Beiträge von helmutandres

    Zitat

    Original von Klawirr...Aber mich treibt noch Fairys Frage um, warum es die »Musik der Moderne« anscheinend so viel schwerer hat, als die Kunst oder Literatur der Moderne. Das ist ja wirklich eine seltsame Sache. Leute lesen mit Begeisterung »Berlin Alexanderplatz« oder den »Mann ohne Eigenschaften« oder den »Zauberberg«, wissen aber mit der musikalischen Avantgarde der 1920er und 1930er Jahre nichts anzufangen. Man liest Ingeborg Bachmann, Henze aber ist ein Graus. Man geht in eine Ausstellung der Werke von Kiefer, Baselitz oder Boltanski, würde aber keine Konzertkarten kaufen, wenn Werke von Schnebel, Rihm oder sonst einem suspekten Moderninski auf dem Programm stehen... Woran liegt's? Keine Ahnung...


    Ganz herzlich,
    Medard


    weil die bildenden Künste und die Literatur gegenständlich sind und damit 'faßbarer'? Weil die Musik die Kunst ist, die ausdrückt, was man nicht sagen oder herstellen kann und die zwar ein Thema, aber keinen Namen dafür hat? Und sie ihrer Zeit insofern immer noch einen Schritt weiter voraus ist als die anderen Künste? Dem würde entsprechen, daß auch die Klassiker zu ihrer Zeit oftmals 'unverstanden' waren.


    Gruß


    helmutandres

    zu urteilen, sie einzuordnen, ihr gerecht zu werden, bedürfte es - denke ich - zunächst mal wieder des Blicks auf das Ganze - wie eben bei allen anderen Erscheinungen der 'Moderne' auch. Mir ist bewußt, daß dieser Ansatz 'anstrengend' bis langweilig ist - lieber geht man medias in res, gleich zu den Detailfragen der Stile, Erscheinungsformen, Abgrenzungen, Komponisten, Kompositionen, der Rezeption bei Eliten, Außenseitern, beim 'breiten' Publikum etc. etc.


    Ich behaupte, daß wir Sinn und Zweck unserer Evolution trotz allen angehäuften Wissens und sämtlicher Ideenentwürfe als selbstbestimmt (?) handelnde Population längst nicht erfaßt haben. Das ist natürlich eine wohlfeile Feststellung angesichts der Problemstellungen auf diesem Erdball. Meines Erachtens spielen die kulturellen Prozesse für Erkenntnisfortschritt und Problemlösungsansätze eine mindestens gleichgewichtige Rolle neben den ökonomischen und wissenschaftlichen Prozessen. Wenn wir das in Abrede stellen - im Neoliberalismus gibt es untergründige bis offene Tendenzen dahin - können wir natürlich jede Diskussion sofort beenden. Innerhalb der kulturellen Prozesse bildet insbesondere die Musik als Klangereignis den 'dunklen' Bereich dessen ab, was sich der rationalen Erkenntnis noch entzieht.


    In diesem Sinne hielte ich es für außerordentlich ignorant, die 'Musik der Moderne' pauschal etwa für unbeachtlich oder einen Irrweg zu halten, bloß weil das zitierte 'breite' Publikum (oder ich selbst) ihr (noch) kein Interesse und Verständnis entgegenbringen.


    Was aber bleibet, stiften die Dichter. Und die Komponisten, möchte ich in dieser Diskussion hinzufügen.


    Gruß


    helmutandres

    Die Tempofrage wird mir eigentlich immer nur dann bewußt, wenn ich den Eindruck des Gekünstelten, Willkürlichen habe (Maazel e. g. :D). Langsamkeit und Hochgeschwindigkeit um ihrer selbst willen, demonstrativ - hört her, was wir alles können. Gilt auch für laut und leise. Banale Feststellungen, gewiß.


    Sehr interessant finde ich wiederum den Hinweis, wie das verklingende Adagio schon den Beginn des Finalsatzes vorbereitet. Eine ähnliche Empfindung hatte ich schon mal für den Satzübergang bei der Achten geschildert.


