Zweisprachiges, Zwischensprachiges

  • Ihr Lieben,


    mit Waldi Krauses Standardgruß beginne ich diesen neuen thread, denn mit ihm habe ich mich auch dazu verabredet, diesen zu bestücken (aber, bitte, nicht exklusiv! Ihr seid alle eingeladen dazu!). Waldi und mich eint ein seltsames Schicksal: wir sind beide mit einer Ungarin verheiratet (wenn auch nicht mit der gleichen) und leben seitdem in einer eigenartigen Parallelwelt: der Zweisprachei.


    Zweispracheien sind winzige, teilautonome Gebiete inmitten großer Sprachnationen – meist umfassen sie nur einen Hausstand. Sie sind kleine Horte fröhlicher sprachlicher Anarchie, in denen zweierlei grammatikalische Gesetzgebungen in friedlichem Streite mit- und durcheinander existieren und der Staats-, respektive Wortschatz aus zweierlei völlig unterschiedlichen Quellen sich speiset...


    Sprachthemen erfreuen sich hier ja großer Beliebtheit (ich erinnere an Fairys wundervollen „Aussterbende-Wörter“-thread), und so hoffe ich, dass Waldi und ich nicht alleine bleiben mit unseren deutsch-ungarischen Geschichten aus der Zweisprachei – die eine oder andere deutsch-französische, deutsch-norwegische, deutsch-russische oder deutsch-finnische Geschichte wird sich doch bestimmt auch hier einfinden! Ganz zu schweigen von all den Paarungen, von denen ich nichts weiß. Und Kommentare, Ergänzungen, Nachfragen und alles andere sind natürlich auch hier wie überall ausdrücklich erwünscht.


    Viel Spaß und viele Grüße,
    Micha

  • Das Mysterium der Socken, die paarweise in die Waschmaschine wandern und einsam einzeln wieder herauskommen, kennen wir alle. In Ungarn ist die Sache noch etwas komplizierter: dort findet man nach dem Waschgang halbe Socken vor.


    Im Wörterbuch scheint die Sache noch ganz harmlos zu sein: „zokni“ bedeutet Socke, „egy“ bedeutet „ein“, „egy zokni“ also eine Socke. Oder? Stimmt nicht: „egy zokni“ ist ein Sockenpaar, wie auch „egy kesztyü“ ein Paar Handschuhe ist und „egy cipö“ ein Paar Schuhe. Wenn meine Gattin vom Beutezug durchs Einkaufszentrum zurückkehrt, ruft sie mir, ihrer ungarischen Sprachlogik entsprechend, strahlend entgegen: „Ich habe mir eine neue Schuhe gekauft!“, worauf ich, meiner deutschen Sprachlogik entsprechend, antworte: „Dann wirst du auf einem Bein hüpfen müssen!“ (Falls sie allerdings sagt „Ich habe mir zwei neue Schuhe gekauft!“ gebe ich die deutsche Sprachlogik ganz schnell auf, denn ich weiß, dass sie zwei Paar meint und ergreife schleunigst Maßnahmen zur Verbesserung der finanziellen Ausgabenkontrolle.)


    Wie aber bezeichnet der Ungar das Einzelne vom Paar? Ganz einfach: eine einzelne Socke ist eine halbe Socke – „egy fél zokni“. Genauso ergeht es den Schuhen und Handschuhen – und manchmal sogar paarweise auftretenden Körperteilen: ein Bein ist zwar auch im Ungarischen im Prinzip ein Bein und nicht ein halbes Bein, wenn man aber betonen will, dass man, wie meine Frau nach dem Schuhkauf, auf nur einem Bein hüpft, dann sagt man: „fél lábon ugrálok“ – ich hüpfe auf einem halben Bein.


    Den Ausdruck „fél zokni“ haben wir übrigens in unserer deutsch-ungarischen Familie zur deutschen „Fehlsocke“ verballhornt. Wobei eben nicht die in der Waschmaschine verschwundene, also fehlende Socke die „Fehlsocke“ ist, sondern die vereinsamte überlebende.


    Grüße,
    Micha

  • Meine Lieben,


    Die Zweisprachigkeit hat immer zwei Seiten. Wenn sich meine Traute mit unseren Kindern ungarisch unterhält, verstehe ich meist gar nichts. Andererseits: Wenn ich etwas verstanden habe, was ich gar nicht will, berufe ich mich selbstverständlich, den seelisch Verletzten mimend, darauf, daß die Unterhaltung viel zu schnell erfolgte und ich daher nichts mitbekam. :pfeif:
    Meine Frau möchte immer, daß ich ihr die gröbsten Hungarismen abtrainiere. Jedesmal erkläre ich ihr, daß ich, falls sie diese liebenswerten Sprachgewohnheiten ablegt, mich sofort scheiden lasse.
    Jahrelang wollte sie immer wissen, wie der Klatschmohn richtig heißt. Heimtückisch, wie die Familie schon ist, erklärten wir immer, man müsse Mohnklatsch sagen (das Spiel bezieht sich darauf, daß im Ungarischen vieles nachgestellt wird, was bei uns vorne steht). Leider fällt sie jetzt nicht mehr darauf herein.
    Inzwischen sind mir derlei Redewendungen so vertraut, daß ich sie selbst gebrauche. Ich muß wieder einmal schärfer hinhören, um sie wirklich zu registrieren.


