Beiträge von Alexander_Kinsky

    Nikolaus Harnoncourt führte am 14. und 16.3.2008 im Großen Musikvereinssaal in Wien im Rahmen des "OsterKlangs 2008" Robert Schumanns 1843 in Leipzig uraufgeführtes weltliches Oratorium „Das Paradies und die Peri“ op. 50 für Solostimmen, Chor und Orchester (Text von Emil Flechsig und Robert Schumann nach Thomas Moores "Lalla Rookh") auf. Zuletzt hat Harnoncourt dieses Werk im Jahr 2005 in München aufgeführt. Die CD Aufnahme davon erscheint übrigens am 11.4.2008 (von petemonova im Thread zu den aktuellen Neuerscheinungen auch bereits angeführt):



    Ö 1 brachte am 24.3.2008 die Aufzeichnung vom 16.3.2008. Es wirkten mit: die Wiener Philharmoniker, der Arnold Schoenberg Chor; Annette Dasch, Sopran (Peri); Mojca Erdmann, Sopran (Jungfrau); Michelle Breedt, Mezzosopran; Elisabeth Kulman, Alt (Engel); Christoph Strehl, Tenor (Erzähler); Bernhard Berchtold, Tenor (Jüngling); und Christian Gerhaher, Bariton (Gazna, Der Mann). Teil 1 und 2 dauern fast 56 Minuten, Teil 3 knapp über 45 Minuten. Das Oratorium "Das Paradies und die Peri", basierend auf dem gleichnamigen Text aus der orientalisch geprägten Märchensammlung des irischen Dichters Thomas Moore, erzählt die Erlösungsgeschichte der "Peri", ein engelhaftes Wesen. Wie immer macht Harnoncourt den Hörer vom ersten Ton an zum Mitlebenden, diesfalls des romantischen Rückwegs der Peri ins Paradies. Die Wiener Philharmoniker steuern dazu ihr vollblütiges Klangbild und zusammen mit dem Chor und den Solisten bedingungslosen Einsatz bei. Schön, dass jetzt auch die Wiener Philharmoniker dieses Werk mit Harnoncourt zusammen aufgeführt haben.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Die österreichische Tageszeitung Kurier bietet ab morgen 25.3.2008 eine vierteilige CD Edition mit musikalischen Ausschnitten aus dem EMI Repertoire Karajans an (pro Teil 4 Euro):


    CD Nr. 1 – Ludwig van Beethoven


    EMI CD Nr. 1 – Ludwig van Beethoven
    1. Sinfonie Nr. 5 in c-moll Op. 67: 1. Satz Allegro con brio
    2. Sinfonie Nr. 3 in Es-Dur Op. 55 (Eroica): 2. Satz Marcia funebre: Adagio assai
    3. Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 C-Dur Op. 72 a
    4. Tripel-Konzert in C-Dur Op. 56: 2. Satz Largo
    5. Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur Op. 73: 3. Satz Rondo
    6.-11. Sinfonie Nr. 9 in d-moll Op. 125: Finale


    CD Nr. 2 – Wolfgang Amadeus Mozart


    EMI CD Nr. 2 – Wolfgang Amadeus Mozart
    1. Le Nozze di Figaro: Ouvertüre
    2. Le Nozze di Figaro: Voi che sapete
    3. Die Zauberflöte: Ouvertüre
    4. Die Zauberflöte: Dies Bildnis ist bezaubernd schön
    5. Die Zauberflöte: Der Hölle Rache
    6. Die Entführung aus dem Serail: Martern aller Arten
    7. Don Giovanni: Là ci darem la mano
    8. Sinfonia Concertante K297b: Andantino con variazioni
    9. Klavierkonzert Nr. 24 in c-moll K491: I. Allegro - Cadenza (Hummel)
    10. Serenade Nr. 13 G-Dur, „Eine kleine Nachtmusik“ K525: I. Allegro
    11. Sinfonie Nr. 40 in g-moll K550: Andante
    12. Sinfonie Nr. 41 C-Dur, „Jupiter“ K551: IV. Molto allegro


    CD Nr. 3 – Richard Wagner


    EMI CD Nr. 3 – Richard Wagner
    1. Tannhäuser: Ouvertüre
    2. Die Meistersinger von Nürnberg: Ouvertüre
    3. Die Meistersinger von Nürnberg: Fliedermonolog
    4. Die Meistersinger von Nürnberg: Preislied - Morgendlich leuchtend im rosigen Schein
    5. Lohengrin: Treulich geführt
    6. Die Walküre: Walkürenritt
    7. Tristan und Isolde: O sink hernieder, Nacht der Liebe
    8. Parsifal: Vorspiel


    CD Nr. 4 Strauß & Strauss


    EMI CD Nr. 4 Strauß & Strauss
    1. Fledermaus: Ouvertüre
    2. Fledermaus: Klänge der Heimat
    3. Kaiserwalzer
    4. Donauwalzer
    5. Rosenkavalier: Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding
    6. Rosenkavalier: Mir ist die Ehre widerfahren
    7. Rosenkavalier: Da… Herr Cavalier!
    8. Rosenkavalier: Marie Therese!... Hab’ mir’s gelobt
    9. Rosenkavalier: Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein
    10.Rosenkavalier: Ist ein Traum, spür’ nur Dich allein
    11. Ariadne auf Naxos: Es gibt ein Reich
    12. Vier letzte Lieder: Im Abendrot
    13. Heldenleben: Finale Entsagung


    Nähere Infos (bei Badarf) auf der Homepage des Kurier!


    Und der Radiosender Ö 1 setzt von 1.4. bis 6.4. einen Karajan-Schwerpunkt:


    1.4. 15:06 Uhr:
    Apropos Oper
    mit Gottfried Cervenka.
    Herbert von Karajan in Live-Dokumenten. Mit Maria Callas, Maria Cebotari, Carla Martinis, Placido Domingo, Giuseppe di Stefano, Giuseppe Taddei u. v. a.


    2.4.10:05 Uhr:
    Ausgewählt
    Abenteuer Interpretation - mit Renate Burtscher. Lernen unter Europas GMD. Schüler Herbert von Karajans


    3.4. 15:06 Uhr:
    Apropos Oper
    mit Chris Tengel.
    Nicht nur "Klangmagier": Herbert von Karajans Opern-Studioaufnahmen


    4.4.23:05 Uhr:
    Zeit-Ton
    Der Dirigent Herbert von Karajan und sein aktives Verhältnis zur Musik seiner Zeitgenossen. Gestaltung: Christian Scheib


    5.4.10:05 Uhr:
    Österreich 1 Klassik-Treffpunkt
    Live aus dem ORF KulturCafe. Gäste: Wiener Philharmoniker: Werner Hink, Dietmar Zeman. Präsentation: Otto Brusatti


    5.4.15:06 Uhr:
    Apropos Klassik
    Herbert von Karajan und Salzburg. Zum 100. Geburtstag (5. April 1908 bis 16. Juli 1989).
    Aus unserem Salzburger Archiv: Karajan bei der Jubiläums-Mozartwoche 1956 (Symphonie Es-Dur, KV 543); von den ersten Osterfestspielen (mit dem "Walkürenritt" aus der ersten Opernproduktion 1967) bis zu seinen letzten Osterfestspielen 1989 (aus der "Messa da Requiem" von G. Verdi); Karajan bei der Probe belauscht; seltene Interviews; frühe und exemplarische Festspielmitschnitte. Gestaltung: Hannes Eichmann


    5.4. 17:05 Uhr:
    Diagonal - Radio für Zeitgenossen
    Zum Thema: Klassik-Kommerz. Karajan und die Folgen. Präsentiert von Michael Schrott


    5.4. 19:30 Uhr:
    Ludwig van Beethoven: "Fidelio"
    Mit Jon Vickers (Florestan), Christa Ludwig (Leonore), Eberhard Waechter (Don Fernando), Walter Berry (Pizarro), Walter Kreppel (Rocco), Gundula Janowitz (Marzelline), Waldemar Kmentt (Jaquino), Kostas Paskalis (1. Gefangener) und Ljubomir Pantscheff (2. Gefangener). Chor und Orchester der Wiener Staatsoper, Dirgent: Herbert von Karajan (Aufgenommen am 25. Mai 1962 in der Wiener Staatsoper)


    6.4. 11:03 Uhr:
    Rekonstruktion erstes Dirigat Karajans (1929)
    Matinee
    Mozarteum Orchester, Dirigent: Ivor Bolton; Lars Vogt, Klavier.
    Peter Iljitsch Tschaikowsky: Symphonie Nr. 5, e-Moll, op. 64
    Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert A-Dur, KV 488
    Richard Strauss: Don Juan, op. 20 (Aufgenommen am 5. Jänner im Großen Festspielhaus in Salzburg; Eröffnungskonzert des "Herbert von Karajan-Jubiläumsjahres 2008")


    6.4. 13:10 Uhr:
    Gedanken
    "Der begabte Hypnotiseur" - Herbert von Karajan zum 100. Geburtstag. Gestaltung: Hannes Eichmann und Eva Roither


    Nähere Infos zu den Sendungen auf der Homepage von Ö 1!


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Zitat

    Original von Melot1967
    Ich glaube nicht, dass Dohnany die Lust verlor (zur Götterdämmerung war er ja wieder da - hat er nicht auch noch Siegfried-Vorstellungen dirigiert? weiß jetzt nicht mehr), er war vor der Siegfried-Premiere erkrankt, und Pappano sprang ein, mit ganz anderem - vom Publikum dankbar angenommenen - Stil. In meiner Erinnerung kann ich das musikalische Ergebnis in etwa mit dem heutigen Thielemann vergleichen. Mir hat aber Dohnanys kammermusikalische Lesart auch sehr gut gefallen.


    Im Gegensatz zur aktuellen "Ring" Produktion an der Wiener Staatsoper wurde damals (Inszenierung: Dresen, Bühne: Kapplmüller) mit dem "Rheingold" begonnen, ein paar Monate später folgte die "Walküre", dann "Siegfried" und die "Götterdämmerung". Es gab jeweils ein paar Vorstellungen und dann erst die vier Abende hintereinander (ungefähr innerhalb einer Woche).
    Dohnanyi fiel krankheitsbedingt in der Premierenserie beim "Siegfried" aus, dirigierte aber den ersten "Ring" Durchlauf komplett.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Fritz Wunderlich sollte in einem Salzburger Konzert und bei der Plattenaufnahme singen.