    Grüße


    helmutandres

    Bernstein versus Karajan - das hat doch mehr Facetten als die, wer von beiden die 'Moderne' besser oder überhaupt nicht bedient hat. Klarer Fall. Eine andere, was daran so entscheidende Bedeutung hätte. Eine weitere, wie wichtig 'Moderne' als solche ist. Noch eine, welche Moderne denn.* Dann sind wir schon längst in einem neuen Thread.


    Ich finde, hier werden zuletzt lediglich noch uralte Klischees verhandelt. Ich gebe zu, daß ich zu den Hochzeiten von Karajan genau auch auf diesem elitären, mäkelnden Anti-Karajan-Trip war. Einfach so, man wollte ja intellektuell sein. So, und nun versuche ich zu seinem Hundertsten einfach mal rauszufinden, ob und bei welchen seiner Aufnahmen ich eine Gänsehaut kriege. Mal schaun.


    :hello:


    Edit: In dem Thriller 'Die Strohpuppe' von Basil Dearden mit Gina Lollobrigida und Sean Connery (GB 1964) gibt es eine Szene, die mit der 'Fantastique' unterlegt ist... da bekam ich damals eine Gänsehaut... ich meine, es war Bernstein...


    * Um nicht in einen falschen Generalverdacht zu kommen (na wenn schon ;)): zu Lachenmann, Killmayer, Zender, Holliger oder auch Martin oder Hartmann habe ich mehr Affinität als zu Stockhausen, Henze, Penderecki, Berio, Boulez oder auch Orff oder Bialas...

    läßt sich wohlfeil polemisieren. Der ganze äußere Apparat, mit dem sie sich umgeben haben, mit dem sie umgeben worden sind, müßte einmal abtransportiert werden, um zu sehen, was an unantastbarem Kern ihres Musizierens vorhanden - oder nicht vorhanden ist.


    Für mich fällt die Bilanz dabei eindeutig zugunsten Karajans aus. Bei ihm verspüre ich trotz oder gerade wegen seines Personalstils (der im übrigen in der Tat einem steten Wandel, besser: einer Entwicklung unterworfen war) den absoluten Willen, der Musik zu 'dienen', d. h., dem Wesen einer Komposition auf die Spur zu kommen. Es ist ein Phänomen, daß er dabei auch noch einen breiten Publikumsgeschmack getroffen hat. Scheinbar. Nach meinem Gefühl hat er das Publikum (dazu gehörte auch die Musikkritik) bewußt oder unbewußt lediglich benutzt, um seine Obsessionen realisieren zu können. Über das Ergebnis läßt sich von Fall zu Fall streiten - damals wie heute.


    Die karajansche Tiefe und Ernsthaftigkeit erreicht Bernstein nicht. Beiden Dirigenten haften Züge des Tragischen an; wie der eine die Emotionen letztendlich doch nicht verbergen und verbannen kann mittels einer sterilen Ästhetik des Unvergänglichen und der andere sich verzweifelnd verzehrt in dem vergeblichen Bemühen, seine Emotionen an den Mann und die Frau zu bringen.


    :hello:

    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Liebe Severina,
    Liebe Emotione,
    in diesem Punkt sind wir wohl einig.


    Schließe mich auch an.


    Zitat

    Original von Edwin BaumgartnerIch habe übrigens beide Dirigenten live erlebt - und ich kann nur meinen ganz subjektiven Eindruck wiedergeben: Wenn sie das Podium betraten, war bei beiden die Ausstrahlung sehr groß. Im Verlauf des Konzerts wurde dann Karajan für mich immer kleiner und Bernstein immer noch größer.
    :hello:


    Auch hier schließe ich mich an: Karajan trat hinter das Werk zurück, Bernstein davor :baeh01:


    :hello:

    Die beste Aufführung, die ich gehört habe, war im Funkhaus Köln mit Trudeliese Schmidt (!) und Wolfgang Schöne und dem Hausorchester unter Peter Gülke im Mai 1984.


    Von den vorliegenden Einspielungen bevorzuge ich auch die im Titel genannte.