    LG


    Waldi

  • Ihr Lieben,
    bei meiner Tamino-Entspannungsrunde zwischen alles andere als entspannendem Lernprogramm entdecke ich gerade diesen köstlichen Thread und muss mich natürlich schon qua definitionem daran beteiligen!


    Ich bin sowohl der Sprössling einer bi-nationalen Verbindung (deutsch-itaniensich) als auch die linke Socke eines solchen Paares (deutsch-französisch) und daher in diversen europâischen Waschmaschinen gewaschen und noch nciht ganz verlorengegangen! :]
    Von der deutsch-italiensichen Sprachverwirrung kann ich leider leider nciht allzuviel berichten, da mein Babbino caro sich standhaft weigerte mit seinen Kindern italienisch zu sprechen und es keine Zweisprachigkeit gab.
    Selbige wurde aber natürlich von unserer italienischen Nonna erwartet, wenn auch leider nciht gefördert.
    Ihr war es schichtweg unbegreiflcih , dass ihre Enkel kein Italiensich und schon gar nciht ihren Dialekt verstanden, und wer sich nciht selbst nach allen Kräften bemuhte, hatte Pech gehabt.
    Die Schimpfworte und Flüche konnte ich natürlich zuerst, aber auch die grossmütterlichen Liebkosungen in einem dem napoletanisch nahen Idiom gefielen mir sehr.
    Spâter im Italeinscihkurs versuchte meine Lehrerin mir dann die schlimmsten Auswüchse der Nonna-Sprache wieder auszutreiben- ich habe also eher ambivalent von dieser "Zweisprachigkeit" profitiert. :wacky:


    Was nun die derzeitig aktive Zweisprachigkeit mit Frankreich angeht, könnte ich ganze Bücher dazu schreiben.
    Da ich bei Null angefangen habe(kein französisch in der Schule) habe ich die Sprache wirklich im Land und "ins kalte Wasser geworfen" gelernt.
    Mit einem sehr gebildeten und belesenen Ehemann gesegnet, konnte ich zuerst Baudelaire-Gedichtte rezitieren, bevor ich Hackfleisch an der Metzgertheke bestellen konnte und das hat zu nciht wenigen komischen aber auch unangenehmen Situationen geführt.
    Das Gemeine war, dass mein Mann mcih lange absichtlich nciht immer verbessert hat(siehe unsere Ungarn-Liebhaber oben....... :pfeif:)- das scheint wohl eine typisch männlcihe Eigenschaft zu sein!


    Da ich Latein und Italienisch bereits konnte, habe ich mir das Französische darüber erschlossen und mein Mann sagte mir oft, ich spräche wie Montaigne und das wolle er mir keinesfalls abgewöhnen, weil es zu mignon sei.
    Ich habe z.B. einfach lateinische Worte französisiert, um mch verständlcih zu machen und es selbst nciht gemerkt, bis mir endlich ein netter Mensch sagete, dass heutzutage niemand mehr so reden würde.


    Den rein deutschsprachigen Wutanfall, den mein Mann dann abbekam, beschreibe ich lieber nicht..... :D
    Ein paar meiner ersten Erfindungen wie z.B. celestement oder rumeureux sind heute feste Bestandteile unseres Wortschatzes.


    Ich finde es ausserordentlich berecihernd, sich die Sprache eines anderen Landes einzuverleiben, denn man wird sich nur so seiner eigenen Sprache und Denkweise vollkommen klar.


    In einer Paarbeziehung führt das meiner Erfahrung nach in keinster Weise zu Kommunikationsstörungen, sondern im Gegenteil zu einer riesengrossen Kreativität.
    Weil man gezwungen ist, sich mit allen Mitteln und wegen verständlich zu machen, gibt es am Ende sogar mehr Verständigungsebenen als bei einsprachigen Paaren.


    F.Q.


    Ausserdem gibt es auf der ganzen Welt nichts Besseres als Liebeserklärungen in fremden Sprache (am besten natürlich ungarisch und frz. :yes:) und je weniger man versteht, desto schöner ist es eigentlich.
    Man sollte daher immer noch ein paar Zonen einer Sprache unerforscht lassen, wenn man eine binationale Beziehung führt.

