Beiträge von Bernd Schulz

    Eine Sinfonie in Fis-Dur ist übrigens der pure Sadismus gegenüber den ausführenden Holzbläsern. Ich bin froh, daß ich so etwas als freischaffender Mucker im Zweifelsfall nicht spielen muß. Gegen verrenkte oder gar gebrochene Finger wegen 6 Feinden in der Grund(!)tonart (spätestens bei der Dominante denkt man dann nur noch an den bedrückenden Roman von Anna Seghers) bin ich nämlich nicht versichert!


    Viele Grüße


    Bernd

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    Und natürlich klingt eine A-Klar. etwas dunkler.


    Um mal wieder in die andere Richtung zu argumentieren: Eine mit einem schweren, muffigen Blatt gespielte deutsche B-Klarinette klingt in der zeitgenössischen Orchesterpraxis eher dunkler als eine nach den Prinzipien der traditionellen französischen Schule geblasenen A-Klarintte mit Böhm-System. Das ist also alles ein weites und fallgrubenreiches Feld...


    Und um wieder in die eine Richtung zu argumentieren: Ich habe gestern mal während einer Freistunde in der Musikschule versucht, den Oboenpart im Trauermarsch der Eroica einen Halbton nach unten zu transponieren. Der rein farbliche Unterschied zur Originalversion war für meine Ohren unerwartet groß! Es klingt plötzlich längst nicht mehr so fahl und nach "funebre" - und es scheint einem, als ob Beethoven doch genau gewußt hätte, warum er die ganze Geschichte in c geschrieben hat, alte Tröte hin, neue Tröte her.


    Viele Grüße


    Bernd

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    Wobei man den Spieß auch schon wieder umdrehen könnte mit der Frage, wie ähnlich eine heutige Oboe einem Instrument aus der Zeit zwischen 1780 bis 1800 etwa ist


    Nicht so sonderlich ähnlich. Aber die akustischen Gegebenheiten bei "kurz" oder "lang" gegriffenen Tönen dürften bei allen Instrumenten - egal ob alt oder neu - ähnlichen Gesetzen folgen. Das hat einfach etwas mit der Zahl der offenen Löcher bzw. der Beschaffenheit der schwingenden Luftsäule zu tun. Wobei zu berücksichtigen wäre, daß bei transponierenden Instrumenten wiederum andere Tonarten gegriffen werden - d.h., eine klingende Tonart, die auf der Oboe einen fahlen Charakter besitzt, kann auf der B-Klarinette schon wieder besonders warm anmuten :D. Insofern glaube ich kaum, daß ein Komponist neben allen anderen komplizierten formalen Aspekten bzw. modulatorischen Finessen auch noch bei jedem Bläsersolo die jeweilige Farbe der Töne bei transponierenden und nicht transponierenden Instrumenten berücksichtigen konnte.


    Ich wollte nur der immer wieder zu hörenden These entgegentreten, daß bei gleichschwebender Stimmung alle Tonarten denselben Charakter haben. Das trifft zumindestens für verschiedene Blasinstrumente einfach nicht zu.


    Viele Grüße


    Bernd

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    Unterm Strich bleibt dann aber doch, dass es nur den Hörern mit absolutem Gehör auffallen würde, wenn ich die Eroica in D-Dur oder F-Dur aufführen würde. Oder übersehe ich da was?


    Naja, auch bei den modernen Blasinstrumenten haben die einzelnen Tonarten schon unterschiedliche Farben. Bei der Oboe z.b. sind dafür die sogenannten "kurzen" Töne (c, h) verantwortlich. Sie klingen heller und härter als die "lang" gegriffenen Töne (des, es), und wenn diese eher häufig, jene eher selten vorkommen, ergibt sich ein klanglich anderer Gesamtcharakter (deshalb ist C-Dur rein klanglich - nicht grifftechnisch! - für "moderne" Oboisten eine besonders unangenehme Tonart).


    Folglich hätte bei einer Auffährung des Eroica in D-Dur zumindestens das Oboensolo im Trauermarsch (h-moll statt c-moll, oder?) eine andere Farbe. Vermutlich träfe das aber auch noch diverse Passagen für Flöte, Klarinette etc. zu....


    Mit Beethovens ursprünglichen Intentionen haben diese Klangfarbenunterschiede natürlich nichts zu tun. Und inwieweit sie für den beim Bläserklang "normal" sensiblen Hörer nachzuvollziehen sind, ist die nächste Frage. Aber vorhanden sind sie zweifelsohne. Die Eroica in D klingt vom gleichen Orchester gespielt grundsätzlich anders als die in Es.


    Viele Grüße


    Bernd

    Tschaikowsky ist sicherlich nicht mein Lieblingskomponist, aber trotzdem fasziniert mich an seinen besten Werken das ungeheuer Emotionale und damit explizit Menschliche sehr. Aus der 5. oder 6. Sinfonie spricht zunächst nicht der Architekt (obwohl Tschaikowsky die Form ausgezeichnet meistert), sondern ganz unmittelbar der leidenschaftliche, in all seinen extremen Gefühlsschwankungen sicherlich auch immer sehr angreifbare und verletzliche Mensch. Dieser Mut zur ungeschminkten, aber nur selten platt und formlos wirkenden Emotion nötigt mir große Bewunderung ab (vielleicht zielte Strawinsky mit seiner Bemerkung "Er war der russischste von uns allen" auch gerade auf diesen überbordenden Reichtum an Emotionen).


    Hinzu kommt die große Begabung Tschaikowskys als Melodiker. Er konnte unzweifelhaft immer wieder Themen komponieren, die in ihrer melodischen Prägnanz jeden für Musik empfänglichen Menschen ganz unmittelbar mitreißen.


