Beiträge von Mme. Cortese

    Lieber Holger,

    das ist natürlich alles sehr schlimm, aber

    dann sollte man auch gerechterweise nicht vergessen, wie Wehrmacht und SS während des Krieges im Osten gehaust haben und dass daher viele Russen eine durchaus verständliche Wut auf alles Deutsche hatten. Vieles davon war ja zu der Zeit in Deutschland noch gar nicht bekannt. Und hätte Stalin tatsächlich "Deutschland die Hand gereicht" und zusammen mit den Westmächten eine konstruktive Nachkriegspolitik betrieben, wäre wohl nach einiger Zeit auch das Verhältnis zu der Russen allmählich besser geworden. Nur leider war Stalin eben Stalin, der ja in mancher Hinsicht ebenso ruchlos wie Hitler war, und der nichts Eiligeres zu tun hatte, als verdeckt unter dem Mäntelchen der Sozialismus sein Machtstreben auszuleben und in allen Ländern, die von der Roten Armee "befreit" worden waren, sofort Diktaturen in Form von Satellitenstaaten zu errichten, teilweise mit Gewalt (Prag 1968). Verständlich also, dass die Länder, die die Wahl hatten, sich lieber nach Westen orientierten. Und dafür brauchte es eben keine prowestliche Propaganda. Und gerade wir in Westberlin hatten ja bis zum Mauerbau täglichen Anschauungsunterricht, wie es in der DDR zuging.

    In Westberlin war pro-amerikanische Propaganda völlig unnötig, obwohl natürlich auch auf Berlin reichlich Bomben gefallen waren. Für die dürfen wir uns bei einem gewissen Hitler bedanken.

    Was Westdeutschland angeht: Spätestens nach dem 17 Juni, dem Aufstand in Ungarn und dem Einmarsch in die Tchechoslowakei war auch dort keine prowestliche Propaganda nötig, obwohl natürlich zur Zeit des letzteren die Stimmung wegen des Vietnamkrieges zu kippen begann.

    Lieber La Roche,

    da sieht mein Standpunkt aber ganz anders aus. Vorweg möchte ich sagen, dass ich nichts gegen die russische Bevölkeung habe und die derzeitige Tendenz, alles Russische aus dem Kulturleben zu verbannen, für überzogen halte,

    um es mal milde auszudrücken. Was können Dostojewski oder Tschaikowski für Putin? Dass aber Stalin Deutschland die Hand gereicht haben soll? Er hat sicherlich die Hand ausgestreckt, aber mit der Absicht, ganz Deutschland ebenso in seinen Einflussbereich zu bringen, wie er es schon mit allen osteuropäischen Staaten, in die die Rote Armee einen Fuß gesetzt hatte, gemacht hatte. Alle Verhandlungen der vier Siegermächte zwischen 1945 und 1948 drehten sich um die Frage der Reparationen (noch verständlich) und den sowjetischen Wunsch, eine Viermächtekontrolle über das Ruhrgebiet (mit Vetorecht, versteht sich) durchzusetzen. Bis dahin scheiterte die Frage eines irgendwie gearteten wirtschaftlichen Wiederaufbaus in allen vier Zonen am sowjetischen Veto. Als die Westmächte schließlich genug hatten und beschlossen, dann wenigstens in ihren Zonen "ihr Ding" zu machen, antwortete Stalin mit dem Erpressungsversuch der Blockade Westberlins.(Übrigens - damals haben die Westberliner tatsächlich lieber gehungert und gefroren, als auf ein Angebot der Sowjets einzugehen, sich nach einer Registrierung in Ostberlin sich dort mit Kohle und Lebensmitteln einzudecken!) Diese wiederum scheiterte am Widerstand der Westberliner Bevölkerung und der Luftbrücke. Da man durch alle diese Ereignisse keinen Zweifel am ungebremsten Hegemonialstreben der Sowjetunion hatte, kam es in der Folge zur Gründung der NATO, danach entsprechend des Warschauer Paktes.

    Um jetzt den Bogen zum Heute zu schlagen: Hast du dich mal gefragt, warum die ehemaligen Ostblockstaaten so schnell wie möglich der NATO beitreten wollten - es hat sie sicherlich niemand gelockt oder gar gezwungen. Wieso sich Russland dadurch bedroht fühlen kann, ist mir nicht ersichtlich - schließlich ist die NATO ein Verteidigungsbündnis und bleibt es hoffentlich auch. Bedroht ist allerdings der ungebremste Hegemonialanspruch Russlands bzw. Putins. Und was die Demütigung angeht - demütigend kann eigentlich nur der Wille der ehemaligen Satellitenstaaten sein, vor einer neuerlichen "brüderlichen" Umarmung des russischen Bären geschützt zu sein. Übrigens - stell dir mal vor, die baltischen Staaten wären nicht in der NATO und Putin meinte, die Bevölkerung in Kaliningrad vor irgend etwas schützen zu müssen und brauchte daher unbedingt eine Landverbindung dorthin...


