Placido Domingo - Plus Ultra

  • Bei Domingo ist eben die Nonchalance erschreckend, mit der er sich als Bariton recycelt, der er definitiv nicht ist.


    Ich bin insofern einer Meinung, dass er m. E. von seinem Timbre nach wie vor mehr tenoral anmutet denn als Bariton; zumindest denke ich, dass er sich als Bariton wohl nicht mit den größten dieses Faches messen kann, wenn man einen Ettore Bastianini, Robert Merrill, Thomas Hampson etc. im Ohr hat; jedoch denke ich auch nicht, dass dies unbedingt Domingos Anspruch ist.
    Wenn ich mir nun zum Beispiel die Radioaufzeichnung der "Foscari" aus Wien anhöre - ich höre da eine sehr ernstzunehmende, veritable künstlerische Leistung, die mich sehr anspricht, und die mir keineswegs einen abgesungenen Sänger zeigt. Sein Timbre, seine Phrasierung, die Emotion, die er transportiert, seine Artikulation und Gestaltungskraft, alles das überzeugt mich durchaus - Und wie gesagt - solange er auf diesem Niveau singt, und es Menschen gibt, die ihn gerne hören -pourquoi pas? Zumindest kann ich da, liebe Strana, aber auch so wirklich gar nichts Erschreckendes darin finden...

    viele Grüße von Boris alias Don_Gaiferos

  • Mit Verlaub, ich finde, man sollte auch andere Meinungen akzeptieren, ohne sie als "Fanpost" zu degradieren. Wenn jemand live in dieser Vorstellung war und sie demjenigen gefallen hat, ist das erst mal sein gutes Recht; man kann ja anderer Meinung sein - aber denjenigen als unkritischen, ahnungslosen Fan zu diskreditieren und ihm die Kompetenz abzusprechen, erscheint mir äußerst deplaziert. Wenn jemand Plácido Domingo mit seinem derzeitigen Schaffen nicht zusagt, und diese Meinung äußerst, kann ich das ja auch ohne Probleme akzeptieren, ohne dass ich demjenigen unterstelle, er habe ja keine Ahnung und sei nur ein "Hater" oder "Basher", wie es neudeutsch heißt. Also ich bitte schon um ein wenig Fair Play an dieser Stelle.


    Hättest Du meine kurzen Bemerkungen vollständig gelesen, würdest Du jetzt nicht zu diesen Schlüssen gelangen. Bei manchen Einschätzungen muss einfach gegenhalten werden. Anders geht es nicht in diesem Forum, in dem einige Mitglieder sogar eine Art Meinungsführerschaft sehen. Wie anders sollte man sonst ins Gespräch kommen? Indem man sich gegenseitig hochleben lässt und beweihräuchert? Das ist kein Weg. Es scheint mir, dass im Moment eine gewisse Nervosität herrscht bei Themen, die sich um Oper und Gesang drehen. Die Threads zur sinfonischen Musik oder zum Liederschaffen setzen aus meiner Sicht hohe Maßstäbe für den gewinnenden Gedankenaustausch, und dabei geht es dort inhaltlich auch zur Sache. Offenbar liegt es auch daran, dass dort mehr Sachverstand unterwegs ist. Lernen wir doch einfach alle davon.


    Rheingold

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Lieber Rheingold,


    ich denke nicht, dass es nur darum gehen sollte, sich gegenseitig hochleben zu lassen und zu beweihräuchern, ganz sicher nicht. Ich denke ebenso wie Du, dass ein Forum vom kontroversen Meinungsaustausch und der Debatte lebt, und auch ich stürze mich da gerne ins Getümmel. Jedoch achte ich schon darauf, dass ich zwar gerne auch leidenschaftlich und mit Verve gegen andere Meinungen argumentiere, die meinem Verständnis zuwiderlaufen - aber dennoch nicht dem anderen die Kompetenz abspreche, nur weil ich seine Meinung nicht teile.
    Dass gerade im Bereich Oper und Gesang die Meinungen auseinandergehen, ist eine interessante Beobachtung; im Bereich Oper denke ich, hat es v.a. mit der Inszenierung zu tun, ähnliches findet man im Bereich der Instrumentalmusik ja nicht oder kaum.
    Ich glaube auch nicht, dass es mit mangelndem Sachverstand zu tun hat, schließlich posten viele Mitglieder ja auch in beiden Bereichen. Aber es ist schon wahr, gerade im Bereich der Vokalmusik schlagen die Wellen in der Oper am höchsten - nur selten findet man hitzige Debatten über das Bach'sche Motettenwerk oder die Gestaltung der Orff'schen Carmina Burana...

