Beiträge von Gerrit_Stolte

    Lieber Alfred,


    Deine Argumente überzeugen mich nicht. Ich bin mittlerweile bei CD7 angekommen und damit schon die ersten größeren Sinfonien (25 und 29, 30) gehört. Der erste Eindruck bestätigt sich jedoch. Wenn es das Mozart-Ideal war, okay ... aber das hat etwa Erich Leinsdorf mit dem RPO einige Jahre früher dann doch interessanter in Klang gegossen. Er holt in seinen Aufnahmen einfach mehr aus dem frühen Mozart heraus.



    Zustimmen muss ich Dir in der damals vorhandenen Geringschätzung des Frühwerks. Wenn die Plattenfirmen und manche Interpreten dann doch so konsequent gewesen wären, auf die Aufnahme zu verzichten. Manche Ergebnisse, auch bei Leindsorf oder Marriner, sind, wie bei Böhm, einfach schwer zu ertragen.


    :hello:

    Zitat

    Ich weiß kauim wie ich den Bogen zum eigentlichen Thema finden soll. Vielleicht gelingt es, wenn wir mal Stärken gegen Schwächen der beiden Dirigenten vergleichen, musikalische meine ich.


    Ich versuche es mal, auch wenn es in beiden Fällen schwierig wird, sie rein musikalisch zu bewerten. Immerhin hatten sie eines gemein: Sie waren die Posterboys der klassischen Musik. Für die Öffentlichkeit und die Industrie ... die Rolling Stones und die Beatles am Taktstock, sozusagen. Einige Jahre nahmen sie auch noch beim gleichen Label auf, was natürlich Einfluss auf die Karriere- und Aufnahmeentscheidungen des jeweils anderen hatte. Beispiel: Bernsteins Aufnahme von Mahler 9 mit den Berlinern. War es nur eine großzügige Geste Karajans, seinen Widersacher (oder den einzigen, den er selbst für ebenbürtig hielt?) ans Pult zu lassen? Oder sollte schlicht das Interesse für die kommende, zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon geplante Mahler 9-Aufnahme von Karajan gewecht werden?


    Zitat

    Auch hier schließe ich mich an: Karajan trat hinter das Werk zurück, Bernstein davor :baeh01:


    Helmut liefert einen guten Ansatz. Ich würde sagen, dass beide vor das Werk getreten sind. Das machen Interpreten eigentlich immer. Manche agieren als Anwalt des Komponisten, andere als Co-Komponisten. Und auch hier muss ich sagen, dass auf K. und B. letzteres zutrifft. Beide haben viele Werke in eine Form gegossen, die ihrem ästhetischen Ideal entspricht. Bernstein hat sein Ideal nur schon wesentlich früher gefunden. Seine extrovertierte und emotionale Art ist bei den frühen Aufnahmen mit den New Yorkern schon zu hören.


    Karajan hat erst im Laufe der Zeit sein Ideal gefunden. Frühe EMI-Aufnahmen erinnern mich an die Art, wie Wand mit den Kölnern oder NDRSO dirigiert hat. Also eher in Richtung Partiturwiedergabe, ohne Einfärbungen, weil er noch nicht weiß, wohin er will.


    Auch in den ersten Jahren nachdem Karajan die Berliner übernommen hat, höre ich noch nichts vom spezifischen Karajan-Sound, der die Ecken und Kanten weichspült, der zugunsten des langen Bogens auf kurzfristige dynamische Effekte verzichtet. Erst in den späten 60er- und den 70er-Jahren kommt der Weichspüler ins Spiel. Man hört, ob Karajan hinterm Pult steht ... so wie man bei Bernstein auch hört, dass Lennie dirigiert.


    Während Karajan also versuchte, Bach oder Vivladi in sein Klangideal zu pressen, und ihnen damit einen symphonischen Anstrich zu verpassen versuchte, der nicht in der Partitur zu finden ist, hat Bernstein etwa Tschaikowskij oder Schostakowitsch mahlerisiert.


    Beide haben dabei den Bogen überspannt, herausgekommen sind Aufnamen/Interpretationen, die mit der jeweiligen Partitur nicht mehr viel gemein haben. Allerdings entsprach dies ihrem Ideal eines Interpreten, dessen Aufgabe es ja gerade ist, seine Sichtweise zu vermitteln.


