Anton Bruckner: 8. Sinfonie c-Moll - Das Mysterium

  • Die Realpräsenz findet sich im Neuen Testament nur, wenn man sie hineininterpretiert, wie es die katholische Kirche traditionell macht, besonders auch Ratzinger.


    Mit Respekt vor dem Thema des Threads und den Forenregeln unterlasse ich es jetzt, darauf inhaltlich-theologisch zu antworten, allerdings darf ich ja anmerken, dass ich -wie Du Dir sicher vorstellen kannst- vollkommen uneinig bin..... ;)
    Unter einer möglichen Ökumene verstehe ich übrigens in erster Linie, dass es eine Eucharistiegemeinschaft zwischen den Katholiken und den Orthodoxen geben könnte. Katholiken sind eigentlich auch orthodox, und die Orthodoxen fassen sich ja auch als katholisch auf.
    Die Ausdrucksform/ die Liturgie hat sich in den Jahrtausenden jedoch derart weit auseinanderentwickelt, dass es da wohl nie eine Gleichheit geben wird - muss es ja vielleicht auch gar nicht. Die Einheit mit den Evangelischen kann ich mir trotz der Tatsache, dass beide aus der Westkirche stammen, weniger vorstellen, und ich wünsche sie mir auch nicht. Warum und weshalb? Nicht hier, wie gesagt....


    Man könnte woanders darüber reden, jedoch würde es ja auch nichts ändern.
    Wir bleiben hier also besser beim Musikthema :D


    Gruß
    Glockenton

    "Jede Note muss wissen woher sie kommt und wohin sie geht" ( Nikolaus Harnoncourt)

  • Danke für Eure aufschlussreichen Antworten Willi und Glockenton,


    Meine Frage zielte darauf ab zu erfahren, ob sich für mich ein Kauf der (bei mir noch noch fehlenden) Karajan-Aufführung von 1979 noch lohnt und tatsächlich noch andere Sichtweise hörbar wurde, die etwas neues zu sagen hätte ... ???
    Das "packend und weniger abgeklärt" ist natürlich auf die Stellen in der Sinfonie Nr.8 bezogen, wo es sich dramatisch zum Gipfel aufbaut (auch im Adagio) und Sätze die auch weniger abgeklärt klingen sollten: das Scherzo sollte nach meinem Geschmack nicht zu ausgedehnt sein und im Finale ... liebe Leute, da geht es doch nun wirklich packend zu ! Gleich der Anfang ist doch der Wahnsinn pur. Ich wollte lediglich wissen ob dieser Wahnsinn "hier oder dort" besser tönt.
    Selbstverständlich will ich Bruckner nicht "spritzig wie Rossini ... gem. Deinen Worten" hören, sondern so wie es sein soll und er es gemeint hat.
    :!: Aber wir sind uns doch einig, dass es dazu mehrere Wege gibt, dies in der Klassik eben mehr oder weniger begeisterungswürdig zu interpretieren, oder wie ich mich ausdrückte "packend"; ja - auch und gerade bei der Sinfonie Nr.8 !
    Ich nehme Dir deine Randbemerkung, lieber Glockenton, natürlich nicht übel, Du hast mich nur nicht verstanden, worauf ich hinaus wollte ...


    Was mich nun wenig wundert:
    Es scheint sich bei beiden Aufnahmen um ganz grosse Karajan-Aufführungen zu handeln, die auch vom Tempogefühl recht ähnlich sind und auch darin meinen Vorstellungen voll entsprechen. Schlimm ist in meinen Ohren ein zerdehntes Adagio, dass ich bei Karajan mitnichten höre. Dein Zitat aus Beitrag 196 liess mir den Schluss zu, dass die 1988er-Aufnahme für dich doch noch außergewöhnlich grösser zu sein scheint.