    viele Grüße von Boris alias Don_Gaiferos

  • Wenn jetzt jenen, die im Vokalbereich posten, auch noch der Sachverstand abgesprochen wird, ist es an der Zeit, sich den Verbleib hier im Forum zu überlegen!


    Vielleicht sollte man das Feld ganz den Herren Doktoren und ihren treuen Vasallen überlassen!

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Was war denn KONKRET an Domingios Luna so herausragend und bewundernswert?

    Nicht die Bühnenpräsenz, denn er bewegte sich schwerfällig in einem albernen Kostüm (wie einer der vier Musketiere aussehend) in der albernen Inszenierung über die Bühne, einmal auch im Henkerskostüm mit Henkersbeil.


    Nicht die Musikalität, denn er scheint vielleicht schon etwas schwer zu hören, war jedenfalls mehrmals etwas "hinterher" also zu langsam.


    Nicht ein langer Atem, den er so sicher nicht mehr hat, er reichte an dem Abend, an dem ich drin war, tatsächlich gerade so, aber immerhin, er reichte noch.


    Was konkret wirklich so herausragend und bewunderswert war: Dass seine Stimme trotz seines hohen Alters (egal, wie hoch das in einer absoluten Zahl nun wirklich ist) noch immer so unglaublich(!) frisch und mühelos, völlig intakt und einfach "schön" klingt, dass sich diese Jahrhundertstimme ihr unverwechselbares Timbre so verlustlos erhalten konnte - und wie diese Stimme beinahe mühelos und ohne großen Krauftaufwand (bei immer viel größerem Klangergebnis als spürbarer Kraftanstrengung dafür) den Raum erfüllte - ein Stimmklang, der immer noch problemlos mit allen jüngeren Kollegen konkurieren kann. DAS war das Ereignis des Abends, an dem ich anwesend war (7.12.2013).


    Im Übrigen ist mir Ihre Verbissenheit, mit der Sie Domingo hier in Grund und Boden verdammen und ihm seine künstlerische Existenzerechtigung zumindest für die Gegenwart absprechen wollen, nach wie vor ein absolutes Rätsel. Ich verstehe das einfach nicht. Was treibt Sie dazu, was ist Ihre Motivation dafür?
    Aus meiner Sicht hat es auch nur Sinn, hier mit Leuten weiter über seinen Luna zu diskutieren, die ihn auch live in dieser Rolle erlebt haben. Dass sich Musik klanglich erst so richtig im Raum in voller Faszination entfaltet, scheint nämlich nicht nur für Herrn Mahler zu gelten (Grüße an "Rheingold1976"), sondern scheinbar ebenso für Domingo. :)

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Mit Kunst hat diese Rekord-Geilheit nicht viel zu tun.

    Sein von mir erlebter Luna am 7.12.2013 hatte sehr wohl mit "Kunst" zu tun, und zwar mit hoher Gesangskunst!


    Ich finde es immer extrem problematisch, wenn man Künstlern welcher Coleur auch immer, weil sie einem nicht (mehr?) gefallen, absprechen will, etwas mit "Kunst" zu tun zu haben... :no:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Das Publikum kommt, um Domingo zu hören, nicht um einen gut gesungenen Francesco Foscari zu erleben. Mich erinnert das ein wenig an hundertjährige Marathonläufer. Da geht es ja auch nicht in erster Linie um den Marathon, sondern um die Sensation. (Wow, und noch in dem Alter. Alle Achtung!)


    Lieber Strano,


    da kann ich mich Deinen Worten nur noch anschließen. Aber Fan bleibt Fan und die wollen sich nicht mit der Leistung auseinandersetzen. Für Sie bleibt Domingo der "Größte". Es gab ja auch noch Fans für den über hundertjährigen Johannes Heesters. Der ging ja auch noch "ins Maxim" obwohl er in den Fersehshows von den den Balettdamen geleitet, die Show-Treppe hinunterschritt, denn alleine wäre er unten nicht angekommen.