    In der Bewertung kommt es darauf an, was der Hörer subjektiv von den Werken erwartet. Ich finde es spannend, Aufnahmen beider Dirigenten zu vergleichen (Mahler 9). Keiner von beiden konnte für sich in Anspruch nehmen, eine alleingültige Sichtweise vorzutragen. Die gibt es sowieso nicht, sonst müssten wir ja alle unsere CD- und Plattensammlungen drastisch reduzieren.


    Um es auf Schlagwörter zu reduzieren, hat Bernstein auf den kurzfristigen Effekt gesetzt und dabei hin und wieder den roten Faden verloren. Karajan hat diesen Faden gesucht und das Beiwerk links und rechts liegen gelassen hat. Dabei hat er sich aber manchmal auch auf die falsche Fährte führen lassen.


    Beide waren übrigens in der Lage, ihre ästhetischen Vorstellungen hervorragend durchzusetzen, bei allen Orchestern, die sie (vor allem im Karriereherbst) dirigiert haben. Mein Urteil wäre deshalb eher Bernstein UND Karajan als Bernstein VERSUS Karajan.


    :stumm:

    Zitat

    Original von a.b.


    Bei den abgebildeten rate ich Dir jedenfalls zum Ungarischen Streichquartett! Am wenigsten davon kann ich persönlich das Alban Berg Quartett empfehlen.


    Sind die Originals nicht alle noch zu haben? Musikalisch würde ich von den abgebildeten eher zum Keller-Quartett tendieren. Grundsätzlich jedoch eher zum Takacs-Quartett oder aber zum Vegh-Quartett.


    :pfeif: :hello:

    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    1) Natürlich wäre mir ein echter Nazi nicht sympathischer gewesen als der Mitläufer Karajan. Aber sich einem Regime anzudienen, das kluge Personen wie Bartók als "Verbrecher- und Mörderregime" bezeichneten, ist mir genauso unsympathisch.


    Was für jeden damals in Deutschland aktiven Künstler gelten würde. Im Gegensatz zu Karajan hatte manche, die weiter in Deutschland blieben, jedoch schon einen internationalen Ruf, hätten problemlos im Ausland Karriere machen können


    Zitat

    es geht nicht um Aachen 1935, sondern darum, daß die braune Sippschaft, allen voran Goebbels, das Karajan gezielt gegen den kratzbürstigen Furtwängler aufbauen wollte, weshalb Karajan 1938 an das Furtwängler-Imperium Berlin gezielt herangeführt und von der willfährigen Presse als "Wunder" bezeichnet wurde.


    :hello:


    Hier wirfst Du Karajan etwas vor, was er nur schwer beeinflusst haben dürfte, und was vor dem Hintergrund der Entwicklung in den frühen 30er-Jahren ziemlich überbewertet wird. Goebbels hatte Furtwängler - man verzeihe mir den Ausdruck - schon seit der Hindemith-Affäre bei den Eiern. Er hat ihn gezwungen zurückzutreten .. und später wieder dirigieren lassen. Zu seinen (Goebbels') Bedingungen. Glaubt jemand allen Ernstes, dass die Nazis einen Karajan dazu gebraucht hätten, wenn sie Furtwängler wirklich kaltstellen wollten? Die haben ohne mit der Wimper zu zucken, große Teile des Kulturlebens ausradiert, aus dem Land getrieben, auf Scheiterhaufen verbrannt. Und sie hätten es mit Furtwängler genau so gemacht. Als Botschafter deutscher Kultur war er aber viel besser zu gebrauchen. Auch besser als ein international weitgehend ungekannter Kappellmeister wie Karajan.


    :)


    Hier meldet sich eine dieser versprengten Stimmen, reichlich spät, ich geb's ja zu. Alfred weiß, dass ich kein großer Fan von Böhm bin (er weiß aber auch, dass ich ihn mal ausdrücklich - und zu seiner Überraschung - gelobt habe). Ich bin gerade dabei die frühen Mozart-Symphonien zu hören. Vergleichendes Hören, wohlgemerkt, da ich endlich die Gelegenheit hatte, die Frühen in der Philips-Aufnahme von Marriner zu bekommen.