    Gruß

    und reichlich spät in der Früh heute morgen in EinsFestival:


    Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR
    Rolando Villazón (Tenor)
    Dirigent:
    Eivind Gullberg Jensen
    Aufzeichnung vom 31.12.2006 aus dem Festspielhaus Baden-Baden


    Ich fand's wunderbar. Den Jensen ;).


    Morgen früh um 05:30 Uhr wird's nochmal wiederholt.

    Zitat

    Original von Norbert
    ...Ob man damit (Anmerkung: mit 'schnellen' Tempi) "näher" an Bruckner ist oder "weiter weg" als Bosch, lasse ich einmal im Raum stehen. Bloß sehe ich keinen direkten Zusammenhang zwischen viersätziger Sinfonie und Tempofrage.
    ...


    Die uralte, immer wieder neu belebte, 'öde' Diskussion über die Tempofrage, kann am Beispiel der jetzt viersätzigen Neunten dennoch sinnvoll geführt werden. Meines Erachtens spielen die Temporelationen, ich würde lieber sagen: spielt das Zeitempfinden bei der viersätzigen Fassung im Vergleich zum dreisätzigen Torso schon eine Rolle. Und zwar in einem ganz einfachen Sinne: bei letzterem mutiert das Adagio wie von alleine in nahezu allen Interpretationen zum Auch-Finale - und wird dabei in aller Regel noch langsamer, als es die vom Komponisten unzweifelhaft beabsichtigte viersätzige Form erfordert. Wenn nun ein Finale folgt, braucht das Adagio diese Funktion nicht mehr mit zu erfüllen.


    Viele Grüße

    'Zwischen den Tagen' hatte ich Gelegenheit, intensiver Bruckner IX mitsamt Finalsatz in drei verschiedenen Aufnahmen zu hören: der Aachener mit Marcus Bosch, der Stockholmer mit Daniel Harding – und einen Mitschnitt, den Ben Cohrs himself dirigiert hat. Dazu dann noch dreisätzige Einspielungen von Knappertsbusch (zurückhaltend ausgedrückt: eigenwillig bis willkürlich, aber im Scherzo macht er was 'los'), Karajan (großmächtig) und Keilberth (der Musikant). Schwerstarbeit :D.


    Vorweg: es gibt für mich keinen Zweifel, daß die SPCM-Fassung die nunmehr gültige Aufführungsversion dieser Sinfonie ist – zumindest solange, wie keine weiteren Partiturseiten mehr auftauchen. Das läßt sich allein schon bibliographisch begründen, von einer musikalischen Substantiierung einmal ganz abgesehen. Es würde dem Musikbetrieb m. E. kein gutes Zeugnis ausstellen, wenn er das nun vorliegende Ergebnis ignorieren sollte.


    Zu musikalischer Bedeutung und Gehalt der Neunten hat Ben in diesem Forum bereits so ausführlich beigetragen, daß ich dem sicher nichts hinzufügen kann. Insbesondere auf diesen Beitrag möchte noch einmal aufmerksam machen. Was mir an seiner und auch Hardings Aufführung im Vergleich zu den meisten anderen Einspielungen auffällt, ist aber in der Tat eine Art von 'Beredtheit', die unmittelbar anspricht. Manchem mag es ähnlich gehen: man legt eine CD ein, hört eine Weile zu, und plötzlich ertappt man sich dabei, wie die Gedanken abschweifen, man vielleicht sogar mit einer 'Nebenbeschäftigung' anfängt. Das passiert hier nicht: der Gestaltungswille des Dirigenten ist stets spürbar und fesselt den aufnahmewilligen Hörer. Das ist übrigens gerade bei der CD ein entscheidendes Merkmal, weil – im Gegensatz zur DVD oder gar zum Live-Erlebnis im Konzert – allein Ton und Klang die Imagination herstellen müssen (was aber manchmal gern auch ein Vorzug sein kann :D). Sicher kommt beiden Dirigaten auch zugute, daß die Interpreten etwas Neues zu bewältigen hatten, und daß sie dazu bis dato wenig oder keine Gelegenheit hatten.