    Auch ich habe immer Domingo für einen exellenten Opernsänger gehalten und manche seiner Leistungen sind wirklich sehr gut. Ein Fan von ihm war ich dennoch nie. Für mich war er immer überpräsent! Es gab neben ihm auch so manch anderen Sänger der besser war. Ich nenne da einfach "Carlo Bergonzi"; Alfredo Kraus u.a. Für mich ragt er in den Studio Aufnahmen des "Don Carlos" und der "Giovanna d´Arco" über sich hinaus.


    Lassen wir also den Fans ihre Illusion!


    Gruß


    Bernard :hello:

    Keine Kunst wirkt auf den Menschen so unmittelbar, so tief wie die MUSIK,
    eben weil keine uns das wahre Wesen der Welt so tief und unmittelbar erkennen lässt



    Arthur Schopenhauer

  • Als Schauspieler wechseln doch auch manche vom jugendlichen Liebhaber erst viel später ins Charakterfach und spielen Rollen, die ihrem Alter
    angemessen sind. Warum soll das bei Sängern anders sein. Wenn Domingo Bariton-Rollen darstellen möchte, warum nicht. Es gibt sicherlich eine
    ganze Reihe schlechterer Stimmen, auch als Bariton. Ihn nun mit den ganz Großen aus diesem Fach zu vergleichen, halte ich für unfair.
    Seine schauspielerische Leistung ist jedenfalls hervorragend. Vielleicht erleben wir ihn ja noch als Jedermann in Salzburg.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Zitat

    Bernward Gerlach: Vielleicht erleben wir ihn ja noch als Jedermann in Salzburg. :jubel:


    Mein lieber Bernward!


    Es ist schön, von dir mal wieder etwas zu hören bzw. zu lesen!






    Liebe Grüße
    Wolfgang

    W.S.

  • Aber Fan bleibt Fan und die wollen sich nicht mit der Leistung auseinandersetzen.


    Lieber amadeus,


    dies halte ich für eine unzulässige Pauschalisierung. Stimmliebhaber berichtet aufgrund seines live-Erlebnisses, er war also in der Vorstellung anwesend, hat auch dezidiert dazu Stellung genommen, positive wie negative Aspekte erwähnt - inwiefern hat er sich da nicht mit der Leistung auseinandergesetzt?
    Ich habe auch versucht, ein differenziertes Bild zu geben - dass er durchaus als Tenor eine Spitzenstellung hatte, die er als Bariton im Alter nicht hat, was jedoch nichts darin ändert, dass er immer noch in der Lage ist, m. E. eine achtbare, anspruchsvolle künstlerische Leistung zu erbringen. Dieses Urteil habe ich selbstverständlich auch nicht aus dem Bauch heraus gefällt, sondern nach dem Abhören des Radio-Mitschnittes der Foscari im österreichischen Rundfunk.


    Deswegen frage ich noch einmal: inwiefern ist es gerechtfertigt, zu behaupten, ich oder andere wären außerstande, uns kritisch mit Domingo auseinanderzusetzen, nur weil wir es wagen, seine Leistung positiv zu beurteilen? Ich rufe noch einmal dazu auf, doch bitteschön die Postings anderer Menschen in diesem Forum ernst zu nehmen, und sie nicht als unreflektiertes, ahnungsloses Gerede unbelehrbarer Fans abzuwerten. Den Gesprächspartner zu diskreditieren und die Qualifikation abzusprechen ist in meinen Augen jeder sachorientierten Diskussion abträglich und schlechter Stil.


    Man kann ja gerne anderer Meinung sein, jedoch sollte man deswegen andere Menschen nicht pauschal in herablassender Weise aburteilen- findest Du nicht?


    viele Grüße von Boris alias Don_Gaiferos

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  • Wenn jetzt jenen, die im Vokalbereich posten, auch noch der Sachverstand abgesprochen wird, ist es an der Zeit, sich den Verbleib hier im Forum zu überlegen!


