizelého (Tagebuch eines Verschollenen) für Tenor, Alt, drei Frauenstimmen und Klavier geäußert. Sonderbarerweise jedoch nicht hier im Kunst-Lied-Forum. Deshalb möchte ich hier heute auf eine Neueinspielung des Werkes hinweisen, die es mit Nicolai Gedda, ja sogar mit Beno Blachut aufnehmen kann.

    Sie stammt von dem jungen schottischen Tenor Nicky Spence und Julius Drake,


    Nicky Spence has flourished while focusing on opera and recitals


    Nicky Spence bringt für diesen äußerst schwierigen Liederzyklus eigentlich alles mit, was hier gefordert ist. Eine Stimme, der weich-samtige, ungemein zärtliche Farben genau so zu Gebote stehen wie hell strahlend-metallische Töne. Selbst des heikle hohe C am Ende vermag in einem großartig gespannten Bogen aufblühen zu lassen. Wie idiomatisch er die Worte artikuliert und die Sinnzusammenhänge erfasst, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall klingt er sehr eindringlich mitteilend, engagiert und ausdrucksvoll. Das scheint mir einen Vergleich mit Blachut durchaus auszuhalten, überzeugt -zumindest mich- mehr als Bostridge oder Langridge. Was ihn aber ganz besonders auszeichnet, sind die Dringlichkeit und Unbedingtheit im Ausdruck. Wie er die ungeheuer verschiedenen extremen Emotionen Klang werden lässt, das ist aller Ehren Wert!


    Janáček: The Diary of One Who Disappeared Product Image


    Leoš Janáček: The Diary of One Who Disappeared

    Nicky Spence (tenor), Julius Drake (piano), Véclava Housková (mezzo-soprano), Voice Vocal Trio, Victoria Samek (clarinet)

    Hyperion CDA68282 [CD]

    Caruso41


    PS.:

    Leider ist der Name von Leoš Janáček im Titel des Threads falsch geschrieben und seither auch nicht korrigiert

    War denn Stimmenliebhaber noch nicht in dieser "Rubrik"? :/ :/ :/

  • Zitat von Caruso41

    Zápisník zmizelého (Tagebuch eines Verschollenen) für Tenor, Alt, drei Frauenstimmen

    Hab ich da was verpasst!


    Zitat

    Leider ist der Name von Leoš Janáček im Titel des Threads falsch geschrieben

    Aber nur für die ganz pingeligen! :hahahaha: Das hat noch nicht mal Dr.Pingel gestört!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Lieber Fiesco!

    Aber nur für die ganz pingeligen! :hahahaha:

    Ja eigentlich bin ich auch nicht so pingelig. Wenn mal Sonderzeichen in Beiträgen falsch gesetzt sind oder fehlen, stört mich das nicht so sehr. Aber Stimmenliebhaber hat mich doch dafür sensibilisiert, dass wenigstens bei Eigennamen in Überschriften Fehler korrigiert werden sollten.


    Worauf Deine erste Frage zielt, habe ich nicht durchschaut.

    Kennst Du das Werk nicht?

    Oder hast Du nicht wahrgenommen, dass ich es außerordentlich schätze.

    Ich hatte den Zyklus auch genannt, als wir unsere Lieblings-Liederzyklen nennen sollten.


    Beste Grüße


    Caruso41

  • Nicky Spence bringt für diesen äußerst schwierigen Liederzyklus eigentlich alles mit, was hier gefordert ist. Eine Stimme, der weich-samtige, ungemein zärtliche Farben genau so zu Gebote stehen wie hell strahlend-metallische Töne. Selbst des heikle hohe C am Ende vermag in einem großartig gespannten Bogen aufblühen zu lassen.

    Das lese ich sehr gern, lieber Caruso, nachdem ich Spence als Mime im Hallé-"Rheingold" unter Elder als etwas grellen und unsteten Charaktertenor wahrgenommen hatte. Ich werde versuchen, die Aufnahme zu hören. Danke für den Tipp.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Hallo Caruso, na klar hab ich was verpasst .....

    .....ich bin ja kein Janáček Fan, und das Tagebuch kenne ich nur von Ausschnitten mit Tenor, ich wusste nichts von den anderen Stimmen in den div. Liedern!


