Beiträge von Blackadder

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    Original von observator
    nein, nur von hemmungen, schwellen und ängsten.
    aber schau mich an: bar jeden wissens, intellektuell unterbelichtet und moralisch nackt existiere ich schon seit 4 jahren hier und poste angstfrei und hemmungslos drauflos. aber solche figuren brauchen die foren auch, und die moderatoren würden sonst nur fett.


    :beatnik:


    tzäh :lips:

    Ich möchte mich 2009 verstärkt in die Vergangenheit begeben und Renaissance und Mittelalter erkunden. Die üblichen Verdächtigen verschwinden mal in die zweite Reihe... So ist es geplant. Aber meistens kommts ja anders und überhaupt...

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    Original von HolgerB
    Diese Frage stelle ich ja nach wie vor in den Raum!


    Ich bin etwas verwirrt, denn gerade das seh ich gar nicht so. Die Frage nämlich. Mir scheint, ich habe von Dir öfter die Antwort als die Frage gelesen: Moderne Musik ist keine Musik (für Dich). Okay, das in den Klammern ist möglicherweise eine Zumutung (abgesehen davon, dass die Argumente mit dem Autofahren und den Fussballmannschaften dem persönlichen Äquivalent von Heather Mills entsprechen und arg hinken). Natürlich möchtest Du keine Antwort auf Deine Frage, da Du sie schon kanntest, bevor Du sie gestellt hast.


    Wenn Du keine Kompositionen von Nicht-Musik akzeptieren kannst, was bleibt Dir übrig? Komponistenhäuser anzünden? Unterschriftenaktionen? Grundgesetzänderungen?


    Ich mag auch sehr wenig Modernes, aber - nicht zuletzt durch das Forum - hab ich festgestellt, dass mein der Verlust ist (und mein Bestand an modernen Kompositionen nimmt zu). Nicht, dass mich der Verlust nun arg zu Tränen rührt, aber ich kann "tolerieren". Sogar Zwölftöner... Ich muss es mir ja nicht anhören. Und selbst ich sage, es ist Musik. Musik, so wie tibetische Obertongesänge, westmongolische Hirtenmelodeien oder gar Freejazz. Warum ist es wichtig, dass diese Sachen keine Musik sein sollen? Zwingt Dich dann jemand mit der Waffe in der Hand, das zu hören?


    Einigermaßen ratlos
    Blackadder

    Vorweihnachtszeit. Das ist für uns griechisch-römische Exklave in Osthessen auch die Zeit, an Nikolaus Aspirinus zu denken. Den aufrechten und unbeugsamen Bekenner Gottes, dessen Beispiele an Nächstenliebe und Weisheit viele Bände füllen. So viele, dass einige Ketzer mutmaßen, ein einziges Leben könne niemals ausgereicht haben, diese Taten zu begehen. Es war auch der Exilgrieche Alexos Knoppos, der behauptete, sein Urgroßvater, Deimos Knoppos, habe die Figur des Aspirinus erfunden. Deimos Knoppos behauptete aber auch, er wüßte, wo Gott wohnt (Schaffrathstraße, Ecke Plagenweg, Gelsenkirchen), von daher sind die Aussagen mit Vorsicht zu genießen.


    Wer aber die tiefe Menschlichkeit des Nikolaus Aspirinus in sein Herz lässt, der wird sich mit Fragen des ob und des aber gar nicht beschäftigen. Der, der mit dem Herzen sieht, wird wissen, dass Aspirinus irgendwie in uns allen wohnt.



    Aspirinus und der falsche Glaube


    Aspirinus kam auf seinen Wanderungen durch den Taurus auch einmal nach Aspendos. Die Menschen dort waren aber verstockt und wollten Gott als ihren Herrn nicht anerkennen. Lieber huldigten sie dem Mammon, der Wollust, dem Wein und einer alten, schäbigen Kaffeetasse, die der Dorfälteste unter einer einsamen Zypresse verwahrt hielt.


    „Was macht ihr mit der Kaffeetasse?“ fragte Aspirinus, als er erfolglos auf dem Marktplatz gepredigt hatte.

    „Wir holen sie einmal in der Woche hervor, beten sie an und dann geht alles den rechten Gang“, sagte der Dorfälteste stolz.


