Beiträge von kurzstueckmeister

    Das ist natürlich irgendwo auch richtig. Wenn man nun keinen Zugang zu einem Stück findet, wird man es eher nicht auf der täglichen Wiedervorlage haben. Aber hin und wieder probiere ich schon den Chopin, muss aber regelmäßig bei den Mazurken die weiße Fahne hissen ...

    Eben, nicht täglich sondern eher alle paar Jahre mal. "Generation Kill" von Prins ist ein wunder Punkt bei mir (wie bei Dir auch ...) aber ich habe es erst 1-2x probiert. Nächstes Jahr wieder, versprochen!

    ;)

    Ich sammle nun schon seit langer Zeit verhältnismäßig systematisch Repertoire an westlich geprägter "klassischer" Musik, und so gibt es natürlich vieles, das eher nur flüchtig an mir vorbeigerauscht ist. Das bisschen, was an antiker Musik überliefert ist, konnte tatächlich noch gar nicht zu mir sprechen - ich weiß aber auch nicht, wieviel das, was man da zu hören bekommt, mit der damaligen Musik wirklich zu tun hat. Die "Gregorianik" hat mich auch noch nicht zu begeistertem stundenlangem Hören verführt, allerdings kann ich da schon die Schönheiten z.T. erkennen. Ab der Mehrstimmigkeit widerstrebt mir eher, wenn ich die Interpretation gar nicht mag, und maches gibt es nur einmal aufgenommen. Ein Stück, mit dem ich immer wieder Anläufe unternommen hätte und es spräche immer noch nicht zu mir, fällt mir nicht ein.

    Sagen wir, überholt sei der Dogmatismus. Ich habe aber schon den Eindruck, dass nur noch wenige Komponisten sich an den Serialismus herantrauen ... Wer weiß, vielleicht kommt ja wieder eine Zeit ...

    Vielleicht ist das nur eine Problematik des Vokabulars. Im Deutschen meint man mit seriell, dass Reihen nicht nur - wie in der Zwölftonmusik - für Tonhöhenorganisation verwendet werden. Im Englischen meint "serial" sowohl klassische Dodekaphonie als auch die 50er-Jahre-Strömung, um die es in diesem Thread geht (insofern ist die Liste oben von Hurwitz eventuell etwas falsch platziert und es sind einige dabei, die nie seriell - in unserem Sinne - komponiert haben). Wenn man aber als das Entscheidende des Seriellen die Strategie auffasst, dass Kompositionstechniken gleichermaßen auf Tonhöhen wie auf Dauern/Lautstärken etc. angewandt werden, dann hat dieses Entscheidende natürlich das Abgehen der Komponisten von den Reihen überlebt und ist wohl immer noch aktuell. Wenn computergestützt komponiert wird mit irgendwelchen Modellen (die nur eben keine Zahlen-Reihen sind), dann halte ich es für naheliegend, dass das Erbe des Serialismus, die verschiedenen Parameter auf ähnliche Weise zu behandeln, immer noch recht verbreitet ist. Es ist also die begriffliche Abgrenzung, die den Eindruck erweckt, der Serialismus sei eine kurzatmige Sache gewesen.


    (Auch John Adams ist Post-Minimalist - könnte man im Nachbarthread einwerfen, wer war schon wann Minimalist im engeren Sinne?)

    Zum Unverständnis, was den Gewinn der Überforderung betrifft: Man kennt das auch aus älteren Virtuosenstücken, dass es nicht so ideal ist, wenn es klingt, als müsste sich der Interpret nicht ordentlich anstrengen, es klingt dann eventuell zu beiläufig, glatt. Hier wird das auf die Spitze getrieben. Interpreten reagieren unterschiedlich - mit Neue Musik Erfahrene improvisieren souverän den Text entlang (Arditti-Quartett), was allerdings die Überforderung dann auch nur vortäuscht, da sie letztlich wohl gar nicht anstreben, alles exakt zu spielen. Das Ergebnis ist ja trotzdem toll, ich habe gar nichts gegen Ferneyhough ...

