Beiträge von adriano

    Apollon und Dr. Pingel

    1985 gab es an der Zürcher Oper eine sehr schöne, respektvolle "Mathis der Maler"-Inszenierung von Claus Helmut Drese, dirigiert von Ferdinand Leitner. Die Titelrolle sang Gerd Feldhoff. Mitwirkende waren noch Roland Herrmann, Wolfgang Fassler, Markus Schäfer - und Agnes Habereder in der Rolle der Ursula. Ich bekam zwei kurze stumme Rollen: Unter anderem hing ich, nachdem ich vom Chor gelyncht worden war, an einem Kreuz als Graf von Helfenstein und in der Visionsszene (mit Ballett) schwang ich pantomimisch eine grosse Sichel, eingeengt in einem Skelett-Trikot :-). Zwischendurch verschwand ich wieder im Souffleurkasten... Aber auch vom Kreuz herunter soufflierte ich, natürlich auswendig und zwischen den Zähnen. So durfte ich diese Oper besser kennenlernen und sie lieben :-)

    Die Kubelik-Aufnahme finde ich auch super. Eine tolle Rolle für Fischer-Dieskau! In dieser Aufnahme singt Gerd Feldhoff die Rolle des Lorenz.

    Es gibt (auch hier in diesem Forum) Musikliebhaber, die Stücke gerne nur nach ihrem Geschmack dargeboten haben wollen. Wenn sie einen Dirigenten persönlich nicht mögen (und ihn persönlich nicht einmal kennen), finden sie ihn meistens schlecht. Der Fall Karajan ist der berühmteste. Weil sein Lebensstil luxuriös war, fand man ihn schlecht und oberflächlich: aus purem Neid. All diese Leute hatten keine Ahnung, was da wirklich geleistet wurde! Die sollen sich mal die Karajan-Biographie von Richard Osborne lesen!

    Mein früherer musikliebender Physiotherapeut, der eine intellektuelle Person war, äusserte sich über Karajan negativ, sobald ich auf seinem Schragen lag, weil er wusste, dass ich auch dirigiere. Er musste seine Abneigung loswerden, wenigstens an jemanden, der ihm zuhören musste. Er zitierte die damaligen üblichen Themen aus der Boulevardpresse. Er weigerte sich Karajan-Konzerte zu besuchen und wollte keine Karajan-Platten hören, und hatte in der Tat nie eine gehört!

    Einige Musikliebhaber mögen also auch den Gesichtsausdruck des von ihnen nicht gemochten Dirigenten nicht.

    Ich gebe selber zu, dass ich mich manchmal bei Dirigieren "verzückt" fühle, also ist dies vermutlich auch gelegentlich sichtbar. Ist dies verboten? Ein Dirigent ist ein Vermittler; Musiker schauen ihn an (wenn sie ihn mögen), also sind Gesichtsausdrucke eine Art Kommunikationsfluidum sein. Und, last but not least, dürfen seine inneren Gefühle manchmal auch an die Oberfläche treten. Bei gewissen Stücken fühlte ich auch Tränen in den Augen, aber ich bin keine Heulsuse. Musik ist nun was sehr stark menschliches und wenn es einem Dirigenten gelingt, das zu erreichen was er möchte und dazu noch das Musikstück verdammt schön ist, fällt es einem schwer, sich zusammenzunehmen.

    Harnoncourt konnte seine Musiker (während Proben und Konzerten) manchmal boshaft oder teuflisch anschauen, aber man fand ihn gerade dadurch faszinierend, denn es wirkte ehrlich und positiv auf das Zusammenspiel. Es war oft wirksamer als seine nicht so perfekte Schlagtechnik.

    Aber es gibt auch grosse Dirigenten, die stehen meistens völlig cool da. Dies kann auch als süffisant wirken... Stört denn dies niemand? Sind nur verzückte Ausdrücke verboten? Ist der betreffende Zuhörer etwa neidisch auf den Dirigenten, weil der sich so spontan verzückt fühlen darf?

    In seinen späteren Jahren wirkte Karajan äusserlich jedenfalls viel mehr in sich gekehrt als verzückt, dies soll auch noch bemerkt werden!

    Und wie steht es mit Leonard Bernstein?

    Eine abschliessende Frage (ich werde mich über diese Thema und vor allem über den Sonderling Currentzis hier nicht mehr äussern): Haben diese kritischen oder angeblich sehr gebildeten Musikliebhaber schon die dargebotenen Stücke mit einer Partitur in der Hand verfolgt und sich mal Noten auf Note nur auf die Musik konzentriert, nicht auf das Ganze drum und Dran? Un den historischen Kontext des betreffenden Musikstücks in Betracht gezogen?

