Beiträge von Kurt Fischer

    Renato Capecchi ist ganz eindeutig einer meiner Lieblingssänger im italienischen Fach, sowohl im dramatischen Bereich, wie auch als Buffo. Ganz allgemein hat mich schon immer seine Vielseitigkeit beeindruckt, er gehört zu den Sängern, die sich nur sehr schwer in eine Schublade einordnen lassen.


    Ich tue mir allerdings schwer, ihn als Bariton zu sehen, für mich war er immer eher ein Basso cantante mit sonorem Fundament, dessen Stimme sich dann aber - im Gegensatz zu vielen Kollegen - mühelos höher und immer höher schwingen konnte, fast als gäbe es da keine Grenze.


    Harald hat ja schon auf einige dramatischere Rollen hingewiesen, den Rigoletto etwa, ich denke da auch noch an den Jago unter Santini mit Mario del Monaco und den Riccardo in den Puritanern unter Bonynge. Also Rollen, die z.B. auch Tito Gobbi sang. Und im direkten Vergleich mit diesem auf seine Art ebenfalls einzigartigen Sänger wird ein wesentlicher Unterschied deutlich: Capecchi blieb trotz aller Dramatik und Leidenschaftlichkeit im Ausdruck immer ein Belcanto-Sänger, d.h.seine Töne klangen immer auch schön. Anders als Gobbi oder auch Boris Christoff opferte er den Schönklang und die Exaktheit seines Singens eben nicht dem Ausdruck.


    Das bedeutet aber jetzt keinesfalls,dass er etwa ein unbeweglicher Rampensteher war, der sich nur auf seine Tonbildung und sonst nichts konzentrierte, sondern er war durchaus auch agiler Schauspieler auf der Opernbühne. Extremstes Beispiel dafür dürfte sein Dottore Bartolo unter der Regie von Dario Fo gewesen sein, der den Barbiere von Sevilla kurzerhand nach Bella Venezia verlegte und ein grandioses Karnevalsspektakel draus machte, wobei er die Sänger bis aufs Äußerste forderte und sie zu derart akrobatischen Einlagen animierte, dass man sich unwillkürlich fragte, wo sie noch den Atem zum Singen hernahmen. :D


    Und der damals auch nicht mehr ganz junge Capecchi vornedran, das war echt eine Lust anzusehen.


    Wobei ich jetzt gar nicht sagen könnte, ob ich diesen vielseitigen Sänger jetzt als Figaro oder doch lieber als Bartolo höre. In Bruno Bartolettis Aufnahme liefert er einen Maßstäbe setzenden Figaro ab: Neben seiner gesanglichen Leistung nicht zuletzt, indem er diese meiner Meinung nach sehr schwierig zu gestaltende Rolle sehr gut im Griff hat und die Balance zwischen Ernst und Buffo-Blödelei souverän trifft. Auf Anhieb fällt mir da momentan nur Hermann Prey ein, der ihm in dieser Hinsicht das Wasser reichen konnte.


    Sehr beeindruckt hat er mich auch in der schon erwähnten Aufnahme von "I Puritani" unter Bonynge. Seine nur scheinbar leicht klingende, aber unglaublich schwer zu singende Arie gleich zu Anfang der Oper bewältigt er mit enormer stimmlicher Souveränität. Was bei anderen läppisch oder langweilig klingt, oder gequält, falls die stimmlichen Mittel nicht reichen, wird bei Capecchi zu einer beindruckenden Synthese aus Ausdruck und Schönklang, Bellini, wie er klingen sollte. Und im großen Duett mit Giorgio, gesungen von Ezio Flagello, geht dann die Post mit Trompeten und Posaunen ab. Wobei ich den Eindruck habe, dass die Stimmen der beiden Sänger besonders gut harmonierten.


    Naja, ich höre jetzt lieber auf, sonst komme ich noch ins Schwärmen. :D
    Auf jeden Fall kann ich jedem Liebhaber schöner Stimmen diesen Sänger nur ans Herz legen. Meiner Meinung nach gehört er eindeutig zu den unterschätzten Künstlern seiner Epoche, wobei ich allerdings keine Ahnung habe, woran das liegen könnte. Spielt im Grunde aber auch keine Rolle mehr, da wir dank Tontechnik diesen großen Sänger jederzeit hören können, wenn uns danach verlangt. Glücklicherweise. :)

    Vielen Dank an die Vorschreiber für die Infos über diesen großen Sänger, den ich seit langem sehr schätze. Ähnlich Harald habe auch ich ihn zum ersten Mal als Baldassare in "La Favorita" gehört und hielt ihn aufgrund der sonoren und zugleich samtigen Stimme für einen schwarzen Sänger. Umso überraschter war ich dann, als ich zum ersten Mal ein Foto von ihm sah und er sich als weißer Amerikaner entpuppte. ^^


    Am hervorragenden Porträt von Joseph II. habe ich nur eines auszusetzen: die Bezeichnung Bass-Bariton. Stimmt in gewisser Weise natürlich, trifft es aber dennoch nicht ganz so recht, denn Jerome Hines war wie nur ganz wenige seiner Kollegen ein "kompletter" Sänger über mehrere Stimmfächer hinweg. Also sowohl ein "richtiger" Basso profondo, etwa als Sarastro oder Padre Guardiano, ebenso aber auch ein sehr volltönender Basso cantante, mit unglaublich langem Atem und sonorem Klang, z.B. als Banquo oder Fiesco. Auch im Baritonfach war er sehr vielseitig, wie sich aus der Rollenaufzählung leicht ablesen lässt, und ging damit weit über das schwere Heldenbaritonfach hinaus, das man einem Bass seines Kalibers am ehesten zutrauen könnte.


    Gerade sein Mephisto (auf YouTube sind einige Aufnahmen zu finden) ist von einer geradezu lasziv dämonischen Eleganz, die so gar nichts vom oft so biederen unsensiblen Röhren tiefer Bässe an sich hat, die mit ihrer Stimmgewalt protzen wollen.


    So auf die Schnelle fällt mir nur ein Basskollege ein, den ich hinsichtlich dieser Mischung aus Vielfältigkeit, Stimmschönheit und Stilgefühl in einem Atemzug mit Hines nennen könnte: Cesare Siepi. Auch bei ihm trafen sich Schönheit, Leichtigkeit und Eleganz des Singes mit einer gewaltigen Bandbreite des Repertoires.


    In mancher Hinsicht bietet sich auch ein Vergleich mit Samuel Ramey an, der in gewisser Weise ja sein Nachfolger wurde. Aber obwohl auch Ramey sehr vielseitig ist, legere Eleganz sein eigen nennt und mit einer unerreicht flexiblen Stimme gesegnet ist, sträubt sich alles in mir, ihn auf eine Stufe mit Hines (oder auch Siepi) zu stellen. Wo Hines steht wie ein Turm, flattert Ramey wie ein Windfähnchen, überspitzt ausgedrückt. ;)
    Aber dieser Eindruck liegt vielleicht ganz einfach an meinem Geschmack und der Tatsache, dass ich nicht gerade ein glühender Fan von Ramey bin, andere werden das vermutlich ganz anders sehen.


    Wie auch immer: Für mich gehört Hines zu den ganz Großen und ich finde er wird unter Opernfreunden oft stark unter Wert gehandelt. Liegt vielleicht auch nicht zuletzt daran, dass Aufnahmen von ihm auf dem europäischen Markt gar nicht so leicht zu finden waren. Umso mehr freut mich dieser Thread. Deshalb nochmals danke.

    Ich zähle auch ganz eindeutig zu den Liebhabern bzw. Verfechtern von Stimmportraits. Die Frage "Einzelarie oder Gesamtaufnahme?" stellt sich in vielen Fällen nämlich gar nicht, besonders für einen Liebhaber historischer Aufnahmen wie mich. Oft existieren nämlich nur einzelne Ausschnitte aus kompletten Opern, besonders wenn es sich um eher selten gespielte Werke handelt, die ihre Berühmtheit nur ganz bestimmten Arien verdanken.


    Dazu kommt, dass so ein Stimmenportrait eine sehr einfache und vergleichsweise kostengünstige Möglichkeit darstellt, die oft beachtliche Spannweite eines Sängers kennen zu lernen, und dabei denke ich beileibe nicht nur an den Stimmumfang.


    Ich habe da z.B. ein Portrait von Hermann Prey, auf dem er nicht nur seine bekannten Opernrollen (Figaro bei Mozart und Rossini, Guglielmo), sondern auch Stücke aus der Fledermaus, Kunstlieder und sogar ein deutsches Volkslied singt. Sich all das einzeln zusammenzusuchen wäre wohl ziemlich zeitaufwändig und mühsam, es ist wohl eher so, dass gerade solche Sammlungen die Lust in einem wecken, sich intensiver auch mit den bis dato unbekannten Seiten eines Sängers zu befassen.


    Oder nehmen wir das Recital von Ezio Pinza. Da sind gleich mehrere seltene Gustostückchen drauf: Zum einen bringt er da nicht nur einige Arien seiner Standardrolle, nämlich des Don Giovanni, sondern er ist darauf auch mit der Registerarie des Leporello vertreten. Des weiteren singt er einige Arien aus Boris Godunow, der Entführung und der Zauberflöte auf Italienisch.


    Gerade also wenn man unbekannte oder in ungewohnter Weise interpretierte Stücke, wie auch unbekanntere Sänger kennenlernen will, sind Stimmportraits meiner Meinung nach unersetzlich. Aber auch die Aufnahmen berühmterer Sänger bieten da oft genug Überraschungen, weil sie es ermöglichen, die Künstler von einer weniger bekannten Seite zu zeigen.


    Ich glaube auch nicht, dass das auf Kosten von kompletten Aufnahmen geht, eher wie schon angedeutet im Gegenteil, da sie die Lust auf mehr wecken können, wie das eben so ist mit Appetithäppchen. :D

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    Original von Helge Kreisköther


    meiner Meinung nach ist die klassische Musik bei der heutigen Jugend nicht mehr sehr gefragt, im Gegenteil: Klassik-Liebhaber werden oft als spießig, arrogant oder langweilig abgestempelt.


    Das erstaunt mich jetzt ein wenig, denn wenn das wirklich mehrheitlich so ist, dann wären wir ja jetzt wieder an dem Punkt angekommen, an dem ich vor etwa 40 Jahren gestartet bin. Damals war ich einige Jahre jünger als du und begann gerade, mich für klassische Musik zu interessieren, nachdem der Musiklehrer am Gymnasium mein Interesse daran geweckt hatte.


    "Spießig, langweilig, altbacken.." so in etwa ließe sich auch die Einstellung der meisten meiner Kameraden zur Klassik beschreiben. Zunächst fühlte ich mich da wirklich wie ein Außenseiter, denn damals war ja die Zeit der Beatles, der Stones und Konsorten, und für viele meiner Altergenossen existierte daneben wenig bis nichts.


    Doch im Laufe der Zeit begann sich das zu ändern und das Interesse am klassischer Musik begann zu wachsen. Zum Beispiel fingen einige Popkünstler an, berühmte klassische Melodien in ihren Songs zu verarbeiten. Ich denke da etwa an Procul Harum, die in "A Whiter Shade of Pale" eine Melodie von Bach verwendeten. Oder Miguel Rios, der mit "Song of Joy" eine etwas freie Version der Schluss-Ode aus Beethovens Neunter auf den Markt brachte. ;)
    Dazu kann man jetzt stehen wie man will, de facto trugen solche Songs dazu bei, die Klassik einer neuen Hörerschaft nahe zu bringen.


    Das zog dann immer weitere Kreise, es gab immer mehr Rockgruppen, die gemeinsam mit Symphonieorchestern auftraten, Rocksänger sangen Hand in Hand mit Opernsängern, z.B. Zucchero und Pavarotti, etc...


    Und irgendwann, scheinbar über Nacht, in Wahrheit natürlich als Endergebnis einer längeren Entwicklung, war Klassik auch unter der jüngeren Generation salonfähig geworden und die Grenzen zwischen U- und E-Musik lösten sich immer weiter auf.


    Eine Grenze übrigens, mit der ich noch nie etwas anfangen konnte, für mich gibt es einfach nur Musik, die mir gefällt, oder eben nicht. Mit der Gattung an sich hat das wenig zu tun.


    Nach dem was du schreibst, scheint es da nun mittlerweile eine Rückentwicklung gegeben zu haben, die ich sehr schade finde, da es sich dabei wie damals mit ziemlicher Sicherheit vor allem um Vorurteile handeln dürfte.


    Wer klassische Musik als "langweilig" bezeichnet, dürfte sie mit ziemlicher Sicherheit nicht näher kennen und hat vermutlich auch nie wirklich versucht, sich damit eingehender zu befassen.


    Aber da sich in der Geschichte ja bekanntlich alles wiederholt, gibt es ja auch hier Hoffnung, dass sich das Rad auch wieder in die andere Richtung dreht und die klassische Musik auch unter der jüngeren Generation neue Würdigung erfährt. Du scheinst da ja immerhin schon mal ein Hoffnungsschimmer zu sein.


    Viel Spaß und Erfolg in deiner Rolle als "Vorreiter". :hello:




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    Ich denke, man sollte altes ehren und nicht verkommen lassen, gleichzeitig aber auch immer neugierig und aufgeschlossen gegenüber neuem sein.


    Exakt. Der Satz könnte von mir stammen. :D

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    Original von La Gioconda

    Wer als Sänger heutzutage nicht selbst auf sich aufpasst darf nicht erwarten, daß es jemand anderer für ihn tut - ich glaube schon, daß es einmal eine Zeit gab, wo diese Aufgabe auch Dirigenten, Impresarii und Direktoren mit übernommen haben.