    Bei der 5. Sinfonie konnte ich mal auf einem Orchesterkurs in Weikersheim selber mitspielen, und das war ein aufwühlendes Erlebnis.


    Trotzdem ist mein bevorzugtes Werk aus Tschaikowskys Feder das Klaviertrio Op. 50 - im kammermusikalischen Rahmen, ohne das Gedröhne und den Bombast eines großen Orchesters, wirkt das "apassionato" der Musik dieses Komponisten noch unverstellter auf mich.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo,


    am vergangenen Sonntag habe ich dann auch den Essener Tristan erleben können.


    Daß mich die Inszenierung nicht unbedingt begeistern würde, war mir von vorneherein klar (wie sehne ich mich nach dem abstrakten, aber ungemein ausdrucksstarken UND werkgerechten Bühnenbild im Aachener Tristan aus den späten 70gern des letzten Jahrhunderts!). Die ersten beiden Akte fand ich noch ganz gut erträglich - mit der Zeit wird man ja recht hart im Nehmen -, aber im dritten Akt hat mich die Bühne regelrecht angewidert. Die eklige Fadenzieherei, die der arme Kurwenal da betreiben mußte, machte die "Traurige Weise" für mich leider atmosphärisch völlig kaputt. Ich mußte mich immer wieder mit Gewalt dazu zwingen, die Augen zu schließen, um den Kontakt zur Musik nicht völllig zu verlieren.


    Die Sänger fand ich insgesamt sehr gut, besonders Evelyn Herlitzius konnte als Isolde richtig überzeugen; die hier im Thread monierten Vokalverfärbungen sind mir nicht aufgefallen .Marke war eher mäßig, das stimmt, aber in unserem Provinztheater habe ich schon weit Schlechteres erlebt.


    Ziemlich enttäuscht war ich hingegen von der Leistung des Orchesters und seines Chefs. Wurden die Essener nicht noch vor nicht unlängst als "bestes Opernorchester Deutschlands" ausgezeichnet? In dieser Aufführung war davon nicht viel zu spüren - es fehlte immer wieder an Spannung, an Intensität, an Engagement. Und darüber hinaus fand ich auch das technische Niveau eher mäßig - es gab jede Menge Unstimmigkeiten im Zusammenspiel, und die Intonation im Holz ließ vor allen Dingen am Anfang viel zu wünschen übrig. Klar, das Vorspiel ist eine Herausforderung, aber von einem A-Orchester erwarte ich da schon mehr als diese evident schiefe und klappernde Akkordik.


    Insgesamt war es eine eher mäßige Aufführung einer Oper, die mich dann aber rein musikalisch dann immer doch so sehr zu packen vermag, daß ich trotzdem mit einiger Begeisterung aus dem Theater komme....Tristan und kein Ende...



    Viele Grüße


    Bernd

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    Bei dieser Kantate ist die Rilling-Aufnahme unübertroffen.


    Hallo Wolfgang,


    da bin ich ganz deiner Meinung. Auch ich liebe diese Kantate sehr und habe bislang noch keine überzeugendere Aufnahme gefunden.


    Die Arie Nr.4 gewährt mir, obwohl ich inzwischen meiner (katholischen) Kirche den Rücken gekehrt habe, ebenfalls immer wieder Trost und Hoffnung. Musikalisch ganz besonders kühn und groß finde ich aber die Nr.6, die in ihrer relativen Knappheit für meinen Geschmack zu Bachs unkonventionellsten und packensten Eingebungen gehört.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo,


    Michael, wieso solltest du jemanden beleidigt haben? In meinen Augen ist das Violinkonzert ein Meisterwerk, in deinen nicht. Solche gegensäztlichen Perspektiven soll es manchmal geben. :)


    Nicht so höflich finde ich es allerdings, wenn man demjenigen, der sich in einer völlig anderen Position befindet, gleich mit "Quatsch" über den Mund fährt. Da fehlt mir dann auch jegliche Lust, meine Auffassung näher zu erklären.


    Wulf, gerade den "Sly" (ich besitze die alte Acanta-Plattenaufnahme aus Hannover) mag ich bezeichnenderweise gar nicht; schon das brutale Sujet ist mir äußerst fremd. Hingegen finde ich Wolf-Ferraris komische Opern - "Die Vier Grobiane" konnte ich mal in München live erleben - großartig. Delikatere, feinsinnigere Musik kann ich mir den Grobianen zum Trotz :D kaum vorstellen.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Michael,


    ich kenne das Wolf-Ferrari-Konzert sehr gut und bin ganz auf Volkers Seite. Das, was du als "unheimlich epigonal" empfindest, ist für mich, wenn es so konsequent und meisterhaft umgesetzt wird, schon fast wieder eine gewisse Form von Avantgarde.....an einem bestimmten Punkt wechseln die Erscheinungen iher Masken.


    Oder anders ausgedrückt: Wolf-Ferraris konsequent antiquierter Kompositionsstil besitzt für mich eine zeitlose Komponente, die Bezeichnungen wie epigonal oder fortschrittlich drittrangig erscheinen läßt. Mit dieser klaren und trotzdem nie wie eine Kopie wirkenden Musik kann ich persönlich viel mehr anfangen als z.b. mit Korngolds schwüler, hypertropher Spätestromantik.


    Wir werden und müssen uns da nicht einig werden - ich wollte nur noch einmal deutlich machen, daß es Hörer gibt, denen eine solche "epigonale" Musik äußerst viel zu sagen hat.


    Herzliche Grüße


    Bernd

    Hallo Medard,


    Heidegger ist ein ganz gutes Beispiel - in seinem Fall würde ich tatsächlich zu ähnlichen Schlüssen kommen wie bei Pfitzner.