    Holgers erwähnter "musikalischer Populismus": Genau darum geht es heute, leider! Das Musikbusiness ist echt heruntergekommen...

    Bravo, Holger :-)

    Der Currentzis-Hype wird bestimmt viel kürzer dauern als Harnoncourts ganze Karriere!

    Das Musikbusness ist leider nur noch auf Effekte, Sensationen und Provokationen hinaus.

    Nicht umsonst hatte die etepetete Arte-Moderatorin nach dem ersten Teil des Salzburgers "Don Giovanni" das TV Publikum geschickt darauf hingewiesen, dass es im zweiten Teil zum ersten Mal in Salzburg einen nackten Mann auf der Bühne zu sehen geben wird. Alles nun auf den Dödel eines Sängers reduziert. Und seinen eigenen Dödel hatte Currentzis übrigens schon früher in einer anderen Show präsentiert...

    Klassikfan1

    Das ist die absolut tollste "Lucia" mit der Callas! Und dann noch die anderen Sänger - und Karajan!

    In einer alten Piraten-LP-Ausgabe konnte man, während einer stilleren Stelle der Wahnsinns-Arie, ein entferntes Flugzeug über Berlin fliegen hören; muss mal nachkontrollieren, ob dies bei diesen super Remastering rausgefiltert worden ist :-)

    Viele dieser egomanischen Regisseure haben es heutzutage einfach zu leicht: Statt zuerst ein Werk (auch in der Partitur!) im historischen Kontext durchzustudieren, zwingen sie es in ein je nach Geschmack und Laune erfundenes eigenes Konzept - ein möglichst reisserisches - und deren Handlung möglichst in einem anderen Jahrhundert stattfindend.

    Dies ist auch viel leichter als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem "Original". Das Publikum und die Rezensenten sperren dann staunend die Mäuler auf, weil da auf der Bühne "starke Bilder" entstehen. Aber eben: starke Bilder und dahinter bloss garnichts, Nonsense oder an den Haaren Herbeigezogenes. Oder einfach plumpe Provokation.

    @ MSchenk

    "Im Gegenteil wird hier ziemlich knallhart am Libretto entlang inszeniert".

    Schön wär's! Sagen wir eher "nicht so sehr ziemlich" :-)

    Auch z. B, wenn Donna Elvira als alleinerziehende Mutter mit ihrem kleinen Sohn auftritt?

    Oder wenn, statt Leporellos Register (von Da Ponte als "catalogo" benannt) eine Fotokopiermaschine vom Himmel herunterfährt? Der Apparat hat nicht einmal eine Liste geprintet...

    Oder, wenn am Ende gegessen werden soll (gemäss Libretto genau was), und man sieht dabei nicht einmal einen gedeckten Tisch??

    Dies nur einige von vielen Beispielen, worüber man diskutieren soll, aber es ist es nicht einmal wert.

    Regisseure à la mode dürfen sich heutzutage alles erlauben, nur damit ein grosser optischer Effekt entsteht und das Publikum die Mäuler aufsperrt - und die Rezensenten wieder den abgedroschenen Begriff "starke Bilder" gebrauchen können.

    Bezeichnend für dieses Business war die Bemerkung der "arte"-Moderatorin in der Zwischenpause, als sie uns noch mitteilen musste, dass zum ersten Mal in Salzburg ein komplett nackter Mann auf der Bühne zu sehen sein wird. Da haben vielleicht Einige bis um 02:00 nachts ausgeharrt - und sogar vielleicht alleine darum.

    Die Hauptpartie war, meiner Meinung nach, eine stimmliche Fehlbesetzung. Da hätte der Sänger des Leporellos, ein viel besseres Material dafür gehabt! Die Kritiker finden den Tenir Spyres "süperb"; na ja, dann halt...

    Aber die Frauenstimmen haben mir persönlich sehr gefallen.

    Und so weiter...

    Arme Oper, was ist aus Dir geworden? Schon der Bayreuther "Holländer" letzte Woche war so was von läppisch und an den Haaren Herbeigezogenes.

    Über Currentzis Dirigat äussere ich mich lieber nicht, sonst werde ich hier drin wieder attackiert :-)


    Eigentlich eine sehr gelungene Oper mit faszinierender, Albtraum-artigen Musik. Und mit einem guten Libretto.

    Mein Respekt geht an alle Ausführende dieser sehr schwierigen Partitur.

    Nur schade, dass diese Inszenierung einmal mehr im Stil des Deutschen Regietheaters produziert werden musste.