    Pionier der seriellen Musik in Europa war Karel Goeyvaerts, der in engem Austausch mit Stockhausen stand, aber vor Stockhausen erste serielle Werke geschrieben hat (Ausgangspunkt war Messiaens berühmte Studie aus den quatre etudes de rhythme - Messiaen selbst war kein Serialist).

    Goeyvaerts Ziel war aber eher eine Art Trance-Musik und da war dann die serielle Methode doch nicht die richtige und er machte - wie so viele - dann einen Knick in seine Stil-Laufbahn.

    Die frühen Werke gab es mal auf CD:

    https://www.amazon.de/Serial-W…yvaerts%2Caps%2C53&sr=8-5

    Boulez ist nicht Serialist geblieben sondern arbeitet später mit anderen Elementen in ähnlicher Weise wie vorher mit Reihen (Serien). Man nennt das "Postserialismus". "Eclat" ist ein sehr schönes Beispiel dafür (habe mal eine Analyse dazu gelesen). Insofern ist natürlich der Vorwurf, der Serialismus sei eine Eintagsfliege gewesen, nicht haltbar, da sich verschiedene Dinge daraus entwickelt haben, so wie das immer ist. Die serielle Phase im engeren Sinn war aber für die bedeutenden Vertreter dieser Musik tatsächlich relativ kurz, vielleicht so um die 10 Jahre. Bei Babbitt nehme ich an, dass das Spätwerk auch postseriell ist, müsste ich ins Booklet schauen.


    Keimzellen der Minimal Music wären #7 und #9, vielleicht auch #15?

    Auch in Amerika gibt es die Richtung "Ruhe statt Puls", schon seit 1959 mit dem oben benannten "November" von Dennis Johnson, oder den frühen Stücken von Peter Garland auf der CD-Box, die ich oben verlinkt habe. Das ist allerdings weniger "heilig" als im Osten. Die Zentralfigur am Beginn des Minimalismus ist wohl La Monte Young, der von Cage ausgehend bekannte FLUXUS-Stücke schrieb, die "Compositions", in denen z.B. eine Quint lange auszuhalten ist (das ist das ganze Stück).


    FLUXUS (Alfred ist uns Wurscht)

    Der erste serielle Komponist soll ja der Amerikaner Milton Babbitt sein, der im Laufe seines Schaffens auch nicht so weit sich davon entfernt hat wie manche andere (wiewohl Postserialismus ja nun auch nicht mit Postmoderne zu verwechseln ist ...)

    Am besten gefällt mir nach wie vor die Kombination von Streichorchester mit Tonband, die es mit den Chicagoern unter Levine auf Deutsche Grammophon geschafft hat:

    https://www.deutschegrammophon…ter-babbitt-schuller-6498

    Seinen Weg kann man hier erahnen:

    Ich weiß das nur mündlich von Musikern und Musikwissenschaftlern, die Probenarbeit mit Ferneyhough gesehen haben/Ferneyhough vorgespielt haben/Ferneyhough beforscht haben, z.T. über Ecken, aber die Aussage ist stets dieselbe: Stockhausen störte sich an jeder kleinen Abweichung, Ferneyhough war auch von sehr grober Annäherung begeistert, hingegen eine perfekt realisierte Darbietung war ihm zu spannungsarm (das Arditti-Quartett spielt natürlich auf der Aufnahme überhaupt nicht präzise das, was dasteht, sondern gestaltet sehr frei, während Stockhausen-Interpreten, oft keine großen Namen, große Genauigkeit erreichen konnten). Bei Ferneyhough ist der Reiz des überfüllten Notenblatts wichtig, bei Stockhausen lauscht der Hörer am besten im Dunkeln.


    Das ist auch folgerichtig, da Ferneyhough im Gegensatz zu Stockhausen dekonstruktivistisch vorgeht, und so wie die Schichten der Komponierarbeit einander stören, so soll sich der Interpret am "unmöglichen" Notentext reiben. Bei Stockhausen hingegen gibt es doch so etwas wie eine Harmonie der Konstruktion, alles aus Einem, und in seiner Vorstellung auch vom Hörer erkennbar - zumindest die "Gruppen".


