Beiträge von Bernd Schulz

    Ulli hat Recht. Für das Cimarosa-Konzert hat ein gewisser Herr Benjamin Klavierstücke von Cimarosa verwurstet. Trotzdem hat sich das reizvolle Stück unter den Oboisten schnell durchgesetzt.


    Joschi, wenn dir der Cimarosa zusagt, könntest du dir mal bei Gelegenheit eine Aufnahme von Wolf-Ferraris "Idillio Concertino" besorgen. Es ist zwar mehr als hundert Jahre später entstanden als Cimarosas Klaviermusik :D, aber in gewisser Weise wird in ihm auf eine sehr subtile Art der Geist der italienischen Klassik beschworen. Eine besonders klangschöne Aufnahme gab es mal mit Lajos Lencses, aber auch Albrecht Mayer interpretiert das Stück ziemlich überzeugend.


    Viele Grüße


    Bernd

    Alviano, wenn du wirklich nach Aachen kommst, kannst dú dich ja mal bei mir melden......wenn ein kurzes Treffen möglich wäre, würde ich mich freuen!


    Wimmus, Irina Popova wirkte auf mich viel zu angestrengt und schepprig, aber bekanntlich kann man so etwas ja sehr unterschiedlich empfinden. Warst du denn auch am letzten Sonntag im Lohengrin?

    Die Akustik des Aachener Theaters halte ich nicht für so problematisch, wie oft behauptet wird (und ich spreche da aus doppelter Erfahrung, weil ich selber schon als Aushilfe im Graben gesessen habe). Kühl klingt es für meine Begriffe überhaupt nicht, und ich mag es, wenn man vom Orchester etwas hört :D.
    Vor etwa 2 Jahren, als der alte Konzertmeister Vincent nach Zürich ging, hat er zum Abschied im Theater ein Matineé-Konzert mit Klavier (Sonaten von Mozart, Brahms und Franck) gespielt, und auch das ging dermaßen gut, daß ich mich gefragt habe, warum man so etwas in diesem Raum nicht öfter macht.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo,


    nachdem ich gestern den Aachener Lohengrin besucht habe, hier der nun im Nachbarthread versprochene Bericht:


    Das Orchester unter der Leitung des Chefs Markus Bosch bot eine weitgehend hervorragende Leistung. Besonders die Bläser konnten mich über weite Strecken begeistern. Man merkt, daß an vielen Positionen inzwischen junge, erstklassig ausgebildete Leute sitzen.


    Ausgezeichnet war Rachael Tovey als Ortrud. Mit dieser stimmlichen und darstellerischen Leistung könnte sie sich sicherlich auch an größeren Häusern mühelos behaupten. Ähnliches gilt für den ebenso kraftvollen wie im Bedarfsfall auch lyrisch weichen Norbert Schmittberg, der mich als Lohengrin besonders positiv überrascht hat. Eine solide und vor allem darstellersich überzeugende Leistung in der Rolle des Telramund bot Johannes von Duisburg.


    Irina Popova hingegen wirkte als Elsa stimmlich überfordert, und eine Fehlbesetzung war für meinen Geschmack auch der rein klanglich recht gute, aber arg asiatisch akzentuierende Baß Woong-jo Cho als König Heinrich.


    Szenisch gestaltete sich der Abend wie erwartet: Lohengrin erschien mit einem ollen Sportkajak sowie einem Plasteschwan nebst einer Kiste, auf der "Live Animals" zu lesen stand, der Chor trat im zweiten Akt komplett in Unterhemden auf (im ersten und dritten Akt gab es aber auch die obligatorischen Naziuniformen), Telramund zischte sich zu Beginn des zweiten Akts ein leckeres Bierchen, um seine Sorgen zu vertreiben, während Elsa als Angeklagte ein Mineralwasser serviert bekam, mittels vom Chor hochgehaltenen Buchstabenschildern ("Zu Gast bei Freunden") wurde endlich einmal der naheliegende Bezug dieser Oper zum Fußball deutlich gemacht....etc. usf....