    Nach derzeitigem Wissensstand ( ;) mein Beitrag 266 hat mich in so fern auch nicht weiter gebracht) denke ich, dass ich keine ausssergewöhnlichen Neuigkeiten mehr höre, wenn ich mir die St.Florian - Aufnahme zulegen würde, da diese eine ähnlich grossartig angelegte Karajan-Aufnahme ist.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang


  • Bezüglich Karajan sei der Vollständigkeit halber noch auf eine frühe experimentelle Stereoaufnahme mit der Preußischen Staatskapelle aus dem fernen Jahre 1944 (!) hingewiesen. Soweit ich weiß, hat sich in Stereo lediglich der Finalsatz erhalten; der Kopfsatz fehlt wohl ganz. Der Klangunterschied zum Mono der übrigen Sätze ist jedenfalls frappierend. Man könnte die Aufnahme locker in dieselbe Zeit wie die frühe (vollständige) Stereoeinspielung mit den Berliner Philharmonikern für EMI von 1957 datieren.


    Hier ein Auszug bei YouTube:



    Insgesamt gefällt mir von Karajan übrigens die EMI-Aufnahme von 1957 am besten:



    Da ist noch der "Furtwängler-Sound" hörbar erhalten. Die Blechbläser sind in der finalen Schlussapotheose m. E. in keiner späteren Karajan-Aufnahme so eruptiv.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Lieber Joseph,


    das Tonbeispiel von der 1944er-Stereo-Aufnahme ist ja ganz und gar unglaublich. Da kann man mal sehen, was damals alles schon möglich war.


    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich komme noch enmal zurück auf meinen Beitrag Nr. 231 vom 30. März 2016, in dem ich die Aufnahme Thielemanns mit der Dresdner Staatskapelle vom 10. Juni 2012 gewürdigt habe. Ich kann mich da nur wiederholen. Je öfter ich die Aufnahme sehe (und natürlcih höre) und sie mit meinem Liverlebenis 2011 vergleiche, desto mehr verfestigt sich in mir die Meinung, dass hier Thielemann ein Terrain beschritten hat, das ihm, zumindest in Deutschland, kaum ein Dirigent streitig machen kann.
    Und Thielemann hat ja bis auf die ersten drei Sinfonien Bruckners alle anderen schon vorgelegt, davon einige sowohl mit den Münchener Philharmonikern als auch mit der Dresdner Staatskapelle. Er ist also, was Bruckner betrifft, nicht "auf der Brennsuppen daher geschwommen".
    Wenn er das nächste Mal in unserem Beritt Bruckner aufführt, werde ich wieder am Start sein.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Frisch heruntergeladen von der abruckner.com :


    February 2017


    Bruckner, Anton | Symphony No. 8 (1887)


    Bolshoi Theater Orchestra,
    Gennadi Rozhdestvensky


    Empfehle unbedingt hinzuhören! 8-)

    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)


  • In den 80er Jahren legte Roschdestwensky die bis heute kompletteste Gesamtaufnahme der Bruckner-Symphonien vor (es sind sogar Mahler-Bearbeitungen eingespielt worden). Mit einer auffälligen Ausnahme: Die 1887er Fassung der 8. Symphonie fehlte seltsamerweise. Angeblich wurde sie damals durchaus aufgenommen, aber auf CD ist sie trotzdem nie erschienen (evtl. ein Fehler von Melodiya). Jedenfalls dirigierte Roschdestwensky diese Fassung dann Jahrzehnte später im Jahre 2009 mit dem Orchester des Bolschoi-Theaters definitiv, daher stammt dieser Mitschnitt. Ich finde auch, dass das ein Plädoyer für die Erstfassung ist und sich neben den wenigen anderen Einspielungen dieser Fassung sehr gut behaupten kann.


    Hier nochmal der Link zum Download im verlustfreien flac-Format.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Danke für die INFO an Maurice und Josef,
    diese Roshdestwensky-Aufnahme habe ich mir auch gerade geladen und mal reingehört:
    Toller erster Satz; absolut stark der Anfang des 4.Satzes - what a´Percussion - whow ! Ich bin gleich an seinen Schostakowitsch erinnert, :D was für einige warscheinlich daneben erscheint, aber mir egal - es ist der Hammer!