    Als ich diese Zeilen las, musste ich unwillkürlich an die liebevolle Art denken, mit der Leo Slezak in seinen Büchern über seinen Gesangslehrer Adolf Robinson schreibt. Da wird wirklich in jeder Zeile deutlich, dass dieser für ihn nicht nur ein Lehrer, sondern auch ein Mentor, Ratgeber und vor allem auch väterlicher Freund war, mit den ihn zeitlebens eine tiefe Freundschaft verband. Und von ihm kamen natürlich auch wichtige Warnungen und Ratschläge hinsichtlich der Wahl der Rollen, die der junge Sänger meist auch befolgte.


    Robinson wies ihn auch bezeiten darauf hin, dass mit steigendem Ruhm auch falsche Freunde auftauchen werden, die es nicht gerade darauf abgesehen hätten, ihm auch wirklich zu helfen. Als dann einmal ein berühmterer Kollege an ihn herantrat mit dem Angebot, Slezak solle doch mal zu ihm kommen, er werde ihm dabei helfen, seinen "Ansatz zu verbessern", hatte der Sänger dann auch bereits genügend Selbstbewusstsein, um dankend abzulehnen.


    Ich denke, dass dies kein Einzelfall war, womit ich natürlich nichts gegen heutige Gesangspädagogen sagen will, ich habe nur den Eindruck, dass heute sehr vieles "cooler" und distanzierter abläuft.


    Zu der Zeit hatten die meisten Bühnen ja auch noch feste Ensembles und die Leiter waren natürlich bemüht, die Sänger gesund und leistungsfähig zu erhalten und sie nicht zu überlasten. So gesehen waren die Künstler natürlich stärker eingebunden und geborgen, während heute vermutlich zwar die Freiheit um einiges größer ist, dafür einem aber auch der Wind stärker um die Nase bläst.


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    Trotz allem kann doch aber niemand ernsthaft abstreiten, daß die Fülle und Vielfalt an guten Sängern aller Stimmlagen sich nach dem zweiten Weltkrieg und heute überhaupt nicht drastisch ausgedünnt hätte?


    Nein, das sehe ich schon auch, nur - um noch einmal Thomas zu paraphrasieren - ich möchte gerne darauf hinweisen, dass früher nicht alles zwangsläufig besser war. Und nur weil die Auswahl und die Vielfalt geringer wurde, bedeutet das meiner Meinung nach nicht, die diejenigen, die es dann tatsächlich nach oben geschafft haben, im Vergleich zu früher nur zweite oder dritte Klasse sind, nach dem Motto: Unter den Blinden ist der Einäugige König.


    Grundsätzlich scheint es mir so, als gäbe es in den letzten Jahrzehnten allgemein immer weniger Persönlichkeiten in der Öffentlichkeit, also Menschen mit unverwechselbarem Charakter und Ausstrahlung - Charisma meinetwegen - aber dieses Phänomen scheint mir gerade bei Künstlern der klassischen Musik noch am wenigsten ausgeprägt zu sein. Viel stärker fällt es mir in Sport und Showbusiness, vor allem aber in der Politik auf.


    Wo früher unverwechselbare Menschen agierten, sitzen heute oft kühle Funktionäre, die wenig eigenes Profil haben und bei denen es oft gar nicht auffällt, wenn sie gegen jemand anderen ausgetauscht werden.


    Aber gut, das führt jetzt zu weit. Ich bin mir nicht ganz sicher, inwieweit dieses Phänomen des Verlustes an Individualität und Ausstrahlung ursächlich in diese Diskussion hineinspielt, könnte mir da aber durchaus Querverbindungen vorstellen. Vor allem aber bin ich davon überzeugt, dass davon eben nicht nur der Nachwuchs an klassischen Sängern betroffen ist, sondern das ganze weitere Kreise zieht.

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    Original von La Gioconda


    Meiner Meinung nach ist eine profunde technische Schulung die absolut vorauszusetzende Basis. Mit Jugendlicher Frische und unverbrauchtem Material kann man eine Zeit lang gewisse Defizite überdecken, aber nach ein paar Jahren trennt sich die Spreu vom Weizen.


    Klar wäre eine profunde Schulung, nicht nur in technischer Hinsicht, eine entscheidende Basis, aber dass es heute (oft?) daran mangelt, dürfte weniger an den Qualitäten oder der Lernbereitschaft der Nachwuchssänger liegen, als vielmehr an der Schnell-Lebigkeit unserer Zeit, in der junge Talente so schnell wie möglich aufgebaut und dann gleich anschließend verheizt werden, so sie nicht gewaltig aufpassen. Diese "Superstar"-Mentalität betrifft ja keinesfalls den klassischen Musikbetrieb in besonderer Weise, im Pop-Geschäft scheint mir das eher noch schlimmer zu sein. Time ist eben Money und eine lange Ausbildungs- bzw Entwicklungsphase glauben sich dann viele halt nicht leisten zu können.


    Otto Edelmann gab mal in einem Interview auf die Frage, wo er denn den Grund sehe, dass es heutzutage(also ca. vor 20 Jahren) in manchen Stimmfächern kaum noch geeigneten Nachwuchs gäbe, zu Protokoll, dass er auch nicht so genau wisse, woran das liege. Er sprach dabei auch die Lebensweise und die Ernährung als mögliche Faktoren an.


    Abgesehen davon kann ich mir nicht vorstellen, dass etablierte Sänger, Kritiker oder das Publikum jemals die aktuellen Sänger den Großen der Vergangenheit vorgezogen hätten, denn die Einstellung, dass früher alles besser war, scheint den Menschen spätestens seit der Steinzeit im Blut zu stecken. Immer wenn ich mich selbst dabei ertappe, diesem Drang nachzugeben, versuche ich mir das vor Augen zu halten.


    Über die Unfähigkeit des Nachwuchses wurde mit Sicherheit immer schon gejammert, früher möglicherweise auf einem höheren Niveau als heute, mag sein, aber heute sind die Ablenkungen und Möglichkeiten junger begabter Künstler auch um einiges höher. Wer woanders leichter Erfolg haben kann, wird sich womöglich fragen, wieso er sich die Ochsentour einer klassischen Sängerkarriere antun soll.



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    Das ist halt auch die Krux bei den aktuellen Sängern, man kann sie nur nach nach dem "Ist" Zustand beurteilen, aber was bleibt von Ihnen in 30 oder 50 Jahren?


    Klar, aber ich halte es für problematisch, Sänger nach ihrer Beständigkeit zu beurteilen, denn es hat auch früher schon großartige Stimmen gegeben, die durch falsche Rollenwahl vorzeitig verschlissen. Auch der Lebenswandel kommt dabei ins Spiel, denken wir nur an Lawrence Tibbett. Vielleicht eines der berühmtesten Beispiele, aber wohl kein Einzelfall. Leo Slezak beschreibt in seinen Memoiren ähnliche Fälle.


    Meiner Meinung nach schränkt das ihre Leistung zu ihren Hochzeiten keineswegs ein, es zeigt für mich nur, dass für den Beruf eines Sängers auch ein starkes Nervenkostüm und eine robuste Gesundheit nötig sind, wenn die Karriere über mehrere Jahrzehnte anhalten soll. Und oft muss halt auch einfach ein Quentchen Glück dabei sein. Mit der Generationenfrage scheint mir das grundsätzlich weniger zu tun zu haben.

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    Original von La Gioconda
    Und natürlich hat jede Interpretation ihre Berechtigung - aber warum nicht vergleichen??


    Ja, da habe ich mich missverständlich ausgedrückt, sorry. Auch für mich sind Vergleiche unterschiedlicher Interpretationen sehr reizvoll, ich halte nur nichts davon, diese Vergleiche mit der Intention anzustellen, anschließend daraus eine absolute Wertung abzuleiten. Also nicht etwa nur zu sagen, das gefällt mir besser oder schlechter, sondern das ist von höherer oder minderer Qualität. Da bin ich dafür, sehr vorsichtig zu sein, da sich viele Aufnahmen nicht so ohne weiteres eins zu eins vergleichen lassen und meist auch nur eine Momentaufnahme der Fähigkeiten eines Sängers darstellen.


    Auch Sänger haben ihre guten und schlechten Tage, ihre Formkrisen, die Stimme verändert sich im Laufe der Jahre, ebenso die Aufnahmetechnik. Christa Ludwig hat sich mal darüber beklagt, dass ein Tontechniker eine Aufnahme derart "bearbeitet" hat, dass der Klang ihrer Stimme total verfälscht wurde.


    Aus einer einzelnen Aufnahme lässt sich also bestenfalls etwas über Form und Können zum jeweiligen Aufnahmezeitpunkt schließen, und das auch nur begrenzt. Deshalb ist es ja auch interessant, unterschiedliche Aufnahmen desselben Interpreten über einen längeren Zeitraum hinweg zu vergleichen, die Unterschiede sind da zum Teil enorm.


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    Aber es gibt natürlich sehr wohl nicht nur Geschmacksunterschiede, sondern auch Qualitätkriterien - ganz einfach handwerkliches Können.


    Natürlich, nur ist das handwerkliche Können halt nur ein kleiner Teil der Faktoren, die sich letztendlich zum entscheidenden Gesamteindruck zusammenfügen. Am Beispiel von Schaljapin hast du es ja schon anschaulich dargestellt. Ein Sänger muss mehr können, als nur einfach Notenfolgen technisch perfekt und klangschön aneinanderzureihen. Okay, es wäre zumindet wünschenswert, dass er mehr kann. :D


    Ich halte die technischen Fähigkeiten eines Sängers durchaus für wichtig, alleine schon weil richtige Technik die Stimme schont, aber Technik alleine ist nicht alles und keineswegs ausschlaggebend für den Erfolg, ebensowenig wie etwa reine Stimmschönheit.


    (Abgesehen davon gibt es durchaus unterschiedliche Auffassungen über Gesangstechnik und was da richtig und falsch ist, abhängig auch von Epoche, Schulrichtung und Kulturkreis.)


    Um mal einen Vergleich aus der Literatur zu bemühen: Es ist keineswegs der Schriftsteller der beste, der Rechtschreibung und Grammatik an besten beherrscht. Das sind Werkzeuge. zum Teil zwar wichtige Werkzeuge, aber entscheidend ist, wie er sie einsetzt.


    Analoges gilt für einen Sänger, anders ließe sich etwa der Erfolg von Maria Callas in ihren späteren Jahren auch gar nicht erklären. Wer da nur ganz bestimmte Aufnahmen kennt, wird sich verwundert fragen, wie diese Sängerin zu ihrem Ruf kam, aber - siehe oben - eine einzelne Aufnahme ist eben nur ein Ausschnitt einer längeren Entwicklung.


    Aber wenn dann wirklich mal alles passt, also Tagesform, Motivation, technisches Können, Stimmschönheit, dramatische Darstellungskraft,... dann kann es zu wahren Sternstunden der Sangeskunst kommen, die sich aber weder planen noch gezielt herbeiführen lassen. Menschen sind eben keine Roboter und das ist auch gut so.


    Daher auch meine Tendenz, Aufnahmen in erster Linie zu genießen, anstatt sie analytisch zu zerpflücken und in eine Rangordnung zu packen. Okay, auch das mag seinen Reiz haben, ich kann nur Bezeichnungen à la "drittbeste Gilda nach dem Krieg" wenig abgewinnen. :D

    Ich halte das Thema für sehr interessant und möchte mich gleich mal als Liebhaber historischer Aufnahmen outen, das bedeutet aber nicht, dass ich nicht auch gerne Aufnahmen neueren Datums höre. Ich gebe allerdings ehrlich zu, dass ich dabei deutlich seltener das "Gänsehaut-Feeling" verspüre, zu dem es bei älteren Aufnahmen sehr viel öfter kommt.


    Dies muss allerdings keineswegs an der mangelnden Qualität heutiger Sänger liegen, ich vermute eher, dass dabei die innere Einstellung beim Hören eine entscheidende Rolle spielt.


    Und da möchte ich gleich mal ein in meinen Augen entscheidendes Stichwort in die Runde werfen, das der Übersättigung.


    Seien wir doch ehrlich, die meisten von uns verfügen doch über eine erstklassige technische Ausrüstung gemessen an der Zeit vor einem halben Jahrhundert und wir sind in der Lage, praktisch zu jeder Zeit Aufnahmen höchster Qualität zu hören und mit anderen zu vergleichen.


    Kurz gesagt: Wir sind ganz schön verwöhnt, haben im Grunde alles schon gesehen, alles schon gehört, und es wird immer schwerer, uns mit einer neuen Aufnahme vom Hocker zu reißen oder auch nur überhaupt unser Interesse zu wecken.


    Übersättigung und ein übervoller Magen sind aber eine denkbar schlechte Voraussetzung, etwas unbeschwert und unvoreingenommen zu genießen. Da reicht dann mitunter schon die kleinste Unstimmigkeit, ein falscher Ton, und wir winken ab und empfinden die gesamte Aufnahme als unzumutbar und indiskutabel.


    Irgendwie ganz schön ungerecht, finde ich, denn wenn ich so an die 40 Jahre zurückdenke, als ich als Teenager meine ersten Opernaufnahmen von den Salzburgern Festspielen am Radio mitverfolgt habe, dann waren das zum Teil sehr eindrucksvolle Erlebnisse. Klar, die Sänger waren hervorragend, keine Frage, aber das alleine erklärt die Faszination bis hin zur Gänsehaut nicht.
    Das Radio war noch kein Stereogerät und es rauschte gelegentlich, das kann's also auch nicht gewesen sein, der entscheidende Punkt liegt für mich wie gesagt in der inneren Einstellung. So eine Opernübertragung war damals eben etwas Besonderes, auf das ich mich schon Tage vorher freute, und entsprechend fasziniert lauschte ich auch. Ich kannte die Opern auch noch nicht so gut, deshalb hörte ich auch genauer zu und verglich die Interpretation auch nicht ständig mit schon bekannten. Ich war damals also viel weniger Kenner und Kritiker, als vielmehr einfach ein unbefangener Neuling, der fasziniert und neugierig dem lauschte, was er da zu hören bekam.