    Lieber Harald, da ich den Begriff "Sachverstand" eingebracht habe, muss ich jetzt ja wohl auch darauf antworten. Glaube mir, ich wollte damit nicht der Opernfraktion, zu der ich mich ja auch selbst zähle, zu nahe treten - nicht einmal mir selbst zu nahe treten. Ich lese aber nun einmal gern in den Debatten um Beethovens Sinfonien und Sonaten, um Sibelius oder Bruckner oder Mendelssohn - es gäbe noch viel mehr Beispiele. Oder in den erlesenen Analysen der Liederthemen. Jedes Mal beeindrucken mich der Sachverstand und die Gelassenheit, die dort walten. Die Heftigkeit, mit der gelegentlich über Oper gestritten wird, ist dort viel seltener. Ich frage mich, woran das wohl liegt und verfiel auf die womöglich unglückliche Schlussfolgerung, dass dort der Sachverstand im Thema größer sei. Größer, viel größer als mein eigener allemal. Es ist mir eine Genugtuung, das für mich festzustellen. Dabei bleibe ich. Das spricht doch für dieses Forum und nicht gegen Einzelne.


    Lieben Gruß von Rheingold

    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent

  • Zitat

    Harald Kral: Vielleicht sollte man das Feld ganz den Herren Doktoren und ihren treuen Vasallen überlassen!


    Lieber Harald!


    Der Gedanke ist mir auch schon gekommen! :stumm:

    W.S.

  • Da scheine ich mit meiner "Fanpost" ja einen neuralgischen Punkt erwischt zu haben! :D


    Nach meiner Auffassung ist das ebenso erlaubt wie eine kritisch-sachverständige Analyse irgendeines Musikwissenschaftlers oder eines wirklich oder nur vorgeblich Sachverständigen.


    Nun, da ich die darauf folgenden Beiträge gelesen habe...ich bin nicht in Rente oder pensioniert und arbeite...muss ich feststellen, dass in Diktion, Wortwahl und Aussage es auch hier wohl die gleichen Damen (?) und Herren sind, die sich seit Jahren überall im Netz als "Anti-Domingo-Fraktion" hervortun. Damit kann ich gut leben!


    Im Übrigen finde ich es wunderbar, ja sogar herrlich, FAN zu sein!!!! Wer sich nicht von ganzem Herzen, mit aller Leidenschaft und Hingabe einem Künstler oder einer Künstlerin verschreibt und auf Jahrzehnte verbunden fühlt, der wird und muss das nicht verstehen.


    A propos..."Geld" war und ist sicher keine Motivation für Plácido Domingo...davon hat er schon seit langer Zeit mehr als genug! Es ist, war und wird immer die Liebe zur Musik und zur Bühne sein, die ihn antreibt und ihn, zu vieler Menschen Freude und mit teils herausragenden künstlerischen Ergebnissen, weitermachen und sein Bestes geben lässt.




    LG


    Fides :hello:



    PS....gestern Abend waren es im "Theater an der Wien" wieder 25 Minuten Standing Ovations für ihn.... :jubel: :jubel: :jubel:

    La vita è bella!

  • Es ist Usus, daß Hollywoodgrößen am Ende ihrer Laufbahn einen Oscar für die Lebensleistung erhalten können.


    Leider gibt es derartiges für Opernsänger nicht. Wenn - dann hielte ich Placido Domingo für den allerersten Anwärter unter den lebenden Sängern, egal, ob er mal an einem Abend in einer bestimmten Rolle überzeugt hat oder nicht, ob er als Bariton akzeptabel ist oder nicht (mir hat sein Rigoletto auch nicht gefallen).


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Als Schauspieler wechseln doch auch manche vom jugendlichen Liebhaber erst viel später ins Charakterfach und spielen Rollen, die ihrem Alter
    angemessen sind. Warum soll das bei Sängern anders sein.


    Ganz einfach - weil Gesangsstimmen ein Haltbarkeitsdatum haben. Das ist irgendwann abgelaufen, egal ob man nun auf Krampf in ein anderes Stimmfach wechselt oder seinen Abschied würdig gestaltet. Ein Schaupspieler higegen kann - so es die körperliche Kondition und eine hoffentlich gut geschulte Sprechstimme zulassen - entsprechend seines Lebensalters immer eine Rolle finden.


