Edgar Allan Poe zum 200. Geburtstag

Pius · 44 Beiträge · letzte Antwort von Pius

44 Beiträge
  • Die zweite literarische Quelle für Poes Ligeia habe ich hier eingestellt, der zweite Teil folgt morgen. Charles Dickens, das merkte ich bei der Diskussion um die bemerkenswerten Autoren des 19. Jahrhunderts, wird heute in einer bemerkenwerten Weise unterschätzt. Das Bild scheint wohl eher von den Verfilmungen geprägt zu sein als von den Texten, die häufig genug in Dunkelheit, Grausamkeit und Unerklärbares führen. "Bleak House" war einer meiner Lieblingslektüren früherer Tage.


    Nun findet sich in den so humoristisch-behäbigen (aber unter dieser Oberfläche alles andere als harmlosen) Pickwick Papers ein Text, auf den Poe direkt Bezug nimmt: "A Madman's Manuscript" aus dem 11. Kapitel von "Pickwick Papers". Einige der Bezugspunkte möchte ich hier nennen, ohne der Entdeckungsfreude der Mitleser den Schwung zu nehmen: das prächtige Haus, der beginnende Wahnsinn des Helden, die mangelnde Liebe der Braut, der dämonische Hass des Bräutigams, die Unfähigkeit, sich an einzelne Tatsachen zu erinnern, wie etwa den Namen der Frau.


    Liebe Grüße Peter

  • Hallo Fairy Queen, hallo Peter!



    Der Erklärung von Peter kann ich mich überhauptnicht anschließen. ich sehe das grundsätzlich anders.
    Das, was Du, FQ, mit über-menschlich ausgedrückt hast, das hatte ich mit


    Zitat

    Allerdings sehe ich Ligeia eher als (Ab)Bild des Ideal-Weiblichen, sozusagen als die archetypische ideale Frau. Dadurch hat sich etwas Nicht-Menschliches an sich.


    (s.o.) beschrieben. ich denke, hier decken sich unsere Eindrücke. Archetypische Bilder findet man in aller bedeutsamer Literatur (bzw. der, die ich bedeutsam finde), da diese zeitlos sind und damit auch die jeweilige Erzählung zeitloser und allgemeingültiger wird.


    Wo steht denn etwas von einem Lebenselexier Ligeias, mithilfe dessen sie durch die Zeiten lebt?
    Wo sind Hinweise auf die Angehörigkeit Ligeias zur jüdischen Glaubensgemeinschaft? An anatomischen Beschreibungen wird man das doch hoffentlich nicht festmachern wollen!?


    Der fehlende Nachname ist IMO nochmal ein deutlicher Hinweis, daß wir es mit einem archetypischen Frauen-Bild (bzw. einem der zeitlosen, über-menschlichen Sphäre) zu tun haben.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Zitat

    Original von Pius



    Der Erklärung von Peter kann ich mich überhauptnicht anschließen. ich sehe das grundsätzlich anders.


    Lieber Pius,


    beim Erklären bin ich noch nicht angelangt :angel: Die von Dir vertretene Interpretation



    Zitat

    Archetypische Bilder findet man in aller bedeutsamer Literatur (bzw. der, die ich bedeutsam finde), da diese zeitlos sind und damit auch die jeweilige Erzählung zeitloser und allgemeingültiger wird.


    steht noch auf meinem Merkzettel. Ich bin nun erst einmal der Linie des "wörtlichen Lesens" gefolgt sowie der intertextuellen Bezüge.



    Zitat

    Wo steht denn etwas von einem Lebenselexier Ligeias, mithilfe dessen sie durch die Zeiten lebt?


    Darauf deuten die roten Tropfen, dazu später ...



    Zitat

    Wo sind Hinweise auf die Angehörigkeit Ligeias zur jüdischen Glaubensgemeinschaft? An anatomischen Beschreibungen wird man das doch hoffentlich nicht festmachern wollen!?


    Zunächst einmal gibt es da den intertextuellen Bezug (Rowena/Rebecca bei Scott), dass die Personenbeschreibung mit der von Rebecca doch parallel angelegt ist (zur Personenbeschreibung komme ich ohnedies noch), halte ich nicht für zufällig.



