Beiträge von Bernd Schulz

    Hallo Klawirr,


    nein, es geht nicht um Völkermord, und vielleicht sollte man wirklich nicht von "Opfern" sprechen.


    Aber Tatsache ist, daß ich kaum noch eine Chance habe, Opern auf der Bühne annähernd so zu erleben, wie ich sie erleben möchte. Von seltenen Ausnahmen abgesehen bleibt mir nur noch die Erinnerung an zurückliegende Erfahrungen von außerordentlicher Eindringlichkeit.


    Und das macht mich manchmal sehr, sehr traurig.


    Viele Grüße


    Bernd

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    Neumann-Spallart im O-Ton: "Lesen Sie um Gottes Willen keine Regieanweisungen. Entwickeln Sie Regie und Bühnenbild aus dem Text. Lassen Sie sich ausschließlich vom Text führen. Regieanweisungen stehen der szenischen Wirkung nur im Weg."


    Edwin, hat Neumann-Spallart denn auch eine Begründung seiner Forderung geliefert? Oder hat er das mal eben aus seiner Erfahrung als alter Bühnenpraktiker gesagt, weils seiner Meinung nach einfach so ist?


    Ein anderer alter Bühnenpraktiker, der nicht nur komponiert und sein eigenes Libretto geschrieben, sondern auch Wagner-Opern inszeniert hat, Hans Pfitzner nämlich, meint dagegen: "Es gibt keine einzige Wagnersche Bildvorschrift, die nicht, getreulich ausgeführt, ein eigenartiges, entzückendes Bühnenbild darstellte, außerdem aber alle Vorgänge, die zur Handlung nötig sind, auf das Natürlichste ermöglichte. Setzt man sich über die kleinste Vorschrift hinweg, mit der überheblichen Begründung, das könne man heute "so" nicht mehr sehen, oder aus irgendwelchen sonstigen Malergründen, so entsteht notwendig sofort zum mindesten Unverständlichkeit des Vorgangs (der immer im Drama die Hauptsache ist), wenn nicht Unsinn und Unfug; in jedem Falle aber das Ausbleiben der gewollten und einizig richtigen Wirkung."


    Und weiter heißt es bei Pfitzner: "Wie in aller Welt kommt eigentlich ein Mensch auf den Gedanken, eine szenische Vorschrift für nichts zu achten, als ob sie nicht zum Werk gehöre?"


    Diese Frage hat mir leider noch niemand - auch du und Herr Neumann Spallart nicht - mit schlüssigen Argumenten beantworten können.


    Und noch weiter heißt es: " Die übel erfundene Ausrede für sinnlose Gewaltsamkeiten an Szenenbildern >das kann man heute nicht mehr "so" sehen< wird gedankenlos und verantwortungslos von allen nachgeplappert, vom Publikum schließlich auch. Ich aber möchte den geistesgesunden Menschen sehen, der nicht mehr auf der Bühne einen Wald sehen kann und stattdessen einen Kubus oder einen Vorhang verlangte."


    So Pfitzner im Jahre 1929. Und auch heute noch habe ich seinen Zeilen eigentlich nichts hinzuzufügen.


    Bestimmt kommen gleich einige und meinen, das sei ja eine absolut steinzeitliche Sichtweise. Jeder denke, was er mag - ich finde Pfitzners Gedanken (leider!) beklemmend aktuell.


    Viele Grüße


    Bernd


    (Faerber muß noch etwas warten)

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    Lesen kann's jeder, der will - aber es ist immer noch Faerbers subjektive Meinung.


    Edwin, für meinen Geschmack :D argumentiert Faerber schon ausgesprochen überzeugend, jedenfalls überzeugender als du. :D :D
    Ich finde es wirklich witzig, mit ansonsten sehr intelligenten Menschen überhaupt darüber diskutieren zu müssen, daß, wenn der AUTOR eines Stückes "Wildes Felsengebirge" vorschreibt, auch wildes Felsengebirge auf die Bühne gehört und nicht das Innere einer Werkzeughalle.


    Zitat

    Meiner Meinung nach war das typisches konservatives Theater.


    ?( ?( ?( Wenn die Guth-Inszenierung typisches konservatives Theater war, dann bin ich der Papst und möchte in Zukunft mit "Heiliger Vater" angesprochen werden!


    Heute abend schreibe ich mal ein paar Zeilen aus Faerbers Büchlein ab. Jetzt muß ich erst mal wieder an meine richtige Arbeit, da hilft alles nichts.