    Den historischen Kontext zu betonen wäre, zur Abwechslung mal, wichtiger gewesen... Schliesslich ist das Publikum nicht so dumm, um zeitgenössische Bezüge darin nicht zu erkennen...

    Garaguly & Joseph II.

    Finde die Colour Symphony perfekt konzipiert, doch mich konnte sie auch nie hinreissen, obwohl es bessere Interpretationen als diejenige Hickox gibt. Ein ganz tolles, sehr empfehlenswertes Wer Bliss's ist "Meditations on a Theme of John Blow"; ich finde es sein symphonisches Meisterwerk. Aber auch sein Klavierkonzert und sein "Discourse for Orchestra" gefallen mir sehr :-)

    Apollon

    Besorg Dir - wenn Du vielleicht keine Mono-Aufnahmen magst, z. B. diejenige mit Daniel Barenboim und des Chicago Symphony Orchestra auf Teldec.

    Auf alle Fälle sind Furtwänglers 4 Eigen-Einspielungen besser (DGG, Orfeo, Archipel, Société Furtwängler). Ich hab sogar noch eine fünfte als private Datei...

    Eine weitere empfehlenswerte Aufnahme ist diejenige Eugen Jochums mit dem Orchester des Bayerischen Rundfunks (live, 1954).

    Dann gibt es noch eine ganz respektable DDD-Stereo-Aufnahme aus Japan (1984), dirigiert von Takashi Asahina (Label: JVC).

    Diese Symphonie figuriert auf der Liste der Stücke für meine einsame Insel :-)

    Apollon & Fiesco


    Lélio auf EMI: Natürlich ist es Martinon, nicht Plasson; sorry about that... Jetzt hab ich die CD endlich wiedergefunden; sie liegt gerade vor mir und will gleich wieder mal gehört werden :-)

    Eine sehr schöne "Nuits d´été"-Aufnahme ist diejenige mit Régine Crespin und Ernest Ansermet (gekoppelt mit einer traumhaft schönen "Shéhérazade" von Ravel. Das waren auch technisch super Decca-Aufnahmen!

    Früher erhältlich in der Decca-Serie "Legendary Performances"

    @ Apollon & Fiesco


    Die Einspielungen von "Lélio" mit Pierre Boulez (1968) und mit Michel Plasson (1975) sind z. B. beide mit Sprecher. Boulez hat den berühmten Mimen Jean-Louis Barrault engagiert. Jean Topart (bei Plasson) hat(te) eine der schönsten französischen Radio- und TV-Stimmen der Gegenwart. Er war auch Synchronsprecher in unzähligen auf Französisch übersetzten Fremd-Filmen, und spielte natürlich auch in französischen Filmen und TV-Serien.

    Apollon

    Liszt: Symphonische Dichtungen mit Kurt Masur:

    - Arpad Joo (Stereo, 1984-5) viel besser!

    - Nikolai Golovanov (Mono, 1948-53): genial!

    Es gibt eine Liszt-Box von Gramola, zwar nicht sehr aufregend dirigiert, doch vom wissenschaftlichen Standpunkt sehr interessant:


    - Oder dann noch Bernard Haitink (1969-72): auch ganz anständig :-)

    Fiesco & musikanderer


    In der Tat ist diese RAI-"Pelléas"-Aufnahme Karajans faszinierend. Wenn ich mich gut erinnere, fehlt allerdings eins der Orchestervorspiele... Da klingt sogar Ernst Haefliger (und nicht "Haeflinger", wie es auf dem Cover steht) noch erträglich...

    Natürlich ist auch Karajans spätere EMI-Aufnahme von 1979 grossartig! Da singt den Pelléas ein adäquaterer "baryton-martin" (zu deutsch "Kavalierbariton") - was sich für diese Rolle besser eignet als ein typischer Tenor. Dieser Typus ist übrigens auch sehr für Don Giovanni und Almavivas in Mozart-Opern geeignet.

    musikwanderer (Zu Saliers "Falstaff")

    Danke für die Infos :-)

    Darum also hat Hungaroton das Ganze auf 3 statt auf 2 CDs verteilt!

    Und gut, dass sich Dynamic um die Eliminierung der Zwischenapplause kümmert!

    Für mich ist Dynamic das Label (mit meistens guten Live-Einspielungen), wo das Herumtrampeln der Mitwirkenden derart laut ist, dass manchmal die Lust vergeht, weiterzuhören...

    musikwanderer

    Die "Falstaff"-Oper von Salieri wurde erstmals komplett 1985 auf Hungaroton (auf 3 CDs) verewigt. Bin aber sicher, dass Magloire (auf 2 CDs) eine super Interpretation leistet :-)

    Und wie wird wohl die Chandos-Einspielung (auf 2 CDs) sein?