    Bitte nicht missverstehen: Es muss dem Genuss keineswegs abträglich sein, wenn ich ein Werk und seine Interpretationen in und auswendig kenne, es besteht nur die Gefahr, dass ich die Relation dafür verliere, welchen Wert eine künstlerische Leistung auch dann hat, wenn sie nicht absolute Spitzenklasse ist.


    Deshalb versuche ich mittlerweile, möglichst unbefangen und unbelastet von alten Eindrücken an ein neues Hörerlebnis heranzugehen - gerade wenn da Künstler dabei sind, bei denen ich zu Vorurteilen tendiere.


    Ein Schlüsselerlebnis in dieser Hinsicht war der Erwerb von Verdi's "I Lombardi" mit Renata Scotto und Luciano Pavarotti. Eigentlich nicht unbedingt mein Lieblingssänger, aber der Preis war sehr günstig, also was soll's. Letztlich gefiel er mir doch ganz gut, wie auch die Aufnahme insgesamt, aber die eigentliche Überraschung kam dann durch den Bonustrack, einige Aufnahmen aus "La Traviata", ebenfalls mit Scotto und Pavarotti. Und da sah ich den Sänger plötzlich mit anderen Augen, bzw hörte ihn mit anderen Ohren. Die Art, wie er da mit frischer, unverbrauchter Stimme den jungen, leidenschaftlichen und komplett unvernünftigen Alfredo gab, warf mein gesamtes Bild über den Haufen, das ich bisher von ihm als Sänger hatte und ich fing dann an an, mich auch auf andere Aufnahmen von ihm wohlwollender einzulassen und sie nicht von vornerherein innerlich abzulehnen.


    Wohlgemerkt, die Aufnahmen waren live und alles andere als technisch perfekt, aber vielleicht gab ja gerade das den Ausschlag?


    An den aktuellen Aufnahmen stört mich sehr oft die technische Perfektion, die im Grunde ja eigentlich nichts Schlechtes sein müsste, aber eben doch sehr oft trocken und leblos wirkt, da mögen die Stimmen noch so rein und ausdrucksvoll sein. Schwer auszudrücken, aber irgendwie scheinen bei der Betonung von technischer Perfektion bestimmte Schwingungen verloren zu gehen, die ich einfach für meine Gänsehaut brauche. :D


    Auf den Vergleich zwischen Sängern trifft das in ähnlicher Weise zu: Heutige Sänger scheinen oft sehr bemüht zu sein, technisch richtig und kontrolliert zu singen. Verständlich, aber ich neige dann leicht dazu, mich zu Tode zu langweilen.


    Nehmen wir dagegen mal Schaljapin, der für die Bässe das war, was Caruso für die Tenöre darstellte. Schwer einzuordnen, ich würde ihn mal als Basso espressivo bezeichnen. Soll heißen, mit den Noten nahm er es manchmal nicht so genau, sein Fränzösisch konnte man auch nicht gerade als perfekt bezeichnen, milde ausgedrückt, aber die Leistung war beeindruckend, falls man über die Ungenauigkeiten hinwegsehen konnte. Er sang eben nicht distanziert, sondern als ginge es um sein Leben.


    Ähnliches lässt sich wohl auch über Boris Christoff sagen, der eine Generation später folgte. Sicher nicht jedermanns Geschmack, aber ein intensives Hörerlebnis war garantiert.


    So jemand lässt sich natürlich schlecht mit einem Gesangsästheten wie Kurt Moll oder einen eleganten Basso cantante wie Cesare Siepi vergleichen, dazwischen liegen Welten.


    Aber wieso auch vergleichen? Meiner Meinung nach hat beides seinen Platz und seine Berechtigung, die Geschmäcker sind eben verschieden und absolute Auffassungen haben meiner Meinung nach gerade in der Kunst nichts verloren.


    So gesehen sehe ich natürlich auch keinen Gegensatz zwischen Alt und Neu, sehe auch keinen Grund, beides vergleichend zu werten, sondern versuche einfach je nach Lust, Laune und Gelegenheit beides zu genießen. Ich denke wir wären alle ärmer, müssten wir auf eines davon verzichten, aber die Gefahr besteht ja zum Glück derzeit nicht.


    Ich merke gerade, das ist wieder etwas länger geworden, weiß auch nicht, woran das immer liegt. :pfeif:

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    Original von Ulli

    Der Sinn der echten Hosenrolle - ich meine also nicht die Ersatzlösung Frau anstelle Kastrat bzw. Countertenor - erschließt sich mir nicht wirklich, außer, man unterstellte ggfs. eine erotische und verwirrende Wirkung auf diesbezüglich empfängliche Herren: Also eine bewusste Täuschung?


    Ich habe da nicht wirklich eine Antwort, aber wenn ich mal wüst herumspekulieren darf, dann könnte ich mir vorstellen, dass da gar kein gezielter Sinn dahinterstecken muss. Ich könnte mir vielmehr vorstellen, dass da mehrere Faktoren zusammenkommen:
    Zum einen die ganz simple Lust am Verkleiden, in bester "Commedia dell'Arte"- Manier, die ja in der Oper schon ganz allgemein ausgelebt wird, aber noch einiges an zusätzlicher Pikanterie dazukommt, wenn dabei ein Geschlechterwechsel stattfindet.


    Es gab ja Zeiten, die noch gar nicht so lange zurückliegen, in denen offene Dastellungen von sexuellen Handlungen und Leidenschaften verpönt waren, da halfen die Menschen sich eben mit Anspielungen und unterschwelligen Andeutungen, die der in Zeiten von öffentlich angeordneter "Sittsamkeit" stets umso blühenderen Phantasie reichen Nährboden gaben, ohne dass ein wie auch immer gearteter tieferer Sinn dahinterstecken musste.


    Kurz gesagt also: ein Ventil für (unterdrückte) Leidenschaften, zwar die Phantasie anregend, aber eben auch so unverfänglich, dass die Zensur keinen Einspruch erheben konnte.


    Grundsätzlich möchte ich aber auch die Praxis der Hosenrolle einem ganz einfachen Prinzip zuschreiben, nämlich dem der Tradition: Aus irgendwelchen Gründen wird irgendwann einmal irgendetwas gemacht, dann noch ein zweites und ein drittes Mal, die Sache kommt ganz gut an und schon ist es eine feste Institution, auf die schon bald keiner mehr verzichten kann oder will - und zwar völlig unabhängig von dem, worum es dabei eigentlich geht. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier und das zeigt sich gerade auch in der Kunst: fixe Spielpläne und Rituale wohin man auch schaut. :pfeif:


    Das klingt jetzt vielleicht etwas unromantisch und nüchtern, aber ich denke gerade diese menschliche Haltung ist sehr viel stärker für unser Tun und Handeln entscheidend als Denken und rationale Überlegung. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ganz einfach ungeheuer viel Energie spart, da ja nicht immer alles neu überdacht, begründet, geplant und aufgerollt werden muss. Der Rahmen steht und wenn er den Wünschen, Interessen und Zielen der Menschen entgegenkommt, dann entsteht da sehr schnell etwas, über deren eigentlichen Sinn und Zweck die Nachwelt lange rätseln kann. Wie wir gerade jetzt. :D

    Alfreds Beitrag spricht zwei Punkte an: Zum einen die Vielseitigkeit von Fritz Wunderlich und zum anderen die Frage nach möglichen Sängern, die diese schmerzliche Lücke füllen könnten.


    Ich nehme mal den zweiten Aspekt gleich vorweg. Ich sehe weit und breit niemanden, der in toto seine Nachfolge antreten könnte, Fritz Wunderlich war in mancherlei Hinsicht ein Ausnahmesänger und wird als solcher nicht zu ersetzen sein. Natürlich gab und gibt es auch nach ihm hervorragende (lyrische)Tenöre, Namen wie Hans Peter Blochwitz und Peter Seiffert sind ja schon gefallen, wie auch Florez und Villazon, aber das sind eben alles Sänger die für sich stehen und sich vermutlich auch selbst keineswegs als Nachfolger oder "Erben" von Wunderlich sehen.


    Eine Wertung, wer von ihnen der "größte" oder "beste" ist, mag ich nicht vornehmen, da dies zu sehr dem persönlichen Geschmack und der jeweiligen Rolle unterliegt, wie ich auch analog Operus zustimmen muss, dass Wunderlich keinewegs der absolut beste lyrische Tenor seiner Zeit war, einfach deshalb, weil jeder Mensch seine Stärken und Schwächen hat und ein Stimmfach zu umfangreiche Anforderungen stellt, als dass ein einzelner Mensch sie in jeder Hinsicht optimal erfüllen könnte.


    Zu Fritz Wunderlich:


    Zwar stimme ich grundsätzlich zu, dass er im wesentlichen zu den lyrischen Tenören gezählt werden kann, aber seine Stimme umfasste für mich noch wesentlich mehr. Natürlich war sie eher hell und beweglich mit leichter, strahlender Höhe, aber im Gegensatz zu manchen anderen lyrischen Stimmen konnte er eben nicht nur sanft und in leisen Kantilenen vor sich hinsäuseln, sondern bei Bedarf auch so richtig schmettern. Wer nicht weiß, was ich meine, möge sich nur mal seine Version von "Granada" anhören. Da verblasst so mancher ganz große Name neben ihm und er muss sich auch keineswegs hinter den bewussten drei großen Tenören verstecken, im Gegenteil: etwas später geboren hätte er dem einen oder anderen von ihnen womöglich sogar die Show gestohlen. Aber okay, lassen wir das, ist Spekulation.


    Spekulation ist natürlich auch, was aus dieser Stimme im weiteren Verlauf noch hätte werden können, so er länger gelebt hätte. Ich habe es ja schon angedeutet, meiner Meinung nach hat er ja schon zu Lebzeiten die engeren lyrischen Grenzen gesprengt, ich bin sicher, dass er auch im etwas dramatischeren Fach großartiges hätte leisten können, vielleicht nicht gerade als Otello, aber so ziemlich das ganze restliche Verdi-Repertoire könnte ich mir sehr gut vorstellen.


    Ich erwähne Verdi nicht ganz zufällig, denn zumindest in seinen späteren Werken komponierte er nicht einfach mehr oder weniger schöne Melodien, sondern die Musik dient in erster Linie dazu, die Gefühle der handelnden Personen auszudrücken. Verdi verlangt also nach mehr als nach reinem und womöglich innerlich distanziertem Schöngesang und eitle Stimmprotzerei ist gerade bei ihm tödlich.


    Genau dieses gefühlsbetonte Singen, mit "Emphase", wie Operus es nannte, war aber bezeichnend für Fritz Wunderlich. Halbheiten oder distanziertes Singen gab es bei ihm praktisch nicht, er war äußerst konzentriert und gab alles, und das mag durchaus auch darauf zurückzuführen sein, dass er selbst spürte, dass ihm nicht allzuviel Zeit blieb, um seine Kunst auszuleben.


    Diese Intensität im Ausdruck und in der Gestaltung, dieser Ernst und die absolute Konzentration auf das für ihn Wesentliche ergaben im Einklang mit seinem unverwechselbarem Timbre und seinem Schmelz eine Kombination, die in ihrer Art einmalig war und wohl auch bleiben wird. Das ist keine Wertung, ich bin nur ebenso wie einige andere hier der Meinung, dass wirklich große Künstler einmalige und unverwechselbare Erscheinungen sind und auch jeweils für sich betrachtet werden sollen.


    Meine letzte musikalische Begegnung mit Fritz Wunderlich liegt erst einige Tage zurück. Ich war gerade dabei für YouTube ein Video eines Sonnenuntergangs fertigzustellen, das ich mit Schuberts "Im Abendrot" vertonen wollte. Meine bis dato Lieblingsversion von Leo Slezak befriedigte mich in technischer Hinsicht nicht, also ging mein nächster Gedanke zu Fritz Wunderlich, da ich annahm, er müsste dieses Lied doch sehr gefühlvoll interpretieren.


    Nun, ich muss gestehen - unabhängig von der Gefühlsintensität - ich war etwas enttäuscht von der zur Verfügung stehenden Aufnahme. Seine Stimme schien mir etwas herb zu klingen, nicht so leicht wie erwartet zu fließen.


    Die Interpretation seines Sängerfreundes Hermann Prey gefiel mir da schon um einiges besser, klangschöner, müheloser... Schließlich gab ich aber dann den Damen den Vorzug und hatte lange an der Entscheidung zwischen Christa Ludwig und Vesselina Kasarowa zu knabbern, andere wie Sarah Walker waren da schnell aus dem Rennen. Letztlich entschied ich mich dann für Kasarowa, obwohl sie mindestens ebenso herb klingt wie Wunderlich, eher noch rauher, aber in Kombination mit Friedrich Haiders Begleitung war es genau das, was ich mir als Untermalung meines Videos vorgestellt hatte, auch wenn ich es ganz sicher nicht erwartet hätte, so rein dem Namen und der Erwartung(Vorurteil?) nach.


    Ich schreibe das nicht zuletzt, um zu demonstrieren, dass ich Fritz Wunderlich keineswegs anbete oder ihn für das tenorale Maß aller Dinge halte, aber er war wie gesagt ein einmaliger, unverwechselbarer Sänger mit unglaublicher Intensität, bei dem ich nur bedauern kann, dass er so früh gehen musste. Andererseits hat er der Welt in dieser kurzen Zeit so unwahrscheinlich viel gegeben, dass wir uns wahrlich nicht beklagen dürfen, vor allem, da ja doch etliche Aufnahmen von ihm existieren.