    Zitat

    Der fehlende Nachname ist IMO nochmal ein deutlicher Hinweis, daß wir es mit einem archetypischen Frauen-Bild (bzw. einem der zeitlosen, über-menschlichen Sphäre) zu tun haben.


    Das kommt eben auf die Zeit an, in der die Geschichte oder die Person situiert ist. Gegen eine archetypische Deutung als weitere Schicht ist nichts einzuwenden, aber ich bin erst noch auf der wörtlichen - wir werden dann ja sehen, wie sich die Befunde mit dem Rest vertragen. Aber ein Name ohne Familienname ist auch nicht automatisch ein Hinweis auf Archetypisches. Warum gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen? :pfeif:


    Ich werde nun auch mal die Parallelstellen aus dem Ivanhoe heraussuchen: Literatur ist zunächst einmal Text mit Bezügen zu anderen Texten, gerade bei Poe. Was Poe mit diesen "Anleihen" angefangen hat, sehen wir noch: Es zeigt nur an, dass wir nicht einfach eine Gothic Story hier haben, sondern es eine sorgfältig sprachlich konstruierte moderne Geschichte ist, die gleichermaßen Schauder evoziert wie hinter den Schauder blicken lässt, eine naturwissenschaftliche Erklärung gibt, wie diese wieder benutzt, um eine neue Ebene zu erreichen, ob das die des Archetypus ist, würde ich allerdings eher bezweifeln, lasse mich aber gerne überzeugen.


    Liebe Grüße Peter

  • Zufällig erhielt ich heute ein Drehbuch zu lektorieren, das sich auf Poes Kurzgeschichte beruft und sich (anscheinend, denn ich habe es bislang nur überflogen) mehr an dem Original orientiert als Robert Townes altes Drehbuch für den Roger Corman - Film THE TOMB OF LIGEIA von 1964 mit Vincent Price, der mit der Vorlage kaum mehr als die Namen und die Horroratmosphäre sowie das Element der Überwindung des Todes durch den schieren Willen gemeinsam hat.


    Ich habe deshalb zunächst einmal das Original gelesen und werde mich, nach absolvierter Arbeit, gerne in die Diskussion um dieses ungeheuer faszinierende Werk einklinken. Wer das Original noch nicht hat, kann es übrigens in den leicht verschiedenen Fassungen und zusammen mit anderen interessanten Texten Poes und Informationen zu ihm und seinem Werk hier finden: http://www.eapoe.org/index.htm


    Vorab soviel: Das Hauptthema der Geschichte ist offenbar die in dem - anscheinend erfundenen - Motto Glanvilles angesprochene Fähigkeit des Willens, selbst den Tod zu überwinden. Animiert von unmäßigem Opiumrausch, versucht der Autor (d. h. der ungenannte Ehemann Ligeias und Rowenas), sich seine über alles geliebte, tote Frau zu vergegenwärtigen. Man beachte, dass fast die Hälfte der Erzählung allein ihrer Beschreibung gewidmet ist. Dabei ist sein Wille, sie sich zu "verlebendigen", so stark, dass ihm sogar das schier Unmögliche gelingt, allerdings zu seinem eigenen Entsetzen, denn mit allen konkreten Folgen des eigenen Wunschdenkens konfrontiert zu werden, ist nur Wenigen gegeben. Ich sehe daher das Geschehen auch nicht als banale Ausformung eines Opiumtraums - der allerdings hinein spielt, sonst wäre seine Erwähnung überflüssig -, sondern mindestens zum Teil als eine Ausgestaltung des alten Spruches "Wen die Götter strafen wollen, dem erfüllen sie seine Wünsche".