    Ob die beiden späteren Aufnahmen gekürzte Fassungen darbieten? Doch diejenige Hungarotons (Totale Spieldauer 154 Minuten) ist auf 3 CDs "grosszügiger" verteilt.

    Sogar bei beiden seiner Zürcher Mozart-Zyklen war ich dabei. Der zweite wurde von Jürgen Flimm inszeniert. Die Bartoli sang die Donna Elvira, indem sie sich auf Krücken stützen musste, denn sie war auf unseren eisigen Strassen ausgerutscht; ihr Fuss musste eingegipst werden. Und sie hatte im ersten Zyklus (1990) den Cherubino gesungen - wenn ich mich nicht täusche, war dies ihr Zürcher Debüt (zusammen mit Rossinis Rosina). Tempi passati!

    https://www.opernhaus.ch/en/di…a-spielplan/don-giovanni/

    Von Harnoncourt habe ich auch gelernt, dass alle Tonarten eine spezielle Bedeutungen (Stimmungen, Gefühle) hätten; F-Dur z. B. "Weihnachten". Der Maestro trug immer Cembalo Stimmschlüssel bei sich; er konnte plötzlich aufstehen und ein Instrument korrigieren, das er nicht gut gestimmt fand.

    Hier ein interessanter Artikel über Tonarten:

    https://www.swr.de/swr2/programm/download-swr-12520.pdf

    Zuletzt war ich noch bei Seven Eric-Bechtolfs Zürcher Mozart-Zyklus dabei. Diese geschmackvollen Inszenierungen mit hervorragender Personenregie mochte ich sehr. Dirigent war Franz Welser-Möst (no further comment...).

    Gut formuliert, musikwanderer :-)

    In all den Jahren, die ich mit Harnoncourt zusammenarbeiten (und von ihm sehr viel lernen) durfte, brachte er immer sehr überzeugende Argumente über sine Lieblingskomponisten und deren Interpretation - die das Orchester manchmal leicht kopfschüttelnd wagte zu akzeptieren, doch immerhin in der Pause zu produktiven Diskussionen anregten. Und wenn er gewisse Argumente durch den scharfen Blick seiner weit offenen Augen emphatisierte, musste man fast kompromisslos daran glauben.

    Diese letzte Mozart Doppel-CD mag ich auch sehr, jedes Mal wenn ich sie mich anhöre, kommen schöne Erinnerungen hoch! Ich war ja schon bei seinem legendären Monteverdi-Zyklus und seinem ersten Mozart-Zyklus in Zürich dabei...

    In der Tat, Holger; nur die Partituren der Symphonien 2, 3 und 4 wurden gedruckt. Und es gibt natürlich auch keine Taschen- oder Studienpartituren. Nach der 3. Symphonie bereits bekam der Hug-Verlag vermutlich Angst, Brun würde immer moderner werden...

    Aber auch alle restlichen Werke wurden nicht gedruckt. Z. B. der Klavierauszug von "Verheissung" wäre heute für den Chor unlesbar, denn der Text steht in Kurrentschrift geschrieben. Auch aus diesem Grunde musste ich einen neuen Auszug herstellen. Und die Auszüge der konzertanten Werke waren in ziemlich schlechter Notenhandschrift, mich wundert es immer noch, wie die Solisten daraus spielen konnten - ausser sie hatten alles auswendig gelernt oder private Abschriften verfasst. Es wird berichtet, dass Joseph Hirt, der Interpret des Klavierkonzerts, angeblich Noten vor sich hatte während seiner Aufführungen.

    Von den Kammermusikwerken wurden die 1. Violinsonate und das 2. Streichquartett gedruckt. Von "Grenzen der Menschheit" gibt es einen Druck der ersten Version für A-cappella-Chor.

    Übrigens erscheint im Sommer oder Herbst eine CD des Labels Prospero, mit Bruns 1. Streichquartett und seiner 1. Violinsonate. Mit Musikern des Berner Manuel-Quartetts und dem Pianisten Alex Ruef.

    Es ist auch noch die Rede einer CD mit Bruns drei Sonaten (2 für Violine, eine für Cello) auf Brilliant Classics, mit den italienischen Solisten, die z. B. auch auf dem Label Avi-Music tätig sind.

    Und meine Partitur-Edition von Bruns jugendlichem Klavierquintett-Satzes wartet immer noch auf eine Aufführung...