NÖ Tonkünstler: Alpensinfonie und andere Höhenflüge

  • Seit Wochen und Monaten gibt es außer der Wirtschaftskrise kein anderes Thema mehr, die Bürger werden jeden Tag mit neuen Hiobsbotschaften bombardiert.
    Dazu kommt seit Tagen eine in allen Medien herrschende Einigkeit, dass, Klimawandel zum Trotz - oder gerade deshalb - die Schneemengen auf neue Rekorde zuwandern.


    Keine einzige Kolumne entnehme ich dem Netz, welche auch nur ein paar Zeilen über das am vergangenen Sonntag, den 22. Februar über die Bühne gegangene Konzert des niederösterreichischen Tonkünstlerorchesters im Festspielhaus zu St. Pölten berichtet.
    Lockt heutezutage nicht einmal mehr Strauss' bombastische Bergwanderung den Feuilleton hinter dem Ofen hervor? Lag es am Schnee? Ist der Niedergang der Kultur - vom ORF drastisch vorexerziert und unterstützt - auch in den Bundesländern angekommen?
    Dabei war nicht nur der angesetzte Höhepunkt des Abends einen Besuch wert!
    Rossinis Ouvertüre zur Oper Wilhelm Tell kam unbeschwert und spritzig von der Bühne, das Orchester agierte sichtlich entspannt, wunderbar warme tragende Celli, gut gelaunte Instrumentalisten und Kristjan Järvis Dirigat ging locker von der Hand.
    Ein kleiner Wermutstropfen eine etwas überdynamische Piccoloflöte, welche mit Leichtigkeit auch einen doppelt so großen Saal ausgefüllt hätte.


    Das Konzert für Alphorn und Orchester des Schweizers Daniel Schnyder dürfte ein sehr selten zu erlebendes musikalisches Bonbon sein.
    Der in Moskau geborene Hornist und Multiinstrumentalist Arkady Shilkloper demonstrierte am ur - schweizerischen Paradeinstrument seine große Begabung und einen beeindruckenden Stilmix in Schnyders Werk. Zirkularatmung zum Dank gelangen auch scheinbar endlose Passagen ohne Unterbrechungen der Phrasen, die eingebauten Kuhschellen stellten eine sehr gelungene Anlehnung zum nachfolgenden Werk dar. Den Orchestermitgliedern zauberte es ob Shilklopers charismatischer Erscheinung auch so manches Lächeln ins Gesicht, eine frei improvisierte Zugabe erbrachte lange anhaltende Ovationen. Wir hätten uns nur eine Kleinigkeit mehr gewünscht: ein kleines Stückchen Filz unter den Stützen des Alporns hätte genügt, um dem akustischen Erlebnis keinen Abbruch zu tun, so aber entwickelte das lange Geröhr eine hölzern knarrende Eigendynamik. Wir hätten ihm das Echtholz auch so abgenommen!


    Ich bin kein Feund multimedialer Präsentationen in Verbindung mit klassischer Musik, die erst dem Programmheft entnommene Ankündigung, Strauss' Alpensinfonie mit einem (Schwarzweiß)film von demselben Daniel Schyder zu beleuchten, ließ mich im Vorfeld einwenig die Stirn runzeln.
    Wie man sich doch täuschen kann, doch dazu später.
    Sichere Einsätze, ein auch vor dem Hinzukommen der relativ sicheren Fernhörner sehr satter - fast aussschließlich mit Wiener Hörnern bestückter Hornsatz, souveräne Trompeten und Streicher, ein wenig zögerlich die Holzbläserabteilung, das Oboensolo auf dem Gipfel wünschte ich mir etwas herzergreifender, kräftiger, gerne auch schmerzvoller.
    Zu welch beängstigender Dynamik dieser Klangkörper in dem "großen" Saal fähig ist, zeigte sich nicht erst beim Gewitter, doch spätestens mit dem Aufzucken der ersten Blitze war es dann beinahe körperlich fühlbar: solch eine Dramatik habe ich bei diesem Werk noch nie verspürt, die heraufdräuenden Gewitterwolken und Blitze auf der Leinwand hinter dem Orchester taten das Übrige. Beklemmung, beinahe Angstgefühl. Mit der sich allmählich wieder zeigenden Sonne stellte sich regelrechte Erleichterung ein, dem jungen ersten Hornisten wäre sein glasklarer Soloabstieg von Herzen gegönnt gewesen, doch was zählt ein einzelner rollender Ton in Anbetracht dieses voller Inbrunst musizierten Werks? Im geistigen Ohr blieb vor allem ein überragend sicherer Thomas Lachtner auf der ersten Solotrompete, seit Hans Gansch unter Ozawa und den Wienern 1994 nicht mehr in dieser Dramatik gehört. Kongenial unterstützt wurde er von seinen Satzkollegen, welche wie auch auf der Posaune und am Horn nicht alle aus den eigenen Orchesterreihen stammten.
    Järvi legte das Dirigat für meinen Geschmack fallweise etwas langsam an, was nicht immer schlüssige Dehnungen zur Folge hatte, alles in allem aber ein akustischer Höhepunkt, der ein volles Haus mehr als verdient hätte.

  • Einmal mehr ein trefflich gestaltetes Essay vom "Wiener Klang". Bewunderung!
    Den befriedigenden Eindruck den Dir das Schnyder-Werk bereitet hat, möchte ich grundsätzlich nicht schmälern: seine Musik besticht durchaus mit Verve, Schneid und Spritzigkeit, wobei eine gewisse anbiedernde Beliebigkeit und Gefälligkeit nicht von der Hand zu weisen ist.


    Ich muss gestehen, dass mich von meinem Landsmann bisher nur sein Klaviertrio (1999/2000) wirklich überzeugt hat. Aber anyway: Danke für den süffig geschriebenen Bericht.


    es grüsst aus Bern der


    Walter