    Im allgemeinen habe ich es ja nicht so mit den Tenören, aber auf Fritz Wunderlich lasse ich nichts kommen. :D

    Nochmal zum Thema Hosenrollen und ihre Wirkung auf die (sexuellen) Phantasien des Publikums, das Fairy Queen ja gerade angesprochen hat. Die Amazon-Werbung für die Neuaufnahme von I Capuleti e i Montecchi scheint mir ein anschauliches Beispiel dafür zu sein, wie eine Plattenfirma ganz gezielt nicht nur den optischen Reiz der Protagonistinnen Anna Netrebko und Elina Garanca vermarktet, sondern gleichzeitig auch sehr geschickt mehr oder weniger lüsterne (homoerotische) Phantasien anspricht.


    Klar, schuld ist immer derjenige, der diese Phantasien hat und die DG wird sicherlich ihre Hände in Unschuld waschen, es ist aber doch bezeichnend, dass gleich beiden bisherigen Rezensenten diese Art der Präsentation aufgefallen ist.


    Ich selbst finde die Fotoserie der beiden attaktiven Damen durchaus ansprechend und professionell gemacht, dennoch verspüre ich dabei schon ein leichtes Unbehagen, weil ich dabei den Eindruck habe, das Käuferpublikum soll da mit etwas geködert werden, das mit der Gesangeskunst der beiden nicht unbedingt etwas zu tun hat. Zumindest ein Rezensent ist der Meinung, dass es vom Sängerischen her bessere Aufnahmen gibt, Netrebko mit zu schwerer, technisch nicht perfekter Stimme und Garanca zu kühl und unbeteiligt. Bei Bellini ja bekanntermaßen eine Todsünde.


    Habe selbst nur kurz reingehört und kann mir deshalb noch kein eigenes Urteil erlauben, ich finde es aber schon seltsam, wenn da offensichtliche gesangliche Unzulänglichkeiten durch optische Reize und "verbotene" Assoziationen ausgeglichen werden sollen. Nach dem Motto: "Männer können besser schauen als hören." :D


    Insofern würde mich natürlich besonders die Meinung der weiblichen Schreibenden hier interessieren, da sie dem Thema ja etwas distanzierter gegenüberstehen dürften. Reagiere ich überempfindlich und sollte mich einfach auf den musikalischen Aspekt der Aufnahme konzentrieren und das optische Beiwerk ignorieren? Fällt mir in diesem Fall ehrlich gesagt ziemlich schwer, denn so ganz kalt lassen mich die beiden nicht, und das ist jetzt nicht auf den Gesang bezogen.


    "Sex sells" also auch in der Klassik? Wobei der Sex hier natürlich nur sehr unterschwellig angesprochen wird, aber was kommt als nächstes? Operaufnahmen mit "Pin-up"-Kalendern der Sängerinnen als Beilage? Oder sehe ich schon Gespenster?

    Zitat

    Original von Fairy Queen



    Lieber Kurt, der Aspekt des Starkults spielt sicher eine nicht unwesentlcihe Rolle.
    Wenn man sich heute (oder eher gestern) einen androgynen Star wie Michael Jackson ansieht, kann man vielleicht ähnliche Phänomene beobachten?


    Ich denke schon, liebe Fairy Queen, da hat sich wohl prinzipiell gar nicht so viel geändert. In George Michael gibt es ja auch einen Weltstar, der sich mittlerweile ganz offen dazu bekennt.


    Die Künstlerwelt stand ja immer schon im Ruf(Ruch?) besonders attraktiv auf Homosexuelle zu wirken,vielleicht weil einem Künstler von seiner Umwelt doch etwas mehr Freiheit in der Lebensgestaltung zugestanden, vielleicht sogar erwartet wird, natürlich auch, um sich dann über die echte oder nur aus eigenen (verdrängten) Gelüsten projizierte Unmoral zu echauffieren.


    Nun kann aber zunächst mal niemand etwas dafür, auf wen er anziehend wirkt, erst in der Art und Weise, wie ich auf die Avancen reagiere, zeigt sich, wo meine eigenen Leidenschaften liegen. Und Stars jeglicher Coleur stehen nun einmal stärker im Mittelpunkt des Interesses und können daher unter einer sehr viel größeren Zahl an Verehrern auswählen als normale Menschen, von daher ist vielleicht auch die Versuchung größer, mal etwas auszuprobieren, das ihnen unter anderen Umständen gar nicht in den Sinn käme, à la "Gelegenheit macht Diebe".


    Vielen Dank für deine interessanten Gedanken zu Cherubino. Gerade das mit dem Ansprechen des Mutterinstinkts finde ich sehr interessant, den Gedanken hatte ich nämlich auch. Gerade diese Mischung aus seiner unverhohlener Leidenschaft bis fast hin zur Gier auf der einen, und der noch etwas kindlichen Naivität und Unbefangenheit auf der anderen Seite kann ich mir durchaus sehr reizvoll für reife Frauen vorstellen. Gerade auch für die Gräfin, deren Mann zwar sehr eifersüchtig reagiert, seine sexuellen Gelüste aber vorwiegend auf andere Frauen zu konzentrieren scheint.


    Dieses unverhüllte Begehren eines jungen, zwar etwas femininen aber dennoch knackigen Verehrers hat sicher etwas sehr Reizvolles für sie und sie geht dabei ja auch weiter, als sie sich das üblicherweise zugestehen würde.


    Hier trifft sie sich meiner Meinung nach eindeutig mit der Feldmarschallin aus dem Rosenkavallier, und die Parallele zwischen Octavian und Cherubino wird für mich offensichtlich, auch wenn das Paar bei Strauss einige Schritte weiter geht.


    Zitat

    Einer , der diese unglaublichen Arien "Non so più" und Voi che sapete" singt, schreit doch geradezu danach, in die Arme genommen und getröstet , beruhigt, aufgebaut, liebevoll und zärtlich unterwiesen zu werden


    Klar, Mozart und seine Musik sind schuld. Du machst es dir wirklich sehr einfach, liebe Fairy Queen. :D
    Aber im Ernst: Du hast natürlich Recht und grundsätzlich ist es so, dass Mozarts Melodien jede Handlung in gewisser Weise veredeln. Selbst eher absurde Ereignisse wie etwa in "Cosi fan tutte" werden dabei menschlich und verständlich, keine Spur von Vorwürfen oder moralischem Zeigefinger.


    Zitat

    Lieber Kurt, fette und verwöhnte Diven sind ja nciht nur in der Kastraten-Welt zu finden. Aber waren und sind sie in der weiblcihen Variante genauso attraktiv für beiderlei Geschlecht?


    Das Klischee mit den Diven war natürlich nicht allzu ernst gemeint, auch wenn auch hier manchmal ein wahrer Kern dahinterstecken wird.


    Ich bin allerdings nicht besonders gut geeignet, deine Frage zu beantworten, da Diven - egal welchen Geschlechts und welcher Statur - auf mich nicht besonders reizvoll wirken, zumindest ganz allgemein gesprochen. Sobald man dann Gelegenheit hat, hinter die Fassade zu schauen und den Menschen näher kennenzulernen, kann die Sache anders aussehen.


    Grundsätzlich aber finde ich Menschen wesentlich attraktiver, die sich auch dann selbst treu bleiben, wenn sie Erfolg haben und berühmt werden, auch wenn sie damit bestimmte, sensationslüsterne Teile des Publikums enttäuschen und so auf einen möglichen Zuwachs an noch mehr Publicity verzichten.
    :hello:

    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Eine Projektionsfläche für beide Geschlechter sein zu können, ist vielleciht ein nicht unwesentlicher Trost für das gewesen, was diesen Mânnern als Kindern gewaltsam geraubt wurde?


    Durchaus denkbar, ich als Kastrat würde mich aber vermutlich durch die Annäherungsversuche von Männern eher belastet oder zumindest belästigt fühlen. Ist aber zum Glück nur eine theoretische Erwägung. :D


    Zitat

    Ich denke von Seiten der Frauen spielte tatsächlich neben der Sicherheit, nciht schwanger zu werden, auch ein Illusionsgebäude bezüglich des erotischen Verhaltens der Kastraten im Gegensatz zu manch schlechter Erfahrung mit "unkastrierten Männern" eine Rolle.


    Vor allem aber wohl auch, dass Kastraten zu ihrer Zeit so etwas wie die Stars von heute waren. Und Berühmtheiten konnten sich noch nie über einen Mangel an Fans beklagen, die nicht selten bereit waren/sind, sich gemeinsam mit ihrem Idol in die Kissen zu werfen.



    Zitat

    Die Imagination einer weiblichen Seele in einem männlichen Körper oder umgekehrt beschreibt doch einen uralten Menschheitstraum und hat sogar mythischen Charakter.


    Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob eine Seele überhaupt ein Geschlecht besitzt. Ich wage es zu bezweifeln, vor allem aber kann ich mir nicht vorstellen, dass sich dieses Geschlecht - so vorhanden - durch einen chirurgischen Eingriff verändern ließe.


    Aber ich frage mich an dieser Stelle - angeregt durch Fairy Queens Gedanken - wieso es der eigentlich sehr draufgängerische Cherubino bei den Damen am Hofe des Grafen so leicht hatte. Kann es sein, weil er von der Statur und seinem Wesen her eher als weiblich und somit als (noch) ungefährlich eingeschätzt wurde?


    Susanna fällt bei der Anprobe-Szene ja auf, wie zart und weiß seine Hände und wohl auch sein übriger Körper ist. Und die harte Männerwelt scheint ja insgesamt seine Sache nicht zu sein, kommt ja in der Szene um Figaros Arie "Non piu andrai....", "Nun vergiss leises Fleh'n, süßes Kosen..:" sehr gut zum Ausdruck.


    An seinem Verhalten kann es jedenfalls nicht gelegen haben, das kann man zum Teil ja nur als notgeil bezeichnen, dennoch reagieren die Frauen eher amüsiert und geschmeichelt und fühlen sich offensichtlich nicht von ihm bedroht.


    Weil sie ihn nicht ernst nehmen? Die Männer, allen voran der Graf, jedenfalls tun es. Ebenso Barbarina, die ihn sich entschlossen unter den Nagel reißt. Irgendetwas scheint sie sich ja wohl von ihm zu versprechen.



    Zitat

    Wie das dann in realiter aussah.. keine Ahnung.....in mich hat sich leider noch kein Kastrat verliebt ;( :stumm: F.Q.


    "Leider"? Zum Glück, kann ich da nur sagen. Das waren doch alles verfettete und launische Diven, eitel und unausstehlich, das weiß doch jeder. Greife lieber zu einem soliden Bass, da weißt du was du hast. Operus meint ja auch, dass die Bässe am pflegeleichtesten von allen sind. Und sooo empfindsam... :D

    Ich habe da eine Weile nachdenken müssen, aber in Donizettis Lucrezia Borgia scheint mir die Beziehung zwischen Lucrezias Sohn Gennaro und seinem Freund Maffio Orsini zumindest unterschwellig homoerotisch angehaucht zu sein, wobei Letzterer eine Hosenrolle darstellt und von einem Mezzo verkörpert wird.


    Ich denke da z.B. an die zweite Szene im zweiten Akt. Gennaro wurde gerade noch dank der Hilfe seiner Mutter, von der er aber bis dato noch nicht weiß, dass er ihr Sohn ist, vor dem Gifttod gerettet, den Lucrezias Gatte ihm aus Eifersucht zugedacht hatte und trifft nun Orsini, als er Ferrara in Richtung Venedig verlassen will. Hier scheint mir das Verhältnis der beiden deutlich über die Freundschaft zwischen Männern hinauszugehen.


    Beide haben sich einst die Treue geschworen, nachdem Gennaro Orsini das Leben gerettet hatte, und jetzt angesichts der bevorstehenden Trennung beschwören beide dieses Versprechen wieder herauf und beschließen schließlich, doch zusammenzubleiben und gemeinsam nach Venedig zu gehen, allerdings erst noch das Fest der Negroni zu besuchen, was dann letzlich beiden zum Verhängnis wird.


    Natürlich gibt es da zwischen den beiden keine sexuell getönten Handlungen, obwohl, wer kann schon sagen was passiert, wenn ein mit entsprechender Phantasie begabter Regisseur das Stück in die Mangel nimmt. :D


    Auf jeden Fall deutet alles in der Szene auf sehr tiefe Zuneigung zwischen den beiden hin, das betrifft sowohl den Text, wie auch die abschließende Umarmung. Als ich die Szene das erste Mal bewusst hörte und von der Handlung noch nichts wusste, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass es sich hier um ein Duett zwischen Männern handeln könnte, und das nicht nur, weil den Orsini eine Frau sang.


    Textprobe:
    Teco sempre ... o viva, o mora.
    Qual due fiori a un solo stello,
    Qual due fronde a un ramo sol,


    Ah! mio Gennaro! sempre insieme,...


    Übersetzung sinngemäß:
    Immer mit dir zusammen, lebend oder tot.
    Wie zwei Blumen an einem Stiel(müsste wohl eigentlich "stelo" heißen)
    wie zwei Blätter an einem Ast
    Ah, mein Gennaro, immer zusammen...


    Also für mich klingt das schon irgendwie sehr schwülstig und "unmännlich", gerade auch durch die blumigen Ausdrücke. Okay, spielt alles in einer Zeit in der so eine Sprache auch unter Männern üblich gewesen sein mag, aber in den wenigsten Opern wird das so dick aufgetragen.