    Beste Grüße


    Bernd

    Hallo Peter,


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    Die großen Regisseure der Vergangenheit haben alle einmal Anstoß erregt, den Fall Chereau, der jetzt ja als Klassiker gehandelt wird, brauche ich da nicht erst zu erwähnen.


    Daß Chereau heute als Klassiker gehandelt wird, ist für mich nur ein Beleg für die erschreckende Abgestumpftheit, zu der die Inszenierungen der "Skandalregiesseure" (im Zusammenhang mit den Nemen Bieito oder Dew stößt man bei google ständig auf diesen Begriff) in der letzten Jahrzehnten geführt haben.


    Gegenüber den unglaublichen Kruditäten, die sich diese Leute leisten, wirken Chereaus Sünden tatsächlich wie Peanuts.


    Aber auch Chereau hat immer wieder deutlich gegen die Musik inszeniert. Der Berliner HdK-Professor Uwe Faerber weist das in seinem Buch über den "Jahrhundertring" ebenso kompetent wie detailliert nach. Bei Bedarf zitiere ich gerne mal ein Beispiel.


    Viele Grüße


    Bernd

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    Und ich finde, dass Inszenierungen primär dazu dienen sollten, das Werk so zu präsentieren, dass ich sagen kann "aha, so hab ich das noch nicht gesehen, das ist durchaus ein Ansatz".


    Nein, ob ich "das so noch nicht" oder schon mal gesehen habe, ist für mich bezüglich der Szene kaum ein Kriterium (ganz unabhängig von der Regietheaterfrage). Mir geht es um eine in sich schlüssige Inszenierung, und die kann ich mir dann notfalls auch zehnmal anschauen. Auf dem Grund eines wirklich aussagekräftigen Bühnenwerks bin ich auch dann immer noch längst nicht angekommen:


    "Die Welt ist tief - und tiefer als der Tag gedacht"....


    Viele Grüße



    Bernd

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    Und das ist ein Grund, daß wir diese Ebene also so stehenlassen statt sie zu interpretieren und daraus Erkenntnisse zu schöpfen


    Was für neue Erkenntnisse willst du denn daraus schöpfen?? Daß Gewalt und Folter böse ist? Sorry, aber das wußte ich auch schon vorher. Banaler gehts ja nun nimmer.


    Wenn das alles ist, was man aus Puccinis Turandot mitnehmen kann, dann Gute Nacht für dieses Stück! Und vermutlich auch Gute Nacht für fast alle anderen Opern.


    Viele Grüße


    Bernd

    Gewalt im Märchen findet auf einer gewissermaßen surrealen Ebene statt (und ist deshalb für Kinder in der Regel auch problemlos zu ertragen - siehe das ach so böse Ende der Hexe in Hänsel und Gretel).


    Und wenn ein Komponist ganz bewußt ein Märchen als Sujet für seine Oper wählt, kann man eigenltich davon ausgehen, daß er das Stück nicht als Realo-Spielfilm mit krudem Gegenwartsbezug verstanden wissen will.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Alviano,


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    Nur mal so ins unreine: an der Turandot würde mich interessieren, was das für eine Frau ist, wie ihr Verhältnis zu Männern ist, zu Gewalt, zu Gewaltphantasien.


    Mich interessiert das alles sehr wenig. Aber dein Interesse sei dir zugestanden. Nur würde ich dich fragen wollen, inwieweit dir Puccinis Musik gerade in diesen dich besonders interessierenden Punkte weiterhilft? Sagt sie dir genauer, wie es um Turandots Verhältnis zu Gewaltphantasien bestellt ist?


    Und darüberhinaus käme mir dann auch gleich noch eine zweite, zugegebenermaßen etwas provokative Frage in den Sinn: Wie wichtig ist dir überhaupt die Musik in der Oper?


    Viele Grüße - und vielen Dank für die mich durchaus im positiven Sinne fordernde Diskussion!


    Bernd

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    die Musik "erzählt" unendlich viel mehr, als ein oberflächliches Kolorit vielleicht glauben macht.


    Ja, das ist jetzt mal ein Argument, über das ich ordentlich nachdenken muß. Es stimmt, gute Opernmusik geht weit über das rein Koloristische hinaus.
    Aber die Farben spielen eben auch eine Rolle, die man nicht einfach vernachlässigen kann. Nicht unbedingt im Hinblick auf Edwins "Denken", aber dafür umso mehr, wenn es um die (mir immer sehr wichtige) emotionale Ebene geht. Eine Oper ist nach meinen Begriffen keine rational zu lösende Gleichung....