    Ich bin wirklich der Meinung, daß eine Beurteilung Pfitzners (oder Heideggers oder auch - um mal die Perspektive zu erweitern - Célines, Pounds...), sich nicht darin erschöpfen darf, seinen Antisemitismus zu betonen und sein (jetzt kommt ein Euphemismus) unkritisches Verhälthis zum NS - aber wegreden lassen sich diese Aspekte nicht (genausowenig wie der Antisemitismus Wagners). Und sie gehören zu Pfitzner, wie sie zur Geschichte des vergangenen Jahrhunderts gehören.


    Versuche ich denn, diese Aspekte wegzureden? Mir geht es darum, daß es sich um Aspekte unter anderen Aspekten handelt, und daß es in der Auseinandersetzung mit einem bedeutenden Komponisten, Schriftsteller oder Philosophen nicht ausreicht, ihn in die braune Ecke zu stellen und dann zu glauben, man sei sofort mit ihm UND seinen sämtlichen Werken fertig,
    Daß die politischen Verstrickungen und Verfehlungen auch zur Geschichte Pfitzners gehören, unterschreibe ich sofort.

    Grundsätzlich liegen wir wohl gar nicht soweit auseinander.


    Viele Grüße


    Bernd


    P.S.: Falls sich weitere Diskussionen zum Thema ergeben sollten: ich kann erst ab Dienstag wieder richtig ins Forum schauen

    Hallo Peter,


    die von dir zitierten Passagen (die mir zuvor auch bekannt waren), kann man natürlich nicht vernünftig verteidigen.


    In meinen Augen war Pfitzner halt das Gegenteil eines politischen Menschens, und der "zänkische Unsinn", den er vielfach von sich gegeben hat, ist in der Regel dem Gefühl geschuldet, in der Kunst auf einem letztlich schon verlorenen Rückzugsposten zu stehen, aber diesen Rückzugsposten mit allem Starrsinn und jeglichen sich bietenden Mitteln verteidigen zu müssen.


    Da es hier eindeutig um Kunst geht, kann ich die Intentionen des Komponisten nicht von dem Komponierten trennen.


    Hier scheiden sich die Geister. Gerade im Palestrina, der ja wohl eindeutig als Pfitzners Hauptwerk gesehen werden muß, finde ich aber überhaupt keine mit der Nazi-Ideologie zusammenhängenden Intentionen. Im Gegenteil wird hier der Antagonismus von Künstler und Welt bzw. Weltpolitik in eindringlicher Form thematisiert, und im zweiten Akt, der zunächst eine Satire auf das Konzil und die egoistichen Interessen der Tagespolitiker darstellt, kommt die grenzenlose Brutalität der Macht textlich ("Gebt Feuer! Schießt und schlagt! Und was noch zappelt, auf die Folter!") und musikalisch schonunsglos zum Ausdruck. Otto Klemperer hat das Textbuch zum Palestrina sehr bewundert ( "es gibt darin Stellen, die von Goethe sein könnten"), und Rafael Kueblik sprach von einem "Humanum" (wenn ich mich recht erinnere - ich habe das Booklet zu seiner Palestrina-Aufnahme leider verloren).
    Über Aufführungen dieser Oper war Hitler folgerichtig auch überhaupt nicht begeistert; teilweise hat er sie untersagt.


    Sehr bezeichnend für Pfitzners zutiefst unpolitisches Wesen ist auch das Schopenhauer-Motto, welches er dem Palestrina vorangestellt hat.
    Überhaupt sollte man nicht vergessen, daß er ein glühender Bewunderer Schopenhauers war und verschiedene Gesamtausgaben seiner Schriften besaß. Und die pessimistische Weltfeindlichkeit Schopenhauers ("Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz...dem Nationalcharakter wird, da er von der Menge redet, nie viel Gutes ehrlicherweise nachzurühmen seyn. Vielmehr erscheint nur die menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit in jedem Lande in anderer Form und diese nennt man dann Nationalcharakter") und den "völkischen" Hurraoptimismus des Dritten Reichs trennen wirklich Gräben.


    Pfitzners Weltbild kann man sicherlich nicht alleine auf seinen Antisemitismus (in einer eigenartigen Ausprägung) und seine Sympathien für bestimmte Aspekte der NS-Ideologie reduzieren. Und seine Werke sind von Verbindungen zu nationalsozialistischem Gedankengut fast völlig frei (die unselige "Krakauer Begrüßung " einmal außen vor gelassen). Man schaue sich nur einmal die Textvorlagen zu seinen Liedern an, da stößt man auf Goethe, Eichendorff, Dehmel ,Keller, Heine, Hebbel, Ricarda Huch....


    Daß man in ihn seinem Verhältnis zum 3.Reich nicht völlig von jeder Schuld freisprechen kann, steht auf einem anderen Blatt. Dieses posthume Schicksal teilt er mit anderen bedeutenden Künstlern wie Strauss, Hauptmann und Hamsun.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Paul,


    naja, Pfitzner war halt ein bekannter "Trotz"kist :D - manchmal so trotzig und eigensinnig wie ein Fünfjähriger...



    Gerald, die Beethoven-Sinfonien unter Pfitzners Dirigat kenne ich tatsächlich noch nicht. Sollte ich mir vielleicht bald mal zulegen. Wenn ich nicht in meiner CD-Unordnung ersticken würde...


