Beiträge von GiselherHH

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    Original von jubal
    Nochmals Klavierliteratur: Alfred Brendel sagte einmal, am schwierigsten sei immer noch Mozart zu spielen. Bei anderer Gelegenheit äußerte er, die Klavieretüden von Ligeti trieben jedem Interpreten den kalten Schweiß auf die Stirn. Wer wird das bezweifeln? Vielleicht sind sie in technischer Hinsicht wirklich das Nonplusultra...Da von Messiaen die Rede war: Welcher Pianist (außer Randerscheinungen wie Ugorsky, Hill und natürlich der Gattin des Meisters, Yvonne Loriot) stellt sich schon der Aufgabe, die "Vingt regards" oder den "Catalogue d'oiseaux" vollständig zu spielen?


    Pierre-Laurent Aimard z.B. stellt sich dieser Aufgabe. Vor ein paar Jahren habe ich ihn live mit den "Vingts regards" in Hamburg erleben dürfen. Und beim "Ligeti-Festival" 1998 in der Musikhalle spielte er dessen Klavieretüden mit derartiger Virtuosität, daß er den Saal zum Tosen brachte.

    Hallo peet,


    der Weg Wagners vom Feuerbach-Idealismus zur Schopenhauer-Resignation liegt wohl auch an seiner zwischen beiden Phasen liegenden Biographie. Wer als Exilant, finanziell immer klamm und abhängig von Gönnern, künstlerisch mäßig erfolgreich und ohne Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat lebt, wird sich wohl nur schwer den Idealismus der Jugendjahre bewahren können und das färbt dann irgendwann auch aufs Werk ab... Die Lektüre Schopenhauers war wohl so etwas wie der Nachvollzug der eigenen Erlebnisse.


    Grüße


    GiselherHH

    Hallo peet,


    sicher wäre es falsch, bei Wagner von einem geschlossenen ideologischen Weltbild zu reden. Da er ja keine abgeschlossene formelle Ausbildung genossen hatte, beruhten seine Ansichten vor allem auf dem, was er sich angelesen hatte. Und da er nicht wirklich systematisch las, sondern "quer durch den Garten", waren seine Ansichten entsprechend schillernd und widersprüchlich...


    Sicher war er 1848 trotz seiner Bekanntschaft mit Bakunin kein wirklicher Revolutionär auf den Barrikaden (sein tatsächlicher Beitrag zur Revolution in Dresden ist ja umstritten) und es kam ihm wohl eher auf die von ihm initiierte Opernreform an. Aber dennoch durchzieht so etwas wie eine Sympathie für frühsozialistische Theoretiker wie Rousseau und Proudhon sein Leben und die Überwindung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft war das Ziel seiner Kunst-Revolution. Sein "Frieden" mit den restaurativen Kräften nach 1848 war, wie vieles in seinem Leben, taktischer Natur, in seinem Innern lehnte er die ihn umgebenden gesellschaftlichen Verhältnisse ab.


    Grüße


    GiselherHH

    Hallo Alfred,


    auch wenn ich in meinem Profil Richard Wagner als Lieblingskomponisten angegeben habe (man durfte ja nur einen nennen, sonst hätte ich auch noch Purcell, Haydn, Verdi, Bruckner, Strawinsky, Ravel und Poulenc genannt), so würde ich mich doch dagegen wehren, als "Wagnerianer" bezeichnet zu werden. Den von diesen Fanatikern angestrengten Geniekult um den begabten kleinen Sachsen habe ich ebenfalls noch nie leiden können und "Pilgerfahrten" zu Opernhäusern auf den Knien des Geistes sind mir grundfremd.


    Allerdings sind Wagner und seine Werke für mich ein Faszinosum. Sicher gibt es bedeutendere Komponisten, die auch musikalisch begabter waren - Mozart etwa. Doch dessen gleichsam transzendentale Begabung war eben einseitig - ein interessantes und ernsthaftes Gespräch über Kunst oder Politik mit ihm kann ich mir nicht vorstellen. Wagners Begabung war breiter gestreut und dafür weniger in die Tiefe gehend. Das bedeutet Chance und Gefährdung zugleich, wie sich in seinen theoretischen Schriften zeigt. Wagner wollte immer mehr sein als bloß Musiker und Komponist, er wollte das verwirklichen, was Karl Marx in seinem berühmten Ausspruch forderte: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an
    sie zu verändern."


    Seine Opern- und Festspielpläne waren daher auch immer Pläne zur Veränderung der Welt mittels Kunst. Das ihm vorschwebende "Drama", die sinnfällige Verschmelzung von Text und Musik in einer Oper zu einem untrennbaren Ganzen jenseits der Kulinarik (in Abgrenzung zu Meyerbeer, dessen "Grand Opéra"-Stil noch Vorbild für den "Rienzi" war, dessen Werke er zu Unrecht aber später als "Wirkung ohne Ursache" abkanzelte), sollte den Platz in einer zukünftigen Gesellschaft einnehmen, den das antike Theater in der attischen Polis hatte: ein Ort der Selbstvergewisserung und Gemeinschaftsstiftung.