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    Daraus gleich zu schliessen, dass jede Inszenierung, die eine Gewichtung jenseits der Oberfläche vornimmt, gegen die Musik sei, ist mir zu undifferenziert.


    Hältst du die Grundstimmung eines Bühnenwerks für etwas, was die "Oberfläche" repräsentiert? Ich nicht - für mich sind einzelne, durch das Regietheater gerne übermäßig aufgebauschte Handlungsdetails wie z.b. die Folterdrohung in der Entführung etwas viel Oberflächlicheres.



    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Sascha,


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    Glaubt wirklich jemand, Goethes "Faust" ist bis heute begehrt wegen der Handlungszeit und den Regieanweisungen ?


    Nein, der Faust ist nicht gerade deswegen "begehrt". Aber die Handlungszeit gehört trotzdem zum Stück, und auch beim Faust sehe ich keinen tieferen Sinn darin, die zeitliche Ebene, auf der die Tragödie spielt, zu manipulieren.


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    Vielmehr ist es doch den Künstlern gelungen, zeitlose, das menschliche Wesen in seinem Kern erfassende Dramen auf die Bühne zu stellen, die für uns noch heute interessant sind.


    Genau meine Argumentation einige Seiten vorher. Wenn es sich um "zeitlose, das menschliche Wesen erfassende Dramen" handelt, braucht man aber keine künstliche Aktualisierung von Einzelaspekten, damit das Stück auch heute noch interessant ist, oder?


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    Das sie dafür eine bestimmtes Umfeld wählten, dass Ihnen oder dem damaligen Publikum besonders nahe stand, ist nur zu verständlich.


    Und warum muß ich dieses nur zu verständliche Umfeld heute mit verkrampfter Gewalt ändern?


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    Das Wesen einer Bühnenhandlung bleibt der Mensch, deshalb steht im Theater auch primär der Schauspieler und sein darstellerisches Vermögen im Vordergrund


    Das hingegen würde ich etwas relativieren wollen. In vielen Opern spielt die Natur schon eine sehr große Rollen. Den Holländer nennst du ja selber, der Freischütz, Rusalka oder Hänsel + Gretel wären weitere Beispiele.
    In anderen musikalischen Bühnenwerken ist die historische Atmosphäre ausgesprochen wichtig. Ich denke da zum Beispiel (Edwin wird jetzt aufjaulen) an den Boris oder an den Palestrina. Wenn man solche Opern aus den Moskau bzw. Italien des 16.Jahrhunderts ins heutige Buenos Aires verlegt, macht die Musik über weite Strecken plötzlich nicht mehr viel Sinn :D. Insofern kann gerade bei einer Oper die zeitliche und räumliche Ungebung ein ausgesprochen springender Punkt sein.

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    Dennoch ist auch die Opernmusik primär eine Musik, die den Menschen schildert, sein Verhalten und sein Empfinden kommentiert - was nur logisch ist, wenn es im Stück zentral um den Menschen geht, und nicht um grüne Wiesen und tobendes Wasser



    Oft geht es aber um Menschen, die in bestimmten historischen und räumlichen Bedingungen stehen. Und der Komponist orientiert sich in der Wahl seiner musikalischen Mittel in aller Regel sehr stark an diesen Bedingungen und nicht nur am "rein Menschlichen". Puccini arbeitet in seiner Turandot oder Butterfly mit deutlich "östlicheren" Farben als in seiner Tosca, und Straussens Tonsprache in der Elektra klingt aus gutem Grund völlig anders als im Rosenkavalier. Daraus folgt, daß eine Inszenierung, die das Stück aus seinem zeitlichen und räumlichen Kontext reißt, immer eine Inszenierung GEGEN die Musik ist.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo,



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    ..sofern man Geld und Zeit hat zum Rumreisen. In meinem Umfeld gibt's kaum noch traditionelle Inszenierungen im Repertoire. Und die Neuinszenierungen? Wie weiter oben, schon mal gesagt: Von 90 waren zwei einigermaßen werktreu.


    Knuspi, genauso verhält es sich. Eine Inszenierung ohne moderne Straßenklamotten oder Nazi-Anspielungen oder Siegmund Freud in personam etc. usf. habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.


    Zitat

    An jene, die da meinen, die Sache sei schon gelaufen, das Rad der Zeit ließe sich nicht mehr zurückdrehen: Dies halte ich für ein Wunschdenken - Persönlich glaube ich, daß vom heutigen Regietheater in ca 25 Jahren allenfalls ein Trümmerhaufen bleiben wird.