    Bei Böhm Aufnahmen stutzte ich bereits im ersten Satz der 1. Symphonie. Wo alle mit bekannten Einspielungen anderer Dirigenten dynamische Akzente setzen (entsprechend dem in der Partitur geforderten Wechsel von f zu p zu f ...), scheint Böhm diese dramatischen Möglichkeiten kaschieren zu wollen. Also mir sagt, nach vier gehörten CD der Gesamtaufnahme, der Böhm in den frühen Werken Mozarts nicht zu. Mir fehlt schlicht der Witz, etwas Spontaneität, die Würze ... :stumm:


    Gutes Jahr, dennoch ... :D


    THE EDIT: CD5 scheint besser zu werden, vielleicht doch keine vergebliche Liebesmühe.


    Maurizio Giammarco Quartet
    Live at La Casa del Jazz 2007


    Maurizio Giammarco, tenor and soprano saxophone
    Salvatore Bonafede, piano
    Paolino Dalla Porta, double-bass
    Bill Stewart, drums


    Tracklist:


    1. Side slide [6:41] - 2. Ed Blackwell [11:11] - 3. Parenti stretti [4:15]
    4. Dispneade [8:59] - 5. Blue [10:23] - 6. Released [5:29] - 7. Lode al silenzio [4:13]
    8. Conn [8:29] - 9. Observers are worried, believers are enjoying [5:51]


    Written by Maurizio Giammarco [1. 3. 4. 6. 8.], Salvatore Bonafede [2. 7. 9.] and Paolino Dalla Porta [5.]
    Live recording at La Casa del Jazz in Roma, January 22, 2007.

    Einfach nur ein paar Namen, die vielen bekannt sein müssten (sollten):


    John Zorn
    Dave Douglas


    die Label


    Tzadik
    HatArt


    da gibt es ein schier unerschöpfliche Fülle an interessanten, spannenden und innovativen Scheiben zu finden. Übrigens so gut wie alle, die ich kenne (habe), in erstklassiger Klangqualität. Eines ist vor allem bei den beiden Labels garantiert: Kein easy-listening, keine marktorientierte Weichspülerei.



    OLES/PIERONCZYK/OLES - Gray Days


    1.Efts
    2.Menace
    3.Brotherhood
    4.French Friend
    5.Fair Play
    6.Gray Days
    7.Drums Area
    8.Landscape
    9.Breathless
    10.Cold Rain


    Compositions: Bartlomiej Brat Oles except, 2-8-10 Marcin Oles & 3 Oles/Oles


    Adam Pieronczyk - tenor and soprano saxes
    Marcin Oles - double bass
    Bartlomiej Brat Oles - drums


    Recorded March 1-2, 2001; Not Two Records 200


    Soundclip 1
    Soundclip 2
    Soundclip 3


    Überraschend vielseitige Scheibe. Die Musiker kombinieren freie und strukturieren Elemente auf äußerst spannende Weise. Im Stück Brotherhodd etwa, breiten die Gebrüder Oles einen Soundteppich aus sich ständig wiederholenden Motiven aus, vor allem der Bass spielt minutenlang fast immer das gleiche. Pieronczyck improvisiert darüber herrlich frei und unbekümmert - allerdings immer im harmonischen Rahmen.

    Zitat

    Gerrit, kannst du ein paar konkrete Namen oder Gruppen aus Polen, Litauen, Frankreich und Italien mit einer knappen Beschreibung nennen?


    Für den Anfang und für Polen: die Gebrüder Oles. Es handelt sich um den Bassisten Marcin Oles und den Schlagzeuger Bartolomiej Brat Oles. Sie sind Anfang des Jahrhunderts/Jahrtausends erschienen und machen viele verschiedene Projekte, teils zusammen, teils getrennt. Von besonderer Bedeutung sind die Projekte, die sie zusammen mit jeweils einem Holzbläser realisieren.


    Eines der ersten war die Scheibe Gray Days. Enstanden 2001, spielen sie hier zusammen mit dem ebenfalls polnischen Saxophonisten Adam Pieronczyk. 10 Stücke, alles Eigenkompositionen. Ein eklektischer Mix aus Free, Avantgarde, Hard-Bop, Funk, Rock, R & B ... Mittlerweile habe sie eine ganze Reihe dieser Alben augenommen.