    Aber bald werde ich es ganz kennenlernen, habe mir den Bostridge bestellt!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Sehr häufig schon habe ich mich im Forum über Leoš Janáček und insbesondere über seinen Liederzyklus Zápisník zmizelého (Tagebuch eines Verschollenen) für Tenor,Alt, drei Frauenstimmen und Klavier geäußert. Sonderbarerweise jedoch nicht hier im Kunst-Lied-Forum. Deshalb möchte ich hier heute auf eine Neueinspielung des Werkes hinweisen, die es mit Nicolai Gedda, ja sogar mit Beno Blachut aufnehmen kann.

    Danke, lieber Caruso! Ich schätze die Gedda-Aufnahme sehr. Gedda kommt auch mit der Sprache gut zurecht. Wie ist das denn bei Spence? Vielleicht fällt uns das anders als einem Tschechen auch gar nicht auf... :D


    Schöne Grüße

    Holger

  • Ich habe hier im Forum Janácek noch nie richtig geschrieben, weil ich das mit den Zeichen nicht kann. Ich werde mal versuchen, die genannte Aufnahme zu hören. Auch Ian Bostridge kenne ich noch nicht. Wenn ich alles zusammen habe, werde ich auch noch die anderen beiden Kantaten zitieren, die hier im Forum etwas stiefmütterlich behandelt werden. Aber das kann man ändern. Es wird noch etwas dauern, die Handwerker zwingen mich immer nach draußen. Geht aber auch vorbei.

    In keiner Gegenwart kann gewusst werden, wie sie hätte anders werden können, als sie geworden ist (Jörg Maurer).

  • Hallo Caruso, na klar hab ich was verpasst .....

    .....ich bin ja kein Janáček Fan, und das Tagebuch kenne ich nur von Ausschnitten mit Tenor, ich wusste nichts von den anderen Stimmen in den div. Liedern!

    Lieber Fiesco,


    Dein Interessenfeld lag ja auch lange Zeit ganz wo anders. Ich freue mich, dass Du jetzt Lust bekommen hast, Dich mal intensiver mit Janáček und insbesondere mit seinem Liederzyklus Zápisník zmizelého (Tagebuch eines Verschollenen) zu beschäftigen. Ganz wichtig aber wird sein, dass Du Dir die Texte genau ansiehst, möglichst mitliest! Es gibt eine deutsche Übersetzung bei https://de.wikipedia.org/wiki/Tagebuch_eines_Verschollenen

    ich schätze die Gedda-Aufnahme sehr. Gedda kommt auch mit der Sprache gut zurecht.

    Lieber Holger!

    Gedda singt den Liederzyklus ganz hervorragend. Wie idiomatisch er die Worte artikuliert und die Sinnzusammenhänge erfasst, kann ich ebenso wenig beurteilen, wie bei Nicky Spence.

    Aber bei aller Bewunderung für Geddas gesangliche Leistung und sorgfältige Gestaltung, hätte ich doch einen Einwand, wenn ich etwa mit den Aufnahmen von Beno Blachut oder Vilém Přibyl vergleiche: Gedda hat das Ganze nicht durchlebt. Die extremen Gefühlszustände sind bei ihm nicht existentiell ausgelotet. Wenn ich wirklich hören will, was in der Geschichte erzählt wird, lege ich mir lieber die Aufnahme von Blachut auf. Manch einem mag dessen Timbre nicht behagen, aber Janáček scheint mir eher den Stimmtyp im Kopf gehabt zu haben als Geddas gepflegten Tenor, der für mich nicht nach mährischem Bauernburschen klingt.

    Auch Ian Bostridge kenne ich noch nicht.

    Macht eigentlich auch nichts, werter Dottore.

    Wie so oft trägt Bostridge eine Exegese des Werkes vor. Durchdacht und klug. Aber für mich ist das nicht lebendig!

    ... bald werde ich es ganz kennenlernen, habe mir den Bostridge bestellt!

    Vielleicht kann gerade diese Interpretation trotz meines obigen Einwandes für Dich, lieber Fiesco, eine gute Einführung in die noch fremde Welt sein. Hoffentlich verlierst Du dann nicht die Neugier.... - irgendwann wir sie Dich sicher zu Blachut führen!


    nachdem ich Spence als Mime im Hallé-"Rheingold" unter Elder als etwas grellen und unsteten Charaktertenor wahrgenommen hatte.