    So, Schluss mit dem historischen Rückblick! Hoffen wir auf Frieden!


    LG Mme. Cortese

    Hab grad auf Arte den Macbeth aus der Scala gesehen. Am Ende bekam Frau Nebtreko etliche Buhrufe und das Regieteam einen wahren Buh Orkan.

    Was das Regieteam angeht, völlig zu Recht. AN hat sich redlich bemüht, eine Lady Macbeth ist sie allerdings nicht. Buhrufe

    allerdings sind auch nicht angebracht. Falls jemand von unseren RT-Befürwortern die Übertragung gesehen hat, würde ich mich über eine Aufklärung, was das Ganze sollte, freuen - ich fand es völlig abstrus. Wäre Macbeth nicht eine meiner Lieblingsopern, hätte ich vermutlich früher abgeschaltet.

    Mag sein, daß Carreras früher eine Glanzzeit gehabt hatte,

    Hallo Chrissy,


    warum hörst du dir denn nicht einfach mal ein paar Aufnahmen aus der Glanzzeit von Carreras an? Genannt wurden ja weiter oben schon reichliche. Sicher hatte er nicht die glanzvolle Höhe eines Pavarotti (es dürfte bekannt sein, dass ich keine Anbeterin lang gehaltener hoher Töne bin), aber meiner Meinung nach bringt er sehr viel mehr vom Gehalt einer Rolle rüber als Big P. Dass seine Karriere nur relativ kurz war, ging natürlich auf falsches Repertoire und später seine Krankheit zurück. Er war sich auch des Risikos bewusst. In seinen Memoiren sagt er sinngemäß, dass er lieber alles singen wollte, was ihm Freude macht, auch wenn es seine Stimme gefährde, als jahrelang mit einer Handvoll Rollen durch die Lande zu ziehen - eine Spitze, wie ich vermute, gegen Alfredo Kraus.


    LG Mme. Cortese


    Hier mal zwei Beispiele:


    Dann fange ich doch einfach mal an:


    Ich sehe eine Dame von einem Gebäude springen (Tosca),

    ein vermutlich schlaues Füchslein,

    eine unbekleidete Schöne vor dem Haupt des Jochanaan; das müsste also Salome sein,

    allerdings lassen Frisur und Kopfschmuck eher an Amneris denken (ein Opernmix?),

    im Baum tummelt sich eine sehr erfolgreiche "diebische Elster",

    die allerdings kurz davor ist, von Papageno gefangen zu werden.

    Unter dem Baum scheint Sir John Falstaff seinen Rausch auszuschlafen.

    Im Hintergrund scheint ein Schwan vor dem Bug eines Bootes zu schwimmen, offenbar steht Lohengrins Auftritt kurz bevor.

    Auch meine ich Madame Butterfly zu erkennen

    und im Hintergrund zwei Herren, die sich duelliren, also wohl Onegin und Lenski.


    Das soll mal fürs erste genügen.


    Es grüßt Mme. Cortese.


    P.S: Wären die Figuren alle, wie in modernen Inszenierungen üblich, in moderne Klamotten gehüllt, wäre das meiste unlösbar.:untertauch:

    zumal Frau Yontchewa live sang und Frau Callas sicher im Studio.

    Lieber La Roche,

    die Callas hat die Traviata nur einmal im Studio aufgenommen, das war, glaube ich, 1953, und das ist nicht ihre beste Darstellung. Dafür gibt es Live-Mitschnitte aus Mexiko, Mailand, Lissabon und London. Ich persönlich bevorzuge den Mitschnitt aus London 1958 und den aus Mailand 1955.


    Ansonsten gebe ich Helmut vollinhaltlich Recht.

    Hat man denn in Verona von den Vorzügen des in Deutschland vorherrschenden modernen Musiktheaters noch nie etwas gehört?

    Darüber bin ich sehr froh! Ich fand die Inszenierung zwar auch langweilig, weil wenig durchdacht, aber das ist mir allemal noch lieber als die abstrusen Ideen, die sich meistens mit dem modernen Regietheater verbinden. Vorzüge kann ich da höchst selten erkennen.