    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    Ich weiß nicht wer das dereinst gesagt hat: Meine Musik braucht nicht interpretiert zu werden - die sollen spielen was in den Noten steht"


    Ich weiß auch nicht, wer das gesagt hat, aber es liegt auf der Hand, daß das ein ziemlicher Unsinn ist.
    Wenn ich auf meiner Tröte nur das spielen würde, was in den Noten steht, würden die Leute nach 5 Minuten die Kirche oder den Saal verlassen, und zwar völlig zu Recht. Dann gäbe es nämlich Betonungen nur da, wo sie in den Noten stehen (und da stehen sie ziemlich selten), es gäbe über längere Strecken keine Spannungsbögen, es gäbe keinen Anfang und kein Ziel - kurz, es würde wie ein sinn- und aussagefreies Geleier klingen.
    Die Interpretation fängt in dem Moment an, in dem ich mir überlege, welche Taktzeit ich betone, auf welcher ich entspanne, und vor allem, in welchem Grad ich das jeweils tue. Dazu finden sich manchmal Hinweise in den Noten, meistens aber nicht. Jeder Musiker ist gezwungen, sich darüber seine eigenen Gedanken zu machen. Und schon insofern kann es eine "neutrale" Interpretation gar nicht geben.


    Von anderen Nuancen, zu denen sich fast nie etwas in den Noten findet, wie zum Beispiel der Abstufung von Klangfarben, will ich gar nicht reden...und von feinsten Temporückungen, Schlussritardandi und sonstigen "Abweichungen" vom reinen Text, wie sie letztlich bei allen Interpreten in einem gewissen Maße zu hören sind, erst recht nicht....


    Die "neutrale" Interpretation ist eine Chimäre.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Gerald,


    die mit Abstand mitreißendste Interpretation der C-Dur-Sinfonie ist für meine Begriffe diese hier:



    Das Ganze bekommt man noch preiswerter in einer 10-CD-Furtwängler-Box:




    Früher gab es die Sinfonie unter Furtwängler auch direkt in Kombination mit den Palestrina-Vorspielen. Heute muß man offensichtlich zu dieser CD greifen:



    Sehr spannend finde ich es außerdem, Pfitzner als Interpreten zu erleben. Ich besitze eine CD mit zwei eigenwilligen, rubatoreichen Mitschnitten von Schumanns 2. und 4. (aus den Jahren 1928 und 1926). Ob diese Aufnahme noch erhältlich ist, weiß ich allerdings nicht, da müßtest du selber recherchieren.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Edwin,


    liegt dir auch Bernhard Adamys umfangreiches Buch über Hans Pfitzner (zwar keine Dissertation, aber ebenfalls sehr sorgfältig recherchiert!) vor?


    Der Autor kommt darin auf ebenfalls fundierte Art und Weise zu ganz anderen Schlüssen als Frau Busche, wobei ich nun überhaupt nicht behaupten will, daß er die Objektivität für sich gepachtet hat. Aber es sind halt verschiedene Perspektiven möglich.


    Ich halte es jedenfalls für eine ungute Simplifizierung, wenn man Pfitzner aus der historischen Distanz mit 2 Sätzen als ekelhaften Typen und notorischen Nazi abtut.


    Du schreibst ja selber am Anfang des Threads: Pfitzner als Nazi - das trifft nicht den Kern des Problems. Pfitzner lernte Hitler in Wien kennen und fand die Idee eines starken mit Österreich vereinigten Deutschland sehr sympathisch. Damit war Pfitzner in guter Gesellschaft, auch Kirche und Sozialdemokraten waren der Idee ja nicht so abgeneigt.Pfitzners Problem war, in Nibelungentreue zu Menschen zu halten, die er einmal in sein Herz geschlossen hatte - und seien es noch solche Verbrecher. So ist auch die Beziehung mit Hans Frank zu sehen. Pfitzner freundete sich mit ihm an und stand dazu auch dann, als es nicht mehr opportun war. Pfitzner war alles andere als ein Taktiker, er war eher ein Mensch der Trotzreaktion. Insoferne hat Pfitzner in Deutschland eine ähnliche Rolle gespielt wie der Dichter Knut Hamsun in Norwegen.


    Das klingt mir dann doch deutlich differenzierter als Herrn Diedrichs Bemerkungen auf der ersten Threadseite.


    Aber damit lasse ich es jetzt auch gut sein, bevor der Diskussionstonfall hier wieder eine Schärfe erreicht, auf die ich keinerlei Wert lege.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo,


    Und was die erwähnten Briefe an Bruno Walter angeht, so sollten Sie da auch den Schluß mit seinem Bekenntnis zum "Deutschtum bis zum letzten Hauch" zitieren und die massiven Angriffe auf Mann und Hesse nicht außen vor lassen.


    "Deutschtum bis zum letzten Hauch" heißt ja nicht unbedingt Nazitum bis zum letzten Hauch, oder? Da geht es nämlich schon los mit der Interpretation....
    Ich wollte ansonsten nur aufzeigen, daß es von Pfitzner Aussagen in entgegengesetze Richtungen gibt. Daß manche Stellen in den Briefen an Bruno Walter problematisch sind, ist auch mir bewußt. Aber den Anfang des von mir zitierten Schreibens finde ich unmißverständlich - es gehört schon einiges an einseitigem Mutwillen dazu, angesichts von Sätzen wie Mit der Vergrößerung, der Ausbreitung und dem Machtzuwachs der "Partei" begann allerdings ein Terror in Deutschland, der für jeden freien und geistigen Menschen schlechthin unerträglich wurde.....wahrlich, man müßte schon in das Deutschland der Hexenprozesse zurückgreifen, um sich eine ähnliche Gesamtstimmung zu vergegenwärtigen. Welches Kind, welcher junge Mann ist in sich so gefestigt, den stetigen systematischen Verhetzungen standzuhalten, den täglichen Anleitungen zur Ehrfurchtslosigkeit gegen "Geist, Alter und Verdienst"....der völkische Terror arbeitete gut, man konnte für seine Überzeugung nur noch sterben, nicht mehr für sie leben.... von einer Verteidigung des Nazis zu sprechen.