    Alfred, ich glaube ja auch, daß man irgendwann über das Regietheater so denken wird, wie wir es heute über die Barockisierung gotischer Kirchen (den alten, unzeitgemäßen, verstaubten Plunder :D wollte man damals auch nicht einfach stehenlassen) tun. Aber ob ich das noch erleben werde? ich denke, du bist da viel zu optimistisch.


    Wie gesagt, mir würde es ja schon reichen, wenn ich ab und an in für mich erreichbarer Entfernung eine der Musik und dem Text verpflichtete Inszenierung erleben könnte. Dann könnten die Herren Konwitschny, Bieito, Dew, Hilsdorf und Co. meinetwegen treiben, was sie wollen.


    Viele Grüße


    Bernd

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    Stimmt, der hat Bilder im Kopf gehabt. Wagner zum Beispiel ein ziemlich romantisches Bild vom Mittelalter, ein Bild zudem, das wenig originell sondern im Deutschland des 19. Jahrhunderts (aus schlechten Gründen übrigens) aktuell und hoch-konventionell war. Dieses Bild kann man doch nicht einfach so reproduzieren und im Ernst meinen, das wäre dann eine werkgetreue Inszenierung von hochpolitischen Stücken wie beispielsweise der Ring-Tetralogie!


    Wenn dir Wagners Mittelalterbild außer "wenig originell" und "hochkonventionell" nichts sagt (mir sagt es mehr), gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder du schaust dir seine Opern nicht an, oder du forderst vom Regisseur eine sofortige Änderung nicht nur der Szene, sondern auch des Textes und der Musik. Alle drei Komponenten hängen nämlich - zum xten Mal sei es gesagt - sehr eng miteinander zusammen und bedingen sich gegenseitig.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo,



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    Wenn im Libretto steht Raum mit drei Türen, hat das schon seinen Sinn und seine Wirkung.


    Joschi, in aller Regel ja! Selbst feine Details haben oft ihren Sinn, und wenn man sich in scheinbar völlig "konservativen" Aufführungen wirklich an sie halten würden, wären diese Aufführungen vermutlich deutlich wirkungsvoller, dramatisch sinnfälliger und damit letztlich weniger "staubig".
    Aber daran wagt unsereiner inzwischen ja schon gar nicht mehr zu denken, geschweige es zu fordern.


    Traurige Grüße


    Bernd

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    Theater gehört für mich zu unserer Gesellschaft dazu, hat die Aufgabe, uns heute etwas mitzuteilen, ein quasi musealer Ansatz ist deshalb für mich völlig verfehlt.


    Alviano, ein musealer Ansatz ist weiß Gott auch nicht mein Ideal. Ebensowenig gehe ich zur bloßen Unterhaltung ins Theater (wobei ich auf niemanden herabschaue, der das tut).
    Ich besuche Opernaufführungen, weil ich weiß, daß sie mich innerlich verändern, indem sie meinen intellektuellen, aber vor allem auch meinen emotionalen Horizont erweitern. Ich will "bewegt" werden (und bin es in meiner Jugend bei diversen Aachener Vorstellungen so sehr, daß das entscheidenden Einfluß auf meinen weiteren Lebensweg genommen hat: Ich hatte den unabänderlichen Wunsch, Instrumentalist zu werden).
    Aber am meisten bewegt mich eine Aufführung, wenn sie in sich stimmig ist, wenn Musik (+ Text) auf der einen Seite und Szene auf der anderen optimal zusammenpassen. Und das ist grundsätzlich nicht der Fall, sobald eine Oper, die eigentlich kurz vor Christi Geburt in Judäa spielt, plötzlich in ein Hamburger Bordell des Jahres 2000ippich verlegt wird. Der Komponist hat doch nicht nur ganz bewußt einen bestimmten Text vertont, sondern während seiner Arbeit auch gewisse Szenen, Landschaften, Städte, Bilder vor Augen gehabt, und das alles hat Einfluß auf den Charakter seiner Musik gehabt - ohne den speziellen lokalen und zeitlichen Rahmen wäre die Komposition grundlegend anders ausgefallen! Wenn ich plötzlich auf der szenischen Seite so tue, als hätte es diese Bilder im Kopf der Urhebers nie gegeben, fällt - zumindestens für mein Empfinden - die Wirkung der Oper als Ganzes völlig auseinander. Und irgendwelche Anspielungen auf die aktuelle gesellschaftliche Alltagsbanalität gleichen dieses Aueinanderbrechen für mich noch nicht einmal ansatzweise aus.


    Der Preis der Unschlüssigkeit, den ich für die freizügige "Modernisierung" der Szene bezahlen muß, ist mir zu hoch. Und das scheint mir der hauptsächliche Unterschied in unseren Ansätzen zu sein. Um "museal" oder nicht geht es da kaum.