    „Was geht seinen Gang?“


    „Nun, die Sonne dreht sich weiter um die Erde, der Mond dreht sich um die Sonne. Unten ist unten, oben ist oben, so was halt“, sagte der Dorfälteste mit einem herzlichen Lachen, als hätte er einem kleinen Jungen erklärt, warum man gelben Schnee nicht essen sollte.


    „Das heißt, wenn ihr dies nicht tun würdet, dann würde sich die Sonne nicht um die Erde drehen, der Mond nicht um die Sonne, unten würde oben, oben würde unten werden?“


    „Ganz richtig“, sagte der Dorfälteste.


    Da nahm Aspirinus die Kaffeetasse, tat so, als ob er sie ehrfürchtig betrachten wollte, rannte so schnell er konnte zum Eurymedon und warf die Tasse in die Fluten. Der Dorfälteste, der trotz seines Alters über schnelle Beine verfügte, sprang verzweifelt in den Fluss, um die Tasse zu erretten, allein er schaffte es nicht und nach einer Stunde kam er erschöpft aus dem Wasser. Ohne Tasse.


    Aspirinus aber zeigte zum Himmel und sagte: „Allein der Herr entscheidet, was oben und was unten ist, was sich dreht und was sich nicht dreht und was sich überhaupt um was dreht. Nicht eine alberne Kaffeetasse.“


    Die Menge, die aufgebracht an den heiligen Mann herangerückt war, zeigte sich für einen Augenblick beeindruckt, denn weder hatte sie ein Blitz getroffen, noch wurden sie von der Erde verschlungen. Selbst die Vögel zwitscherten unbekümmert weiter.
    „Und was ist mit dem Mammon?“ fragte einer aus der Menge.


    „Was soll mit dem Mammon sein?“ fragte Aspirinus, denn er wusste wohl, dass sie Mammon huldigten, aber nicht auf welche Weise und was die Huldigungen bewirken sollten. Der Dorfälteste, mittlerweile wieder trocken, erklärte es ihm. Da nickte Aspirinus weise und sagte: „Ladet alles Gold auf meinen Esel und ihr werdet sehen, dass dieses Dorf trotzdem nicht in einem morastigen Loch verschwindet.“


    Und die Menschen eilten in ihre Häuser, rafften alles Gold und Geschmeide zusammen. Und es waren fünf große Säcke, die sie dem armen Esel aufbürdeten. Aspirinus schaute zufrieden. „Es ist für einen wahren Christen immer eine Freude, den Menschen Last abzunehmen, die ihm auf dem Weg in das Himmelreich im Wege steht.“ Und als der Esel beladen war und Aspirinus kraft seines Gebisses die Qualität der Münzen begutachtete, sahen die Menschen, dass ihr Dorf nicht in einem Morast versank und auch kein Blitz vom Himmel fiel.


    „Und was ist mit dem Wein?“ fragte ein anderer aus der Menge.


    „Was ist mit dem Wein?“ fragte Aspirinus, denn er wußte wohl, dass sie dem Wein huldigten, aber nicht auf… okay, er konnte es sich denken. „Schüttet allen Wein in den Fluss und überlasst mir ein großes Gebinde.“


    Die Menschen von Aspendos jubelten und taten, wie er ihnen geheißen hatte. Sie schütteten allen Wein in den Fluss, allein ein großes Gebinde überreichten sie Aspirinus, der davon kostete. Der Wein war köstlich und Aspirinus kostete weiter. Und weiter. Bis die Amphore geleert war. Er war dieses Opfer schuldig, dachte er…


    „Und jezz die Wolllllusst“, sagte er und schwankte bedenklich.


    „Ja, die Wollust. Nimm uns auch den falschen Glauben der Wollust.“


    „Was ha.. hat esss mit.. hicks.. der Wolluuusssst auff sich?“ fragte er unschuldig und begann schon mal den Gürtel seines Gewandes zu lösen.


    „Wir frönen der Wollust jedes Jahr mit einer speziellen Jungfrau, die ausgelost wird“, sagte der Dorfälteste und half Aspirinus auf, der beim Versuch, die Sandalen auszuziehen, gestürzt war.


    „Ah jaa…“, sagte Aspirinus, der Schwierigkeiten hatte, sein Gewand richtig zu falten. „Wassnso speziell?“ fragte er mit dem Lächeln eines Samariters, der sich freut, gleich etwas Gutes zu tun.


    „Es ist die jeweils älteste Jungfrau, die das Dorf vorweisen kann“.