    Ich meine, welcher halbwegs normale Mann will schon immer mit einem anderen Mann zusammen sein ("sempre insieme"), das will ich ja ehrlich gesagt nicht mal mit einer geliebten Frau, so ein paar Erholungspausen dazwischen müssen schon drin sein. :D


    Aber gut, ich will da weder dem Gennaro noch Orsini was unterstellen, Gennaro liebt ja immerhin auch die Frauen, vor allem unbekannterweise seine Mutter und auch Lucrezia hat es ihm irgendwie angetan, sie sagt ihm ja auch erst kurz vor seinem Tod, als es für ein Gegengift bereits zu spät ist, dass er ihr Sohn ist.


    Klingt jetzt vielleicht etwas verwirrend, wirkt in der Oper selbst aber vergleichsweise schlüssig, zumindest wenn man die Handlung einigermaßen kennt. Ansonsten kann man sich immer noch auf die Musik konzentrieren, was gerade im Falle dieses Duettes sehr anzuraten ist, besonders wenn es von Shirley Verrett und Alfredo Kraus gesungen wird. Meisterhaft und sehr mitreißend, wie ich finde. Dazu noch Montserrat Caballé und Ezio Flagello, und fertig ist meine Traumbesetzung, völlig unabhängig von sexuellen Präferenzen. :D

    Zitat

    Original von operus
    Lieber Kurt,


    Du bist selber Bassist. Dann haben wir es ja mit einem Fachmann zu tun.
    Das ist interessant. Wärst Du so nett und würdest Du uns darüber in diesem Thread oder bei Vorstellung der Mitglieder etwas mehr berichten?
    Herzlichst


    Lieber Operus,
    ich fürchte, ich muss dich da etwas enttäuschen, denn ich fühle mich zwar als Bassist, bin aber keineswegs ein ausgebildeter Sänger, nur ein blutiger Dilettant.
    Schon im Gymnasium haben mich meine Musiklehrer immer bekniet, ich möge doch bitte Gesang studieren und es sei jammerschade um mein Talent, aber irgendwie konnte ich mich doch nie dazu aufraffen. Immerhin habe ich dann beim Musikabitur die Arie des Sarastro "O Isis und Osiris" gesungen und dafür auch gleich die Höchstpunktzahl bekommen, darauf bin ich ehrlich gesagt schon ein wenig stolz, ebenso wie auf die Tatsache, dass ich mich dadurch vermutlich zu den jüngsten Gestaltern dieser Rolle zählen darf. :)


    Nach dem Abitur habe ich dann noch jahrelang im örtlichen Männerchor gesungen und auch der Chorleiter wollte mich unbedingt dazu bringen, Gesang zu studieren, aber irgendwie fühlte ich mich dazu nicht berufen, öffentliches Singen oder gar Singen als Beruf empfand ich damals als nervenaufreibend und stressig. Was Harald über Georg Hanns Einstellung geschrieben hat, trifft wohl in verstärktem Maße auch auf mich zu: Ruheliebend und reiseunlustig, und Wirbel um meine Person mag ich auch nicht so besonders.

    :untertauch:


    Auf jeden Fall habe ich mich dann für die bildende Kunst als Beruf(ung) entschieden und wurde Bildhauer, eine Tätigkeit, die meinem Naturell deutlich stärker entgegenkommt. Meine Stimme staubte dabei natürlich zwangsläufig ein, im doppelten Sinne, und so singe ich heute nur noch so nebenbei aus Spaß an der Freude.


    Aber ich werde gerne deine Anregung aufgreifen und mich demnächst im Vorstellungs-Thread ausführlicher präsentieren, hatte ich ja sowieso vor, da ich seit kurzem eine eigene Homepage besitze und mir das als Anlass sehr geeignet erschien.


    Ich muss zugeben, dass ich erst so nach und nach die ganze Tiefe des Tamino-Forums für mich entdecke und auch den Thread mit den Mitgliedervorstellungen habe ich erst kürzlich entdeckt, und ich sehe auch, dass ich da sehr aufpassen muss, denn ich bin ja schon jetzt viel zu lange im Forum, obwohl ich wirklich Arbeit genug hätte. Aber der Austausch mit Gleichgesinnten übt halt wirklich einen sehr starken Reiz auf mich aus. Doch wem sage ich das... :D

    Zitat

    Original von Herbert Henn

    Es ist meiner Meinung nach egal, ob ein Sänger unter "Die berühmte Stimme", oder unter "Schellackschätze" aufgeführt ist.


    Es stehen gewiß bedeutendere Sänger als G. Hann unter "Schellackschätze".


    Mag sein, wobei es natürlich davon abhängt, wie man "bedeutend" definiert. Aber wir Bässe sind es ja gewöhnt, im Ruhmesschatten der höheren Stimmlagen zu stehen, ein Schicksal das wir ja bis zu einem gewissen Grad mit den Altistinnen teilen, Kellerkinder haben es nunmal nicht leicht. :D


    Aber ich denke der entscheidende Punkt liegt woanders. Meiner Meinung nach sollte es bei den "Schellackschätzen" in erster Linie um konkrete Aufnahmen gehen, während in "Die berühmte Stimme" - nomen es omen - in erster Linie Stimme und Persönlichkeit im Vordergrund stehen sollten. Und genau das ist in diesem Thread mittlerweile überwiegend der Fall, weshalb ich auch für eine Verschiebung plädiere.

    Vielen Dank für deinen Beitrag, lieber Operus. Und nur um das klarzustellen: Es war keineswegs meine Absicht, dich in die Ecke der "Hann-Verächter" abzuschieben, die seinen wahren Wert nicht zu schätzen wissen/wussten.


    Die gab und gibt es sicherlich, nur würde ich sie eher nicht unter den profunden Kennern der menschlichen Stimme vermuten, wie es bei dir der Fall ist.
    Grundsätzlich scheint es ja so zu sein, dass der Berühmtheitsgrad und auch der Erfolg eines Sänger nicht nur allein von der Qualität seiner Stimme und seinen künstlerischen Fähigkeiten abhängen, sondern auch von anderen Faktoren, die mit Stimme oder Musik im allgemeinen nichts oder nur wenig zu tun haben.


    Da geht es zum Beispiel oft einfach darum, wie ein Künstler sich selbst "darstellt", bzw. heute wohl eher, wie er von seinen Agenturen vermarkted wird. Dass hier besonders bei Frauen auch die Optik inclusive erotisch lasziver Assoziationen - besonders wirkungsvoll natürlich in Kombination mit knackigen Skandalen und Skandälchen - eingesetzt wird, ist wahrlich nichts Neues.


    Und manchmal fehlt halt einfach das letzte kleine entscheidende Quentchen Glück für den ganz großen Erfolg und da geht es oft einfach nur darum, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.


    Dass Georg Hann dieses Glück offensichtlich wohl versagt blieb und er sich wohl auch in Punkto ellenbogenträchtiger Selbstvermarktung zurückhielt und lieber bei seinem künsterischen (Gesanges-)Leisten blieb, spricht ja ebenfalls eher für ihn, wie so vieles andere auch.


    Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich übrigens auch bei Harald für seinen unermüdlichen Einsatz im Hintergrund bedanken. Ich gehöre zu den vielen, die seine wertvollen Hinweise auf empfehlenswerte Aufnahmen samt entsprechender Literatur sehr zu schätzen wissen, auch wenn ich es meist nicht explizit schreibe, würde wohl auch schnell langweilig werden angesichts seiner Fruchtbarkeit. :)

    Zitat

    Original von operus
    Allerdings neigte er zu einem etwas derbem, vordergründig, gefühlig wirkungsvollen Vortrag. Die feinen stimmlichen Nuancen und Schattierungen über die z. B. ein Kurt Moll oder auch Gottlob Frick verfügten standen diesem immer sympathisch-gewinnend wirkenden Bassisten weniger zu Verfügung.


    Ich will da gar nicht unbedingt widersprechen, nur möchte ich versuchen, die Akzente etwas anders zu setzen und es ein wenig schmeichelhafter zu formulieren. Ich bin sicher, dass du es nicht so gemeint hast, lieber Operus, aber zwischen den Zeilen klingt es ein wenig bei dir, als hieltest du Hann zwar für einen Sänger mit einer beeindruckenden Stimme, aber differenzierter Ausdruck und feinfühliges Singen seien weniger seine Sache gewesen. Kurz: Ein grober Klotz der tiefen Töne. :D


    Zunächst mal sehe ich das so, dass Hann mit einer einmaligen Stimme schon von Natur aus gesegnet war, quasi eine Naturbegabung, die schon ohne jegliches Training und Anstrengung zu großen Leistungen fähig ist. Wo andere mit ihren Kräften haushalten mussten, konnte er halt aus dem Vollen schöpfen und musste eher darauf bedacht sein, sich zurückzuhalten, um nicht seine Kollegen von der Bühne zu blasen - etwas überspitzt formuliert.


    So jemand fühlt natürlich wesentlich weniger den Drang bzw. die Notwendigkeit, fehlende stimmliche Möglichkeiten durch besonders ausgetüftelte Gestaltung auszugleichen, er ließ es halt einfach strömen, wobei er wie schon erwähnt seine Rollen, wie etwa den Philipp, durchaus schauspielerisch gestaltete, aber eben auf der Basis gesanglichen Wohlklangs.


    Das andere Extrem dürften Dietrich Fischer-Dieskau - oder auch Hans Hotter als direkter Konkurrent in angestammten Rollen - darstellen. Hätten die es einfach strömen lassen und auf den Wohllaut ihrer Stimmen vertraut, so richtig beeindruckt hätten sie damit wohl wenige, zumindest in späteren Jahren.


    Das bedeutet aber nicht, dass Hann dieses gestalterische Potential grundsätzlich nicht gehabt hätte, ich sehe ihn als Vollblutkomödianten mit sehr großem Schauspieltalent. Und dass er da nicht immer bis an seine Grenzen gefordert war, dürfte sowohl an seinen Rollen, wie auch an den damaligen Regisseuren und nicht zuletzt an seinem Naturell gelegen haben, den Operus ja treffend als sympathisch/gewinnend beschreibt. "Gutmütig", "umgänglich" und "humorvoll" möchte ich gerne noch hinzufügen.


    Nun ist es aber so, dass sehr viele von einem Heldenbariton gerade alles andere als die eben erwähnten Eigenschaften erwarten. Denken wir nur mal an Wotan, der ist ja schließlich ein Gott, wenn auch nur eine Karikatur eines solchen, und hat ergo alles zu vermeiden, was ihm als Leutseligkeit oder mangelnder künstlerischer Ernst ausgelegt werden könnte. Hotter und FIDI haben es da deulich besser verstanden, auf Abstand zu gehen und sich diesen künstlerischen Ernst heraushängen zu lassen.


    Ich bitte meine Zeilen nicht allzu ernst zu nehmen, aber bei Georg Hann hätte ich mir gut vorstellen können, ihm nach der Vorstellung auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: "Guad host g'sunga, Schorsch!". Bei anderen, mehr abgehobenen Sängern wäre mir dagegen diese Vorstellung eher fremd. Ich denke aber nicht, dass dies in erster Linie an der Art ihres Singens und ihrer künstlerischen Gestaltungskraft liegt, sondern eher an der Art wie sie auftreten und sich geben.


    Fazit also für mich: Georg Hann hatte deutlich mehr auf dem (Brust-)Kasten als viele von denen ihm zugetraut haben, die ihn gerne in die Ecke des biederen und einfältigen Bierbasses abgeschoben hätten, der zwar beeindruckend und lautstark röhren kann, ansonsten aber nicht mit seinen künstlerisch "anspruchsvolleren" Kollegen mithalten kann.


    Ich bin sicher, dass er heute mit seinen stimmlichen Mitteln und seiner Schauspielbegabung ein absoluter Weltstar wäre - entsprechende umfassende, auch sprachliche Ausbildung natürlich vorausgesetzt - denke aber auch, dass es vielleicht doch besser ist, dass es nicht so gekommen ist, denn ich kann ihn mir nur sehr schwer als durch die Welt jettenden Starsänger vorstellen, der heimatlos und ohne Stamm-Ensemble von Auftritt zu Auftritt hetzt. Ich kann mich natürlich täuschen, aber ich bezweifle stark, dass er in dieser Rolle glücklich geworden wäre.


    Aber was soll's, derlei Erwägungen sind ja eh müßig, da nicht realistisch. Seien wir wie gesagt froh über das was wir haben und freuen wir uns an einem Sänger dem das Singen und Spielen buchstäblich im Blut steckte.

    Zitat

    Original von Joseph II.
    Eine wirklich wunderbare Würdigung dieses großen Sängers, vielen Dank!


    Gern geschehen. Ich bin ja schon lange der Ansicht, dass Georg Hann zu den absolut unterbewerteten Sängern gehört,von daher habe ich mich eher noch zurückhalten müssen um nicht allzu sehr ins Schwärmen zu verfallen. Aber es freut mich sehr, hier auf Gleichgesinnte zu treffen, die diesen Sänger auch zu schätzen wissen.



    Zitat

    Ich muß gestehen: Ich bin dieser Stimme verfallen.


    Geht mir in gewisser Weise ebenso, obwohl ich gar nicht so genau sagen könnte, was mich daran so fasziniert. Aber ich vermute es ist vor allem diese Mischung aus metallischer Durchschlagskraft gepaart mit sattem Wohlklang zum Dahinschmelzen. Harte, durchschlagskräftige Stimmen gibt es etliche, ebenso wie wohlklingende, die zu herrlichen Kantilenen fähig sind. Aber beides zusammen dürfte in dieser Ausgeprägtheit nur sehr selten vorkommen, selbst unter Weltklassesängern.


    Und das ganze dann noch kombiniert mit sehr intensivem Ausdruck, sprich: man spürt bei Hann deutlich, dass er sich in seine Rolle hineinfühlt und sein inneres Engagement in seine Töne einfließen lässt. Da steht keine Marionette auf der Bühne, die schönklingend aber unbeteiligt vor sich hinträllert, nein, bei ihm hatte ich immer den Eindruck, er fühlt was er singt - oder vice versa.