    Ich habe jetzt kurz in "google books" hineingesurft und sehe nichts, was dem widersprechen würde.

    Ein weiteres Beispiel wäre das Werk von Klaus K. Hübler von 1981 bis 1989, als er aus gesundheitlichen Gründen das Komponieren für längere Zeit unterbrechen musste. Er notiert die Hände der Spieler extra, d.h. bei Streichern gibt es eine eigene Notenzeile für die Griffhand und eine für die Bogenhand, bei der auch Druck etc. detailliert angegeben wird. Manche Stücke sind dann auch weniger als 2 Minuten lang, da drinnen drängt sich dann die Information: Opus breve für Cello und Reißwerk für Gitarre.

    Ich glaube auch, dass Bachsche Kontrapunktik und minimalistische Phasenverschiebungen ähnliche Probleme stellen was Motivik und Rhythmik angeht. Ich hatte aber noch nie Schwierigkeiten Werke von Bach und Glass auseinanderzuhalten ...


    Wie so häufig, wird es natürlich auch hier sein. Jünger der reinen Lehre sterben aus oder aber wandeln sich, aber die Technik findet Eingang in neuere Kompositionen

    Also ich sehe bei Bach wie bei Riley und Reich das Bemühen, dass auf jeder Sechzehntel (oder Achtel) jemand einen "Anschlag" hat, das ist bei Bach ja sogar bei den Chorälen so, mit dem Resultat einer kontinuierlichen Impuls- oder Informations-Fortsetzung, während es sonst üblich ist, dass nicht ständig das Raster "befüllt" wird. Das "Problem" wäre insofern dasselbe: Der Komponist will auf jede Sechzehntel/Achtel irgendeine "Action". Ich muss zugeben, dass mich das bei Bach mitunter genervt hat, wieso hatte er diese Marotte?

    Noch ein bekanntes Werk der Neuen Musik mit E-Gitarre:


    Louis Andriessen: De Staat (Der Staat, Text von Plato, 1972-1976), 2 Sopranistinnen, 2 Mezzosopranistinnen, 4 Oboen (3., 4. + Englischhorn), 4 Hörner, 4 Trompeten, 3 Posaunen, Bassposaune, 2 Harfen, 2 E-Gitarren, 4 Geigen, Bassgitarre, 2 Pianos


    https://www.amazon.de/Staat-L-…n+staat%2Caps%2C63&sr=8-4


    Vielleicht das berühmteste Werk des Minimalismus außerhalb Amerikas und des Baltikums.

    Also mit der Übung und dem Gelingen: Manches dauert SEHR lange, Renaissancemusik ist erst reingegangen, als ich monatelang mir auferlegte NICHTS anderes zu hören, Gregorianik ist immer noch eher im Embryonalstadium. Man muss es wohl schon wollen, und einige Stunden Bildungs-Berieselung durchhalten, während der man nicht begeistert ist. Meine Annäherung an die Rockmusik geht auch sehr langsam, das mache ich eher homöopathisch, deshalb geht da auch kaum was weiter.

    Wohl so etwas wie "Übung": Bei Sachen, die ich nicht mag, obwohl sie berühmt sind, erkundige ich mich, warum sie berühmt sind, und versuche dann die Vorzüge hörend zu erfahren. Damit haben sich sehr viele Vorlieben und Abneigungen abgeschliffen zu Gunsten einer zwar "professionelleren" aber zugegebenermaßen weniger "leidenschaftlichen" Musikrezeption.

    :)

    Ich mochte früher auch lange Zeit Gesungenes nicht so. Ich habe das als abstoßend aufdringlich empfunden, während ich mich mit Instrumentalmusik identifizieren konnte, war die Stimme etwas "von außen", quasi jemand, der mir irgendwas aufzwingen will, wenn ich das nachträglich zu analysieren versuche.