Anlass dieser Themenstellung ist der oft wiederholte, aktuell bei der Neuproduktion der Berliner "Salome" entstandene endlose Schlagabtausch zwischen den Anhängern und Gegnern des Regietheaters. Dieser Kampf führt zu nichts außer zu Verhärtungen und Feindseligkeiten. Warum?
Die Anhänger der beiden Gruppen gehen bei ihren Beiträgen von Voraussetzungen aus, die miteinander unvereinbar sind. Es besteht kein Einvernehmen darüber, was bei einer Oper zum Werk gehört - und was Interpretation ist, ebenso darüber, was an Interpretation zulässig ist, wie weit sie ins Werk eingreifen darf, wo die Grenzen verlaufen usw.
Bevor ein Minimalkonsens über die Terminologie und die Definitionen erreicht ist, kann es aber keine echte sachliche Diskussion geben, weil man immer aneinander vorbeiredet. Das Ergebnis ist dann regelmäßig eine weitere Verhärtung der Fronten. Deshalb halte ich es für unerlässlich, sich auf einheitliche Definitionen zu verständigen. Sie sind die Maßeinheiten, die erst fruchtbare Auseinandersetzungen ermöglichen. Erst wenn darüber ein Minimum an Verständigung erreicht ist, sollte die Debatte fortgesetzt werden.
Ich schlage deshalb vor, in einem ersten Schritt darüber zu diskutieren, was bei einer Oper zum Werk selbst gehört - und wo die Interpretation beginnt. Dabei sollte nicht unterschlagen werden, dass es Fälle gibt, wo die Grenzen fließend sind zwischen dem, was verhandelbar ist - und was nicht (und warum). In den Fällen, wo keine Verständigung möglich ist, bleibt dann nur die Resignation, dass dieser Punkt nicht weiter diskutiert werden kann. Man sollte nicht so tun, als könne man diese Diskrepanzen als Lapalien vernachlässigen.
Zuletzt las ich die These, Oper sei Theater und erst fertig, wenn das Stück auf der Bühne gespielt wird. Nach der Aufführung sei es nicht mehr vorhanden und werde erst mit der nächsten Aufführung wieder geschaffen. Das ist in der Tat nicht zu leugnen - es übersieht aber, dass das Stück erst einmal geschrieben und veröffentlicht wurde. Dieses Produkt, die Partitur, sollte also nicht übersehen werden. Für Musiker (Dirigent, Orchester, Sänger) ist es das Werk schlechthin - und die Grundlage ihrer beruflichen Arbeit. Diese Arbeit ist nicht nur im Theater zu besichtigen, sondern auch im Plattengeschäft, als Film (DVD) usw. Spätestens seit der Erfindung der Ton- und Bildaufzeichnungen sind auch die Live-Mitschnitte und auch die Studioaufnahmen - neben den Bühnenaufführungen - Formen des künstlerischen Produkts.
Aus dem bisher Gesagten geht hervor, dass für die Autoren das Werk zwar als Endprodukt eine Bühnenaufführung ist, aber auf der Grundlage von Text und Musik: der PARTITUR. Ich nenne sie deshalb den KERN DES WERKES; denn ohne sie gäbe es dieses nicht. Über diesen Kern legt sich, bildlich gesprochen, als zweite Schicht die gespielte Musik und der gesungene Text, und erst dann kann das Ganze, in einem dritten Vorgang, auf einer Bühne aufgeführt werden (Darstellung, Regie).
Die aufgeführte Oper ist also ein anzustrebendes Endprodukt. Doch das schließt nicht aus, dass auch, gewissermaßen unterwegs, ansehnliche Zwischenprodukte zustande kommen, die sogar nennenswerte Rezipienten (und Käufer!) finden.
Mein Fazit: Die zweite und dritte Schicht sind der Interpretation unterworfen und deshalb verhandelbar. Nicht aber der Kern, den die Autoren geschaffen, veröffentlicht und zur Interpretation freigegeben haben.
Ich leugne nicht, dass diese Auffassung dem Regietheater enge Grenzen setzt (über die im Einzelnen noch zu sprechen sein wird). Aber sie ist keineswegs in enger Buchstabengläubigkeit befangen und lässt Spielräume zu, die von Fall zu Fall auszuhandeln wären.
Ich denke, dass an dieser Stelle eine Diskussion eröffnet werden kann, die diesen Namen verdient.
In diesem Sinne: Herzliche Grüße von Sixtus