    Die Erstfassung oder Urfassung 1887 der Sinfonie Nr.8 finde ich ohnehin auch grosse Klasse, obwohl ich ansonsten bei Bruckner zu den ausgefeilteren und besser ausgearbeiteten Spätfassungen tendiere.
    Ich habe und kenne davon die ausgezeichnete Aufnahme mit Eliahu Inbal (TELDEC), die mir von einem Bruckner-Kenner mal empfohlen wurde - das war ein Best Buy in jeder Hinsicht!



    TELDEC, 1983, DDD

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Ich habe heute in meinem Schlafzimmer eine bescheidene Stereo-Anlage aufgebaut mit CD-Player und Verstärker (jeweils Modell 520) von DENON. Dazu habe ich meinen AKG 712-Kopfhörer bereitgelegt, und statt heute Abend noch stundenlang im Forum herum zu geistern, werde ich nachher folgende Aufnahme der Achten hören:



    Günter Wand, Gürzenich-Orchester, 1971
    Günter Wand pflegte für gewöhnlich die Fassungen von des Komponsiten letzter Hand zu dirigieren. Ich nehme an, dass es hier genauso ist.


    Morgen werde ich dann über meine Hörerlebnisse berichten.


    Schöne Sonntagsgrüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Gestern Abend (Sätze 1 bis 3) und heute Nachmitag hab ich da Mysteriuem in einer Einspielung Karl Böhms aus dem Februar 1976 im Wiener Musikverein gehört. Da im Mozart-Dirigenten-Thread kontrovers über ihn diskutiert wurde (mich eingeschlossen), nahm ich am späten Abend mal diese Box zur Hand:,


    Wiener Philharmoniker,
    Karl Böhm,
    AD: Februar 1976,
    Spielzeiten: 14:53-14:28-27:55-23:06 --- 80:22 min.;

    Ich habe sie seit dem 13. Dezember 2016 in meinem Bestand, und ich bereue es keine Sekunde. zumal ich die meisten Aufnahmen noch nicht hatte bzw. frühere Aufnahmen von Böhm, z. B. von den Mozart-Symphonien.
    Dass er die Achte aufgenommen hatte, wusste ich bis dato gar nicht, und als ich gestern diese Scheibe auflegte (Marantz CD 67 S.E., KHV Burson Audio Soloist und KH AKG 712, wurde ich regelrecht überrollt von einem dermaßen fulminanten Stück, wie ich es so, wie ich glaube, noch nie gehört habe, und die Achte Bruckner gehört, wie die Neunte und die Neunte Schubert (Beethoven schließe ich mal dabei aus) zu den am häufigsten in meiner Sammlung vertretenen Symphonien, was natürlich hautpsächlich auf Günter Wand zurückzuführen ist. Um dieses Böhmsche Furiosum überhaupt einigermaßen einordnen zu können, habe ich es mit dieser Aufnahme von Günter Wand verglichen, der mit ähnlichem dynamischen und temporalen Impetus zu Werke geht. Diese Aufnahme entstand 4 Monate später, und entscheidend für den Vergleich ist, dass beide die Haas-Edition bevorzugen, während viele andere Dirigenten die Nowak-Edition bevorzugen:

    Vielleicht sollten man noch erwähnen, dass Günter Wand zum Zeitpunkt der Aufnahme 64 Jahre alt war und Karl Böhm 82, wenn man die Satzzeiten mal untereinander setzt:


    Böhm 1976: 14:53-14:28-27:55-23:06 --- 80:22 min.;
    Wand 1976: 15:44-15:04-26:10-24:24 --- 81:18 min.;