    Der Mitschnitt des Konzertes vom 29. August 1965 nur mit Wunderlich ist als DGG CD-Ausgabe erschienen (Deutsche Grammophon/Festspieldokumente DG 474 955-2).



    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Während im Münchner Herkulessaal der Residenz an diesem Palmsonntag, dem 16.3.2008, die 1724 uraufgeführte Johannes-Passion BWV 245 von Johann Sebastian Bach mit dem Münchner MotettenChor und dem Orchester „La Banda“ unter der Leitung von Hayko Siemens aufgeführt wird, zieht es der bequeme Musikhörer vor, dieses Werk in der Ö 1-Ausstrahlung der Aufzeichnung vom 9.3.2008 aus dem Großen Musikvereinssaal Wiens mit dem Arnold Schoenberg Chor und dem Concentus musicus Wien unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt (von dem es zwei Einspielungen der Johannes-Passion gibt, eine von 1966 und eine von 1995 – letztere wird im Tamino Klassikforum im Thread zum Werk mit Anspieltipps von Glockenton vorgestellt) anzuhören. Das Solistenensemble setzt sich zusammen aus Christiane Oelze, Sopran, Bernarda Fink, Alt, Michael Schade (Evangelist) und Rainer Trost (Arien), Tenor und Georg Zeppenfeld (Jesus) und Christian Gerhaher (Arien), Bass. Vorab Harnoncourts Ausführungen zur Aufführungspraxis von Bach selbst und zur Anlage und Instrumentation des Werks im Buch „Der musikalische Dialog“ (Residenz Verlag 1984, Neuausgabe Bärenreiter 1994) sowie sagitts Einführung im Tamino Klassikforum lesend, gilt es auf das Zentrum des Werks zu achten, den Choral „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn“, den die vorangegangenen und folgenden Abschnitte wie die Flügel eines barocken Altars einrahmen. An sich beinhaltet der erste Teil Jesu Gefangennahme und Petri Verleugnung Jesu (an diesem Abend 35 Minuten), der zweite Jesus vor Pilatus, den Kreuzweg, die Kreuzigung, den Tod und die Grablegung (78 Minuten), und dieser Choral fällt (im zweiten Teil) in die Szene, in der Pilatus erwägt, Jesus loszulassen.


    Vom ersten Chor an fällt jegliche Überlegung, „was man denn während des Anhörens noch alles tun kann“ weg, weil Nikolaus Harnoncourts Deutung den Hörer so intensiv ins Geschehen mitnimmt, dass man sofort mittendrin ist, auf allen vier Ebenen, jede für sich voller innerer Anteilnahme und Betroffenheit: Erzählung der Geschichte (Rezitative des Evangelisten, handelnde Personen, dramatische Chorpartien), Betrachtung und Verinnerlichung (Arien), Andacht (Kirchenlieder) und Glaubens-Ermahnung (Chöre am Anfang und am Ende). Harnoncourt betont den dramatischen Gehalt des Geschehens mit ungemeiner Intensität. Zwei verinnerlichte Höhepunkte des Werks bleiben dem Schreiber von ihrer Herzenswirkung her zentral: die Altarie Nr. 30 „Es ist vollbracht“ vor Jesu Tod und die Sopranarie Nr. 35 „Zerfließe, mein Herze“ nach dem Erdbeben. Aber eigentlich alles, jedes Rezitativ, jede Arie, jeder Choral fügen sich in das große Ganze dieses in seiner musikalischen Kraft unglaublichen Glaubenswerks und dieser so beseelten, ohne äußerliche Effekthascherei dramatisch aufbereiteten Interpretation. Ich bin unendlich froh, sie gehört zu haben.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    In SWR 2 Radio die Matthäus-Passion, in Ö 1 die Johannes-Passion...


    Sonntag,
    16. März 2008
    19:30 Uhr


    Radio Ö 1


    Aus dem Konzertsaal


    Concentus musicus Wien, Dirigent: Nikolaus Harnoncourt; Arnold Schoenberg Chor; Christiane Oelze, Sopran; Bernarda Fink, Alt; Michael Schade und Rainer Trost, Tenor; Georg Zeppenfeld und Christian Gerhaher, Bass.


    Johann Sebastian Bach: Johannes-Passion, BWV 245 (Aufgenommen am 9. März im Großen Musikvereinssaal in Wien).


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Das Klavierquintett f-Moll op. 34 von Johannes Brahms, fast 45 Minuten lang (aber für mich keine Minute zu lang!), 1865 veröffentlicht – ist das herrliche Kammermusik! Brahms ist hier (und nicht nur hier) für mich der legitime Erbe von Beethoven und Schubert. Ich habe dieses Werk Mitte der 80er Jahre mit zwei Aufnahmen kennen gelernt, damals noch auf LP.



    Maurizio Pollini und das Quartetto Italiano nahmen es im Jänner 1979 im Münchner Herkulessaal auf (nun verfügbar und angehört von CD DGG 474 839-2, in diesem Thread schon mehrfach gelobt). Ich erlaube mir den Beipacktext von Tully Potter in der Übersetzung von Reinhard Lüthje aus dieser CD-Edition „The Originals“ zu zitieren, weil er kurz und prägnant die Qualität dieser Einspielung beschreibt: „Klassische Klarheit und poetischer Ausdruck“. Es ist ein zupackender, strenger Brahms, die Aufnahme bietet aber auch mehr „Geheimnis“ als andere Interpretationen. Und gerade die „geheimnisvollen“ Passagen genau in der Mitte und eine Minute vor Schluss des ersten Satzes etwa machen die Aufnahme (wie ich finde) besonders hörenswert. Großartig, wie poetisch im zweiten Satz zuerst Pollini und gegen Ende das Quartett die Melodie zu „singen“ bzw. zu „deklamieren“ vermögen. Das Scherzo bleibt streng im rhythmischen Duktus und gewinnt daraus Kraft und Poesie. Geradezu sphärisch und sich schließlich fast apokalyptisch entladend ersteht die Einleitung des anmutigen Finalsatzes. Da ist wieder dieses „Geheimnis“ großer Interpretationskunst. Eine großartige Aufnahme dieses Werks!


    André Previn und das Musikvereins-Quartett (Küchl-Quartett) wählten in ihrer Einspielung aus den frühen 80ern (LP Philips 412 608-1) einen Interpretationsansatz, der den Einfluss der swingenden Jazzmusik auf Interpretationen aus dem Bereich der E-Musik nicht nur nicht leugnet, sondern geradezu auskostet. Speziell das Scherzo aus diesem Werk (oder etwa auch die bekannte „Boogie-Passage“ aus Beethovens letzter Klaviersonate) legt einen derartigen Ansatz nahe, und noch heute in Erinnerung ist mir der mit Jazzfeeling inspirierte Beginn des Scherzos mit Previn und dem die Punktierungen wesentlich schärfer als das Quartetto Italiano akzentuierenden Wiener Quartett.



    Leon Fleisher und das Emerson String Quartet spielten das Werk im Jänner 2006 in der New Yorker American Academy of Arts and Letters ein, im Umfeld einer Aufnahme auch der drei Streichquartette von Brahms durch das Emerson String Quartet (2 CDs DGG 477 6458 ). Das ganze Werk ist hier geprägt von einer weichen, musikantischen Tendenz zur Harmonisierung, zur Versöhnung. Nicht das Schroffe wird gesucht, sondern das Ausgleichende. Vor allem der erste und zweite Satz sind wie ich finde geheimnisvoller, vielschichtiger denkbar als nur so rhapsodisch dahinplätschernd wie in dieser Aufnahme. Richtig los geht es erst mit dem Scherzo, denn da swingen sie los wie Previn und das Küchl-Quartett. Auch die langsame Einleitung zum Finale gestalten sie mit großartiger Intensität, und die Anmut dieses Finalsatzes wird schön durchgehalten.


    Gespannt bin ich auf die Aufnahme mit Oleg Maisenberg und dem Hagen Quartett.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Ö 1 brachte am 16.3.2008 in seiner Matinee eine Konzertaufzeichnung aus dem Großen Musikvereinssaal in Wien vom 21.2.2008. Georges Prêtre dirigierte Anton Bruckners Symphonie Nr.8 c-Moll (die zweite Fassung aus dem Jahr 1890). Es spielten die Wiener Symphoniker. Sofort baut sich diese eigene Bruckner-Welt aus den Partikeln der Vierteln und Triolen auf, ist man mittendrin in der Entstehung dieser symphonischen Musik. Markant sind (bei jedem neuen Hören) die schneidend abfallenden Bläserpassagen beim dritten Thema anzuhören. Man ist mitten in der Natur, die sich blühend, aber vor allem auch beeindruckend gewaltig zeigt. Großartig, wie Maestro Prêtre und das Orchester große Steigerungen genauso wie lyrische Zurücknahmen zur Geltung bringen. Auch die Sogkraft und Monumentalität des Scherzos beeindrucken zutiefst. Wunderbar lyrisch das Trio! Das große halbstündige Adagio entfaltet ganz verinnerlicht und dann mit gebotener monumentaler Breite seine ganz eigene beseelte Kraft. Die Stimmungswechsel des Finales mit dem Einbezug der wichtigsten Themen der vorangegangen Sätze entfalten sich wie in einem gewaltigen Fantasy-Drama, voll elementarer Wucht. Die Wiener Symphoniker entwickeln nicht das so ganz typische herrlich blühende Klangbild der Wiener Philharmoniker, ihr Bruckner mit Maestro Georges Prêtre kann sich aber allemal hören lassen. Man spürt, sie haben alles gegeben. Es ging total unter die Haut.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Zum Thema "Fluß in der Musik" fällt mir spontan der Walzer "Donauwellen" des rumänischen Militärkapellmeisters Josif Ivanovici (1845-1902) ein (und das Lied "Isarflimmern" von Willy Michl, aber das gehört wohl in andere Foren).


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Ö 1 brachte am 7.3.2008 live aus dem Großen Musikvereinssaal eine Konzertübertragung mit dem Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung von Yutaka Sado.


    Hier meine persönlichen Eindrücke.


