Vielleicht solltest Du aus Deinem Kopf die Prämisse streichen, dass Kunst erst einmal "zu gefallen hat". Es ist nicht die Aufgabe eines Kunstobjektes, sich so in die nähere Umgebung einzufügen, dass es nicht stört. (Kunst übt ja schließlich nicht die Funktion des Baurechts aus.)
Von schlechter Finanzplanung halte ich ebenfalls nichts, doch vielleicht setzt oft gerade fehlendes Geld kreative Prozesse frei. Ich finde die Vorstellung witzig, dass sich Kasseler Bürger fragen: "Ist das jetzt absichtlich so geworden, oder lag es am fehlenden Geld?"
Des Weiteren gibt es ja auf der größten Schau zeitgenössischer Kunst noch etliches anderes zu sehen.
Seit es die documenta gibt, wird genörgelt. (Man sollte sich fragen, was man falsch gemacht hat, wenn in irgendeinem Veranstaltungsjahr sich niemand über irgendetwas beschwert.)
Schlechtes soll und muss man benennen. Was ist Kunst, was ist Kitsch, was ist altbacken, was ist revolutionär, was ist langweilig?
Welche Punkte kritisierst Du genau an dem Gelände und worauf zielt Deine Kritik?
1) Stört Dich, dass neben hochwertigem Material auch preisgünstigeres verwendet wurde? Warum?
2) Stört Dich Energieverschwendung? Warum?
3) Stört Dich die Aufgabe des ursprünglichen Bauplans? Warum?
4) Stört Dich die schlechte Finanzierung? Warum?
5) Stört Dich die Nähe zur Orangerie? Warum?
Liefere mir Argumente, damit ich bei meiner Visite in Kassel Deine Kritik nachvollziehen kann. Es ist unerheblich, ob Dir die documenta gefällt oder nicht, doch ich bitte ich Dich, Deine Kritik mir Punkt für Punkt zu erläutern.
Wie wir in den Sänger-Threads gesehen haben, gibt es in allen Bereichen der Kunst immer auch eine subjektive Geschmacksentscheidung, die nicht justiziabel ist. Wenn jemand sagt: "Mir gefällt ihre Simme, unabhängig davon, ob sie alle künstlerischen Voraussetzungen hat, die notwendig sind, um eine 'gute Stimme' zu sein", dann ist das so.
Wer sagt: "Diese Sängerin kann nicht sehr gut singen", der soll doch bitte die einzelnen Punkte benennen, warum er zu dieser Einstellung gelangt ist. Intonationsprobleme, Sprachprobleme, fehlendes Taktgefühl; alles Argumente, die eine Kritik sachlich untermauern.
Gerne schaue ich mir die vom SWR produzierte Sendung "Bilderstreit" an, in der einige Experten über Künstler und Ausstellungen streiten. Kritik wird in dieser Sendung genau auf den Punkt gebracht, so dass jeder Zuschauer weiss, warum dieses oder jenes kritisiert wird. In der letzten Sendung wurde u. a. die Münchener Ausstellung von Andreas Gursky thematisiert. Ich finde ihn genial und war trotzdem tief von den Argumenten beeindruckt, die gegen die Münchener Auststellung und ihn vorgebracht wurden.
Im Übrigen bleibe ich dabei. Ich freue mich auf den Kunstsommer. Mit Freunden die Städte neu entdecken, sich wundern, aufregen, lachen, nachdenken und viel Eis mit Schokosoße essen.
Bonne nuit
Mignon 