    „Ich werde euch übez… ebüz… überzeugen… hicks… das auch die... dieser Glaube vom Teu... Teufel stammmmmt.“


    Da teilte sich die Menge und eine alte Frau trat hervor. Ihr dürrer, faltiger Körper steckte in einem aschgrauen Sack, die grauen Haare standen ungebändigt vom skelettartigen Schädel, in ihren halbblinden Augen schimmerte die Dankbarkeit der Geretteten und als ihr zahnloser Mund die Freude nicht verhehlte, da sagte Aspirinus, der wunderbarerweise wieder völlig bekleidet war mit beinah klarer Sprache: „Ah ja… in diesem Fall habt ihr in Übereinstimmung mit der Schrift gehandelt, das ist soweit – hicks- alles in Ordnung, diesen Dings, Kelch da, das müsst ihr… alleine und so… ihr versteht?“


    Und er schwang sich auf den Esel, der sich unter der Last ächzend aus dem Dorf bewegte. Wieder hatte Aspirinus einen falschen Glauben entlarvt und ein selbstloses Opfer dargebracht.


    U 19

    Da möchte ich aber auch mal eine Lanze brechen für Joseph Sheridan Le Fanu, der mir mehr gelegen hat als Lovecraft. Besonders sein "Uncle Silas" ist sehr empfehlenswert. Obwohl meines Erinnerns kein Dämon eine Rolle spielt ist dieses "locked-room"-Abenteuer auf jeden Fall eine Lektüre wert...


    Aber das hat er doch auch gesagt, nur eben anders :D

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    Original von Chorknabe
    Musik lebt von Spannung und Entspannung. Ein Mittel, diesen Gegensatz zu erzeugen, ist Konsonanz und Dissonanz.


    Aber nur Dissonanz? :lips:


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    Noch im Mittelalter galt die Terz als Dissonanz. Heutzutage ist sie nicht ,ehr wegzudenken aus der Musik. Harmonien ohne Terzen klingen uns hohl und quasi ungeschlechtlich.
    Quart-Sext-Sept-Non-Vorhalte., auch dies waren einmal schlimme Dissonanzen. Aus der Jazzmusik bspw. sind auch diese nicht mehr wegzudenken. Hier erleben wir diese Dissonanzen mittlerweile eher als schwebend und smooth und weniger scharf oder sunerträglich spannend. Auch hier haben sich unsere Hörgewohnheiten sehr verändert. Quasi Konsonanz und Dissonanz im Wandel der Zeit.


    Ja, natürlich. Und dies geschah in der Entwicklung der Musik natürlich sehr oft. Die Hinweise auf Monteverdi, Beethoven, Brahms, Wagner sind ja Legion. Nur hab ich das Gefühl, Schönberg hat anstelle eines Hammers eine Bombe gebastelt und drei Jahrhunderte Musik und Musikpsychologie atomisiert. Was weder für noch gegen ihn spricht, sondern eher für die Wahrscheinlichkeit, dass diese Art von Musik wenig Nachahmer und Hörer erfährt.


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    Die Entscheidung, sich für eine Musik zu begeistern und für die andere eben nicht, ist legitim.


    Das will ich aber stark hoffen...


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    Als Begründung für eine Zulässigkeit der einen Musik (und der Unzulässigkeit einer anderen) jedoch Naturgesetze anzuführen, halte ich für vermessen.


    Ich bin für die Zulässigkeiten nicht zuständig :D . Eher ging es mir um die Frage, ob man die MS Schönberg durch psychologisch/ physiologische Klippen zum Erfolg führen kann. Ich dachte, das sei offensichtlich...


    :hello:

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    Original von Edwin Baumgartner
    Aber es ist ein Irrglaube, daß über die Musik eine geheime Verbindung zwischen der Gefühlslage des Komponisten und der des Zuhörers entsteht.


    Das ist mir sehr wichtig. Insofern A) als dass das lyrische Ich eines Musikstückes nichts mit dem Komponisten zu tun haben muss, und B) dass ich dazu neige, in auffällig lustigen Stücken depressiv zu werden oder in "traurigen" aufzublühen....

    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Er wollte ein System schaffen, in dem kein Ton wichtiger ist als der andere.