    Am Beginn stand Joseph Haydns Symphonie D-Dur Hob.I/86: mit Schwung und mit Herz der erste Satz, frisch auch, wie eine reizvolle, vertiefte, große Neuentdeckung, das Largo-Capriccio, „ganz wie zu Hause“ das Menuett (mit dem Hornsolo im Trio) und spritzig das Finale – eben Allegro con spirito. Kurzer Applaus nach jedem Satz – im 18. Jahrhundert wäre er eine spontane Anerkennung der Qualität gewesen, im Jahr 2008 entspricht er einer Mischung aus Höflichkeit und Fremdheit in einem klassischen Konzert.


    Zur Uraufführung von Herbert Willis Äon, dem Hornkonzert aus dem Zyklus "Montafon" (Solist: Stefan Dohr), hebt Walter Dobner für die Monatszeitschrift des Musikvereins die starke Schlagwerk- und Blechbläserbesetzung des für großes Orchester geschriebenen Werks hervor. Als einigender Gedanke wird das "Verweilen" betont, aus dem sich das "Ankommen" entwickelt. Die jazzoiden Elemente machen den ersten Satz locker durchhörbar und kurzweilig. Bunt schillernde Klangfarben prägen den zweiten Satz. Markante Zäsuren fächern immer wieder neue Welten auf. Der treibend rhythmische Duktus des Finalsatzes (eine Kadenz unterbricht diesen allerdings knapp vor dem Ende) führt letztendlich in das „fade out“ des Schlußakkords. Das Konzert dürfte für den Solisten ähnlich virtuos angelegt sein (was die Schwierigkeitsgrade betrifft) wie Friedrich Guldas Cellokonzert für dieses Soloinstrument, man meint es herauszuhören.


    Im zweiten Konzertteil bot man zwei Werke an, die Leonard Bernsteins musikalische Verarbeitung jüdischer Traditionen in den Vordergrund stellt: "Dybbuk", die Ballettsuite Nr. 2 (1974) und die Symphonie Nr. 1 "Jeremiah". Zuerst "Dybbuk": Chanon hat keine Chance, an die geliebte Leah heranzukommen, und sein Versuch, sich mit bösen Mächten zusammenzutun, endet mit einem Exorzismus, bei dem auch die Geliebte stirbt. In der Pause der Konzertübertragung sendete Ö 1 eine „Klassische Verführung“ mit Wilhelm Sinkovicz über Bernsteins Ballettsuite, aufgenommen am 5.3.2008 im RadioKulturhaus in Wien. Mit Hilfe dieser ausführlichen Einführung in das Werk (mit einigen Hörbeispielen des Orchesters) kann man dem „Geschehen“ der vier Sätze (betitelt „Messengers“, „Leah“, „Five Kabbalah Variations“ und „Dream“) um einiges leichter folgen. Die Boten versuchen zwischen den Welten zu vermitteln, das synkopisch reizvolle Porträt der weiblichen Hauptperson Leah entwirft musikalisch ein sehr schönes Charakterbild, die Variationen schildern „mit kabbalistischer Magie“ die letztlich vergeblichen Versuche Chanons an Leah heranzukommen, und der abschließende Traum rundet die Suite ab. Sie wirkt wie eine große, aber doch eigenständige Verbeugung vor den Ballettmusiken von Igor Strawinsky („Le sacre du printemps“, „Feuervogel“). Und das Orchester spielt sie mit beispielhaftem Engagement, genauso wie das letzte Werk des Abends, wieder von Bernstein.


    Eine genauere Analyse zur Symphonie Nr. 1 „Jeremiah“ von Leonard Bernstein (drei Sätze: I. Prophecy (Weissagung): Largamente – II. Profanation (Entweihung): Vivace con brio – III. Lamentation (Klage): Lento, komponiert 1942, uraufgeführt am 28. Januar 1944 in Pittsburgh), bei deren Finalsatz Angelika Kirchschlager als Solistin mitwirkt, gibt der Komponist selbst, leicht aus dem Internet "ergooglebar". Demnach macht das Werk teilweise Gebrauch von hebräischem Themenmaterial. Bernstein betont aber, weitere Anklänge seien eher eine Sache der Befindlichkeit als der Notentreue. Toll, wie man auch per Radio mitleben kann, wenn sich das Orchester in die Musik vertieft, die anfangs zwischen Mahler, Sibelius und Schostakowitsch zu schwanken scheint, ehe sie im zweiten Satz endgültig nur mehr amerikanisch sein kann, so engagiert pulsiert sich das Orchester durch den Rhythmus. Angelika Kirchschlagers Gesänge des dritten Satzes gehen sehr zu Herzen. Das Finale ist tröstlich, aber man spürt, die Probleme sind nicht gelöst, nur aufgeschoben.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Teil 13 der DIE ZEIT Klassik-Edition (Buch ISBN 3-476-02213-7, CD EMI 0094637408520) gehört dem 1942 in Mailand geborenen Pianisten Maurizio Pollini und Musik von Frederic Chopin..



    Meine musikalische Chopin-Reise mit Pollini beginnt allerdings mit dem „Klavier Kaiser“ (SZ 2004). Schließlich steht mir der Hörgenuss von Chopins Klavierkonzert Nr. 1 e-Moll op. 11 in einer Aufnahme des 18jährigen Pollini mit dem Philharmonia Orchestra unter der Leitung Paul Kletzkis bevor, und Kaisers Edition verlockt zum Vergleich mit der Liveaufnahme des Siegers beim Warschauer Klavierwettbewerb im selben Jahr 1960, mit genau diesem Werk. Kerzy Katlewicz hat dort das Warschauer Symphonieorchester dirigiert. Dieses klingt im Mono-Ton dumpf und unfreundlich, und die Orchesterexposition ist gekürzt. Das ist aber alles völlig egal, ab dem Moment, in dem Pollini zu spielen anfängt, beginnt für mich eine Sternstunde der Interpretationsgeschichte. Der junge Künstler spielt vor Nadia Boulanger, Kabalewski, Rubinstein, und er spielt vor ihnen so wie man spielt wenn es um alles geht, die großen Kantilenen des ersten Satzes selbstbewusst, unverbraucht jugendfrisch, das große, innige Gefühl musikalisch umsetzend, das alle Liebe der Welt ausmacht – ein pianistisch grandioser Poet am Klavier. Chopin soll zum zweiten Satz gesagt haben, dies sei „ein Träumen in schöner Frühlingszeit, aber bei Mondschein“. Bei Pollini kann man sich wunderbar in diese Stimmung versetzen. Der stilisierte polnische Tanz des dritten Satzes wird zu einem pianistisch fulminanten Meisterstück ausgekostet. So wie ich diese Aufnahme gehört habe, bleibt mir ein Ideal dieses Werks (vom Klavier her) in den Ohren haften.


    Die technisch viel schöner klingende Stereo-Studioaufnahme aus der DIE ZEIT Edition gibt mehr vom Orchesterspiel preis (die Einleitung erklingt hier auch vollständig), und man merkt sofort, dass ein- und derselbe Pianist spielt, zumal im selben Jahr. Er spielt allerdings weniger „konzertant“, auf jede Korrektheit der Schattierungen bedacht. Beim Anhören habe ich den Eindruck, Pollini ist sich nur zu bewusst, hiermit seine erste Plattenaufnahme mit Orchester zu machen, mit 18 Jahren, und da will er nun wirklich nichts falsch zeichnen. Das schmälert den Gesamteindruck keineswegs, er muss sich bei mir nur ab sofort mit der fulminanten Liveaufnahme aus Warschau messen, die gegenüber der nobleren, respektvollen Studioaufnahme „wie auf Leben und Tod gespielt“ wirkt. Die jugendliche Frische nimmt hier wie dort gefangen. Hätte ich nicht vorab die Liveaufnahme gehört, ich wäre sicher von der Studioaufnahme auch restlos begeistert gewesen.


    Dem Klavierkonzert folgen auf der DIE ZEIT CD Soloaufnahmen von 1968, zunächst vier Nocturnes: Nr. 4 F-Dur op.15/1, Nr. 5 Fis-Dur op. 15/2, Nr. 7 cis-Moll op. 27/1 und Nr. 8 Des-Dur op. 27/2. Pollini zeigt sich als nobler Poet mit einem hohen Maß an Selbstkontrolle. Er bewahrt stets den großen Überblick. Das sind wunderbar empfundene Interpretationen, die es nicht notwendig haben, mit besonderen interpretatorischen Freiheiten auf sich aufmerksam zu machen. Alles wirkt organisch und poetisch in sich geschlossen. Grandios etwa, wie Pollini den Mittelteil von op. 27/1 steigert und weiter gestaltet.


    Die Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23 gehört für mich zu den „Königsetappen“ des Klavierspiels. Pollini spielt auch sie mustergültig kontrolliert, wieder voll Poesie. Manchmal denke ich sie impulsiver, aber so wie Pollini sie spielt möchte ich sie ab jetzt auch nicht mehr missen.


    Eine Tendenz zur „Objektivierung“ setzt sich im nächsten Gipfelpunkt der Kompositionskunst für Klavier, der Polonaise Nr. 6 As-Dur op. 53, dem letzten Stück der CD fort. Der Schreiber hat dieses Werk am 31.5.1987 zeitversetzt im ORF gesehen und gehört – Vladimir Horowitz im Wiener Musikverein. Seither sehe ich etwa in diesem wahnwitzigen „Gewaltmarsch“-Teil mit der „kreisenden“ Linken immer Horowitz´ Hände vor mir, wenn ich diese Musik höre. Ich bewundere die Disziplin Pollinis grenzenlos, mit der er auch hier den großen Überblick bewahrt und für die in sich geschlossenen Bögen sorgt. Wunderbar, wie elegisch er etwa die lyrische Passage nach diesem „Gewaltmarsch“ entfaltet.