    Man sieht, dass Günter Wand, der bei sonstigen Vergleichen meistens schneller dirigiert als seine Konkurrenten, hier geringfügig langsamer ist als Karl Böhm, dass jedoch das temporale Binnenverhältnis beider in den ersten beiden Sätzen größte Ähnlichkeit aufweist. Karl Böhm nimmt das Adagio etwas breiter als Günter Wand und das Finale etwas rascher. Ansonsten scheint mir, soweit ich das ohne Partitur erkennen kann, bei ihnen beiden alles werktreu zu sein, vor allem aber ist es sicher bei beiden eines: größte Binnenspannung, fesselndes Dirigat, eine absolute Spitzenleistung, und ein großes Bedauern, dass Böhm wohl nicht alle Bruckner-Symphonien vorgelegt hat.
    Vielleicht ist Karl Böhm in seiner hier genannten Aufnahme in den großen Schlusssteigerungen, vor allem in den Ecksätzen, Günter Wand in seiner Kölner Aufnahme noch etwas voraus, ist der Klang der Wiener Philharmoniker noch etwa geschärfter, sind die großen Termposteigerungen eruptiver, auf jeden Fall aber ist der Solopaukist dieser Wiener Aufnahme so herausragend, wie ich lange keinen mehr gehört habe.
    Allein schon aufgrund dieser Aufnahme kann ich den Kauf dieser Box uneingeschränkt empfehlen, und ich kann mir kaum vorstellen, dass die Siebente Bruckner, die ich mir heute Abend anhören werde, so stark abfallen sollte, dass ich die Empfehlung zurückzöge.


    Lieb Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • In der Box mit den Brucknersymphonien unter Michael Gielen findet sich eine Aufnahme der 8., die nicht identisch ist mit der vor ca. 15 Jahren erschienenen Aufnahme bei Haenssler. Dort hat er die/eine Haas-Version eingespielt. In der Box findet sich aber eine Aufnahme von 2007, die durch zwei Eigenschaften auf sich aufmerksam macht. Zum einen findet sich dort die 1887er erste Version der Symphonie, die relativ selten eingespielt wird (ich besitze davon nur die Inbal-Aufnahme), zum anderen wählt Gielen hier Tempi, die man von ihm nicht unbedingt erwarten würde, die Symphonie dauert bei ihm gut 95 min, bei Inbal passt sie mit 75 min auf eine CD. Gielen zelebriert hier also die Originalversion, was vermutlich nicht jedem gefallen wird. Mich hat es beim ersten Hören beeindruckt, vor allem die letzten beiden Sätze.


  • Lieber lutgra,


    wie diese Box eindrucksvoll zeigt (und wie auch im Beiheft beschrieben wird), ist der "späte" Gielen nicht mit dem früherer Jahre zu vergleichen.
    Auch die 9. Sinfonie hat Gielen 1993 schon einmal eingespielt und war ca. neun Minuten schneller als im Konzert-Mitschnitt 2013, der in der Box enthalten ist.



    "Beeindruckend" ist für mich die gesamte Box. Die 5. Sinfonie ist schon seit langem meine "Referenz", aber auch alle anderen Sinfonien, vielleicht abgesehen von der für mich als zu "trocken" empfundenen Interpretation der 3. Sinfonie, höre ich sehr gerne.


    Bei den letzten beiden Sinfonien, 2007 und 2013 aufgenommen, fällt für das direkte, fast schon brutale Orchesterspiel auf. Die Wucht, mit der Gielen das Orchester fast schon "antreibt", ist gewöhnungsbedürftig, aber auch, wie Du schon schriebst, beeindruckend.


    95 Minuten für die Urfassung sind ein fast schon "episches Zeitmaß", ganz außergewöhnlich ist es indes nicht. Auch Fabio Luisi und Kent Nagano kommen auf weit über 90 Minuten.




    Auf der anderen Seite ist Vladimir Fedoseyev zu nennen, der auf eine Spielzeit von 74'13'' kommt. Aber auch bei ihm klingt es nach Bruckner. ;)



    Die Spielzeiten zum Vergleich:


    18'40'', 19'59'', 29'56'', 27'09'' (Gielen)
    17'54'', 16'58'', 31'09'', 26'11'' (Luisi)
    19'55'', 17'09'', 33'37'' 28'44'' (Nagano)
    14'42'', 16'13'', 22'10'', 20'52'' (Fedoseyev)

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Allerdings ist Gielens Intercord-Einspielung der "Normalfassung" von Bruckners 8. (1991? oder früher) auch nicht so zügig wie z.B. seine 7.


    16:24
    17:07
    26:41
    23:36

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Das ist wohl wahr, lieber JR.


