Beiträge von kurzstueckmeister

    Wenn es etwas moderner wird, wie bei den Zwölftönern Alan Bush oder Humphrey Searle, oder bei Komponisten, die vor allem weniger beliebte Besetzungen gepflegt haben wie die Liederkomponisten Ivor Gurney oder Peter Warlock, dann wird es auch bei britischen Komponisten schnell sehr übersichtlich, auch wenn sie in den großen Lexika vielleicht ähnlich geschätzt werden wie etwa Herbert Howells, dessen üppige Diskographie mich jedesmal verblüfft.


    England als Vorbild sollten wir uns nehmen etwa beim Österreicher Max Brand, von dem zwar wegen seiner Biographie auf der Flucht wenig erhalten ist, dessen Maschinist Hopkins aber zu den erfolgreichsten Opern seiner Zeit gehörte. Davon gibt es zwar eine Aufnahme, die unter dem ORF-Label zu bekommen war, aber selbst eine Wiederauflage halte ich nicht für sehr wahrscheinlich.

    In Bielefeld kam nach H. v. Bingen und Scelsi dann Beethovens 9. Das ist der richtige Weg! Dazu braucht es allerdings Mut und Fantasie der Konzertveranstalter.

    Dieses Epochen-Hopping mag ich gar nicht. Zum Glück bleiben die Museen meistens dabei, das zusammen zu lassen, was entwicklungsgeschichtlich zusammengehört. Hängungen nach Thema statt Schule/Epoche sind mir ein Gräuel.

    "Vorteil"?

    In ihrer desillusionierenden Depressivität, in die die Musik des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts in der Tat zuweilen verfällt, reflektiert sie moderne Lebenswelt und Daseinsbefindlichkeit.

    Geht dann der angesprochene "Vorteil" nicht einher mit einer Flucht aus derselben, - Flucht in eine Welt der "alten Musik", in der man als Rezipient derselben wie in einem wohlgeordneten barocken Garten vergnüglich umherspazieren kann, ohne Gefahr zu laufen, auf erschreckende Weise angesprochen und zu Erkenntnissen über sich selbst und die eigene Lebenswelt gebracht zu werden?

    Ich schrieb generell von Kunst - ich nehme an, dass Du relativ wenige von der europäischen Kritik hochgeschätzte Filme siehst? Wenn 90% davon den Betrachter an den Rand der Depression manövrieren - so wie es in der Musik etwa Bernd Alois Zimmermanns "Requiem für einen jungen Dichter" oder Luigi Nonos "Come una ola de fuerza y luz" tun - dann führt das natürlich dazu, dass man sich das nicht täglich geben möchte.


    Diese Depressionsgeilheit reflektiert natürlich insofern nicht die moderne Daseinsbefindlichkeit, als nicht 90% der Bevölkerung an Depressionen leidet.

    :)

    Die "Flucht" aus den Alltagssorgen und dem eventuell empfundenen Sinnmangel ist aber für das 20./21. Jahrhundert auch sehr üblich.

    Ich nehme ja die Bedeutung der historischen Avantgarde-Bewegungen zur Kenntnis, aber ich finde das alles furchtbar naiv, der Betrachter soll durch den Unsinn in der Kunst so provoziert werden, dass er erkennt, dass seine eigene bürgerliche Denkweise unsinnig ist - das funktioniert natürlich nicht. Und Marinetti halte ich einfach nicht aus, mit seiner Begeisterung für Krieg, Zerstörung, Unterdrückung und seiner Herrenmenschenmasche, da sind mir die dadaistischen Kollegen schon lieber. Musik gibt es fast keine aus der Avantgarde-Richtung, am ehesten André Souris

    der ja verblüffend unbekannt ist, und das eine oder andere von Satie (z.B. der eine Takt, der endlos wiederholt wird). Außer, man nimmt die Äußerungen von Schwitters als Musik

    (Ursonate)


    Bei aktuellen Streichquartetten - vielleicht ist Lachenmann auch in dem Sinn Avantgardist, als er den bürgerlichen Konzertbetrieb entlarven will und die Hörer provozieren? Aber ich habe das immer nur als anregende und verblüffend "neue" Musik gehört, ganz ohne Avantgarde-Hintergedanken.