    Diesem Anspruch folgend, glaubte er, sich zu allen möglichen Themen äußern zu müssen: Vegetarismus, Vivisektion, Philosophie, Geschichte, Politik, Openreform, Dirigieren, Gesang etc. pp. Dabei behielt er kaum je einen Standpunkt wirklich bis zum Ende seines Lebens bei, sondern änderte ihn im Laufe seines Lebens teilweise mehrmals. Das machte es dem ideologischen Kreis um Cosima eben so leicht, sich das herauszugreifen, was sie für ihre Zwecke benutzen konnten - ganz zu schweigen von dem späteren Bayreuther Hausfreund mit Schnauzbart und Hundepeitsche, dessen Wagnerbegeisterung so etwas wie ein Totalmißverständnis war. Denn Wagner stand politisch gesehen immer eher auf der "Linken". Zwar paßte sich der Revolutionär von 1848 später äußerlich an und schloß seinen Frieden mit den Kräften, die er damals bekämpfte. Doch tat er dies nur, um seine Festspielidee zu sichern, so wie er alles andere dieser einen Idee unterordnete.


    Persönlich blieb er gegenüber dem "aus Blut und Eisen geschmiedeten" Deutschen Reich von 1871 immer auf Distanz und verachtete Bismarck aus tiefstem Herzen - seine ideale Nürnberger Kunst-Republik in den "Meistersingern" ist sozusagen sein Gegenentwurf zur damaligen Reichsidee.


    Ein Werk von so hohem Anspruch lädt natürlich zu Parodien ein: von Johann Nestroy ("Tannhäuser oder die große Keilerei auf der Wartburg") bis zu Bugs Bunny ("What´s Opera, Doc?"). Die Nestroysche Parodie hat Wagner in Wien gesehen, als er dort eine Inszenierung seines "Tannhäuser" sah. Er soll sehr gelacht haben...


    Grüße


    GiselherHH

    Zitat

    Original von BigBerlinBear
    Alfred schrieb:



    Also das kann ich von mir SO nicht sagen, ich halte die "Carmina Burana" für ein Werk, das sich, nach anfänglicher Begeisterung, sehr schnell abgenutzt hat. "Schuld" daran sind zum einen die vielen minderwertigen Aufführungen des Stückes einerseits und eine gnadenlose Verwurschtung durch die Werbung und unsinspirierte Filmmusik zum anderen, die mich, sobald ich nur das Orffsche "O Fortuna" höre, mein Heil in dre Flucht ergreifen lassen. Interessanter wäre sicher ein Thread über den Komponisten Orff JENSEITS von Carmina Burana, denn da gäbe es wirklich noch einiges zu entdecken !


    Hallo,


    trotz vielen Gebrauches (und Mißbrauches) für Werbung und Kino haben sich die "Carmina Burana" für mich doch noch nicht vollständig abgenutzt (es hilft, größere Hörpausen einzulegen, damit das Stück wieder eine Chance bekommen kann).


    Sicher hat das auch auch damit zu tun, daß eine "CB"-Aufnahme meine erste selbst gekaufte Klassik-"Platte" (bzw. MC) war. Diese Kegel-Einspielung von 1958 (seine erste, damals noch bei der DG veröffentlicht) nimmt in meiner Sammlung immer noch einen besonderen Platz ein und das nicht nur aus sentimentalen Gründen. Ich kenne keine rhythmisch mitreißendere, gespanntere, teilweise bis ins Apokalyptische (Schlußchor) gesteigerte Aufnahme. Die Chöre sind besonders gut! Da nimmt man den etwas verrauschten frühen Stereoklang, einige Unsauberkeiten im Orchester und die leise im Hintergrund zwitschernden Vögel (die eigentlich ganz gut zum Stück passen) gern in Kauf.


    Jochums zu recht hier gelobte Aufnahme ist da klanglich ausgeglichener und "schöner" (für mich deswegen aber auch weniger aufregend), besitzt aber in Gundula Janowitz die ideale Interpretin für den "Cours d´amour". Der sonst oft zu kühl und instrumental wirkende Sopran ist hier das ideale Instrument, um die richtige Mitte zwischen unerreichbarem Liebesideal und erotischer Verführung zu treffen. "In trutina" singt sie wirklich über die Maßen schön. Stolze ist als "Schwan" in seinem Element, während Fischer-Dieskau zwar interpretatorisch (wie fast immer) gut ist, aber doch zuwenig "Metall" in der Stimme hat, um etwa die "Wafna"-Rufe wirklich singen zu können.


    Kein Problem damit hat Thomas Allen in der Previn-Aufnahme von 1975. Ein toll klingender Bariton mit super Höhe und Durchschlagskraft, dabei aber ebenso zu subtilen Nuancen fähig. Die anderen Solisten halten das Niveau nicht ganz, dafür gefallen wiederum Chor und Orchester, insbesondere der richtig mitgehende Kinderchor.


    Ebenfalls empfehlenswert ist die Eichhorn-Aufnhame, vor allem als DVD in der Inszenierung von Jean-Pierre Ponelle, der sich der Bilder Breughels und der mittelalterlichen Ikonographie als Inspiration bedient hat.


    Darüber hinaus gibt es bei Orff noch vieles zu entdecken. Am besten fängt man da wohl bei den "Schwesterstücken" Catulli Carmina (müßte in den USA eigentlich den Aufkleber "parental advisory" tragen) und "Trionfo d´Aphrodite" an. Dann vieleicht die Märchenopern "Die Kluge" und "Der Mond", dann die "Bernauerin" und schließlich die Opern "Antigonae", "Oedipus" und "Prometheus".


    Grüße


    GiselherHH