    Zum Glück gelang es mir gestern, mich über weite Strecken von der Musik, die deutlich faszinierender war, als ich sie von lange zurückliegenden Aufführungen in Erinnerung hatte, mitreißen zu lassen und den Schwachfug auf der Bühne Schwachfug sein zu lassen. Im ersten Rang Seite des Aachener Opernhauses sitzt man sehr nahe am Orchester und an den Sängern, so daß man das Gefühl hat, richtig im Zentrum des Klanges zu stecken. Mir ist wieder einmal klarer geworden, daß mir gerade im Falle der Oper Konserven nur einen Schatten des Live-Erlebnisses bieten können. Und deshalb werde ich wohl auch in Zukunft noch einigen Regie-Kokolores über mich ergehen lassen....


    Viele Grüße


    Bernd

    Die Norma habe ich ebenfalls schon in Düsseldorf gesehen, aber das liegt einige Jährchen zurück. Und ich erinnere mich nur noch daran, daß ich größte Mühe hatte, nicht einzuschlafen.
    Italienische Oper vor Verdi ist nix für mich. Noch öder als Bellini und Donizetti finde ich Rossini, bei dessen Cenerentola ich selber mal mitspielen mußte. Das war eine richtige Strafe....so ein seelenloses Gedudel und Tralala.... :stumm::D


    :untertauch: :untertauch: :untertauch:


    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    Das Duo für Violine, Cello und Orchester habe ich auch, hat allerdings keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.


    Ich muß gestehen, daß mir das in der Grundhaltung sehr lyrische Duo op.43 noch viel besser gefällt als das Violinkonzert. In Otto Schumanns altem Kammermusikführer heißt es zu dem Stück, von dem es ja auch eine vollgültige Fassung mit Klavier statt des kleinen Orchesters gibt: "Hier läßt Pfitzner einmal alles Grübeln beiseite und musiziert, musiziert um der Schönheit willen, lebendig und erfüllt bis in jeden Halbtakt hinein. Die Krone solchen Musizierens trägt das 39taktige Moderato....Dieses kleine Moderato jedenfalls möchte man zehnmal wiederholen und dann die Mitspieler um einer abermaligen Wiederholung willen bittend ansehen."


    Wenn man mit der Romantik an und für sich nicht so zurechtkommt, dürfte man mit dem Duo allerdings mehr Probleme haben als mit dem Violinkonzert.


    Beste Grüße


    Bernd

    Mein Lieblingskomponist (laut Profil :D) hat übrigens auch ein sehr interessantes Violinkonzert geschrieben, in welchem er sich für seine Verhältnisse sehr weit aus dem spätromantischen Fenster lehnt - noch weiter an die Grenzen der Tonalität ist er wohl nur in der faszinierenden cis-moll-Sinfonie und in einigen Liedern gegangen.


    Das leider zu selten aufgeführte Werk gibt es für ziemlich kleines Geld bei jpc:



    Man kann aber eigentlich auch gleich die ganze Box mit den Orchesterwerken (5 CDs zu 29,90) erwerben. Auch wenn ich die Interpretation der Sinfonien unter dem Molto-Schlepptando-Dirigat von W.A. Albert suboptimal finde - zwecks Kennenlernens lohnt es sich allemal.


    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    ...bzgl. Schauspiel sehe ich das eigentlich ähnlich zur Oper. Ich gäbe viel darum noch mal einen Faust zu sehen, wie bei Gründgens oder auch wie einen bei Hraby um 1914 in Köln.


    Das geht mir ganz genauso. Die letzte Schauspielaufführung, die ich vor etwa 2 Jahren besucht habe, war eine Maria Stuart im hiesigen Theater. Maria und Elisabeth wurden von derselben Schauspielerin gegeben, auf der Bühne flimmerten 20 Fernseher beständig vor sich hin, ab und an wurde jemand kopüfüber in einen zu diesem Zweck bereitstehenden Lokus gesteckt, und in fünf- bis zehnminütigen Abständen schallte Rockmusik jenseits der Schmerzgrenze durch den Raum. In der Pause bin ich dann vom Ort des Schwachsinns entflohen.