    Dass auch das bereits angedeutete autobiographische Element bei Poe eine wichtige Rolle spielt, erscheint mir sehr gut denkbar, denn Poe verlor ja nicht nur seine Mutter (eine Schauspielerin) extrem früh, sondern auch einen sehr frühen Schwarm, die Mutter eines Freundes, die in geistiger Umnachtung starb, während er noch seine letzten glücklichen Jugendjahre in England und Schottland verlebte (wo er übrigens mit Sicherheit mit Walter Scotts IVANHOE vertraut wurde). Hinzu kam das Erlebnis der Choleraepidemie in Neu-England wenige Jahre zuvor, die auch seinen Bruder das Leben kostete. Dass der Anstoß seiner Geschichte also von einem Durchspielen der Möglichkeit eines weiteren frühen Todes, nämlich dem seiner Frau Virginia rührte, die er erst im Vorjahr der Veröffentlichung der Geschichte geheiratet hatte, scheint mir nicht sehr weit hergeholt, geschweige denn undenkbar zu sein. Virginia starb zwar "erst" ein knappes Jahrzehnt später im auch damals immer noch sehr jungen Alter vn 24 Jahren, aber man wird bei der Lektüre der Geschichte das Gefühl nicht los, dass hier ein - sich teilweise später bewahrheitender - Angsttraum Poe die Feder führte und das "Unbegreifliche" (im Wortsinn) der Erzählung nachvollziehbar, wenn auch nicht wirklich erklärbarer macht.


    Peters Verweis auf die jüdische Tradition der Ligeia/Rebecca und ihr Gegenstück, die Lady Rowena, halte ich nicht nur wegen des auffälligen Gebrauchs des sehr ungewöhnlichen Namens Rowena für sehr interessant und legitim. Ligeias Verkörperung jüdischen Wesens drückt sich für mich auch weniger in physischen Attributen wie ihren schwarzen Haaren aus, sondern weil sie so ungeheuer gebildet ist, dass sie nicht nur sämtliche Kultursprachen spricht, sondern sogar "sämtliche Dialekte des modernen Europa" beherrscht. Eine mildere Form diese Art Universalbildung war im damaligen Europa tatsächlich vorwiegend in reichen jüdischen Familien mit großer Tradition anzutreffen. Zufällig erinnern wir uns ja gerade dieser Tage daran, dass Poe auf das Geburtsjahr genau ein Zeitgenosse Felix Mendelssohn-Bartholdys war.


    Hier ist aber offenbar nicht mehr von einer realen Person die Rede, sondern von einer Projektion alles Erstrebenswerten in eine Verstorbene, wobei deren offenbar vorhandenen, realen Qualitäten mit den Fantasien des Autors verschwimmen.


    Soviel mal für's Erste.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Zitat

    Original von Pius
    Der Erklärung von Peter kann ich mich überhauptnicht anschließen. ich sehe das grundsätzlich anders.
    Das, was Du, FQ, mit über-menschlich ausgedrückt hast, das hatte ich mit



    (s.o.) beschrieben. ich denke, hier decken sich unsere Eindrücke. Archetypische Bilder findet man in aller bedeutsamer Literatur (bzw. der, die ich bedeutsam finde), da diese zeitlos sind und damit auch die jeweilige Erzählung zeitloser und allgemeingültiger wird.


    Liebe Fairy Queen, lieber Pius,


    um hier noch einmal im Vorfeld anzusetzen: Was bringt euch auf die Idee mit dem Archetypus "Frau", Ligeia mag ja archetypische Züge habe, die sind aber nicht mit dem Archetypus "Frau" verbunden, ob mit dem der "Sirene", müssen wir uns noch näher ansehen.


    Was dem Archetypus "Frau" entscheidend widerspricht ist ihre Gelehrsamkeit, ihr Bücherwissen (im Unterschied zur Weisheit, die aus dem bewußten Erleben wächst):


    Zitat

    Ich erwähnte schon das umfassende Wissen Ligeias: ihre Kenntnisse waren unermeßlich – für eine Frau ganz unerhört. Damals sah ich noch nicht, was ich jetzt klar erkenne, daß dies Wissen Ligeias unglaublich, daß es gigantisch war.


    Bevor wir also die Geschichte unter tatsächlichen oder gemeinten Archtypen vergraben, sollten wir erst einmal zur Geschichte zurückgehen - und da ist - Rideamus hat mit Recht auf das Glanvill-Motto hingewiesen - der "Tod" die entscheidende Achse der Erzählung.


    Dass die Protagonistin dem Tod verfallen ist (und warum!), wie der Kampf gegen den Tod aussieht und wie er (auch letztlich) ausgeht, ist das Zentrum der Geschichte.


    Ligeia hat das unermessliche Wissen und den Willen, der sie oder den Autor glauben lassen kann, dass sie den Tod überwinden kann (deshalb spielt auch das Glanvill-Zitat eine so große Rolle). Vor ihrem Tod - nach einem langen, intensiven Kampf - steht das resignierende Gedicht - was ließ sie unterliegen, was sie resignieren?