    Lieber Rheingold!

    Dazu kann ich nichts sagen, weil ich das Rheingold von Elder nicht gehört habe. Aber grell sind auch hier beim Tagebuch einzelne Töne und manches klingt vielleicht auch unstet. Aber gehört das nicht dazu?
    Nur mal so eine Frage (musst Du nicht beantworten): wie eigentlich sollte das hohe C am Schluss klingen, wenn der "Verschollene" sich vorstellt, dass Zefka irgendwann und irgendwo da steht, auf ihn wartet und seinen Sohn auf dem Arm trägt? Jubelnd? Sonnenhell und selig? Wild und lodernd? Grell-hysterisch? Vielleicht wahnsinnig?


    Beste Grüße

    Caruso41

  • Reinhard

    Hat den Titel des Themas von „Janáceks zehnte Oper - Tagebuch eines Verschollenen“ zu „Janáčeks zehnte Oper - Tagebuch eines Verschollenen“ geändert.
  • Gedda singt den Liederzyklus ganz hervorragend. Wie idiomatisch er die Worte artikuliert und die Sinnzusammenhänge erfasst, kann ich ebenso wenig beurteilen, wie bei Nicky Spence.

    Aber bei aller Bewunderung für Geddas gesangliche Leistung und sorgfältige Gestaltung, hätte ich doch einen Einwand, wenn ich etwa mit den Aufnahmen von Beno Blachut oder Vilém Přibyl vergleiche: Gedda hat das Ganze nicht durchlebt.

    Lieber Caruso,


    Du meinst diese Ausgabe hier:



    Wenn ich die Hörschnipsel höre, singt Blachut das "sprechender".


    Pribyl finde ich nicht. Mit ihm habe ich aber die Vaclav Neumann-Aufnahme von "Aus einem Totenhaus". :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Aber grell sind auch hier beim Tagebuch einzelne Töne und manches klingt vielleicht auch unstet. Aber gehört das nicht dazu?
    Nur mal so eine Frage (musst Du nicht beantworten): wie eigentlich sollte das hohe C am Schluss klingen, wenn der "Verschollene" sich vorstellt, dass Zefka irgendwann und irgendwo da steht, auf ihn wartet und seinen Sohn auf dem Arm trägt? Jubelnd? Sonnenhell und selig? Wild und lodernd? Grell-hysterisch? Vielleicht wahnsinnig?

    Lieber Caruso, dieser Schluss ist ja auch mit das Schwierigste, was ich kenne im Gesag. Indem der Vortragende stimmlich so weit hinauf muss, gerät er ja ganz automatisch in eine Extremsitiation. Das C ist nach meinem Empfinden dann ehr am Wahnsinn. Selbst bei Haefliger (in Deutsch bei DG) klingt es befremdlich, was mit sehr zusagt. Deshalb war ich von Deiner unten zitierten Bewertung dieses hohen Tones bei Nicky Spence etwas irritiert. Ich kann mir nach seinem Mime beim besten Willen nicht vorstellen, dass da ein Ton aufblüht. Ich habe ihn aber auch nicht mit dem "Tagebuch" gehört - Du schon. Und deshalb verlasse ich mich sehr gern auf Dich.

    Eine Stimme, der weich-samtige, ungemein zärtliche Farben genau so zu Gebote stehen wie hell strahlend-metallische Töne. Selbst des heikle hohe C am Ende vermag in einem großartig gespannten Bogen aufblühen zu lassen.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Lieber Holger, damit Du nicht vergisst, wie so ein Plattendreher ausgesehen hat. Vielleicht schreibt ja dereinst jemand eine "Winterreise" in der der letzte Vers mit "Der Plattendrehermann" überschrieben ist. "Drüben hinterm Dorfe steht ein Plattedrehermann..." Oder aus Quotengründen dann doch eine "Plattendreherfrau"? Alles ist möglich. Ich habe so ein Ding immer noch im gelegentlichen Gebrauch - um Platten zu digitalisieren. Manches, was mich interessiert, hat es nämlich (noch) nicht auf CD gebracht. Anschließend werden die Platten dann wieder weggegeben. Mein eigener Vinylbestand setzt sich nur noch aus wenigen Exemplaren zusammen, an denen mir sehr wichtige Erinnerungen hängen. Wenn ich etwas suche, dann werde ich meistens bei Discogs fündig. :)