  • Und hier ist noch jemand mit einem ungarischen Schatz! Bei den Bemühungen, sich in der ungarischen Sprache zu artikulieren, ist fürwahr Vorsicht geboten. Ich habe schon mit dem Versuch des Zuprostens mit "Egészégrede" (Auf Dein Wohl!) Heiterkeitsausbrüche ausgelöst, da es aufgrund meiner nachlässigen Aussprache in ungarischen Ohren wie "Egészeggrede" klang (Auf Deinen ganzen Ar...!) :O Anfängerfehler!


    Nun, auch der Möchtegern-Ungar Liszt Ferenc ist ja kläglich am Erlernen seiner "Muttersprache" gescheitert. Als ihm in Pest eine hohe nationale Auszeichnung durch Überreichung eines silbernen Säbels zuteil wurde, sah er sich veranlaßt, vor versammelten magyarischen Würdenträgern schwärmerisch-pathetisch seine nationalen Gefühle zum Ausdruck zu bringen - auf französisch!


    Was wiederum Heinrich Heine veranlasste zu ätzen:


    "Auch Liszt taucht wieder auf, der Franz,
    Er lebt, er liegt nicht blutgerötet
    Auf einem Schlachtfeld Ungarlands;
    Kein Russe, noch Kroat’ hat ihn getötet.


    Es fiel der Freiheit letzte Schanz’,
    Und Ungarn blutet sich zu Tode –
    Doch unversehrt blieb Ritter Franz,
    Sein Säbel auch – er liegt in der Kommode.


    Er lebt, der Franz, und wird als Greis
    Vom Ungarkriege Wunderdinge
    Erzählen in der Enkel Kreis –
    „So lag ich und so führt’ ich meine Klinge!“


    Wenn ich den Namen Ungarn hör’,
    Wird mir das deutsche Wams zu enge,
    Es braust darunter wie ein Meer,
    Mir ist, als grüßten mich Trompetenklänge!"



    Ich hoffe wirklich, dass mein Goldstück niemals perfektes Hochdeutsch erlernen wird, denn dieser marikarökkeske Paprika-und-Pálinka-Tonfall ist einfach zu charmant. Ich lebe nur allzugern in einer Kalman-Operette - mit reichlich Trompetenklängen :D


    Unsere zweite Heimatstadt Pécs wird ja 2010 das unsägliche Linz als Kulturhauptstadt ablösen - wir freuen uns natürlich sehr darauf und sind gespannt, was dieses wirklich bezaubernde und reizvolle, multikulturell geprägte Städtchen alles auf die Beine stellen wird. Hinfahren!



    Sziastok,


    Cassiodor :hello:

  • Zitat

    Original von Cassiodor
    Und hier ist noch jemand mit einem ungarischen Schatz! Bei den Bemühungen, sich in der ungarischen Sprache zu artikulieren, ist fürwahr Vorsicht geboten. Ich habe schon mit dem Versuch des Zuprostens mit "Egészégrede"


    Vigyazz! "Egészségédre" muß es heißen. Jaja, Ungarisch ist verflixt schwer. Wenn ich mir selbst zuhöre, kriege ich Bauchgrimmen vor Scham.


    Wir müßten uns ja direkt in Ungarn zum Mulatság treffen! Noch ein paar mehr und wir rollen das Forum auf. Wie sagte doch der ungarische Mäuserich, als er beim Besuch bei seinen österreichischen Verwandten in den Rumtopf fiel und schwankend wieder herauskrabbelte?
    Mäuserich (den Schnurrbart sträubend): "Wo ist därrr Katz? Will ich värgäwaltigen!!"


    LG


    Waldi

  • :hahahaha: :hahahaha: :hahahaha: So stell ich mir schon immer echte Mäuseriche vor!



    Wenn ich das hier lese, muss ich ja fast denken, dass deutsche Frauen weniger beliebt als ungarische sind..... :D
    Gibt's denn hier auch Taminas mit ungarischen Männern??????


    Oder Taminos, die noch etwas Anderes als Ungarisches für heiratens/liebenswert befunden haben ? ;)


    Ich für mein Teil kann mit Fug und Recht sagen, dass französische Männer nur wämstens zu empfehlen sind- "mon amour" klingt einfach besser als "Meine Liebe". :yes:


    F.Q.

  • Hallo zusammen,


    ich kann leider trotz (halb-) französischem Mann nichts wirklich etwas beitragen, da dieser perfekt zweisprachig ist und wir daher natürlich fast immer Deutsch reden.