    Die Polonaise lässt mich nicht los. Ich bin zu neugierig, hole Pollinis Aufnahme aus dem Wiener Musikverein vom November 1975 (DGG 3 CDs 431 221-2) aus dem Regal – und staune: hier spielt er noch „korrekter“, er „buchstabiert“ das Werk geradezu. Pianistisch makellos, aber so wenig impulsiv? Warum negiert er den Musikanten in sich so eklatant? Ich kenne den Gegenpol in meiner CD-Sammlung, höre ihn mir an. Martha Argerich, Jänner 1967, Münchens Plenarsaal der Akademie der Wissenschaften (DGG 3 CDs 453 572-2) – sie entblättert ein Seelendrama, entwirft geradezu eine Opernszene, ungleich impulsiver, epischer, entfesselter als Pollini (dafür aber auch weniger poetisch). Den „Gewaltmarsch“ inszeniert sie als irren Höllenritt. Unglaublich, wie forsch und wild sie ihn angeht. So tollwütig möchte ich mich von diesem Werk aber nicht verabschieden. Eine „Königsetappe“ will königlich, majestätisch, konzertwürdig, ganz groß beendet werden. Wieder greife ich zum „Klavier Kaiser“, zu Arthur Rubinsteins legendärem Chopin Recital in Moskau 1964: das ist konzertante Größe, Leidenschaft pur. Sensationell, wie geheimnisvoll Rubinstein die lyrische Passage nach dem Irrsinnsmarsch vorbeiziehen lässt. So eine unheimliche Stimmung zaubern hier kein Pollini und keine Argerich.


    Mein Kreis um die 13. Folge der DIE ZEIT Klassik-Edition schließt sich also wie er geöffnet wurde mit dem „Klavier Kaiser“ und mit einer weiteren Sternstunde der Interpretationsgeschichte, wenn auch diesfalls nicht von Pollini gespielt.


    Das Buch zur CD wartet mit recht interessanten Gesprächen mit Pollini auf, schafft es aber, innerhalb von ein paar Seiten die Herren Paul Kletzki, Paul Kletzky und Paul Pletzki anzubieten. Diese editorische Schlamperei vermiest allerdings nicht die Gewissheit, jetzt einige sehr schöne Chopin-Aufnahmen mehr im Schrank stehen zu haben, und auch nicht die im letzten Text erwähnte interessante Aufzählung folgender Geburtstage: 5.1.1920 Arturo Benedetti Michelangeli, 5.1.1931 Alfred Brendel, 5.1.1942 Maurizio Pollini.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Hier mein persönlicher Eindruck des Fernseh-Opernabends in 3sat:


    Anmerkung zu Beginn:
    Zerbombte Staatsoper – das war doch „Il Trovatore“ (Inszenierung. István Szabó, Dirigent Zubin Mehta)…?


    Giuseppe Verdis Oper „La forza del destino“ in 3sat live aus der Wiener Staatsoper, 1.3.2008


    Ich habe Giuseppe Verdis „La forza del destino“ erstmals am 15.4.1989 gehört. An diesem Tag wurde im Radisender Ö 1 die Aufzeichnung der Premiere der Wiener Staatsoper vom 9.4.1989 gesendet. Dirigent war damals Garcia Navarro. Eva Marton sang die Leonora, Peter Dvorsky den Alvaro, Renato Bruson den Don Carlos und Stefania Toczyska die Preziosilla. Mich nahm Verdis Psychologie der musikalischen Personencharakteristik sofort gefangen. Am 10.12.1989 konnte ich die Inszenierung von Giancarlo del Monaco (mit einem über dem Geschehen schwebenden Sargdeckel) auch in der Oper selbst erstmals sehen. Diesmal war Pinchas Steinberg der Dirigent, statt Eva Marton sang Anna Tomowa-Sintow, statt Peter Dvorsky Lando Bartolini, statt Renato Bruson Leo Nucci. Nun hat also diese Inszenierung ausgedient, die Opernpremiere, live in ORF und 3sat, bescherte uns unter der musikalischen Leitung von Zubin Mehta eine Neuinszenierung von David Pountney.


    Für mich offenbarte der Fernseh-Opernabend einmal mehr die Größe des Operndramatikers Giuseppe Verdi, sein Genie, das die Gefühle der Hauptpersonen herzergreifend mitvollziehbar macht: eine letztlich durch das Schicksal eines ungewollten, tödlichen Schusses endgültig unerfüllbare Liebe, die Verinnerlichung des Schmerzes der weiblichen Hauptperson Leonora mit dem Rückzug in ein Männerkloster, die unbremsbare Rachsucht ihres verbitterten Bruders Don Carlos, der eigentlich nur liebende, Verständnis suchende und doch (zumindest für die Außenwelt so da stehende) zweifache Mörder Alvaro, der als einziger dieser Hauptpersonen überlebt, von dem man aber annehmen muss, dass ihn das Trauma dieser Geschichte nicht mehr loslassen wird – auch an diesem Opernabend ging mir das Schicksal vor allem von Leonora und Alvaro sehr zu Herzen. Im ersten und zweiten Akt ist es eine Leonora-Oper, ehe die Beziehung zwischen Alvaro und Don Carlos zwischen Freundschaft in Kriegszeit und Herausforderung zum Rachekampf in den Mittelpunkt gerückt wird, bis die nunmehrige Einsiedlerin Leonora mit einer weiteren psychologisch unglaublich eindringlichen Arie ins Werk zurückkommt und das Geschehen den schlimmstmöglichen Verlauf nimmt (der Liebende siegt im von ihm ungewollten Duell gegen den Rächer, und eben dieser ermordet dann im Sterben die Schwester).


    Die Tragik, die Dramatik, die kompositorische Kraft auch der Szenen des Pförtners Bruder Melitone und des Priors Pater Guardian sowie der Ensembleszenen rund um die Zigeunerin Preziosilla blieben evident. Verdis Werk kann man nicht kaputt machen. Dafür sorgt schon einmal Zubin Mehta mit dem souverän aufspielenden Staatsopernorchester. Dafür sorgen auch die hörbar an Wagner-Rollen geschulte Leonora der Nina Stemme, der grimmig auf seine Rache konzentrierte Don Carlos des Carlos Alvarez, der (nach meinem Empfinden) mehr mit seiner zu Herzen gehenden Tenorstimme als durch seine Darstellung bewegende Alvaro von Salvatore Licitra, Alastair Miles als Vater von Leonora und Don Carlos wie auch als Pater Guardian, die hörbar nervöse und doch wie ich finde sich sehr engagiert ins Regiekonzept einfügende Preziosilla der Nadia Krasteva sowie Tiziano Bracci, der dem Melitone genauso wie Miles seinen Rollen doch auch Profil zu geben vermag. Die Buhrufe für Miles und Licitra konnte ich nicht recht nachvollziehen.


    Friedenszeit mit Aufbruch der unlösbaren Schicksalssituation in Akt 1 und 2, Kriegszeit mit dem schrecklichen Ende in Akt 3 und 4. Eine drehbare leichte Schräge mit einem Eingangstor am oberen Ende vor dunklem Hintergrund (in der Gelübdeszene dreidimensional zu einem Kreuz erweitert) ist der Dreh- und Angelpunkt der Bühne von Richard Hudson von Anfang bis Ende, nach der Pause (Akte 3 und 4) umgeben Gittergerüste diese Schräge, sie verdichten die Situationen zur Kriegszeit mit Hilfe der Drehbühne und mit Bildprojektionen doch auch über das Fernsehen zu einigen starken Momenten. Irgendwo hat mich das an „Les Miserables“ erinnert, und die Cowgirls rund um Preziosilla würde man auch eher in einem Musical vermuten. Sie geben der Regiearbeit zumindest eine markante Note. Am Ende der Rataplanszene fällt eine Bombe. In einem echten Musical wäre dieser „Effekt“ wohl wesentlich spektakulärer inszeniert worden. Das Requisit eines billigen Krankenhausbetts auf der Schräge verstärkt die bewusste Sterilität der Szenerie. Zu Beginn des 3. Akts hat Alvaro darauf einen Fiebertraum (zum wunderbar verinnerlichten Instrumentalvorspiel vor seiner Arie). Bei Giancarlo del Monaco hing oben wie bereits erwähnt ein Sargdeckel, bei Pountney hängen oben (nach der Pause) Tote. Ich fand einige dieser Regieeinfälle etwas zu bewusst mutwillig.


    Das Werk klingt ganz still aus. Sehr schön fand ich, wie dann Zubin Mehta gezeigt wurde. Erst als er die Arme sinken ließ, begann das Publikum zu applaudieren. Diese Sensibilität erlebt man nicht immer.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Ö 1 brachte am 28.2.2008 eine Aufzeichnung vom 1.2.2008 aus dem Mozarteum in Salzburg, aufgenommen im Rahmen der "Mozartwoche Salzburg 2008". Das Hagen Quartett umrahmte Werke von Widmann und Weber mit zwei der großen Streichquartette von Mozart.


    Wolfgang Amadeus Mozarts Streichquartett D-Dur KV 499, es trägt den Populartitel Hoffmeister Quartett, eröffnete das Konzert. Das Hagen Quintett musiziert filigran, feingliedrig, bis in kleinste Details nuanciert – eine „kalkulierte“ und gleichwohl faszinierend „musikalische“ Interpretation. Das wird etwa in der Durchführung ganz deutlich, in der sich das Geschehen dramatisch intensiviert. Das Menuett atmet tänzerische Leichtigkeit bei anhaltender höchster filigraner Konzentration. Wunderbar intensiv nimmt uns das Quartett in den nun folgenden Adagiosatz mit. Das ist innige Liebe in Musik! Im Finale kosten es die vier aus, wenn sie con brio loslegen können, unheimlich perfekt aufeinander abgestimmt.


    Jörg Widmanns 2. Streichquartett, das 2003 komponierte "Choralquartett", (im Internet findet sich eine Einführung des Komponisten dazu bei einer Konzertankündigung, 16.7.2005, Herrenhaus Edenkoben, Leipziger Streichquartett) ist ein 18 Minuten langer langsamer Satz. Widmann versucht, die Eindringlichkeit von Haydns "Sieben letzten Worten" weiter zu führen, in seiner eigenen Klangsprache. Diese Musik ist ungemein spannend anzuhören. Da bieten sich schon auch Horrorfilm-Assoziationen an, so wie die „Schockelemente“ eingesetzt werden. Man kann sich nirgendwo festhalten. Die Musik springt von einer Überraschung in die nächste. Dabei gelingen Widmann irisierend intensive Klangbilder. Es versteht sich, dass das Hagen Quartett die Hochspannung die ganzen 18 Minuten Spieldauer zu wahren versteht – man kommt sich vor wie mitten im Fegefeuer.