    Und dann das Finale. Ich denke, hier geht es nicht mehr um Meisterschaft, Meisterschaft vorzuführen. Weder beim Komponisten noch bei den Interpreten. In diesem Finale hat Kunst nichts Artifizielles mehr, ihr 'Unterhaltungswert' relativiert sich durch den Ausdruck menschlicher Kreatürlichkeit. Einerseits. Denn ich empfinde die Sinfonie nicht als 'Sterbesinfonie' (als die man Mahlers Neunte sehen könnte). Wenn man - wie jetzt möglich - die ganze Sinfonie in ihrer ganzen Gestalt nimmt, führt sie nämlich über unsere abendländische Idee vom autonomen Individuum und dessen Einzelschicksal hinaus. Das ist womöglich noch schmerzlicher, weil wir damit die Heimat unserer Gefühlswelten verlassen (müssen).


    Hugo Wolf hat bekanntlich Bruckner als 'einen Titanen im steten Ringen mit Gott' bezeichnet (sinngemäß). Die Hoffnung, die Bruckners Sinfonik der Zukunft verkörpert, besteht nicht darin, daß dieser Kampf entschieden wird. Sondern in der Erkenntnis von der Möglichkeit der Synthese.


    Alles nicht neu, und es gibt noch viel zu hören, zu denken, zu tun.


    Viele Grüße und guten Rutsch

    Alban Berg


    WOYZECK

    von Georg Büchner


    Ort der Handlung: Eine deutsche Stadt mit Militär und Universität um 1820


    ERSTER AKT


    ERSTE SZENE
    (Zimmer des Hauptmanns. Frühmorgens.
    Hauptmann auf einem Stuhl vor einem Spiegel.
    Wozzeck rasiert den Hauptmann.)


    HAUPTMANN
    Langsam, Wozzeck, langsam! Eins nach dem Andern!
    (unwillig)
    Er macht mir ganz schwindlich.
    (bedeckt Stirn und Augen mit der Hand.
    Wozzeck unterbricht seine Arbeit. Hauptmann wieder beruhigt)
    Was soll ich denn mit den zehn Minuten anfangen,
    die Er heut' zu früh fertig wird?

    (energischer)
    Wozzeck, bedenk' Er, Er hat noch seine schönen dreissig Jahr' zu leben!
    Dreissig Jahre: macht dreihundert und sechzig Monate
    und erst wieviel Tage, Stunden, Minuten!
    Was will Er denn mit der ungeheuren Zeit all' anfangen?

    (wieder streng)
    Teil' Er sich ein, Wozzeck!


    WOZZECK
    Jawohl, Herr Hauptmann!


    HAUPTMANN
    (geheimnisvoll)
    Es wird mir ganz angst um die Weit, wenn ich an die Ewigkeit denk'.
    Ewig´, das ist ewig! Das sieht Er ein. Nun ist es aber wieder nicht ewig,
    sondern ein Augenblick, ja, ein Augenblick! - Wozzeck, es schaudert mich,
    wenn ich denke, dass sich die Welt in einem Tag herumdreht:
    drum kann ich auch kein Mühlrad mehr sehn, oder ich werde melancholisch!


    WOZZECK
    Jawohl, Herr Hauptmann!


    HAUPTMANN
    Wozzeck, Er sieht immer so verhetzt aus! Ein guter Mensch tut das nicht.
    Ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat, tut alles langsam ...


    ;)

    Zitat

    Original von Wiener Klang
    ...Das sitzen "Tontechniker" im HKZ, dem "Hauptkontrollzentrum", die selbst Liveübertragungen rigoros dämpfen und filtern! :kotz:
    Und plötzlich hört sich der Beginn des zweiten Satzes genauso leise an wie jener des Dritten!
    Komisch, im Konzert fliegen einem mitunter die Ohren weg, aber dem unmündigen Radiopublikum wird hier ein gefilterter dynamischer Einheitsbrei geboten.
    Wäre doch unverantwortlich, wenn der werte Zuhörer die Lautstärke als unangenehm empfinden würde und den Lautstärkeregler resp. die Fernbedienung bemühen müsste! ...