    Wir hatten mal die Tradition des französischen Sonntags (nur französisch ist erlaubt) und der französischen Urlaube, das bringt auch eine ganze Menge. Aber wenn ich dann mal schimpfen muss, dann natürlich wieder auf Deutsch - sonst habe ich Nachteile.


    Meine Neu-französischen Wortschöpfungen waren auch erheblich weniger poetisch als die von Fairy, celestement ist wirklich schön - häte ich auch sofort für echt gehalten...


    Ich habe nur einen legendären Falschversteher zu bieten: Am Anfang konnte ich noch sehr schlecht französisch und habe sehr viel durch zuhören und reden vor Ort gelernt. Da mein Mann bzw. seine Familie in Restaurants immer die Rechnung bestellt habe, habe sich das Wort dafür immer nur gehört, nie gelesen.


    So war ich lange Zeit felsenfest davon überzeugt, dass die Rechnung auf französisch "La Dition" heisst.


    Als ich das das erste mal gelesen habe, viel es mir dann wie Schuppen von den Haaren. Und das einer Mathematikerin...


    Das verfolgt mich auch immer noch :-)


    Viele Grüße,
    Melanie

  • Zitat

    Original von Michael M.
    Im Wörterbuch scheint die Sache noch ganz harmlos zu sein: „zokni“ bedeutet Socke, „egy“ bedeutet „ein“, „egy zokni“ also eine Socke. Oder? Stimmt nicht: „egy zokni“ ist ein Sockenpaar, wie auch „egy kesztyü“ ein Paar Handschuhe ist und „egy cipö“ ein Paar Schuhe. Wenn meine Gattin vom Beutezug durchs Einkaufszentrum zurückkehrt, ruft sie mir, ihrer ungarischen Sprachlogik entsprechend, strahlend entgegen: „Ich habe mir eine neue Schuhe gekauft!“, worauf ich, meiner deutschen Sprachlogik entsprechend, antworte: „Dann wirst du auf einem Bein hüpfen müssen!“ (Falls sie allerdings sagt „Ich habe mir zwei neue Schuhe gekauft!“ gebe ich die deutsche Sprachlogik ganz schnell auf, denn ich weiß, dass sie zwei Paar meint und ergreife schleunigst Maßnahmen zur Verbesserung der finanziellen Ausgabenkontrolle.)


    Hm. Wenn man eine Hose anzieht, ist man ja im Prinzip auch halbnackt. Nur weiß es irgendwie niemand mehr...


    :hello:


    Ulli

    Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
    (Vincenzo Geilomato Hundini)

  • Mit einer bi - nationalen Paarung kann ich leider nicht dienen, aber mit so diversen Sprachlernansätzen sicher.


    Vorweg: Bei Fairys Geschichte musste ich doch ein wenig lächeln, weil mir bekannt ist, dass die bessere Hälfte ganz vorzüglich deutsch spricht, während ich seinerzeit wahrscheinlich mit meinen zusammengeklaubten, holprigen Resten des in der Schule gelernten Französisch alle "native - speaking ears" gequält habe.


    Vor ca 10 Jahren habe ich mich um einige kosovarische Flüchtlinge gekümmert und habe mir überlegt, sie mal richtig zu überraschen, indem ich begann, mittels Buch die albanische Sprache zu lernen. Tja, hat sich was:-)


    Das ist ja noch nicht lange eine "Einheitssprache", sondern ziemlich deutlich in die sog. gegische (Kosovo) und toskische (Albanien; Grobverteilung) Variante unterteilt. Zu lernen ging die toskische Hochsprache. Nach ca. drei Monaten intensivstem Lernen hatte ich eine Art minimalen Grundstock beisammen, versuchte mich bereits darin, Zeitungen zu lesen. Als ich mit meinen Freunden die ersten Worte wechselte, erntete ich zwar durchaus freundliche Zustimmung zu meinen Bemühungen, aber: Es verstand mich keiner!:-)) Und ich kam bei der gegischen, kosovarischen Sprachform auch nicht mit.
    ich habe durchaus noch eine Weile weitergemacht und auch Unterstützung bekommen, aber prinipiell wäre eine Reise in die Region mit Sprechen unter Einheimischen nötig gewesen, wofür ich einige Einladungen, aber situationsbedingt keine Gelegenheit hatte.


    Was gerade in diesem Lernprozess einer grammatikalisch recht eigenwillig gebauten Sprache (es fehlt z. B. der Infinitiv, hier wird anders konstruiert) ganz deutlich wurde, ist die Auseinandersetzung mit der dahinterstehenden Kultur (der Urgrund dieser Sprache ist auf die schon "vorrömischen Illyrer zurückzuführen) und auch den Einflusselementen, die - was eine Art "erste Rettung" darstellt - romanisch abzuleitendes Vokabular hat, aber auch türkische, griechische und - wenn auch wenig - slawische Elemente beinhaltet.