    Dass es autobiografische Anlässe für die Geschichte gibt, heißt nicht unbedingt, dass diese etwas an dieser Geschichte erklären. Wenn sich der Erzähler schuldig fühlte am Tod Ligeias, könnte sich auch Poe schuldig gefühlt haben am Tod seiner Mutter, d.h. bestenfalls sind diese Parallelen tautologisch.


    Die Kenntnis der beiden Prosastücke von Scott und Dickens, auf die ich verwies, sind für Poe nachgewiesen. Wer sich für die erste Fassung der Geschichte interessiert, findet sie als Übersetzung im Projekt Gutenberg.


    Liebe Grüße Peter

  • Zitat

    Original von pbrixius


    Dass es autobiografische Anlässe für die Geschichte gibt, heißt nicht unbedingt, dass diese etwas an dieser Geschichte erklären. Wenn sich der Erzähler schuldig fühlte am Tod Ligeias, könnte sich auch Poe schuldig gefühlt haben am Tod seiner Mutter, d.h. bestenfalls sind diese Parallelen tautologisch.


    Liebe Grüße Peter


    Lieber Peter,


    ich sehe das ähnlich wie Du insofern, als ich nicht glaube, dass die autobiographischen Bezüge mehr erklären als die Existenz der Erzählung, aber nur sehr bedngt bei deren Interpretation helfen. Eine Einschränlung würde ich allerdings dahingehend machen, als es helfen könnte, wenn man einmal versucht sich darin einzufühlen, worüber ein Autor mit dieser besonderen Biografie spekulieren könnte. Dass dabei der frühe Tod der Mutter (Poe war damals erst zwei Jahre alt) Schuldgefühle auslösen konnte, wage ich zu bezweifeln. Da scheinen mir die oben von mir angeführten zahlreichen Begegnungen Poes mit dem Tod relevanter zu sein, zumal er auch sehr früh eine angeschwärmte Frau traf, den Poe in einem ähnlichen Alter erleben musste wie das seiner kurz vor Drucklegung der Geschichte geheiratete Frau.


    Dass Poe als (mindestens) Quartalssäufer und womöglich auch im Opiumrausch Erfahrener mit der Position des Erzählers mindestens sympathisiert, scheint mir nahe genug zu liegen um das zu rechtfertigen. Insoweit scheint mir die Kenntnis des biografischen Hintergrundes doch über die bloße Tautologie hinaus zu weisen - allerdings in der Tat nicht zu führen. Dazu muss die Erzählung schon selbst genügen.


    Dennoch möchte ich einen weiteren biographischen Bezug einführen, nämlich den Verweis auf Poes übriges Werk, in dem er ja immer wieder Angstvorstellungen (etwa das Begräbnis bei lebendigem Leib) als konkrete Erlebnisse darstellt. Man darf also m. E. schon fragen, ob das von dem Erzähler Erträumte (sei es als Wunschwahn oder Albtraum) nur in seiner Vorstellung materialisiert wird oder tatsächlich geschehen sein soll. Fraglos ist es für ihn Realität. Von daher ist die Frage mehr als relevant, warum nicht nur Rowena, sondern auch Ligeia aus seiner Sicht sterben musste. Auf Deine diesbezüglichen Gedanken bin ich sehr gespannt.


    Das Drehbuch erwies sich übrigens als wenig hilfreich, denn es ist noch weit schlimmer als der alte Horrorfilm mit Vincent Price und maßt sich dennoch an, EDGAR ALLAN POES LIGEIA zu sein. Tatsächlich ist es alles andere als das. Aber das Ergebnis werden wir wohl kaum zu sehen bekommen, denn der Film ist zwar abgedreht (in zweifacher Bedeutung des Wortes), aber ziemlich unverkäuflich. So besteht sein (für mich) einziger Wert darin, dass ich die eigentliche Geschichte wieder mal gelesen habe.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Zitat

    Original von Jacques Rideamus
    Ich sehe das ähnlich wie Du insofern, als ich nicht glaube, dass die autobiographischen Bezüge mehr erklären als die Existenz der Erzählung, aber nur sehr bedngt bei deren Interpretation helfen. Eine Einschränlung würde ich allerdings dahingehend machen, als es helfen könnte, wenn man einmal versucht sich darin einzufühlen, worüber ein Autor mit dieser besonderen Biografie spekulieren könnte.