    Das Ärgernis besteht schon 'immer'. Es ist wirklich nicht nachvollziehbar, warum die Radioanstalten glauben, ihre Klassikhörer vor 'Dynamik' schützen zu müssen. Wer Klassik hört, wird beim Finale-Einsatz von Beethovens Neunter nicht vor Schreck von der Couch fliegen. Es ist ein Banausentum von ganz besonderer Ignoranz.


    :boese2:

    Es ist in der Tat tief bestürzend, was sich im Finale der Neunten ereignet und mitzuteilen versucht. Schon bei den Sketches, die Peter Ruzicka vor 20 Jahren in Berlin fürs Radio aufgenommen hat, stellte sich bei mir ein Gefühl der Beklemmung und der absoluten Fremdheit ein. Aber auch der unirdischen Schönheit. Und wie mir die Finali der Fünften und Achten keineswegs als bloße Affirmation von was auch immer vorkommen, empfinde ich beim vierten Satz der Neunten (wie bei der ganzen Sinfonie, die selbstverständlich erst mit diesem Finale eine ganze Sinfonie ist) umgekehrt nicht ausschließlich das Entsetzen im Angesicht der langen Nacht.


    Denn diese Nacht hat ein Ende. Die Hoffnung darauf gründet - anders als in Mahlers Neunter - gerade in der Ungewißheit darüber, daß nichts endgültig ist, weder die Erkenntnis, noch das Leben, noch die Liebe, noch der Tod. So steht der Satz am Anfang dessen, was wir noch nicht wissen. Denn es wäre dumm zu glauben, daß wir schon alles wüßten und noch dümmer, daß wir nichts mehr erfahren werden. Am allerdümmsten wäre es, der Musik davon weniger Ahnung zuzubilligen als der Sprache. Sie kann das Komplizierte nämlich viel unmittelbarer und verständlicher ausdrücken.


    Viele Grüße

    Die Dritte Mahler gehört zu meinen 'Lieblingssinfonien'. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann und was mich bewegt hat, die meines Wissens erste Schallplatteneinspielung der Sinfonie Mitte der 60er Jahre zu dem damals für mich horrenden Preis von 50 DM zu erwerben (25 DM war lange Jahre der Normalpreis einer LP). Auf jeden Fall mehr Neugier als auch nur der Schatten einer Vorstellung davon, was diese Sinfonie für eine Bedeutung hat. Es war der einzige Eintrag dieser Sinfonie im Bielefelder Katalog, und es hieß, es sei die längste Sinfonie überhaupt. Es handelte sich um die bei der französischen Harmonia Mundi erschienene Aufnahme mit dem Orchester des Wiener Konzertvereins (so das Cover, vermutlich die Wiener Symphoniker – können das die Wiener hier im Forum bestatigen?) mit Hildegard Rössl-Majdan (Alt), Walter Schneiderhan (Solo-Violine), Eduard Koerner (Posthorn), Les Petits Chanteurs de Vienne (also wohl die Wiener Sängerknaben), die Leitung hatte F. Charles Adler. Adler (1889 - 1959) studierte die Chöre der Münchner Uraufführung der Achten ein und muß sicher eher als Schüler denn als Weggenosse Mahlers gesehen werden, vermutlich aber ja wohl mit hoher Authentizität ausgestattet, was die Interpretation Mahlers angeht. Bei Amazon sind einige interessante und weiterführende Kommentare zu dieser Aufnahme eingestellt. Offensichtlich gibt es zwei Versionen: eine Studioaufnahme und einen Rundfunkmitschnitt. Was der Schallplatte zugrunde liegt, kann ich auf Anhieb nicht verifizieren – damals war es noch unüblich, Editionsangaben zu machen. Logischerweise müßte es die Studioaufnahme von 1950 oder 1951 sein.


    Was nun die Interpretation in dieser natürlich monauralen Einspielung angeht, kann ich die enthusiastischen Äußerungen in den Amazon-Kommentaren nur unterstreichen. Die Töne entfalten trotz der zeitbedingten aufnahmetechnischen Einschränkungen eine ungeheure Direktheit, Intensität und Lebendigkeit, die Musik erhebt sich sozusagen aus den Rillen und tritt dem Hörer unmittelbar gegenüber. Die Emphase des Finales ist einfach überwältigend. Wen es da nicht endgültig überrieselt, hat mit Mahler nichts am Hut ;).