    Tendenziosität in einer Dissertation ist schon eine ziemlich schwerwiegende Behauptung,


    Zu allen Zeiten und in allen Gesellschaftsformen waren geisteswissenschaftliche Arbeiten tendenziös. Jedenfalls ist das meine Erfahrung .Ich glaube in diesem Bereich nicht an die Möglichkeit einer naturwissenschaftsähnlichen "Objektivität" Und gerade bei Pfitzner ist es leicht, die Seite zu sehen und zu betonen, die man sehen und betonen will (das gilt natürlich für Pfitzners Apologeten genauso ).


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo,


    Michael, Pfitzner hat gesagt, eine bessere Musik zum Sommernachtstraum als die Mendelssohnsche sei nicht denkbar.


    Es gäbe auch noch mehr Positives beizusteuern, z.b. den Auszug aus einem 1933 an einen jüdischen Sänger geschriebenen Brief:


    Lieber Herr Schey,


    Gott sei Dank kennen sie mich schlecht, wenn Sie glauben, daß Bedenken von meiner Seite vorliegen, meine Lieder von Ihnen gesungen zu wissen, weil Sie Jude sind. Ich möchte Ihnen nicht ausführlich schreiben, wie ich über die Judenverfolgung denke, denn ich liebe die Dachauer Gegend nicht besonders!


    1946 schrieb Pfitzner an Bruno Walter:


    Wer hätte damals im entferntesten ahnen können, welche Richtung diese Bewegung einschlagen und bis zu welchen Exzessen und Fratzen sich diese Idee auswachsen würde. Mit der Vergrößerung, der Ausbreitung und dem Machtzuwachs der "Partei" begann allerdings ein Terror in Deutschland, der für jeden freien und geistigen Menschen schlechthin unerträglich wurde....."


    Armin Diedrichs Behauptung Besonders übel sind übrigens Pfitzners Auslassungen nach 1945, als er erst wirklich zum Verteidiger des Nationalsozialismus avanciert, etwa in Briefen an Bruno Walter oder in seiner "Glosse zum zweiten Weltkrieg", in der er den Holocaust leugnet etc. scheint mir angesichts solcher Zeilen dann doch sehr einseitig formuliert. Und auch das Buch von Sabine Busch macht mir einen etwas tendenziösen Eindruck...


    Pfitzner war vor allen Dingen eines: Eine sehr ambivalente Persönlichkeit, der das gängige Bild vom nibelungentreuen Nazi nicht wirklich gerecht wird. Die "schuldhaften" Aspekte in Pfitzners Verhältnis zum Dritten Reich (Hans Frank ist hier in der Tat das Stichwort) will ich mit dieser Feststellung nicht herunterspielen, aber es gab bei ihm halt auch eine andere, den Nazis gegenüber sehr distanzierte Seite, die man ebenfalls betrachten und kennen sollte. Dann versteht man auch besser, warum unter anderem Arnold Schönberg und Bruno Walter 1947 eidestattliche Erklärungen abgaben, um Pfitzner im Entnazifizierungsverfahren zu entlasten.


    Das läßt sich nur unterstreichen. Mir ist bislang noch kein bedeutender Komponist begegnet, der auf der menschlichen Ebene eine derart ekelhafte Person gewesen sein muß. Seine Tochter trieb er in den Selbstmord (wobei er sich anschließend nur beklagte, warum sie ihm das antun konnte), mit seinem Sohn verkehrte er nur noch über den Anwalt und so fort. Im Vergleich dazu war Wagner wohl ein Ausbund an Edelmut und Herzensgüte...


    In den letzten Jahrzehnten ist es ja eine regelrechte Mode geworden, bedeutenden Künstlern ihre kleinen menschlichen Schweinereien bis ins letzte Detail nachzuweisen und diese negativen Charakterzüge auf hunderten von Seiten in der Offentlichkeit zu präsentieren, möglichst unter einem dicken Vergrößerungsglas, auf das jeder séhen möge, wie völlig unerträgliche Zeitgenossen Goethe, Thomas Mann, Richard Wagner etc. usf. eigentlich gewesen sind. Mir scheint, nach einer Phase der kritik- und distanzlosen Bewunderung erleben wir jetzt eine Ära, in der man mit besonderer Lust auf jeder einzelnen Schwäche der ehemaligen "Meister" herumreitet.
    In meinen Augen ist das eine wie das andere eine problematische Schwarz-Weiß-Malerei..... -


    Gerald, ich finde es sehr bemerkenswert, daß du dich schon als Gymnasiast so intensiv mit Pfitzner und seiner Musik auseinandersetzt. Ich glaube, ich würde dich sehr gerne einmal persönlich kennenlernen! Die Veröffentlichung oder Nichtveröffentlichung eines doch bis an die Grenzen der Unerträglichkeit belasteten Randstückes (als etwas anderes kann ich die "Krakauer Begrüßung" bislang nicht sehen) unseres Lieblingskomponisten ist mir allerdings völlig unwichtig. Richtig ärgerlich finde ich es hingegen, daß bislang immer noch keine offizielle Aufnahme der "Rose vom Liebesgarten" auf Tonträger zu bekommen ist....


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Christoph,


    ich habe den Palestrina - wie oben geschrieben - schon in vier verschiedenen Inszenierungen gesehen, und zwar in Nürnberg, München, Berlin und Düsseldorf.