    Lieber Rideamus,


    ich will das Kind durchaus nicht mit dem Bade ausschütten, es gibt schon den einen oder anderen biografischen Fakt, der hinsichtlich der Erzählung interessant ist, wobei es dann allerdings mehr über Poe als über die Erzählung aussagt.


    Man kann sich fragen, wie eine Beziehung zu einer Mutter Spuren hinterlassen hat, die so früh gestorben ist. Aber: Das Amulett mit dem Bild in der Ligeia entspricht in der Beschreibung eben dem Amulett, das Poe von der Mrs. Arnold hatte.

    Was übrigens das Weglassen des Familiennamens angeht, so gilt der auch für die kurz vorher entstandene Erzählung "Berenice". Nicht nur Berenice steht da ohne Familiennamen, sondern auch der Erzähler schreibt


    Zitat


    My baptismal name is Egæus; that of my family I will not mention.


    Interessanterweise taucht nur Rowena mit Familiennamen auf - vielleicht auch, weil die Familie die entscheidende Rolle spielte, dass die Ehe zustande kam.


    Dass man aber von einer Geliebten vor allem den Vornamen gebraucht, ist doch erst einmal normal. Zunächst einmal geht es (Beispiel Egäus in "Berenice") um das Verschleiern, dann um das Vergessen des Familiennamens (Beispiel Ligeia), im Falle Berenice wird der Name nicht genannt. Die Herkunft der Personen wird so aus unterschiedlichen Gründen verschwiegen. Der Erzähler von Ligeia wird überhaupt nicht benannt.


    Bei Egäus und bei dem Erzähler der "Ligeia" sind es (ähnlich wie in Dickens' "A Madman's Manuscript") könnte man Rücksichten auf die Familie annehmen, den Namen nicht zu nennen. Wenn man die beiden Geschichten als tagebuchartige Reflexionen nimmt, so braucht dort der eigene Namen auch nicht aufzutauchen. Da macht Egäus die Ausnahme, weil er sich förmlich vorstellt. Hier richtet sich ein Erzähler bewusst an ein Publikum.

    Liebe Grüße Peter

  • Zitat

    Original von pbrixius
    Man kann sich fragen, wie eine Beziehung zu einer Mutter Spuren hinterlassen hat, die so früh gestorben ist. Aber: Das Amulett mit dem Bild in der Ligeia entspricht in der Beschreibung eben dem Amulett, das Poe von der Mrs. Arnold hatte.


    Lieber Peter,


    nur um eine Verwirrung wegen der Namensähnlichkeiten zu vermeiden, verweise ich mal auf die in der deutschen Wikipedia nachzuschlagende Biographie Poes, von der ich annehme, dass sie stimmt, zumal sie erstaunlicherweise weitaus detaillierter ist als die in der englischen und weitgehend mit der in der Website der Edgar Allan Poe Society, einer wahren Goldmine zu dem Autor (http://www.eapoe.org/index.htm) veröffentlichten, übereinstimmt:


    Poes Mutter, die er im Alter von zwei Jahren verlor und die ihm laut der E.A.Poe-Website das erwähnte Amulett mit der Inschrift “For my little son Edgar, who should ever love Boston, the place of his birth, and where his mother found her best, and most sympathetic friends” hinterließ, hieß Elizabeth Poe, war eine geborene Arnold, verwitwete Hopkins, aber keine Mrs. Arnold. Der Schauspieler David Poe war ihr zweiter Mann. Seine Ersatzmutter, deren geiziger Ehemann eine Adoption verweigerte, deren beider Nachnamen er aber als Mittelnamen angenommen hatte, hieß Frances Allan. Sie starb 1829, als Poe, der sie so sehr als seine eigentliche Mutter verehrte, dass er ihren Nachnamen als seinen Mittelnamen annahm, 20 war, hinterließ ebenfalls ein Portrait, das auf der Website der Poe-Society zu sehen ist. Von einer wie auch immer gearteten Beziehung zu seiner leiblichen Mutter zeugt am ehesten Poes Gedicht namens ELIZABETH, das er seiner wirklichen Mutter widmete, und das man leicht im Net finden kann, z. B. hier: http://quotations.about.com/od/poemlyrics/a/PoePoem04.htm . Ob sich das Gedicht tatsächlich auf seine Mutter Elizabeth bezieht, konnte ich auf die Schnelle nicht verifizieren.