    Pershendes dhe mbremjen e mire


    (Grüße und schönen Abend)


    Ulrica

  • Istenem! Und ich hatte befürchtet, dass wir hier ganz alleine bleiben. Schön, dass ihr alle da seid!


    Zitat

    Original von Walter Krause
    Meine Frau möchte immer, daß ich ihr die gröbsten Hungarismen abtrainiere.


    Meine eigentlich nicht. Sie ist da ziemlich stur und rechnet, glaube ich, eher damit, dass irgendwann einmal alle Deutschen ihre sprachlichen Eigenarten übernehmen, die sie für überaus logisch und einleuchtend hält. Zum Beispiel weigert sie sich konstant, reflexive Verben reflexiv zu benutzen: Wenn die Sonne scheint, freut sie, und wenn sie etwas nicht vergessen will, versucht sie es zu merken. Reflexiv ist redundant, braucht kein Mensch. Irgendwann steht's so im Duden...


    Ich habe ihr nur inzwischen verboten, auf deutsch mit den Kindern zu schimpfen, denn das geht immer nach hinten los. Auf ein scharfes "Geh sofort in deinem Zimmer!", reagiert der Große nur noch lässig mit "Wat denn - spazieren?", und schon ist es wieder aus mit der Autorität.


    Aber ich sollte langsam aufhören. Ich habe ihr nämlich den Link zu diesem thread gegeben; allzu sehr sollte ich also nicht aus der Schule plaudern...


    Grüße,
    Micha

  • Lieber Michael, du bist aber ganz schön mutig!!!!!


    Ich ziehe es vor, Tamino als meine private Spielwiese zu betrachten und lasse meinen Mann nur ab und zu hier rein. :D
    Das mit den reflexiven Verben kennen wir auch, allerdings gibt es da mit dem Schimpfen keine Komplikationen. Bei uns schimpft jeder in seiner eigenen Sprache, bzw eigentlich schimpfe eh nur ich. :untertauch:


    Liebe Ulrica, für deine sicher sehr schnell gelingenden Reanimationsverscuhe der frz. Sprache gibt es ein allerbestes Übungsfeld: französische Arien!
    Von Meyerbeer über Gluck und Berlioz bis Saint-Saëns- ein weites Feld auch für teife Stimmen!
    Heute sagt man zwar eher nciht mehr "reponds à ma tendresse" oder "versez moi l'ivresse"aber schön klingt das immer noch!


    F.Q.

  • Zitat

    Original von Fairy Queen
    Wenn ich das hier lese, muss ich ja fast denken, dass deutsche Frauen weniger beliebt als ungarische sind.....


    Tja, wir Österreicher neigen dazu, uns mit harmlosem Lächeln immer das Beste aus anderen Ländern zu holen...
    Bei den ungarischen Männern wäre es allerdings bedeutend schwerer, optimale Kandidaten zu finden...


    Geschimpft wird bei uns in der Regel deutsch, das ist harmloser. Wenn es jedoch um zarte Gefühle geht, neige auch ich zum Magyarischen. Brieflich folge ich dem erlauchten Beispiel Kaiser Franz Josephs und nenne meine Abgöttin z.B. Édes, szeretett lélkem (Meine süße, geliebte Seele - was im Deutschen fürchterlich kitschig klingt, umweht im Ungarischen der Hauch edler Poesie). In punkto Zärtlichkeitsformen und Diminutiva können es wohl nicht viele Sprachen mit Ungarisch aufnehmen.


    Allerdings gibt es auch erfreuliche, das Lernen erleichternde Parallelen zum vulgären Wiener Dialekt. Wenn bei uns jemand sagt Dös is mei'm Vatern sei' Haus entspricht das perfekt der ungarischen Grammatik (Ez az [édes]apámnak háza). Ich hoffe jetzt nur, daß mein seinerzeitiger Deutschprofessor nicht am Ende hier mitliest, in welche sprachlichen Abgründe ich hier hinabsteige.


    LG


    Waldi

  • Ich lebe auch in einer binationalen Beziehung (und bin selbst zu einem Viertel niederlaendisch), allerdings kann ich wenig mit Erheiterndem dienen. Meine bessere Haelfte spricht kein Deutsch (ausser ein paar Schimpfwoertern natuerlich), und mein Englisch ist mittlerweile so gut, dass es leider selten Lustiges gibt.