    Und jedesmal war es ein besonderes Erlebnis, auch wenn die Nürnberger und Düsseldorfer Aufführungen nicht meinen Vorstellungen von einer werkgerechten Regie entsprachen. Die Inszenierungen in München und Berlin hingegen waren für meine Begriffe ganz großes Theater. In München hat Peter Schreier (dessen Stimme ich eigentlich nicht besonders mag) den Titelhelden ungeheuer glaubwürdig verkörpert, und Ähnliches gilt verrückterweise für René Kollo in Berlin, der den Spitzenton auf "Frieden" im ersten Akt nach unten oktavieren mußte, aber ansonsten einen wirklich berührenden Palestrina sang und spielte.


    Für mich ist der Palestrina gerade live eine absolute Gänsehautoper. Schon wenn die ersten Akkorde des Vorspiels im Graben erklingen und das 16. Jahrhundert wie in einem kargen Gemälde heraufbeschwören, packt mich dieses Meisterwerk von Kopf bis Fuß.


    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    Ohne Mozart würde für die meisten eben die Geschichte des Violinkonzerts bei Beethoven anfangen.


    Äh....angeblich soll ein gewisser J.S. Bach auch ein paar ganz brauchbare Violinkonzerte geschrieben haben (von Vivaldi, Telemann etc. usf. gar nicht zu reden).


    Auf die Frage, ob Mozart überschätzt wird, kann ich eigentlich nur mit einer Gegenfrage reagieren: Von wem? Von Hinz, Kunz, mir (bestimmt nicht - ich höre selten Mozart), Ulli, Paul, dem Musikwissenschaftler Dr. Müller oder wem auch immer?
    Ich bin bislang auf sehr unterschiedliche Mozartbilder gestoßen. Aber daß Mozart einer der wichtigsten Komponisten überhaupt ist, hat noch nie jemand auf ernstzunehmende Weise bestritten, oder?


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Joschi,


    wichtig finde ich solche "Gesellschaften" vor allem, wenn es um Komponisten geht, denen ansonsten eher (zu) wenig Beachtung zuteil wird. Mozart braucht nicht unbedingt eine Vereinslobby... :D


    Aber ich habe immer wieder damit geliebäugelt, Mitglied in der Joseph-Haas-Gesellschaft zu werden. Und in die Hans-Pfitzner-Gesellschaft http://www.pfitzner-gesellschaft.de/indexjs.htm bin ich natürlich schon in den frühen 80ern eingetreten...wobei gerade Pfitzner heute nicht mehr so ein Schattendasein wie damals fristet. Ob die vergleichsweise große Zahl an Aufnahmen, die mittlerweile im Falle Pfitzners verfügbar ist, nun gerade auf das relativ stille Wirken :D der Gesellschaft zurückgeführt werden kann, sei dahingestellt... :D :D


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo m.joho und Paul,


    nein, Edwin hat natürlich vollkommen Recht. Um die Ironie hinter der Äpfelchenschälerei, der Brille und dem Heilwasserbrunnen zu erkennen, braucht es ganz klar einen unglaublichen Scharfsinn. Jeder geistig Normalbegabte kann diese Inszenierungsergebnisse nur als Produkte einer naiv-unschuldig am Werk orientierten Regie verstehen.


    Keine Frage, da hat Schlömer die intellektuellen Fähigkeiten der Zuschauer wirklich auf eine schier ungeahnte Art und Weise herausgefordert!











    :D


    Bernd

    Zitat

    Genau diesen Ansatz haben nämlich zahlreiche Regietheater-Regisseure: Sie inszenieren mitunter ganz genau, was in den Regie-Anweisungen steht, aber sie ironisieren es durch Verkleinerung...


    Was besagt, daß sie nicht das Rheingold oder die Walküre zeigen, sondern eine Parodie dieser Werke.


    Viele Grüße


    Bernd

    :O Fugato, Hand aufs Herz - ich habs gelesen, aber gleich danach wieder verdrängt.... :O :O :O...naja, doppelt gemoppelt hält besser...


    Von Pfitzner fällt mir aber auch gleich noch ein anderes Beispiel ein, nämlich das Duo für Violine, Violoncello und kleines Orchester op. 43 . Von diesem intimen und trotzdem musikantischen Spätwerk gibt es auch eine "gleichberechtigte" Trio-Fassung mit Klavier.


    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    (Ich muss gestehen, eine tolle Lichtregie macht für mich JEDES Bühnenbild überflüssig!)


    Mir geht es genauso, Severina. Und ich habe vor langen Jahren in Düsseldorf auch schon einen hervorragenden, weitgehend abstrakt, aber mit höchst eindrucksvollen Lichteffekten inszenierten Ring gesehen. Das gab es null Pappmaché, aber ich war trotzdem begeistert.


    Würdest Du es beispielsweise akzeptieren, wenn der Regisseur das Felsengebirge als Zitat nimmt und es nicht als bühnenbeherrschendes Massiv suggeriert, sondern ein deutlich als Modell erkennbares kleines Felsengebirge auf einen Tisch stellt - sozusagen der Tisch, auf dem Wotan in einer Art Terrarium heile Welt spielt? Dann kommt Fricka und schmeißt das alles auf den Boden - sie zerstört ja Wotans Weltrettungsplan erst einmal.


    Edwin, ich könnte mir Schlimmeres vorstellen, aber faszinieren würde mich eine solche Lösung auch nicht gerade. Sie ist mir schon wieder viel zu plakativ. Daß Fricka Wotans Pläne durchkreuzt, weiß ich. Damit mir das klar wird, muß sie kein Gebirge zu Boden schmeißen. Und warum soll das Gebirge ausgerechnet Wotans heile Welt symbolisieren? Mir fehlt da die innere Logik. Die von Wagner geforderte Szenerie ist doch eindeutig eine, in der Wotan und Fricka gleichermaßen stehen. Nee, tut mir leid, aber deinen Vorschlag würde ich eher unter "Spirenzchen, die für das Verständnis des Stücks nix bringen" abhaken.