    Nähere Informationen und Hörbeispiele auf der Homepage der beiden.


    Interpret: David Weiss
    Titel: The Mirror


    Trumpet: David Weiss
    Alto Saxophone: Myron Walden
    Tenor Saxophone: Marcus Strickland (#1-5) Craig Handy (#6-7)
    Trombone: Steven Davis (#6-7)
    Baritone Saxophone & Bass Clarinet: Norbert Stachel (#6-7)
    Piano: Xavier Davis
    Bass: Dwayne Burno
    Drums: E.J. Strickland (#1-5) Nasheet Waits (#6-7)


    Date: February 15, 2004
    Label: Fresh Sound New Talent


    Eine der besten straight-ahead Jazz-Scheiben, die ich in den vergangenen Jahren gehört habe. David Weiss ist Gründungsmitglied des New Jazz Composers Octet ... und das hört man hier. Herrlich, swingende Kompositionen und Arrangements. Gespielt wird als Sextett oder Septett ... und doch klingt es oft wie eine (moderne) Big Band (Mingus Dynasty). Und das ohne überladen zu wirken. Neben Dave Douglas einer der herausragenden Musiker der vergangenen Jahre.

    Zitat

    Original von Barbirolli
    Zwei Jahre später sah ich die Band wieder, nur diesmal ohne Mehldau, der wegen erheblicher Drogen-Probleme in innerer Emigration weilte. Immer noch ein gutes Konzert. Aber diesmal waren die Musiker schon recht bekannt, man wusste halbwegs, was einen erwartete und der Reiz des Neuen, die Überraschung und die Überrumpelung waren verflogen.


    Ich glaube, ich habe sie erst in dem Jahr (1995) in Darmstadt gesehen. War beeindruckend. Blade feuerte ein Feuerwerk sondergleichen ab und das auf einem der kleinsten Drum-Sets, dass ich je bei einem Konzert gesehen habe. Redman spielte eine Kadenz auf Body & Soul, wie sie von Hawkins nicht besser hätte gespielt werden können. Sagenhaft.


    Richtig beeindruckt hat mich auch das Wynton Marsalis Septett. Müsste 1994 oder 1995 in Mainz, beim Klaviersommer, gewesen sein. Die spielte in einem Ziegelsteinbau, der gerade mal 200 Sitzplätze bot. Im Raum war es nach 20 Minuten gut 40 Grad warm, bei einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent. Die haben dennoch fast drei Stunden gespielt. Keine Spur von Attitüden, einfach fantastischer Jazz von New Orleans bis Hard-Bop. Ein paar Monate später habe ich sie dann noch mal in der Alten Oper in Frankfurt gesehen ... gediegene Atmosphäre, der Funk sprang nur noch ein mal auf das (teilweise in Abendgarderobe erschienene) Publikum über: als Marcus Roberts ein kurzes Gastspiel am Flügel gab und einen Rag spielte. Mir blieb die Luft weg.

    A wild ride. Einer der interessantesten Musiker der Gegenwart: Ken Vandermark!



    Er spielt, wie seine Website belegt, seit Jahren in diversen Ensembles (was ein wenig an John Zorn erinnert). Und hat immer wieder etwas interessantes zu bieten: Hier eine Mischung aus Funk, Rock, Jazz (aber alles free UND swingend ... wenn man sich darauf einlässt)


    Simpatico


    Vent (for Glenn Spearman) [listen]
    Released by Vandermark 5 [view band]
    Record Label Atavistic
    Year released 2006
    Release format CD


    Track list
    1. Vent
    2. Fact And Fiction
    3. Full Deck
    4. Anywhere Else
    5. Sthlm Listen
    6. Cover To Cover
    7. Point Blank
    8. Encino


    Jeb Bishop (trombone, guitar);
    Kent Kessler (bass);
    Tim Mulvenna (drums);
    Dave Rempis (alto sax);
    Ken Vandermark (tenor sax, bass clarinet, Bb clarinet)


    "A tad more refined than the head-turning blare of the previous Atavistic discs, Target Or Flag and Single Piece Flow, Simpatico digs into the kind of fertile middle ground that inside-outers often plow with more meager results." (Jim Macnie - Downbeat, Dec. '99)