    Ich habe die Aufnahme, die vom 13.-19.12.1990 entstand, lange nicht mehr gehört. Ganz so "normal" ist Gielens frühere Interpretation nicht, denn er verwendet die Haas-Fassung, "die ich, vom instrumentatorischen Standpunkt, ein bißchen weiter bearbeitet habe." (Zitat von Michael Gielen im Beiheft) In wieweit allerdings die Bearbeitungen deutlich hörbar sind, kann ich aus dem Gedächtnis nicht mehr sagen...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Fedossejew (Originalfassung 1887)

    Von der Originalfassung der 8. Symphonie von 1887 gibt es ja mittlerweile doch einige Aufnahmen, wie man in den letzten Postings sehen kann. Dazu kommt noch u. a. die gar nicht schlechte von Simone Young mit den Philharmonikern Hamburg.


    qkeuhbrv.png


    Ich habe seit kurzem, die letzte jpc-Aktion ausnutzend, die Einspielung des Tschaikowski-Symphonieorchesters des Moskauer Rundfunks unter Wladimir Fedossejew vorliegen (Relief, 1999), die Norbert schon kurz vorgestellt hat.


    Sieht man sich allein die Spielzeiten an, könnte man meinen, Fedossejew habe einen "Affenzahn" drauf. Beim Hören entsteht ein solcher Eindruck allerdings mitnichten, was mal wieder beweist, welche unterschiedlichen Lesarten diese Monumentalwerke Bruckners doch vertragen, von Fedossejews 74 Minuten bis zu Naganos 99 Minuten.


    Wer Bruckner á la russe schätzt (man denke an Mrawinski und an Roschdestwenkis Zyklus), kommt bei dieser Aufnahme auf seine Kosten. Orchester- und Klangqualität sind vom Feinsten. Der typische russische Sound ist vorhanden beim Blech und Schlagwerk. Russische Dirigenten hatten bereits in der Vergangenheit eine "säkularisierte" Sichtweise auf diesen Komponisten, sicherlich historisch bedingt, was erstaunlich gut klappt.


    Diese Erstfassung der Achten hat sowieso ihre Meriten. Sie klingt stellenweiser rustikaler (sechs Beckenschläge im Adagio), zumal in so einer exzellenten Interpretation wie der vorliegenden. Die Finalcoda klingt wirklich mysteriöser als in der 1890er Fassung. Ich verweise auf die sehr detaillierte und euphorische Kritik von Joachim Wagner bei Amazon (Link übers Cover oben links).

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Wo wir bei russischen Aufnahmen sind: Wirklich gelungen ist auch die in Beitrag 276 gezeigte Einspielung der 1887er Originalfassung von Gennadi Roschdestwenski mit dem Orchester des Bolschoi-Theaters von 2009.


    Er geht allerdings in deutlich breiterem Zeitmaß an das Werk heran: 18:17 - 15:57 - 33:36 - 27:43. Im Kopfsatz über drei Minuten langsamer als Fedossejew, im Adagio gar über elf Minuten und im Finale nochmal sieben Minuten. Dafür ist er im Scherzo sogar ein paar Sekunden flotter. Also eine typisch exzentrische späte Roschdestwenski-Aufführung mit allen ihren Eigenheiten hinsichtlich der Agogik. Die Aufnahme kann in verlustfreiem FLAC-Format nach wie vor bei abruckner.com heruntergeladen werden.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Das trifft sich gut, dass der Thread wieder hervorgeholt wurde. Neulich haben die Wiener Philharmoniker diese Symphonie unter Thielemann gespielt bei einer Matinee-Vorstellung im Konzerthaus, aber auch im Musikverein, aus dem diese Aufnahme von ORF III stammt. Ist sicher nur noch kurze Zeit verfügbar:

    http://bit.ly/2JaxrgO

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Ich habe nun heute zum ersten mal die 8. Sinfonie von Karajan mit den Wienern Philharmonikern angehört.

    Die Wiener Philharmoniker spielen hervorragend und der Klang ist auch sehr gut. Karajan musiziert mit voller Wehmut und Wärme. Was mir am meisten gefallen hat, das waren die Blechbläser die man gut herausgehört hat.