    Zitat

    Wenn Domingo Bariton-Rollen darstellen möchte, warum nicht. Es gibt sicherlich eine
    ganze Reihe schlechterer Stimmen, auch als Bariton. Ihn nun mit den ganz Großen aus diesem Fach zu vergleichen, halte ich für unfair.


    Warum ist das unfair? Wer entsprechende Rollen singt, sich öffentlich damit präsentiert und dafür eine Gage erhält, wird auch bewertet. Ein Vergleich mit den großen "Kollegen" ist da noch nicht einmal erforderlich, es geht schlicht und einfach um die Anforderungen, die eine Rolle stellt. Aus Mario del Monaco wurde auch kein Barbiere di Siviglia, nur weil er keine Höhe mehr hatte, sich aber weiter verkaufen wollte. Welpenschutz bzw. Altersbonus sollten in der Kunst keinen Vorrang haben.



    Zitat

    Seine schauspielerische Leistung ist jedenfalls hervorragend. Vielleicht erleben wir ihn ja noch als Jedermann in Salzburg.


    Jepp. Ich warte aber noch viel interessierter auf das Debüt als Philipp, dann als Großinquisitor, gefolgt von Hunding, Hagen und Fasolt/Fafner - natürlich als Doppelrolle. Man darf gespannt bleiben.


    Deswegen frage ich noch einmal: inwiefern ist es gerechtfertigt, zu behaupten, ich oder andere wären außerstande, uns kritisch mit Domingo auseinanderzusetzen, nur weil wir es wagen, seine Leistung positiv zu beurteilen?


    Dazu muss man wohl zwischen einem Fan und einem Groupie unterscheiden. Ein Fan liebt sein Idol mit Stärken und Schwächen leidenschaftlich, ist aber durchaus in der Lage, auch kritisch zu urteilen und Schwächen oder Fehler als solche zu erkennen und darüber zu diskutieren, ohne gleich persönlich gekränkt zu sein. Ein Groupie hingegen kennt nur eins - bedingungs-und kritiklose Extremverehrung. Die passende Kategorie möge man sich in aller Ruhe aussuchen.

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Ganz einfach - weil Gesangsstimmen ein Haltbarkeitsdatum haben.


    Nach meinem Opernbesuch am 7.12. darf ich resümieren, dass das "Haltbarkeitsdatum" der Gesangsstimme von Herrn Domingo erfreulicherweise noch nicht abgelaufen ist. :)


    Da gab es in den letzten zwanzig Jahren ganz andere, teilweise wirklich tragische Fälle, wo Sänger noch einige Jahre weiter-"sangen", bei deren Gesangsstimmen das "Haltbarkeitsdatum" ganz zweifelsfrei abgelaufen war...

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Auch ich habe immer Domingo für einen exellenten Opernsänger gehalten und manche seiner Leistungen sind wirklich sehr gut. Ein Fan von ihm war ich dennoch nie. Für mich war er immer überpräsent! Es gab neben ihm auch so manch anderen Sänger der besser war. Ich nenne da einfach "Carlo Bergonzi"; Alfredo Kraus u.a. Für mich ragt er in den Studio Aufnahmen des "Don Carlos" und der "Giovanna d´Arco" über sich hinaus.


    Lassen wir also den Fans ihre Illusion!

    Ich war immer ein Fan von Domingo, von Pavarotti und Bergonzi auch. Letzterer war und ist für mich der beste Verdi-Interpret. Domingos erste LP kaufte ich zusammen mit der von Pavarotti und Bergonzi. Domingos Stimme klang für mich wie schwerer süffiger Rotwein, ich wurde Fan, bis heute; Pavarottis Stimme klang für mich wie alter teurer Whisky, ich wurde Fan, bis heute; wenn Bergonzis Stimme erklang, lief es mir eiskalt über den Rücken, ich wurde Fan, bis heute.
    Die Aufzählung ließe sich natürlich beliebig fortsetzen, Gedda, Krauss, etc. Dem wohl nicht ganz ernst gemeinten Hinweis von Harald, den Herren Doktoren und ihren treuen Vasallen das Feld zu überlassen, möchte ich aber ernsthaft und energisch widersprechen. Dies ist kein ausschließliches Forum für Akademiker, die können sich dann doch bitte selbst eins einrichten unter sich bleiben.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Jeder wie er mag. Ich bin aber anderer Ansicht: Begeisterung gerne, aber "Fan", also Fanatiker? Damit assoziiere ich doch eher eine den Intellekt ausklammernde kritiklose und häufig auch agressive Anhängerschaft (Für die Empfindlichen: Ich beschreibe das Phänomen aus meiner Sicht und unterstelle das niemandem hier). Das findet man in der Tat bei Opernfreunden durchaus häufig. Ebenso töricht ist die Unart, andere Sänger zu disqualifizieren, nur weil sie in einem tatsächlichen oder vermeintlichen Konkurrenzverhältnis zum eigenen "Liebling" stehen. Wir haben viel zu wenige Sänger der Spitzenklasse. Es ist Platz genug für alle auf den Bühnen der Welt.