    Das hört sich dann aber schon wieder ganz anders an. Das Problem sind also nicht die Musiker, sondern die Plattenfirmen. Auch da muss ich sagen. Es gibt genügend Plattenlabel, die erstklassige Qualität abliefern und nicht von den majors kontrolliert werden. Zu Blue Note nur zwei Anmerkungen: Auch die haben in den vergangenen Jahren viel Müll produziert: Entweder kopiergeschützte Scheiben (also keine CDs nach Red Book Standard) oder Aufnahmen, die bis zum geht-nicht-mehr laut gemastert wurden (stichwort: loudness-war auf google). Immerhin haben sie jetzt wieder ein paar Scheiben ohne Kopierschutz veröffentlicht.

    Fütterungszeit für drei, vier Abende (eigentlich sogar Wochen):



    Anthony Braxton
    20 Standards (Quartet 2003)


    Track listing: Disc One: All the Things You Are; Lines for Lyons; April in Paris; Green Dolphin Street; Blues for Alice. Disc Two: Alone Together; Waltz for Debbie; For Heaven's Sake; Freedom Jazz Dance; The Song is For You. Disc Three: The Duke; I Love You; Lonnie's Lament; Blue Rondo a la Turk; Invitation. Disc Four: Tune Up; Remember; Moonlight in Vermont; Take Five; Serenity


    Personnel: Anthony Braxton: saxophones; Kevin O'Neil: guitars; Andy Eulau: bass; Kevin Norton: percussion.


    Leo Records 2005


    Alte Standards und Klassiker, frisch neu interpretiert. Von den meisten Stücken habe ich (wie wohl einige hier) mehr als ein Handvoll Interpretationen. Es fällt mir allerdings schwer, Braxtons Versuche in vielen Fällen als Referenz einzuordnen. Zumindest hat mir dieses 4cd-Set wieder die Ohren geöffnet :)

    Hmm ... Ich verstehe zwar, wie ihr zu euren Argumentationen kommt. Allein, mir fehlt der Glaube, dass ihr wirklich versucht, die immer noch verhandenen guten Sachen zu finden. Eine Entwicklung, die es - leider - in den vergangenen Jahren gegeben hat (da stimme ich euch zu), ist die zunehmende Kommerzialisierung: Was *in* ist, wurde nicht mehr von innovativen Musikern bestimmt (und schließlich zum Mainstream). Die Industrie bestimmt mit ihre Forderung nach seichter, leicht verkaufbaren Produktionen.


    Wenn ich mir allerdings den Thread "Was hört Ihr gerade?" durchlese, bin ich erstaunt, wie altbacken vieles (eigentlich alles) in diesem Thread ist. Namen wie Ken Vandermark, Gebhard Ullman, Marc Copland oder Enrico Rava (um nur vier zu nennen) finde ich da nicht. Das ist für mich eigentlich unvorstellbar. Denn während ein innovativer Musiker wie etwa David S. Ware in den 80er Jahren als Obdachloser dahin vegetieren musste, weil es für ihn als von der Industrie abgelehnten Musiker keine Chance gab, seine Kunst bekannt zu machen (und dann vielleicht auch zu verkaufen), gibt es mittlerweile das Internet: Magazine (die nicht von BMG oder Universal kontrolliert werden), blogs, eigene Websites von Künstlern bieten die Möglichkeit der Information (und sogar die Chance, einige Stücke zu hören oder herunterzuladen). Hier ist auch der Konsument gefragt. Das kann manchmal ein bisschen Zeit in Anspruch nehmen. Der Lohn ist jedenfalls eine Fülle hervorragender Musik, die ich in den vergangenen Jahren kennengelernt habe.


    Zu sagen, ich achte auf die Produzenten und die Labels und hole mir nur Sachen, die vor 1980 produziert wurden (eigentlich in einigen Fällen ja nur vor 1970) zeugt in meinen Augen von einer gewissen Bequemlichkeit als Hörer: Hier bin ich, ich will bedient werden. Das ist ein Denken, was ich eher mit seichter Popmusik assoziere, nicht aber mit Jazz, der sich immer in einer Nische entwickelt hat. Wenn aber die Industrie mir den Weg in diese Nische aber nicht mehr zeigen will (oder kann?), finde ich ihn selbst.