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    ...das heisst also, dass Du ein absoluter Gegner von Wieland Wagners "Neubayreuther" Inszenierungs- und Bühnebildpraxis bist?


    Ja, selbstverständlich!


    ....äh, nein, ein relativer Gegner. Im Vergleich zu dem Aberwitz, den man heute meistens serviert bekommt, freut man sich ja schon über jedes kleinere Übel. :D



    Viele Grüße


    Bernd

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    Ja, nur ist der wesentliche Inhalt der Oper, nämliche der menschliche nicht ans mittelalterliche Nürnberg gebunden, ebensowenig ist Tosca eine Städtereise nach Rom, oder Aida eine Nilkreuzfahrt!


    Was in Wagners Opern der wesentliche Inhalt ist und was nicht, wage ich nicht zu entscheiden. Tatsache ist, daß die Musik in den Meistersingern in hohem Maße Stimmungen malt (hör dir doch mal das Vorspiel zum zweiten Akt oder den Fliedermonolog an!), die ganz eng an den vom Komponisten und Textdichter vorgegeben Rahmen des Ortes und der Zeit gebunden sind. Wenn ich diesen Rahmen verlasse, ist jeder atmosphärische Gesamteindruck zum Teufel.


    Mir will nicht in den Kopf, warum jemand die Noten in einer Opernpartitur als absolut verbindlich ansieht, aber die vom Schöpfer des Werks ebenfalls klar vorgebene Zeit und den genauso klar vorgegeben Ort der Handlung als völlig beliebig. -


    Zitat

    Ich will überhaupt im Zusammenhang mit Oper nicht träumen sondern denken


    Ich will, wenn ich in eine Oper gehe, alles mögliche, träumen, emotional mitgereissen werden - und auch denken. Aber ich will nicht hauptsächlich denken. Wenn ich das will, löse ich Sudokus oder Schachaufgaben oder lese Kant.


    Viele Grüße


    Bernd

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    Hallo Bernd,
    Du wirfst leider wieder Kraut und Rüben durcheinander und behauptest, es sei ein Obstsalat.
    Ein g ist ein g. Punktum. (Nein, doch nicht ganz. Das Wiener g ist fast ein gis, denn och brüllt das Publikum beim Einstimmen nicht auf vor Lachen und fordert vehement ein tieferes g.)


    Was Du meinst, ist wie dieses g durch den Interpreten gefärbt wird.
    Genau das macht auch der Regietheaterregisseur: Er färbt das Stück mit seinen Ideen.


    Tut mir leid, Edwin, aber ich fühle mich nicht im Geringsten widerlegt. Ein g ist ein g, punktum, und Nürnberg ist Nürnberg, und das 16. Jahrhundert ist das 16. Jahrhundert, ebenso punktum. Wagners Oper heißt nicht "Die Meistersinger von Chicago" und spielt nicht im Hier und Jetzt. Ein Regisseur, der so tut, als ob das der Fall wäre, färbt das Stück nicht, sondern gibt es falsch wieder, denn er ändert Dinge, die in Wagners Text genauso fest vorgegebenen sind, wie es das g auf den Notenlinien ist.


    Zitat

    kein Mensch würde sich bei Regisseuren aufregen, wenn sie ein Stück mit ihren Ideen "färben". Wir diskutieren hier übers vollständige umpinseln!


    Eben! Wobei der Unterschied zwischen Färben und komplettem Umpinseln für den einen oder anderen partout nicht zu existieren scheint....



    Beste Grüße


    Bernd

    Thomas, wir können uns sicherlich auf so manches einigen..... :yes:


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    Zum Überpinseln: der erhaltene Altar ist ja bereits gewirkte Wirklichkeit. Punkt. Er existiert.


    Ja, aber der seznische Rahmen in Mozarts Entführung existiert auch. Die Handlung spielt mit absoluter Sicherheit nicht in New York und auch nicht in Saigon, und wenn die Regie so tut, als sei das doch der Fall, ist das schlichtweg falsch.


    Das nächste Beispiel ist vielleicht weniger schief als eines aus der bildenden Kunst (alle Vergleiche hinken ja bekanntlich ein wenig.... :D):


    Wenn ich in meiner Stimme irgendeines Mozart-Werkes ein g lese, existiert dieser Ton zunächst auch nicht physisch. Ich muß ihn erst durch eine "interpretatorische" Leistung hörbar machen. Dabei habe ich einen gewissen Spielraum. Wenn ich jedoch ein gis spiele und behaupte, ich würde das g lediglich etwas höher interpretieren, werde ich zu Recht als Künstler nicht ernstgenommen. Von niemandem.
    Ein Regisseur, der Handlungszeit und - ort eindeutig verfälscht, wird hingegen von manchen gefeiert und beklatscht. Warum? Ich finde das offengestanden schizophren.