    image.jpg

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Lieber Holger, damit Du nicht vergisst, wie so ein Plattendreher ausgesehen hat. Vielleicht schreibt ja dereinst jemand eine "Winterreise" in der der letzte Vers mit "Der Plattendrehermann" überschrieben ist. "Drüben hinterm Dorfe steht ein Plattedrehermann..." Oder aus Quotengründen dann doch eine "Plattendreherfrau"? Alles ist möglich. Ich habe so ein Ding immer noch im gelegentlichen Gebrauch - um Platten zu digitalisieren. Manches, was mich interessiert, hat es nämlich (noch) nicht auf CD gebracht. Anschließend werden die Platten dann wieder weggegeben. Mein eigener Vinylbestand setzt sich nur noch aus wenigen Exemplaren zusammen, an denen mir sehr wichtige Erinnerungen hängen. Wenn ich etwas suche, dann werde ich meistens bei Discogs fündig. :)

    Lieber Rüdiger,


    das ist witzig! :) Da ist schon etwas Wehmut dabei! Leider sind die Drehorgelspieler, die es in meiner Kindheit und Jugend noch relativ häufig gab, heute nahezu verschwunden. Die Plattenspieler kehren zum Glück zurück! Ich hatte einen wirklich tollen Thorens mit SME III-Tonarm, wo man mit diesen Dämpfungspaddeln in Öl den Tonarm an das System anpassen konnte. Das war schon schön und schön anzusehen (hier auf dem Bild ist der Tank abgenommen) - ein feinmachanisches Meisterstück:


    1573558-thorens-td-126-mk-iii-electronic-sme-3009-siii-shure-v15-iii-shibata-pickup.jpg


    Ich hatte damals zu wenige Platten (so um die 100) und deswegen bin ich gleich auf CD umgestiegen und habe die LPs verkauft bis auf einige wenige, die ich aus Nostalgie behalten habe. :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Caruso schrieb,er könnte helfen ?

    Ich versuche mal das Rätsel zu lösen....


    Vilém PřibylJanáček: The Diary of One Who Disappeared - Dvořák: Biblical Songs - Smetana: Evening Songs

    Catalogue Number: SU 4269-2

    Published: 30th August 2019 *****

    Genre: Vocal

    Format: 1 CD


    Hier kann man das nachlesen auf der *Supraphon* Seite!


    Also warten bis Ende August, aber dann!:jubel:


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Lieber Rheingold!

    … dieser Schluss ist ja auch mit das Schwierigste, was ich kenne im Gesag. Indem der Vortragende stimmlich so weit hinauf muss, gerät er ja ganz automatisch in eine Extremsitiation. Das C ist nach meinem Empfinden dann ehr am Wahnsinn. Selbst bei Haefliger (in Deutsch bei DG) klingt es befremdlich, was mit sehr zusagt. Deshalb war ich von Deiner unten zitierten Bewertung dieses hohen Tones bei Nicky Spence etwas irritiert. Ich kann mir nach seinem Mime beim besten Willen nicht vorstellen, dass da ein Ton aufblüht.

    Ich habe tatsächlich lange darüber nachgedacht, was wohl das richtige Verb wäre, um den Aufstieg auf das hohe C am Ende des Zyklus zu beschreiben. Und dann habe ich ein wirklich nicht treffendes Verb gewählt. Nein, blühen tut da nichts! Ich hatte mich für das Verb entschieden, um auszudrücken, dass er einen Crescendo-Bogen - irgendwie organisch (Passt das???) - bis zu dem irren Spitzenton spannt und diesen auch sicher und klar erreicht. Aber es ist definitiv ein unpassendes Verb.


    Du hast ja Deine Möglichkeiten, neue und neueste Aufnahmen zu hören, ohne sie kaufen zu müssen. Ich wäre neugierig, ob es Dir gelingt, das, was Du hörst, besser in Worte zu fassen!

    Vielleicht wird ja über den Liederzyklus von Janáček hier im Forum so wenig geschrieben, weil es einfach unheimlich schwer ist zu verbalisieren, was man da gehört, erlebt und durchlitten hat.


    Beste Grüße

    Caruso41