    Zuguterletzt noch eine kleine Anmerkung: Wir reden hier von der vermeintlichen Stagnation oder dem Ende einer Musik, die sich in den vergangenen 100 Jahren stärker verändert hat, als jede andere Musik. Die stilistischen Unterschiede zwischen Haydn (Ende 18. Jahrhundert) und Bruckner (Ende 19. Jahrhundert) erscheinen da im Vergleich geradezu marginal

    Zitat

    Original von Uwe Schoof
    Ich glaube, folgende Entwicklung festgestellt zu haben: Die Stilentwicklung, durch unvergessliche Jazzgrößen geprägt, vom New Orleans- bis zum Freejazz verlief von einigen Ausnahmen (Schlager im Swing, Bossa Nova im Bebop, indische Einflüsse im neueren Jazz) abgesehen, konstant im Bereich des von anderen Stilen unabhängigen Jazz.


    Das ist ein Allgemeinplatz, mit dem ich ziemlich wenig anfangen kann. Gerade Jazzmusik konnte und kann nicht im luftleeren Raum, unabhängig von anderen Stilen entstehen. Allein die Enstehung ist ja eindeutige eine Mischung verschiedener damals vorhandener Stile. Auch von einheitlichen Entwicklungen (konstant) zu sprechen, bietet sich, imo, nicht an. Der Bruch zwischen Swing und BeBop ist drastisch, die Unterschiede deutlich, eine ganz klare Abkehr hat stattgefunden. Von daher ist es schwierig, beide Stilrichtungen in einem Satz als einer Entwicklung zugehörig zu sprechen.


    Fast alle Jazzmusiker (groß und klein) haben im Laufe ihrer Karriere auch andere Musik gespielt - und die dort gemachten Erfahrungen in den Jazz einfließen lassen. Charlie Parker hat Stravinskys Musik nicht umsonst oder zum Spaß studiert. Blues, Rhythm'n'Blues, Soul & Funk sind alle ziemlich schnell in den Jazz eingeflossen.


    Dizzy Gillespie kommentierte ein Konzert von Ornette Coleman (und zwar Ende der 50er oder Anfang der 60er Jahre): "Ich weiß nicht, was er spielt, aber es ist kein Jazz". Viele FreeJazz-Projekte sind ohne die zweite Wiener Schule (Schoenberg etc.) nicht denkbar.


    Der Jazz war immer zeitgenössisch, hat immer nach rechts und links (und oben und unten) geschaut und andere Einflüsse einfließen lassen. Und neue Entwicklungen waren immer eine deutliche Abkehr von gewohnten (und langweilig gewordenen) Traditionen. Mal sind diese Entwicklungen duch harte Brüche (BeBop, FreeJazz) aufgetreten, mal waren es leichte Veränderungen (mit gravierenden Folgen): Hier sei das modale Konzept oder aber die Entwicklung zum JazzRock genannt.


    Mit der Entwicklung des FreeJazz ist allerdings etwas passiert, was bis heute nachwirkt: Die Avantgarde (neue Entwicklung) hat sich nicht mehr zum Mainstream entwickeln können. BeBop war zunächst Widerstand, Untergrund, erschreckend für swing-gewohnte Ohren. Nach ein paar Jahren war es Mainstream (und Swing nur noch altbacken und rückwärtsgerichtet). Ähnliches passierte mit der Weiterentwicklung im HardBop (ohne Funk und Soul, also Pop-Einflüssen, undenkbar) und modalen Konzepten. Das war/ist massentauglich geworden (insoweit Jazz massentauglich ist). FreeJazz war stark gebunden an die Musiker: Ornette Coleman und später John Coltrane haben sich verkauft, der Stil an sich ist nicht massentauglich geworden: Es musste also wieder ein neuer Mainstream entwickelt werden ... und das war nach einer 10- his 15-jährigen totalen Flaute (1970 bis Anfang der 1980er) eine Rückbesinnung auf das, was schon 1965 altbacken war: Hardbop à la Art Blakey oder Horace Silver.