    @ Walter: Ich finde die von dir eingebrachte Idee mit der Bachmann nicht nur sehr interessant, sondern auch in keiner Hinsicht 'problematisch', wie das im 'Alternativ- oder Gegenthreat' geäußert wurde (ohne das näher zu begründen). Gewiß hat ihr inneres Auge, mit dem sie auf Mahler blickt, nichts mit Kompositionstechnik zu tun. Aber Mahlers Kompositionsstil möglicherweise sehr viel mit der Seelenlage, in der sich Menschen wie Ingeborg Bachmann manchmal entdeckt – und durch die Musik angesprochen und vielleicht sogar ein wenig aufgehoben fühlen könnten.


    :hello:


    helmutandres

    Zitat

    Original von flotan
    Ein Wahnsinn dieser 4. Satz!


    Ja, das Empfinden hatte ich schon bei den Bruchstücken (Original Sketches), die Ruzicka vor 20 Jahren in Berlin aufgenommen hat.


    Natürlich, es ist neu, noch nicht gehört. Unerhört. :D
    Aachen und Stockholm haben den Anfang gemacht. Warten wir mal die nächste Zeit ab. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich die viersätzige Neunte jetzt nicht durchsetzt. Alles andere wäre wirklich eine Schande.


    Gruß


    helmutandres

    Lieber Ben, vielen Dank für diesen ausführlichen und für den Bruckner-'Kenner' sicher aufschlußreichen wie für den Liebhaber 'lehrreichen' Bericht. Ich möchte dem Projekt 'Bruckner IX viersätzig' und Dir sowie den übrigen, die daran mitgewirkt haben wünschen, daß es sich bald und endgültig in den Konzertsälen und Aufnahmestudios durchsetzt. Nach meiner 'inneren Stimme' ;) ist es ein ganz bedeutendes Ereignis der jüngeren Musikgeschichte.


    Vielleicht kannst Du noch auf ein paar Fragen eingehen. Deine Schilderung des Konzerteindrucks legt nahe, daß Harding sich nicht nur probend, sondern auch intellektuell mit dem Werk vorher ausführlich befaßt hat? Wieviel Probenzeit hatte er zur Verfügung, wieviel konnte er dem Orchester zu seiner ja offenbar etwas anderen Sicht auf Bruckner 'erklären'? In Aachen war die Vorbereitungszeit ja bekanntlich umständehalber ziemlich kurz. Weißt Du schon, ob es eine Aufnahme davon geben wird bzw., ob ein deutscher Sender den Mitschnitt senden wird?


    Viele Grüße


    helmutandres


    Wenn es klappt, danke ich nochmal :D


    :hello:


    helmutandres


    Hallo GiselherHH,


    ich höre dieses Konzert gerade aus dem 30-Tage-Archiv von Sveriges Radio P 2. Wie kann ich das speichern? Geht das überhaupt? Weiß das einer?


    :hello:


    helmutandres

    Zitat

    Original von Tresor
    Hallo helmutanders,


    die Boxen wurden vom B&W-Vertreter ausgerichtet, und zwar sehr stark nach innen eingewinkelt, so dass die Spitze des Dreiecks etwa 1 m vor der idealen Hörposition befand. Wir Zuhörer wollten zunächst nicht glauben, dass dies die optimale Ausrichtung sei. Aber tatsächlich war die Raumabbildung so am besten, allerdings nicht so gut wie ich es von einer High End Anlage erwartet hätte. Vorher waren die Schallwände genau auf den mittleren Hörplatz gerichtet. Da war der Raumeindruck schlechter und die Höhen kamen etwas spitz.
    Gruß
    Tresor


    Die starke Einwinkelung ist schon ok, weil damit der Direktschallanteil gefördert und die Raumakustik zurückgedrängt wird. Darf ich trotzdem nochmal nach der Seitenlänge des Stereodreiecks fragen? Wie weit standen die Boxen auseinander? Und wie weit standen sie von der Rückwand entfernt?