    Viele Grüße


    Bernd

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    http://Der Isenheimer Altar ist in diesem Zusammenhang natürlich ein extrem gelungenes Beispiel, wo wir uns hier mit Kunstwerken befassen, die auf einer Bühne realisiert werden müssen ,und die nicht schon irgendwo fertig an der Wand hängen. Aber es ist natürlich typisch, dass so argumentiert wird. Denn ein Bild verändert sich nicht, wohl aber seine Rezeption bei den Menschen. Das die Inszenierung als notwendiger Teil des Rezeptionsprozesses gerade deshalb natürlicherweise einer Veränderung unterworfen ist, ist nur logisch. Wenn das denn aber den eigenen ästhetischen Normen widerspricht, muss alles mögliche bis hin zur hohen Moral herhalten, um eine Rechtfertigung dafür zu finden.


    Wieso "hohe Moral"? Und was spricht, wenn man all euren Argumenten folgen will, denn konkret dagegen, den Isenheimer Altar mal ein wenig in eine zeitgemäßere Form zu bringen? Da wir heute in einer völlig anderen Realität leben, können uns Gemälde aus früheren Jahrhunderten nichts Rechtes mehr sagen, oder?


    Komischerweise denkt man bei fast allen Erscheinungsformen der Kunst heute restaurativer dann je. Jedes alte Stück Leinwand wird liebevoll wieder instandgesetzt und kommt in ein Museum, jedes alte Gemäuer stellt man unter Denkmalschutz, und jede Note, die mehr als ein paar Jahrzehnte alt ist, versucht man aus dem Geist der Entstehungszeit heraus zu interpretieren.
    Nur auf der Bühne wird so getan, als ob Ort und Zeit der Handlung, die im Text vorgegeben wird, etwas völlig Beliebiges, dem Gusto des jeweils Regieführenden Anheimgestelltes wären. Tut mir leid, aber für mich sind Zeit und Ort in der Oper und im Schauspiel genauso werkimmanent wie die Farben in einem Gemälde. Wobie es natürlich stimmt, daß das Gemäde schon da ist, während die Szene erst realisiert werden muß. Und es stimmt auch, daß es bei dieser Realisierung einen gewissen Spielraum gibt. Abstraktionen sind jedezeit möglich, man muß die Meistersinger nicht mit Butzenscheiben zeigen. Aber man muß sie so zeigen, daß ich an der Vorstellung der werkimmanenten Zeit und des werkimmanenten Ortes nicht gehindert werde. Und mich hindert es massiv daran, mir das Nürnberg des 16. Jahrhunderts vorzustellen, wenn ein Regisseur lauter smokingbekleidete Leute in einem Hamburger Nightclub auf die Bühne stellt.


    Viele Grüße


    Bernd

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    Richard Wagner lebte bekanntlich 1813-1883. Heute schreiben wir 2007.Glaubst Du tatsächlich daß in diesem Zeitraum der Blick auf germanische Mythen unverändert geblieben ist? Ein Mythos hat es doch an sich, daß er von jeder Generation neu erzählt wird.


    Wenn ich eine Wagner-Oper anschaue, möchte ich aber erst mal Wagners Blick auf den Mythos sehen! Eine Aufführung ist eine Aufführung und keine komplette Neuerzählung (zumal ja inkonsequenterweise immer nur die Szene "neu erzählt" wird, während Musik und Text stehenbleiben, woraus sich - wie schon hundertmal bemerkt - die abstrusesten Widersprüche ergeben).


    Unser Blick auf Christus ist heute auch ein ganz anderer als vor 500 Jahren. Trotzdem malt keiner am Isenheimer Altar herum.


    Viele Grüße


    Bernd

    Draugur, Ulli und Theophilus haben ganz hervorragende Formulierungen gefunden, die mir aus tiefstem Herzen sprechen. Nur "unlogisch" scheint mir im vorletzten Satz von Theophilus ein zu schwacher Ausdruck zu sein: Der Widerspruch zwischen Musik, Text und Bühne ist oft so schreiend grotesk, daß das Stück zur Farce verkommt.