    Ein paar Beispiele für innovative, aktuelle Musiker und Platten werde ich demnächst geben. Jetzt muss ich zur ARbeit :kotz:


    Gebhard Ullmann
    Kreuzberg Park East


    01. blaues lied 5:14
    02. kreuzberg park east 8:22
    03. meltema 8:18
    04. the t.t. walk 7:01
    05. flutist with hat and shoe 4:57
    06. almost twenty-eight 8:58
    07. those 4 R 8:15
    08. blue trees and related objects 4:57


    (all compositions by gebhard ullmann)




    gebhard ullmann - tenor and soprano sax, bass clarinet
    ellery eskelin - tenor saxophone
    drew gress - bass
    phil haynes - drums


    recorded on may 2 and 3, 1997 at "tedesco recording studios", new jersey, mixed on august 29, 1998 at "sound on sound", new york city
    engineer: jon rosenberg
    mastered at "disctronics", tribiano - milano
    engineer: aldo borrelli
    producer: gebhard ullmann
    executive producer: flavio bonandrini


    Ein äußerst abwechslungsreiches Album. Vor allem im Zusammenspiel mit Drew Gress gelingt es Ullmann, Stimmungsbilder zu zeichnen (man ist an die Natur erinnert). Daneben gibt es immerwin herrlich swingende Passagen, bei denen mal Eskelin, mal Ullmann die Führung übernimmt. Eine rundum gelungene Scheibe (so wie vieles von Ullmann)

    Hallo,


    ich sehe das alles nicht so dramatisch. Ich bin sogar der Meinung, dass - abgesehen von der fast schon unerträglichen Schwemme an Sängerinnen, die auf den Markt geschüttet wurden - eine gesunde Auslese (Verzeihung) stattgefunden hat. Anfang bis Mitte der 1990er Jahre wurde jede Woche ein neuer großer Star gekürt, wer nur halbwegs richtig spielen konnte, bekam gleich einen Plattenvertrag. Das hat natürlich zu einer Sättigung geführt. Die Künstler wurden austauschbar. Das ist allerdings vorbei, imo. Die wirklich guten Musiker haben sich durchgesetzt (Redman oder Mehldau, um nur zwei zu nennen).


    Die Jazzszene in Litauen, Polen, Italien, Frankreich ist von Vitalität geprägt, wie wir sie hier (oder in den USA) seit Jahren nicht mehr kennen. Empfohlen sei nur die Serie "JazzItaliano Live", mit Konzertmitschnitten aus dem Casa del Jazz in Rom (leider nur als Import aus Italien erhältlich). Auch in Polen gibt es solch eine Serie (viele Titel auf Ebay).


    Letztendlich ist Jazz eine Livemusik, die auf Konserve nicht alle ihre Stärken offenbaren kann. Ein Name der dennoch Beachtung verdient ist Ken Vandermark, der in den letzten Jahren eine ganze Menge fantastischer Free-Jazz-Scheiben produziert hat.


    The EDIT: Bzgl. des Endes des kreativen Schwungs ... Ich glaube, dass genau diese Argumente auch Ende der 50er/Anfang der 60er-Jahre zu hören waren. Als junge Musiker daran gingen, die sich gerade entwickelnden Elemente des Soul/Funk/Pop in den Jazz zu integrieren. Oder zehn Jahre später, als sich Jazz-Rock entwickelte. In beiden Fällen haben die Puristen die Nase gerümpft, obwohl es sich nur um eine völlig natürliche Entwicklung handelte. Heute wird halt Hip-Hop integriert, es werden Computer, Turntables als Instrumente eingesetzt ... für manche Ohren klingt das einschläfernd, andere lehnen es als Ausverkauf ab.

    Es ist eine gemischte Sony/BMG-Produktion, deshalb sind auch viele Titel aus dem BMG (sprich Arte Nova-Katalog). Übrigens gibt es sie bei amazon.de sogar für schlappe 35 Euro.