    Viele Grüße


    Hm, ich hatte die kleine ³ nicht identifiziert. Bei 5 m x 6 m klingt es - von der Frage der Raumausstattung (Dämpfung) mal ganz abgesehen - mit Sicherheit anders. Trotzdem würde mich die Seitenlänge des Stereodreiecks mal interessieren... sehr oft ist sie zu groß, und daran scheitert dann die (scheinbare) Ablösung des Klangs von den Lautsprechern und damit auch eine stabile räumliche Abbildung.


    :hello:

    Zitat

    Original von Tresor...Aufgeboten wurde jede Menge Elektronik von Accuphase, vom CD-Player über Vorstufen bis zu diversen Endstufen. In Bi-Wiring Verdrahtung wurde ein Paar Ur-Nautilus von B&W angetrieben.


    ... Aber wo blieb das Raumerlebnis? ?( Die Dimensionen des wahrgenommenen Raumes kamen nicht über das Hördreieck (linke Box, rechte Box, Hörer) hinaus. Auch die Tiefe des Raumes kam nicht genügend zur Wirkung. Das Klangbild löste sich nicht so recht von den Boxen. Das hatte ich eigentlich von einer High End Anlage anders erwartet! :wacky: ...


    Wie waren die LS denn aufgestellt? Wenn das Stereodreieck in dem 75 qm großen Hörraum (also etwa 7,50 m x 10 m?) > 3 m war, kann man nach meiner Erfahrung auch bei größeren Boxen nicht mehr mit einer befriedigenden Raumabbildung rechnen.


    :hello:


    Was hast du schon? Die CD schon? Oder vorbestellt? :D


    Naja, die paar Tage werde ich noch warten können. Die Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.


    :hello:

    Gestern abend war Olivier Latry mal wieder an der Oberlinger-Orgel in Bonn-Beuel zu hören, obwohl die Orgel derzeit restauriert wird. Das Mittelschiff war rappelvoll. Das Etikett 'Titularorganist an Notre Dame' zieht dann doch.


    Auf dem Programm standen die 3. Symphonie von Louis Vierne, Stücke von Olivier Messiaen und Jean-Louis Florentz sowie die deutsche Erstaufführung von Olivier Latrys 'Salve Regina' für Sopran und Orgel (in der Reihenfolge). Vierne spielte er auswendig, alles andere, also auch seine Eigenkomposition, mit Noten.


    Sozusagen das Hauptwerk am Anfang erschien mir auf den ersten Blick merkwürdig, zumal man das eher mit einer Ur- oder Erstaufführung macht. Es folgte aber einer musikalischen Dramaturgie, wie sich dann herausstellte.


    Latry lieferte einen unspektakulären Vierne ab, wie überhaupt die extravagante Pose weder gestisch noch musikalisch sein Ding ist. Man muß schon genau zuhören, die Steigerungen in der Intensität seines Spiels verfolgen, um den ganzen Latry mitzubekommen. Das galt auch für die nachfolgenden Stücke. Sein 'Salve Regina', in der Art einer Litanei wechselweise vom Sopran solo und der Orgel vorgetragen, entfaltete nach und nach diese Intensität immer stärker und fordernder, um dann - wiederum typisch für Latry - in Ruhe, fast entrückt, zu enden.


    Die wie mir schien überwiegend orgelverständigen Zuhörer dankten mit langem Beifall, Latry mit zwei verinnerlichten Zugaben, ehe er sich dann doch zu einem 'Rausschmeißer' entschloß :D.


    Am 11.11. kommt Olivier Houette aus Poitiers mit einem ebenfalls rein französischen Programm (u. a. Duruflé, Litaize, Dupré), am 18.11. Vincent Dubois aus Soissons mit Widor, Bach und der 1. Symphonie von Vierne. Die Konzerte beginnen jeweils um 19 Uhr.


    Gruß


    helmutandres

    Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Eine interessante Entscheidung, da das ja durchaus Werke sind, die nicht selten als Offenbarung oder Hinweise auf "jener absolute geistige Wahrheit, die eine positivistisch-pragmatische Praxis vor uns verborgen hält" gesehen werden... ;)
    JR


    :hello::D