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • viele Grüße von Boris alias Don_Gaiferos

  • Seit wann ist ein "Fan" (begeisterter Anhänger einer Person oder Sache) ein Fanatiker. Fanatismus ist aber etwas anderes.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


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  • Mein Beitrag ist zufällig hinter Deinem gelandet. Aber m.E. hat "Fan" die erwähnte negative Konnotation.

    res severa verum gaudium


    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Misha

  • Die Heftigkeit, mit der gelegentlich über Oper gestritten wird, ist dort viel seltener. Ich frage mich, woran das wohl liegt und verfiel auf die womöglich unglückliche Schlussfolgerung, dass dort der Sachverstand im Thema größer sei.


    Unglücklich, äußerst unglücklich. Die richtige Schlussfolgerung liegt doch auf der Hand: Oper ist eben interessanter als alles Andere auf der Welt.

  • Ich mochte immer Domingo (als Tenor) und Pavarotti. Dann schlug meine Stimmung um - gegen Pavarotti. Es war eine - wie ich mir selbst bescheinige - Reaktion auf ein befreundetes Ehepaar, das (obwohl keine Klassik-Liebhaber) voll auf Pavarotti abfuhr und sogar mehrere Fahrten zu seinen Konzerten innerhalb Deutschlands unternahm (ein durchaus teures Unterfangen, wie sie zugaben). Ich habe dann immer, zunächst im Scherz, Domingos Fahne hochgehalten und das hatte für mich ungeahnte Konsequenzen, denn ich war plötzlich Domingo-Fanatiker. Dabei fiel den so argumentierenden Freunden ihre gleichgelagerte Einstellung nicht auf - wohl aber durch meine entsprechenden Hinweise "vor die Füße".


    Ich bin längst wieder zur Vernunft gekommen und außerdem froh, daß ich beide Tenöre dokomentiert im Regal habe. Zu Domingos Bariton-Ausflügen kann ich mich mangels eigenen Eindrucks nicht äußern, lasse es also berechtigterweise. Einen Psychiater habe ich wegen der oben geschilderten "Szenerie" übrigens nie aufgesucht. Das Problem löste sich nach einiger Zeit von selbst...


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Einen Psychiater habe ich wegen der oben geschilderten "Szenerie" übrigens nie aufgesucht. Das Problem löste sich nach einiger Zeit von selbst...


    Lieber Musikwanderer,


    ich freue mich herzlich, dass Dir Dein geistiges Wohlbefinden zurück gekehrt ist.

  • Dazu muss man wohl zwischen einem Fan und einem Groupie unterscheiden.


    Vielleicht muss man das gar nicht? Vielleicht kann man auch ohne Schubladendenken einfach zur Sache etwas schreiben, ohne andere Menschen in abstruse Kategorien einzusortieren? Ich erinnere daran, dass "Groupie" lt. wikipedia folgendes bedeutet:


    Ein Groupie (engl.) ist eine meist weibliche Person, die ihre Aufmerksamkeit einem Idol oder Star aus der Kunst und Kultur widmet, oft auch in sexueller Hinsicht.


    Das dürfte wohl auf niemanden in diesem Thread zutreffen, von daher empfinde ich dieses boulevardeske, provokative Vokabular als ebenso absurd wie kontraproduktiv im Sinne einer sachorientierten, kultivierten Debatte; schließlich geht es hier nicht um Justin Bieber-Konzerte und kreischende Teenager, die mit ihrem Star in die Kiste hüpfen wollen. Ich muss mich schon sehr wundern angesichts eines solch unangemessenen Vokabulars, mit dem hier operiert wird.