    Sinfonien und Konzerte sind mit ZInman/Tonhalle Zürich (Bronfman für die Klavierkonzerte, Tetzlaff für das Violinkonzert). Die sind schon mal ihr Geld wert, das gilt auch für die Missa (für die 10 CDs könnte man allein schon 100 Euro verlangen). Gut sind auch die Cello-Sonaten (Bylsma/Immerseel). Fantastisch sind diese Titel:


    Disc 26: Die Streichtrios op. 3 und op. 8 (L’Archibudelli
    Disc 29: Kammermusik für Streicher und Holzbläser (L’Archibudelli)
    Disc 30: Oktett op. 103 / Klarinettensextett op. 71 / Märsche für Bäser, u.a. (Mozzafiato)


    Zumindest interessant dürften Mustonen's Diabellis sein. Und bei den Klaviersonaten gibt es Aufnahmen von Charles Rosen und Horowitz. Insgesamt eine gute Auswahl. Fidelio und Streichquartette könnten besser sein.

    Gustav Mahler
    Symphonie Nr. 3 in d-Moll
    Bernard Haitink
    Berliner Philharmoniker
    Frauen des Ernst-Senff-Chors
    Tölzer Knabenchor
    Jard van Nees


    Philips 432 162-2 (oop)
    gebraucht zu haben auf amazon.de für schlappe 91,09 Euro



    Ein sehr feingliedrige Interpretation mit sehr viel Liebe zum Detail. Wird Mahlers Komposition daher nur ein einer Dimension gerecht. Die schroffen Momente gehen verloren, die schönen Melodien werden in den Vordergrund gebracht. Zum aktuellen Preis würde ich die Doppel-CD nicht kaufen, für den Normalpreis (damals noch DM 60-70) war es eine gute Investition. Für den leisen Abend geeignet. Hervorragende Leistung der beiden Chöre.

    Ludwig van Beethoven: The 'Late' String Quartets
    The Hollywood String Quartet
    Testament SBT 3082



    Eine Mischung aus amerikanischem Temperament (oder erfreulich mangelnder Respekt vor dem großen Meister) und europäischem Ensemblespiel. Eine meiner liebsten Einspielungen der späten Werke.

    Zitat

    Original von Richard


    gefällt mir nicht ist aber eine Aussage ohne Argumente und da finde ich Gerrits Aussage, die begründet ist, durchaus i.O.


    Nein, nein, da hat peet schon Recht, in dieser Pauschalität hätte ich das Urteil nicht formulieren dürfen - es ist ja noch nicht jedem klar, dass die hier gemachten Aussagen, keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben (wobei .... :stumm: ) . Deshalb:


    Nach meiner Meinung erfüllt die Richter-Karajan-Aufnahmen meine Erwartungen von einer Interpretation des 1. Tchaikovsky-Klavierkonzerts nur mangelhaft. Ich empfinde das Ergebnis als katastrophal.


    Da ich davon ausgehe, dass die meisten Taminos durchaus begreifen, dass eine Rezension immer *nur* eine Meinung ist, werde ich dass allerdings nicht *immer* explizit schreiben. Ich bitte das im Zweifelsfall zu berücksichtigen :D


    Bist ja ein richtig süßer Troll. Brauchst auch nicht zu weit zu schauen, um deine Behauptung widerlegt zu bekommen.


    Ein Blick in den passenden Thread:


    http://tamino-klassikforum.at/thread.php?threadid=356


    wird Dich eines besseren belehren. Letzter Eintrag "Richter verweigert Karajan die Gefolgschaft". Kannst auch im Pengiun Guide, 1995, nachlesen. Seite 1336: "... both giants do not always agree: each chooses a different tempo for the second subject of the finale and MAINTAINS it". Oder aber google-news:


    http://tinyurl.com/3mqtf


    Musst die Scheibe halt mal in den CD-Player oder auf den Plattenspieler legen und deine (Schein)kenntnisse auffrischen, bevor du dich äußerst. Oder, besser, da dich der Diskurs offensichtlich an die Grenzen deines Intellekts führt, schweigen, wenn sich User mit Ahnung unterhalten ;)


    Mitleidsvolle Grüße,
    Gerrit

    Zitat

    Original von Bettina und Wilfried
    Wir würden vermutlich tot umfallen, wenn wir Mozarts Geige in der Hand halten dürften. Hat der "geschichtliche" Hintergrund eines Instrumentes für einen Musiker/Künstler keine Bedeutung? Erstarrt man nicht manchmal vor Ehrfurcht vor einem Instrument? Sehen wir das zu "romantisch"?


    Liebe Grüße


    Bettina und Wilfried


    Die Musiker, die es schon durften, überlebten es :D