    Als ich nach Schottland gezogen bin, war mein Englisch schon ziemlich gut, und man hat mich prinzipiell fuer Irisch gehalten. Die wirkliche Alltagssprache lernt man natuerlich nur im Land, und mittlerweile habe ich auch einen schottischen Akzent. Mein Partner sagt mir hin und wieder, dass ich anfange, "Deutsch" zu klingen, wenn ich aergerlich bin und schimpfe (obwohl ich nur in Englisch fluche, Englisch traeume und auch englische Selbstgespraeche fuehre - besonders Selbstgespraeche sind natuerlich immer heikel ;) ).
    Deutsch wird hier aber gemeinhin als "angry language" gesehen, weil es angeblich so hart klingt. Wenn ein Englaender, Ire oder Waliser das sagt, verstehe ich das ja noch, aber gerade die Schotten muessen sich melden - "-achs" und -"ochs", gerollte Rs und ein gemeinhin sehr gutturaler Sprachsitz sind nun wirklich nicht gerade Floetentoene :pfeif:


    Mittlerweile faellt es mir manchmal schwer, Deutsch zu sprechen. Ich komme zwar "schnell wieder rein", wie man so schoen sagt, aber ich fange an, Woerter zu vergessen, und mein deutscher Satzbau wird mitunter etwas merkwuerdig. Beim Sprechen ist das allerdings schlimmer als beim Schreiben.


    Was ich auch merke: In Englisch spreche ich hoeher als in Deutsch. Das bezieht sich sowohl auf mittlere Sprechlage wie auch mehr "Melodie". Deutsch ist grundsaetzlich tiefer und "eintoeniger".


    Ich versuche immer noch verzweifelt, Schottisch-Gaelisch (Gàidhlig, nicht Gaelic, das ist Irisch) zu lernen, aber das ist einfach fuerchterlich kompliziert, weil die Sprache zur Schriftsprache vergewaltigt wurde und einfach nichts, aber auch gar nichts, Sinn macht (im Sinne von: wie etwas geschrieben wird gibt meist null Anhaltspunkte in Sachen Aussprache). Mein Franzoesisch ist leider auch sehr eingerostet, ich hatte allerdings auch nur 6 Jahre in der Schule und habe das danach, bis auf den einen oder anderen Frankreich-Aufenthalt, auch nie benutzt (ausser in franzoesischen Arien natuerlich ;) ).
    Mo chreach ...


    Glasgow Patter ist auch so 'ne Sache fuer sich, das ist teilweise recht nahe am Lowland Scots (es lebe Robbie Burns!) und nicht immer einfach zu verstehen, wenn die mal so richtig loslegen, aber man gewoehnt sich dran ;)

  • Zu den geheiligten Traditionen des ungarischen Familienlebens gehört es, dass die Muter (anya) mit den Kindern (gyerekek, édes gyöngyörü kis csillagok) in den ersten drei Lebensjahren ausschließlich in Diminutiven spricht. Da ich das Ungarische sozusagen mit meinen Kindern mitlernte (wiewohl sich diese schon bald als erheblich gelehrigere Schüler herausstellten), waren mir am Anfang sämtliche ungarischen Substantive ausschließlich in ihrer Verkleinerungsform bekannt.


    Das schlimmste daran war: ich wusste nichts davon.


    Voller Stolz über meine neu erlangte Sprachkompetenz sprach ich, ein stattlicher Mitdreißiger, mit Schwiegereltern, Onkeln und Tanten über das naheliegendste, nämlich das Wetter, und erzählte, wie schön doch das (auf deutsch geht das ja gar nicht!) – das Sönnchen (napocska) scheint und dass man in der letzten Nacht das Möndchen (holdacska) so klar gesehen hat wie lange nicht mehr. Ich sprach über Pferdchen (lovacska) auf der Weide und Rehlein (özike) im Walde, und freute mich über das wohlwollende Grinsen, das meine Erzählungen hervorriefen.


    Bis ich irgendwann begriff, dass es jede Menge einsilbige Worte im Ungarischen gibt, die man sich sogar viel einfacher merken kann als die langen auf -cska, und die für viel weniger Grinsen sorgen. Das Pferd heißt nämlich ló, das Reh heißt öz, die Sonne nap, und hold der Mond.


    Wie aber meine Kinder das schließlich auch gelernt haben, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Sei’s drum: sie können’s. Und werden Diminutive erst wieder verwenden, wenn sie selber Kinder haben.


    Grüßchen,
    Micha

  • papíripari - Papierindustrie
    Ja, Papier heißt tatsächlich papír. Eines von jener Handvoll Worte, die man sich als Deutscher recht leicht merken kann.


    paripa - Ross, Wallach
    Wäre ich Besitzer einer Papierfabrik in Ungarn, würde ich ein besonders edles Briefpapier herstellen, das ein Ross als Wasserzeichen trägt, und es paripapapír nennen. Hätte ich damit Erfolg, könnte eine ganze Industrie daraus entstehen: eine paripapapíripari.