    Ansonsten wiederhole ich nochmal Severinas Frage: Was genau hast du gegen das verdammte Gebirge als Grundumgebung (gerne in angedeuteter oder abstrahierter Form?).


    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    Kann sein, daß ich etwas falsch gelesen habe; aber wie ich es verstehe, wünscht sich Bernd keine ästhetische Vielfalt sondern eine konservative Monokultur, in der beispielsweise der zweite Akt "Walküre" nur dann durchgeht, wenn Pappmaché-Ungetüme ein "Wildes Felsengebirge" vorwackeln.



    Hallo Edwin, da hast du in der Tat etwas falsch verstanden. Wir diskutieren hier verwirrenderweise auf mehreren Ebenen. Auf der einen Ebene versuche ich, meine ästhetischen Positionen im Hinblick auf Opernaufführungen argumentativ zu verteidigen (und auch da verstehst du mich mit Absicht miß: Ich erwarte keine "Papmaché-Ungetüme", sondern nur etwas, was einigermaßen das, was in Wagners Werk steht, andeutet).
    Auf der anderen Ebene bin ich nicht so vermessen, meine eigene Meinung für allgemeingültig zu halten. Da ich aber eine Reihe von Leuten kenne, die diese Meinung in etwa teilen, würde ich es begrüßen, wenn es zu dem extremen Regietheater in meiner Umgebung noch Alternativen geben würde. Ich bin bescheiden und fordere keine Quote von 50% - wenn es in den für mich erreichbaren Häusern neben den ganzen Verfremdungen auch noch sagen wir mal 30% einigermaßen werktreue Inszenierungen hätte Insofern hat Severina absolut Recht, wenn sie meint, daß ich für Vielfakt plädiere. Im Moment gibt es keine Vielfalt, sondern es herrscht die absolute Diktatur des Regieteheaters. -


    So, jetzt noch einmal zurück zur Ebene meiner Meinung:



    Zitat

    Der Text ist fixiert und insofern ob seiner künstlerischen Bedeutung unveränderbar. Die Musik ist freier. Frag mal einen Harnoncourt-Verächter, was er davon hält, was der Graf angeblich mit der Musik macht. Die wird auch umgedeutet und entspricht plötzlich angeblich nicht mehr dem Zeitgeist Mozarts. Es ist überall die selbe Leier.


    Sascha, ja, die Musik ist freier. Aber doch nicht frei bis zur Beliebigkeit! Auch "der Graf" hält sich in vielerlei Hinsicht exakt an das, was in der Partitur steht, Tonhöhen und rhythmische Strukturen sind klar vorgegeben. Freiheit existiert es in allen Punkten, die die Partitur nicht eindeutig vorgibt: Artikualtion, Wahl des genauen Tempos, Klangfarbe etc. - aber das, was aus den Noten eindeutig hervorgeht, mißachtet kein ernsthafter Musiker.
    Die Szene mag meinethalben noch freier sein. Aber auch hier gibt es teilweise im Text des Werkes klare, eindeutige Vorgaben. "Wildes Felsengebirge", um bei meinem einmal gewählten Beispiel zu bleiben, ist eine solche eindeutige Vorgabe. Wenn Wagner nichts anderes als einen Ort, der den zwischenmenschlichen Konflikt im Bühnenbild widerspiegelt]gemeint hätte, hätte er geschrieben " ein Ort, der den zwischenmenschlichen Konflikt im Bühnenbild widerspiegelt"! :D
    Das Felsengebirge steht nun mal im Werk, und irgendwie will ich es erkennen können, ebenso wie ich den Nonenakkord in der Partitur als Nonenakkord erkennen können will und nicht als "etwas Dominantisches", das jemand aus Gründen der Aktualisierung um die None gekürzt hat (was keiner macht, auch nicht Hanoncourt)..


    Sprich: Wie genau das Felsengebirge gezeigt wird, ob es grau oder schwarz, groß oder klein, aus Pappmaché oder ein blosser Lichteffekt ist, liegt im Belieben der Regie. Aber sehen möchte ich es in irgendeiner Form, da es von Wagner gefordert wird - und nicht eine Müllhalde oder Marslandschaft.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Sascha,


    Severina (die überhaupt immer sehr differenzierte und lesenswerte Beiträge verfaßt) hat dir zu deinen Überlegungen schon eine meinen Vorstellungen in einigen Punkten sehr nahekommende Antwort geschrieben.


    Ich hätte noch Folgendes zu ergänzen: Neben der (wichtigeren) zeitlosen Komponenten gibt es in Kunstwerken auch immer Elemente, die der Entstehungszeit geschuldet sind. In allen möglichen Formen der Kunst lassen sich diese Elemente überhaupt nicht eliminieren. Bildende Kunst muß man so betrachten, wie sie geschaffen ist (das haben wir ja früher im Thread schon festgestellt), und Literatur wird in aller Regel auch nur zu Parodiezwecken umgeschrieben. Trotzdem haben uns Gemälde aus der Gotik und Romane aus dem 19. Jahrhundert heute immer noch eine Menge zu sagen, sie verfügen oft über enorm viel "zeitlosen" Inhalt - und zusätzlich ist es spannend, das "Zeitgeistige" in ihnen zu betrachten, zu analysieren und in Relation zur Gegenwart zu stellen. Wenn es anders wäre, müßte man sämtliche Literatur der Vergangenheit konsequenterweise umformulieren (meinen Deutschlehrer, der meinte, Stifter könne man heute nicht mehr lesen, habe ich aus gutem Grund nicht ernstgenommen).