    Anton Weberns 12 Minuten lange Fünf Sätze op. 5 für Streichquartett, 1909 komponierte verknappte Tondichtungen, sorgten 1922 für einen Skandal bei den Salzburger Festspielen. Davon ist ein Kammermusikpublikum des beginnen 21. Jahrhunderts weit entfernt. Am 9.1.2008 hatte das Belcea Quartett im Konzertsaal des Tiroler Landeskonservatoriums dieses Werk übrigens ebenfalls, sogar direkt nach Mozarts KV 499, aufgeführt. Und jetzt das Hagen Quartett? Unglaublich intensiv führt es uns durch diese 12 Minuten – man hält den Atem an. Fast schon beängstigend geballte Geschlossenheit prägt das Spiel. Von Skandal natürlich keine Spur mehr..


    Mozarts Streichquartett D-Dur KV 575, das "1. Preußische Quartett", wirkt nach diesen 30 Minuten (Widmann und Webern) wirklich in bestem Sinn erholsam, als wäre man mit Haut und Haar durchs Fegefeuer gegangen und hätte nun keine Anstrengungen mehr, dürfe sich der schönst möglichen, weiterhin großartig erbaulichen Musik erfreuen. Die Konzentration bleibt bis in winzigste Verästelungen angespannt, aber die Musik selbst verströmt eine beseelte Freundlichkeit (und im Finale ganz besondere kompositorische Finesse), die einmal mehr den Hörer über das Genie Mozart nur stauen lässt.


    Im Ö 1 Programm auf der Homepage des Senders angekündigt, aber nicht gesendet wurde eine offenbar vom Hagen Quartett gegebene Zugabe, ein Ausschnitt aus Antonin Dvoraks Zypressen WoO Burghauser Verz.152, die Nr.1 (Moderato - Ich weiß, daß meiner Lieb' zu dir).


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Valerie und Ann-Kathrin Schmelter konzertierten im Pollinger Bibliothekssaal, 15.2.2008


    Der prachtvolle Bibliothekssaal des Klosters in Polling ist ein idealer Ort für Kammermusikkonzerte. Einziger Nachteil: Wer allein mit der Bahn anreist und/oder nicht Auto fährt, muss nach dem Konzert eine Mitfahrgelegenheit suchen, ein Taxi buchen oder die 4 Kilometer nach Weilheim nachts zurück laufen.


    Das junge Geschwisterpaar Ann-Kathrin (17) und Valerie (14) Schmelter hat schon einige Preise gewonnen, und die beiden spielen musikalisch und musikantisch und virtuos und mit Herz Klavier, dass es nur so eine Freude ist. Sie haben sich zugkräftige Schmankerln aus der Literatur für ein Klavier vierhändig und für zwei Klaviere ausgesucht, und sie stellen sich auch solistisch vor.


    Das linke Klavier, das Hauptklavier, auf dem alle vierhändigen Stücke sowie die Solobeiträge gespielt werden, ist ein Steinway, das rechte ein Bösendorfer.


    Die beiden legen los mit Danse Espagnole Nr. 1 extrait de „La Vie brève“ von Manuel de Falla. Die jüngere Schwester Valerie spielt oben. Ein schmissiger Auftakt, der spanisches Flair in den Saal zaubert. Valerie fegt bei der Ètude Nr. 2 aus „15 Ètudes de Virtuosité“ op. 72 von Moritz Moszkowski über die Tasten, dass man aus dem Staunen ob so viel virtuoser Selbstverständlichkeit nicht heraus kommt. Bei Franz Schuberts Variationen über ein französisches Lied op. 10 D 624 spielt die jüngere Valerie unten – Eintauchen in Schuberts Variationswelt, die immer ewiger wird, wunderbar musikantisch und musikalisch nuanciert, dazu souverän virtuos gespielt! Die beiden zeigen sich bereits als echte Profis, ohne je auch nur den Anflug gedrillter Frühkarrierieristengier zu erwecken. Ann-Kathrin schält aus den Klangwogen des Un sospiro von Franz Liszt herrlich poetisch das Thema heraus. In die Pause führen die beiden, erstmals an zwei Klavieren, Ann-Kathrin am Steinway, mit einem „Tophit“ der Literatur für zwei Klaviere vierhändig: Scaramouche pour deux pianos von Darius Milhaud. Diese spritzige Musik ist dreisätzig aufgebaut, wie eine Sonatine. Ein ruhiger Satz wird von zwei raschen eingerahmt. Da legen die beiden rhythmisch los, dass sich der Schreiber an die 80er Jahre in Wien erinnert, als Roland Batik und Paul Gulda ihre unvergesslichen Duokonzerte gegeben haben. (Ob die Schmelter Schwestern über solche Rhythmen wie bei Milhaud auch improvisieren? Zuzutrauen wäre es ihnen.)


    Im Oktober 2007 waren die beiden im Münchner Circus Krone bei Kinderkonzerten des Münchner Rundfunkorchesters mit dem „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns dabei. Dirigiert hat Marko Letonja, Erzähler war Konstantin Wecker. Die Aufnahme erschien im Februar 2008 auch auf CD.



    Im Bibliothekssaal in Polling spielen sie eine Fassung für ein Klavier vierhändig, Valerie wieder unten. Mit Bravour ersetzt das Geschwisterpaar dabei das ganze Orchester und lässt die musikalischen (hier vor allem tierischen) Funken sprühen. Man kann es Valerie Schmelter wohl nicht vorwerfen, dass sie Franz Schuberts Impromptu Nr. 2 Es-Dur op. 90 D 899 wie eine perfekt einstudierte Etüde souveränisiert. Was in diesem Stück an psychologischer Tiefe steckt, wird sich ihrer Interpretation im Lauf der Jahre ganz sicher auch noch erschließen. Ann-Kathrin ist schon drei Jahre älter (und pianistisch erwachsener), das hört man bei Felix Mendelssohn-Bartholdys Variations sérieuses op. 54 – ein konzertreifer Vortrag im besten Sinn der Bedeutung. Sinnvolles Finale eines solchen Abends sind die Variationen über ein Thema von Paganini für zwei Klaviere von Witold Lutoslawski. Generationen von Komponisten, von Brahms über Rachmaninow bis zu Andrew Lloyd Webber, haben dieses berühmte Thema variiert, und Lutoslawskis etwa fünf Minuten machen einen großteils irrwitzig virtuosen, schalkhaften Abräumer daraus.


    Die beschwingte Zugabe, „Ankunft der Königin von Saba“ aus „Salomo“ von Georg Friedrich Händel, wieder an einem Klavier gespielt (Valerie unten) beschließt einen pianistisch wie herzlich großartigen Abend. Von diesem Geschwisterpaar ist einiges zu erwarten, vielleicht so Großes wie von den Labeques oder Pekinels.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Die erste Folge der neuen TV Show „Chamber Music Kill“ führt zu heftigen Kontroversen unter den Zuschauern. Es haben sich drei Fraktionen gebildet, die völlig unterschiedliche, offenbar nicht kompatible Standpunkte vertreten.


    Ursache der Aufregung ist die Aufführung eines Todes-Streichquartetts, an dessen Ende vier Zuschauer aus dem Publikum im Münchner Herkulessaal, dem Ort der Liveübertragung, erschossen wurden. Jeder der überlebenden Zuschauer hingegen erhielt beim Verlassen des Saals 1000 Euro Bargeld, gespendet von den Sponsoren der Sendung. Die Teilnahmebedingungen und somit das Risiko waren allen Zuschauern bekannt. Die Sendung war trotz dieser Voraussetzung mehrfach überbucht. Die Senderverantwortlichen betonten, jedem Zuschauer eindringlich die Gefahren der Teilnahme klargemacht zu haben.


    Zum Schlussakkord des Werks tauschten die vier Mitwirkenden wie geplant ihre Bögen gegen Schusswaffen aus, und jeder gab einen Schuss mitten ins Publikum ab. Die derart Ermordeten erhalten in den nächsten Tagen spezielle Gedenksendungen, in denen ihre Schicksale aufgerollt werden. Die DVD mit der kompletten Show und vielen Extras wird in einem Monat auf den Markt kommen, das PC Game zur Show ist bereits erhältlich.


    Die erste, besonders militante Zuschauergruppe lehnt Fernsehformate dieser Art strikt ab, sie betont, das habe nichts mit Musik zu tun, damit schade der Sender dem Image der Kammermusik. Man will alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, die für nächste Woche geplante zweite Folge, in der ein Bläserquintett zum Einsatz kommen soll, zu verhindern. Führende Vertreter dieser Fraktion kommen aus dem Tamino Klassikforum, welches sich mittlerweile als letzte Bastion im Kampf um die hehre Klassik sieht.


    Die zweite Gruppe sieht durch die Sendung den Marktwert der Kammermusik gesteigert und nimmt die Todesfälle in Kauf. Man argumentiert, mit den Einnahmen der Show könnten Jugendarbeit, Aufnahmen und Konzerte ohne Todesfolgen erheblich leichter finanziert werden. Drei Sponsoren haben sich bereits mit großzügigen diesbezüglichen Angeboten zu Wort gemeldet.


    Der dritten Fraktion ist Kammermusik egal, sie schaut täglich fern "und nimmt kritiklos an, was sie vor die Glotze kriegt“ (so ein Vertreter der ersten Gruppe). Es ist die zahlenmäßig bei weitem größte, aktivistisch aber inaktivste Gruppe.


    Mit der Ausstrahlung der ersten Folge von „Chamber Music Kill“ stieg der Umsatz von Kammermusikveröffentlichungen sofort um 500 Prozent. Die Ersteinspielung des Todes-Streichquartetts (erhältlich ist auch eine Special Edition mit Schusswaffe) stieg von 0 auf Platz 2 in den Charts ein.


    Derzeit stehen einander die Fraktionen 1 und 2 unversöhnlich gegenüber. Ein Vertreter der Fraktion 3 meinte in einem Boulevardmagazin dazu: „Da fliegen die Fetzen. Das schau ich mir an.“


    Ich bin ein Tamino. Holt mich hier raus.

    Vorausschickend möchte ich anmerken, dass ich ein Typ bin, der sich Kunst grundsätzlich lieber emotional als intellektuell nähert. Ich halte zum Beispiel im Sinne der Komponisten völlig verfehlte Interpretationen (so sie denn schlüssig zu solchen erkoren werden, Beispiel Tschaikowsky „Pathetique“ DGG mit Leonard Bernstein) für dann trotzdem authentisch, wenn ich das Gefühl habe, es liegt Herzblut in der Angelegenheit, das grundehrliche Bemühen um Authentizität des künstlerischen Augenblicks. Die Interpretation mag dann „falsch“ sein, ich erlaube mir trotzdem sie zu lieben. (Und lese gern im Tamino Klassikforum nach, welche Aufnahmen ich kennen lernen sollte, um Tschaikowskys „Pathetique“ zu hören.)