    Hm, haben sich die Noten beschwert? Sind die "fis" auf die Barrikaden gegangen ("Wir wollen öfter drankommen. Wir haben kaum was zu tun und langweilen uns, während die Cs permanent am tönen sind. Ungerechtigkeit ist das, jawoll...")? :D


    Ich möchte mal eine kleine Lanze brechen für die, denen ein rationalisierendes Geschmacksurteil zur Last gelegt wird. Ich glaube, viele Hörer (mich eingeschlossen) denken insgeheim, es gibt akustische Naturgesetze, die man nicht einfach brechen kann. Gerade die, für die Musik "Seelennahrung" ist, haben Schwierigkeiten, ebendiese Nahrung in einer Musik zu finden, deren Regeln nicht mehr in einem platonischen Himmel liegen, sondern die durch einen gleichsam kommunistischen Eingriff ("Alle Töne sind gleich") aller "Natürlichkeiten" entkleidet wurde. (Wir sind hier nicht mehr weit von "entartet", gemerkt?) Was natürlich die (mich) in Bedrängnis bringt, die dieses diffuse Gefühl hegen, es läge eine "Natürlichkeit" von Monteverdi bis Wagner (mit kleineren Ausnahmen abgesehen, und natürlich unabhängig vom jeweiligen (Epochen-)Geschmack). Das verschafft einem selbstverständlich ein schlechtes Gewissen. Argumentativ hat man wenig zu bieten, "taste only" ist verpönt, aber es bleibt dieses dumme Gefühl, der Kaiser habe keine Kleider an...


    Natürlich hat JR Recht, wenn er die musikalische Entwicklung als Kronzeugen aufruft und Besipiele gibt, wie z.B. das, was mal als dissonant galt plötzlich nicht mehr als dissonant zu gelten hatte. Er hat auch an anderer Stelle schon die soziokulturellen Hintergründe benannt, die unseren Geschmacksurteilen zugrunde liegen können (was meines Erachtens keine hörpsychologischen Axiome ausschliessen muss). Aber trotzdem kann ich diese Entwicklungen nicht mit der theoretischen und praktischen Arbeit von Schönberg vergleichen. Dort, wo man mit Hammer und Meißel Veränderungen unter den entsetzen Gesichtern der Zeitgenossen vorgenommen hatte, hat Schönberg die musikalische Atombombe ausgepackt und letztendlich mindestens dreihundert Jahre Musikgeschichte desintegriert... Schließlich gibt es nicht nur die Musik als das, was Komponisten verfasst haben über einen langen Zeitraum, sondern auch eine Psychologie des Hörens, die sich mit der Entstehung von Musik gebildet hatte. Schönberg hätte die Zuhörer ebenfalls enthierarchisieren sollen...

    Ich bin Edwin sehr dankbar für diesen Thread, denn ich glaube natürlich nicht, dass sich jemand, dem diese "Musik" gefällt, in die Tasche lügt. Jedenfalls werden das nicht alle machen :lips:

    Zitat

    Eine Reihe besteht aus allen zwölf Tönen innerhalb einer Oktave, jeder Ton muß vorkommen, keiner darf wiederholt werden.


    Das ist ein Punkt, der sich mir auch nicht so erschließt, ohne dass ich jetzt mich sehr darüber gräme.. aber warum nicht:
    Eine Reihe besteht aus allen zwölf Tönen innerhalb einer Oktave, jeder Ton muß dreimal vorkommen, außer mittwochs, und keiner darf wiederholt werden, es sei denn, es ist Donnerstag und Vollmond, dann müssen alle Noten viereinhalbmal wiederholt werden.


    Klingt für mich nicht weniger willkürlich und deswegen nicht so zwingend, wie ein musikalisches Gebäude, welches ich durch leidliche Konditionierung halbwegs zu folgen im Stande bin...

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    Original von observator
    tja, und schon muss ich nach einem 11 h arbeitstag wieder nach hause :hello:


    Diese vermaledeite Kurzarbeit...


    Und nun zur Feier meines Nicht-Geburtstages etwas aus dem Fundus meiner Lieblingsgestalt der Geschichte...



    Endlich hab ich die Alpha-Homepage gefunden :wacky:

    Interessant...
    Für mich hat das Wesen eines Genies immer ein gewisses spielerisches Element ausgemacht, das In-Den-Schoß-Fallen und nicht das Ringen mit dem Weltgeist oder dem Weltschmerz. Deswegen würde ich einem Haydn mehr "Genie" zugestehen als Beethoven, ohngeachtet der großartigen Musik und Bedeutung des Letzeren (und natürlich eingedenk des Satzes: "Was kümmert es den Baum...").
    Schumann hätte ich nie einen "Geniestatus" verliehen, der musste eben zu sehr ringen und hat letztendlich verloren...