    Warum sollte es sich beim Theater anders verhalten als bei allen anderen Kunstformen? Ein Schauspiel oder eine Oper wurden zu einer bestimmten Zeit geschrieben, und ich will neben den zeitlos gültigen - in der Regel überleben nur solche Bühnenwerke, in denen sich genug zeitlos Gültiges findet - Inhalten auch genau das Zeitverhaftete betrachten und reflektireren können. Kurzum, ich glaube, daß man an Kunst - auch an Bühnenkunst - nicht beliebig herummanipulieren darf mit der Begründung, sonst würde sie unserem heutigen Zeitgeist nicht entsprechen.
    Hinzu kommt, daß das Szenische bei der Oper ja nur eine von mehreren Komponenten darstellt. Aber genau diese eine Komponente wird immer wieder massiv entstellt, während man die ebenfalls oft reichlich dem Zeigeist widersprechende Musik und den oft noch unzeitgeistigeren Text bis aufs I-Tüpfelchen unangetastet läßt. Heute kann man weder so komponieren noch so formulieren wie Wagner - also wäre es nach deiner Argumentation nur zu konseqent, auch den Text und die Musik zu modernisieren. Dann wäre auch das oftmals schreiende Mißverhältnis zwischen der szenischen und der sonstigen Gestaltung eines historischen Bühnenwerks beseitigt...


    Zitat

    Mir persönlich ist die Naivität abhanden gekommen, ein Kunstwerk unabhängig von seiner Entstehungszeit und der aktuellen Aufführungszeit zu konsumieren.


    Wi hältst du es denn mit einem Bild von Leonardo oder einem Goethe-Gedicht? Aus beiden sprechen beim ersten Hinschauen zunächst mal stark zeitgebundene Elemente. Kannst du sie trotzdem - auf dich wirken lassen ("Konsumieren" sollte man Kunst eh nicht :D )?


    Ganz davon abgesehen betrachte ich kein Bühnenwerk "unabhängig von seiner Entstehungszeit". Nur findet meine Reflexion in punkto Entstehungszeit im eigenen Kopf statt - ich brauche dazu die notwendigerweise immer einseitigen Holzhammerkommentare des Regietheaters nicht.


    Viele Grüße sendet Bernd, der jetzt erst mal eine sehr zeitverhaftete Telemann-Kantate proben gehen muß

    Edwin, gut, mit Blick auf ausführliche Regieanweisungen mache ich dir (zunächst mal :D ) Zugeständnisse. Ganz so radikal wie Pfitzner muß man es ja vielleicht wirklich nicht sehen.


    Aber wenn in Wagners Walküre am Anfang der 2. Aktes ""Wildes Felsengebirge" steht, ist das ja keine Regieanweisung im engeren Sinne. Es ist eine ganz grobe, der Inszenierung jede Menge Spielraum bietende Beschreibung der Szenerie. Aber eben eine vorhandene und in gewisser Hinsicht auch deutliche Beschreibung. "Wildes Felsengebirge" ist kein Nachtclub, kein Großsstadt-Slum und kein Fußballstadion: Spielraum auf der einen - Grenzen auf der anderen Seite. Und diese Grenzen werden sehr häufig nicht respektiert, während die in der Partitur vorgegeben Grenzen in Bezug auf die Tonhöhe und den Rhythmus als sakrosankt gelten.
    Für mich ist das ein krasser Widerspruch. Auf der einen Ebene des Musikdramas herrscht absolute Verbindlichkeit, auf der anderen, vom Urheber des Stückes ebenfalls deutlich umrissenen Ebene kann jeder Interpret machen, was ihm gerade beliebt. Schizophrener gehts nimmer.


    Viele Grüße


    Bernd.

    Zitat

    J.S. Bachs Cembalokonzerte sind (größtenteils) Bearbeitungen früherer Instrumentalkonzerte


    ...und zum Glück :D stehen BVW 1053 und 1055 durch Rekonstruktionen wieder als Oboenkozerte zur Verfügung! :D :D -


    Mir fällt zum Thema sofort mein Leib-und Magenkomponist ein. Von Pfitzner gibt es sein Op.36 einmal als Streichquartett und einmal als Sinfonie (Op. 36a). Ein großartiges Werk aus dem Grenzbereich der Tonalität, daß den Komponisten von seiner durchaus vorhandenen "progressiven" 8) Seite zeigt. Ein Vergleich der beiden Versionen lohnt sich.


    Beste Grüße


    Bernd

    Hallo Alviano,


    Zitat

    ich nehme mir die Freiheit, mir das dann einfach nicht anzuschauen...


    Eine Freiheit, die du dir leicht nehmen kannst. Ich aber nicht, weil ich dann so gut wie gar nicht mehr in eine Oper zu gehen brauche.


    Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Wenn es in meinem Umkreis (d.h. in den 8-10 Opernhäusern, die für mich ohne zu große zeitliche und finanzielle Verrenkungen erreichbar sind) ein vernünftiges Verhältnis zwischen Regietheater und konservativen Aufführungen (in meinem, nicht in Edwins Sinne :D ) gäbe, würde ich diese ganze Diskussion viel gelassener oder gar nicht mehr führen.
    Ich habe nichts gegen eine bunte Kultur, in der jeder auf seine Kosten kommt. Aber Leute wie Knuspi, Alfred oder ich sind momentan ganz klar diejenigen, die fast immer in die Röhre gucken müssen. Und ich denke, so hat Alfred auch seine Bemerkung mit den "Opfern" gemeint.


    Viele Grüße


    Bernd