    Als zweiten Aspekt möchte ich (sehr persönlich) anführen, dass mir für Normalbürger völlig unverständliche Handlungsweisen wie das Hinschmeißen von sich (bei Kleiber) als einmalig abzeichnenden Projekten im letzten Augenblick nicht fremd sind, ich also die Psychosen von Carlos Kleiber als durchaus schlüssig das Gesamtbild ergänzenden Mosaikstein betrachte.


    Ich „verschlinge“ das Buch, bin aber erst ungefähr bei der Hälfte. Alexander Werner fächert das Leben von den Stationen des künstlerischen Wirkens her auf, er zitiert ausführlich Kommentare von Mitwirkenden und Pressestimmen dazu, und Privates sowie allgemein die Person Charakterisierendes wird zwischendurch eingeflochten.


    Vieles beim Dirigenten Kleiber erinnert mich an das, was ich über den Dirigenten Gustav Mahler gelesen habe: alles dem Werk unterordnen, die bestmögliche Interpretation bieten, kaum Kompromißbereitschaft zeigen. (Mahler war allerdings wohl ungleich belastbarer als der übersensible Kleiber.)


    Ich habe kein Problem mit „Fan-Büchern“ wie diesem, obwohl es natürlich auch immens spannend wäre, eine „objektivere“, „außenstehendere“ Sichtweise kennen zu lernen (aber bitte kein „Schmutzwäschewaschen“). Habe Carlos Kleiber (leider nur) zweimal live erlebt, 1991 im Wiener Musikverein mit den Wiener Philharmonikern (Mozart KV 425 und Brahms Zweite) und 1994 in der Wiener Staatsoper („Rosenkavalier“), der Rest ist Fernseh-, Radio-, CD- und DVD-geprägt. Mir persönlich bleiben vor allem die Live-Erlebnisse fürs Leben unvergesslich. Die Intensität und den Klangfarbenreichtum habe ich immer noch und immer wieder im Ohr.


    Kleiber hatte wohl innerlich ein weit größeres Repertoire als das, was er vor allem seit Anfang der 70er tatsächlich dirigiert hat. Liest man die Abschnitte über seine frühen Jahre vor allem als Korrepetitor und junger Kapellmeister, wünscht man sich natürlich umso mehr, auch in späteren Jahren Werke wie die dort genannten jemals mit Carlos Kleiber am Pult gehört zu haben.


    Ich finde, Alexander Werners Buch, in all seiner Subjektivität und Leidenschaft, bietet zumindest einmal einen ziemlich umfassenden ersten Anhaltspunkt, dieser einmaligen künstlerischen Gestalt näher zu kommen. Ich gebe Edwin Baumgartner recht in der Einschätzung von Kleibers Bedeutung als Dirigent. Was MIR aber bleibt, sind unvergessliche, einmalige, mein musikalisches Leben wie nur ganz weniges andere bereichert habende nachschöpferische Bild- und Tondokumente und Konzerterinnerungen.


    Und ab jetzt kann ich mich zum Beispiel ins Stuttgart des Jahres 1972 hineinversetzen und mir einbilden, dort einen „Otello“, von Carlos Kleiber dirigiert, zu hören. Oder mich als Probenkiebitz zwischen München und Wien wähnen, genährt durch unzählige Anekdoten. Oder (meinethalben) mir Gedanken machen über das Verhältnis Carlos Kleibers mit Lucia Popp, das im Buch auch erwähnt wird…


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Diese Woche auf Bayern 4 Klassik:
    15:03 Pour le Piano - Tastenspiele
    Komponierende Pianisten - klavierspielende Komponisten
    Darin: unbekanntere Aufnahmen, etwa diese:


    Heute (Montag 17.12.):
    Leonard Bernstein
    Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert C-dur, KV 503 (Israel Philharmonic Orchestra)


    Mittwoch (19.12.):
    Kurt Leimer
    Kurt Leimer: Klavierkonzert Nr. 4 (Philharmonia Orchestra London: Herbert von Karajan)


    Donnerstag (20.12.):
    Friedrich Gulda
    Wolfgang Amadeus Mozart: Konzert-Rondo A-dur, KV 386 (Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Leopold Hager)


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Am 14.12.2007 sendete Ö 1 eine Live-Übertragung aus dem Großen Konzerthaussaal in Wien. Das Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung seines Chefdirigenten Bertrand de Billy spielte Gustav Mahlers Symphonie Nr. 6 a-Moll, die „Tragische“.


    Mir gefallen am besten die „total gelebten“ Interpretationen. Das ist wieder so eine. Großartig intensiv, ganz am Anschlag – unbarmherzig und direkt zieht der Marsch vorbei, und im Überschwang der Gefühle macht Mahler seiner Alma mehrmals das große Liebesgeständnis. In der Durchführung heben wir ab in ein irrlichterndes Grenzgebiet des Seins. Die Coda des ersten Satzes intensiviert das Geschehen noch einmal heftig. Der langsame Satz steht an diesem Abend an zweiter Stelle. Ganz tief tauchen sie in den Seelentraum ein. Dabei erblüht so manche scheinbar verborgene Blüte. Im dritten Satz besticht der Wechsel zwischen dramatisch treibenden und tänzerisch zurückgenommenen Passagen. Mögliche Effekte werden bei de Billy voll ausgekostet, in jeder Äußerlichkeit steckt aber auch bittere Ironie. Das ist ein spukhafter Reigen, wie aus dem Wiener Prater. Und ein Rabbi wägt nahe dem Ringelspiel ab, wie er entscheiden soll. Und dann „total rein“ in das Kaleidoskop des halbstündigen Finalsatzes, diesmal mit drei Hammerschlägen. De Billy baut Spannungen ungemein intensiv auf. Das ist eine der großen Stärken dieses Konzerts. Die Musik wirkt „theatralisch“ im besten Sinn. Eine packende, hochdramatische Mahler „Sechste“, von ungeheurer Wucht, bis zum endgültigen Niederschlag am Ende.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Vier kammermusikalische Werke von Robert Schumann mit dem Hagen Quartett – eine ganz eigene Reise, gezeichnet von einer faszinierenden Unbedingtheit. „Vorbereitet“ habe ich mich in den Monaten davor mit Streichquartetten von Haydn, Mozart, Schubert und Mendelssohn, und die ersten drei der Genannten klingen wohl vertraut durch. Das Reizvolle ist nun aber, wie Schumann versucht (und es ihm gelingt), seine ganz eigene Musiksprache auf die kammermusikalischen Werke zu übertragen.




    Energisch zupackend, aber total kontrolliert – so erlebe ich den Beginn von Robert Schumanns knapp halbstündigem Klavierquintett Es-Dur op. 44, kurz nach den drei Streichquartetten op. 41 so wie diese im Jahr 1842 entstanden, aufgenommen vom Hagen Quartett und Paul Gulda im September 1994 im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses (CD DGG 447 111-2). Der Sonatensatz setzt sich dann eher schwärmerisch fort. Der zweite Satz ist für mich ein ganz großartiger Satz, magisch-unheimlich, „wie ein Trauermarsch von Schubert“, in den flotteren Passagen wieder energisch, aber immer ganz bewusst im Sinne stets durchhörbarer strenger Kontrolliertheit gespielt. (Johannes Roehl findet für die Trauermarschabschnitte, vom Hagen Quartett gespielt, das wie ich finde genau richtige Wort „fahl“. Danke!) Folgt man Pius´ Vorschlägen zum strukturierten Hören, also dem Aufbau A-B-A-C-A-B-A (Dank auch an Pius!), wird in dieser Interpretation der erste B-Teil zu einem eigenen Höhepunkt innerhalb des Gesamtgefüges. Das Hagen Quartett erzeugt hier eine Stimmung wie bei Philip Glass, Arvo Pärt oder anderen ganz in sich ruhenden, meditativen Stücken. Das energische Moment gibt auch dem dritten und vierten Satz Farbe. Zauberisch, wie im Glashaus, wie bei einem Glasperlenspiel, geht es für mich beim ersten Trio des dritten Satzes zu. Das ist einfach grandios, wie in der vorhin beschriebenen Passage des zweiten Satzes – kompositorisch wie von der Interpretation her. Als zweites Trio gibt es nahezu einen Hexentanz, das könnte aber auch ein Elfentanz sein. Selbst im sehr inspirierten Finale, das voller Überraschungen steckt (allein dieses Finale ist ein Meisterwerk für sich!), bleiben die fünf Musizierenden lieber ernst und unheimlich unterwegs, auch ironisch, aber „nur ungern“ musikantisch heiter. Ich höre hier keine „Hausmusikanten“, sondern die höchste Stufe musikalischer Präzision und Unbedingtheit bei glasklar durchhörbarer Stimmführung.


    Im Streichquartett a-Moll op. 41 Nr. 1, knapp 25 Minuten lang, auch in der Session vom September 1994 aufgenommen und die genannte CD ergänzend, überrascht mich das Hagen Quartett (das heißt es überrascht mich nicht, weil ich andere Aufnahmen von ihm kenne, es überrascht aber doch, weil ich so diese Streichquartettmusik klanglich „neu“ höre) wieder mit Präzision, genauer Nuancierung und eben jener Unbedingtheit. Und Robert Schumann überrascht mich als Streichquartettkomponist, „der es kann – und wie“! Dem Sonatensatz des Beginns (langsame Einleitung a-Moll, Hauptsatz F-Dur!) folgen ein Scherzo (mit einem Intermezzo statt Trio) und im dritten Satz vor allem eine breite Kantilene voller Gefühlsintensität, wie in den langsamen Sätzen von Schumanns 2. und Beethovens 9. Symphonie. Virtuos-kunstvoll ist das Finale komponiert.


    Zwei weitere Sessions runden die Schumann-Aufnahmen des Hagen Quartetts ab (CD DGG 449 214-2). Im Jänner und Februar 1995 nahm man im Großen Saal des Mozarteums in Salzburg das knapp über 20 Minuten lange Streichquartett F-Dur op. 41 Nr. 2 auf. Den ersten Satz beherrscht ein schwärmerischer Grundton. Der zweite hingegen ist ein Andante, quasi Variazioni. Das Presto-Scherzo gibt sich tänzerisch-freundlich, und als Finale erfreut mich ein spritziges Allegro molto vivace.