    Achtung! Dieser Thread ist polemisch. Alle Aussagen stehen in keinem Zusammenhang und sind wild durcheinander gewürfelt. Der Verfasser hat keinerlei gute Gründe zur Hand. Die, die ihn kennen, wissen das. Dieser Thread dient lediglich zu ( des Verfassers) Unterhaltungszwecken. Sollten Sie emotional instabil sein, verlassen Sie diesen Thread bitte jetzt.


    Der Verfasser bittet um Entschuldigung, sollte dieser Thread religiöse Gefühle verletzen. Das wird dieser Thread aber tun. Denn Kunst ist Religion. Es wurden aber dafür keine Tiere gequält. Der Verfasser hat keine Drogen genommen und steht nicht unter Medikamenteneinflüssen. Dieser Thread wurde im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte gestaltet. Zumindest in einem Zustand, der diesem am nächsten kam.


    Sollte ein Thread mit ähnlichem Inhalt vorhanden sein, bitte ich für den suboptimalen Umgang mit der Suchfunktion untertänigst um Entschuldigung.


    Ein kleiner Thread zum „sich-die-Köpfe-einhauen“. Na gut, so schlimm soll es nicht werden, aber ein bisschen Öl ins Feuer gießen sollte erlaubt sein. Auslöser ist der Karajan-Charisma-Thread unseres charismatischen Forengründers und Großmeisters Alfred.


    Nicht nur Joachim Kaiser, sondern ganze Heerscharen von Klassikhörern vertreten die These, dass einem Künstler nur dann Ausnahmerang zusteht, wenn er entweder schon lange tot und/ oder mono aufgenommen hat.


    Es gibt eine Art Klassikhörer, die nicht nur dem Vinyl nachtrauert, sondern die vor allen den Künstlern nachweint, die es nicht geschafft haben 120 Jahre alt zu werden. Alles, was heute an Künstlern herumgeistert und nicht an irgendwelchen ominösen Gebrechen leidet oder seit mehreren Jahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit existiert, taugt nichts.


    Früher war alles besser. Das braucht keine argumentative Unterstützung, das ist ein Axiom. Deswegen kann es z. B. auch keine neue Referenzeinspielung irgendeines Klavierwerkes ab Beethoven aufwärts geben, denn die sind für die nächsten dreitausend Jahre den Pianistenzombies Arrau, Michelangeli, Cortot, Rubinstein und --------- (hier bitte einen Namen nach eigenem Gusto einsetzen, der entsprechende Voraussetzungen erfüllt; s.o.) vorbehalten. Selbst schuld, wer sich dran versucht, der kann nur verlieren. Denn gegen die Ausstrahlung von Graf Dracula am Steinway wirkt ein Müslipianist an einem selbstgezimmerten Nachbau eines Erard wie Renfield, der statt dem Blut schöner Frauen (die nur dem Meister selbst zustehen) Fliegen fressen muss.


    Das gilt nicht nur für Pianisten, sondern auch für Geiger und Cellisten (Seltsamerweise gilt dies nicht für Triangelisten, Harfenisten und Hornisten. Das hat aber mit der vorhandenen Musikliteratur zu tun). Geiger z.B. waren in schwarzweiß einfach technisch besser. Sollte heute einer technisch besser sein, dann ist er eine seelenlose Maschine und die Interpretation war früher voller Seele. Heute ist alles kalt und leblos. Warum? Weil wir einfach das Jahr 2000 überschritten haben. Mehr Grund braucht es nicht. Sollte eine heutige Aufnahme seelenvoll sein, dann ist sie kitschig. Eine Aufnahme eines Beethovenkonzertes von sachenwirma Hilary Hahn kann gegen eine Aufnahme des gleichen Konzertes von Heifetz unter dem Dirigat von Leonid Rhostdesdrashin und dem Komsomolsker Himmelfahrtsorchester von 1944 (edles mono!!!) nichts ausrichten. Schon gar nichts gegen Oistrachs Aufnahme aus dem Mutterbauch von 1908, die naturbedingt etwas rauscht, aber eine stupende Technik und ein Verständnis für Beethoven offenbart, dass einem speiübel wird vor Neid.


    Gesangstechnisch ist das natürlich nicht anders. Schöne Stimmen? Die hat es früher in jedem Tante-Emma-Laden von Flensburg bis Klagenfurt reihenweise gegeben. Da konnte man die Straßen mit pflastern. Da wuchsen die Wunderlichs auf den Bäumen. War ja auch kein Wunder. Wir hatten ja sonst nix. Kein Fernsehen rund um die Uhr, PCs oder Playstation. Da musste man noch alles selbst machen. Und heute? Gähnende Leere . Taucht ein passables Stimmchen auf, wird es schon aufgeblasen und als neue Hoffnung präsentiert, bis ihm die Luft ausgeht und schnell was Neues gesucht werden muss. Damals, als alles noch besser war, die Mark noch was wert und der deutsche Fußball tonangebend, ja da war die Klassikwelt eben noch in Ordnung.
    Und mit den Orchestern? Ist doch dasselbe. Sicher, es gibt heute sehr, sehr gute Orchester. Um es mit Franz Beckenbauer zu sagen, ist die Breite an der Spitze dicker geworden. Aber die Berliner oder die Wiener Philharmoniker, damals… da läuft einem doch das Wasser im Mund zusammen. Das Concertgebouw unter Mengelberg 1101, irgendwann kurz nach Canossa, das waren doch himmlische Zustände. Dagegen klingt heute alles nach Blaskapelle Hintertupfingen nach acht Maß Bier (pro Person).
    So werden Beethovensinfonien favorisiert, die aufnahmetechnisch eine Katastrophe sind. Wie man zwischen all dem Rauschen und Knacksen und Flakgeschütz einen Hauch von Interpretation ausmachen kann, bleibt ein Rätsel; ein Fall für Uri Geller.


    Und die Musik? Ist doch dasselbe. Spätestens nach Schostakowitschs, Brittens und Strawinskys Tod ist die produzierende Klasse der Klassischen Musik doch eigentlich ausgestorben. Für viele ja schon mit Straussens Ableben. Da muss man nicht viele Worte verlieren. Das spricht für sich selbst, so laut und deutlich, da muss man eigentlich nur zuhören…


    Und die Plattenfirmen? Ist doch dasselbe. Spätestens…. (Schrift wird undeutlich)


    Und das Publikum? Ist doch dasselbe. Wer hustend… (Schrift wird undeutlich)


    Und die Produzenten? Ist doch dasselbe. Legge…. (der ganze Thread wird undeutlich)…

    Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, Charisma jetzt eindeutig zu definieren, vor allem nicht, sollte rauskommen, dass Karajan per definitionem gar kein Charisma besaß :wacky:


    Und natürlich gibt es Menschen mit Charisma, und viele Dirigenten brauchen Charisma, wenn sie ein Bündel hysterischer und sensibler Menschen (ugs. Musiker) unter ihre Knute zwingen müssen. Der Vergleich mit Obama ist für mich insofern interessant, als dass ich dort die Erfahrung (völlig subjektiv) gemacht habe, dass Obama für mich kein Charisma besitzt, aber für ihn gezielt ein Charisma aufgebaut wurde (Charisma 2.1 für Windows?). Ich befürchte die Halbwertszeit seines Charismas wird die Dauer der Wirtschaftskrise nicht überleben, so wie das aufgeblasen wurde. Der Reifen platzt bald. Aber ich schweife ab...
    Vielleicht hat einiges auch damit zu tun, dass Klassische Musik nicht mehr diesen bildungsbürgerlichen Stellenwert hat, der einst Karajan und auch Bernstein mit eben diesem Charisma versorgte? Dasselbe gülte dann aber allgemein für Klassische Musik und ihre Träger. Wie sieht es mit dem Charisma der Callas aus? Und überhaupt, es gibt doch seit dreitausend Jahren keine geeigneten Wagnersänger mehr? War früher eh nicht alles besser? Sogar die Komponisten...

    P.S. Hab ich "gülte" geschrieben?

    Möglicherweise ist die Zeit einfach nicht mehr "charismageeignet"?... Ich sehe ja beinahe nirgendwo mehr irgendwelche "Überriesen", viele Sterne durchschnittlicher Helligkeit durchaus. Ist in der Politik doch ähnlich. In der Literatur ebenfalls. Und ich weiß nicht, ob ich das bedauern soll, dass es solche Ausnahmeerscheinungen nicht mehr gibt...