    Mir geht es überhaupt nicht um einen Lohengrin mit Flügelhelm, sondern nur darum, daß Kunstwerke, deren Gesamtaussage mir sehr viel bedeutet, nicht zur Lachnummer degradiert werden. Oder zu Vehikeln für aktuelle Politkommentare. Wenn ich mich mit Tagespolitik beschäftigen will, kaufe ich mir eine Zeitung oder schalte die Glotze ein.


    Viele Grüße


    Bernd

    Uff, da fragst du mich etwas. Das war ein Freund eines Freundes, mit dem ich mich mal vpr zwanzig Jahren über Musik ausgetauscht habe. Ich weiß nur noch, daß er mit Vornamen Engelbert hieß. Aber ich müßte noch Briefe von ihm haben - notfalls kann ich nachgucken.


    Fast hätte ich übrigens dieses Konzert hier vergessen:



    Die Aufnahme mit Harden kann ich empfehlen, die bei JPC erschienene mit Banfield gefällt mir weniger gut.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Michael,



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    Ein trockender Akademiker war er mit Sicherheit nicht, sondern hat durchaus Schumann oder Brahms- Format in einigen Werken erreicht.


    Das sehe ich ganz genauso.


    Der Pianist heißt Jürg Hanselmann und ist selber auch Liechtensteiner. Er hat Rheinbergers gesamtes Klavierwerk (das ich allerdings wie die meisten zum Großteil nicht kenne) auf CD eingespielt. Kein ganz großer Pianist, aber übel kann man seine Leistung beim Op. 94 ganz bestimmt nicht nennen. -


    Daniel, das Konzert von Fuchs interessiert mich übrigens auch sehr (ich kannte mal einen Musikwissenschaftler, der über diesen Komponisten promoviert hat). Das wird vielleicht meine nächste Neuanschaffung...


    Viele Grüße


    Bernd

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    Die Sinfonia, die diese Kantate einleitet, dürfte, wie Alfred Dürr und andere vermuten, ein zu früherer (Köthener?) Zeit komponierter Satz aus einem Instrumentalkonzert sein.


    Von Walter Hindermann gibt es den Versuch einer Rekonstruktion dieses Konzertes (für 2 Oboen, Fagott und Streicher). Der erste Satz basiert auf der Sinfonia, der zweite auf der Alt-Arie. Am 8. Juli bin ich in Thüringen an einer Aufführung dieses zugegebenermaßen etwas willkürlich zusammengebastelten Konstruktes beteiligt. Wenn dann jemand zufällig in der Nähe von Zeulenroda oder Greiz sein und Interesse haben sollte....


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Edwin,


    meiner Meinung nach hat man es nie richtig bequem, wenn man versucht, sich konzentriert auf ein Kunstwerk einzulassen. Das gilt auch für Märchen.


    Und wenn man glaubt, die primäre "Funktion" von Kunstwerken sei die Darstellung oder sogar Lösung von "gesellschaftlichen Problemen", verwechselt man für meine Begriffe etwas.


    Aber eh wir uns jetzt hier auf das weite Feld der ästhetischen Grundsatzdiskussion begeben........ - noch ein kurzer Hinweis auf die "Masse" der Zuschauer: Die läßt sich nach meinen Beobachtungen eigentlich alles servieren, die klamottigsten Plüschinszenierungen ebenso wie die lächerlichsten Regietheatermätzchen. Über den ganzen sinn- und zusammenhangslosen Inszenierungsmist, den ich in den letzten Jahren im Theater gesehen habe, regt sich selbst in meinem Freundeskreis kaum noch jemand auf.


    Viele Grüße


    Bernd

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    Das Problem der »Herrschaft« bzw. des »Herrschers«, wie es in Keisers »Masaniello furioso« (oder auch in Christian Weises »Trauer-Spiel von dem Neapolitanischen Haupt-Rebellen Masaniello«) präsentiert wird, stellt sich doch erheblich anders da, als wir das heute so verstehen würden. Oder ist das für Dich völlig einsichtig, daß man zum Herrscher geboren sein muß und ein Fischer, der zur Herrschaft greift, nicht nur verrückt werden muß, weil er der Sache nicht gewachsen und nicht zum Herrschen geboren ist, sondern sich auch noch in der Herrschaftsornat verheddern muß, weil es ihm zu groß sind (und zwar nicht aufgrund seiner Konfektionsgröße).


    Wenn ich Keisers "Masaniello furioso" kennen würde, könnten wir jetzt darüber diskutieren, ob diese Oper zu Recht oder zu Unrecht vergessen wurde - ich gehe davon aus, daß noch nicht einmal zwei Prozent der Forumsteilnehmer jemals eine Note aus diesem Opus gehört haben....