    Natürlich ändert es an der Sicht auf LIGEIA nichts Wesentliches, welche seiner beiden früh verstorbenen Mütter er da betrauerte, und inwieweit auch das Nachtrauern um seinen Jugendschwarm oder eine Befürchtung um seine eigene extrem junge Frau da hinein spielte. Konzentrieren wir uns also ruhig darauf, was in die Geschichte selbst her gibt.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Hallo!


    Bevor ich wieder in die Ligeia-Diskussion einsteige, möchte ich kurz von meinen Eindrücken zur Lektüre der allerersten Detektivgeschichte berichten. Diese fand ich spannend und unterhaltsam (habe sie fast in einem Rutsch durchgelesen und kam sogar noch kurz vor der Auflösung darauf, daß der Täter ein großer Affe war). Der Detektiv-Stil erinnert an Sherlock Holmes, aber der kam ja erst viel später.
    Aber Poes Kommentare über das Schachspiel in der (nur begrenzt notwendigen) Einleitung - naja... :rolleyes:


    Eine der Randnotizen, die ich mir bei der Lektüre gemacht habe, konnte ich nicht aufklären:
    Auf Seite 64 steht "Dupin war selbst schon seit vielen Jahren in Paris unbekannt". Hingegen sagt Dupin auf Seite 77: "Ich kenne den Polizeipräfekten G. und werde ohne Schwierigkeit die notwendige Erlaubnis erhalten". [zur Orientierung: Die Geschichte geht in meiner Ausgabe von Seite 59 bis 98]
    Das paßt doch nicht zusammen, oder? ?(


    Hier zur Auflockerung des threads eine Illustration von Aubrey Beardsley:



    Viele Grüße,
    Pius.

  • Zitat

    Original von Pius
    Eine der Randnotizen, die ich mir bei der Lektüre gemacht habe, konnte ich nicht aufklären:
    Auf Seite 64 steht "Dupin war selbst schon seit vielen Jahren in Paris unbekannt". Hingegen sagt Dupin auf Seite 77: "Ich kenne den Polizeipräfekten G. und werde ohne Schwierigkeit die notwendige Erlaubnis erhalten". [zur Orientierung: Die Geschichte geht in meiner Ausgabe von Seite 59 bis 98]


    Lieber Pius,


    vielleicht hilft Poe im Original:


    Zitat

    and it had been many years since Dupin had ceased to know or be known in Paris.


    Wenn er aufgehört hatte, bekannt zu sein, setzt das voraus, dass er bekannt war. Dass er eine Bekanntschaft leicht wieder aufleben lassen kann, darauf wird sich dann das zweite Zitat


    Zitat

    I know G––, the Prefect of Police, and shall have no difficulty in obtaining the necessary permission.


    beziehen.


    Liebe Grüße Peter

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  • Danke Peter,


    das erste Zitat läßt im englischen Original in der Tat mehr Spielraum. Dennoch bleibt der Eindruck, Poe hat nicht genau aufgepaßt... :rolleyes:


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Hallo!


    @Peter:


    Zitat

    Literatur ist zunächst einmal Text mit Bezügen zu anderen Texten, gerade bei Poe.


    Neben Dickens und Ivanhoe gibt es aber noch einen wichtigen Bezug, und zwar zu einem früheren Werk von Poe, dem Gedicht "Al Aaraaf".
    Hier taucht Ligeia als Engel auf, der als Sinnbild für Harmonie und Schönheit steht - also ganz klar eine über-persönliche bzw. nicht-menschliche Figur.
    Daß er genau den selben Namen für seine spätere Novelle gewählt hat und dort damit auch eine "über-menschliche" Frauengestalt beschrieben wird (die zudem ebenfalls das Attribut der Schönheit vollkommen erfüllt), ist sicher kein Zufall.