    Du hast Dich jetzt allerdings gar nicht damit beschäftigt, was "Avantgarde" eigentlich bedeutet. Wenn man Fachbegriffe alle nur als Schubladen auffasst, dann verwendet man sie vielleicht wirklich besser nicht. Du kannst ja auch sagen, Du gehst in ein Konzert mit Geräuschen.

    :P

    Wo bei mir "ganz nett" schon genügen würde

    Da sind wir uns einig - nur wird dieser Begriff immer wieder von Leuten verwendet, die damit ausdrücken wollen, dass sie etwas nicht für lohnend halten, weil sie offenbar nur - hm - Aufregendes(?) hören oder spielen wollen.


    Gossec ist natürlich ein vergleichsweise recht gewichtiger Komponist, wenn man allerdings sonst nur Haydn spielt, ist er quasi wiederum "belanglos".


    Ich habe neben dem Requiem ein paar Sinfonien (mit dem Concerto Köln), die stilistisch eine recht große Bandbreite abdecken. Mir fällt auf, dass ich in den letzten Jahren diese Generation kaum gehört habe und keine frischen Höreindrücke auf Lager habe.

    Ich habe versucht, herauszufinden wo denn die Schwachpunkte liegen und bin zum vorläufigen Schluss gekommen, daß einfach existierende Kontraste übertrieben werden. Irgendwie scheint das Bedürfnis zu bestehen einen überschuss an Temperament loswuwerden - meist nich zugusnten des Werkes.

    Kann sein, oder man fürchtet, dass das Stück sonst nur als "ganz nett aber nichts Besonderes" empfunden wird - siehe die Kritik auf jpc - und durch das "Herausarbeiten" von Kontrasten und durch "wildes" Spiel trachtet man zu verhindern, dass es "nett" klingt.

    Ich habe kürzlich beim Durchhören von dieser Box

    seit Ewigkeiten wieder das mir nur extrem flüchtig bekannte Stück gehört, und nachdem ich von Tschaikowskys Hauptwerken wie den Sinfonien (inklusive Manfred) sehr angetan war, war dieses Stück eine Enttäuschung - dass es ein minderes ist, hatte ich erwartet, aber das fiel bei mir jetzt komplett durch, kein Wunder, dass Tschaikowski sehr unglücklich damit war.

    Ich bin ja auch der Meinung, dass Neue Musik nicht zwingend Depressionen hervorrufen soll, insofern habe ich auch nicht unbedingt was gegen das, was ich da jetzt "Neue Wohlfühlmusik" genannt habe, Dusapin hat sich ja offenbar gegen "Hiroshima Musik" gewandt, insofern ist "Wohlfühlmusik" sein Programm.


    In meinem CD-Regal vielleicht auch Mayke Nas "No reason to panic" (2007) ... also virtuose Musik mit Bedacht auf Wirkung, atonal aber unbewölkt.

    Ist ja kein Problem, man schreibt in solchen Fällen besser "klingt wie Spektralmusik" oder "klingt wie Zwölftonmusik", wenn man es nicht wirklich weiß. Ich habe von Dusapin nur 2 Stücke gehört, eines hätte ich in der "neue Einfachheit"-Schublade deponiert, das andere in der "virtuose Neue Wohlfühlmusik", nichts, was an Grisey oder Murail erinnert hätte. Du nennst als Komponisten, an die Du Dich erinnert fühlst, ja auch nicht Grisey/Murail/Dufourt/Hurel/Levinas.

    Habe noch weitere gefunden:

    Eines, das Dusapin bei spektraler Harmonie sieht:


    "Agobet, now in his mid-thirties, is rooted in a post-Xenakis and Ligeti soundworld, with strong inflections of Spectral harmony via his appreciation of Murail and Dusapin."


    und eines, das ihn offenbar nicht dort sieht:


    "P . Hurel représente l ' héritage spectral de 1950 et P . Dusapin est l ' héritier de I . Xenakis . C . Nancarrow , C . Ives et H . Radulescu ont été sélectionné par L . Bayle pour représenter « d ' autres horizons esthétiques » ."