    Viele Grüße


    Bernd

    ...ich muß gestehenl, daß ich auf den gesamten Don Carlos sehr gut verzichten kann....aber das sei nur am Rande bemerkt. :pfeif:


    Zitat

    Irgendwann aber habe ich es mir übergesehen. Wenn wir uns dann am Anfang in einem Wohnzimmer befinden, und es der Regisseur schafft, mittels geschickter Symbolik die Musik als das Innere der Seele Otellos erscheinen zu lassen, dann finde ich das sogar noch viel aufregender.


    Das Problem der Übersättigung habe icn weniger, aber auch ich benötige keinen bis ins letzte Detail illustrativen Historienpomp, um mit einer Inszenierung glücklich zu werden.
    Wenn ich in den obenstehenden Zeilen die Betonung auf das Wörtchen "geschickt" legen kann (und vielleicht noch "sensibel" hinzufügen darf), sind wir fast einer Meinung.


    Nur ist das, was mir vom gegenwärtigen Regietheater angeboten wird, normalerweise alles andere als geschickt und sensibel. In den meisten Fällen versucht der Regisseur, auch beim dickhäutigsten Zuschauer Aufmerksamkeit zu erregen, und in der Wahl seiner Mittel ist er dabei nicht zimperlich. Das ja oftmals vor allem durch die Musik näher ausgedeutete "Seelendrama" ist dann hinter einem Stapel greller Kruditäten verschwunden; auf den eigentlichen Kern des Stückes kann man sich nicht mehr konzentrieren, weil die drastischen Effekthaschereien auch gegen den eigenen Willen alle Aufmerksamkeit für sich beanspruchen.


    Außerdem gibt es neben dem "seelendramatischen" Aspekt für mich noch eine weitere wichtige Kategorie. Ich nenne sie einfach mal die "atmosphärische" Komponente. Sie spielt bei vielen Opern eine große Rolle, da sie die Musik prägt. Wagner ist dafür ein gutes Beispiel, der "Tristan" hat eine völlig andere, keltische, "grüne" Farbe als der schwarz-goldene Parsifal oder silbrig-blaue Lohengrin. Von einer wirklich schlüssigen Inszenierung erwarte ich, daß diese atmosphärische Poesie (die nicht unbedingt durch einem detailgetreuen Historismus erzielt werden muß) zumindestens andeutungsweise ins Bild gesetzt wird. Angesichts eines Tristans, der als Manager in einem Nachtclub agiert, fällt es mir allerdings sehr schwer, noch irgendetwas spezifisch Atmosphärisches zu (emp)finden....


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Sascha,



    deiner Sichtweise der Oper als "Seelendrama" kann ich mit Blick auf die meisten Werke durchaus zustimmen. Vielleicht liegen unsere Positionen näher beieinander, als es zunächst den Anschein hat.

    Doch morgen dazu mehr, ich muß los zur Probe ("Beliebte Opernchöre" :D :D).


    Viele Grüße


    Bernd

    Wenn man ansonsten den Komponisten "entlarven" darf, warum ist dann gerade die Partitur sakrosankt? Ist diese völlig unabhängig von bestimmten zeitbedingten Konventionen? Doch wohl kaum, oder? Hat der Komponist die Partitur ohne Bezug auf den Text und die Handlung geschrieben? Warum hat er dann überhaupt eine Oper komponiert und keine Sinfonie?


    Zitat

    Man kann alles machen, alles bezweifeln, alles neu interpretieren, ich kann aber nicht aus einem Piano ein Forte zu machen, aus einem Decrescendo ein Crescendo oder in der Instrumentation aus einem Bläserensemble ein Streichquartett machen.