    Zitat

    Um hier noch einmal im Vorfeld anzusetzen: Was bringt euch auf die Idee mit dem Archetypus "Frau", Ligeia mag ja archetypische Züge habe, die sind aber nicht mit dem Archetypus "Frau" verbunden, ob mit dem der "Sirene", müssen wir uns noch näher ansehen.
    Was dem Archetypus "Frau" entscheidend widerspricht ist ihre Gelehrsamkeit, ihr Bücherwissen (im Unterschied zur Weisheit, die aus dem bewußten Erleben wächst)


    Ein Teil meiner Antwort steht direkt über dem Zitat, ein anderer in einem meiner vorigen Beiträge:
    Allerdings sehe ich Ligeia eher als (Ab)Bild des Ideal-Weiblichen, sozusagen als die archetypische ideale Frau. Dadurch hat sich etwas Nicht-Menschliches an sich. Sie ist wunderschön, äußerst intelligent und gebildet, sowie willensstark und selbsbewußt. Ich denke, daß der Ich-Erzähler bzw. Poe ein solches Ideal-Bild in die Figur der Ligeia hineinprojiziert.
    Um es zu präzisieren: Es geht mir weniger darum, ein allgemeinen Frauen-Idealtyp bzw.-Archetyp dort zu sehen, sondern einen individuellen. Der Ich-Erzähler bzw. Poe trägt irgendwo in sich das "Idealbild" einer Frau und projiziert es auf Ligeia (egal, ob diese nun eine "echte" Frau oder Fiktion ist), insofern ist es eine individuelle Ausprägung des Archetyps der Frau (vgl. u.a. C.G. Jung, Lehre der Archetypen, Anima und Animus).
    Übrigens ist Gelehrsamkeit und Wissen in der griechischen Götterwelt mit Athene verbunden - einer weiblichen Gottheit!


    Zitat

    Bevor wir also die Geschichte unter tatsächlichen oder gemeinten Archtypen vergraben, sollten wir erst einmal zur Geschichte zurückgehen - und da ist - Rideamus hat mit Recht auf das Glanvill-Motto hingewiesen - der "Tod" die entscheidende Achse der Erzählung.
    Dass die Protagonistin dem Tod verfallen ist (und warum!), wie der Kampf gegen den Tod aussieht und wie er (auch letztlich) ausgeht, ist das Zentrum der Geschichte.
    Ligeia hat das unermessliche Wissen und den Willen, der sie oder den Autor glauben lassen kann, dass sie den Tod überwinden kann (deshalb spielt auch das Glanvill-Zitat eine so große Rolle). Vor ihrem Tod - nach einem langen, intensiven Kampf - steht das resignierende Gedicht - was ließ sie unterliegen, was sie resignieren?


    Warum muß Ligeia sterben? Das sehe ich erstmal ganz pragmatisch: Ohne ihren Tod wäre die Geschichte so nicht erzählbar bzw. das ist einfach zentraler Baustein, damit die Erzählung den Verlauf nehmen kann, den Poe bestimmt hat.
    Interessanter ist: Warum ersteht sie wieder auf? Und: Ist das eine Opiumfantasie oder (innerhalb der Geschichte) Realität?
    Was ließ Ligeia unterliegen und resignieren? Unterlegen ist sie einer Krankheit. Trotz aller geistigen Stärke hat sie (wie wir alle) nunmal einen verletzlichen und sterblichen Körper. Hat sie denn überhaupt resigniert? Sie hat ja bis zueltzt gegen den Tod gerungen und all ihre Willenskraft dagegen gestemmt.


    Jacques:


    Zitat

    Animiert von unmäßigem Opiumrausch, versucht der Autor (d. h. der ungenannte Ehemann Ligeias und Rowenas), sich seine über alles geliebte, tote Frau zu vergegenwärtigen. Man beachte, dass fast die Hälfte der Erzählung allein ihrer Beschreibung gewidmet ist. Dabei ist sein Wille, sie sich zu "verlebendigen", so stark, dass ihm sogar das schier Unmögliche gelingt, allerdings zu seinem eigenen Entsetzen, denn mit allen konkreten Folgen des eigenen Wunschdenkens konfrontiert zu werden, ist nur Wenigen gegeben.