    Trotzdem blieb bei ihm das Schönsingen nur selten auf der Strecke, egal wie laut oder intensiv er auch sang, der Wohlklang blieb meist erhalten.



    Ironischerweise mag es gerade dieser Punkt gewesen sein, der ihn gegen einen Sangesdarsteller wie Hotter etwas ins Hintertreffen geraten ließ. Hotter war - wie etwa auch Christoff oder Schaljapin - der eindeutig expressivere Sänger, womit ich in diesem Fall meine, dass bei ihm das "reine"(pun intended) Singen öfters ins Hintertreffen geriet. Wohlgemerkt, ich spekuliere hier nur herum,aber ich könnte mir vorstellen, dass Hotters Auffassung sich eher mit der vieler Spielleiter deckte, die reines Schönsingen für antiquiert hielten.


    Wobei ich persönlich das natürlich etwas anders sehe und keinen zwingenden Gegensatz zwischen Ausdruckskraft und Schöngesang sehe, aber meine Meinung ist da natürlich nicht maßgeblich. :pfeif:


    Zitat

    Das Dämonische darin wäre prädestiniert gewesen für den Hagen, auch den Holländer (will man ihn so interpretieren),...


    Hier sehe ich es übrigens ganz ähnlich: Ein Dämon, der auch noch (verführerisch) schön singen kann, wirkt letzten Endes wesentlich "dämonischer" als ein heiser krächzender Teufel, weil das jeder von ihm erwartet. Aber das Teuflische unter lieblicher Maske, das ist das eigentlich Faszinierende.



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    Es ist wahrlich ein unfassbares Unglück, daß Hann so früh verstorben ist. Wären ihm wenigstens noch zehn Jahre vergönnt gewesen, wer weiß, welche wunderbaren Aufnahmen da noch zustande gekommen wären.


    Stimmt natürlich, wobei noch dazukommt, dass gerade Bässe ihre stimmlichen Fähigkeiten oft sehr lange erhalten können, so sie pfleglich damit umzugehen wissen. Da wäre wirklich noch einiges von ihm zu erwarten gewesen.


    Aber derlei Erwägungen sind letztlich müßig, da nicht realistisch. Seien wir also froh, dass wir wenigstens die Aufnahmen von ihm haben, die es gibt, und das sind ja gar nicht so wenige, auch wenn es natürlich wenig ist angesichts dessen, was hätte sein können.

    Zitat

    Original von Joseph II.
    Welche Wagner-Rollen neben dem Daland sang Hann noch?


    Ich glaube mich erinnern zu können, dass er auch den Wolfram im Tannhäuser gesungen hat, eine für seine metallische und dunkel gefärbte Stimme ja eher untypische Rolle, ich weiß auch gar nicht, ob davon überhaupt eine Aufnahme existiert. Ich wüsste andererseits aber nicht, warum der Wolfram nur für lyrische "Weichtöner" reserviert sein sollte, von George London gibt es schließlich ja auch eine sehr beeindruckende Aufnahme des Liedes an den Abendstern.


    Hanns Stimme war wirklich sehr beeindruckend. Er gehörte zur seltenen Spezies von Sängern, die nicht nur ein äußerst prägnantes und unverwechselbares Timbre besitzen, sondern auch über ein gewaltiges Volumen verfügen - sowohl was den Umfang als auch die Durchschlagskraft betrifft - so dass er sich ohne Bruch von den tiefsten Basstiefen in fulminanter Weise bis in baritonale Höhen hinaufschwingen konnte. Die Vielschichtigkeit seines Repertoires spricht da ja Bände.


    Sein beeindruckender Monterone wurde ja schon erwähnt, sein Auftritt mit der anschließenden Fluchszene gehört für mich eindeutig zu den "Gänsehaut"-Momenten. Ich finde übrigens, dass seine Stimme sehr gut zu anderen Sängern seiner Zeit passte, wie etwa zu Schlusnus, Roswaenge, Ahlersmeier..., die ja ebenfalls über sehr große Strahlkraft verfügten. Derart homogene und harmonierende Ensembles wird man heute wohl kaum mehr finden, liegt aber wohl nicht zuletzt auch daran, dass die Zeit der Ensembles an den Opern eh schon seit längerem vorbei ist.


    Beeindruckend natürlich auch sein Philipp II., der ebenfalls schon genannt wurde, wirklich ein gutes Beispiel, dass auch die deutsche Sprache durchaus "Verdi-tauglich" sein kann, wenn der oder die Richtige singt. Hann verlieh dieser Rolle schon aufgrund seiner Stimme die nötige Autorität, darüber hinaus war er aber auch ein gestaltender Singschauspieler, was sich natürlich besonders auch in seinen komischen Partien zeigte.


    Ich wage die Behauptung, dass Lortzing heute deutlich öfter auf dem Spielplan stünde, gäbe es derzeit mehr Sänger von Hanns Kaliber. Ich halte gerade seinen Van Bett für unübertrefflich und ziehe ihn selbst Gottlob Frick vor, der die Rolle ja wahrlich nicht schlecht verkörperte. Hanns Interpretation der Singschule "Heil sei dem Tag..." gehört für mich zu den Sternstunden der deutschen Singspieloper. Und gerade auch in der Rolle des Bürgermeisters mit seiner vergleichsweise hoch liegenden Tessitura kommt seine mühelose Höhe voll zur Geltung. Zum Schluss "fließen" die Worte eben wirklich bei ihm nur so dahin "wie ein Bächlein über Wiesen..."


    Und da auch die Aufnahme des Holländers erwähnt wurde, in der Hotter die Titelrolle sang: Hanns Verhältnis zu diesem anderen großen Sänger war ja nicht so ganz ungetrübt. So beschwerte er sich einmal, dass Hotter ihm alle die interessanten (Bassbariton-)Rollen weggeschnappt habe und er nur noch die langweiligen (Bassrollen) singen dürfe, seit sein werter Kollege erschienen sei. Wie ernst er das gemeint hat, weiß ich nicht, ein wahrer Kern wird schon dahinter stecken, allerdings traue ich ihm auch aufgrund seines Humors zu, dass er es nicht allzu tragisch genommen und mit etwas Galgenhumor weggesteckt hat.


    Kein Wunder also, dass er in München einer der größten Publikumslieblinge war und es geht die Fama, dass ihm in den harten Kriegs- und Nachkriegszeiten von den Standfrauen am Viktualienmarkt die eine oder andere Salami zugesteckt wurde. Ich kann mich zumindest an die Erzählung eines Tenorkollegen erinnern, dass er sie dann redlich mit ihm geteilt habe. Spricht ja auch nicht gerade gegen ihn.


    Insgesamt also ein wahrlich großer Sänger, und das nicht nur auf seine Stimme bezogen, der es auf jeden Fall verdient hat, dass seine Aufnahmen gewürdigt werden.

    Zitat

    Original von Joschi Krakhofer
    "Was macht den Barbier von Sevilla so besonders?"


    Nun, kurz gesagt: Diese Oper gehört meiner Meinung nach zu den wenigen, bei der "alles stimmt", bei der also die einzelnen Komponenten oder Zutaten hervorragend in nahezu optimaler Weise zusammenpassen.


    Da haben wir eine witzige Handlung voller Situationskomik mit ausreichend realistischem Hintergrund, so dass sie nicht aus der Luft gegriffen erscheint, liebevoll gezeichnete Hauptpersonen die psychologisch durchaus glaubwürdig agieren.


    Anders gesagt: Da stehen Menschen aus Fleisch und Blut auf der Bühne die dem Publikum Gelegenheit geben, sich mit ihnen zu identifizieren bzw sich über sie zu belustigen. Fällt zumindest mir etwa im "Tell" deutlich schwerer.
    Und das alles gekrönt und veredelt durch Rossinis herrlich inspirierte Melodien - besonders auch in den Ensembles.
    In dieser Mischung kommt das auch bei großen Meistern nicht sehr oft vor, so gesehen können wir beim "Barbier" in der Tat von einem Glücksfall für die Opernwelt sprechen.


    Zitat

    Ich kenne nun schon fast alle Rossini-Opern und muss sagen, dass ich mich immer wieder wundere, warum (fast) ausschließlich der Barbier von ihm gekannt wird. Ist er musikalisch wirklich um Hausecken besser als der Rest von ihm oder liegt es einfach an der Unmenge der vorhandenen Produktionen?


    Also die Unmenge an Produktionen ist natürlich ein gewichtiger Grund für den Bekanntheitsgrad der Oper. Andererseits birgt gerade eine solche "Massenproduktion" stets auch immer die Gefahr der Übersättigung in sich. Denken wir nur mal an Mozarts "Kleine Nachtmusik" die schlicht und ergreifend totgedudelt wurde, bis keiner sie mehr hören konnte. Anders kann man das wirklich nicht bezeichnen. Dass Rossinis Werk dieses Schicksal bis dato erspart blieb, spricht meiner Meinung nach eindeutig für die Qualität dieses Werkes - in erster Linie natürlich in musikalischer Hinsicht, aber auch allgemein.


    Denoch würde ich keineswegs behaupten wollen, dass diese Oper musikalisch um Klassen besser ist als andere Werke, sie hat nur weniger Schwachpunkte wie etwa Längen, konfuse Libretti, uninspirierte Teile oder dergleichen. Der Reiz liegt eben im Ganzen, nicht in der bloßen Aneinanderreihung einiger mehr oder weniger genialer Einzelteile..


    Zitat

    In vielen Lexika (jetzt nicht speziell Musiklexikas) wird nur der Barbier von Sevilla genannt und vielleich noch der Wilhelm Tell, warum hört man nichts vom Rest?


    Naja, lieber Joschi, bitte nicht so schamlos übertreiben. :D
    "Nichts" ist wirklich zuviel gesagt, aber ich weiß natürlich was du meinst. Aber nehmen wir doch gleich den Wilhelm Tell, sein musikalisch vielleicht reifstes und schönstes Werk. Zunächst mal ist die Oper ganz einfach zu lang, Belcanto-Fans sind nun mal üblicherweise keine Langstreckenfanatiker wie etwa die Wagnerianer, zwei Stündchen Schöngesang reichen ihnen meist völlig. :pfeif:


    Dazu kommt eine stellenweise etwas schleppende Handlung, sogar die Dramatik der Apfelschuss-Szene hält sich in Grenzen, Tells Arie ist nicht gerade der Ausbund an musikalischer Inspiriertheit und insgesamt empfinde ich die handelnden Personen alle als etwas blutleer und hölzern. Es gibt zwar ein Liebespaar, das für Anteilnahme sorgen könnte, aber auch das bleibt irgendwie im Hintergrund, trotz unbestreitbar schöner Melodien. Irgendwie fehlt da ganz einfach der Funke der überspringen könnte, das reißt auch die schwungvolle Ouvertüre nicht raus.



    Zitat

    Aufgrund der Tatsache, dass der Barbier am häufigsten eingespielt bzw. aufgeführt wurde drängte sich die Frage auf, ob denn der Barbier Rossinis BESTE Oper sei?


    Ich halte die Frage nicht für zielführend, da zu subjektiv. Die "beste" in welcher Hinsicht? Ich wiederhole meine Einschätzung: Sie ist diejenige seiner Opern, bei der alle Bestandteile sich am harmonischsten zusammenfügen. Das machte sie zur erfolgreichsten seiner Opern, nicht unbedingt aber zu seiner besten, da es hier sehr stark auf die zu Grunde gelegten Kriterien ankommt.




    Zitat

    Gibt es nun eine oder mehrere Opern, die "besser" (ausgewogener) sind als der Barbier und die es verdienen würden, als seine Nummer eins zu gelten? Die gibt es schon. Meiner Meinung nach gehören hier vor allem 2 hinein: LA CENERENTOLA


    Okay, nehmen wir das arme Aschenputtel. Steckt musikalisch voller Kostbarkeiten, gebe ich zu. Die Arien des Don Magnifico sind wahre Kleinode für einen Bass-Buffo, der das Parlandieren beherrscht, sein Duett mit Dandini ein echter Hochgenuss.


    Aber es gibt eben auch deutliche Schwächen. Der Prinz gibt als Tenor menschlich und dramaturgisch ein eher schwaches Bild ab, hat auch keine wirklich ins Ohr gehende Arie, die Figur der Cenerentola ist etwas blass und fällt gegen das intrigierende kleine Biest Rosina deutlich ab. Das Publikum will eben Lust und Leidenschaft lieber sehen als ein kreuzbraves und biederes Mädchen vom Lande, das nicht den geringsten menschlichen Abgrund durchblicken lässt. Da könntest du ja auch fragen warum Scarpia mehr Faszination erweckt als der Eremit aus dem Freischütz. :D


    Und dann gibt es eindeutig Schwächen in der Handlungsstruktur. Am Anfang erscheint ja alles noch halbwegs logisch und schlüssig, soweit sich das überhaupt von einem Märchen sagen lässt, aber im zweiten Teil wird es dann holprig und konfus, und zum Schluss findet das Paar dann auf ziemlich zufällige und undramatische Weise zusammen und es gibt ein ziemlich unspektakuläres Happy End. Dazu passen dann auch die etwas hölzernen Rezitative.


    Auch die Ensembleszenen der Cenerentola können mit denen des Barbier keineswegs mithalten. Das Finale des ersten Aktes findet im Barbier ein furioses und amüsantes Ende nach langer allmählicher Steigerung, das ist so dicht und stimmig, da kommt man kaum zum Atmen. Sicher, auch das "Quest'è un gruppo rintrecciato..." mit den rollenden "R" ist ganz nett, aber es reißt einen eben nicht vom Hocker. Da fehlt irgendwie der Schwung, das Sahnehäubchen, vergleichsweise gesehen.