    Ja, warum denn nicht, wenn ich aus einem Schwan ein Schwein und aus einem Hexenhaus ein Bordell machen kann? Was ist so heilig an der Partitur, wenn alle anderen Aspekte des Werkes völlig beliebig sind?


    Regisseure, die meinen, sie müßten Mozart oder Verdi entlarven, entlarven wohl eher sich selber....


    Viele Grüße


    Bernd

    Im Ernst, ich habe wirklich manchmal den Eindruck, dass altgediente Opernfreunde zwar weitgehend nebensächliche Aspekte todernst nehmen (Geflügelte Helme oder Wikingerhelme? Esche, keine Eiche!)


    Ob Esche oder Eiche ist mir herzlich wurscht. Nicht ganz egal hingegen ist es mir, wenn Siegmund sein Schwert aus einer Litfaßsäule zieht. Das Stück geht genau dann kaputt, wenn die Inszenierung den Text und die Musik zur sinnlosen Farce werden läßt.


    Jedes Zuviel stumpft ab, und zumindest mich öden dann irgendwann die Gewaltorgien genauso an wie ein reines Stehtheater in verstaubten Bühnenbildern.


    Genau das ist einer der springenden Punkte. Das, was ich meistens auf der Bühne zu sehen bekomme, ist einfach nur grell, grobklotzig und und geistlos.


    Neulich habe ich hier in Aachen eine der seltenen Ausnahmen erlebt, nämlich einen Sommernachtstraum sehr frei nach Shakespeare und Purcell, der ungemein unterhaltsam und spannend war, obwohl er mit den existierenden Werken der urspünglichen Autoren kaum noch etwas zu tun hatte. Dieser Anspruch wurde aber auch gar nicht erhoben, sondern man hatte eine in sich schlüssige, moderne Komödie der Jetztzeit mit Elementen aus dem Sommernachtstraum und Musik aus der Barockzeit auf die Bühne gebracht.So etwas macht auch mir Spaß, wenn es raffiniert gemacht ist.


    Viele Grüße


    Bernd

    Herbert und Severina, der Text ist egal, den versteht sowieso niemand, und außerdem taugen die Wagner-Libretti bekanntlich eh nx. Das ist Schwulst aus dem 19.Jahrhundert, mit der außer der Wams-und Miederfraktion heute keiner mehr was anfangen kann.


    Hauptsache, der Schwan ist schwul und wird von Lohengrin gründlich genotzüchtigt (natürlich muß letzterer zu diesem Zweck seine SS-Uniform komplett ablegen).


    Übrigens kommt Lohengrin demnächst in Aachen. Ich bin schon gespannt, welche Verhunzung man ihm diesmal angedeihen lassen wird. Bericht folgt, allerdings kann es passieren, daß mir wichtige Vorkommnisse auf der Bühne entgehen werden, da ich - durch Erfahrung gewitzigt - inzwischen immer den Platz nehme, auf dem man am schlechtesten sieht....


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo,


    wir Bläser müssen zum Glück nicht so tief in die Tasche greifen wie die Streicher, wenn wir das Gefühl haben wollen, ein Spitzeninstrument zu spielen. Eine Oboe der Luxusklasse kostet momentan etwa 7000-9000 Euro, und damit ist auch schon das Ende der Fahnenstange erreicht, mehr kann man gar nicht ausgeben.
    Allerdings kommt bei uns hinzu, daß man auf längere Sicht mit dem E-Horn und der d´amore noch zwei Nebeninstrumente benötigt, die genausoviel kosten. Außerdem muß man die Geräte zumindestens alle paar Jahre generalüberholen lassen, was jedesmal mit 700-1000 Euro zu Buche schlägt, von den Kosten für Rohrmaterial gar nicht zu reden....