    Ein Zitat, das ich sehr mag und für treffend halte (ich weiß leider nicht mehr, von wem es ist - ich bitte um Mitteilung per PN, wenn es jemand weiß) lautet (sinngemäß): Es gibt nur zwei wirklich große Tragödien im Leben: wenn einem ein sehnlicher Wunsch nicht erfüllt wird - und wenn er erfüllt wird.
    Wenn ich Dich richtig verstehe, bis Du der Ansicht, der Ich-Erzähler hat durch seine Willensanstrengung Ligeia von den Toten zurückgeholt, und nicht sie sich selbst.
    Peter sieht (wenn ich ihn richtig verstanden habe) Ligeias eigenen Willen als maßgeblich für ihre Rückkehr ins Leben.
    Ich halte es für nicht möglich, anhand des Textes klar eine der beiden Deutungen zu verifizieren bzw. zu verwerfen und bin da noch unentschieden. Vielelicht spielt der Willen beider einer Rolle?


    Ich schließe mit dem Zitieren eines Teils des gedichtes "Al Aaraaf", das man hier und über das man hier lesen kann.


    Viele Grüße,
    Pius.


    Ligeia! Ligeia!
    My beautiful one!
    Whose harshest idea
    Will to melody run,
    O! is it thy will
    On the breezes to toss?
    Or, capriciously still,
    Like the lone Albatros,
    Incumbent on night
    (As she on the air)
    To keep watch with delight
    On the harmony there?


    Ligeia! wherever
    Thy image may be,
    No magic shall sever
    Thy music from thee.
    Thou hast bound many eyes
    In a dreamy sleep-
    But the strains still arise
    Which thy vigilance keep-
    The sound of the rain,
    Which leaps down to the flower-
    And dances again
    In the rhythm of the shower-
    The murmur that springs
    From the growing of grass
    Are the music of things-
    But are modell'd, alas!-
    Away, then, my dearest,
    Oh! hie thee away
    To the springs that lie clearest
    Beneath the moon-ray-
    To lone lake that smiles,
    In its dream of deep rest,
    At the many star-isles
    That enjewel its breast-
    Where wild flowers, creeping,
    Have mingled their shade,
    On its margin is sleeping
    Full many a maid-
    Some have left the cool glade, and
    Have slept with the bee-
    Arouse them, my maiden,
    On moorland and lea-
    Go! breathe on their slumber,
    All softly in ear,
    Thy musical number
    They slumbered to hear-
    For what can awaken
    An angel so soon,
    Whose sleep hath been taken
    Beneath the cold moon,
    As the spell which no slumber
    Of witchery may test,
    The rhythmical number
    Which lull'd him to rest?


  • In einem anderen Thread habe ich just die von Dir angesprochene Redensart so zitiert: "wen die Götter verderben wollen, dem erfüllen sie seine Wünsche".


    Da ich leider gerade sehr wenig Zeit habe, erst einmal nur soviel: ich würde mich nicht unbedingt darauf festlegen wollen, dass der Autor selbst für Ligeias Wiedererweckung sorgt. Allerdings ist mir in der Geschichte wenig präsent, das dafür spricht, dass Ligeia überhaupt zurückkommen will. Ich müsste sie allerdings noch einmal genauer daraufhin lesen, was ich derzeit nicht schaffe. Wenn sie aber wirklich gar nicht will, dann beschreibt der Autor doch ausschließlich seine eigenen Abgründe und nutzt Ligeia nur als Mittel zum Zweck. Oder wo steht geschrieben, dass sie nicht nur schön und gebildet, sondern auch eine Art Hexe wäre?


    :hello: Jacques Rideamus

  • Hallo!


    Ist die Poe-Leserunde damit zuende?
    Ich habe gestern den "Goldkäfer" gelesen, und schließe damit meine Poe-Leseaktivitäten vorerst ab.
    Die Geschichte fand ich ganz nett, aber nicht wirklich bedeutsam.
    Ich frage mich, ob daran gedacht wurde, daß der Ast mit dem Totenkopf über die Jahre wachsen und somit die beschriebene Position ändern konnte. Allerdings liefert Poe den Hinweis, daß der Ast tot oder zumindest krank ist, damit wäre das realistisch erklärt. Allerdings wundert es mich, daß Legrand das nicht mit einkalkuliert hat.


    Viele Grüße,
    Pius.

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