    Fazit: Eine tolle Aufnahme für einen Karajan und nicht so geglättet wie seine Aufnahmen mit den Berlinern Philharmonikern. Dieses mal hat Karajan auch einen Bruckner spielen lassen und nicht andersrum :)

    [am]B008PC1GF8[/am]

    Bruckner+Wand So und nicht anders :)

  • Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Karajans beste Einspielung des Werkes bleibt für mich seine erste mit den Berliner Philharmonikern von 1957 (EMI), bereits in Stereo:




    Da ist auch nichts geglättet. :thumbup:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ja, es stimmt, lieber Joseph, "geglättet" ist nichts in dieser Aufnahme. Ganz im Gegenteil, Karajan baute 1957 ein "dramatisches Monument", die Wiener Aufnahme, über 30 Jahre später entstanden und ca. fünf Minuten schneller in den Tempi, wirkt dagegen fast filigran.


    Gewiss, Karajans letzte Auseinandersetzung mit der 8. Sinfonie ist sehr gelungen, steht aber auch für mich hinter der Wucht der früheren zurück.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Karajans beste Einspielung des Werkes bleibt für mich seine erste mit den Berliner Philharmonikern von 1957 (EMI), bereits in Stereo

    Lieber Joseph II.,


    ich bin nun nicht der Bruckner-Spezi, aber ich kann berichten, daß die Aufnahme bei ihrem ersten Erscheinen fast als Sensation gefeiert wurde! Eine Bruckner mit einem (damals) noch relativ jungen Dirigenten, dazu noch eine seiner ersten Einspielungen mit dem Berliner Philharmonikern nach seiner Ernennung zum Chefdirigenten auf Lebenszeit, die Kritiken überschlugen sich mit Lob und Anerkennung.

    Ich selber besitze die Aufnahme auf CD in dieser Ausgabe:

    Bildergebnis für karajan bruckner 8 wagner

    Wie die von Dir gezeigte neuere Überspielung ausgefallen ist, weiß ich nicht, aber diese US-Ausgabe klingt für ihr Alter erstaunlich gut.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • RE: Karajan und seine 4 Aufnahmen der Bruckner (EMI, 1957); (DG 1975); (SONY BMG, 1979 auf DVD) und (SONY BMG, 1988 auf DVD)

    :!:In diesem Thread spielt Karajan´s Bruckner eine nicht unerhebliche Rolle.. und das zu Recht !


    Ich selber besitze und schätze die Karajan-Aufnahmen von 1957, 1975 mit den Berliner PH und 1988 mit den Wiener PH auf DVD.

    Mir gefallen alle drei Int wegen Karajan´s unbändigem kraftvoll exstatischen Zugriff, den ich in der mittleren Aufnahmen DG, 1975 mit dem besten Tempogefühl am besten umgesetzt empfinde. Ausserdem übertrifft hier die Klangqualität der Aufnahme deutlich die Ältere, was für mein Hörgefühl ein nicht unerheblicher Punkt ist.


    DG, 1975, ADD



    :!: Man sollte auch die Erstfassung /Urfassung 1887 der Sinfonie Nr.8 nicht ausser Acht lassen, die mit Inbal/ RSO Frankfurt (Teldec) herausragend gelungen ist - siehe dazu auch Beitrag 217.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • :!: Man sollte auch die Erstfassung /Urfassung 1887 der Sinfonie Nr.8 nicht ausser Acht lassen, die mit Inbal/ RSO Frankfurt (Teldec) herausragend gelungen ist - siehe dazu auch Beitrag 217.

    Völlig richtig. Ich darf in dem Zusammenhang auch nochmal auf die superbe Einspielung von Fedossejew mit russischem Orchesterklang (Beitrag 285) verweisen.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • RE: Fedossejew und die Urfassung der Sinfonie Nr.8 (1887)


    Gestern Abend habe ich intensiv und länger auf YT in die Bruckner 8 mit Fedossejew hineingehört.

    Das hört sich im ersten Moment sehr beeindruckend an, wie er die Pauken "sprechen" lässt. Ich glaube aber, dass viele Bruckner-Fans eher den Eindruck haben könnten, dass vieles sehr fremd und ungewohnt rüber kommt, eben so ganz und gar nicht dem Bruckner-Sound entsprechend.