    Ob Instrumente "getunt" werden? Ja, natürlich! Ich selber spiele auf einer nachträglich veränderten Oboe, die mich vor gut 10 Jahren lediglich 5000 DM gekostet hat, und die so manches ungetunte Neuinstrument blass aussehen läßt. Und gerade lasse ich ein bei Ebay sehr preisgünstig erstandenes Schätzchen von einem genialen Intrumentenbauer umfrickeln. Dabei wird die gesamte Innenbohrung mit Kunstharz neu gestaltet - ich bin schon sehr gespannt, ob dadurch aus dem zuvor nur netten Gerät der große Überflieger wird....


    Lebensdauer: Tja, schwer zu sagen. Ich kenne Oboisten, die behaupten, ein neues Instrument habe nach drei Jahren seinen Charme verloren - und andere, die ihr ganzes Leben lang auf ein und der selben Oboe spielen. Jedenfalls kann man, wenn man sein Instrument immer gut pflegt und warten läßt, einige Jahrzehnte darauf blasen.
    Früher habe ich viel herumprobiert und meine Tröten oft gewechselt, aber wirklich sinnvoll ist das nicht. An die Macken und Vorzüge seines Instruments hat man sich eigentlich erst nach Jahren richtig gewöhnt.


    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    sind nicht hexen (mit den fähigkeiten, die sie in macbeth haben) nicht auch surreal? Die sind real nur für menschen, die an hexen glauben. da wäre also schon im libretto etwas surreales.


    Verstehe! Und da im Ring surreale Drachen, Riesen und Götter vorkommen, kann man Siegmund ebenfalls prima eine Schreibmaschine unter den Arm drücken.


    Aber was mache ich als Regisseur mit veristischen Opern? Wo kann ich da meine Schreibmaschinen unterbringen? Großes Problem! :D


    Viele Grüße


    Bernd

    Oh ja, Nielsen auf jeden Fall! Wobei ich mit der dritten und der vierten Sinfonie beginnen würde - die beiden ersten finde ich nicht ganz so stark, und die beiden letzten sind zunächst einmal etwas unzugänglicher.


    Ein weiterer Tipp von meiner Seite wäre Kurt Atterberg.


    Viele Grüße


    Bernd

    Offtopische Beträge? Hier? Wo denn? :D


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    Im Fernsehen kam mal ein Beitrag, in welchem Schauspieler gegen das Regietheater protestiert hatten, weil sie keine Lust mehr hatten, sich permanent nackt mit Blut und Sch :stumm: :stumm: :stumm: :stumm: beschmieren zu lassen


    Mir völlig unverständlich. Wie können (zugebenermaßen im Vergleich zu den unfehlbar genialen Regisseuren völlig subalterne) Künstler so egoistisch denken, wenn es um das Werk und nichts als das Werk geht? :D :D


    Viele Grüße


    Bernd

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    Aber Oper ist nun mal Musiktheater und kein Kostümschinken mit Sängern.


    Den Kostümschinken mit Sängern wünsche ich mir auch nicht. Es geht nicht um "Wams und Mieder", sondern zum einen um eine gewisse Orientierung an der Musik und an der szenischen Substanz des zugrundeliegenden Stücks - und zum anderen darum, daß etwa 80 Prozent der Inszenierungen, die ich in den letzten 10 Jahren gesehen habe, auf eine meinen Intellekt beleidigende Art und Weise mit dem Holzhammer gestrickt waren.
    Die Nazi-Nackt-Blut-Folter-Sado-Psycho-Masche, die heutzutage die Bühnen beherrscht, ist nicht nur geschmacklos, sie ist auch barbarisch grob. Es ist einfach, dem Zuschauer alle möglichen Kruditäten aufs Auge zu drücken. Schwierig hingegen ist die Kunst der Schattierung und leisen Andeutung, die offensichtlich heutzutage kaum noch ein Regisseur beherrscht.


    Zitat

    Denkt man ja nicht, dass diese Methoden nur die Sänger treffen. Da hat's Intendanten und Regisseure, die setzen Dir die Pistole auffe Brust wenn de nicht einen kleinen Skandal inszenierst.