    Dein Nachweis dürfte eher wertlos sein. Solange mir da nichts Konkreteres kommt, halte ich das einfach für eine Fehlzuordnung von Dir.


    Ich habe mal in google books die Suchworte Dusapin und spektral eingegeben. Konkretester Fund:


    "Le jeune Dusapin ne s'intègre cependant pas à ce courant spectral et si l'emploi des micro-intervalles est aussi systématique dans ses premières œuvres que dans celles de l'Itinéraire, c'est sans doute pour des raisons différentes, ..."


    Legt nahe, dass Dusapin nie Spektralist gewesen ist. (Von dem, was ich gehört habe, wäre ich auch nicht auf die Idee gekommen.)


    Auch im Fund in

    Music, Society and Imagination in Contemporary France, Band 8

    wird Spektralmusik gemeinsam mit serieller Musik genannt, um Dusapins Arbeitsweise davon zu unterscheiden.


    Ich bin etwas überrascht, dass Du selbst nach meinem Hinweis einfach weiterhin so tust, als wäre Dusapin Spektralist.

    ja, bei nedbals polenblut war's eher die musik, bei eyslers künstlerblut eher der text, was mich mehr unterhalten hat (bei nedbal war in der aufnahme allerdings nicht viel text).

    beides historische aufnahmen der 50er/60er.

    [am]B00B8O5AZW[/am]

    dass das nicht die größten stars sind, weiß ich, ich kenne ferner offenbach, suppe, strauß, lehar, benatzky, o straus. kalman und fall sollten noch sein und lehar in aufnahmenform.

    Abgesehen von der Fledermaus wirkt Operette oft furchtbar altmodisch (Musik und Ausdruck des Lebensgefühls) oder albern (Dialoge, Handlungstempo) auf mich. Ich versuche, das als meinen Fehler aufzufassen, und habe kürzlich Exemplare von Edmund Eysler und Nedbal konsumiert - mit gemischten Gefühlen. Immerhin habe ich mich streckenweise sehr amüsiert.

    Deine Oktavparallelen taugen aber ebensowenig wie Deine Albertibässe, um Stimmung dafür zu machen, dass eh alles nur subjektiv ist, und Deine Abneigung gegen Alberti-Bässe genausoviel Gewicht hätte wie das Neue Handbuch der Musikwissenschaft.


    Dass Alberti-Bässe aus Gründen der "Einfallslosigkeit, Faulheit, Ersparnis lästiger Schreibarbeit" eingesetzt wurden, ist natürlich auch jetzt eine ganz tolle Theorie, nicht wahr. Kannst Du das irgendwie belegen/argumentieren? "Man besehe sich nur einmal die Manuskripte derartiger Werke" gilt nicht.

    Ich stelle mal den Gedanken in den Raum, daß eine reale vergleichende Bewertung kaum möglich ist, weil eben die Zeit und das Umfeld der Bewertung eine Große Rolle spielt, man lese die durchaus fundierten Kritiken von Hanslick durch, dessen Urteil auf dem Höhepunkt seiner Karriere mehr oder weniger Dogm war. Man lese auch Einschätzungen von Werken in alten Musiklexika - und vergleiche sie mit heute. Auch heutige Bewertungen sind nur eine Zeitaufnahmen, die dereinst wieder verworfen werden könnten - und (hoffentlich) teilweise auch werden.

    Klar, dazu kommen die regionalen Unterschiede, die Unterschiede der Bewertungen getätigt durch Musikwissenschaftler und Musiker und natürlich die Tatsache, dass jeder von ihnen seine individuelle Version hat, die nicht frei von Subjektivität ist.


    Trotzdem ist für mich, wenn es hier um Bewertung gehen soll, natürlich die zu abstrahierende "Bewertung der Fachwelt" gemeint, nicht Bachianers Alberti-Allergie.;)