    - Schnee
    Der Schlachtruf des amerikanischen Weihnachtsmannes, "Ho, ho, ho!", wird verständlicher, wenn man weiß, dass der Mann eigentlich ein ungarischer Emigrant ist, der weiße Weihnachten ankündigen will. Merke: die Ungarn sind überall, und sie haben alles erfunden.


    - See
    Den Grund für den synchronen Gleichklang dieser beiden letzten ungarischen Worte und ihrer deutschen Übersetzungen soll mir mal ein Linguistenkünstler erklären!


    menedzser
    Nicht wirklich ein so unglaublich schönes Wort - aber sieht es nicht perfekt ungarisch aus? Seine Bedeutung und Herkunft erklärt sich dem Rest der Welt von selbst, wenn man weiß, das dzs im ungarischen als weiches "dsch" ausgesprochen wird.


    zongora - Klavier
    Das ist eines jener Kunstworte, die im 19. Jahrhundert von ungarischen Intellektuellen neu erfunden worden, um fremdsprachige Bezeichnungen (hier wohl pianoforte) zu ersetzen, und die sich dank einer rigorosen Sprachpolitik tatsächlich durchsetzten. Zongora ist ein lautmalerisches Wort, das den Klang des Klavieres nachbilden soll. Ich habe den Verdacht, dass es bei einem jener Konzerte Franz Liszts entstand, bei denen damals bekanntlich reihenweise Klaviersaiten gerissen sein sollen - zong!


    Grüße,
    Micha


    der auf Eure Lieblingsworte auch aus anderen Sprachen gespannt ist

  • Zitat

    Original von Michael M.
    Merke: die Ungarn sind überall, und sie haben alles erfunden.


    Das hat schon Peter Hammerschlag in seiner berühmten "Ungarischen Schöpfungsgeschichte" bedichtet (die man in der von Friedrich Torberg bearbeiteten Fassung lesen soll). Hier zur Probe:


    Auch dürfen wir vergessen nie
    Das größte Kolorierer:
    Berühmter Müvész Ajtossi,
    Was Schwaben rufen "Dürer".


    ...


    Denn jeder große Mann mit "i"
    Ist ein Magyar gewesen.
    Bei Górki, Gándhi, Márkonyi
    Kann man das selber lesen.


    Und wenn ein Stadt hat "a" und "o",
    War Ungar Urbewohner:
    Kálkutta, Prága, Kárthágo,
    Tókio és Verona.


    Zur Erklärung:


    Tatsächlich stammte die Familie Albrecht Dürers aus Ungarn und hieß früher Ajtos (von ajto = Tür). Ajtos(s)i = Türer


    müvész [sprich: müüweeß] = Künstler
    és [sprich: eesch] = und


    LG


    Waldi

  • :hahahaha: :hahahaha: :hahahaha:
    Köstlcih! Leider ist französisch ja zu bekannt um mit solchen überraschungen aufzuwarten. Aber wo wir schon bei Jazz sind , finde ich den CLöbb dazu auch besonders amüsant (= Club).




    Ich fange mal mit einigen bei mir sehr beliebten Worten an. Dieses hat mir neulich meine Friseuse beigebracht:


    bichonner


    Eine "Bichonne" ist ein Schösshündchen und das das cdazugehörende Verb. Unübersetzbar!
    Am besten Fragonard ansehen. Der hat das so gemalt, dass es keiner Erklärung bedarf.



    delicieux


    dieses Wort beschreibt nicht nur Kûchentechnisches sondern überhaupt alles was köpstlich im Leben ist und laut La Rochefoucauld wird es ja sogar für Ehen benutzt, obschon er der Meinung ist , es gäbe keine Solchen. Die Verbindung aus Kulinarik und Lebensglück ist meiner Erfahrung nach so typisch für Frankreich, dass das Wort delicieux ein Schlüssel ist.


    Dodo


    "Faire dodo" ist soviel wie Haia machen und wird besonders im Zusammenhang mit Kindern benutzt. Klingt einfach zu mignon!


    ivresse
    Ein Wort, das man als Opernfreund aus der grossen Arie der Dalilah kennt und aus der Nuit d'ivresse der Troyen.


    enchantement


    Deises Wort liebe ich besonders, weil es zwar Verzauberung bedeutet aber eigentlich von chanter= singen kommt. Hier werden also die gemeinsamen Wurzeln des Gesangs und des Zaubers beschworen, wozu unsereins natürlcih nur "enchanté" sagen kann!


    Im Laufe der zeit sicher noch mehr.


    F.Q.