    Selbstverständlich gibt es genug "legale" Druckmittel, um Schauspieler und Sänger, aber auch andere Theaterleute dazu zu bringen, Dinge zu machen, die sie eigentlich nicht machen wollen. Bei der heutigen beruflichen Situation haben viele gar keine Wahl und müssen das tun, was von ihnen verlangt wird - ob es sich nun um einen Nacktauftritt oder einen fünfminütigen Kopfstand handelt. Die Opernsänger an kleinen und mittleren Bühnen sind in dieser Hinsicht alles andere als zu beneiden. Ich kenne einige, deren Verzweiflung so groß ist, daß sie überlegen, ihren Beruf an den Nagel zu hängen. Auch in dieser Hinsicht kann man sich über die Brutalität vieler zeitgenössischer Inszenierungen nicht genug wundern.
    Die Fans des überspitzten Regietheaters sollten vielleicht auch mal darüber nachdenken, was den Ausführenden da vielfach angetan wird.


    Beste Grüße


    Bernd

    Wagners Texte bewegen sich trotz einiger zeitgebundener Schwächen weitgehend auf einem hohen gedanklichen und sprachlichen Niveau. Die Meistersinger hat man schon erfolgreich als reines Schauspiel ohne Musik aufgeführt.


    Wenn Celibidache für eine Bruckner-Symphonie doppelt so viel Zeit benötigt wie seine Kollegen, ist das eben seine Sicht. Die kann man mögen, die kann man auch ablehnen - nur ein Beinbruch ist der Vorgang doch nicht.


    Der Vergleich paßt leider nicht richtig. Wenn jemand bei Bruckner die Streicher durch E-Gitarren und die Bläser durch Saxophone ersetzen und sämtliche geraden Rhythmen synkopieren würde, wäre das ein ungefähres Äquivalent zu den aberwitzigen, unfreiwillig parodistischen Regieverzerrungen, die man heutzutage für gewöhnlich in der Oper und im Schauspiel geboten bekommt.


    Pikanterweise sind diejenigen, die den alltägliche Inszenierungsirrsinn verteidigen, oft auch die, denen es bei der konzertanten Aufführung von historischer Musik nicht "original" genug zugehen kann. Auf der einen Seite wird im Tristan das E-Horn der Wagnerzeit gefordert, auf der anderen kann König Marke als St.Pauli-Lude im Schweineblut wühlen, ohne daß es gross stört.....




    Viele Grüße



    Bernd

    Tut mir leid, wenn ich mal wieder auf dem Gebiet, auf dem ich mich etwas besser auszukennen glaube, herumreite: Das Holz der deutschen RSOs bleibt für meine Begriffe weltweit fast ohne Konkurrenz (wenn man von wenigen anderen Spitzenorchestern aus Deutschland absieht).


    Besonders erwähnenswert finde ich den satten, dunklen Klang der Holzbläser bei den NDR-Orchestern. Hier kann man sicherlich von einem eigenen, typisch norddeutschen Stil sprechen - dieser Sound ist wunderbar samtig und weltweit einzigartig. Einfach mal darauf achten...


    Viele Grüße


    Bernd

    Damit unter den vielen zu erwartenden Dirigenten, Pianisten, Geigern und Sängern auch ein Bläser zu finden ist. fällt meine Wahl auf Heinz Holliger, den meiner Meinung nach bedeutendsten Oboisten der letzten 50 Jahre.


    Eine typische Aufnahme ist diese hier:




    Die für meine Ohren noch bessere Einspielung des Strauss-Konzerts mit De Waart und dem New Philharmonia Orchestra



    ist leider nur schwer zu bekommen.
    Wenn man dort gehört hat, wie traumhaft entrückt Holliger die Reminiszenz des langsamen Satzes spielt, weiß man, warum dieser Ausnahmekünstler trotz aller tonlichen Schwächen so bekannt geworden ist.


    Die meisten hier werden wissen, daß sich Holliger auch als Komponist einen Namen machen konnte. Mit dem Stil seiner Werke kann ich allerdings wenig bis nichts anfangen.