    Im Rittersaal von Schloss Rapperswil wurde im April 1995 das Streichquartett A-Dur op. 41 Nr. 3 aufgenommen. Mich hat dieses Werk kompositorisch am schönsten überrascht. Das ist wirklich fast 28 Minuten kurzweilige Musik vom Feinsten! Ein Werk voller reizvoller Wendungen, in jedem Satz! (Lagenwechsel macht schön auf Details aufmerksam! Dank auch hier!) Der erste Satz beginnt mit einem kurzen Andante espressivo, mit einer fallenden Quint, und mit dieser geht es auch in den Hauptsatz – staunenswert impulsive Musik! Der zweite Satz beginnt Assai agitato und endet mit einem Tempo risoluto. Dicht komponierte Musik bietet dann das Adagio molto des dritten Satzes. Im Finale packt das Hagen Quartett die rasch treibenden Passagen genauso ernsthaft an wie die tänzerisch anmutenden. Insgesamt besticht es mit Klangreinheit, leidenschaftlicher Energie, stets großem Überblick und großartiger Nuancierungskunst selbst in winzigsten Details.


    Ich konnte in diesen fast zwei Stunden Schumann-Hörerfahrung mit dem Hagen Quartett und Paul Gulda in eine ganz eigene Welt eintauchen, zwischen extremer Präzision und irisierenden klanglichen Entdeckungen. Finde übrigens auch die Auswahl der Covermotive aus Gemälden von Caspar David Friedrich sehr gelungen „als optischen Anreiz“ für diese Musik.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Im Frühjahr 2007 dirigierte Mariss Jansons Gustav Mahlers Symphonie Nr. 1 D-Dur "Der Titan" nicht nur in München, sondern auch am 10., 11. und 12.5.2007 in der Berliner Philharmonie (lohengrins hat im Thread über besuchte Konzerte dazu auch etwas geschrieben). Sie folgte der bunt im Jahrmarktstreiben schillernden „Petruschka“ Suite von Igor Strawinsky. Bayern 4 Klassik brachte am 30.11.2007 eine Aufzeichnung vom 12.5.2007.
    Wolfgang Fuhrmann schrieb im Berliner Kurier von "einer Aufführung von Mahlers Erster, die zum Begeisterndsten gehört, was von den Berliner Philharmonikern in den letzten Jahren zu hören war".
    Mein Radio-Höreindruck: Jansons ist „ganz drin“ in der Musik. Man lebt sie mit, im Sonnenaufgang genauso wie im Bauerntanz, im skurrilen Trauermarsch und am breiten Weg zum siegreichen Finale. In Berlin so intensiv wie in München!


    Herzlicher Gruß
    Alexander


    Nach einer „unsterblich schönen“ Musikerfahrung im Konzertsaal (Hagen Quartett und Jörg Widmann, Herkulessaal München, 29.11.2007) bestätigt sich zu Hause der erste Eindruck: Mozarts Klarinettenquintett A-Dur KV 581 aus dem Jahr 1789 ist ein wunderbar abgeklärter Trost in Musik, eines der für mich ganz, ganz großen Werke der Musikliteratur, eines der Wunder der Geschichte. Wenn es einen Himmel gibt, dann bitte mit dieser Musik! Das viersätzige Werk beginnt mit einem Sonatensatz, dann folgt ein Larghetto, an dritter Stelle steht ein Menuett mit zwei Trios (davon das erste ohne Klarinette), und als Finale hören wir einen wunderbaren Variationssatz. Ich kann bei dieser Musik von Anfang bis Ende nur staunen. Gegenüber dem soeben erlebten Höreindruck mit dem Hagen Quartett des Jahres 2007 wirkt die Aufnahme vom Juni 1987 aus dem Sendesaal des Deutschlandfunks in Köln, damals noch mit Annette Bik an der zweiten Violine und mit Eduard Brunner, dem Soloklarinettisten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, sogar noch inniger, persönlicher, intimer.


    Das zweite Werk der CD (DGG 419 600-2), Carl Maria von Webers Klarinettenquintett B-Dur op. 34 von 1815, hat ebenfalls vier Sätze. Es ist viel konzertanter als Mozarts Werk. Der erste Satz kommt heiter-musikantisch daher. Der zweite ist wie bei Mozart eine wunderbar verinnerlichte Fantasia. Dem „buffo-artigen“ Menuetto folgt der Galopp des Finalsatzes. Eduard Brunner und das Hagen Quartett geben Weber dieselbe Ernsthaftigkeit der liebevoll-präzisen Gestaltung wie bei Mozart. Wunderbare Kammermusik!


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Das Hagen Quartett und Jörg Widmann im Herkulessaal der Residenz (München), 29.11.2007


    Das Faszinierende am Hagen Quartett ist die kalkulierte Distanz bei gleichzeitig irisierend intensiv gestalteter Musik. Nichts ist spontan, alles bewusst und gewollt, technisch perfekt, bis in winzigste Nuancen einstudiert. Gar nichts wird dem Zufall überlassen. Ernst und unbarmherzig wird musiziert. Geschlossen innig bleibt das Lento assai e cantante tranquillo, der dritte Satz des ersten Werkes, Ludwig van Beethovens Streichquartett Nr. 16 F-Dur op. 135, gleichwohl. Das macht die Kraft der Musik und das erlesene Niveau der Mitwirkenden. Glasklar differenziert heben sich die vier Streicherstimmen gerne voneinander ab, finden sie sich am heftigsten, ja brutalsten, in der Ostinato-Passage des zweiten, des Vivace-Satzes zusammen. Beethovens letztes Streichquartett, sonst vielfach versöhnlicher Abschluss, markiert in diesem Konzert den sehr ernst genommen werden wollenden Auftakt zu einem außergewöhnlichen Konzertprogramm.


    Der 1973 geborene Münchner Jörg Widmann kommt vor der Pause als Komponist, danach als Klarinettist auf die Bühne. Sein 3. Streichquartett aus dem Jahr 2003 nennt sich „Jagdquartett“. Es beginnt mit einem allgemeinen Jagdruf der vier Mitwirkenden und besticht durch die grandios ausgespielte Zwischenwelt zwischen Jägern und Gejagten. Die Musik macht es möglich – das fulminant aufspielende Hagen Quartett gibt gleichzeitig Verfolger und Verfolgte. Eine extrem spannende Steigerung mittendrin mündet in einem Aufschrei. Beängstigend perfekt stürzen sich die vier in dieses unbarmherzige Geschehen. Hören wir gehetzte Verfolgte oder die Anfeuerung der Jäger? Der Cellist Clemens Hagen schafft es nicht mehr. Er sinkt zum bitteren Ende erlegt in seinen Stuhl. Dieses Stück ist ein „Hit“, auch der Komponist wird heftig in den herzlichen bis begeisterten Applaus einbezogen.


    Nach der Pause ist er als Klarinettist dabei. Es gibt das Quintett für Klarinette und Streichquartett A-Dur KV 581, das „Stadlerquintett“ von Wolfgang Amadeus Mozart aus dem Jahr 1789. Vom ersten bis zum letzten Ton tut sich da Musik wie direkt vom Himmel auf. Das ist Trost und Friede, innige Harmonie voller Weisheit und Güte, überirdische musikalische Liebe, in die wunderbarsten Töne gefasst. Der Musikant Widmann sitzt inmitten des mit großartiger Geschlossenheit mitziehenden Hagen Quartetts, und es zählt nichts anderes als die unsterbliche Musik Mozarts. Diese Musik sucht keinen heftigen Applaus, trotz des heiter-freundlichen Ausklangs im herrlichen Variationssatz des Finales. Sie erwirkt mehr nach innen gekehrte Dankbarkeit, die sicher jede/r aus dem Herkulessaal nach Hause mitnimmt. Schon gar nicht schielt sie nach Zugaben. Das Konzert begann um 20 Uhr, um 22 Uhr ist es zu Ende. Genau so wie es sein soll. Irgendwie wie im Himmel.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Rafal Blechacz stellte am 23.11.2007 nicht nur als Synergieeffekt eine Chopin-CD im Herkulessaal der Münchner Residenz in Form eines Konzerts vor. Er bewies gleichzeitig, dass er eine außergewöhnliche Begabung aufweist und von ihm noch viel zu erwarten ist.


    Live ist ja dann doch vieles anders. Hat man die 24 Préludes op. 28 von Frédéric Chopin von CD gehört und erlebt man dann den jungen Pianisten, der vor zwei Jahren den Warschauer Klavierwettbewerb so souverän gewonnen hat, dass kein zweiter Preis vergeben wurde, im Konzertsaal, staunt man zwar hier wie dort über den großartig gespannten großen Bogen und das klassisch-empfindsame, souveräne Klavierspiel, über die Selbstverständlichkeit, die nicht höchste erreichbare pianistische Stufe sein kann, sondern allenfalls einer von vielen Aspekten großer Meisterschaft, hat man nun aber auch einen echten Konzertpianisten vor sich, der die Musik aus dem Steinway-Flügel wie aus dem Augenblick heraus, einfach durch die Kraft der pianistischen Persönlichkeit, entfaltet. Was von CD disziplinierter wirkt, kommt im Saal herrlich konzertant zur Geltung.


    Die beiden Nocturnes op. 62 – auch der zweite Teil gehört Chopin – bestätigen diesen Eindruck, sie erstehen wie große, wunderbar beseelte Improvisationen. Und Chopins Klaviersonate Nr. 3 h-Moll op. 58 wiederum erinnert bei Blechacz erneut an den Grundansatz der CD-Vorlage mit den Préludes: klassisch-empfindsam, näher einer großen, harmonisierenden Liebe als den Dämonen der Welt, wieder die großen Bögen spannend, den Ausgleich der Elemente suchend, bei selbstverständlich höchster pianistischer Meisterschaft. Das Largo etwa hat wunderbare, erhabene Größe. (Bei Ivo Pogorelich verlor es sich, die Erinnerung meldet sich und verklärt die angespannte Stille im Saal damals, am 8.4.2005 in der Philharmonie im Gasteig, unsterblich in die nicht mehr fassbare Ewigkeit des Zerfalls einer nie enden wollenden Meditation.) Blechacz bleibt vornehm, er schafft den Spagat zwischen pianistischer Leistungsschau und „nicht notwendiger Exzentrik“ souverän. Diese Sonate wird er vielleicht in einigen Jahren „eigenwilliger“ spielen (wollen).