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    L´ITALIANA IN ALGERI


    Nun gut, das ist auch eine meiner Lieblingsopern, da kann ich wenig dagegen sagen. Und ich bin sicher, dass diese Oper deutlich populärer sein könnte, wenn es die entsprechende Publicity dafür gäbe, z.B. indem aktuell bekannte Sänger sie interpretieren und das dann groß herausgestellt wird. Ähnliches dürfte für "Il Turco in Italia" gelten, den ich fast noch lieber habe.


    Aber den Vergleich zum Barbier können sie dennoch nicht ganz bestehen, weniger in musikalischer Hinsicht, als vielmehr auf die Dramatik des Textbuches bezogen. Theoretisch tut sich in beiden ja einiges und in gewisser Weise sind sie ja sogar spannender als der Barbier, in einem Fall geht es ja immerhin um Leben und Tod, dennoch scheint das Publikum sich in der Praxis doch nicht so sehr mitreißen zu lassen.


    Meine Theorie dazu: Beide Sujets sind zu weit von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt, als dass sie sich dadurch hautnah betroffen fühlen könnten. Die Liebesgeschichte in der Italiana bleibt vergleichsweise farblos und geht nicht wirklich ans Herz oder an die Nieren, und ich glaube jetzt nicht, dass das alleine die Schuld von Luigi Alva ist, der den Liebhaber in meiner Aufnahme singt. :D
    Und beim "Turco" ist alles irgendwie zu konfus und zu unübersichtlich, um die Herzen zu rühren. Da werden die Bäumchen und die Meinungen einfach zu oft und zu spontan gewechselt, um glaubwürdig sein zu können. Wahre Liebe stelle ich mir dann doch etwas dauerhafter und dramatischer vor als sich schnell mal einen Türken zum Kaffee aufzugabeln um den Ehemann zu ärgern. Oder so. Und dann noch dieser unsägliche tenorale Hausfreund. Gut, die Idee mit dem Dichter, der mitspielt und gleichzeitig die Fäden der Handlung in der Hand hält, um Stoff für sein neuestes Stück zu bekomen, reißt das alles wieder ein wenig raus, aber unter dem Strich stimmt halt doch nicht alles so perfekt zusammen wie beim Barbier.


    Womit wir wieder beim Anfang angelangt wären. Oje, ich merke gerade, ich habe mich etwas verplaudert. Naja, in gewisser Weise lädt das Thema ja dazu ein, schuld ist also Joschi, also bedankt euch bei ihm. :D

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    Original von Musikkristin
    als bekennenden Corelli-Fan bist Du mir nicht auf die Zehen getreten, lach. Über Corelli habe ich schon viel gehört und gelesen, heute Abend erst in einem Buch, er sei z.B. "neurotisch" gewesen, da härtet man ab. Aber neben all seinen Fehlern hatte er halt auch eine Stimme, die bis heute einmalig ist.


    Natürlich, ich gehöre ja durchaus auch zu seinen Bewunderern, soweit mir das bei einem Tenor überhaupt möglich ist. :D


    Ich wollte ganz einfach darauf hinaus, dass es für die Popularität durchaus nützlich sein kann, wenn der Künstler einen oder mehrere umstrittene Punkte hat, an denen sich Auseinandersetzungen entzünden können,und das kann alles Mögliche sein. Vergleichen wir als extremes Beispiel nur mal den Netrebko-Thread mit diesem. Es wird mir ja zumindest von uns hier keiner weismachen wollen, dass die gute AN eine um so viel besserere Stimme hat, wie es die Beteiligung an den Threads suggerieren könnte.


    Aber hier geht es eben nicht um die künstlerische Qualität der Sängerinnen, sondern um ganz etwas anderes, und das liegt eindeutig im nichtkünstlerischen Bereich. Ob es allerdings überhaupt wünschens- oder erstrebenswert ist, Popularität auf diesem Weg anzupeilen, ist noch die (letztlich unbeantwortete) Frage.


    Und wer weiß, falls in 50 Jahren nochmal das Gespräch auf diese beiden Sängerinnen kommen sollte, möglicherweise sieht die Verteilung des Interesses bzw des Bedürfnisses, etwas zu dem Thema zu sagen, ganz anders aus. Wenn etwas künstlich hochgeputscht wird, kann es auch sehr schnell wieder in der Versenkung verschwinden. Damit meine ich wohlgemerkt nicht die Person AN, sondern den Marketingzauber rund um sie.


    Wie es dann wirklich kommt, wird allerdings erst die Zukunft zeigen.

    Zitat

    Original von oper337
    Eigentlich habe ich mir nicht gedacht, dass Christina Deutekom schon vergessen ist.


    Nein, lieber Peter, vergessen habe ich sie ganz sicher nicht, war sie es doch unter anderen, die mich an den frühen Verdi herangeführt hat, eben gerade mit den von dir erwähnten Aufnahmen von Attila und I Lombardi. Und das sind ja Rollen, die es durchaus in sich haben, weil sie auch einen dramatischen Anspruch haben, andererseits aber auch noch eine große Geschmeidigkeit der Stimme verlangen.


    Ich vermute mal, ohne sie wirklich als Mensch je gekannt zu haben, dass es ihr eher fremd war, sich - abseits der Opernbühne - in den Mittelpunkt zu stellen und sie es eben auch nicht darauf angelegt hatte, sich auf bestimmte, beim Publikum besonders gefragte Rollen zu spezialisieren. Ein Typ für Skandale scheint sie ja auch nicht gewesen zu sein. Falls dem so ist, dann spräche das ja alles eher für sie.

    Und, um das auch einmal ganz klar zu sagen: Dass jemand bekannt ist und ständig über ihn gesprochen wird, ist zunächst mal ja kein Qualitätsmerkmal an sich, es kann sogar unter Umständen das Gegenteil bedeuten.


    Aber gut, wenn sie wenigstens gelispelt hätte... :)


    Kurt, der hofft, dass er jetzt nicht den Corelli-Fans zu sehr auf die Zehen gestiegen ist...

    Nachdem der Thread ja schon voll der (berechtigten) Lobeshymnen auf diese wundervolle Sängerin ist, will ich mich etwas zurückhalten und nur erwähnen, dass ich selbstredend auch ein großer Bewunderer von ihr bin, wobei ich nicht nur ihre ausdrucksstarke und wohlklingende Stimme sehr schätze, sondern auch ihr gewinnendes Wesen. Wie schon erwähnt war ihr dieses ganze Primadonnengehabe ebenso fremd wie zum Beispiel Christa Ludwig und das kommt wohl nicht zuletzt daher, dass sie es einfach nicht nötig hatte(n).


    Ich schätze sie besonders als Elvira in der schon erwähnten Aufnahme mit Pavarotti unter Muti, als Mimi, als Micaela , als Susanna und als Desdemona, um nur die wichtigsten zu nennen. Offensichtlich ging sie bei der Auswahl ihrer Rollen sehr umsichtig vor, denn ich wüsste jetzt keine einzige Aufnahme, in der ich sie als absolut fehlbesetzt empfunden hätte.


    Was ihre Ehe mit Nicolai Ghiaurov betrifft, kann ich mich noch an ein Interview mit dem Bass erinnern, in dem er erzählte, dass er, wenn sie zusammen auf der Bühne standen, schon Mühe genug hatte, auf sein eigenes Singen zu achten. Mirella Freni dagegen hätte nicht nur auf sich selbst aufgepasst, sondern auch auf den Gesang ihres Mannes und ihm dann auch immer hinterher erzählt, was ihr dabei aufgefallen war.


    Ich denke schon, dass das deutlich zeigt, welche Souveränität sie als Sängerin besaß. Andererseits, wenn ich mir vorstelle, zusammen mit meiner Frau auf der Bühne zu stehen, ich glaube das würde mich ziemlich nervös machen. Ich meine, es ist ja schon schlimm genug, wenn das Publikum zuhört, aber dann noch jemanden dabei zu haben, der dann hinterher (gnadenlos?) Manöverkritik übt: "Also das Rezitativ hat man wieder mal kaum verstanden, so hast du genuschelt, das d im Haupteil hast du ziemlich schräg von unten gerade noch so lala erwischt und das F am Schluss hast du auch nicht lange genug gehalten..."
    Also ich weiß wirklich nicht, ob ich imeinen schlimmsten Kritiker auch noch im Bett neben mir liegen haben will, da kann man ihn nämlich nicht so einfach wegklappen wie in der Zeitung. Aber der gute Nicolai scheint es ja ganz gut überstanden zu haben. :D


    Kurt

    Lieber Operus,


    vielen Dank für deinen Beitrag. Das Zitat von Karl Schuhmann hat mich besonders gefreut, weil ich es nicht kannte und ich es durchaus als Bestätigung empfinde, wenn zwei Menschen unabhängig voneinander zu ähnlichen Ansichten gelangen. Wobei ich allerdings überzeugt bin, dass noch sehr viele andere seiner Bewunderer ähnlich denken und ich da nicht wirklich auf was Neues gestoßen bin, es ist nur die Phrase vom "schwärzesten Bass", der einen auf eine falsche Fährte locken kann.


    Zitat

    Original von operus

    Beim Singen in Deutsch war Frick ein "Überzeugungstäter". Wie oft sagte er: "Höre Dir den hervorragenden deutsch sprechenden Domingo in Wagnerpartien an. Noch schlimmer klingt es, wenn wir Deutsche italienisch singen". Zusammen mit seinem Freund Oskar Cervenka war er der Meinung, dass wirklich empfundener innerer Ausdruck nur in der Muttersprache ausgedrückt werden kann.


    Ich kann diese Ansicht zwar durchaus nachempfinden, teile sie in dieser Absolutheit allerdings keineswegs. Würde es doch zum Beispiel bedeuten, dass Partien, die diesen Ausdruck erfordern, nur von muttersprachlichen Sängern (überzeugend) interpretiert werden können. Um im Bassbereich zu bleiben: Hat etwa Martti Talvela als Boris diesen inneren Ausdruck vermissen lassen? Ich denke nein und fände es schade, wenn der Welt seine Interpretation vorenthalten worden wäre, nur weil er Finne und kein Russe war.


    Ich will auch gar nicht weiter auf die Problematik der Originalsprache eingehen, aber ich finde es ebenfalls schade, dass Gottlob Frick aufgrund dieser Sprachproblematik auf die Interpretation einiger Rollen verzichtet hat, bzw verzichten musste, für die er von seiner Stimme und seinen sängerischen Qualitäten her geradezu prädestiniert war. Natürlich tröstet da schon ein wenig, dass andererseits noch genügend Rollen übrig blieben, in denen dieser Prachtbass seine Qualitäten demonstrieren konnte.


    Zitat

    Original von operus


    Es gab aber auch noch einen ideologischen Grund. Frick stammt aus einfachen Verhältnissen. Seiner Meinung nach würde die Oper ins Elitäre entrückt und die Hemmschwelle für den Durchschnittsbesucher noch erhöht, wenn der Text nicht zu verstehen wäre. Ausserdem wäre Frick international sofort in die Schublade des schweren Wagner-Basses gesteckt worden.


    Also das mit dem Verstehen würde ich nicht so eng sehen, denn es gibt da Untersuchungen, dass selbst Muttersprachler nur sehr wenig von dem mitbekommen, was da auf der Bühne teilweise in vorhandene und nicht vorhandene Bärte genuschelt wird. Und einer sehr berühmten Sopranistin sagte man ja gerne nach, dass sie zumindest gegen Ende ihrer Karriere nur noch Vokale gesungen hat. :D


    Das mit der Schublade ist allerdings wieder ein Thema für sich und ich halte diese Schubladisierung, die ja gerne mit der immer weiter um sich greifenden Spezialisierung einher geht, für sehr fatal. Da ist es wirklich sehr erfreulich und wohltuend, dass zumindest Frick sich nicht auf dieses unschöne, wenn auch oft lukrative Spiel eingelassen hat.
    Die Bezeichnung "Universalbass" gefällt mir ausnehmend und trifft meiner Meinung auch genau das, was ich mit "kompletter Sänger" ausdrücken wollte. Meiner Meinung ist diese Beschränkung auf einige "Paraderollen" eine der größten Gefahren für die künstlerische Entwicklung nicht nur von Sängern. Und wer sich mal auf eine Rolle festlegen hat lassen, der kommt dann oft nicht mehr davon los, selbst wenn er sich nicht mehr damit identifizieren kann. Winnetou lässt grüßen! :D


    Kurt

    Liebe Fairy Queen,
    Zum Rest deines Posting gibt es wenig zu schreiben, da ich absolut mit dir übereinstimme, deshalb nur kurz noch dazu:



    Moment! Von Literatur habe ich kein Wort gesagt, nur davon, dass es mehr oder weniger begabte Sänger(nach Wahl auch in Anführungszeichen) gibt, die sich dazu berufen fühlen, die Werke großer Meister zu interpretieren. Und die greifen im Zweifelsfalle halt lieber zu "La Donna é mobile" und "Figaro, Figaro, Figaro..".


    Aber möglicherweise hat Bellini ja gerade deshalb die Latte so hoch gehängt, weil er verhindern wollte, dass jeder Pizzabäcker, jeder Gondoliere und wer sich sonst noch für einen zweiten Caruso halten mag, seine erhabenen Melodien durch die Gegend knödelt. :D


    Obwohl, andererseits... ich könnte mir das schon sehr romantisch vorstellen, so an einem lauen Abend in einer Gondel dahinzugleiten, die Holde im Arm und dann stimmt der Gondoliere mit klangschöner Stimme "A te, o cara" an. Und aus dem Hintergrund setzt dann der Chor ein: "Senza occaso quest'aurora "...