    Viele Grüße


    Bernd



    016

    Hallo Knusperhexe,


    ich weiß es wirklich nicht mehr genau, aber ich glaube, daß es sich um geschickt gemachte Attrappen gehandelt hat. Eigentlich müßte aber, wenn ich mich richtig erinnere, dazu etwas im Programmheft zu finden sein.
    Vor drei oder vier Jahren wurden die Königskinder auch in Hagen gegeben. Da wollte ich hingefahren sein, aber....


    Wenn dir Humperdincks Meisteroper gefällt, müßtest du eigentlich auch mit Pfitzners "Rose vom Liebesgarten" (leider noch seltener auf der Bühne zu sehen) etwas anfangen können. Von der Musiksprache her sind beide Werke für mich nicht sooo weit voneinander entfernt, obwohl Pfitzner gerne über Humperdinck ("Himbeertunk") gelästert hat.


    Herzliche Grüße


    Bernd

    Hallo Knusperhexe,


    uff, da erwartest du was von mir! Das ist ja leider alles schon über ein Vierteljahrhundert her, und an Details kann ich mich kaum noch erinnern.
    Ich weiß aber, daß schon das Eingangsbühnenbild sehr poetisch und "verwunschen" wirkte, man war sofort drinnen in der Märchenwelt. Der Wald war ein Wald, die alte Stadt war eine alte Stadt, der Winter ein Winter, die Gänsemagd wirkte jugendlich und war sehr hübsch.....eigentlich ist es doch nicht sooo schwer, eine solche Oper so zu inszenieren, wie sie von ihren Urhebern gedacht ist, oder? Es gab auf der Bühne nichts, was die Musik gestört hätte, alles wirkte als Einheit in sich stimmig. Deshalb bin ich auch in 12 oder 13 Vorstellungen hineingegangen.


    Unter dem damaligen Intendanten Maßmann, einem erfahrenen Regisseur alten Schlags, habe ich viele auf diese einfache Art fesselnden Inszenierungen gesehen. Wenn ich dagegen heute in die Oper gehe....aber lassen wir das.....


    Beste Grüße


    Bernd

    Hallo,


    sorry, wenn ich mich wiederhole, aber die Schwächen der alten Böhm-Aufnahme liegen für mich mal wieder ganz klar bei den Wiener Philharmonikern.
    Man höre einmal vergleichsweise direkt den Anfang dieser von mir sehr geliebten Oper in der genannten Einspielung und in der mit dem Bayerischen RSO unter Haitink. Mir rollen sich da bei den Wienern regelrecht die Fußnägel hoch!


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo,


    nachdem ich jetzt selber bei einer Aufführung von BWV 140 beteiligt war (das Duett stellt sich konditionell und atemtechnisch schon als ziemliche Herausforderung dar), scheinen mir Tempo und Gestus des Eingangschors ein wesentlicher Knackpunkt zu sein.
    Bei unserer Probe kam mir die Grundgeschwindigkeit recht sportlich, aber nicht unangenehm vor. Zu Hause habe habe ich dann bei Rilling und Richter mitgespielt. Rilling hat einen Affenzahn drauf, man muß sich wirklich ranhalten, um hinterherzukommen. Schön finde ich diese Hektik nicht (auch das Duett mit der sehr klangschön spielenden Oboe wird leider in Nürburgringmanier heruntergerammelt).
    Bei dem von mir ansonsten sehr geschätzten Richter stößt man erwartungsgemäß auf das genaue Gegenteil, und auch hier bin ich nicht begeistert, da die Musik nie ins Schwingen kommt, sondern einen statischen und letztlich leider leblosen Eindruck macht. Es gibt keinen Puls.
    An besten gefallen hat mir diesmal trotz der aller Leuchtkraft entbehrenden ollen Tröten die Leusink-Aufnahme. Das Tempo ist hier für meinen Geschmack sehr gut getroffen, es kommt zu einem schönen rhythmischen Fluß, ohne daß der Eindruck irgendeiner Hetze entsteht


    Viele Grüße


    Bernd.