    Die Grenzen sind immerhin geöffnet, eine vielversprechende Pianistenkarriere (hoffentlich jenseits von jeglichem Lang Lang Klamauk) nimmt ihren Lauf. Im Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses hat Blechacz am 18.11. die Préludes und die Sonate, statt op. 62 aber die drei Mazurken op. 50 gespielt, und (so erzählt es die Konzerthaus-Homepage) auch eine Zugabe mehr, trotz der immerhin zögerlichen Standing Ovation im Herkulessaal nach der Sonate. München hörte zuerst den Walzer cis-Moll op. 64/2 von Chopin, und als zweite Zugabe gab es ein Schmankerl, das auch Vladimir Horowitz gerne spielte: Etincelles B-Dur op. 36/6 von Moritz Moszkowski.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Die 24 Préludes op. 28 von Frédéric Chopin und vier Aufnahmen davon - Versuch einer persönlichen Annäherung



    Dieser 1839 erstveröffentlichte Klavierzyklus, eine verblüffend vielschichtige Wanderung durch den Quintenzirkel zwischen (alles nicht wirklich, vielfach nur angedeutet) kurzen „Albumblättern“ (1, 2, 4, 5, 6, 7, 9, 10, 11, 20), breiteren „Etüden“ (3, 8, 12, 16, 19, 23, 24), „Nocturnes“ (13, 15, 17, 21), einer „Mazurka“ (7), „Paganini-Capricen“ (10, 22) und einer Art „Improvisation einer Theaterszene“ (18 ), besticht sowohl in den skizzenhaften, ganz kurzen Stücken als auch in den ausführlicheren Beiträgen durch enormen Einfallsreichtum, mit unheimlichen, schattenhaften Zügen genauso wie mit „ewiger“ Lyrik. Blattspielstücke für den Schreiber (4, 6, 7, 15, 20, auch 9, 13 und 17) wechseln mit technisch anspruchsvollsten pianistischen „Zuckerln“ (meine „Lieblinge“ sind hier 8 und 24).



    Mit 1 öffnen sich die Tore pianistisch dicht, 2 überrascht mit einer fahlen Melodie, die irgendwie Verlorenheit und Verlassensein einfängt, 3 kommt wie eine „sanfte Revolutionsetüde“ daher, 4 ist elegisches e-Moll, 5 rhythmisch offen, 6 hat mich an den Galgen in Ravels „Le Gibet“ erinnert, 7 ist die kurze „Mazurka“, 8 ist genial leicht (zu hören), aber schwer (zu spielen), bei 9 fällt mir ein Ochsenkarren ein, 10 ist wie eine Etüden-Studie, 11 wie ein Spuk, 12 unbarmherzig, 13 wie ein Nocturne, 14 der nächste Spuk, 15 das berühmte „Regentropfen“ Prélude (und im Mittelteil wähne ich mich, ob hörend oder am Klavier spielend, meist in den Wiener Katakomben), 16 wieder wie eine Etüde, 17 wunderbar groß im Ausdruck, 18 die große Theaterszene (wie ein hochdramatisches Rezitativ), 19 noch eine Etüde, 20 ein Trauermarsch, der sich unheimlich entfernt, 21 ein Nocturne, 22 ein Beispiel für emphatischen Gefühlsausdruck, 23 noch eine Etüde und 24 der grandiose, leidenschaftliche Abschluss, wieder eigentlich eine Etüde.



    Maurizio Pollini nahm Chopins op. 28 im Juni und Juli 1974 im Münchner Herkulessaal auf (enthalten auf der DGG 3 CD Box 431 221-2). Pollinis Ansatz ist nobel-kontrolliert, vornehm-empfindsam, voll Poesie und Größe. Er spannt einen großen Bogen, seine Aufnahme ist von innerer und äußerer Geschlossenheit gekennzeichnet.



    Martha Argerich (gehört allerdings von der 11 CD Box DGG 453 566-2, daraus Teilbox 3 CD DGG 453 572-2) war fast eineinhalb Jahre später, im Oktober 1975, im Herkulessaal, um den Zyklus einzuspielen. Das ist ein völlig anderes op. 28: ungestüm, impulsiv, leidenschaftlich, direkter, „bedrohlicher“. Pollinis Poesie hat aufgeweicht, verklärt, wo Martha Argerich ungeschminkt und verbissen zupackt.




    Die beiden anderen Aufnahmen entstanden in der Friedrich-Ebert-Halle in Hamburg-Harburg. Im Oktober 1989 nahm Ivo Pogorelich dort „sein“ op. 28 auf (DGG CD 429 227-2). Er spielt deutlicher ohne Pedal (wodurch vieles „trockener“ klingt), hebt gleich im ersten Prélude eine bei Pollini und Argerich nicht gehörte Nebenstimme hervor, spielt langsame Stücke provokant-faszinierend „bis zum Stillstand“ aus, gestaltet große Dramen (etwa das Prélude Nr. 4 oder das berühmte Nr. 15), wird seinem Ruf als Exzentriker voll gerecht. Vor die Wahl gestellt, ihn als „Klaus Kinski unter den Pianisten“ (ständig an der Grenze zwischen gekonnter Blendung und unberechenbarem künstlerischem Genie) oder eben nur als grandios überraschendes, nachschöpferisch absolutes Ausnahmetalent zu betrachten, neige ich nach dieser Aufnahme noch mehr als bisher zu zweitem.



    Die DGG hat den polnischen Gewinner des Warschauer Klavierwettbewerbs 2005 Rafal Blechacz unter Vertrag genommen und gibt ihm neben den Klavierstars Lang Lang und Grimaud eine Chance mit Chopins op. 28 (sowie mit den beiden weiteren Préludes und den beiden Nocturnes op. 62, DGG CD 00289 447 6592). Blechacz war dafür im Juli 2007 in Hamburg-Harburg. Aus dem aufklappbaren Cover fällt ein „Klassik Akzente Extra“ heraus, das die Damen Bartoli und Grimaud hervorhebt und unter anderem mit „Lang Lang Keramiktassen“ und „Rolando Villazon Girlie Shirts“ wirbt. Die Marketingstrategie der DGG lässt jetzt auch nicht mehr die Werkeinführungen ohne Bezug zum Künstler zu, wie sie früher selbstverständlich waren, ganz im Gegenteil, das Beiheft stellt nur den Pianisten vor, nicht die Werke. (Und der Text wird auch – soeben erlebt – in die Programmhefte von Konzerten übernommen.) Abgesehen davon spielt der 22 Jahre junge Blechacz einen großartig ausgereiften, souveränen Chopin. Am nächsten scheint er mir bei Pollini zu sein, ein kontrollierter, poetischer Ansatz. Auffallend ist das bewusste „non legato“ in einigen schnelleren Stücken. (Dadurch wirken diese Stücke teilweise „distanzierter“ als bei Pollini.) Ähnlich Pollini bestechen die ausdrucksstarken Rubati aus einer inneren und äußeren Geschlossenheit heraus.



    Alle vier Einspielungen haben für mich ihre eigene Größe und immens bewundernswerte Qualität. Pollini und Blechacz gleichen mehr aus, während Argerich und Pogorelich Extreme bevorzugen.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

    Das Ensemble Interculturel spielte unter der Leitung von Folko Jungnitsch Bruch und Mahler, Herkulessaal der Münchner Residenz, 19.11.2007


    Das Ensemble Interculturel ist eines jener Jugendorchester (diesfalls aus München), die unter Anleitung namhafter Orchestermusiker einige Übungs- und Aufführungsphasen pro Jahr durchlaufen.


    Das Konzert beginnt mit Max Bruchs Violinkonzert g-Moll op. 26. Jozsef Lendvay erinnert vom Typ her (Gesicht, Haare, aber wirklich nicht die Figur) an Meat Loaf oder Hermes Phettberg. Er pflegt einen schönen, anmutigen Violinton. Das kommt poetisch im Adagio genauso zur Geltung, wie es beherzt im Allegro energico ausgespielt wird. Das Orchester überrascht mit einem kompakten, in sich geschlossenen, gut aufeinander abgestimmten, präzise einstudierten Orchesterklang.


    Lendvays erste Zugabe ist irrwitzig virtuos. Dann wird die Bühne vorne in Sekundenschnelle zu einem „ungarischen Kaffeehauseck“, Violine, Mandoline, Hackbrett und Kontrabass musizieren frisch drauflos. Mit zwei Ungarischen Tänzen von Johannes Brahms sind wir plötzlich mitten in Budapest.


    Selbstbewusstsein ist erforderlich, will man alle Klippen von Gustav Mahlers kompositorisch so dichter und diffiziler Symphonie Nr. 5 cis-Moll bewältigen. Dieses notwendige Selbstbewusstsein ist vorhanden, das spürt man sofort mit Beginn des Trauermarsches. Hier geht es nicht darum, Mahler aus der Partitur heraus zu entdecken, hier lebt er, aus der Musik heraus, sehr bewusst, sehr nuanciert. Man hört die Symphonie bis in kleinste Verästelungen ausgekostet. Nur in den ganz komplexen, dichten Passagen merkt man, dass dies ein nicht jahrelang zusammengeschweißter Klangkörper ist. Man spürt, wie genau alles einstudiert wurde, gleichzeitig die Hingabe aller Mitwirkenden – so erklingt diese vielschichtige Musik herrlich aufgefächert. Technische Unsauberkeiten? Die geben sich ganz sicher mit der Routine. Routine – das ist es allenfalls, was fehlt, aber daraus ergeben sich auch spannende Blickwinkel auf Details dieses Werks. Nach dem zweiten und nach dem dritten Satz wird neu gestimmt. Das Adagietto kommt wunderbar empfunden. Man kann die Sichtweise dieser Mahler-Aufführung natürlich – alles in allem – auch überkritisch umdrehen: Diese "Mahler Fünfte" wirkt etwas ausführlich buchstabiert. Das „rächt“ sich im Finalsatz, der immer langatmiger zu werden droht. Damit wird man aber dem Gesamteindruck nicht gerecht. Gerecht wird ihm der Jubel des Publikums, das auf Aufforderung des Dirigenten mehrmals heftig die einzelnen Orchestersolisten und –gruppen mit Applaus bedankt.


    Herzlicher Gruß
    Alexander