  • Da fällt mir eine liebe französische Freundin ein, die sich über ein bestimmtes deutsches Wort immer scheckig gelacht hat. Es klang in ihren Ohren wie die Bezeichnung einer seltsamen psychischen Krankheit: der Wahn, von blauen Zwergen verfolgt zu werden. Das Wort lautet


    Strumpfhose


    Grüße,
    Micha




    Zur Erklärung: frz. les Schtroumpfs - die Schlümpfe

  • Leider beherrsche ich keine so exotischen Sprachen wie chinesisch, ungarisch oder gar schottisch, aber manchmal kommen mir Kosenamen in vertrauteren Sprachen auch etwas unverständlich vor.


    Wie kann man seinen Geliebten "mon chou", also Kohlkopf, nennen ?(
    An die unsäglichen Monchichis konnte man da ja noch nicht gedacht haben, eher umgekehrt.


    Da ist mir ja sogar das "My Little Chickadee" des grandiosen amerikanischen Komikers W. C. Fields. noch verständlicher. :yes:


    Ratlos weiter suchend


    :hello: Jacues Rideamus

  • Lieber Jacques, das heisst auf gut französsich Chou-chou!
    Und das klingt unglaublich mignon, finde ich.
    Mein" Doppelköhlchen" im Deutschen geht natürlich gar nciht..... :no: Ein doppelt wiegender Kohl für 16 Jahre war wahrlich genug!
    :wacky:


    Aber der gute Debussy hat seine Tochter z.B. nur Chou-chou genannt und seine väterliche Liebe war geradezu sprichwörtlich.
    Es gibt dazu auch einen serh schönen Film mit den Schwestern Labeque. Dolly und Chou-Chou. Beides Töchter deselben Mutter, Vater von Dolly war allerdings Fauré. Die Frau hatte wahrlich einen guten Geschmack!!!!!


    Die Strumpfhose ist übrigens Spitze!!!!! :D


    F.Q.

  • Zitat

    Original von Jacques Rideamus
    Wie kann man seinen Geliebten "mon chou", also Kohlkopf, nennen ?(


    Das resultiert vielleicht einfach aus inniger Liebe zum Essen... :D
    Ganz ehrlich: Hasi ist auch nicht besser! (weder klanglich noch kulinarisch)


    Liebe Grüße,
    Martin

  • Ein paar Doppelköpfe aus dem taminesken Themenspektrum (mit besonderem Gruß an Jacques Ridejanus):


    rendezö
    Da ich viel in Theaterkreisen verkehre, war mir diese Vokabel erst nur in ihrer Bedeutung Regisseur bekannt. Einmal besuchte ich mit meiner Frau ein großes Festival, und im Eingangsbereich sah ich einen jungen Mann, der eine Armbinde mit der Aufschrift rendezö trug. Ich dachte an das legendäre "Ich bin schuld"-T-Shirt des Choreographen Johan Kresnik und fand's witzig, dass sich der Mann öffentlich als Regisseur outet. Dann sah ich aber, ebenfalls bei der Eingangskontrolle, noch einen mit eben dem gleichen Accessoire, und einen dritten... und lernte schließlich von meiner Gattin, dass rendezö in der ursprünglichen Wortbedeutung nichts anderes als einen Ordner bezeichnet.
    Was übrigens wohl auch erklärt, warum es in der Budapester Staatsoper kein eigentliches Regietheater zu sehen gibt. Sondern nur ordentliche Inszenierungen.


    (beiseite: "Wirst du wohl den Dosenöffner weglegen, Pandora!")



    verseny
    Wer zuhause originale Hungaroton-Platten stehen hat (oder, auf ostdeutsch, zu stehen hat), kennt so lustige Worte wie zongoraverseny (Klavierkonzert) oder hegedüverseny (Violinkonzert). (Auszusprechen übrigens circa: Songorawärschänj bzw. Häggädüwärschänj)
    Verseny begegnet einem aber auch in ganz anderen Zusammenhängen, nämlich etwa mit Olympischen Spielen, und bedeutet eigentlich und ursprünglich Wettbewerb. Die Ungarn haben offenbar, Liszt lässt grüßen, ein ziemlich sportives Verhältnis zur Musik. Ich vermute stark, dass die musikalische Bedeutung des Wortes Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, als es galt, das Ungarische von allen Internationalismen zu befreien und das Wort koncert ersetzt werden musste. So ganz ist das hier übrigens nicht gelungen: die Ungarn gehen weiterhin ins koncert und benutzen im alltäglichen Sprachgebrauch eher nicht das Wort hangverseny (Konzert, wörtlich: Tonwettbewerb).
    Auf die naheliegende Frage, wie denn etwa ein Wettbewerb um das schönste Klavierkonzert benamst wird, habe ich noch keine Antwort gefunden: ist das dann ein zongoraversenyverseny?


    Grüße,
    Micha