    Das, oder allgemeiner "Regisseur X inszeniert immer Regisseur X" ist vielelicht nicht einmal von der Hand zu Weisen. Aber wenn ich darüber nachdenke, gilt bzw. galt das auch für z.B. Zeffirelli. Bei dem ist es nur weniger "aufgestoßen", weil immer alles so "schön anzuschauen" gewesen ist. - Wo ein solches "Regisseur X inszeniert immer Regisseur X" m.E. beispielsweise nicht zutrifft, ist etwa bei Peter Konwitschny, dessen Arbeiten sich, wie ich finde, ziemlich voneinander unterscheiden.

    Da magst du recht haben, vor allem in seinen späteren Jahren mag er auch oft zu viel des Guten getan haben, aber im Gegensatz zu den genannten Herren hat er sich wenigstens immer an die Vorgaben des Librettos gehalten.

    Mein Eindruck ist auch, dass sich Tcherniakov für die Stücke selbst nicht sonderlich interessiert. Er nimmt sie als Ausgangspunkt für eigene Schöpfungen - so wie manche Regisseure sehr frei mit einem Roman für einen Spielfilm umgehen.

    Genau hier scheint meiner Meinung nach der Knackpunkt bei einigen Regisseuren zu liegen. Ich habe vor längerer Zeit - ich glaube, es war anlässlich seiner Inszenierung der "Salome" - mal über Castellucci geschrieben: Castellucci inszeniert immer Castellucci, egal, welche Musik man dazu spielt. (Was ich über den Salzburger "Don Giovanni" gelesen habe, scheint diese These zu bestätigen). Genau diesen Eindruck habe ich bei diesem "Holländer" des Herrn Tcherniakov auch.

    Wilhelm Taubert:



    ) Der Eitelkeit der Primadonnen und Kastraten

    Lieber Alfred,


    eine kleine Anmerkung: Wieweit es in der französischen Barockoper Primadonnen gab, weiß ich nicht. Mir ist aber bekannt, dass man dort von Kastraten gar nichts hielt und sich über die "Kapaunen" in der italienischen Oper lustig machte. Die hohen Männerrollen wurden von Sängern gestaltet, die wohl eher an die heutigen Countertenöre erinnern.


    Es grüßt Mme. Cortese

    Und es sagt viel über unsere Zeit, dass die Massenet-"Manon" so sehr auf dem aufsteigenden und die Puccini-"Manon L." auf dem absteigenden Ast ist.

    Dann bin ich dieser Zeit schon seit einigen Jahren voraus, da mir eigentlich schon immer Massenets Version lieber war. Für meinen persönlichen Geschmack ist mir Puccinis "Manon Lescaut" zu sehr mit dem (über)breiten Pinsel gemalt.

    Lieber Rheingold, lieber udohasso, das Frageverbot als notwendige Vorbedingung für den geschwisterlichen Inzest zu sehen, ist im Lohengrin-Diskurs üblich, wenn ich das als Amateur so feststellen darf. Mir haben Friedrich Dieckmanns Anmerkungen zu dem Komplex immer eingeleuchtet. Unfruchtbarkeit ist in der menschlichen Sphäre Vorbedingung dafür, über den Inzest auch nur spekulieren zu können. Der kategorische Bann, Monster oder Kretins zu zeugen, liegt als Barriere vor dem Wunsch, sexuelle Handlungen an Blutsverwandten vorzunehmen. Diese Sperre ist Manifestation des eigentlichen Tabus, die mögliche Nachkommenschaft betreffend.


    In seiner Inszenierung nimmt der Regisseur diese Symmetrie unter die Lupe.

    "Bin gar so dumm, nehmt mir`s nicht krumm"- was in aller Welt hat denn Inzest mit Lohengrin zu tun? Nebenbei bemerkt - ich habe seinerzeit den Livestream gesehen, bin aber nicht über den ersten Akt hinausgekommen, weil ich die Inszenierung öde und lächerlich ( Heerrufer, Origamischwan) fand.

    Majestät verzeihen mir hoffentlich (andere Taminos und Paminas bitte auch), wenn mir gerade diese Aufnahme eben wegen Rebroff nicht zusagt. Dem Bassisten hat man nämlich Falsett-Gesang zugemutet (Alfred hat's weiter vorn schon erwähnt) und das hört sich für mich unmöglich an.


    :hello:

    Dann vielleicht doch lieber ein echter Countertenor? Jochen Kowalski war ja eine Zeit lang auf diese Rolle "abonniert".