    Aber genug geträumt, die Realität ist dann wahrscheinlich doch etwas nüchterner. :D


    Kurt

    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Lieber Kurt, ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden habe.
    Glaubst du, dass Bellini technisch schwieriger zu singen ist als Mozart, Rossini und Verdi oder dass einfach deren Melodien eingängiger und deshalb populärer sind als die von Bellini?


    Eher letzteres, aber nicht allgemein, sondern nur auf bestimmte Stücke bezogen. Bestimmte Komponisten haben meiner Auffassung nach die Fähigkeit, bzw. die Bereitschaft, sehr "volksnahe" Stücke zu komponieren, also eine vergleichsweise einfache und eingängige Melodie, die leicht im Gedächtnis haften bleibt und sich auch von Menschen nachsingen oder pfeifen lässt, die keinen Gesang studiert haben. Solche Stücke erfüllen dann die Voraussetzung, zu Schlagern zu werden, eventuell sogar ins allgemeine Liedgut einzugehen. Wobei es ja auch durchaus den umgekehrten Fall gibt, dass Komponisten sich beim Volksliedgut bedienen und Melodien in ihre Werke einbauen.


    Bei Mozart habe ich die Einschränkung deswegen gemacht, weil seine Melodien sich zwar oft einfach anhören, aber keineswegs einfach zu singen oder zu spielen sind. Aber wenn mir mal die Lieder des Papageno nehmen, wird vielleicht deutlicher, was ich meine.
    Die waren ja auch Emanuel Schikaneder auf den Leib geschrieben und das war kein eigentlicher Opernsänger.


    Ich behaupte nun, dass Bellini durchaus auch in der Lage gewesen wäre, solche eingängigen Stücke zu schreiben, er es aus welchen Gründen auch immer aber nicht gemacht hat. Und viel hat da oft nicht gefehlt, ich erinnere noch mal an "qui la voce sua soave" aus "I Puritani".


    Dies betrifft wie gesagt nur bestimmte Stücke, ich wollte keinesfalls andeuten, dass Verdi oder gar Mozart "simpler" komponieren als Bellini.



    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Was den technischen Schwierigkeitsgrad angeht, denke ich gerade darüber nach, ob du Recht hast
    Es gibt von Bellini(ausser den "Liedern" und selbst da braucht man bereits ein ausgewachsenes Legato und eine sehr gute Atemstütze) nichts für Anfänger .


    Eben, genau das meine ich. Selbst in manchen großen Opern von Verdi, Rossini oder Mozart, wie auch z.B. in den Werken von Lortzing finden sich Arien, die sich auch ausgewiesene Amateure zutrauen, bei Bellini ist das deutlich seltener der Fall, was zugegebenermaßen aber durchaus an der vergleichsweise geringen Anzahl seiner Werke liegen kann.





    Zitat

    Original von Fairy Queen
    (...)
    Das Problem bei Bellini ist m.E. , dass er sowohl den ausgeprägtesten lyrischen Schmelz mit allen dazugehörenden Tugenden als auch eine sehr grosse Beweglichkeit und Höhe fordert. Und zwar in fast allen Partien.


    Eben, Bellini erfordert trainierte, tragfähige, klangschöne, flexible Stimmen mit langem Atem und der Fähigkeit zu Kantilenen. Und das bezieht sich jetzt nur auf die rein technischen Anforderungen. Eine Verdi- oder Wagnerpartie lässt sich zur Not auch mit Forcieren und viel expressivem Ausdruck durchstehen, das kannst du bei Bellini vergessen. Gebrüllter Bellini ist tödlich. (Womit ich jetzt nicht sagen will, dass ich gebrüllten Verdi besonders toll finde, aber ich denke, du verstehst, worauf ich hinauswill.)


    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Bei Rossini steht die Beweglichkeit der Stimme an noch höherer Stelle, dafür wird weniger Lyrisches verlangt und auch die Höhenexpansion ist abgesehen von den Tenören geringer.
    Bei Mozart gibt es insgesamt viel mehr Variationsbreite zwischen den verschiedenen Rollen und da ist z.B. zwischen einer Servilia oder Vitellia und einer Barbarina oder Contessa dann schon ein erheblicher Schwieirgkeits-Unterscheid zu verzeichnen.
    Bei Verdi kommt als Sine qua non oft noch die dramatische Kraft und Stamina(so etwas wie Stimm-Ausdauer) dazu, wobei dann aber meistens Abstriche an Höhe und Beweglichkeit gemacht werden.
    Ganz grob gesagt.


    Alles richtig, wobei sich bei Verdi ja schon der erste Hauch von verismo andeutet, sprich: der reine Schöngesang wird dem Ausdruck und der Glaubwürdigkeit der Darstellung "geopfert". Verdi wollte ja auch bekanntlich keine reinen Schönsänger für seine Partien, sondern singende Darsteller, die ihre Rolle auf der Bühne glaubhaft leben.



    (...)

    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Ich stelle mal die These auf , dass man Bellini eigentlich nicht lieben kann, wenn man ihn nciht mit den passenden Stimmen hört. Und dass viellciht soviele Menschen Bellini fade fidnen, weil es so wenig gute Aufführungen und Aufnahmen gibt.
    F.Q.


    Ja, das sehe ich sehr ähnlich, wobei darin natürlich ein gewisses Dilemma liegt: Solange es so wenig angemessene Aufführungen gibt, hat das Publikum kaum Chancen, den "wahren" Bellini kennen und lieben zu lernen. Solange aber beim Publikum wenig Nachfrage nach diesem Komponisten besteht, ist auch für die Bühnen und die Sänger der Anreiz eher klein, sich mit ihm zu beschäftigen. Aber das kann ja auch wieder anders werden und derzeit habe ich durchaus den Eindruck, dass Bellini eher im Kommen ist, siehe eben die Aufführungen von "I Capuleti ed i Montecchi." Noch ist da nicht alle Hoffnung verloren.


    Kurt

    Zitat

    Original von Gregor
    Meine Erfahrungen mit Bellini halten sich noch in Grenzen. Das bisher Gehörte gefällt mir, ohne mich deswegen gleich in Begeisterung zu versetzen. I Puritani, Norma und auch I Capuleti haben sicher schöne Musik, aber berührt hat sie mich bis jetzt nicht.


    Ich halte das für völlig normal, die Geschmäcker, bzw die Wellenlängen sind eben von Mensch zu Mensch verschieden. Bei dem einen bringt Andrea Bocellis Stimme die Saiten zum Schwingen, den anderen schüttelt es da nur, der hört lieber alte verkratzte Schellacks von Caruso, bis ihm die Gänsehaut über den Rücken läuft, etc... Der Komponist, der alle gleichermaßen anspricht, wurde bisher nicht geboren und wird es wohl auch in Zukunft nicht.



    Zitat

    Original von Gregor
    Im Frühjahr hatte ich ja die Gelegenheit I Capuleti im Wr. Konzerthaus in konzertanter Form zu sehen. Ja, das war schöne Musik, aber vor allem blieben mir die schönen Stimmen von Netrebko und besonders Garanca und Calleja in Erinnerung. Ich dachte damals noch, daß mit weniger großartigen Sängern mir dieser Abend vielleicht gar nicht so in Erinnerung bleiben würde. Denn obwohl die Musik sehr gefällig war, kam sie erst richtig mit diesen tollen Sängern zur Geltung. Jemand sagte mir, bei Bellini kann es schnell langweilig werden. Also auf die Sänger kommt es an.


    Da stimme ich durchaus zu, nur möchte ich zu bedenken geben, dass selbst mich als ausgewiesenen Bellini-Liebhaber die Aufnahme mit Netrebko kalt gelassen hat. Auch wenn ich an ihr Duett aus Norma mit Elina Garanca aus Norma auf YouTube denke, dann rührt sich da einfach nichts bei mir. Die beiden sind wirklich schön anzusehen und haben angenehme Stimmen, aber tief rein geht da bei mir nichts, trotz der schönen Melodien. Ich behaupte, dass Bellinis Musik nicht nur gesungen, sondern von innen heraus beseelt werden muss. Und das ist etwas, das man nur sehr schwer oder gar nicht lernen kann, wenn man keinen Draht dazu hat.


    Wenn Bellinis Melodien ohne innere Anteilnahme als Gesangesetüden oder zur Stimmprotzerei heruntergesungen werden, dann sind sie in der Tat langweilig bis unerträglich, und hier liegt ein deutlicher Unterschied zu gewissen Melodien von Verdi, Mozart und Rossini.

    Bevor ich aber näher darauf eingehe, noch ein Zitat:


    Zitat

    Original von Gregor


    Vielleicht fehlt mir bei den Capuleti ja einfach auch noch der eine oder andere "Hit". Bei der Norma gibt es Casta Diva, bei den Puritani A te o cara. Bei den Capuleti kannte ich nichts.
    Wie gesagt, obwohl schöne Musik blieb von dieser vorerst nichts hängen.


    Dieser Mangel an "Hits" zeichnet meiner Meinung nach Bellini durchaus aus, und dadurch unterscheidet er sich wie schon erwähnt von Komponisten wie Rossini, Verdi oder Mozart, wobei das auf letzteren nur in eingeschränktem Maße zutrifft.


    Aber denken wir doch nur mal an "La Donna é mobile" aus Rigoletto: eine eingängige Melodie, dazu das typische "Umtata, Umtata", und schon haben wir einen Schlager, den zu damaliger Zeit die Spatzen von den Dächern pfiffen. Oder nehmen wir Rossinis Figaro-Arie. Um diese Melodien nachträllern zu können, muss man weder besonders musikalisch sein noch Gesang studiert haben. Und bei Mozart reicht es beim gemeinen Fußvolk immerhin oft noch für die ersten Takte: "Non piu andrai..., tatata tata tamtam..."


    Bei Bellini gibt es solche nahe dem Volksgesang angesiedelten Ohrwürmer kaum, der hat vorrangig für Profis, für studierte Sänger komponiert, und selbst von denen dürften einige z.B. bei "Casta Diva" schon ganz am Anfang Probleme bekommen. Bellini ist eben rein technisch schon nicht leicht zu singen, und wenn dann noch der Ausdruck dazukommen soll, dann wird es vollends kritisch.


    Ich bin mir im übrigen ziemlich sicher, dass Bellini durchaus auch eingängige Ohrwürmer hätte komponieren können, ich will aber nicht spekulieren, warum er es nicht getan hat. Vor allem will ich nicht Produzenten von Schlagerschnulzen auf dumme Gedanken bringen, die dann seine herrlichen Melodien abgespeckt und abgeflacht für seichte Liedchen verwursten. :D


    Zitat

    Original von Gregor
    Trotzdem finde ich Bellini einen sehr interessanten Komponisten und von den drei großen Belcanto-Komponisten - Bellini, Donizetti, Rossini - gefällt er mir bislang am besten.


    Gregor


    Also ich persönlich möchte da weder werten noch eine Rangordnung aufstellen, ich mag alle drei, jeden zu seiner Zeit. Was allerdings das Ausdrücken von Gefühlen via Musik und Gesang betrifft, ich denke da sollten meine Präferenzen klar sein. :D


    Kurt

    Zitat

    Original von Fairy Queen


    Lieber Kurt, das haben mir hier schon Etliche suggerieren wollen.... :pfeif: :angel:


    Aber bei mir stimmt es wirklich!!!! :D



    Zitat

    Original von Fairy Queen


    Ehe Du die ganze enthusiastische Ladung abbekommst, hier schonmal vorscihtig die Vorhut:
    Ah non giunge uman pensiero quel contento...... jubel jubel jubel :] :] :] :] :] :] :angel: :angel: :angel: :jubel: :jubel: :jubel:,
    dass hier ein waschechter und bekennender Bellini-Liebhaber und Sehnsuchts-Seelenverwandter auftaucht! Wo hast du dich bloss die letzten 1 1/2 Jahre verborgen, seit ich hier bin? ?


    Grazie, liebe Fairy Queen, aber Bellini, oder besser gesagt seine Musik, fungiert für mich schon lange als so eine Art Seelentröster, zumal ich solchen Jubel um meine Person eher nicht gewohnt bin, in letzter Zeit habe ich da eher die andere Seite kennengelernt, aber das würde hier und jetzt zu weit führen. :D


    Aber auch hier kommt Schubert ins Spiel: "Du holde Kunst,..."


    Und dass ich hier relativ wenig schreibe, hat einen ganz simplen Grund: Ich muss mich da schon etwas zurückhalten, denn wenn ich mal ins Schwafeln komme, dann finde ich keine Ende und dafür habe ich momentan weder die Zeit noch die Energie. Wird sich aber hoffentlich irgendwann mal wieder ändern.



    Zitat

    Original von Fairy Queen


    (...)
    Da wir ja hier nciht im leider brachiegenden Dcihterliebe-Thread sind,erlaube ich mir mal die ästheische Komponente aussen vor zu lassen und zu sagen, dass ich bei Zynikern fast immer eine enttäuschte Sehnsucht und ein Fass voll Frustration voraussetze.
    Die Angst vor Sentimentalität und die Furcht vor überbordenden Gefühlen schüttet nciht selten die Kinder mit dem Bade aus.
    Heine hat evtl Bellini sogar um seine romantisch- melancholische "Naivität"(seiner Ansicht nach war Bellini naiv) tief beneidet.


    Eben, Zyniker sind für mich im Grunde ihres Herzens unverbesserliche Romantiker, die sich nur nicht trauen, zu ihren Gefühlen und Sehnsüchten zu stehen und sich deshalb über im Grunde gleichgesinnte Seelen noch lustig machen, sie in Wahrheit aber gerade für das bewundern, was sie sich selbst nicht trauen.


    Aber jetzt genug mit der Küchenpsychologie, schließlich geht es ja momentan nicht um Heine, sondern um Bellini, und der hat sich getraut.Und wie! Seinen Musen sei Dank!


    Kurt