    Ich habe zum Vergleich auch mal in Karajan in der Haas-Fassung eingehört. Welch ein Unterschied, welch eine Noblesse bei der Vorbereitung der Steigerungen. Und Karajan lässt die Pauken auch verdammt gut "sprechen".

    Gemäss meinen bisherigen Eindrücken kommt an meinem Favoriten für die Sinfonie Nr.8 = Solti/Wiener PH (Decca) auch Fedossejew nicht vorbei.


    Ausserdem gestaltete sich meine Beurteilung auch schwierig, denn die Klangqualität auf YT ist unterirdisch schlecht !

    Es kann gut sein, dass die CD-Qualität viel besser ist, sodass ich dann, auf CD gehört, einen noch positiveren Eindruck von der Fedossejew-Aufnahme bekomme.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Lieber Wolfgang,


    ich denke, es haut nicht gut hin, verschiedene Versionen einer Sinfonie vergleichend zu hören und daraus Urteile zu ziehen. Auch wenn sich die verschiedenen Versionen der 8. Sinfonie weitaus ähnlicher sind als die 3. oder 4., sind und bleiben es auch und ibs. in Bezug auf Dynamik, Instrumentation und Tempi verschiedene Werke.


    Sofern Du nach einer Alternative zur sehr gelungenen Inbal-Aufnahme suchen solltest, würde ich nicht in erster Linie Fedossejew empfehlen. Nicht, weil mir die Interpretation nicht gefällt, ganz im Gegenteil, sondern weil er sich in der tempomäßigen und in der formalen Anlage nicht eklatant von Inbal unterscheidet. Und, nebenbei, die Aufnahme mit Inbal klingt brillanter.


    Wenn's eine veritable Alternative sein sollte, dann wäre eine der drei Aufnahmen mit "epischen Zeitmaßen", also Michael Gielen, Kent Nagano oder Fabio Luisi, empfehlenswert.


    Ich habe in den letzten beiden Tagen Nagano und Luisi gehört und würde Dir zu letzterem raten, weil ich denke, dass er Deinen Vorlieben eher entsprechen würde. Die Philharmonia Zürich agiert etwas virtuoser als das Bayerische Staatsorchester (ibs. bei den Bläsern) und die Pauken sind prägnanter eingefangen. Langeweile kommt, zumindest bei mir, trotz ca. 17 Minuten längerer Spielzeit im Vergleich zu Inbal, nie auf.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Langeweile kommt, zumindest bei mir, trotz ca. 17 Minuten längerer Spielzeit im Vergleich zu Inbal, nie auf.

    Lieber Norbert,


    Danke für Deine Empfehlung für Luisi. Aber ich denke eine Int mit einer längeren Spielzeit als bei Inbal (TELDEC), dessen Aufnahme der Erstfassung 1887 wirklich brillant ist, wird aus Erfahrung nicht unbedingt positive Eindrücke bei mir hervorrufen. Bei Luisi ist der 3.Satz krasse 9 Minuten länger und der 4.Satz 6Minuten als Fedossejew ...


    Du hast ja Recht, dass man die Fassungen nicht direkt miteinander vergleichen sollte; aber grob betrachtet schon, denn die Stellen, auf die es letztendlich ankommt (u.a. der ;) Anfang vom 4.Satz zum Beispiel) sind in beiden Fassungen enthalten.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Lieber Wolfgang,


    im Laufe der Jahre lernt man die gegenseitigen Hörpräferenzen kennen, deswegen dachte ich mir schon, dass Du ähnliches antworten würdest. ;)


    Ich würde nicht zwingend sagen. dass eine Aufnahme alleine ausreicht, um alle Facetten eines Meisterwerks abzudecken, aber Du magst es halt lieber, wenn eine Aufnahme mehr "drive" hat. Das ist in Ordnung. Für mich ist es in erster Linie wichtig, dass die Tempi "passen" und nicht, ob sie schnell oder langsam sind. Und sowohl bei Inbal als auch bei Luisi (selbst bei Nagano, der sich noch einmal drei Minuten länger Zeit lässt als Luisi) "passen" sie voll und ganz, halt jeweils unterschiedlich.


    Und "grob betrachtet" hast Du natürlich auch recht. ;)

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler