Beiträge von Blackadder

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    Als ich den Tanz der Polowetzer Mädchen hörte mußte ich schon stark mit mir kämpfen. Im Auto meines Vaters konnte ich es nicht mehr zurückhalten und fing an zu heulen. Mein Vater war erst etwas erstaunt und auf die Frage, was ich habe, brachte ich nur ein :"Es war so schön" heraus.


    Der Analytiker wäre fällig, wenn da stünde: "...ich habe, brachte ich nur ein: "Es war so schlimm" heraus" :baeh01:

    Ich bin ein Fan von Pinnock. Ich weiß, ziemlich unspektakulär, vielen zu trocken und akademisch, aber ich mag auch Tweedsakkos...


    Ach ja, da fällt mir ein: Eine weitere schöne Begleiterscheinung der HIPS sind die Namen der verschiedenen Ensembles, die an die Vorbilder gemahnen lassen: concert spirituel, la petite bande, etc...

    Vielleicht lags an denen, dass die Oboe zu einem meiner Lieblingsinstrumente wurde :P . Das Seltsame ist natürlich, dass mir jetzt andauernd dieses eine Stück nicht mehr aus dem Kopf geht, das wohl das Berühmteste von RV ist... Vielen Dank! *gg*


    P.S.: O Gott, über was reden wir hier eigentlich? :wacky:

    Ich oute mich mal: Ich hatte mir damals die Platte gekauft, auf der die ganze Rondosippschaft auf einem Raumschiff abgebildet war. Ich bildete mir ein, damit meine Vorliebe für das 18. Jahrhundert und die SF auf einen Schlag verbinden zu können. Ich unterstell mal folgendes: So manchen hat es dazu gebracht, mal bei Vivaldi reinzuhören... ohne Schlagzeug und Bass...

    Hmm... "richtig" scheint mir hier der falsche Ausdruck. "Populär" triffst vielleicht eher, oder das üble Wort "Zeitgeist", das zu 99% eine Metamorphose zu "Kitsch" durchlebt. Dass Karajan "state of the art" war, da gebe ich gerne meine Zustimmung. Aber vielleicht liegt ja da eben die crux? Wie gesagt, wer sehr zeitgemäß ist, wird schnell kitschig, wenn das Gegenteil die Oberhand gewinnt... Spätestens wenn Karajan wieder vom Zeitgeist rehabilitiert wird, dann sehen wir, wie kitschig Harnoncourt & Co. waren und sind :baeh01:

    Wie ich sehe, muss ich bei Kitschbetrachtung feststellen, dass man (!) hier aufs „man“ verzichten muss, und nur noch „Ich“-Aussagen tätigen sollte. Sicher bedeutet altertümlich nicht sofort Kitsch, aber das Sprungbrett ist definitiv bereitet. Etwas als Kitsch zu bezeichnen ist ja eine Abwertung, und das „altertümlich“ kann schnell da hin führen; „verzopft“ ist definitiv eine Abwertung und deshalb meine Überlegung dahingehend.


    Da aber gleich eine Frage meinerseits, die u.U. auch etwas mit Kitsch zu tun hat.
    Ich neige aus Vorurteilsgründen dazu, Konzertprogramme, die z.B Bach, Beethoven, Brahms beinhalten, so einzuschätzen, dass man Bach unterschwellig als Fingerübung benutzt und ihn ob seiner „Altertümlichkeit“ gering schätzt und so mancher in Gefahr kommt, ihn als „kitschig“ zu betrachten. Das heißt, ich unterstelle mindestens der Hälfte der Musiker, ihn nicht ernst zu nehmen, um bei Brahms dann aufzublühen. Geht das jemandem genauso oder bin ich einfach so verstockt reaktionär?


    Zitat

    Stokowski wurde hier lediglich bezugnehmend auf seine Bachbearbeitungen genannt, nichts weiter. Und diese wurden - zumindest von mir - nicht als Kitsch, sondern als überflüssig bezeichnet.


    Im Übrigen habe ich Stokowski auf die Schlachtbank geführt, was keine Absicht war, oder vielleicht doch. Ich halte auch Karajans Bachinterpretationen für Kitsch, weil´s nicht rumpelt sondern nur wabert *gg* Aber das Thema hattet ihr ja schon…


    So, und jetzt schlagt mich, ich brauch´s :jubel:

    Da kommt mir noch ein enzyklopädischer und wahrscheinlich angreifbarer Gedanke, aber mir kommts heut nur so :baeh01:
    Kitsch ist ja erstmal eine Sache der Wahrnehmung (man kann ja schließlich nur „wahr“nehmen und nicht „falsch“nehmen) und erst in zweiter Linie etwas dem Gegenstand Angehöriges. Ein Lamahirte aus den Anden, der noch niemals Beethoven oder Clayderman gehört hat, wird gar nicht das Rüstzeug besitzen, und kann ergo gar nicht „natürlich“ Kitsch erkennen, bzw. etwas als Kitsch verurteilen. Allein der Umstand, jetzt in einem Satz Beethoven und Clayderman geschrieben zu haben, hat etwas Frappierendes. Es war so, als ob sich meine Finger, von meiner bildungsbürgerlichen Arroganz genährt, geweigert hätten, beiden Namen in einer Zeile zu schreiben :wacky:
    Die Verurteilung von Kitsch ist also auch immer eine Sache des Bildungsstandes. Darüber hinaus auch eine bewusste Abgrenzung des Individuums eines ihm fremden Weltbildes, oder als Bestätigung seines „höheren“ Bildungsgrades benutzt.

    Auf keinen Fall will ich Stokowski als Kitschmaestro darstellen, im Gegenteil, trotz vorliebe für HIPS mag ich seine Aufnahmen mit Gould sehr, sehr gerne...
    Aber mir kommen gerade (für den ein oder anderen) ketzerische Gedanken in den Sinn. Die "wahre" klassische Musik ist ja apriori kitschfrei, jedenfalls entsteht der Eindruck so bei Laien, wobei ich kein Experte bin, sondern sowas wie ein "kompetenter User"... Kitsch, so scheint es mir bei Durchsicht des bisher Geschriebenen, ist wohl sehr stark in einem zeitlichen Kontext zu betrachten. "Papa Haydn", um ein Beispiel zu nennen, wurde wohl nicht nur lange Zeit als langweilig, sondern auch als "verzopft", sprich kitschig, angesehen.
    Je mehr eine Vorstellung, und sei es eine falsche, sich wie Meme verbreitet (z.B. Wagners Walküren, Brunhildes mit ausladenden Körperteilen, behelmt etc..), umso anfälliger ist sie anscheinden für Kitsch. Möglicherweise ist die "Beggar`s opera" eben auch eine Antwort auf den italienischen "Kitsch" Händels gewesen. Was wir heute nicht unbedingt nachvollziehen mögen.
    Je volkstümlicher diese Vorstellung wird, und sei sie noch zu falsch, desto anfälliger. Vielleicht auch das ein Grund, warum Musicals und Operetten für mich erstmal immer kitschverdächtig sind (Ja, da sollen mich manche hauen, aber Vorurteile sind nicht immer schlecht :baeh01: )

    Beim vor kurzem noch unerkannt hier stöbern und durch die Laune des Finanzamts mit Geldmitteln versehen hielt ich mich an Gerrits Empfehlung


    Zitat

    Empfehlen gerade für diese sechs Quartette von Haydn (eigentlich für alle wenn erhältlich) würde ich aber das Quatuor Mosaique auf Astrée.


    Und siehe da, sie gefällt mir wunderbar :jubel: :jubel: :jubel:

    Mein Avatar zeigt den Komponisten Edmund Blackadder (16. Jhdt.). Verfasser solcher ergreifender Werke wie "The Rain it Raineth Every Day", "Hey Nonny, I Love You", "My Love is a Prick (On a Tudor Rose)", "Hot Sex Madrigal in the Middle of my Tights" u.v.a. :baeh01:


    Auch wenn es eigentlich für die Rubrik "Hörbücher" bestimmt war (ich werde da was eigenes posten) möchte ich allen Bernhard-Einsteigern diese Lesung von Thomas Holtzmann empfehlen. Ich finde den Schauspieler Holtzmann an sich schon genial, und seine Lesungen sind es nicht minder. Mit dem Buch bewaffnet, mitlesend, hilft er über die Absatzlosigkeit spielend hinweg..

    Ja, okay, da ist meine Aussage zu unscharf. Da geb ich Dir Recht. Spreche ich lieber von offen kalkulierter Wirkung, vielleicht von der einzig beabsichtigten Wirkung, verbunden noch mit der breitesten Streuung des Effekts...

    Da fand ich doch zwecks Definition bei wikipedia folgendes Bedenkenswertes:


    Jemand der Kitsch herstellt, ist nach Broch "nicht einer, der minderwertige Kunst erzeugt, er ist kein Nichts - oder Wenigkönner … er ist kurzerhand ein schlechter Mensch, er ist ein ethisch Verworfener, ein Verbrecher, der das radikal Böse will. Oder etwas weniger pathetisch gesagt: er ist ein Schwein."


    Hoho...


    In der Tat ist Kitsch schwer zu fassen, aber nie ist der zu kritisieren, der Kitsch konsumiert, sondern der, der sie "kalkuliert" herstellt. Der offen gewollte Sehnsuchtsfantasien anspricht. Das heißt aber auch, dass es Kitsch gibt, das einstmals Kunsthandwerk war und dann zu Kitsch verkam.


    Musikalisch gesehen sind Stokowskis Bachbearbeitungen totaler Klangkitsch, aber sie waren nie als kalkulierter Kitsch gedacht. Oder? ?(