    Wie man solche vom Plot her skurrilen Randstücke inszeniert, ist mir offengestanden nicht so wichtig. Falls die Musik die Ausgrabung lohnt, kann man sie meinetwegen auch gerne konzertant geben. Wird ein solches Stück von der Dramatik her wirklich genießbarer, wenn man mit aller Macht versucht, in der Szene Gegenwartsbezüge herzustellen?


    Auch Edwin mußte sich vorhin mit seiner Argumentation schon in eigenartige Seitenbezirke begeben. Von Laurentius von Schnifis habe ich ungebildeter Mensch offengestanden noch nie im Leben etwas gehört (und schon gar nicht gelesen). Aber meinen Johann Christian Günther, Andreas Gryphius, E.T.A Hoffmann oder Brentano nehme ich sehr wohl zur Hand - lieber sogar als fast alle Bücher, die in den letzten 30 Jahren geschrieben wurden....


    Beste Grüße


    Bernd

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    Beides eben: dem Werk angemessen und gegenwärtig. Das ist ja grad der Balanceakt, den ein Regisseur zu leisten hat.



    Ich sehe da keinen wirklichen Balanceakt. Die großen Themen, um die es zumindestens in den besten Opern geht, sind, seitdem so etwas wie menschliche Kultur existiert, immer" aktuell" und werden es auch immer bleiben.
    Beim Tristan, beim Boris Godunow oder bei Fidelio brauche ich keinen künstlich aufgestülpten Gegenwartsbezug, um die Kernaussage des Stückes zu verstehen und vor allen Dingen zu fühlen.


    Kunst und Tageschau sind zwei im Grundsatz sehr unterschiedliche Dinge.


    Ansonsten bin ich der Letzte, der "verstaubtes Rumstehtheater" um jeden Preis fordert. Mit einer in sich stimmigen Regietheateraufführung habe ich kein Problem. Aber leider entspricht Marcs Aussage Viel zu oft entdeckt man uninspirierte "Holzhammer"-Inszenierungen, in denen ein aktuelles Bühnenbild, moderne Kostüme etc. das alleinige Allheilmittel zu sein scheinen ganz und gar meinen Beobachtungen.


    Für mich wird Lohengrin nicht verständlicher, wenn Elsa mit Mineralwasser traktiert wird, und Hänsel und Gretel erschließt sich mir nicht besser, wenn das Sandmännchen als Transvestit auf einem Fahrrad daherkommt.


    Das, was ich in den letzten 5 Jahren an Inszenierungen gesehen habe, glänzte zu 90 Prozent durch völlig unpassende, wahllos in den Topf geschmissene Zutaten und vor allem durch völligen Mangel an Fingerspitzengefühl. Seltene Ausnahmen - über den drastisch modernisierten, aber in sich schlüssigen Aachener Sommernachtstraum habe ich hier schon mal kurz geschrieben - bestätigen die Regel.


    Viele Grüße


    Bernd

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    Bei Bieito quält Osmin eine Frau in dieser Szene zu Tode. Das Hinsehen fällt mir sehr schwer. Hier wird Konstanze gezeigt, wie es ihr ergehen könnte: "Martern aller Arten", so konkret, dass das keiner missverstehen kann. Genau genommen eine 1:1 Umsetzung des Librettos...


    Nein, eine im wahrsten Sinne des Wortes brutale Verzerrung des Librettos, in welchem die Martern ja nur in einer völlig unkonkreten Form angedroht, aber nicht vollzogen werden.


    Wenn ich dennoch Händel und Bach und Biber und Telemann und Zelenka und Keiser und (um mal das Metier zu wechseln) Gryphius und Opitz und Lohenstein und Fleming und Hofmannswaldau und Günther und viele andere liebe, dann nicht, weil ich allein humanistisch gebildet bin, sondern weil ich meine, daß sie uns Heute, HEUTE etwas zu sagen haben, wenn wir in der Lage sind und wenn wir bereit sind, ihre Botschaften für die Gegenwart zu ÜBERSETZEN!!!


    Ja, aber den Großteil dieser Übersetzung kann, muß und will ich selber leisten. Dabei stört mich eine plump-drastisch aktualisierende Regie viel mehr, als daß sie mir hilft.
    "Übersetzung" hat zudem für mich immer viel mit Sensibilität und Stilgefühl zu tun. Die meisten Regietheaterinszenierungen wirken auf mich wie der Versuch, mir Biber auf der E-Gitarre mit Verstärker näherzubringen.


    Beste Grüße


    Bernd