    Und ich für meinen Teil habe Domingo sowohl gelobt als auch kritisiert, Stimmliebhaber desgleichen, und ich käme im Traum nicht auf die Idee, diejenigen, die anderer Meinung sind, in irgendeiner Form hämisch als "Hater" oder was weiß ich abzuqualifizieren.


    Im Gegenteil, ich sehe jede Meinungsäußerung, ob sie meiner entspricht oder nicht, als eine bedenkswerte Äußerung an, solange es zur Sache geht. Warum man aber dann gleich persönlich werden muss und andere Menschen als naive, unkritische Fans oder gar "Groupies" abklassifizieren muss, Domingo Geld-und Rekord"geilheit" unterstellen muss - dies empfinde ich als äußerst ungeziemend, respektlos und unsouverän. Ich denke, einem Klassik- und Kulturforum steht ein anderer Jargon besser zu Gesicht; mit Recht wurde auf den positiven, konstruktiven Umgangston in den Instrumentalthreads verwiesen.


    Nichts gegen kontroverse Debatten - aber dann doch bitte zur Sache, wenns beliebt, und ohne persönliche Angriffe und Fouls.

    viele Grüße von Boris alias Don_Gaiferos

  • Hallo,


    mir steht es nicht an, Domingo grundsätzlich zu kritisieren. Er ist einfach besessen von der Kunstform Oper, was ich bejahe. Ramon Vinay, über den ich mich an passender Stelle auführlich äußerte, wechselte schließlich in seinem Sängerleben vom Lyrischen Bariton zum Dramatischen Tenor, von dort zum Dramatischen Bariton, um bei Baßpartien zu enden. Ich lasse mich auch nicht darüber aus, ob Domingo wirklich ein Bariton ist. (Bei Vinay, von dem ich zumindest seine Versuche als Telramund oder Jago kenne, habe ich da meine Zweifel !) Das Problem bei Domingos Fachwechsel ist meines Erachtens, daß er die Ereignis-Verrücktheit von Aufführungen an den großen Häusern auf die Spitze treiben wird. Vor langer Zeit bewahrte uns nur der stimmliche Abstieg von Carreras davor, daß dieser und Domingo beide auf einer Gesamtaufnahme von Rossinis Barbier von DG zu hören waren, als Almaviva und Figaro. Einen Rigoletto mit Domingo in der Titelpartie und Grigolo als Herzog gab es schon. Wollen wir einen Othello mit Cura in der Titelpartie, Netrebko als Destemona und Domingo als Jago ? Wollen wir einen Lohengrin mit Jonas Kaufmann als Schwanenritter und Domingo als Telramund ? Es gäbe da ungeheuer reizvolle Möglichkeiten: Juan Diego Florez und Domingo gemeinsam in La Traviata wäre der Himmel auf Erden ! Nur beispielsweise hat sich in Hollywood gezeigt, daß beim Engagement von zu vielen Stars pro Film ein Gewöhnungseffekt beim Publikum erfolgt, der dann allen weniger prominent besetzten Filmen das Genick bricht. Ich fürchte, daß es bei der Oper genauso sein könnte, wenn Domingo zu oft als "Bariton-Knalleffekt" eingesetzt wird ! Ich erbitte Meinungen.


    Gruß,


    antalwin

  • Vor langer Zeit bewahrte uns nur der stimmliche Abstieg von Carreras davor, daß dieser und Domingo beide auf einer Gesamtaufnahme von Rossinis Barbier von DG zu hören waren, als Almaviva und Figaro.


    Deshalb hat er es dann einfach alleine gemacht, was zumindest amüsant ist:


    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Die Baritonrolle als Rossinis Figaro hat Domingo schon vor langer Zeit auf Platte eingespielt:



    Februar 1992, Venedig.


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Lieber Harald,


    auf genau dieser Gesamtaufnahme sollte ursprünglich Jose Carreras anstatt von Frank Lopardo den Almaviva singen !


    Gruß,


    Antalwin

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