    Hallo Glockenton,


    Schaeftlein artikuliert zwar gut, aber er klingt leider - auch für Barockoboenverhältnisse - scheußlich. So wie eine Sopranistin mit einer ausgeleierten Plärrstimme - und das macht für mich leider alles kaputt.


    Bei Manfred Clement, dem Oboisten der Richter-Aufnahme, verhält es sich gerade ungekehrt. Der Klang ist voll, warm und an sich schon von großem Ausdrucksreichtum. Die Artikulation bzw. Phrasierung hingegen wirkt nicht sonderlich differenziert und lebendig. Damit kann ich persönlich aber besser leben als mit der "hässlichen Stimme" Schaeftleins...


    Das nur zur Oboe (die natürlich nicht der einzige Aspekt bei der Beurteilung der jeweiligen Interpretation sein kann).


    In knapp 2 Wochen habe ich übrigens selber das Vergnügen mit BWV 140. Die Freude ist jetzt schon groß, aber auch das Muffensausen!


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Herbert,


    der Dirigent kann natürlich auch noch eine gewisse Rolle spielen, aber die Rimsky-Version ist und bleibt eine die Substanz der Musik deutlich verändernde Bearbeitung.
    Ich erinnere mich noch gut an das alte Aachener Programmheft. Dort hieß es, Rimsky habe Mussorgsky "meyerbeerisiert", und diese Formulierung trifft die vorgenommenen Glättungen und Aufplüschungen für meinen Geschmack sehr gut.


    Ob man Rimskys Fassung aus welchen Gründen auch immer gerne hört, ist eine andere Frage. Ich gestehe, daß ich Goossens Bearbeitung des Händelschen Messias wegen der vielen Instrumentenfarben und Kontraste viel kurzweiliger finde als das in seiner musikalischen Substanz zwar großartige, aber ausgesprochen eintönig orchestrierte Original. Trotzdem würde ich keinem, der den Messias kennenlernen will, Sir Eugenes Variante empfehlen....


    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    Zumal es ja nicht nur um Kürzungen wie bei Donizettis "Lucia" geht, sondern fast Takt für Takt um eine andere Klanglichkeit, um nicht zu sagen: um ein anderes Werk.


    Ich bin alles andere als ein "Original"-Fetischist, aber beim Boris kann ich mich nur meinem Namensvetter anschließen.


    Ich war 16, als ich Mussorgskys geniale Oper zum ersten Mal in Aachen gesehen habe (und zwar - was damals für ein deutsches Opernhaus ziemlich revolutionär war - in der ursprünglichen Instrumentation). Damals war ich gerade zu erschlagen von der ursprünglichen Kraft und teilweise schneidenen Eindringlichkeit dieser Musik.
    Umso größer war die Enttäuschung, als ich kurze Zeit später Rimskys weichgespülter Bearbeitung des Boris im Fernsehen verfolgt habe. Die Musik hatte entscheidende Charakterzüge völlig eingebüßt und war noch nicht einmal halb so aussagekräftig. Nichts gegen Rimsky-Korssakow an sich, aber hier kann man meiner Meinung nach mit Fug und Recht von einer Entstellung reden.


    Wer das Werk als solches kennenlernen will, muß auf jeden Fall zu Mussorgskys eigener Version greifen.


    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Bernd,


    das "Musikantische" ist eine sicherlich sehr wichtige Komponente, die auch ich bei den Rilling-Aufnahmen immer wieder etwas vermisse.


    Aber dafür hat Rilling Holzbläser, die über weite Strecken begisternd klangschön spielen. Und beim Klang handelt es sich ja nun nicht um etwas völlig zu Vernachlässigendes, oder? Wenn ich Günther Passin spielen höre, geht es mir so wie bei einem Sänger, der über eine unglaublich warme und edel timbrierte Stimme verfügt: Ich bin zunächst einmal fasziniert - nur des Klanges halber.


    Viele Grüße


    Bernd